Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche
Über Lüge und Wahrheit im außermoralischen Sinn
1.
In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen
Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls
gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das
Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und
verlogenste Minute der «Weltgeschichte»: aber doch
nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der
Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere
mussten sterben. - So könnte Jemand eine Fabel
erfinden und würde doch nicht genügend illustrirt
haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie
zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt
innerhalb der Natur ausnimmt; es gab Ewigkeiten, in
denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist,
wird sich nichts begeben haben. Denn es giebt für
jenen Intellekt keine weitere Mission, die über das
Menschenleben hinausführte. Sondern menschlich ist
er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so
pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm
drehten. Könnten wir uns aber mit der Mücke
verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch
sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in
sich das fliegende Centrum dieser Welt fühlt. Es ist
nichts so verwerflich und gering in der Natur, was
nicht durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des
Erkennens sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt
würde; und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer
haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der
Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls
teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet
zu sehen.
Es ist merkwürdig, dass dies der Intellekt zu Stande
bringt, er, der doch gerade nur als Hülfsmittel den
unglücklichsten delikatesten vergänglichsten Wesen
beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein
festzuhalten; aus dem sie sonst, ohne jene Beigabe, so
schnell wie Lessings Sohn zu flüchten allen Grund
hätte. Jener mit dem Erkennen und Empfinden
verbundene Hochmuth, verblendende Nebel über die
Augen und Sinne der Menschen legend, täuscht sie
also über den Werth des Daseins, dadurch dass er
über das Erkennen selbst die schmeichelhafteste
Werthschätzung in sich trägt. Seine allgemeinste
Wirkung ist Täuschung - aber auch die einzelsten
Wirkungen tragen etwas von gleichem Charakter an
sich.
Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des
Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der
Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die
schwächeren, weniger robusten Individuen sich
erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz
mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu
führen versagt ist. Im Menschen kommt diese
Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die
Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das
Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das
im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die
verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor
Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende
Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr
die Regel und das Gesetz, daß fast nichts
unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein
ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen
konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und
Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche
der Dinge herum und sieht «Formen», ihre
Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern
begnügt sich Reize zu empfangen und gleichsam ein
tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen.
Dazu lässt sich der Mensch Nachts, ein Leben
hindurch, im Traume belügen, ohne dass sein
moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte:
während es Menschen geben soll, die durch starken
Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiss
der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte
er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in
einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren!
Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste,
selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den
Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der
Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in
ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und
einzuschliessen! Sie warf den Schlüssel weg: und
wehe der verhängnissvollen Neubegier, die durch eine
Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus
und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte,
dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem
Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht,
in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und
gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen
hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser
Constellation der Trieb zur Wahrheit! Soweit das
Individuum sich gegenüber andern Individuen erhalten
will, benutzte es in einem natürlichen Zustande der
Dinge den Intellekt zumeist nur zur Verstellung; weil
aber der Mensch zugleich aus Noth und Langeweile
gesellschaftlich und heerdenweise existiren will,
braucht er einen Friedensschluss und trachtet
darnach, dass wenigstens das allergröbste bellum
omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde.
Dieser Friedensschluss bringt aber etwas mit sich,
was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes
räthselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird
nämlich das fixirt, was von nun an «Wahrheit» sein
soll d. h. es wird eine gleichmässig gültige und
verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden und die
Gesetzgebung der Sprache giebt auch die ersten
Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht hier zum
ersten Male der Contrast von Wahrheit und Lüge: der
Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die
Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu
machen; er sagt z. B. ich bin reich, während für
diesen Zustand gerade «arm» die richtige
Bezeichnung wäre. Er missbraucht die festen
Conventionen durch beliebige Vertauschungen oder
gar Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in
eigennütziger und übrigens Schaden bringender Weise
thut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen
und ihn dadurch von sich ausschliessen. Die
Menschen fliehen dabei das Betrogenwerden nicht so
sehr, als das Beschädigtwerden durch Betrug. Sie
hassen auch auf dieser Stufe im Grunde nicht die
Täuschung sondern die schlimmen, feindseligen
Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In
einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch
auch nur die Wahrheit. Er begehrt die angenehmen,
Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit; gegen die
reine folgenlose Erkenntniss ist er gleichgültig, gegen
die vielleicht schädlichen und zerstörenden
Wahrheiten sogar feindlich, gestimmt. Und überdies:
wie steht es mit jenen Conventionen der Sprache?
Sind sie vielleicht Erzeugnisse der Erkenntniss, des
Wahrheitssinnes: decken sich die Bezeichnungen und
die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck
aller Realitäten! Nur durch Vergesslichkeit kann der
Mensch je dazu kommen zu wähnen: er besitze eine
Wahrheit in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er
sich nicht mit der Wahrheit in der Form der
Tautologie d. h. mit leeren Hülsen begnügen will, so
wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln.
Was ist ein Wort! Die Abbildung eines Nervenreizes
in Lauten. Von dem Nervenreiz aber
weiterzuschliessen auf eine Ursache ausser uns, ist
bereits das Resultat einer falschen und unberechtigten
Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie dürften
wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache,
der Gesichtspunkt der Gewissheit bei den
Bezeichnungen allein entscheidend gewesen wäre,
wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob
uns «hart» noch sonst bekannt wäre und nicht nur als
eine ganz subjektive Reizung! Wir theilen die Dinge
nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den Baum als
männlich, die Pflanze als weiblich: welche
willkürlichen Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen
über den Canon der Gewissheit! Wir reden von einer
Schlange: die Bezeichnung trifft nichts als das
Sichwinden, könnte also auch dem Wurme
zukommen. Welche willkürlichen Abgrenzungen,
welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener
Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen
Sprachen neben einander gestellt zeigen, dass es bei
den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf einen
adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es
nicht so viele Sprachen. Das «Ding an sich» (das
würde eben die reine folgenlose Wahrheit sein) ist
auch dem Sprachbildner ganz unfasslich und ganz und
gar nicht erstrebenswerth. Er bezeichnet nur die
Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu
deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hülfe.
Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein Bild! Erste
Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einen
Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges
Ueberspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz
andere und neue. Man kann sich einen Menschen
denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung
des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa
die Chladnischen Klangfiguren im Sande anstaunt,
ihre Ursachen im Erzittern der Saite findet und nun
darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die
Menschen den Ton nennen, so geht es uns allen mit
der Sprache. Wir glauben etwas von den Dingen
selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen, Farben,
Schnee und Blumen reden und besitzen doch nichts
als Metaphern der Dinge, die der ursprünglichen
Wesenheiten ganz und gar nicht entsprechen. Wie der
Ton als Sandfigur, so nimmt sich das räthselhafte X
des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als
Bild, endlich als Laut aus. Logisch geht es also
jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu,
und das ganze Material worin und womit später der
Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph
arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus
Wolkenkukuksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem
Wesen der Dinge.
Denken wir besonders noch an die Bildung der
Begriffe: jedes Wort wird sofort dadurch Begriff,
dass es eben nicht für das einmalige ganz und gar
individualisirte Urerlebniss, dem es sein Entstehen
verdankt, etwa als Erinnerung dienen soll, sondern
zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, d.
h. streng genommen niemals gleiche, also auf lauter
ungleiche Fälle passen muss. Jeder Begriff entsteht
durch Gleichsetzen des Nicht-Gleichen. So gewiss nie
ein Blatt einem anderen ganz gleich ist, so gewiss ist
der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser
individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen
des Unterscheidenden gebildet und erweckt nun die
Vorstellung, als ob es in der Natur ausser den
Blättern etwas gäbe, das «Blatt» wäre, etwa eine
Urform, nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet,
abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären, aber
von ungeschickten Händen, so dass kein Exemplar
correkt und zuverlässig als treues Abbild der Urform
ausgefallen wäre. Wir nennen einen Menschen
ehrlich; warum hat er heute so ehrlich gehandelt?
fragen wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner
Ehrlichkeit wegen. Die Ehrlichkeit! das heisst wieder:
das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir wissen ja
gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die die
Ehrlichkeit hiesse, wohl aber von zahlreichen
individualisirten, somit ungleichen Handlungen, die wir
durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und
jetzt als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt
formuliren wir aus ihnen eine qualitas occulta mit dem
Namen die Ehrlichkeit. Das Uebersehen des
Individuellen und Wirklichen giebt uns den Begriff,
wie es uns auch die Form giebt, wohingegen die
Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine
Gattungen kennt, sondern nur ein für uns
unzugängliches und undefinirbares X. Denn auch
unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist
anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen
der Dinge wenn wir auch nicht zu sagen wagen, dass
er ihm nicht entspricht das wäre nämlich eine
dogmatische Behauptung und als solche ebenso
unerweislich wie ihr Gegentheil.
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von
Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz
eine Summe von menschlichen Relationen, die,
poetisch und rhetorisch gesteigert übertragen,
geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauch
einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken:
die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man
vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die
abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind,
Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als
Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.
Wir wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur
Wahrheit stammt: denn bis jetzt haben wir nur von
der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um zu
existiren, stellt, wahrhaft zu sein, d. h. die usuellen
Metaphern zu brauchen, also moralisch ausgedrückt:
von der Verpflichtung nach einer festen Convention
zu lügen, schaarenweise in einem für alle verbindlichen
Stile zu lügen. Nun vergisst freilich der Mensch, dass
es so mit ihm steht; er lügt also in der bezeichneten
Weise unbewusst und nach hundertjährigen
Gewöhnungen - und kommt eben durch diese
Unbewusstheit, eben durch dies Vergessen zum
Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu
sein, ein Ding als roth, ein anderes als kalt, ein drittes
als stumm zu bezeichnen, erwacht eine moralische auf
Wahrheit sich beziehende Regung: aus dem
Gegensatz des Lügners, dem Niemand traut, den alle
ausschliessen, demonstrirt sich der Mensch das
Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der Wahrheit.
Er stellt jetzt sein Handeln als vernünftiges Wesen
unter die Herrschaft der Abstractionen; er leidet es
nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die
Anschauungen fortgerissen zu werden, er
verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu
entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das
Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen.
Alles, was den Menschen gegen das Thier abhebt,
hängt von dieser Fähigkeit ab, die anschaulichen
Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein
Bild in einen Begriff aufzulösen; im Bereich jener
Schemata nämlich ist etwas möglich, was niemals
unter den anschaulichen ersten Eindrücken gelingen
möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und
Graden aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen,
Privilegien, Unterordnungen, Gränzbestimmungen zu
schaffen, die nun der anderen anschaulichen Welt der
ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere,
Allgemeinere, Bekanntere, Menschlichere und daher
als das Regulirende und Imperativische. Während
jede Anschauungsmetapher individuell und ohne ihres
Gleichen ist und deshalb allem Rubriciren immer zu
entfliehen weiss, zeugt der grosse Bau der Begriffe
die starre Regelmässigkeit eines römischen
Columbariums und athmet in der Logik jene Strenge
und Kühle aus, die der Mathematik zu eigen ist. Wer
von dieser Kühle angehaucht wird, wird es kaum
glauben, dass auch der Begriff, knöchern und 8eckig
wie ein Würfel und versetzbar wie jener, doch nur als
das Residuum einer Metapher übrig bleibt, und dass
die Illusion der künstlerischen Uebertragung eines
Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter so
doch die Grossmutter eines jeden Begriffs ist.
Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heisst aber
«Wahrheit» - jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er
bezeichnet ist; genau seine Augen zu zählen, richtige
Rubriken zu bilden und nie gegen die Kastenordnung
und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu
verstossen. Wie die Römer und Etrusker sich den
Himmel durch starre mathematische Linien
zerschnitten und in einen solchermaassen
abgegrenzten Raum als in ein templum einen Gott
bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen
mathematisch zertheilten Begriffshimmel und versteht
nun unter der Forderung der Wahrheit, dass jeder
Begriffsgott nur in seiner Sphäre gesucht werde. Man
darf hier den Menschen wohl bewundern als ein
gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen
Fundamenten und gleichsam auf fliessendem Wasser
das Aufthürmen eines unendlich komplicirten
Begriffsdomes gelingt; freilich, um auf solchen F
undamenten Halt zu finden, muss es ein Bau, wie aus
Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle mit
fortgetragen, so fest, um nicht von dem Winde
auseinander geblasen zu werden. Als Baugenie erhebt
sich solcher Maassen der Mensch weit über die
Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur
zusammenholt, er aus dem weit zarteren Stoffe der
Begriffe, die er erst aus sich fabriciren muss. Er ist
hier sehr zu bewundern - aber nur nicht wegen seines
Triebes zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der
Dinge. Wenn jemand ein Ding hinter einem Busche
versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet,
so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu
rühmen: so aber steht es mit dem Suchen und Finden
der «Wahrheit» innerhalb des Vernunft-Bezirkes.
Wenn ich die Definition des Säugethiers mache und
dann erkläre, nach Besichtigung eines Kamels:
«Siehe, ein Säugethier», so wird damit eine Wahrheit
zwar an das Licht gebracht, aber sie ist von
begränztem Werthe, ich meine, sie ist durch und
durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen
Punct, der «wahr an sich», wirklich und
allgemeingültig, abgesehen von dem Menschen, wäre.
Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im
Grunde nur die Metamorphose der Welt in den
Menschen; er ringt nach einem Verstehen der Welt
als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich
besten Falls das Gefühl einer Assimilation. Aehnlich
wie der Astrolog die Sterne im Dienste der Menschen
und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide
betrachtet, so betrachtet ein solcher Forscher die
ganze Welt als geknüpft an den Menschen, als den
unendlich gebrochenen Wiederklang eines Urklanges,
des Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen
Urbildes, des Menschen. Sein Verfahren ist: den
Menschen als Maass an alle Dinge zu halten, wobei
er aber von dem Irrthume ausgeht, zu glauben, er
habe diese Dinge unmittelbar als reine Objekte vor
sich. Er vergisst also die originalen
Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie
als die Dinge selbst.
Nur durch das Vergessen jener primitiven
Metapherwelt, nur durch das Hart- und
Starr-Werden einer ursprünglich in hitziger Flüssigkeit
aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie
hervorströmenden Bildermasse, nur durch den
unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, diese Fenster,
dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur
dadurch, dass der Mensch sich als Subjekt und zwar
als künstlerisch schaffendes Subjekt vergisst, lebt er
mit einiger Ruhe, Sicherheit und Consequenz; wenn er
einen Augenblick nur aus den Gefängnisswänden
dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit
seinem «Selbstbewusstsein» vorbei. Schon dies
kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt
oder der Vogel eine ganz andere Welt percipiren als
der Mensch, und dass die Frage, welche von beiden
Weltperceptionen richtiger ist, eine ganz si nnlose ist,
da hierzu bereits mit dem Massstabe der richtigen
Perception d. h. mit einem nicht vorhandenen
Maassstabe gemessen werden müsste. Überhaupt
aber scheint mir die richtige Perception - das würde
heissen der adäquate Ausdruck eines Objekts im
Subjekt - ein widerspruchsvolles Unding: denn
zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären wie
zwischen Subjekt und Objekt giebt es keine
Causalität, keine Richtigkeit, keinen Ausdruck,
sondern höchstens ein ästhetisches Verhalten, ich
meine eine andeutende Uebertragung, eine
nachstammelnde Uebersetzung in eine ganz fremde
Sprache. Wozu es aber jedenfalls einer frei
dichtenden und frei erfindenden Mittel-Sphäre und
Mittelkraft bedarf. Das Wort Erscheinung enthält
viele Verführungen, weshalb ich es möglichst
vermeide; denn es ist nicht wahr, dass das Wesen der
Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler,
dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm
vorschwebende Bild ausdrücken wollte wird immer
noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären
verrathen, als die empirische Welt vom Wesen der
Dinge verräth. Selbst das Verhältniss eines
Nervenreizes zu dem hervorgebrachten Bilde ist an
sich kein nothwendiges; wenn aber eben dasselbe
Bild Millionen Mal hervorgebracht und durch viele
Menschengeschlechter hindurch vererbt ist, ja zuletzt
bei der gesammten Menschheit jedesmal in Folge
desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich
für den Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das
einzig nothwendige Bild sei und als ob jenes
Verhältniss des ursprünglichen Nervenreizes zu dem
hergebrachten Bilde ein strenges
Causalitätsverhältniss sei; wie ein Traum, ewig
wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und
beurtheilt werden würde. Aber das Hart- und
Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus
nichts für die Nothwendigkeit und ausschliessliche
Berechtigung dieser Metapher.
Es hat gewiss jeder Mensch, der in solchen
Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden derartigen
Idealismus ein tiefes Misstrauen empfunden, so oft er
sich einmal recht deutlich von der ewigen
Consequenz, Allgegenwärtigkeit und Unfehlbarkeit
der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluss
gemacht: hier ist alles, soweit wir dringen, nach der
Höhe der teleskopischen und nach der Tiefe der
mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos,
gesetzmässig und ohne Lücken; die Wissenschaft
wird ewig in diesen Schachten mit Erfolg zu graben
haben und alles Gefundene wird zusammenstimmen
und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies
einem Phantasieerzeugniss: denn wenn es dies wäre,
müsste es doch irgendwo den Schein und die
Unrealität errathen lassen. Dagegen ist einmal zu
sagen: hätten wir noch, jeder für sich eine
verschiedenartige Sinnesempfindung, könnten wir
selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als
Pflanze percipiren, oder sähe der eine von uns
denselben Reiz als roth, der andere als blau, hörte ein
Dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer
solchen Gesetzmässigkeit der Natur reden, sondern
sie nur als ein höchst subjectives Gebilde begreifen.
Sodann: was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz; es
ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen
Wirkungen d. h. in seinen Relationen zu anderen
Naturgesetzen, die uns wieder nur als Relationen
bekannt sind. Also verweisen alle diese Relationen
immer nur wieder auf einander und sind uns ihrem
Wesen nach unverständlich durch und durch ; nur
das, was wir hinzubringen, die Zeit, der Raum, also
Successionsverhältnisse und Zahlen sind uns wirklich
daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir
gerade an den Naturgesetzen anstaunen, das unsere
Erklärung fordert und uns zum Misstrauen gegen den
Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz
allein nur in der mathematischen Strenge und
Unverbrüchlichkeit der Zeit- und
Raum-Vorstellungen. Diese aber produciren wir in
uns und aus uns mit jener Nothwendigkeit, mit der die
Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind, alle Dinge
nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann
nicht mehr wunderbar, dass wir an allen Dingen
eigentlich nur eben diese Formen begreifen: denn sie
alle müssen die Gesetze der Zahl in sich tragen, und
die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen.
Alle Gesetzmässigkeit, die uns im Sternenlauf und im
chemischen Process so imponirt, fällt im Grund mit
jenen Eigenschaften zusammen, die wir selbst an die
Dinge heranbringen, so dass wir damit uns selber
imponiren. Dabei ergiebt sich allerdings, dass jene
künstlerische Metapherbildung, mit der in uns jede
Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt,
also in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen
Verharren dieser Urformen erklärt sich die
Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern
selbst ein Bau der Begriffe constituirt werden sollte.
Dieser ist nämlich eine Nachahmung der Zeit- Raumund
Zahlenverhältnisse auf dem Boden der
Metaphern.
2.
An dem Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie
wir sehen, die Sprache, in späteren Zeiten die
Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an den Zellen
baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die
Wissenschaft unaufhaltsam an jenem grossen
Columbarium der Begriffe, der Begräbnissstätte der
Anschauung. baut immer neue und höhere
Stockwerke, stützt, reinigt, erneut die alten Zellen,
und ist vor allem bemüht, jenes in's Ungeheure
aufgethürmte Fachwerk zu füllen und die ganze
empirische Welt d. h. die anthropomorphische Welt
hineinzuordnen. Wenn schon der handelnde Mensch
sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet,
um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht
selbst zu verlieren, so baut der Forscher seine Hütte
dicht an den Thurmbau der Wissenschaft, um an ihm
mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem
vorhandenen Bollwerk zu finden. Und Schutz braucht
er: denn es giebt furchtbare Mächte, die fortwährend
auf ihn eindringen, und die der wissenschaftlichen
Wahrheit ganz anders geartete «Wahrheiten» mit den
verschiedenartigsten Schildzeichen entgegenhalten.
Jener Trieb zur Metapherbildung, jener
Fundamentaltrieb des Menschen, den man keinen
Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den
Menschen selbst wegrechnen würde, ist dadurch,
dass aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen, den
Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine
Zwingburg für ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht
bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht sich ein
neues Bereich seines Wirkens und ein anderes
Flussbette und findet es im Mythus und überhaupt in
der Kunst. Fortwährend verwirrt er die Rubriken und
Zellen der Begriffe dadurch dass er neue
Uebertragungen, Metaphern, Metonymien hinstellt,
fortwährend zeigt er die Begierde, die vorhandene
Welt des wachen Menschen so bunt unregelmässig
folgenlos unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu
zu gestalten, wie es die Welt des Traumes ist. An sich
ist ja der wache Mensch nur durch das starre und
regelmässige Begriffsgespinnst darüber im Klaren,
dass er wache, und kommt eben deshalb mitunter in
den Glauben, er träume, wenn jenes Begriffsgespinnst
einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat
Recht, wenn er behauptet, dass wir, wenn uns jede
Nacht derselbe Traum käme, davon eben so
beschäftigt würden, als von den Dingen, die wir jeden
Tag sehen: «Wenn ein Handwerker gewiss wäre jede
Nacht zu träumen volle zwölf Stunden hindurch, dass
er König sei, so glaube ich, sagt Pascal, dass er eben
so glücklich wäre, als ein König welcher alle Nächte
während zwölf Stunden träumte er sei Handwerker«.
Der wache Tag eines mythisch erregten Volkes, etwa
der älteren Griechen, ist durch das fortwährend
wirkende Wunder, wie es der Mythus annimmt, in
der That dem Traume ähnlicher als dem Tag des
wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder
Baum einmal als Nymphe reden oder unter der Hülle
eines Stieres ein Gott Jungfrauen wegschleppen kann,
wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehen wird,
wie sie mit einem schönen Gespann in der Begleitung
des Pisistratus durch die Märkte Athens fährt - und
das glaubte der ehrliche Athener - so ist in jedem
Augenblicke wie im Traume, alles möglich, und die
ganze Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie
nur die Maskerade der Götter wäre, die sich nur
einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den
Menschen zu täuschen.
Der Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren
Hang, sich täuschen zu lassen und ist wie bezaubert
vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen
wie wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel
den König noch königlicher agirt, als ihn die
Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt, jener Meister der
Verstellung, ist so lange frei, und seinem sonstigen
Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne
zu schaden und feiert dann seine Saturnalien; nie ist er
üppiger, reicher, stolzer, gewandter und verwegener.
Mit schöpferischem Behagen wirft er die Metaphern
durcheinander und verrückt die Gränzsteine der
Abstraktion, so dass er z. B. den Strom als den
beweglichen Weg bezeichnet, der den Menschen
trägt, dorthin, wohin er sonst geht. Jetzt hat er das
Zeichen der Dienstbarkeit von sich geworfen: sonst
mit trübsinniger Geschäftigkeit bemüht, einem armen
Individuum, dem es nach Dasein gelüstet, den Weg
und die Werkzeuge zu zeigen und wie ein Diener für
seinen Herrn auf Raub und Beute ausziehend ist er
jetzt zum Herrn geworden und darf den Ausdruck der
Bedürftigkeit aus seinen Mienen wegwischen. Was er
jetzt: auch thut, Alles trägt im Vergleich mit seinem
früheren Thun die Verstellung, wie das frühere die
Verzerrung an sich. Er copirt das Menschenleben,
nimmt es aber für eine gute Sache und scheint mit ihm
sich recht zufrieden zu geben. Jenes ungeheure
Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich
klammernd der bedürftige Mensch sich durch das
Leben rettet, ist dem freigewordenen Intellekt nur ein
Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten
Kunststücke: und wenn er es zerschlägt,
durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt,
das Fremdeste paarend und das Nächste trennend,
so offenbart er, dass er jene Nothbehelfe der
Bedürftigkeit nicht braucht, und dass er jetzt nicht von
Begriffen sondern von Intuitionen geleitet wird. Von
diesen Intuitionen aus führt kein regelmässiger Weg in
das Land der gespenstischen Schemata, der
Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der
Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in
lauter verbotenen Metaphern und unerhörten
Begriffsfügungen, um wenigstens durch das
Zertrümmern und Verhöhnen der alten
Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen
gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen.
Es giebt Zeitalter, in denen der vernünftige Mensch
und der intuitive Mensch neben einander stehen, der
eine in Angst vor der Intuition, der andere mit Hohn
über die Abstraction; der letztere eben so
unvernünftig, als der erstere unkünstlerisch ist. Beide
begehren über das Leben zu herrschen: dieser, indem
er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmässigkeit den
hauptsächlichsten Nöten zu begegnen weiss, jener
indem er als ein «überfroher Held» jene Nöthe nicht
sieht und nur das zum Schein und zur Schönheit
verstellte Leben als real nimmt. Wo einmal der
intuitive Mensch, etwa wie im älteren Griechenland
seine Waffen gewaltiger und siegreicher führt, als sein
Widerspiel, kann sich günstigen Falls eine Kultur
gestalten, und die Herrschaft der Kunst über das
Leben sich gründen; jene Verstellung, jenes
Verläugnen der Bedürftigkeit, jener Glanz der
metaphorischen Anschauungen und überhaupt jene
Unmittelbarkeit der Täuschung begleitet alle
Aeusserungen eines solchen Lebens. Weder das
Haus, noch der Schritt, noch die Kleidung, noch der
thönerne Krug verrathen dass die Nothdurft sie
erfand; es scheint so als ob in ihnen allen ein
erhabenes Glück und eine olympische
Wolkenlosigkeit und gleichsam ein Spielen mit dem
Ernste ausgesprochen werden sollte. Während der
von Begriffen und Abstractionen geleitete Mensch
durch diese das Unglück nur abwehrt, ohne selbst aus
den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen, während
er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet,
erntet der intuitive Mensch, inmitten einer Kultur
stehend, bereits von seinen Intuitionen, ausser der
Abwehr des Uebels eine fortwährend einströmende
Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er
heftiger, wenn er leidet; ja er leidet auch öfter, weil er
aus der Erfahrung nicht zu lernen versteht und immer
wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal
gefallen. Im Leide ist er dann ebenso unvernünftig wie
im Glück, er schreit laut und hat keinen Trost. Wie
anders steht unter dem gleichen Missgeschick der
stoische, an der Erfahrung belehrte, durch Begriffe
sich beherrschende Mensch da! Er, der sonst nur
Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit von Täuschungen
und Schutz vor berückenden Ueberfällen sucht, legt
jetzt, im Unglück, das Meisterstück der Verstellung
ab, wie jener im Glück; er trägt kein zuckendes und
bewegliches Menschengesicht, sondern gleichsam
eine Maske mit würdigem Gleichmaasse der Züge, er
schreit nicht und verändert nicht einmal seine Stimme.
Wenn eine rechte Wetterwolke sich über ihn
ausgiesst, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht
langsamen Schrittes unter ihr davon.
Labels: außermoralischen, Friedrich Nietzsche - Der Antichrist

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