Franz Kafka Erzählungen & Ansichten 2
Franz Kafka
Geboren 3.7.1883 in Prag, gestorben 3.6.1924 in Kierling
bei Wien. Sohn eines wohlhabenden jüdischen
Kaufmanns. 1901-1906 studierte er Germanistik und
Jura in Prag; 1906 promovierte er zum Dr. jur. Dann
kurze Praktikantenzeit am Landesgericht Prag. 1908-
1917 Angestellter einer Versicherungsgesellschaft,
später einer Arbeiter-Unfall-Versicherung. 1917
erkrankte er an Tbc, was ihn 1922 zur Aufgabe des
Berufes zwang. Kafka fühlte sich als einsamer und unverstandener Einzelgänger,
nur mit Max Brod und Franz Werfel verband ihn Freundschaft; bekannt war
er auch mit Martin Buber und Johannes Urzidil. In den Sommermonaten der
Jahre 1910 bis 1912 führten ihn Reisen und Kuraufenthalte nach Italien, Frankreich,
Deutschland, Ungarn und in die Schweiz. Sein Verhältnis zu Frauen war
schwierig und problematisch: zweimal hat er sich 1914 verlobt und das Verlöbnis
wieder gelöst; 1920-1922 quälte ihn eine unerfüllte Liebe zu Milena
Jesenska, was zahlreiche erhaltene Briefe dokumentieren; seit 1923 lebte er mit
Dora Dymant zusammen als freier Schriftsteller in Berlin und Wien, zuletzt
im Sanatorium Kierlang bei Wien, wo er an Kehlkopftuberkulose starb. Sein
literarischer Nachlass, den er testamentarisch zur Verbrennung bestimmt hatte,
wurde posthum gegen seinen Willen von Max Brod veröffentlicht.
Werke u.a.:
• 1913 Betrachtung
• 1915 Blumfeld, ein älterer
Junggeselle
• 1916 Die Verwandlung
• 1916 Das Urteil
• 1919 In der Strafkolonie
• 1919 Ein Landarzt
• 1919 Brief an den Vater
• 1924 Ein Hungerkünstler
• 1925 Der Prozeß
• 1926 Das Schloß
• 1927 Amerika (Romanfragment)
• 1931 Beim Bau der Chinesischen
Mauer
Der Händler legt die Hand ans Ohr. «Hör ich recht?» fragte er über die Schulter
weg seine Frau, die auf der Ofenbank strickt, «hör ich recht? Eine Kundschaft.
»
«Ich höre gar nichts», sagt die Frau, ruhig aus- und einatmend über den Stricknadeln,
wohlig im Rücken gewärmt.
«O ja», rufe ich, «ich bin es; eine alte Kundschaft; treu ergeben; nur augenblicklich
mittellos.»
«Frau», sagt der Händler, «es ist, es ist jemand; so sehr kann ich mich doch
nicht täuschen; eine alte, eine sehr alte Kundschaft muß es sein, die mir so zum
Herzen zu sprechen weiß.»
«Was hast du, Mann?» sagte die Frau und drückt, einen Augenblick ausruhend,
die Handarbeit an die Brust, «niemand ist es, die Gasse ist leer, alle unsere Kundschaft
ist versorgt; wir können für Tage das Geschäft sperren und ausruhn.»
«Aber ich sitze doch hier auf dem Kübel», rufe ich und gefühllose Tränen der
Kälte verschleiern mir die Augen, «bitte seht doch herauf; Ihr werdet mich gleich
entdecken; um eine Schaufel voll bitte ich; und gebt Ihr zwei, macht Ihr mich
überglücklich. Es ist doch schon alle übrige Kundschaft versorgt. Ach, hörte
ich es doch schon in dem Kübel klappern!»
«Ich komme» sagt der Händler und kurzbeinig will er die Kellertreppe emporsteigen,
aber die Frau ist schon bei ihm, hält ihn beim Arm fest und sagt: «Du
bleibst. Läßt du von deinem Eigensinn nicht ab, so gehe ich hinauf. Erinnere
dich an deinen schweren Husten heute nacht. Aber für ein Geschäft und sei es
auch nur ein eingebildetes, vergißt du Frau und Kind und opferst deine Lungen.
Ich gehe.»
«Dann nenn ihm aber alle Sorten, die wir auf Lager haben; die Preise rufe ich
dir nach.»
«Gut», sagt die Frau und steigt zur Gasse auf. Natürlich sieht sie mich gleich.
«Frau Kohlenhändlerin», rufe ich, «ergebenen Gruß; nur eine Schaufel Kohle;
gleich hier in den Kübel; ich führe sie selbst nach Hause; eine Schaufel von
der schlechtesten. Ich bezahle sie natürlich voll, aber nicht gleich, nicht gleich.»
Was für ein Glockenklang sind die zwei Worte «nicht gleich» und wie sinn-
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Der Kübelreiter
Verbraucht alle Kohle; leer der Kübel; sinnlos die Schaufel; Kälte atmend der
Ofen; das Zimmer vollgeblasen von Frost; vor dem Fenster Bäume starr im
Reif; der Himmel, ein silberner Schild gegen den, der von ihm Hilfe will. Ich
muß Kohle haben; ich darf doch nicht erfrieren; hinter mir der erbarmungslose
Ofen, vor mir der Himmel ebenso, infolgedessen muß ich scharf zwischendurch
reiten und in der Mitte beim Kohlenhändler Hilfe suchen. Gegen
meine gewöhnlichen Bitten aber ist er schon abgestumpft; ich muß ihm ganz
genau nachweisen, daß ich kein einziges Kohlenstäubchen mehr habe und daß
er daher für mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet. Ich muß kommen
wie der Bettler, der röchelnd vor Hunger an der Türschwelle verenden will
und dem deshalb die Herrschaftsköchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen
sich entscheidet; ebenso muß mir der Händler, wütend, aber unter dem
Strahl des Gebotes «Du sollst nicht töten!» eine Schaufel voll in den Kübel
schleudern.
Meine Auffahrt schon muß es entscheiden; ich reite deshalb auf dem Kübel hin.
Als Kübelreiter, die Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe
ich mich beschwerlich die Treppe hinab; unten aber steigt mein Kübel auf,
prächtig, prächtig; Kamele, niedrig am Boden hingelagert, steigen, sich schüttelnd
unter dem Stock des Führers, nicht schöner auf. Durch die festgefrorene
Gasse geht es in ebenmäßigem Trab; oft werde ich bis zur Höhe der ersten Stockwerke
gehoben; niemals sinke ich bis zur Haustüre hinab. Und außergewöhnlich
hoch schwebe ich vor dem Kellergewölbe des Händlers, in dem er tief unten
an seinem Tischchen kauert und schreibt; um die übergroße Hitze abzulassen,
hat er die Tür geöffnet.
«Kohlenhändler!» rufe ich mit vor Kälte hohlgebrannter Stimme, in Rauchwolken
des Atems gehüllt, «bitte, Kohlenhändler, gib mir ein wenig Kohle. Mein
Kübel ist schon so leer, daß ich auf ihm reiten kann. Sei so gut. Sobald ich kann,
bezahle ich's.»
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war sehr ruhig und beruhigte auch meine Schwester. Sie hatte den Schlag wahrscheinlich
gar nicht getan, und hätte sie ihn getan, so wird deswegen nirgends
auf der Welt ein Beweis geführt. Ich suchte das auch den Leuten um uns begreiflich
zu machen, sie hörten mich an, enthielten sich aber eines Urteils. Später
sagten sie, nicht nur meine Schwester, auch ich als Bruder werde angeklagt werden.
Ich nickte lächelnd. Alle blickten wir zum Hofe zurück, wie man eine ferne
Rauchwolke beobachtet und auf die Flamme wartet. Und wirklich, bald sahen
wir Reiter ins weit offene Hoftor einreiten. Staub erhob sich, verhüllte alles,
nur die Spitzen der hohen Lanzen blinkten. Und kaum war die Truppe im Hof
verschwunden, schien sie gleich die Pferde gewendet zu haben und war auf
dem Wege zu uns. Ich drängte meine Schwester fort, ich werde alles allein ins
Reine bringen. Sie weigerte sich, mich allein zu lassen. Ich sagte, sie solle sich
aber wenigstens umkleiden, um in einem besseren Kleid vor die Herren zu treten.
Endlich folgte sie und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Schon
waren die Reiter bei uns, noch von den Pferden herab fragten sie nach meiner
Schwester. Sie ist augenblicklich nicht hier, wurde ängstlich geantwortet, werde
aber später kommen. Die Antwort wurde fast gleichgültig aufgenommen; wichtig
schien vor allem, daß sie mich gefunden hatten. Es waren hauptsächlich zwei
Herren, der Richter, ein junger, lebhafter Mann, und sein stiller Gehilfe, der
Aßmann genannt wurde. Ich wurde aufgefordert in die Bauernstube einzutreten.
Langsam, den Kopf wiegend, an den Hosenträgern rückend, setzte ich mich
unter den scharfen Blicken der Herren in Gang. Noch glaubte ich fast, ein Wort
werde genügen, um mich, den Städter, sogar noch unter Ehren, aus diesem Bauernvolk
zu befreien. Aber als ich die Schwelle der Stube überschritten hatte,
sagte der Richter, der vorgesprungen war und mich schon erwartete: »Dieser
Mann tut mir leid.« Es war aber über allem Zweifel, daß er damit nicht meinen
gegenwärtigen Zustand meinte, sondern das, was mit mir geschehen würde.
Die Stube sah einer Gefängniszelle ähnlicher als einer Bauernstube. Große Steinfliesen,
dunkel, ganz kahle Wand, irgendwo eingemauert ein eiserner Ring, in
der Mitte etwas, das halb Pritsche, halb Operationstisch war.
Könnte ich noch andere Luft schmecken als die des Gefängnisses? Das ist die
große Frage oder vielmehr, sie wäre es, wenn ich noch Aussicht auf Entlassung
hätte.
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verwirrend mischen sie sich mit dem Abendläuten, das eben vom nahen Kirchturm
zu hören ist!
«Was will er also haben?» ruft der Händler. «Nichts», ruft die Frau zurück, «es
ist ja nichts; ich sehe nichts, ich höre nichts; nur sechs Uhr läutet es und wir
schließen. Ungeheuer ist die Kälte; morgen werden wir wahrscheinlich noch
viel Arbeit haben.»
Sie sieht nichts und hört nichts; aber dennoch löst sie das Schürzenband und
versucht mich mit der Schürze fortzuwehen. Leider gelingt es. Alle Vorzüge
eines guten Reittieres hat mein Kübel; Widerstandskraft hat er nicht; zu leicht
ist er; eine Frauenschürze jagt ihm die Beine vom Boden.
«Du Böse», rufe ich noch zurück, während sie, zum Geschäft sich wendend,
halb verächtlich, halb befriedigt mit der Hand in die Luft schlägt, «du Böse!
Um eine Schaufel von der schlechtesten habe ich gebeten und du hast sie mir
nicht gegeben.» Und damit steige ich in die Regionen der Eisgebirge und verliere
mich auf Nimmerwiedersehen.
Der Schlag ans Hoftor
Es war im Sommer, ein heißer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner
Schwester an einem Hoftor vorüber. Ich weiß nicht, schlug sie aus Mutwillen
ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sie nur mit der Faust und schlug
gar nicht. Hundert Schritte weiter an der nach links sich wendenden Landstraße
begann das Dorf. Wir kannten es nicht, aber gleich nach dem ersten Haus kamen
Leute hervor und winkten uns, freundschaftlich oder warnend, selbst
erschrocken, gebückt vor Schrecken. Sie zeigten nach dem Hof, an dem wir
vorübergekommen waren, und erinnerten uns an den Schlag ans Tor. Die Hofbesitzer
werden uns verklagen, gleich werde die Untersuchung beginnen. Ich
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ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn - schon seine Winzigkeit
verführt dazu - wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«,
sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht;
es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es
klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung
meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu
erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.
Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben?
Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und
daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals
etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem
Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar
niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist
mir eine fast schmerzliche.
Ein Bericht für eine Akademie
Hohe Herren von der Akademie!
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über
mein äffisches Vorleben einzureichen.
In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu
fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender
gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe,
streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und
Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um
im Bilde zu bleiben, weit von der Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich
gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen
der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste
Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch.
Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr.
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Die Sorge des Hausvater
Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen
auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen,
es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die
Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß
keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden
kann.
Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht
wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine
flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen;
allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch
ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist
aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines
Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel
noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und
einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze
wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.
Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige
Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht
der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind
Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden;
das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres
läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich
und nicht zu fangen ist.
Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen,
im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl
in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser
Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten
am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an
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ten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der einzige, der getroffen
wurde; ich bekam zwei Schüsse.
Einen in die Wange; der war leicht; hinterließ aber eine große ausrasierte rote
Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, förmlich von
einem Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede
ich mich von dem unlängst krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier
Peter nur durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.
Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es verschuldet,
daß ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem Aufsatz
irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den Zeitungen über
mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz unterdrückt; Beweis dessen
sei, daß ich, wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe,
um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen
seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine
Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen
wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem - wählen wir hier zu einem
bestimmten Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden
wolle - die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen zutage;
nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder Großgesinnte
die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener Schreiber die Hosen ausziehen,
wenn Besuch kommt, so hätte dies allerdings ein anderes Ansehen, und
ich will es als Zeichen der Vernunft gelten lassen, daß er es nicht tut. Aber dann
mag er mir auch mit seinem Zartsinn vom Halse bleiben.
Nach jenen Schüssen erwachte ich - und hier beginnt allmählich meine eigene
Erinnerung - in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers.
Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei Wände an
einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte Wand. Das Ganze war
zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte
deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar, da ich zunächst
wahrscheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkeln sein wollte, zur
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War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, freigestellt
durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet, wurde es gleichzeitig
mit meiner vorwärtsgepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger;
wohler und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm,
der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein
Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er
kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn
überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin zurückzulaufen,
das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen. Offen
gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen gesprochen:
Ihr Affentum, meine Herren, sofern Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann
Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden,
der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles.
In eingeschränktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten
und ich tue es sogar mit großer Freude.
Das erste, was ich lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeigt
Offenheit; mag nun heute, wo ich auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn stehe,
zu jenem ersten Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für
die Akademie nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben,
was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht
sagen kann - immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener
Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat.
Doch dürfte ich selbst das Geringfügige, was folgt, gewiß nicht sagen, wenn
ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine Stellung auf allen großen
Varietébühnen der zivilisierten Welt sich nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt
hätte:
Ich stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin ich
auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck
- mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein
geleert - lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich am Abend inmit-
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Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt
haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.
Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe.
Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage
absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach
allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennengelernt,
die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit
weder damals noch heute. Nebenbei: mit Freiheit betrügt man sich unter
Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt,
so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den
Varietés vor meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an
Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen,
sie schwebten einander in die Arme, einer trug den andern an den Haaren mit
dem Gebiß. ›Auch das ist Menschenfreiheit‹, dachte ich, ›selbstherrliche Bewegung.‹
Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde standhalten vor dem
Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.
Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer;
ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung
sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht größer sein.
Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stillestehn,
angedrückt an eine Kistenwand.
Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen können.
Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der
Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam. Die Ruhe wiederum
aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff.
Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch heute an den
Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf widerhallte.
Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst langsam in Angriff zu nehmen. Wollte
sich einer die Augen reiben, so hob er die Hand wie ein Hängegewicht. Ihre
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Kiste gewendet, während sich mir hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten.
Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft,
und ich kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im
menschlichen Sinn tatsächlich der Fall ist.
Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem Leben
ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir war die
Kiste, Brett fest an Brett gefügt. Zwar war zwischen den Brettern eine durchlaufende
Lücke, die ich, als ich sie zuerst entdeckte, mit dem glückseligen Heulen
des Unverstandes begrüßte, aber diese Lücke reichte bei weitem nicht einmal
zum Durchstecken des Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht
zu verbreitern.
Ich soll, wie man mir später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht haben,
woraus man schloß, daß ich entweder bald eingehen müsse oder daß ich, falls
es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu überleben, sehr dressurfähig sein werde.
Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes Flöhesuchen,
müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der Kistenwand mit dem Schädel,
Zungenblecken, wenn mir jemand nahekam - das waren die ersten Beschäftigungen
in dem neuen Leben. In alledem aber doch nur das eine Gefühl: kein
Ausweg. Ich kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten
nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch
die alte Affenwahrheit nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung
meiner Schilderung liegt sie, daran ist kein Zweifel.
Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war
festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre dadurch nicht
kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch zwischen den Fußzehen
auf, du wirst den Grund nicht finden. Drück dich hinten gegen die Gitterstange,
bis sie dich fast zweiteilt, du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen
Ausweg, mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben.
Immer an dieser Kistenwand - ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen
gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand - nun, so hörte ich auf, Affe zu sein.
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gungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer. Der Mensch oder diese Menschen
gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel dämmerte mir auf. Niemand versprach
mir, daß, wenn ich so wie sie werden würde, das Gitter aufgezogen
werde. Solche Versprechungen für scheinbar unmögliche Erfüllungen werden
nicht gegeben. Löst man aber die Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch
die Versprechungen genau dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat. Nun
war an diesen Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. Wäre ich ein
Anhänger jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiß das Weltmeer dem Ausweg
vorgezogen, der sich mir im trüben Blick dieser Menschen zeigte. Jedenfalls
aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an solche Dinge dachte,
ja die angehäuften Beobachtungen drängten mich erst in die bestimmte Richtung.
Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den
ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied
war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht. Die
Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch noch den Daumen
in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen
der leeren und der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht.
Die meiste Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich;
ich zwang mich mit allen Kräften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich
überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die Leute merkwürdigerweise ernster
als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch in meiner
Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder, allein oder mit
Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten Stunden; stellte sich
mit der Flasche vor mich hin und gab mir Unterricht. Er begriff mich nicht, er
wollte das Rätsel meines Seins lösen. Er entkorkte langsam die Flasche und
blickte mich dann an, um zu prüfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich
sah ihm immer mit wilder, mit überstürzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen
Menschenschüler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund; nachdem
die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen Blicken
ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und setzt die Flasche
an die Lippen; ich, entzückt von allmählicher Erkenntnis, kratze mich quiet-
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Erzählungen & Ansichten 2
Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr Lachen war immer mit einem gefährlich
klingenden aber nichts bedeutenden Husten gemischt. Immer hatten sie
im Mund etwas zum Ausspeien und wohin sie ausspien war ihnen gleichgültig.
Immer klagten sie, daß meine Flöhe auf sie überspringen; aber doch waren
sie mir deshalb niemals ernstlich böse; sie wußten eben, daß in meinem Fell
Flöhe gedeihen und daß Flöhe Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn
sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder;
sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt,
die Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung
machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort,
wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt auf
diesem Schiffe mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen, aber
ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen sind, denen ich dort
im Zwischendeck nachhängen könnte.
Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von
jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, als hätte ich
zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse, wenn ich leben wolle,
daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei. Ich weiß nicht mehr,
ob Flucht möglich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer
möglich sein. Mit meinen heutigen Zähnen muß ich schon beim gewöhnlichen
Nüsseknacken vorsichtig sein, damals aber hätte es mir wohl im Laufe der Zeit
gelingen müssen, das Türschloß durchzubeißen. Ich tat es nicht. Was wäre damit
auch gewonnen gewesen? Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt,
wieder eingefangen und in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt; oder ich
hätte mich unbemerkt zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir
gegenüber flüchten können und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder
es wäre mir gar gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen,
dann hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre ersoffen.
Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem Einfluß
meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet hätte.
Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen
auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewe-
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hen, als Trinker von Fach, mit rund gewälzten Augen, schwappender Kehle,
wirklich und wahrhaftig leer trank; nicht mehr als Verzweifelter, sondern als
Künstler die Flasche hinwarf; zwar vergaß den Bauch zu streichen; dafür aber,
weil ich nicht anders konnte, weil es mich drängte, weil mir die Sinne rauschten,
kurz und gut »Hallo!« ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf
in die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo - »Hört nur, er spricht!« wie
einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte.
Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte
nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch war mit
jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort wieder; stellte sich
erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die Schnapsflasche kam sogar noch
verstärkter. Aber meine Richtung allerdings war mir ein für allemal gegeben.
Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald
die zwei Möglichkeiten, die mir offenstanden: Zoologischer Garten oder Varieté.
Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Varieté zu kommen;
das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterkäfig;
kommst du in ihn, bist du verloren.
Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn
man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst
mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur
raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und weg, so daß mein erster Lehrer
selbst davon fast äffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt
gebracht werden mußte. Glücklicherweise kam er bald wieder hervor.
Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich
meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit meinen
Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer
auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte
bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere
sprang.
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schend der Länge und Breite nach, wo es sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche
an und macht einen Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern,
verunreinige mich in meinem Käfig, was wieder ihm große Genugtuung
macht; und nun weit die Flasche von sich streckend und im Schwung
sie wieder hinaufführend, trinkt er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit
einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzu großem Verlangen, kann nicht mehr
folgen und hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen Unterricht
damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst.
Nun erst beginnt die praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu erschöpft durch
das Theoretische? Wohl, allzu erschöpft. Das gehört zu meinem Schicksal. Trotzdem
greife ich, so gut ich kann, nach der hingereichten Flasche; entkorke sie
zitternd; mit dem Gelingen stellen sich allmählich neue Kräfte ein; ich hebe
die Flasche, vom Original schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und - und
werfe sie mit Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der
Geruch sie füllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers,
zur größeren Trauer meiner selbst; weder ihn noch mich versöhne ich
dadurch, daß ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse, ausgezeichnet
meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.
Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er war
mir nicht böse; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans Fell, bis
es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing, aber dann löschte
er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er war mir nicht böse, er
sah ein, daß wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur kämpften und daß
ich den schwereren Teil hatte.
Was für ein Sieg dann allerdings für ihn wie für mich, als ich eines Abends
vor großem Zuschauerkreis - vielleicht war ein Fest, ein Grammophon spielte,
ein Offizier erging sich zwischen den Leuten - als ich an diesem Abend, gerade
unbeachtet, eine vor meinem Käfig versehentlich stehengelassene Schnapsflasche
ergriff, unter steigender Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht
entkorkte, an den Mund setzte und ohne Zögern, ohne Mundverzie-
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Ein Besuch im Bergwerk
Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein Auftrag
der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die Ingenieure,
um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese Leute sind und
dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei entwickelt, und ungebunden
zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in jungen Jahren.
Einer, schwarzhaarig, lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen.
Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht
umher, vergleicht, notiert.
Ein Dritter, die Hände in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm spannt,
geht aufrecht; wahrt die Würde; nur im fortwährenden Beißen seiner Lippen
zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdrückende Jugend.
Ein Vierter gibt dem Dritten Erklärungen, die dieser nicht verlangt; kleiner als
er, wie ein Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den Zeigefinger immer
in der Luft, eine Litanei über alles, was hier zu sehen ist, ihm vorzutragen.
Ein Fünfter, vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung; ist bald
vorn, bald hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach ihm; er ist bleich
und schwach; die Verantwortung hat seine Augen ausgehöhlt; oft drückt er im
Nachdenken die Hand an die Stirn.
Der Sechste und Siebente gehen ein wenig gebückt, Kopf nah an Kopf, Arm
in Arm, in vertrautem Gespräch; wäre hier nicht offenbar unser Kohlenbergwerk
und unser Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, könnte man glauben, diese knochigen,
bartlosen, knollennasigen Herren seien junge Geistliche. Der eine lacht
meistens mit katzenartigem Schnurren in sich hinein; der andere, gleichfalls
lächelnd, führt das Wort und gibt mit der freien Hand irgendeinen Takt dazu.
Wie sicher müssen diese zwei Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdien-
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins
erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich. Ich gestehe aber auch
ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch
eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich
die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht
gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir
diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine
ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe ich
getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg,
immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war.
Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder,
noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf
dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem
Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario
sitzt im Vorzimmer; läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am
Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde
Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften,
aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine
kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr
wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des
verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es
nicht ertragen.
Im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht,
es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich keines Menschen
Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe
Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
auf oder zu, schüttelt und beklopft, hält ans Ohr und horcht; und legt schließlich,
während der Wagenführer meist stillsteht, das kleine, von der Ferne kaum
sichtbare Ding mit aller Vorsicht wieder in den Wagen. Ein wenig herrschsüchtig
ist dieser Ingenieur, aber doch nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor
dem Wagen sollen wir schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite
weichen, selbst dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist.
Hinter diesen zwei Herren geht der unbeschäftigte Diener. Die Herren haben,
wie es bei ihrem großen Wissen selbstverständlich ist, längst jeden Hochmut
abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich aufgesammelt zu haben. Die
eine Hand im Rücken, mit der anderen vorn über seine vergoldeten Knöpfe oder
das feine Tuch seines Livreerockes streichend, nickt er öfters nach rechts und
links, so als ob wir gegrüßt hätten und er antwortete, oder so, als nehme er an,
daß wir gegrüßt hätten, könne es aber von seiner Höhe aus nicht nachprüfen.
Natürlich grüßen wir ihn nicht, aber doch möchte man bei seinem Anblick fast
glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der Bergdirektion zu sein. Hinter
ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein Donnerschlag ihn nicht veranlassen
könnte, sich umzudrehen, bleibt er doch als etwas Unverständliches in
unserer Achtung.
Heute wird wenig mehr gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig; ein
solcher Besuch nimmt alle Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu verlockend
ist es, den Herren in das Dunkel des Probestollens nachzublicken, in dem sie
alle verschwunden sind. Auch geht unsere Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden
die Rückkehr der Herren nicht mehr mit ansehen.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
ste müssen sie sich trotz ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben,
daß sie hier, bei einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres Chefs,
nur mit eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht mit
der augenblicklichen Aufgabe zusammenhängen, so unbeirrbar sich beschäftigen
dürfen. Oder sollte es möglich sein, daß sie, trotz alles Lachens und aller
Unaufmerksamkeit, das, was nötig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt über
solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben.
Andererseits ist es aber doch wieder zweifellos, daß zum Beispiel der Achte
unvergleichlich mehr als diese, ja mehr als alle anderen Herren bei der Sache
ist. Er muß alles anfassen und mit einem kleinen Hammer, den er immer wieder
aus der Tasche zieht und immer wieder dort verwahrt, beklopfen. Manchmal
kniet er trotz seiner eleganten Kleidung in den Schmutz nieder und beklopft
den Boden, dann wieder nur im Gehen die Wände oder die Decke über seinem
Kopf Einmal hat er sich lang hingelegt und lag dort still; wir dachten schon,
es sei ein Unglück geschehen; aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken
seines schlanken Körpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung
gemacht. Wir glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen,
aber was dieser Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns
unverständlich.
Ein Neunter schiebt vor sich eine Art Kinderwagen, in welchem die Meßapparate
liegen. Äußerst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte eingelegt. Diesen
Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber es wird ihm nicht anvertraut;
ein Ingenieur mußte heran, und er tut es gern, wie man sieht. Er ist wohl
der jüngste, vielleicht versteht er noch gar nicht alle Apparate, aber sein Blick
ruht immerfort auf ihnen, fast kommt er dadurch manchmal in Gefahr, mit dem
Wagen an eine Wand zu stoßen.
Aber da ist ein anderer Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es verhindert.
Dieser versteht offenbar die Apparate von Grund aus und scheint ihr
eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er, ohne den Wagen
anzuhalten, einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt hindurch, schraubt
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese schließt,
beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber kniet nieder; da
er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er nur Gesicht und Hände
gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.
Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, nur mit
dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse.
Eine Laune. Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene.
Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem
gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste
Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz.
An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messer
des Schmar.
»Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das
Messer scharf gesenkt. »Wese! Vergebens wartet Julia! « Und rechts in den Hals
und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten,
aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wie Wese.
»Getan«, sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen Ballast,
gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes! Erleichterung, Beflügelung
durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten, Freund,
Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Straßengrund. Warum bist du nicht
einfach eine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest
ganz und gar. Nicht alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften,
dein schwerer Rest liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll
die stumme Frage, die du damit stellst?«
Pallas, alles Gift durcheinanderwürgend in seinem Leib, steht in seiner zweiflügelig
aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts übersehen.
« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas befriedigt's, Schmar kommt
zu keinem Ende.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Ein Brudermord
Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:
Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren
Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher
sein Büro lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er wohnte.
Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes
blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte
keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb Bajonett,
halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im Griff. Betrachtete
das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf, nicht genug für
Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des Pflasters, daß es Funken gab;
bereute es vielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich er mit ihr violinbogenartig
über seine Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt,
gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig
in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.
Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem Fenster
im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die Menschennatur!
Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib gegürtet,
kopfschüttelnd, blickte er hinab.
Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den Fuchspelz
über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungewöhnlich lange
zögerte.
Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Büro, zu laut für eine Türglocke, über
die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige Nachtarbeiter, tritt dort,
in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angekündigt,
aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster seine ruhigen Schritte.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu
feuchten.
Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,
immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler
zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung
zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur
Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler
während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen, selbst
unter Zwang nicht, auch das geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst
verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten,
absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins
Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine
kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen
geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler quälender
als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern
entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang
während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen,
wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich
dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel
lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben
Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den
elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung
stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt
nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung
und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne
bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen;
er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben
zu erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur, um sie
wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares
im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor Schrecken
ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie stürzt über Wese, der
nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über dem Ehepaar sich wie der
Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der Menge.
Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die Schulter
des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.
Ein Hungerkünstler
In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen.
Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in
eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere
Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von
Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler
zumindest einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten,
welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden
Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen
Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand
haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen,
sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich
nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter
den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder
ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal
um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des
Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
liche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser
Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel
aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage
wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte
Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei
Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen,
durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale verkündet,
und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie
ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein
paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte
Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick wehrte sich
der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine Knochenarme
in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber
aufstehen wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören?
Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt
aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum
wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber
auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit
zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so
sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch
weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war er müde,
saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen
gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren
Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er
blickte empor in die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so
grausamen Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren
Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob
stumm - die Musik machte das Reden unmöglich - die Arme über dem Hungerkünstler,
so, als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh
einmal anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die
dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte,
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam und ihnen auf seine Rechnung
ein überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit
dem Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es
gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung
der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man
sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache
übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben
sie dennoch.
Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu trennenden
Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte
beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand also
konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen, fehlerlos
gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen,
nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte
Zuschauer sein. Er war aber wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt;
vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche
zu ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen
Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit
mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte
das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er
verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigenfalls
für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen Schwindler,
dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand,
und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte
er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich
nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach keiner
Hungerperiode - dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen - hatte er freiwillig
den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario
vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man
erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse einer
Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine wesent-
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Franz Kafka
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Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel,
das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammeltem
Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern hervorgerufene,
für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen
des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang
damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers zu
sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere; lobte das hohe
Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser
Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug
durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen,
denn auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten
Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler
zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung
der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des
Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand,
gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte
er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört,
beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das Gitter jedesmal los, sank
mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen
und ihn besichtigen.
Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten,
wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte
Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere
Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines
Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen,
die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der
Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und
da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen Einverständnis
hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern
ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so kommen
können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer Zeit
im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn -
nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler
mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte
- den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der Hungerkünstler
alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er hingerollt und halte
sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt; die Beine drückten sich im
Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien aneinander, scharrten aber doch den
Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und
die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
hilfesuchend, mit fliegendem Atem - so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht
vorgestellt - zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens das Gesicht vor
der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies
nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern
sich damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel,
vor sich herzutragen, unter dem entzückten Gelächter des Saales
in Weinen ausbrach und von einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden
mußte. Dann kam das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler
während eines ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter
lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht,
welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert
worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen Tusch, man
ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden
zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.
So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem
Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer
noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand. Womit
sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich
einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß
seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders
bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit
einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem
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Erzählungen & Ansichten 2
der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast
unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort
haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem
schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg
zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der Hungerkünstler
vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte,
doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen
kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich heranwälzenden
Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald - auch die hartnäckigste,
fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand - davon überzeugte,
daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter
Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer der
schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort
Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener,
welche - sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere - ihn bequem ansehen
wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener
zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe vorüber,
dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt
war, stehenzubleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten,
fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen.
Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen
Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich
erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und
dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben
her, zwar immer noch verständnislos blieben - was war ihnen Hungern? -, aber
doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden,
gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann
manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht
gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht
gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die
Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es
sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber
für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun?
Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf
kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der
Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch
ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer
Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren;
um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht
an.
Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden
und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann jeden und zu jeder
Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen
Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in diesem besonderen Fall nicht
nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein alter
berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter
nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr
auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten
flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß
er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete
sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach
man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen
setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung,
welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein
Lächeln hervorrief.
Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen
Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit seinem
Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern
draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen
unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig
und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler;
nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß«, sagte
der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers
dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte
ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern
es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil
ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh
mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil
ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit
wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit
nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.
Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich
vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen
gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung,
daß er weiterhungere.
»Nun macht aber Ordnung«, sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler
samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther.
Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange
öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die
Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter;
nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen
bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit
sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude
am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die
Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich,
umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
die Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten.
Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte
er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da
auch ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken
würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran,
daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Wege zu den Ställen war.
Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis. Man
gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit
für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung
war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte,
und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche,
jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann
man es nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig
und unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen;
das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten
Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche,
denn nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie
er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie
er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand, nicht
einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die Leistung schon war, und
sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehenblieb,
sich über die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so
war das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene
Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog,
er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.
Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel
einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen
gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenutzt stehenlasse;
niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler
erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler
darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst
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Erzählungen & Ansichten 2
woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle andern versagen.
Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine Drohung nicht übel, sondern
wendet sich nur einmal, immer mit den Pferden beschäftigt, nach mir um.
»Steigt ein«, sagt er dann, und tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem
Gespann, das merke ich, bin ich noch nie gefahren, und ich steige fröhlich ein.
»Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg«, sage ich. »Gewiß«,
sagt er, »ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein«, schreit Rosa und
läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins Haus;
ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das Schloß einspringen;
ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter
verlöscht, um sich unauffindbar zu machen. »Du fährst mit«, sage ich zu
dem Knecht, »oder ich verzichte auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt
mir nicht ein, dir für die Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!
« sagt er; klatscht in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in
die Strömung; noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm
des Knechts birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu
allen Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen
Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof meines
Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der Schneefall hat
aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken eilen aus dem Haus; seine
Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus dem Wagen; den verwirrten
Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft kaum atembar; der
vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber
will ich den Kranken sehen. Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit
leeren Augen, ohne Hemd hebt sich der junge unter dem Federbett, hängt sich
an meinen Hals, flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben. « Ich sehe mich
um; niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten
mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche gebracht. Ich
öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der Junge tastet immerfort
aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte zu erinnern; ich fasse
eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege sie wieder hin. »Ja«, denke
ich lästernd, »in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende Pferd,
fügen der Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Ein Landarzt
Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein
Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe; starkes
Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm; einen Wagen
hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere Landstraßen taugt; in den
Pelz gepackt, die Instrumententasche in der Hand, stand ich reisefertig schon
auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der
letzten Nacht, infolge der Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet;
mein Dienstmädchen lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu
bekommen; aber es war aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee
überhäuft, immer unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor
erschien das Mädchen, allein, schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt
sein Pferd her zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand
keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die brüchige Tür
des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie öffnete sich und klappte
in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch wie von Pferden kam hervor.
Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem Seil. Ein Mann, zusammengekauert
in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein offenes blauäugiges Gesicht.
» Soll ich anspannen?« fragte er, auf allen vieren hervorkriechend. Ich wußte
nichts zu sagen und beugte mich nur, um zu sehen, was es noch in dem Stalle
gab. Das Dienstmädchen stand neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man
im eigenen Hause vorrätig hat«, sagte es, und wir beide lachten. »Holla, Bruder,
holla, Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige flankenstarke
Tiere, schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib, die wohlgeformten
Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der Wendungen ihres
Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten. Aber gleich standen sie
aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem Körper. »Hilf ihm«, sagte ich,
und das willige Mädchen eilte, dem Knecht das Geschirr des Wagens zu reichen.
Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es der Knecht und schlägt sein Gesicht
an ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen
in des Mädchens Wange. »Du Vieh«, schreie ich wütend, »willst du die
Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist, daß ich nicht weiß,
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Erzählungen & Ansichten 2
besten Willen Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche
schließe und nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater
schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir wahrscheinlich
enttäuscht ja, was erwartet denn das Volk? - tränenvoll in die Lippen
beißend und die Schwester ein schwer blutiges Handtuch schwenkend, bin
ich irgendwie bereit, unter Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht
krank ist. Ich gehe zu ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm
etwa die allerstärkste Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll
wohl, höhern Orts angeordnet, die Untersuchung erleichtern - und nun finde
ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat
sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel
in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig
sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung.
In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen
ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger
gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern
der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht.
Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden;
an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist glücklich,
sie sieht mich in Tätigkeit; die Schwester sagt's der Mutter, die Mutter dem
Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten
Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür hereinkommen.
»Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch
das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend. Immer das
Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der
Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines nach dem andern;
aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie
es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen
Zwecken, lasse ich auch das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter
Landarzt, meines Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und
die Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der
Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text:
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Erzählungen & Ansichten 2
Pferdeknecht-.« Jetzt erst fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich
sie, wie ziehe ich sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr
entfernt, unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt
die Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von
außen aufstoßen? jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt durch
den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre gleich wieder
zurück«, denke ich, als forderten mich die Pferde zur Reise auf, aber ich dulde
es, daß die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir
abnimmt. Ein Glas Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die
Schulter, die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich
schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus
diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt
mich hin; ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert,
den Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert.
Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig schlecht
durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und
am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich bin kein Weltverbesserer
und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk angestellt und tue meine Pflicht
bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich
doch freigebig und hilfsbereit gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich
sorgen, dann mag der Junge recht haben und auch ich will sterben. Was tue
ich hier in diesem endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand
im Dorf, der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein
Gespann ziehen; wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren.
So ist es. Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie
es wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im
übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre also mein
Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, daran bin ich
gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk, aber
daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses schöne Mädchen, das
jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte - dieses Opfer ist
zu groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf
irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim
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Erzählungen & Ansichten 2
ter im Schnee. »Munter!« sagte ich, aber munter ging's nicht; langsam wie alte
Männer zogen wir durch die Schneewüste; lange klang hinter uns der neue, aber
irrtümliche Gesang der Kinder:
Freuet euch, ihr Patienten,
Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!
Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein
Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht ersetzen;
in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer; ich
will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters
ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich alter Mann
mich umher. Mein Pelz hängt hinten am Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen,
und keiner aus dem beweglichen Gesindel der Patienten rührt den Finger.
Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es
ist niemals gutzumachen.
Ein Traum
Josef K. träumte: Es war ein schöner Tag und K. wollte spazierengehen. Kaum
aber hatte er zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. Es waren
dort sehr künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen solchen
Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich schwebender
Haltung. Schon von der Ferne faßte er einen frisch aufgeworfenen Grabhügel
ins Auge, bei dem er haltmachen wollte. Dieser Grabhügel übte fast eine
Verlockung auf ihn aus und er glaubte, gar nicht eilig genug hinkommen zu
können. Manchmal aber sah er den Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt
durch Fahnen, deren Tücher sich wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen;
man sah die Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel
Jubel.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Entkleidet ihn, dann wird er heilen,
Und heilt er nicht, so tötet ihn!
's ist nur ein Arzt, 's ist nur ein Arzt.
Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem Kopf die
Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und bleibe es auch,
trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich beim Kopf und bei
den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der Wunde legen
sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird zugemacht; der Gesang
verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm liegt das Bettzeug um mich,
schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den Fensterlöchern. »Weißt du«,
höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja
auch nur irgendwo abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen,
engst du mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen
aus.« »Richtig«, sage ich, »es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was
soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.« »Mit dieser Entschuldigung
soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer muß ich mich
begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze
Ausstattung.« »Junger Freund«, sage ich, »dein Fehler ist: du hast keinen
Überblick. Ich, der ich schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen
bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben
der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke
im Forst, geschweige denn, daß sie ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so
oder täuschest du mich im Fieber? « »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort
eines Amtsarztes mit hinüber.« Und er nahm's und wurde still. Aber jetzt war
es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren
Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem
Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie auf der
Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines. Gehorsam
zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den Ballen in den Wagen; der
Pelz flog zu weit, nur mit einem.Ärmel hielt er sich an einem Haken fest. Gut
genug. Ich schwang mich aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd
kaum mit dem andern verbunden, der Wagen irrend hinterher, den Pelz als letz-
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Der Künstler wartete, bis K. sich
beruhigt hatte, und entschloß sich dann, da er keinen andern Ausweg fand, dennoch
zum Weiterschreibcn. Der erste kleine Strich, den er machte, war für K.
eine Erlösung, der Künstler brachte ihn aber offenbar nur mit dem äußersten
Widerstreben zustande; die Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem
schien es an Gold zu fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin, nur sehr
groß wurde der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon beendet, da stampfte
der Künstler wütend mit einem Fuß in den Grabhügel hinein, daß die Erde
ringsum in die Höhe flog. Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war keine
Zeit mehr; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen Widerstand
leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine dünne Erdkruste aufgerichtet;
gleich hinter ihr öffnete sich mit abschüssigen Wänden ein großes
Loch, in das K., von einer sanften Strömung auf den Rücken gedreht, versank.
Während er aber unten, den Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der
undurchdringlichen Tiefe aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen
Zieraten über den Stein. Entzückt von diesem Anblick erwachte er.
Ein altes Blatt
Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes.
Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit
nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.
Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast.
Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich schon die
Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten besetzt. Es sind aber
nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden aus dem Norden. Auf eine
mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die Hauptstadt gedrungen, die doch
sehr weit von der Grenze entfernt ist. jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß
es jeden Morgen mehr werden.
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Während er den Blick noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich den
gleichen Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Er sprang
eilig ins Gras. Da der Weg unter seinem abspringenden Fuß weiter raste,
schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Zwei Männer standen
hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen Grabstein in der Luft;
kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in die Erde und er stand wie festgemauert.
Sofort trat aus einem Gebüsch ein dritter Mann hervor, den K. gleich
als einen Künstler erkannte. Er war nur mit Hosen und einem schlecht zugeknöpften
Hemd bekleidet; auf dem Kopf hatte er eine Samtkappe; in der Hand
hielt er einen gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen
Figuren in der Luft beschrieb.
Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war sehr
hoch, er mußte sich gar nicht bücken, wohl aber mußte er sich vorbeugen, denn
der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte ihn von dem Stein. Er
stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit der linken Hand auf die Fläche
des Steines. Durch eine besonders geschickte Hantierung gelang es ihm, mit
dem gewöhnlichen Bleistift Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: ›Hier ruht‹
Jeder Buchstabe erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem
Gold. Als er die zwei Worte geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der
sehr begierig auf das Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um
den Mann, sondern blickte nur auf den Stein. Tatsächlich setzte der Mann wieder
zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand irgendein Hindernis,
er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder nach K. um. Nun sah
auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in großer Verlegenheit war,
aber die Ursache dessen nicht sagen konnte. Alle seine frühere Lebhaftigkeit
war verschwunden. Auch K. geriet dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflose
Blicke; es lag ein häßliches Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte.
Zur Unzeit begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten,
aber der Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Nach
einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere
Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang prüfen.
K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er begann zu weinen und
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Erzählungen & Ansichten 2
Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des Schlachtens
sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das darf er nicht
mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in meiner Werkstatt
platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und Polster hatte ich über
mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen nicht zu hören, den von allen
Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den Zähnen Stücke aus seinem warmen
Fleisch zu reißen. Schon lange war es still ehe ich mich auszugehen
getraute; wie Trinker um ein Weinfaß lagen sie müde um die Reste des Ochsen.
Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des Palastes gesehen
zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren Gemächer, immer nur
lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand er, so schien es mir wenigstens,
an einem der Fenster und blickte mit gesenktem Kopf auf das Treiben
vor seinem Schloß.
»Wie wird es werden?« fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese Last
und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht
es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor bleibt verschlossen; die Wache,
früher immer festlich ein- und ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten
Fenstern. Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes
anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns
doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und
wir gehen daran zugrunde.«
Eine kaiserliche Botschaft
Der Kaiser - so heißt es - hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen,
dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Feme geflüchteten
Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft
gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser
verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem
Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen, immer ängstlich
rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall gemacht. Wir versuchen
zwar manchmal aus unseren Geschäften hervorzulaufen und wenigstens
den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es geschieht immer seltener, denn die
Anstrengung ist nutzlos und bringt uns überdies in die Gefahr, unter die wilden
Pferde zu kommen oder von den Peitschen verletzt zu werden.
Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie nicht,
ja sie haben kaum eine eigene. Untereinander verständigen sie sich ähnlich wie
Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen. Unsere Lebensweise,
unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen
zeigen sie sich auch gegen jede Zeichensprache ablehnend. Du magst
dir die Kiefer verrenken und die Hände aus den Gelenken winden, sie haben
dich doch nicht verstanden und werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen;
dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem
Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie
tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht
sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt
ihnen alles.
Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann
aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem Fleischer
gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon alles entrissen
und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde fressen Fleisch;
oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen
Fleischstück, jeder an einem Ende. Der Fleischhauer ist ängstlich und wagt es
nicht, mit den Fleischlieferungen aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen
Geld zusammen und unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer
weiß, was ihnen zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird,
selbst wenn sie täglich Fleisch bekommen.
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Erzählungen & Ansichten 2
Der zweite ist schön, schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in Fechterstellung
zu sehen. Auch er ist klug, aber überdies welterfahren; er hat viel gesehen, und
deshalb scheint selbst die heimische Natur vertrauter mit ihm zu sprechen als
mit den Daheimgebliebenen. Doch ist gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht
einmal wesentlich dem Reisen zu verdanken, er gehört vielmehr zu dem
Unnachahmlichen dieses Kindes, das zum Beispiel von jedem anerkannt wird,
der etwa seinen vielfach sich überschlagenden und doch geradezu wild
beherrschten Kunstsprung ins Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des
Sprungbrettes reicht der Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt sich
plötzlich der Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. - Und trotz dem
allen (ich sollte doch eigentlich glücklich sein über ein solches Kind) ist mein
Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge ist ein wenig kleiner als
das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur, gewiß, der sein Gesicht
sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen wäre, und niemand wird
gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit seines Wesens dieses kleinere
zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater, tue es. Es ist natürlich nicht
dieser körperliche Fehler, der mir weh tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende
kleine Unregelmäßigkeit seines Geistes, irgendein in seinem Blut
irrendes Gift, irgendeine Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines
Lebens rund zu vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder
zu meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler
unserer ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich.
Der dritte Sohn ist gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit, die mir
gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene Mund; das träumerische
Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich benötigt, um zu wirken;
die unmäßig sich wölbende Brust; die leicht auffahrenden und viel zu leicht
sinkenden Hände; die Beine, die sich zieren, weil sie nicht tragen können. Und
überdies: der Ton seiner Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den
Kenner aufhorchen; veratmet aber kurz darauf - Trotzdem im allgemeinen alles
verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am liebsten im
Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht etwa deshalb, weil er
seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch fühlt er sich fremd in unse-
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Erzählungen & Ansichten 2
ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr
wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten
bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden
Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden
Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat
er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein
kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend
schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt
er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts,
wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein
Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du
das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos
müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten
Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre
gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies,
nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen
der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder
ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem
äußersten Tor - aber niemals, niemals kam es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt
vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes.
Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber
sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.
Elf Söhne
Ich habe elf Söhne. Der erste ist äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft
und klug; trotzdem schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern
liebe, nicht sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er sieht nicht
rechts noch links und nicht in die Weite; in seinem kleinen Gedankenkreis läuft
er immerfort rundum oder dreht sich vielmehr.
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Erzählungen & Ansichten 2
ser Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu groß für
sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz auffallend schöner Einzelheiten,
zum Beispiel der Hände und Füße. Unschön ist übrigens auch seine
Stirn; sowohl in der Haut als in der Knochenbildung irgendwie verschrumpft.
Der siebente Sohn gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt versteht
ihn nicht zu würdigen; seine besondere Art von Witz versteht sie nicht. Ich überschätze
ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig genug; hätte die Welt keinen anderen
Fehler als den, daß sie ihn nicht zu würdigen weiß, sie wäre noch immer
makellos. Aber innerhalb der Familie wollte ich diesen Sohn nicht missen.
Sowohl Unruhe bringt er, als auch Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides
fügt er, wenigstens für mein Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit
diesem Ganzen weiß er allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das
Rad der Zukunft wird er nicht ins Rollen bringen, aber diese seine Anlage ist
so aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese wieder
Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu wollen. In einer
mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten Selbstzufriedenheit, die
allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil seiner Umgebung steht, treibt
er sich allein umher, kümmert sich nicht um Mädchen und wird trotzdem niemals
seine gute Laune verlieren.
Mein achter Sohn ist mein Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen
Grund dafür. Er sieht mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich eng
mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber befiel mich
manchmal ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht seinen eigenen Weg;
hat alle Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird gewiß mit seinem harten
Schädel, seinem kleinen athletischen Körper - nur die Beine hatte er als
Junge recht schwach, aber das mag sich inzwischen schon ausgeglichen haben
- überall durchkommen, wo es ihm beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn zurückzurufen,
ihn zu fragen, wie es eigentlich um ihn steht, warum er sich vom Vater
so abschließt und was er im Grunde beabsichtigt, aber nun ist er so weit und
so viel Zeit ist schon vergangen, nun mag es so bleiben wie es ist. Ich höre,
daß er als der einzige meiner Söhne einen Vollbart trägt; schön ist das bei einem
so kleinen Mann natürlich nicht.
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rer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner Familie, aber überdies noch zu einer
andern, ihm für immer verlorenen, ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.
Mein vierter Sohn ist vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres Kind
seiner Zeit, ist er jedermann verständlich, er steht auf dem allen gemeinsamen
Boden und jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht durch diese allgemeine
Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes, seine Bewegungen etwas
Freies, seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche seiner Aussprüche möchte
man oft wiederholen, allerdings nur manche, denn in seiner Gesamtheit krankt
er doch wieder an allzu großer Leichtigkeit. Er ist wie einer, der bewundernswert
abspringt, schwalbengleich die Luft teilt, dann aber doch trostlos im öden
Staube endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen mir den Anblick dieses
Kindes.
Der fünfte Sohn ist lieb und gut; versprach viel weniger, als er hielt; war so
unbedeutend, daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein fühlte; hat es
aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich, wie das geschehen
ist, so könnte ich kaum antworten. Unschuld dringt vielleicht doch noch am
leichtesten durch das Toben der Elemente in dieser Welt, und unschuldig ist
er. Vielleicht allzu unschuldig. Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich.
Ich gestehe: mir wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es
heißt doch, sich das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich
Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist.
Mein sechster Sohn scheint, wenigstens auf den ersten Blick, der tiefsinnigste
von allen. Ein Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb kommt man
ihm nicht leicht bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in unbesiegbare Traurigkeit;
erlangt er das Obergewicht, so wahrt er es durch Schwätzen. Doch spreche
ich ihm eine gewisse selbstvergessene Leidenschaft nicht ab; bei hellem
Tag kämpft er sich oft durch das Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein
- vielmehr hat er eine sehr gute Gesundheit - taumelt er manchmal, besonders
in der Dämmerung, braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat an die-
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Erzählungen & Ansichten 2
sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie grundlegend. Es
ist aber keine beschämende Schwäche, sondem etwas, das nur auf diesem unsern
Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum Beispiel auch Flugbereitschaft
Schwäche, da sie doch Schwanken und Unbestimmtheit und Flattern ist? Etwas
Derartiges zeigt mein Sohn. Den Vater freuen natürlich solche Eigenschaften
nicht; sie gehen ja offenbar auf Zerstörung der Familie aus. Manchmal blickt
er mich an, als wollte er mir sagen: ›Ich werde dich mitnehmen, Vater.‹ Dann
denke ich: ›Du wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.‹ Und sein Blick scheint
wieder zu sagen: ›Mag ich also wenigstens der Letzte sein.‹
Das sind die elf Söhne.
Fürsprecher
Es war sehr unsicher, ob ich Fürsprecher hatte, ich konnte nichts Genaues darüber
erfahren, alle Gesichter waren abweisend, die meisten Leute, die mir entgegenkamen,
und die ich wieder und wieder auf den Gängen traf, sahen wie
alte dicke Frauen aus, sie hatten große, den ganzen Körper bedeckende, dunkelblau
und weiß gestreifte Schürzen, strichen sich den Bauch und drehten sich
schwerfällig hin und her. Ich konnte nicht einmal erfahren, ob wir in einem
Gerichtsgebäude waren. Manches sprach dafür, vieles dagegen. Über alle Einzelheiten
hinweg erinnerte mich am meisten an ein Gericht ein Dröhnen, das
unaufhörlich aus der Ferne zu hören war, man konnte nicht sagen, aus welcher
Richtung es kam, es erfüllte so sehr alle Räume, daß man annehmen konnte,
es komme von überall oder, was noch richtiger schien, gerade der Ort, wo man
zufällig stand, sei der eigentliche Ort dieses Dröhnens, aber gewiß war das eine
Täuschung, denn es kam aus der Ferne. Diese Gänge, schmal, einfach überwölbt,
in langsamen Wendungen geführt, mit sparsam geschmückten hohen
Türen, schienen sogar für tiefe Stille geschaffen, es waren die Gänge eines
Museums oder einer Bibliothek. Wenn es aber kein Gericht war, warum forschte
ich dann hier nach einem Fürsprecher? Weil ich überall einen Fürsprecher suchte,
überall ist er nötig, ja man braucht ihn weniger bei Gericht als anderswo, denn
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Mein neunter Sohn ist sehr elegant und hat den für Frauen bestimmten süßen
Blick. So süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich verführen kann, der ich doch
weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen diesen überirdischen
Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen aber ist, daß er gar nicht
auf Verführung ausgeht; ihm würde es genügen, sein Leben lang auf dem Kanapee
zu liegen und seinen Blick an die Zimmerdecke zu verschwenden oder noch
viel lieber ihn unter den Augenlidern ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm
bevorzugten Lage, dann spricht er gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich;
aber doch nur in engen Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer
Enge nicht vermeiden läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken,
wenn man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es bemerken
könnte.
Mein zehnter Sohn gilt als unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen Fehler nicht
ganz in Abrede stellen, nicht ganz bestätigen. Sicher ist, daß, wer ihn in der
weit über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit herankommen sieht, im immer
festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber übersorgfältig geputzten schwarzen
Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem etwas vorragenden Kinn, den schwer
über die Augen sich wölbenden Lidern, den manchmal an den Mund geführten
zwei Fingern - wer ihn so sieht, denkt: das ist ein grenzenloser Heuchler.
Aber, nun höre man ihn reden! Verständig; mit Bedacht; kurz angebunden; mit
boshafter Lebendigkeit Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher, selbstverständlicher
und froher Übereinstimmung mit dem Weltganzen; eine Übereinstimmung,
die notwendigerweise den Hals strafft und den Körper erheben läßt.
Viele, die sich sehr klug dünken und die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten,
von seinem Äußern abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark angezogen.
Nun gibt es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig läßt, denen
aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will hier nicht entscheiden,
doch muß ich eingestehen, daß die letzteren Beurteiler jedenfalls beachtenswerter
sind als die ersteren.
Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber täuschend
in seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und bestimmt
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Erzählungen & Ansichten 2
ungeduldigen Dröhnen begleiteten Leben eine Treppe hinunterlaufen? Das ist
unmöglich. Die dir zugemessene Zeit ist so kurz, daß du, wenn du eine Sekunde
verlierst, schon dein ganzes Leben verloren hast, denn es ist nicht länger, es
ist immer nur so lang, wie die Zeit, die du verlierst. Hast du also einen Weg
begonnen, setze ihn fort, unter allen Umständen, du kannst nur gewinnen, du
läufst keine Gefahr, vielleicht wirst du am Ende abstürzen, hättest du aber schon
nach den ersten Schritten dich zurückgewendet und wärest die Treppe hinuntergelaufen,
wärst du gleich am Anfang abgestürzt und nicht vielleicht, sondern
ganz gewiß. Findest du also nichts hier auf den Gängen, öffne die Türen,
findest du nichts hinter diesen Türen, gibt es neue Stockwerke, findest du oben
nichts, es ist keine Not, schwinge dich neue Treppen hinauf. Solange du nicht
zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter deinen steigenden Füßen
wachsen sie aufwärts.
Nachts
Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken,
so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen.
Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern
schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt
auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden
wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager
im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem
Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf
den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du
wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden
Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß
wachen, heißt es. Einer muß da sein.
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das Gericht spricht sein Urteil nach dem Gesetz, sollte man annehmen. Sollte
man annehmen, daß es hiebei ungerecht oder leichtfertig vorgehe, wäre ja kein
Leben möglich, man muß zum Gericht das Zutrauen haben, daß es der Majestät
des Gesetzes freien Raum gibt, denn das ist seine einzige Aufgabe, im Gesetz
selbst aber ist alles Anklage, Fürspruch und Urteil, das selbständige Sicheinmischen
eines Menschen hier wäre Frevel. Anders aber verhält es sich mit dem
Tatbestand eines Urteils, dieser gründet sich auf Erhebungen hier und dort, bei
Verwandten und Fremden, bei Freunden und Feinden, in der Familie und in
der Öffentlichkeit, in Stadt und Dorf, kurz überall. Hier ist es dringend nötig,
Fürsprecher zu haben, Fürsprecher in Mengen, die besten Fürsprecher, einen
eng neben dem andern, eine lebende Mauer, denn die Fürsprecher sind ihrer
Natur nach schwer beweglich, die Ankläger aber, diese schlauen Füchse, diese
flinken Wiesel, diese unsichtbaren Mäuschen, schlüpfen durch die kleinsten
Lücken, huschen zwischen den Beinen der Fürsprecher durch. Also Achtung!
Deshalb bin ich ja hier, ich sammle Fürsprecher. Aber ich habe noch keinen
gefunden, nur die alten Frauen kommen und gehn, immer wieder; wäre ich nicht
auf der Suche, es würde mich einschläfern. Ich bin nicht am richtigen Ort, leider
kann ich mich dem Eindruck nicht verschließen, daß ich nicht am richtigen
Ort bin. Ich müßte an einem Ort sein, wo vielerlei Menschen zusammenkommen,
aus verschiedenen Gegenden, aus allen Ständen, aus allen Berufen,
verschiedenen Alters, ich müßte die Möglichkeit haben, die Tauglichen, die
Freundlichen, die, welche einen Blick für mich haben, vorsichtig auszuwählen
aus einer Menge. Am besten wäre dazu vielleicht ein großer Jahrmarkt geeignet.
Statt dessen treibe ich mich auf diesen Gängen umher, wo nur diese alten
Frauen zu sehn sind, und auch von ihnen nicht viele, und immerfort die gleichen
und selbst diese wenigen, trotz ihrer Langsamkeit, lassen sich von mir
nicht stellen, entgleiten mir, schweben wie Regenwolken, sind von unbekannten
Beschäftigungen ganz in Anspruch genommen. Warum eile ich denn blindlings
in ein Haus, lese nicht die Aufschrift über dem Tor, bin gleich auf den Gängen,
setze mich hier mit solcher Verbohrtheit fest, daß ich mich gar nicht erinnern
kann, jemals vor dem Haus gewesen, jemals die Treppen hinaufgelaufen
zu sein. Zurück aber darf ich nicht, diese Zeitversäumnis, dieses Eingestehn
eines Irrwegs wäre mir unerträglich. Wie? In diesem kurzen, eiligen, von einem
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Erzählungen & Ansichten 2
»Du bist wirklich ein Fremder«, sagte der Schakal, »sonst wüßtest du, daß noch
niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber gefürchtet hat. Fürchten
sollten wir sie? Ist es nicht Unglück genug, daß wir unter solches Volk verstoßen
sind?«
»Mag sein, mag sein«, sagte ich, »ich maße mir kein Urteil an in Dingen, die
mir so fern liegen; es scheint ein sehr alter Streit; liegt also wohl im Blut; wird
also vielleicht erst mit dem Blute enden.«
»Du bist sehr klug«, sagte der alte Schakal; und alle atmeten noch schneller;
mit gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden; ein bitterer, zeitweilig
nur mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher Geruch entströmte den offenen
Mäulern, »du bist sehr klug; das, was du sagst, entspricht unserer alten
Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut und der Streit ist zu Ende.«
»Oh!« sagte ich wilder, als ich wollte, »sie werden sich wehren; sie werden
mit ihren Flinten euch rudelweise niederschießen.«
»Du mißverstehst uns«, sagte er,»nach Menschenart, die sich also auch im hohen
Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. So viel Wasser hätte
der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch schon vor dem bloßen
Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft, in die Wüste, die deshalb
unsere Heimat ist.«
Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viele von fern her gekommen
waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten sie mit
den Pfoten; es war, als wollten sie einen Widerwillen verbergen, der so schrecklich
war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus ihrem Kreis entflohen
wäre.
»Was beabsichtigt ihr also zu tun?« fragte ich und wollte aufstehn; aber ich
konnte nicht; zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock und Hemd festgebissen;
ich mußte sitzenbleiben. »Sie halten deine Schleppe«, sagte der alte
Schakal erklärend und ernsthaft, »eine Ehrbezeigung.« »Sie sollen mich loslassen!
« rief ich, bald zum Alten, bald zu den Jungen gewendet. »Sie werden
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Schakale und Araber
Wir lagerten in der Oase. Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und weiß,
kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum Schlafplatz.
Ich warf mich rücklings ins Gras; ich wollte schlafen; ich konnte nicht; das Klagegeheul
eines Schakals in der Ferne; ich saß wieder aufrecht. Und was so weit
gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel von Schakalen um mich her;
in mattem Gold erglänzende, verlöschende Augen; schlanke Leiber, wie unter
einer Peitsche gesetzmäßig und flink bewegt.
Einer kam von rückwärts, drängte sich, unter meinem Arm durch, eng an mich,
als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast Aug in Aug
mit mir:
»Ich bin der älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, dich noch hier
begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast aufgegeben, denn wir
warten unendlich lange auf dich; meine Mutter hat gewartet und ihre Mutter
und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur Mutter aller Schakale. Glaube es!«
»Das wundert mich«, sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden, der bereitlag,
um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, »das wundert mich sehr
zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und bin auf einer
kurzen Reise begriffen. Was wollt ihr denn, Schakale?«
Und wie ermutigt durch diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch zogen
sie ihren Kreis enger um mich; alle atmeten kurz und fauchend.
»Wir wissen«, begann der Älteste, »daß du vom Norden kommst, darauf eben
baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand, der hier unter den Arabern
nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt du, ist kein Funken
Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere, um sie zu fressen, und Aas mißachten
sie.«
»Rede nicht so laut«, sagte ich, »es schlafen Araber in der Nähe.«
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Erzählungen & Ansichten 2
haltung seines Stammes erlaubte. »Du weißt also, was die Tiere wollen?« fragte
ich. »Natürlich, Herr«, sagte er, »das ist doch allbekannt; solange es Araber
gibt, wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit uns wandern bis ans
Ende der Tage. jedem Europäer wird sie angeboten zu dem großen Werk; jeder
Europäer ist gerade derjenige, welcher ihnen berufen scheint. Eine unsinnige
Hoffnung haben diese Tiere; Narren, wahre Narren sind sie. Wir lieben sie deshalb;
es sind unsere Hunde; schöner als die eurigen. Sieh nur, ein Kamel ist in
der Nacht verendet, ich habe es herschaffen lassen.«
Vier Träger kamen und warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag
er da, erhoben die Schakale ihre Stimmen. Wie von Stricken unwiderstehlich
jeder eimelne gezogen, kamen sie, stockend, mit dem Leib den Boden streifend,
heran. Sie hatten die Araber vergessen, den Haß vergessen, die alles auslöschende
Gegenwart des stark ausdunstenden Leichnams bezauberte sie. Schon
hing einer am Hals und fand mit dem ersten Biß die Schlagader. Wie eine kleine
rasende Pumpe, die ebenso unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen
Brand löschen will, zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz.
Und schon lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg.
Da strich der Führer kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer über sie.
Sie hoben die Köpfe; halb in Rausch und Ohnmacht; sahen die Araber vor sich
stehen; bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu fühlen; zogen sich
im Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts. Aber das Blut des Kamels
lag schon in Lachen da, rauchte empor, der Körper war an mehreren Stellen
weit aufgerissen. Sie konnten nicht widerstehen; wieder waren sie da; wieder
hob der Führer die Peitsche; ich faßte seinen Arm. »Du hast recht, Herr«, sagte
er, »wir lassen sie bei ihrem Beruf, auch ist es Zeit aufzubrechen. Gesehen hast
du sie. Wunderbare Tiere, nicht wahr? Und wie sie uns hassen!«
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Erzählungen & Ansichten 2
es natürlich«, sagte der Alte, »wenn du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen,
denn sie haben nach der Sitte tief sich eingebissen und müssen erst langsam
die Gebisse voneinander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte.« »Euer Verhalten
hat mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht«, sagte ich. »Laß uns
unser Ungeschick nicht entgelten«, sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den
Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe, »wir sind arme Tiere, wir haben
nur das Gebiß; für alles, was wir tun wollen, das Gute und das Schlechte, bleibt
uns einzig das Gebiß.« »Was willst du also?« fragte ich, nur wenig besänftigt.
»Herr« rief er, und alle Schakale heulten auf; in fernster Feme schien es mir
eine Melodie zu sein. »Herr, du sollst den Streit beenden, der die Welt entzweit.
So wie du bist, haben unsere Alten den beschrieben, der es tun wird. Frieden
müssen wir haben von den Arabern; atembare Luft; gereinigt von ihnen den
Ausblick rund am Horizont; kein Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber
absticht; ruhig soll alles Getier krepieren; ungestört soll es von uns leergetrunken
und bis auf die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit
wollen wir«, - und nun weinten, schluchzten alle - »wie erträgst nur du es
in dieser Welt, du edles Herz und süßes Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß;
Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim Anblick
ihrer Augenwinkel; und heben sie den Arm, tut sich in der Achselhöhle die Hölle
auf. Darum, o Herr, darum, o teuerer Herr, mit Hilfe deiner alles vermögenden
Hände, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser
Schere die Hälse durch!« Und einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein
Schakal herbei, der an einem Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte Nähschere
trug.
»Also endlich die Schere und darnit Schluß!« rief der Araberführer unserer
Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte und nun
seine riesige Peitsche schwang.
Alles verlief sich eiligst, aber in einiger Entfernung blieben sie doch, eng zusanunengekauert,
die vielen Tiere so eng und starr, daß es aussah wie eine schmale
Hürde, von Irrlichtern umflogen. »So hast du, Herr, auch dieses Schauspiel
gesehen und gehört«, sagte der Araber und lachte so fröhlich, als es die Zurück-
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Erzählungen & Ansichten 2
ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer
mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich
mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet;
das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als
er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase,
den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch
lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt
ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort
sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und
ermüdet den Türhüter durch seine Bitten.
Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat
aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie
große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn
noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet
hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu
bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an,
damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre
beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern
Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt
in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos
und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er
wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die
Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen
und den Türhüter umzustimmen.
Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich
dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt
er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes
bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem
Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den
Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper
nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunter-
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Franz Kafka
Erzählungen & Ansichten 2
Von den Gleichnissen
Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse
seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir.
Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber«, so meint er nicht, daß man auf die andere
Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das
Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben,
etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen
ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen
eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir
gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.
Darauf sagte einer: »Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen,
dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen
Mühe frei.«
Ein anderer sagte: »Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist.«
Der erste sagte: »Du hast gewonnen.«
Der zweite sagte: »Aber leider nur im Gleichnis.«
Der erste sagte: »Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.«
Vor dem Gesetz
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom
Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm
jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob
er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt
aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter
beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als
der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es
doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und
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neigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert.
»Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist
unersättlich.«
»Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß
in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter
erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes
Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß
erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und
schließe ihn.«
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Labels: Franz Kafka, Klassik-Serie

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