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Samstag, 28. Mai 2011

scan by Waldschrat bearbeitet von Tecko

Band 3
Rom sehen und sterben


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scan by Waldschrat
bearbeitet von Tecko
Band 3
Rom sehen und Die Nacht war kalt wie der Tod und voller Geister
Der Wald ringsum schien mit dem Ende des Tages
versunken zu sein in einem schwarzen Meer,
in dem ein kleines Feuer brannte, verloren wie
eine einsame Insel. An ihrem Ufer aus kupfernem
Licht lagen zwei Gestalten,Gestrandeten gleich,
eng beieinander und reglos wie tot. Aber sie waren
weder tot noch schliefen sie. Denn an Schlaf war
nicht zu denken in dieser Nacht. Stattdessen spähten
sie wachen Blickes, fast angestrengt ins Dunkel, und
schweigend lauschten sie den Geräuschen, die unter dem
Mantel der Nacht hervorkrochen. Larn schloss seinen
Arm fester um Noones schmale Schultern. Sie zitterte,
und er wusste, dass es nicht allein von der Kälte
der Nacht herrührte
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Behutsam rückte er näher ans Feuer, das
Mädchen dicht an sich gedrückt. Doch die
Flammen schienen kaum Wärme zu spenden.
Als würde diese seltsame Nacht die Hitze
fressen.
»Der Wind«, flüsterte der junge Mann
seiner Gefährtin beruhigend ins Haar, »es ist
nur der Wind.«
Sein warmer Atem an ihrem Ohr ließ
Noone schaudern. Sie wollte nicken, wollte
sagen, dass sie ihm glaubte. Dass er Recht hatte,
ganz bestimmt! Sie wollte sich selbst einreden,
dass es wirklich keinen Grund zur Angst gab.
Aber sie schaffte es nicht. Kein Ton kam ihr
über die Lippen.
Denn der Wind... atmete nicht, keuchte
nicht, knurrte nicht. Der Wind hatte auch keine
Augen.
Und Noone fühlte sich beobachtet! Aus der
Nacht heraus. Irgendwo da draußen lauerte
etwas zwischen den gewaltigen Bäumen und
hielt sie gefangen in seinem Blick. Noone
spürte es so deutlich, als sei sie von einer Hand
gepackt worden, die sie nicht mehr loslassen
wollte.
Aber so sehr sie sich auch bemühte, die
Finsternis mit eigenen Blicken zu durchforsten,
fand sie doch nichts außer dunkelster Nacht.
Endlich schloss Noone die Augen, und das
Gefühl, angestarrt zu werden, schwand ein
wenig.
Sie schmiegte sich noch enger an Larn,
kauerte sich in den Griff seiner kräftigen Arme
wie ein Jungtier an seine Mutter und sog den
herben Duft ein, eine Mischung aus Larns
eigenem Geruch und dem der gegerbten Felle,
die er - wie sie selbst auch - als Kleidung trug.
Larn roch so männlich, so stark. Ein
angenehmer, beruhigender Geruch.
Noones Lippen kräuselten sich zu einem
winzigen Lächeln. Trotz aller Furcht, die sich in
dieser Nacht in ihr Herz schlich, bereute sie
nicht, was sie getan hatte. Es war die richtige
Entscheidung gewesen, Larn zu helfen und bei
ihm zu bleiben. Auch wenn der Preis, den sie
dafür hatte zahlen müssen, hoch gewesen war -
und blutig . ..
Noone versank in unruhigen Halbschlaf,
und ihre Gedanken wanderten zurück in die
jüngste Vergangenheit.
Zurück in den Norden, zu der
Nomadenhorde, der sie und Larn bis vor
einigen Tagen noch angehört hatten - und die
über Nacht zu ihrem Todfeind geworden war!
Larn hatte nicht länger die vorgezeichneten
Wege gehen wollen. Hatte sich nicht mehr den
alten Regeln unterwerfen und nicht länger von
alten Männern sagen lassen wollen, was wann
und wie zu tun war. Nein, Larn hatte eigene
Vorstellungen gehabt, was das Leben der Horde
und ihre künftigen Wege anbelangte. Er hatte
ein gemeinsames Wirken mit anderen Stämmen
im Sinn gehabt. Den Austausch von Wissen und
Waren, von Nahrung, Werkzeugen und Waffen.
Und er hatte mit seiner Meinung nicht
hinter dem Berg gehalten. Ebensowenig mit
der, dass man auf den Rat der Schamanen und
ihrer Götter nicht allzu viel Wert legen sollte.
Eines Menschen Schicksal liege ganz in dessen
eigener Hand!
Das hatte sich als verhängnisvoller Fehler
erwiesen. Denn mochte er unter den Jungen der
Horde auch Zweifel gesät haben, so hatte er
doch vor allem die Göttergläubigen gegen sich
aufgebracht. Und deren Zahl war größer und ihr
Wort wog schwerer.
Auf Geheiß der Ältesten hin war der junge
Aufrührer gefangengenommen, gefesselt und
geknebelt worden. Das Urteil stand schon fest,
noch ehe es wirklich gefällt war. Aber Noone
ließ nicht zu, dass es vollstreckt werden konnte!
Sie war mit Larn aufgewachsen. Sie mochte
ihn; vielleicht liebte sie ihn sogar - wenigstens
wie einen Bruder, denn mehr als diese Art der
Liebe hatte Larn ihr gegenüber nie gezeigt.
Noone hatte Larns Reden gehört, und seine
Worte hatten etwas in ihr angerührt, auch wenn
sie ihnen nicht gänzlich verfallen war. Und so
waren es nicht Larns Ideen und Ideale gewesen,
derentwegen sie ihren Entschluss gefasst hatte.
Nein, sie hatte es einzig um Larns willen getan.
Noone hatte den Gefangenen befreit, bevor
sie ihn steinigen oder erschlagen konnten. Mehr
noch, sie hatte ihre gemeinsame Flucht
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vorbereitet. Bis zu dem Moment, da sie und
Larn die beiden Frekkeuscher erreichten, die
Noone ein Stück abseits des Lagerplatzes
versteckt hatte, war alles gutgegangen. Dann
war das Verschwinden des Gefangenen
entdeckt worden, und noch bevor Noone und
Larn auf ihre Reittiere steigen konnten, waren
zwei Hordenmitglieder auch schon heran! Larn
stellte sich ihnen zum Kampf. Er war ein guter
Kämpfer, einer der besten der Horde. Die
beiden Verfolger hatten das zu spüren
bekommen. Sie waren in dem kurzen, aber
heftigen Gefecht ums Leben gekommen...
Wie sie letztlich ungeschoren
davongekommen waren, wusste Noone bis
heute nicht. Sie hatte die Flucht wie in Trance
erlebt, gelähmt von tiefstem Entsetzen wegen
der beiden Todesopfer. Sie erinnerte sich ganz
vage an eine wüste Verfolgungsjagd auf
Frekkeuschern. Aber es kam ihr vor, als sei sie
nicht selbst dabei gewesen, sondern habe nur
jemanden davon erzählen hören.
Und jetzt war es vorbei.
Ihre Flucht lag Tage zurück, sie hatten das
karge Nordland längst hinter sich gelassen, und
es hatte den Anschein, als würde man ihnen
nicht länger folgen.
Nur die Angst folgte noch ihrer Fährte;
zumindest Noone hing sie noch an. Wie ein
Raubtier, dessen Geduld endlos war, das nicht
abließ von einer Beute und auf den richtigen
Augenblick wartete. Bis es dann zuschlug,
irgendwann, unverhofft ...
Es verging kein Tag, der nicht neue Fragen
aufwarf.
Und keine Nacht, in der Commander
Matthew Drax nicht über Antworten
nachgrübelte. Ohne sie zu finden...
Schlaf war für Matt seit den Erlebnissen in
Bolluna zur Rarität geworden. Sobald er sich
hinlegte, schien sein Gehirn das als
Aufforderung zu verstehen, auf Hochtouren zu
laufen. Er konnte dann einfach nicht aufhören,
über seine Situation nachzudenken. Verstieg
sich in abenteuerliche Überlegungen,
konstruierte abstruse Theorien. Bis er sich
regelmäßig wie in Fieberträumen gefangen
vorkam.
Deshalb schob Matt den Schlaf auf die
lange Bank. Er wartete, bis sein Körper so
erschöpft war, dass er seinem Willen kaum
noch gehorchte. Erst dann legte er sich aufs Ohr
und versank in einen Zustand, der
Bewusstlosigkeit viel eher glich als normalem
(und gesundem) Schlaf.
Und bis er dieses Stadium erreichte, fuhr
Matthew Drax. Seine Finger umklammerten das
Lenkrad des Hummer-Jeeps, als müsse er sich
daran festhalten. Aus brennenden Augen starrte
er über die Motorhaube in die Nacht, die nur
vom blassen Vollmond erhellt wurde. Die
Scheinwerfer funktionierten längst nicht mehr.
Es schien, als sei die Dunkelheit mehr als die
bloße Abwesenheit von Licht. Als sei zähe
Schwärze zwischen die Baumriesen
herabgeflossen und geronnen.
Worüber Matthew Drax sich nicht einmal
wirklich gewundert hätte. Weil es kaum noch
etwas gab, über das er sich wunderte.
Der Wald beispielsweise, den sie heute
erreicht hatten. Er bestand zu einem gut Teil aus
gewaltigen Bäumen. Nichts Ungewöhnliches,
und Matt Drax hatte nicht zum ersten Mal im
Leben Mammutbäume mit eigenen Augen
gesehen. Als er noch ein Junge gewesen war,
hatte sein Vater ihn oft zum hiking
mitgenommen, durch die teils immer noch
unberührten Landschaften des amerikanischen
Westens. Sie hatten unter dem Sternenzelt
campiert, und Dad hatte ihm viel über die Natur
und ihre Gesetze beigebracht. Und neben
unzähligen anderen Dingen hatte er seinen Sohn
gelehrt, dass Mammutbäume bis zu
hundertzwanzig Meter hoch werden und ihre
Stämme einen Durchmesser von etwa zehn
5
Metern erreichen konnten - und dass es diese
Bäume nur im westlichen Teil Nordamerikas
gab.
Jetzt aber fuhr dieser Sohn von damals
durch Italien - und zwischen den mächtigen
Stämmen von Mammutbäumen hindurch!
Irrsinn. Und unmöglich. Aber es passte. Es
fügte sich nahtlos ein in das Bild, das Matthew
Drax immer deutlicher vor Augen sah. Jenes
Bild, das ihm zeigte, was passiert war, wo er
gelandet war, und das sich zusammensetzte aus
einzelnen Teilen, die - jedes für sich genommen
- einfach nicht sein konnten! Aber in ihrer
Gesamtheit machten sie Sinn, auch wenn Matt
Drax ihn nicht begriff - oder eher wohl: noch
immer nicht begreifen wollte.
All die Dinge und Details, auf die er im
Laufe der vergangenen Wochen gestoßen war,
ergaben das Bild einer neuen Welt. Einer Welt,
die aus den Trümmern der alten entstanden war.
Aus den Resten jener Welt, der Matt Drax
entstammte. Die vergangen schien, nein,
untergegangen war. Vernichtet von
»Christopher-Floyd«, einem acht Kilometer
durchmessenden Koloss aus Fels und Eis, der
aus dem All auf die Erde gestürzt war vor . ..
Ja, das war die große Frage, die
entscheidende. Die Frage, auf die Matt Drax am
allerwenigsten von allen eine Antwort wusste:
Wie viel Zeit war seit dem Einschlag des
Kometen vergangen?
Sehr viel mehr jedenfalls, als er eine ganze
Weile lang angenommen hatte. Das immerhin
war ihm mittlerweile klar geworden. Der big
bang lag mehr als nur ein paar Wochen zurück,
und auch nicht nur ein paar Monate. Sondern
Jahre.
Drax schluckte hart.
Selbst diese Annahme war noch
untertrieben. Ach was, eine Scheißlüge war sie!
Einer dieser erbärmlichen Versuche, sich selbst
etwas vorzumachen!
Es war, als säße ihm ein kleiner Mann im
Ohr, der nicht müde wurde, auf ihn einzureden,
und mit jedem Wort versuchte dieser imaginäre
Bastard die Dinge zu verharmlosen. Die
Wahrheit zu beschönigen.
Aber Matt Drax musste sich nur
umschauen, um zu sehen, dass es nichts zu
beschönigen gab. Er brauchte sich nur in
Erinnerung zu rufen, was alles geschehen war,
seit er im Wrack seines abgestürzten Jets
aufgewacht war. . .
Stumm schüttelte er den Kopf. Nein, es
stimmte alles. Es passte alles zusammen. Und
es gab nur einen einzigen Schluss: Er -
Commander Matthew Drax, Pilot der U.S. Air
Force - war in der Zukunft gelandet! Er befand
sich zwar immer noch auf der guten alten
Mutter Erde, aber deren Gesicht hatte sich
grundlegend verändert, nachdem »Christopher-
Floyd« mit voller Wucht hineingeknallt war wie
die Titanenfaust eines zürnenden Gottes. Und
seitdem war . .. sehr, sehr viel Zeit vergangen.
Jahrzehnte, wollte Matt denken. Oder
wollte ihm diese andere Stimme (vielleicht war
es ja die der Vernunft, die ihn nur davor
bewahren wollte, wahnsinnig zu werden)
einflüstern. Aber er wusste es besser, längst
schon. Und endlich sprach er dieses Wissen aus,
wenn auch nur halblaut und gallig bitter.
»Jahrhunderte...«
Es mussten Hunderte von Jahren vergangen
sein seit dem Kometeneinschlag, zweifelsohne.
Zu viel hatte sich verändert, als dass dies alles
in kürzerer Zeit hätte vonstatten gehen können!
Die Geografie entsprach nicht mehr jener, die
Matt gekannt hatte. Flora und Fauna waren
umgekrempelt worden. Es wimmelte von
Pflanzen und Tieren, die in keiner Enzyklopädie
der Welt verzeichnet waren. Matt hatte riesige
Ratten gesehen, die auf zwei Beinen gingen,
monströse Heuschrecken und ... mehr. Er verbat
sich, weitere dieser Schreckensbilder aus seiner
Erinnerung hervorzukramen. Sonst würde ihn
womöglich doch noch der Wahnsinn einholen,
vor dem er zu flüchten schien in diesem
modernen Militär-Jeep, der vielleicht schon
einige hundert Jahre alt war...
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Noone schrak aus leichtem Schlummer
hoch. Ihre Augenlider schnappten auf wie die
Häute überreifer Früchte. Alle Müdigkeit
verflog, und schon spähte sie wieder gespannt
um sich - und fand doch nichts als Dunkelheit.
Dunkelheit jedoch, in der es nach wie vor
raschelte, knisterte, knackte. In der Dinge sich
bewegten, namenlos und unsichtbar.
Oder waren sie am Ende gar nicht
namenlos? Trugen sie jene düsteren Namen, die
den Schamanen so geläufig waren? Schlichen
dort draußen Dämonen herum oder abgesandte
Diener der Götter, Vollstrecker ihres
allmächtigen Willens?
Noone spürte, wie dieser Verdacht sich in
ihr verdichtete. Kalt wie Eis saß er plötzlich in
ihrer Brust und ließ sie abermals schaudern.
Es mochte gut sein, dass darin der Grund
lag, weshalb die Horde ihnen keine Jäger
nachschickte. Womöglich hatte sich der
Schamane dieses Problems angenommen.
Vielleicht hatte er Götter oder, schlimmer noch,
Dämonen beschworen, auf dass sie sich des
Frevlers Larn und seiner Helferin selbst
annahmen!
Und jetzt waren sie da, hatten ihre Opfer
gefunden. Spielten mit ihnen. Schürten deren
Furcht mit ihrer bloßen Gegenwart. Bevor sie
zuschlugen, gnadenlos und grausam!
»Ruhig«, hörte Noone die Stimme Larns,
und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie am
ganzen Leibe zitterte. »Ganz ruhig«, flüsterte er
weiter, »du musst keine Angst haben. Da ist
nichts. Und ich bin bei dir.«
»Aber«, hielt Noone mit bebender Stimme
dagegen, »hörst du das denn nicht?« Sie
verstummte, hielt sogar den Atem an, damit
ihnen nicht das allergeringste Geräusch im
Finstern entging.
Larn lauschte gleichfalls, wohl nur, um
Noone einen Gefallen zu tun, um sie zu
beruhigen. Dann schüttelte er den Kopf. Noone,
die mit dem Rücken an ihn gedrückt dalag, sah
es an Larns Schatten, den das allmählich
niederbrennende Feuer über sie warf.
»Da ist nichts«, behauptete er und
wiederholte: »Nur der Wind. Hier im grünen
Süden spricht der Wind, mit anderer Stimme als
in den kalten Nordländern.«
Noone nickte langsam. »Ja, das kann sein.
Aber irgendetwas bewegt sich im Dunkeln.«
»Die Frekkeuscher«, meinte Larn.
»Dieses neue Land ist auch für die Tiere fremd.
Das wird es sein, was sie beunruhigt.«
»Ja, du hast sicher Recht.« Sie hatten die
beiden Reittiere etwa eine halbe
Speerwurfweite abseits ihres Lagers
angebunden.
Die Frekkeuscher rochen streng und zogen
Mücken und anderes Ungeziefer an, weshalb es
wenig ratsam war, in ihrer unmittelbaren Nähe
zu lagern.
Noone entspannte sich ein klein wenig und
legte sich bequemer hin.
»Bist du nicht müde?« raunte Larn und
rückte dabei noch näher an sie heran. Noone
merkte, dass er seinen Fellschurz abgestreift
hatte. Etwas berührte hart und heiß ihr Gesäß.
Larn selbst war offensichtlich nicht müde - ganz
im Gegenteil ...
Noone zeigte sich seinem Ansinnen nicht
abgeneigt. Zum einen, weil es ihre Furcht
zerstreuen und ihre Aufmerksamkeit von den
Geräuschen der Nacht ablenken würde. Und
zum anderen hatte sie zu lange darauf gewartet,
dass Larn sich solcherart für sie interessierte,
als dass sie sich jetzt die Gelegenheit entgehen
lassen wollte.
Seit sie es in der zweiten Nacht nach ihrer
Flucht zum ersten Mal getan hatten, wusste
Noone, dass sie Larn mehr und anders liebte als
einen Bruder, und dass diese Liebe immer
schon ihr gewesen war.
Larn war der erste Mann, dem sie erlaubt
hatte, ihr so nahezukommen, eins zu werden mit
ihr. Er dagegen hatte schon Erfahrungen
gesammelt, aber Noone machte ihm das nicht
zum Vorwurf. Immerhin gereichte ihr Larns
Erfahrung in Liebesdingen zum ganz
persönlichen Vorteil.
In dieser Nacht jedoch war ihr
Zusammensein anders als in den vorherigen.
Weil es ein viel zu frühes, unerfülltes Ende
fand...
7
Noone verkrampfte in Larns Armen, und er
hielt inne.
»Was?« keuchte er, das Gesicht so dicht
über ihrem, dass sie seinen heißen Atem fühlte
und schmeckte.
Noone sah zur Seite, in die Richtung, in der
sie die Frekkeuscher wusste.
»Da! Hör doch!«
Larn folgte ihrem Blick, ohne im Dunkeln
etwas zu sehen - aber er hörte, was auch Noone
hörte!
Aufgeregtes Trappeln, das Sirren und
Schaben von Flügeln, dazu raue rasselnde
Geräusche. Grunzen und Knurren wie von
einem Tier.
Schließlich ein trockenes Reißen und
Knirschen und einen seltsam feuchten Laut, der
sich nahtlos anschloss ...
...und dann flog etwas aus der Nacht heraus
auf sie zu!
Etwas Dunkles, das vor ihnen zu Boden
prallte mit einem dumpfen Ton.
Beiden spritzte etwas Warmes, Klebriges
ins Gesicht.
Das dunkle Ding drehte sich zweimal um
die eigene Achse und kam dann zur Ruhe.
Stumm vor Schrecken und Grauen, aber
immer noch engumschlungen begegneten
Noone und Larn dem Blick aus Augen wie aus
poliertem schwarzen Stein.
Die toten Augen eines Frekkeuschers,
dessen abgerissener Kopf zu ihnen
hingeschleudert worden war!
Noone war nicht in der Lage, auch nur das
kleinste Glied zu rühren.
Wie hypnotisiert starrte sie in die schwarzen
Augen des Heuschreckenschädels, unter dem
sich der Boden dunkel färbte von Nässe.
Ihr Magen schien sich in ein Nest von
Würmern verwandelt zu haben, die sich wanden
und ineinanderschlangen und dabei zugleich
versuchten, ihrer Kehle entgegenzukriechen.
Larn jedoch überwand den Schrecken
binnen eines Herzschlags. Er reagierte. Und er
tat es schnell und gezielt.
Er rollte von Noone herab und zum Feuer
hin.
Ein Tier - und nur ein Tier konnte die
grausige Tat verübt haben, davon war Larn
überzeugt - würde die Flammen fürchten.
Während er auf die Füße sprang, griff Larn
blind nach seiner Waffe, fand und packte sie. Er
hatte sie selbst gebaut: ein halbmannslanger
Stock, feuergehärtet und gut in den Händen
liegend, an dessen Enden jeweils eine Klinge
eingearbeitet und befestigt war, etwa eine Elle
lang, leicht geschwungen und beidseitig
geschliffen.
Larn hielt das Stockschwert, wie er es
nannte, mit beiden Händen schräg vor sich und
sah sich nach allen Seiten um. Es war
unmöglich, etwas auszumachen. Die Nacht
schien das Land verschlungen zu haben. Aber
was immer sich dort draußen herumtrieb und
wenigstens eines ihrer Reittiere getötet hatte, es
war noch da. Es war noch zu hören. Und es
klang nicht so, als sei sein Hunger - oder auch
nur seine Lust am Töten - schon gestillt.
Ein kehliges Grollen drang aus der
Dunkelheit und das Geräusch rasselnden
Atmens, angereichert mit Lauten, die nicht
einzuordnen waren. Weder Larn noch Noone
hatten je zuvor auch nur Vergleichbares gehört.
Und Schritte. Schleifende, dumpfe Schritte. Die
mal nach rechts wanderten, dann wieder nach
links und dabei immer näher und näher kamen,
ohne besondere Eile, aber stetig.
»Bei allen Göttern«, wisperte Noone. »Was
kann das nur sein?«
»Ein Tier«, erwiderte Larn knapp und ohne
sich nach seiner Gefährtin umzuwenden. Aus
geschmälten Augen starrte er in die Dunkelheit.
Noch sah er nichts. Aber sobald er etwas sah,
irgendeine Bewegung, würde er reagieren,
sofort. Er bewegte seine Waffe, als stehe er
bereits einem Widersacher gegenüber. Die
Klingen an den Stockenden schimmerten rötlich
im Licht der Flammen, als hätten sie bereits
Blut gekostet.
»Was für ein Tier?« fragte Noone atemlos.
»Das werden wir bald wissen«, meinte
Larn.
Er rechnete mit einer Rasse, die im Norden
nicht anzutreffen war.
8
»Es könnte auch ein Dämon sein, Larn«,
fuhr Noone mit zitternder Stimme fort. »Aus
Orguudoos finsterem Reich. Die Horde könnte
ihn beschworen haben, damit er uns folgt und
bestraft.«
Larn nickte vage. Ja, das sähe dem
Schamanen und den Ältesten ähnlich ...
Trotzdem glaubte er nicht recht daran. Zum
einen, weil sein Glaube an Götter und Dämonen
ohnedies auf tönernen Beinen stand - und zum
anderen witterte er das Ding im Dunkeln jetzt!
Und was da um sie herumschlich, roch
eindeutig wie ein Tier, scharf und beißend, nach
Kot und Urin, nach Blut und Aas. Es hielt sich
verborgen, suchte nach dem wunden Punkt
seiner Beute, wartete auf den Moment, da sein
Opfer einen Fehler beging oder nachließ in
seiner Aufmerksamkeit.
Larn sprang zurück, landete neben der
Feuerstelle und stieß eine der Klingen seines
Stockschwertes in die Glut. Dann rührte er
darin wie in einem Kessel. Brennende
Holzstücke verteilten sich im näheren Umkreis.
Die Nacht wich ein Stück zurück, die Lichtinsel
wuchs.
Larns Blick reichte fünf, sechs Ellen weiter
als eben noch. Weit genug. Denn er sah - das
Ding. Das, was er vor zwei, drei Herzschlägen
noch für ein Tier gehalten hatte. Es stand genau
dort, wo der Widerschein des Feuers und das
Dunkel der Nacht ineinander übergingen. Und
es war kein Tier, daran konnte es nicht den
mindesten Zweifel geben.
Larn wusste nicht, was es war...aber in
jedem Falle war es eine Kreatur, die es auf
dieser Welt nicht geben durfte!
Matts Fäuste schlossen sich fester um das
Lenkrad des Jeeps, und er versuchte seine
gesamte Aufmerksamkeit auf das Fahren zu
konzentrieren.
Es gelang ihm nicht.
Weil er an die Menschen denken musste.
Die Menschheit hatte die vielleicht größte
Veränderung ihrer Geschichte durchgemacht.
Sie hatte durch die Kometenkatastrophe ihre
Rolle als Krone der Schöpfung eingebüßt. Sie
beherrschte die Erde nicht mehr. Ihr Dasein war
zu einem täglichen Kampf ums Überleben in
einer feindlich gesonnenen Welt geworden.
Und sie führte diesen Kampf mit primitivsten
Mitteln.
Genau das war der Punkt, der Matthew
Drax am meisten Kopfzerbrechen bereitete: Die
Menschen hatten sich nicht weiterentwickelt.
Vielmehr schien sich die Evolution umgekehrt
zu haben. Die Menschen, die Matt Drax
kennengelernt hatte, konnten geradewegs der
Eisenzeit entsprungen sein! Sie waren .. .
Barbaren.
Aber genau das konnte unmöglich sein!
Nicht, wenn alles andere, was er sich
zusammengereimt hatte, den Tatsachen
entsprach.
Die Menschheit dieser Zeit musste sich auf
die Überlebenden der Kometenkatastrophe
gründen.
Und ganz gleich, wie viel Zeit seither
vergangen war, das technische Wissen und alle
Erkenntnisse dieser Überlebenden konnten
nicht vollkommen verloren gegangen sein.
Das Know-how hätte weitergegeben werden
müssen, von Generation zu Generation.
Selbst in dieser neuen Welt hätte es etwas
wie technische Entwicklungen und Errungenschaften
geben müssen, basierend auf dem,
was die Menschheit zu Beginn des 21.
Jahrhunderts gekannt hatte.
Aber dem war nicht so.
Die heutigen Menschen hatten mit Technik,
wie Matt sie kannte, nichts im Sinn; im
Gegenteil hielten sie alles, was auch nur
ansatzweise damit zu tun hatte, für Zauberei. Es
schien, als sei alles Wissen, das die Menschheit
in ihrer langen Geschichte gesammelt hatte,
ausgelöscht worden. Als habe eben diese
Geschichte von neuem begonnen.
9
Und Matt Drax war in einem ihrer ersten
neuen Kapitel gelandet, oder besser gesagt:
bruchgelandet.
Als »Christopher-Floyd« - benannt nach
seinen Entdeckern, zwei schottischen
Hobbyastronomen - am 8. Februar 2012 auf den
blauen Planeten zugerast war, hatte Commander
Matthew Drax eine Staffel von Düsenjägern in
der Stratosphäre über Europa befehligt.
Zusammen mit den Besatzungen zweier
weiterer Jets hatten sie beobachten sollen, was
der Beschuss des Kometen mit Interkontinental-
Raketen bewirkte.
Nichts. Gar nichts hatte die verzweifelte
Aktion zur Rettung der Welt bewirkt.
Unbeeindruckt war »Christopher-Floyd« auf
Vernichtungskurs geblieben. Und wie berechnet
hatte er um 16:44 Uhr mitteleuropäischer Zeit
die Erde getroffen.
Matt erinnerte sich kaum an den Einschlag.
Irgendetwas war geschehen. Mit ihm, mit
seinem Jet. Die Druckwelle, sicher. Aber da
war noch etwas anderes gewesen. Nur - was?
Als er aus einer scheints kurzen Ohnmacht
erwacht war, hatte sich der Jet über den
südlichen Alpen befunden. Und während sich
sein wissenschaftlicher Copilot Prof. Dr. Jacob
Smythe mit dem Schleudersitz rettete, hatte
Matt eine Notlandung hingelegt.
Damit hatten endlos lange Tage begonnen,
bestimmt und erfüllt von Alpträumen und
Schmerzen. Bis sie ihn gefunden und gerettet
hatten. Menschen.
Menschen allerdings, wie Matt Drax sie im
Leben noch nicht gesehen hatte. Weil sie einer
prähistorischen Zeit zu entstammen schienen.
Gewandet in Felle, bewaffnet mit schlichten
Schwertern und Speeren und eine ganz eigene
Sprache sprechend, die er nie zuvor gehört
hatte.
Die Barbaren hatten ihn aufgenommen und
gepflegt. Nicht, wie Matt Drax bald feststellte,
aus purer Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft,
sondern weil sie ihn für einen Gott hielten. Oder
einen Sendboten ihrer Götter wenigstens, der
auf einem »Feuervogel« reitend zu ihnen
geschickt worden war.
»Maddrax« nannte ihn die Horde, die vom
Norden gen Süden zog, weil man dort offenbar
so etwas wie das Gelobte Land zu finden hoffte;
Südland nannten sie dieses Ziel ihrer Träume.
Und eine Zeitlang war Matt Drax mit diesen
Menschen gezogen.
Vor zwei Tagen hatte er sich von ihnen
getrennt, nachdem der Stamm bei Bologna von
schrecklichen, vier Meter langen Erdschlangen
angegriffen worden war. Der frühere Schamane
des Stammes hatte sie ihnen, von Neid auf den
Gott Maddrax zerfressen, auf den Hals gehetzt.
Die Horde hatte einen hohen Preis an Leben
zahlen müssen. Aber auch Baloor selbst war
dabei umgekommen.
Sorban, der Häuptling hatte entschieden,
dass dieses Land von den Göttern verlassen
war, und die Umkehr nach Norden befohlen.
Matt Drax aber wollte seine Kameraden und die
beiden Wissenschaftler finden - und sein Weg
wies nach Süden.
Den Jeep hatte Matt auf dem Gelände einer
früheren Kaserne in Bologna entdeckt. In einer
ölgefüllten Werkstattgrube hatte das Vehikel
die Zeit erstaunlich gut überstanden, und so
hatte er den Jeep geborgen und flottgemacht.
Zwar stank die Mühle immer noch erbärmlich
nach altem Öl, aber der Motor lief, wenn auch
nicht rund. Die Sitzgestelle hatte Matt
provisorisch mit Fellen aufgepolstert. Und auf
der Ladefläche waren acht Benzinkanister fest
verzurrt.
Jetzt also fuhr er gen Süden. In die
Richtung, in die angeblich ein weiterer
»Feuervogel« geflogen war! Diese Information
hatte Matt in Bologna erhalten, und sie war Öl
auf das Feuer jener Hoffnung, die er seit
Wochen hegte: dass es die beiden anderen Jets
seiner Staffel ebenfalls in diese Zeit
verschlagen hatte.
Matt gestand sich ein, dass diese Hoffnung
im Grunde egoistisch war. In den Wochen seit
seinem Absturz hatte er sich mehr als nur
einmal gefragt, ob der Tod nicht die bessere
Alternative gewesen wäre. Er war gefangen in
einer Welt, die nicht mehr die seine war. Und
seine Zukunft . . . nun, seine Zukunft war
10
bestenfalls ungewiss. Durfte er also jemand
anderem wünschen, dieses Schicksal zu teilen?
»Jedes Leben ist besser als der Tod«,
flüsterte Matt Drax in die Nacht. Aber es klang
selbst in seinen Ohren nur nach dem, was es
war: schal und nach dem faden Versuch, sich
selbst mit aller Gewalt Mut zu machen.
Noch ein Geständnis musste Drax vor sich
ablegen. Er suchte nicht nur aus Kameradschaft
nach den anderen. Natürlich waren
Freundschaft und daraus resultierendes
Pflichtgefühl der maßgeblichste Grund seiner
Suche.
Aber es gab noch einen weiteren: Wenn er
die anderen fand, würde er nicht mehr der
einzige Fremde sein in dieser Welt und Zeit.
Nicht mehr allein.
Auch dieser Gedanke war unfair, erkannte
Matt. Denn er war nicht allein. Er wandte den
Kopf und sah zum Beifahrersitz. Zu Aruula.
Aruula, das Barbarenmädchen. Das sich
Maddrax zuliebe von seiner Horde getrennt
hatte, um ihn zu begleiten.
Aruula schlief, obwohl der Jeep ständig
über Unebenheiten des Waldbodens rumpelte
und Matt das Fahrzeug im Zickzack zwischen
den Bäumen hindurchlenkte. Ein klein wenig
beneidete er seine Gefährtin um diesen Schlaf.
Und zugleich bedauerte er es, sie nicht länger
im Mondlicht betrachten zu können, weil er
sein Augenmerk wieder nach vorne richten
musste.
Denn Aruula war schön. Trotz ihres
verfilzten Haares und des Schurzes aus
Taratzenfell, den sie trug. Sie war schön, sie
war klug und mutig und stark.
In einer anderen Zeit und Welt wäre Aruula
ein Mädchen zum Heiraten gewesen . . .
Matt Drax verzog das Gesicht und
konzentrierte sich wieder aufs Fahren. Er hatte
eine gescheiterte Ehe hinter sich ...
Andererseits, seine Scheidung war ein paar
hundert Jahre her. Womöglich war er in der
Zwischenzeit ja reif für eine neue Beziehung .. .
Er grinste jungenhaft und, fast ohne es zu
merken, streckte er die rechte Hand nach
Aruula aus und berührte ihre nackte Haut.
Samten und weich war sie, trotz des rauen
Lebens, das Aruula führte.
Ganz kurz hatte Matt den Eindruck, sie
würde blinzeln. Aber als er genauer hinsah,
bewegten sich ihre Lider nicht. Einzig Aruulas
Atem schien ein klein wenig schneller zu gehen
als noch vorhin, und um ihren Mund hatte sich
die Andeutung eines Lächelns gelegt. Der
Gedanke, dass sie sich nur schlafend stellte und
die Berührung seiner Hand auf ihrer bloßen
Haut still genoss, verursachte Matt ein
Kribbeln, wie er es lange nicht mehr verspürt
hatte.
Viel zu lange nicht. . .
Aruula brachte ihm mehr als nur
freundschaftliche Gefühle entgegen. Als sie ihn
noch für einen Gott gehalten hatte, war sie
sogar ohne zu zögern willens gewesen, sich ihm
hinzugeben, um ein Kind von ihm zu
empfangen. Matt hatte das Angebot abgelehnt.
Aber auch jetzt, da Aruula wusste, dass der
Mann, den sie Maddrax nannte, kein Gott war
sondern nur ein Mensch (wenn auch kein
gewöhnlicher in ihrem Sinne), fühlte sie sich
dennoch zu ihm hingezogen. Immerhin hatte sie
seinetwegen die Horde, die ihre Familie
gewesen war, verlassen.
Und Matt konnte seinerseits nicht leugnen,
dass er die Gefühle der jungen Barbarin
erwiderte. Mehr noch, er fühlte sich ihr
verbunden wie noch nie jemandem zuvor. Was
nicht zuletzt daran lag, dass Aruula ihn
gewissermaßen in- und auswendig kannte.
Obwohl seit ihrer ersten Begegnung erst ein
paar Wochen vergangen waren.
Aruula verfügte über ein besonderes Talent.
Sie vermochte hinter die Dinge zu sehen,
Menschen zu durchschauen. Sie empfing
Stimmungen und Gedanken. Lauschen nannte
Aruula diese Gabe. In der Zeit, aus der Matt
kam, hieß sie Telepathie.
Dieser Fähigkeit wegen machte Aruula
auch geradezu rasante Fortschritte im Erlernen
der englischen Sprache. Schon als sie noch bei
der Horde gewesen waren, hatte Aruula sich in
gebrochenem Englisch mitteilen können. Und
in der kurzen Zeit, da sie nun zu zweit
11
unterwegs waren, hatte das Mädchen
erstaunlich viel dazugelernt.
Matt zweifelte nicht daran, dass sie ihre
Sprachkenntnisse mittels ihrer Gabe direkt aus
ihm bezog. Er hatte sich nie sonderlich mit PSITalenten
befasst, allerdings auch nicht daran
gezweifelt, dass es sie gab. Und Aruula war ihm
nun der lebende Beweis dafür.
Er selbst war sprachlich keineswegs
unbegabt. Neben seiner Muttersprache konnte
er sich ganz gut auf Deutsch verständigen,
schließlich war er die letzten Jahre auf einer
Militärbasis in der Nähe von Berlin stationiert
gewesen. Außerdem sprach er leidlich
Französisch.
Trotzdem - und obwohl es sich zumindest
teilweise aus eben diesen drei Sprachen
zusammensetzte - hatte er bislang nicht gelernt,
sich im Idiom der Menschen dieser Zeit
fließend zu verständigen. Er kannte zwar eine
ganze Reihe von Begriffen, war aber immer
noch auf Gesten angewiesen, um sich
verständlich zu machen.
Aruula wurde jedoch nicht müde, ihn zu
unterrichten. Und so lange sie nicht auf eine
Spur des zweiten »Feuervogels« stießen, hatten
sie ja auch wenig anderes zu tun, als sich
gegenseitig Sprachunterricht zu erteilen.
Matts Gedanken kamen ins Stocken, als er
schräg voraus plötzlich einen sanften
Lichtschimmer zwischen den Bäumen
entdeckte. Was war das - ein Lagerfeuer?
Was sonst? Matt hatte einsehen müssen,
dass es alltägliche Dinge wie Glühbirnen oder
Taschenlampen in dieser Welt nicht mehr gab.
Eines blieb sich trotzdem gleich: Wo die Nacht
durch ein Licht erhellt wurde, hielten sich meist
auch Menschen auf!
Matt korrigierte die Fahrtrichtung und
tastete gleichzeitig zu Aruula hinüber, rüttelte
sie sanft. Die junge Barbarin fuhr aus dem
Schlummer hoch - und war sofort hellwach. Sie
hatte früh gelernt, dass jede Störung des Schlafs
mit einer akuten Gefahr zusammenhängen
konnte.
Matthew behielt seine Hand auf ihrer
Schulter. »Alles in Ordnung«, beruhigte er sie.
»Siehst du das Feuer?« Er wies nach vorn.
»Schauen wir nach, was es damit.«
Er kam nicht dazu, den Satz zu vollenden.
Denn im selben Moment klang in der Ferne ein
Schrei auf, hell und schrill, der sogar das
Brummen des Motors übertönte.
Der panische Schrei einer Frau!
Einen zeitlosen Augenblick lang geschah
gar nichts. Alles schien wie erstarrt; selbst der
Wind hatte sich gelegt und alle Geräusche
waren verstummt.
Dann begann Noone zu schreien. Nicht laut
und spitz.
Der Schrei stieg wie stückweise in ihrer
Kehle hoch, um dann über ihre Lippen zu
brechen. Und er wirkte wie ein Startzeichen.
Auf einmal kam wieder Bewegung in die
Szenerie. Es war, als habe die Welt selbst den
Atem angehalten, und jetzt holte sie wieder
Luft, und das Herz aller Dinge schlug schneller
und kräftiger als zuvor.
Larn setzte mit einem Sprung zwischen
Noone und die monströse Kreatur, um seiner
Gefährtin weiterhin Deckung zu geben. Und
auch das ... Ding bewegte sich. Ohne sich
jedoch von der Stelle zu rühren. Es duckte sich,
erweckte den Eindruck, als würde es in sich
hineinschrumpfen und blieb dabei doch
riesengroß.
Auf den ersten Blick mochte man meinen,
einer der knotigen Bäume, die den Rand der
Lichtung säumten, sei unversehens zum Leben
erwacht. Die Haut des furchteinflößenden
Wesens wirkte in Struktur und Farbe wie Rinde.
Darunter zogen sich die Muskelstränge
knorrigen Ästen und Wurzeln gleich hin, so
prall, dass die narbige Haut fast zu bersten
schien unter dem gewaltigen Druck.
12
Lam selbst war kein Winzling, ganz im
Gegenteil. Er war einer der stattlichsten jungen
Burschen seiner Horde gewesen. Aber die
Kreatur, die ihm hier gegenüberstand, überragte
ihn um beinah zwei Haupteslängen - obwohl sie
leicht vornüber gebeugt dastand und den
Schädel etwas zwischen die Schultern gezogen
hatte.
Dieser Schädel. ..
Larn musste an sich halten, um nicht zu
schaudern. Denn der Kopf dieser Kreatur war
es, der ihm am meisten Unbehagen verursachte,
obwohl schon die kraftstrotzende titanenhafte
Gestalt.des anderen furchteinflößend war. Denn
dieser Kopf war - trotzdem die Züge verformt
und verzerrt waren - zweifelsohne der eines
Menschen!
Zu weiteren Betrachtungen oder gar
Überlegungen kam Larn nicht. Denn die
Kreatur griff an!
Aus dem Stand sprang sie auf Larn zu.
Allein die Kraft, die in ihren Beinen steckte,
musste gewaltig sein. Denn der Koloss flog fast
wie schwerelos heran, rasend schnell und mit
vorgestreckten Armen und aufgerissenem Maul,
aus dem ein Brüllen drang, laut wie aus hundert
Kehlen.
Aber auch Larn war schnell und in diesem
ersten Schlagabtausch schneller als sein
Kontrahent. Er steppte zur Seite, stieß aber
seine Waffe in einer Drehbewegung nach dem
Gegner und gab ihm beide Klingen zu
schmecken. Eine fuhr dem anderen übers
Gesicht und hinterließ eine gut fingerlange
Wunde, die andere traf seine nackte Schulter -
und richtete so gut wie gar nichts aus!
Es war, als habe Larn gegen Fels
geschlagen. Muskeln und Fleisch unter der Haut
schienen wie aus Eisen.
Einen winzigen Moment lang gab Larn sich
dieser Überraschung hin. Ein Moment, der
seinem Gegner genügte.
So schnell und geschmeidig, wie man es
seiner klobigen Gestalt nie zugetraut hätte,
wirbelte er herum!
Zwar gelang es Larn noch, die Waffe
hochzureißen und dem Angreifer die Klingen -
links, rechts, links - entgegenzustoßen, aber der
Riese ignorierte die Treffer, ja er schien sie
nicht einmal zu spüren.
Die Faust des anderen war so groß wie
Larns Kopf. Und als sie auf ihn zuraste, schien
sie ihm noch um vieles größer!
Als sie ihn dann traf, mitten ins Gesicht,
hatte Larn das schreckliche Gefühl, der Kopf
würde ihm vom Hals gerissen. Er verlor den
Boden unter den Füßen, hob ab und flog, zwei,
drei Mannslängen weit. Dann schlug er hin, so
hart, dass er meinte, jeder Knochen in seinem
Leib würde brechen. Und die Nacht senkte sich
über ihn wie flüssige Schwärze - wenn auch nur
für die Dauer von zwei oder drei Herzschlägen.
Die kurze Zeitspanne allerdings reichte der
ungeheuren Kreatur, um sich Noone
zuzuwenden und das Mädchen zu packen. Ihr
schriller Schrei war es, der Larn aus der
Benommenheit holte. Dennoch kam er sich vor
wie von fremdem Willen gelenkt, als er auf die
Füße sprang und, selbst einen Schrei auf den
Lippen, in Richtung des Widersachers rannte.
Das hässliche Ding hielt Noone mit einer
Pranke fest. Seine Finger lagen um den Hals des
Mädchens, und die Kreatur schien ihre riesige
Hand kurzerhand zur Faust ballen zu wollen,
um Noones Kehle und Genick zu zermalmen.
Schon jetzt hing sie wie tot im Griff des
Ungetüms, reglos und stumm.
Larn stieß sich ab. Jagte flach in der Luft
liegend auf die Kreatur zu, die Waffe wie eine
Lanze vorgestreckt. Die Klinge musste ihr in
den Rücken dringen, jetzt! Die Bewegung des
Monstrums war kaum zu sehen. Ohne auch nur
in Larns Richtung zu schielen, hatte es eines
seiner stämmigen Beine genau im richtigen
Moment hochgerissen, Larn getroffen und zu
Fall gebracht, und in derselben Bewegung
stellte es dem jungen Mann den Fuß quer über
den Nacken und verstärkte den Druck.
Larn glaubte schon zu hören, wie sein Hals
brach. Der Schmerz wuchs. Glühende Pfeile
schossen ihm durch den Hinterkopf und bohrten
sich in seine Schädeldecke. Er wollte schreien,
aber der Dreck, der ihm in den Mund drang,
erstickte jeden Laut.
13
Der Tritt des Ungetüms hatte Larn das
Stockschwert aus den Händen geprellt. Mit
ausgestreckten Fingern versuchte er den Schaft
zu greifen. Zwecklos. Nicht mehr als eine halbe
Elle trennte ihn von seiner Waffe, aber ebenso
gut hätte sie einen Speerwurf entfernt sein
können.
Dann spürte er, wie der Waldboden unter
ihm zu vibrieren begann. Erst ganz sacht, dann
stärker. Ein dröhnendes Geräusch drang an sein
Ohr und wurde lauter. Ein Röhren und Heulen.
Offenbar war der schreckliche Riese nicht der
einzige seiner Art. Andere schienen
nachzurücken. Vielleicht, um ihn zu
unterstützen. Vielleicht, um ihm seine Beute
streitig zu machen ...
Nur ein Gedanke verschaffte Larn noch
Erleichterung: dass es gleich vorbei sein
musste. Dass sein Genick brechen musste unter
dem Druck des Ungeheuers. Und er hoffte, dass
Noone schon tot war. Dass der Kerl das
Mädchen nicht leben ließ, um ihr Leiden noch
zu verlängern . . .
Seine Gedanken drifteten ab in eine andere
Richtung. In eine, die ihm fast fremd geworden
war.
Stumm rief Larn jene, an denen er so offen
gezweifelt hatte. Er flehte die Götter an, dass
sie ihm verzeihen, dass sie ihm und Noone
helfen mochten - und sei es nur mit einem
raschen Tod!
Matt drückte das Gaspedal durch. Der
Motor heulte auf wie ein waidwundes Tier, und
der Jeep vollführte einen Satz nach vorn.
Noch immer schien der panische Schrei in
der Luft zu zittern, Ein Stück jenseits der
Fahrzeugschnauze glomm das rotgoldene Licht
des Lagerfeuers zwischen den Bäumen. Matt
hielt direkt darauf zu. Vor ihnen tauchten zwei
Frekkeuscher auf, kamelgroße Heuschrecken,
die von den Barbarenhorden als Reit-und
Lasttiere benutzt wurden. Sie lagen tot in ihrem
Blut, das den Waldboden tränkte. Einem der
Tiere war der Kopf abgerissen worden, das
andere war ungleich schlimmer zugerichtet.
Dunkle Schemen schälten sich jetzt aus dem
wabernden Licht, wie Scherenschnitte. Über das
Röhren des Motors hinweg vernahmen Matt
und Aruula ein weiteres, fast ähnliches
Geräusch. Es klang furchteinflößend, wie das
kehlige Brüllen eines hungrigen Raubtiers.
Dann erreichte der Jeep die kleine Lichtung,
schoss über das Ufer der Insel aus Kupferlicht.
Und dort. . .
Das Szenario unter dem bleichen Mondlicht
schien für eine halbe Sekunde einzufrieren.
Nichts rührte sich mehr. Matt Drax sah es wie
das Standbild auf einem Monitor.
Eine titanische Kreatur hielt mit einer Hand
den Hals einer jungen Frau umfasst. Das
Mädchen hing reglos im Griff des Riesen, einen
knappen Meter über dem Boden. Mit dem Fuß
drückte der Kerl einen jungen Mann nieder und
verdammte ihn zur Reglosigkeit.
Es war auf den ersten Blick unmöglich zu
sagen, ob die beiden noch lebten. Sie rührten
sich nicht, und zudem fing der Riese Matts
ganze Aufmerksamkeit ein. Wie gebannt starrte
der Mann aus der Vergangenheit den
Muskelprotz an.
Wobei Muskelprotz noch untertrieben war.
Gegen diesen Kerl nahm sich jeder Bodybuilder
aus wie ein halbes Hemd. Unter seiner Haut
türmten sich die Muskelberge buchstäblich. Sie
ließen ihn ungestalt wirken, fremd und bizarr,
monströs eben.
Aber als der andere den Kopf wandte, war
Matt hundertprozentig sicher, es mit einem
Menschen zu tun zu haben. Sein Gesicht war,
obwohl zu einer grotesken Fratze verzerrt,
unverkennbar das eines Mannes.
Matt dachte unweigerlich an den Incredible
Hulk, dessen Comic-Abenteuer er als Kind
verschlungen hatte. Dem Typen vor ihm fehlte
es nur an der grünen Hautfarbe, dann hätte er
14
dem in Rage geratenen Giganten Konkurrenz
machen können.
Den befremdlichen, Seitenblick, den Aruula
ihm zuwarf, als ihm dieser Vergleich durch den
Kopf ging, ahnte Matt mehr als dass er ihn
wirklich wahrnahm. Sein Blick blieb geradeaus
gerichtet, seine Konzentration galt dem Lenken
des Jeeps.
Sein erster Gedanke war gewesen, den
unheimlichen Hünen kurzerhand zu rammen,
ihn einfach über den Haufen zu fahren. Aber
das durfte er nicht wagen, sonst hätte er auch
den jungen Mann und das Mädchen in Gefahr
gebracht.
Also disponierte er um. Jagte den Jeep über
die verstreut liegenden brennenden Äste. Sie
spritzten unter den Reifen weg, und dem Riesen
mochte es vorkommen, als spucke das eiserne
Ungetüm, das da röhrend auf ihn zuraste, Rauch
und Feuer.
Kurz bevor er den Kerl tatsächlich auf die
Hörner nehmen konnte, trat Matt auf die
Bremse, ohne vom Gas zu gehen, und kurbelte
am Lenkrad. Der Jeep driftete halb um seine
eigene Achse. Die Reifen wühlten Erdreich auf
und schleuderten es dem anderen entgegen. Der
Riese riss reflexhaft den Arm hoch, um sein
Gesicht zu schützen.
Und Aruula sprang. Sie hatte ihr Schwert
samt der fellumwickelten Scheide neben dem
Sitz verstaut gehabt.
Während Matt auf den Riesenkerl
zugefahren war, hatte sie die Waffe gezogen.
Und als er den Jeep jetzt in die Kurve zwang,
stieß sie sich ab.
Ihr ohrenbetäubender Kampfschrei
durchschnitt die Luft.
Dann prallte sie gegen den Koloss. Matt
hörte ein dumpfes Geräusch.
Aruulas Wucht reichte, um den anderen ins
Wanken zu bringen. Aber er fiel nicht,
strauchelte nur. Trotzdem ließ er von seinen
Opfern ab, wenn auch nur im Reflex.
Aruula war zu Boden gestürzt, verlängerte
ihren Sturz jedoch in eine Rolle und stand
schon wieder auf den Beinen, als der Gigant
sich in ihre Richtung wandte. Aruula richtete
das Schwert gegen den anderen, wechselte es
von der rechten in die linke Hand und wieder
zurück.
Dann täuschte sie einen Angriff vor, tat so,
als wolle sie den Gegner direkt angehen. Seine
Faust schoss vor. Aruula steppte zur Seite,
sprang vor, brachte sich neben ihren
Kontrahenten. Ihre Klinge verwandelte sich im
Widerschein des Feuers in einen rotgoldenen
Blitz, der aus zwei, drei Richtungen gleichzeitig
auf den Hünen zuzuflirren schien, so rasend
schnell schwang die junge Barbarin ihre Waffe.
Zweimal traf sie ihn mit der Schneide.
Seltsam dumpfe Laute entstanden dabei, als
schlage sie die Klinge mit aller Kraft in
hartgebackenes Erdreich. Den dritten Streich
führte Aruula mit der Schwertspitze. Sie stieß
dem Koloss die Waffe entgegen und ...
... im nächsten Moment wurde sie ihr aus
der Hand gerissen!
Die Spitze der Klinge war fast fingertief in
den gewaltigen Bizeps des Riesen gefahren. Er
musste Schmerz verspüren - er hatte auf
gebrüllt, als Aruula ihn traf - aber er schien
nicht wirklich beeinträchtigt.
Ansatzlos stieß er ihr die Faust entgegen.
Aruula schaffte es gerade noch, den Kopf zur
Seite zu nehmen. Der Hieb streifte ihr Gesicht
nur, aber die Kraft darin hob die Barbarin
trotzdem aus.
Hart schlug Aruula gegen einen
Baumstamm und rutschte daran entlang zu
Boden.
Ein, zwei Sekunden lang wollte finsterste
Nacht ihr Bewusstsein fluten. Sie drängte die
Dunkelheit mit eisernem Willen zurück.
Als sie wieder klar sah, füllte eine riesige
Pranke ihr Blickfeld aus. In der nächsten
Sekunde gruben sich knotige Finger in ihr
langes Haar und rissen sie hoch. Aruula schrie
auf vor Schmerz.
Der andere holte Schwung, ohne ihre
Mähne loßzulassen. Er wollte das Mädchen
kurzerhand gegen den nächstbesten Baum
schleudern, um ihren Widerstand und etliche
Knochen in ihrem Leib zu brechen. Und Aruula
sah sich außerstande, irgendetwas dagegen zu
15
tun. Dieser unbändigen Kraft hatte sie nichts
entgegenzusetzen. Sie glaubte schon den
mörderischen Anprall zu spüren...
... als plötzlich ein krachender
Donnerschlag ertönte! Dutzendfach hallte er
nach in der Nacht.
Und der Hüne erstarrte inmitten der
Bewegung.
Aber er war nicht tot. Er fiel nicht. Wankte
nicht einmal. Stand einfach nur da wie zu Stein
erstarrt.
Dann stieg ein grollender, anschwellender
Laut in seiner Kehle hoch, kam ihm als Knurren
über die wulstigen Lippen, und wie in Zeitlupe
drehte er sich um.
Matthew Drax blieb unbewegt stehen. In
Combat-Stellung, die Beine leicht gespreizt, die
Arme vorgestreckt und die Armeepistole in der
rechten Faust, die er mit der linken abstützte.
Die Beretta 98 G Double Action zählte zu den
wenigen Dingen, die Matt Drax noch aus
»seiner« Zeit besaß.
Sie hatte sich - neben anderen nützlichen
Dingen - in dem Notcontainer befunden, den
Aruula aus dem Wrack seines Jets geborgen
hatte.
Das monströse Kraftpaket starrte in das
schwarze Mündungsloch, als gebe es darin
etwas ausnehmend Interessantes zu sehen.
Aruulas Kampf mit dem Giganten hatte nur
ein paar Sekunden gedauert. Rasend schnell war
alles vonstatten gegangen. Matt hatte es nicht
eher wagen können, einen Schuss abzugeben.
Zu groß war die Gefahr gewesen, Aruula zu
treffen.
Das Geschoss hatte dem Riesen ein
fingernagelgroßes Loch dicht unterhalb der
linken Schulter in den Leib gestanzt. Matt hatte
gehofft, die Kugel würde dem anderen ins Herz
fahren. Aber diese Hoffnung hatte sich nicht
erfüllt - so wenig wie Aruulas Schwert den
Hünen ernsthaft hatte verletzen konnte,
vermochte es auch ein Schuss. Muskeln und
Fleisch dieses Typen schienen hart wie Fels zu
sein. Die Kugel musste einfach darin
steckengeblieben sein, bevor sie bis zum
Herzen vorgedrungen war.
Dieser Kerl war wenig mehr als eine
Maschine. Unzerstörbar, nicht aufzuhalten. Und
sein einziger Daseinszweck schien das Töten zu
sein. In seiner entstellten Visage las Matt nur
unbändigen Hass, ziellosen Zorn und blanke
Mordlust. Zusammen ergaben sie Wahnsinn in
reinster Form.
Knurren und Grunzen wie das eines Tieres
schlugen Matt Drax entgegen. Dann machte der
andere einen Schritt in seine Richtung und
setzte an zu einem zweiten. Angst oder auch nur
Vorsicht schienen ihm fremd zu sein.
Matt wusste, dass der Typ ihn nicht
verstehen würde. Die Worte kamen ihm wie
von selbst über die Lippen: »Keinen Schritt
weiter!«
Natürlich verfing die Warnung nicht. Der
andere kam näher, die Hand immer noch in
Aruulas Haar gekrallt und das Mädchen mit
sich schleifend.
Matt korrigierte die Zielrichtung um ein
paar Zentimeter nach oben. Dann drückte er ab.
Zweimal bellte die Beretta auf. Zwei handlange
Feuerlanzen stachen aus dem Lauf.
Zwei Löcher entstanden auf der Stirn des
Riesen, je anderthalb Fingerbreiten über seinen
dichten Brauen.
Er blieb stehen wie vor die berühmte Wand
gelaufen.
Seine Züge gefroren. Er verdrehte die
Augen nach oben, als wolle er sehen, was ihm
da in die Stirn geschlagen war. Dann schwand
alle Wut aus seiner Mimik und etwas wie ein
staunender Ausdruck trat an ihre Stelle.
Und so starb er endlich. Wie ein gefällter
Baum kippte er vornüber und schlug aufs
Gesicht.
Matt spürte, wie der Boden unter ihm
zitterte.
Während Aruula sich aufrappelte, wandte
Matthew sich nach dem jungen Pärchen um. Er
erwartete Erleichterung in ihren Gesichtern zu
sehen, wurde jedoch enttäuscht.
Sie waren an den Rand der Lichtung
zurückgekrochen, kauerten dort aneinander
geklammert und starrten ihm aus großen Augen
entgegen. Ihre bebenden Lippen formten kaum
16
hörbar ein Wort, wieder und wieder, ohne
Unterlass.
Eines jener Wörter, die Matt Drax aus der
Barbarensprache kannte. Es kam ihm vor, als
würde es ihm aus der Nacht und dem dunklen
Wald zugewispert.
Dämondämondämon.. .
DÄMON!
Aruula übernahm es, die Wogen zu glätten.
Sozusagen den Glauben an böse Geister
auszutreiben. Sie redete auf das junge Pärchen
ein, und was immer sie sagte, schien Früchte zu
tragen. Der junge Mann und seine Gefährtin
wirkten schon wesentlich ruhiger. Und aus den
Blicken, die sie Matt und dem Jeep zuwarfen,
schwanden nach und nach Angst und
Misstrauen.
Matthew wusste nicht, was genau Aruula
den beiden erzählte. Zum einen war er der
Sprache nicht mächtig genug, um Einzelheiten
verstehen zu können, und zum anderen hörte er
sowieso nur mit halbem Ohr hin. Seine
Aufmerksamkeit gehörte vor allem dem Toten.
Vorher, im Zwielicht der niederbrennenden
Feuer hatte er kaum Details erkennen können.
Zudem war alles viel zu schnell abgelaufen, als
dass er den Hünen genauer hätte in
Augenschein nehmen können. Inzwischen aber
hatte Matt Drax ein neues Feuer entfacht, ein
größeres, dessen Schein über die Ränder der
Lichtung und bis in den Wald hinein reichte.
Er hatte den Leichnam unmittelbar neben
die Feuerstelle geschleift. Ein hartes Stück
Arbeit, denn der Koloss musste annähernd
dreihundert Pfund auf die Waage bringen.
Wobei wohl kaum zehn Gramm Fett an seinem
Leib waren . ..
Matt wäre nicht wirklich überrascht
gewesen, hätte er feststellen müssen, es mit
einer Maschine zu tun zu haben. Überraschen
konnte ihn in dieser Welt kaum noch etwas . ..
Aber der Verdacht erhärtete sich nicht. Es
bestand kein Zweifel daran, dass es sich um ein
Wesen aus Fleisch und Blut handelte. Um einen
Menschen.
Wie er zu seiner absonderlichen,
monströsen Gestalt gekommen war, darüber
konnte Matt allenfalls spekulieren.
Die Annahme, dass Mutation infolge von
Strahlung dafür verantwortlich war, lag nahe.
Schließlich war die ganze Schöpfung nach dem
Einschlag von »Christopher-Floyd« aus den
Fugen geraten.
Aber Matt verfolgte den Gedanken nicht
weiter. Zumindest im Moment war die konkrete
Ursache für das Aussehen und die
widernatürliche Kraft dieses Mannes nicht
weiter von Bedeutung.
Die Haut des Giganten fühlte sich ledrig an,
und sie spannte sich über Muskeln und Fleisch,
die tatsächlich hart wie Stein schienen. Dass sie
nicht wirklich aus Stein waren, sah Matt an den
Stellen, wo frische Wunden in der Haut
klafften. Darunter befand sich offenbar ganz
normales Gewebe, durchblutet, auch wenn das
Blut unnatürlich schnell geronnen war.
Abgesehen von diesen Verletzungen fand
Matt eine Unzahl weiterer. Narben zogen sich
kreuz und quer über den Körper des bis auf
einen Lendenschurz nackten Kerls. Und einige
davon schienen aus Wunden hervorgegangen zu
sein, die fast tödlich gewesen sein mussten.
Am meisten jedoch interessierten Matt die
Ketten.
Sowohl die Hand- als auch die Fußgelenke
des Riesen steckten in eisernen Ringen, und an
jedem davon waren kurze Teile einer Kette
befestigt. Das längste Stück bestand aus sechs
Gliedern. Jedes der Kettenfragmente sah
ramponiert aus. Einige Glieder waren verbogen.
Aus diesen Feststellungen leitete sich ein
ganz bestimmter Verdacht wie von selbst ab.
Auch wenn er keinen rechten Sinn ergeben
wollte...
17
Ein Schatten fiel über Matt Drax. Aruula
ließ sich neben ihm auf die Knie nieder. Er
begegnete ihrem fragenden Blick.
Matt zeigte auf die Ketten an den Gelenken
des Leichnams.
»Sieht aus, als sei er gefangen gewesen.«
»Wer hat freigemacht solches Ungeheuer?«
radebrechte das Barbarenmädchen verwundert.
»Ich glaube eher, dass sich der Knabe selbst
befreit hat«, meinte Matt.
»Würde sagen, die Bestie hat ihre Ketten
gesprengt, buchstäblich.« «
Aruula verstand vermutlich nicht Wort für
Wort, was er sagte.
Aber sie sah wohl das entsprechende Bild in
seinen Gedanken, denn sie nickte bedächtig und
murmelte: »Ja, gut möglich. Kraft genug in
diesem Mann.«
Matt richtete sich auf und strich sich
gedankenverloren Staub von den Beinen seiner
völlig verdreckten Fliegermontur. Sein Blick
schweifte ringsum. »Ich hoffe nur, dass es da
draußen nicht noch mehr von seiner Sorte gibt«,
sagte er halblaut.
Aruula hatte sich ebenfalls erhoben und
schüttelte den Kopf.
»Ich spüre nichts. Alles still und -« Einen
Moment lang suchte sie nach dem richtigen
Wort.
Dann fügte sie mit feinem Lächeln hinzu:
»Friedlich.«
Matt erwiderte ihr Lächeln. Dieses
Mädchen war wirklich erstaunlich.
»Beten wir, dass es so bleibt«, sagte er
dann.
»Zu deinen oder meinen Göttern,
Maddrax?« Der Zug um Aruulas Lippen
gewann etwas Spitzbübisches.
»Du bist echt zum Knuddeln.« Matt grinste
und kniff ein Auge zu.
Darauf erwiderte Aruula nichts. Aber im
Funkeln ihrer dunklen Augen las er deutlich:
Dann tu's doch!
Matt räusperte sich und gab sich den
Anschein, als habe er ihren Blick nicht deuten
können. Was in Anbetracht von Aruulas
besonderer Gabe vergebliche Mühe war...
»Was ist mit den beiden?«, fragte er, fast
ein bisschen zu eilig. Mit dem Kinn wies er auf
den jungen Barbaren und das Mädchen, die sie
vor dem Muskelmonster gerettet hatten.
»Auf der Flucht«, antwortete Aruula, und
dann erzählte sie Matt, was sie von den beiden
erfahren hatte. Dass Larn von den Ältesten
seiner Horde wegen Frevelei zum Tode
verurteilt worden war. Dass Noone ihn befreit
hatte und sie seither in Richtung Süden flohen.
Während Aruula sprach, kamen Larn und
Noone näher. Immer noch beäugten sie Matts
Fliegermontur und den Jeep, mit Unbehagen,
doch zumindest die abgründige Furcht war aus
ihren Mienen verschwunden.
Aruula übernahm die Vorstellung und Matt
reichte sowohl Noone als auch Larn
freundschaftlich die Hand, ein aufmunterndes
Lächeln auf den Lippen. Zögernd schlugen die
beiden ein.
Larn drückte gar so fest zu, als müsse er
seinem Gegenüber beweisen, dass er ihm an
Kraft nicht nachstand. Matt tat so, als habe ihm
der junge Mann tatsächlich wehgetan und
schüttelte in übertriebener Geste die Hand.
Dabei grinste er, Larn erwiderte das Grinsen
und das Eis war gebrochen.
Aus dem kleinen Vorrat, den sie im Jeep
mitführten, holte Aruula vier
Schmetterlingspuppen - Lischetten, wie Matt
inzwischen wusste, auch wenn diese Kokons
ungleich größer waren als jede Insektenpuppe,
die er aus seiner Zeit kannte. Unter den
Barbaren galten Lischetten als Delikatesse,
nachdem sie über offenem Feuer ordentlich
gegart worden waren.
Aruula spießte die Lischetten auf
abgebrochene Zweige und verteilte sie dann in
der kleinen Runde. Schließlich nahmen sie alle
vier am Feuer Platz und Matt dachte flüchtig an
die Zeiten zurück, da er als Junge mit seinem
Vater oder Freunden an Campfeuern gesessen
und Marshmellows über den Flammen
gebrutzelt hatte. Hätte er damals
Schmetterlingsraupen gegrillt und gegessen,
wäre er hundertprozentig der coolste unter den
Jungs gewesen ...
18
Ein wehes Lächeln flog über sein Gesicht.
Kaum zu glauben, dass diese Zeit ein paar
hundert Jahre her sein sollte ...
»Wohin?«, fragte er in der Sprache der
Barbaren an Larn und Noone gewandt.
»Landa de midaa?« Letzteres stand für
»Südland«. Dorthin war Aruulas Horde
unterwegs gewesen. Gut möglich also, dass
auch dieses Pärchen jenes sagenhafte Land zum
Ziel hatte.
Doch Larn schüttelte den Kopf.
»Villaga.«
Das hieß »Stadt«, wie Matt wusste. Larn
sprach weiter, doch Matt hatte Mühe, seinen
Ausführungen zu folgen.
Seinen Gesten nach erzählte Larn von einer
sehr großen Stadt, in der es reichlich zu essen
und zu trinken gab. Und in der starke Männer
gefragt waren - so jedenfalls deutete Matt es, als
Larn den Arm anwinkelte und mit der anderen
Hand auf seinen ansehnlichen Bizeps schlug.
Matt wandte sich fragenden Blickes an
Aruula. So gut sie konnte, wiederholte sie Larns
Worte auf Englisch.
»Große Stadt im Süden ist ihr Ziel. Dort
gibt es keine Not. Keinen Hunger und Durst.
Keine gefährlichen Tiere. Zelte aus Stein.
Große ...«
Sie hielt inne, sah Matt tief in die Augen,
als suche sie etwas in seinem Blick, dann fuhr
sie fort: »... Palast?«
»Große Paläste?« half Matt aus, ohne sich
wirklich darüber zu wundern, dass Aruula den
Begriff »Palast« offenbar direkt aus seinem
Wortschatz zutage gefördert hatte.
»Ja, große Paläste«, nickte sie. »Und starke
Männer können großes Glück finden in der
Stadt.«
Für Matt klang das alles reichlich
merkwürdig. Obwohl es ihn auch an das alte
Klischee vom Landjungen erinnerte, der
wahlweise in die weite Welt oder in die große
Stadt zog, um sein Glück zu machen. Manche
Dinge änderten sich wohl doch nie...
»Woher wissen die beiden von dieser
Stadt?«, fragte Matt, und Aruula übersetzte die
Frage. Larn antwortete, dann wandte sich
Aruula wieder an Matt.
»Wanderer haben davon gesagt. Männer,
die Stadt gesehen mit ihren Augen.«
Matt erinnerte sich daran, was Aruula ihm
vor wenigen Tagen erst über Städte in dieser
Zeit erzählt hatte. Dass sie gefährlich seien.
Und dass dem so war, davon hatte er sich im
einstigen Bologna schließlich selbst überzeugen
können.
Aruula wusste einmal mehr, was ihm durch
den Sinn ging. Sie legte ihm die Hand auf die
Schulter. »Städte verschieden. Weiter im Süden
vielleicht anders als im Norden.«
Matt nickte nachdenklich. »Du hast nie von
dieser Stadt gehört?« Mit einer vagen
Kopfbewegung wies er in Larns und Noones
Richtung.
»Vielleicht, vielleicht nicht«, antwortete
Aruula.
»Wandernde Völker erzählen so viele
Geschichten, dass niemand sie zählen kann.
Vielleicht auch von dieser Stadt. Aber ich nie
gehört diese Geschichte,... vielleicht auch nur
vergessen.«
Sie zuckte die Schultern und pflückte die
Lischette vom Ende ihres Spießes. Dann drehte
sie die Puppe ein paarmal in der lockeren Erde
des Bodens hin und her, um sie abzukühlen.
Und schließlich brach sie die Schale auf und
holte das Innere heraus, um es sich mit spitzen
Fingern in den Mund zu schaufeln.
Matt wandte sich an Larn. »Hat die Stadt
einen Namen?« fragte er, wiederum in der
Sprache dieser Zeit - und in der Hoffnung, die
richtigen Worte gewählt zu haben.
Das hatte er offensichtlich. Denn Larn
nickte und antwortete mit vollem Mund und
kauend: »Rooma.«
Ein winziges Grinsen grub sich in Matts
Mundwinkel.
Rooma - das war zur Abwechslung ein
Wort, das nicht nach langwierigen
Interpretationen verlangte. Es lag auf der Hand,
um welche Stadt es sich handelte.
Matts Grinsen vertiefte sich noch um eine
Nuance, als ihm einfiel, welchen Beinamen
19
man dieser Stadt dereinst gegeben hatte. Er
passte wie kein zweiter in Anbetracht der
Tatsache, dass es Rom immer noch gab, nach
all der Zeit...
... die Ewige Stadt.
»Feii fegaashaa.«
»Fegaashaa?« echote Matt lahm.
»Fegaashaa.« Aruula nickte und sah dabei
hinüber zu Noone und Larn. Das junge Pärchen
lag etwas abseits des Feuers und gab sich keine
Mühe, heimlich zu tun, was es tat. Aber selbst
wenn Matt es nicht hätte sehen können, die
Geräusche, die Larn und seine Gefährtin
verursachten, wären doch ganz eindeutig.
»Fegaashaa« nannte man das also
heutzutage. . .
Wieder was dazugelernt, dachte Matt und
grinste. Er konnte das Knistern, das in der Luft
lag, regelrecht spüren und hören. Und es war
nicht nur das des Lagerfeuers ... Er merkte, wie
dieses andere Knistern nach ihm griff, wie es
ein Kribbeln in ihm hervorrief und...
... und um sich abzulenken, richtete er den
Blick hinaus ins Dunkel und ließ den
vergangenen Tag Revue passieren.
In der gestrigen Nacht hatten sie sich,
nachdem sie die Lischetten verspeist hatten,
hingelegt. Schlaf hatte keiner von ihnen
gefunden. Trotzdem hatte sich Matt
einigermaßen ausgeruht gefühlt, als sie am
frühen Morgen aufgestanden waren und zum
Aufbruch gerüstet hatten.
Nachdem ihre Frekkeuscher dem
monströsen Angreifer zum Opfer gefallen
waren, hatten Larn und Noone das Angebot
angenommen, im Jeep mitzufahren. Matt hatte
beschlossen, ebenfalls Kurs auf Rom zu
nehmen; ein Ziel schien ihm in seiner
momentanen Situation so gut wie das andere.
Dazu kam, dass er neugierig darauf war, was
aus der Ewigen Stadt geworden war.
Aruula hatte dem Pärchen erklärt, dass
Maddrax aus einem fernen Land komme, in
dem die Menschen nicht auf Frekkeuschern
ritten, sondern per Jeep reisten. Sie sprach das
Wort »Jeep« anders aus, weicher, so dass es
eher wie der englische Ausdruck für »Schaf«
klang. Lam und Noone hielten das Fahrzeug
ohnehin für ein Tier, und als Matt unterwegs
den Tank auffüllen musste, wurden die beiden
noch in ihrer Annahme bestärkt - sie glaubten,
dass er es tränkte.
»Dein Sheep hat großen Durst«, hatte Larn
gemeint, nachdem Matt den Inhalt eines
Kanisters in den Tankstutzen entleert hatte, und
die ölige Karosserie gestreichelt wie das Fell
eines Tieres.
Matt hatte den jungen Mann in seinem
Glauben gelassen. Wie hätte er ihm auch die
Funktionsweise einer Maschine erklären sollen?
Außerdem hatten sich die beiden offensichtlich
an das »fremdartige Tier« gewöhnt und
schienen diese Art des Reisens sogar zu
genießen. Manchmal hatte vor allem Noone
während der Fahrt aufgejuchzt und Matt an ein
Kind erinnert, das zum ersten Mal Achterbahn
fuhr.
»Alle Wege führen nach Rom« - Matt
hoffte, dass dieses alte Sprichwort noch immer
zutraf. Denn er wusste nicht mit Sicherheit, ob
sie sich auf der richtigen Route befanden.
Sie waren auf eine der Otowajiis
eingebogen und folgten ihr nun. Otowajii -das
waren Pfade, die sich durch die Landschaft
zogen, meist schnurgerade und weit weniger
dicht mit Bäumen bestanden wie die Wälder zu
beiden Seiten. Inzwischen wusste Matt, worum
es sich dabei handelte - um frühere
Autobahnen! Nicht allzu tief unter der Erde
verliefen immer noch die Asphaltpisten. Die
Wandernden Völker nutzten diese Otowajiis auf
ihren Reisen. Der Name setzte sich aus dem
deutschen oder französischen Wort für »Auto«
und dem englischen für »Weg« zusammen.
Wenn Drax nicht völlig danebenlag und die
Karten richtig las - denn nach wie vor zeigte der
Kompass eine nach Osten verschobene
Richtung an -, handelte es sich um die einstige
20
Autostrada del Sole, die AI, die einst von
Florenz nach Rom geführt hatte.
Den Wald von Mammutbäumen hatten sie
am frühen Morgen hinter sich gelassen. Danach
waren sie durch ausgedehnte Nadelbaumwälder
gefahren, und inmitten eines solchen hatten sie
nach Einbruch der Dunkelheit ihr Lager
aufgeschlagen. Aruula hatte mit Pfeil und
Bogen eine Shasse erlegt, ein murmeltierartiges
Wesen, dessen Fleisch ein wenig nach
Kaninchen schmeckte; jedenfalls redete Matt
sich das ein ...
Nach dem Essen hatten sich Larn und
Noone zurückgezogen. Matt wollte die erste
Wache übernehmen. Nach dem Angriff des
mordlustigen Hünen in der vergangenen Nacht
schien es angeraten, Vorsicht walten zu lassen.
Als das junge Pärchen wenig später anfing,
seine Zuneigung zueinander recht ungeniert
auszuleben, hatte sich Aruula zu Matt gesellt.
Nun saßen sie beide neben dem Jeep, lauschten
dem Atem der Nacht, dem Knacken und
Prasseln des Feuers und den Lauten, die von
dort herüberkamen, wo Larn und Noone sich
liebten. Und beide spürten sie jenes Etwas, das
die ganze Zeit schon zwischen ihnen bestanden
hatte, genaugenommen seit dem Augenblick, da
sie zum allerersten Mal miteinander gesprochen
hatten. Unsichtbar und namenlos war es, und
doch wussten beide, was es war. Etwas, dem
kein Mensch wirklich widerstehen konnte. Eine
Macht, der Männer und Frauen hilflos
ausgeliefert waren, damals wie heute.
Und doch war da noch etwas zwischen
ihnen, das ihrer beider Gefühle hemmte, nicht
zum Ausbruch kommen ließ. War es die falsche
»Göttlichkeit«, die Matt noch immer unnahbar
umgab? Seine Fremdartigkeit in dieser Zeit und
Welt?
Matt fühlte eine fast schon unheimliche
Nähe zu Aruula. Keine Frau, mit der er je
zusammengewesen war, ließ sich mit ihr
vergleichen.
Er legte den Arm um sie, und Aruula zog
die Beine an und lehnte sich an ihn. So saßen
sie da und starrten stumm in die Flammen des
Lagerfeuers. Worte waren nicht nötig. Aruula
wusste, fühlte mit jeder Faser ihres Leibes und
ihres Geistes, was Maddrax für sie empfand.
Eine Nacht lang fühlte sich Matt Drax nicht
als Fremder in dieser Zeit. Eine Nacht lang
fühlte er sich nicht gefangen in jenem bizarren
Traum, in den sich sein Leben verwandelt hatte.
Anderntags jedoch wurde er eingeholt von
der Wirklichkeit. Zurückgerissen auf den Boden
der Tatsachen.
Denn am nächsten Tag fanden sie, wonach
Matt Drax die ganze Zeit über gesucht hatte.
Einen Hinweis auf seine verschollenen
Kameraden.
Die Spur eines »Feuervogels«.
Matthew Drax erkannte die Absturzstelle
des Jets auf den ersten Blick. Auch wenn von
einem Flugzeugwrack weit und breit nichts zu
sehen war. Aber die Spuren ließen einfach
keinen anderen Schluss zu.
Etwas Großes, Massives, ungeheuer
Machtvolles hatte eine Schneise in den kargen
Buschbestand der Otowajii gepflügt, bis sie in
eine fast kreisrunde Lichtung von weit über
fünfzig Metern Durchmesser mündete. Hier war
das Erdreich aufgewühlt und wie von einem
Granathagel aufgerissen worden. Gesäumt
wurde die Lichtung von schwarzverkohlten
Stämmen. Matt Drax hatte ein geradezu
erschreckend detailreiches Bild dessen vor
Augen, was hier geschehen sein musste.
Offenbar hatte der Pilot aus der Luft die
Otowajii erkannt und irgendwie das Kunststück
vollbracht, die einstige Autostrada als
behelfsmäßige Landebahn zu nutzen. Das
niedergehende Flugzeug musste Treibstoff
verloren haben, der in Brand geraten war. Am
Ende musste sich die Maschine wie ein Kreisel
um die eigene Achse gedreht haben, wobei
diese Lichtung entstanden war.
Nur - wo befand sich der Jet jetzt?
21
Die erste und naheliegendste Erklärung, die
ihm in den Sinn kam, verwarf Matt gleich
wieder. Nicht nur, weil sie ihm ganz und gar
nicht gefiel. Sie schied einfach aus. Wäre die
Maschine nämlich explodiert, hätte er dennoch
Spuren finden müssen. Einen Krater, Trümmer.
Aber da war nichts. Nicht einmal die
Schwanzspitze eines »Feuervogels«.
Die abgestürzte Maschine schien sich
buchstäblich in Luft aufgelöst haben!
Stumm und von einer Kälte erfüllt, die in
tiefem Entsetzen wurzelte, stand Matt an der
Absturzstelle, wo die Schneise in die Lichtung
überging, und schaute sich um. Er fühlte sich
leer, wie ausgehöhlt. Als sei ihm etwas
genommen worden, das er eigentlich gar nicht
besessen hatte, nicht wirklich zumindest:
Hoffnung, vielleicht. . .
Vor Matts Augen schien sich die Lichtung
in einen Abgrund zu verwandeln. Er stand am
Rande und glaubte vornüber zu kippen, hinein
in die Dunkelheit, die unter ihm gähnte, in ein
bodenloses Loch. Und es ängstigte ihn nicht
einmal. Er ließ es zu...
... und schrie leise auf, als ihn unvermittelt
eine Hand berührte. Sie tat nichts anderes; legte
sich nur auf seinen Arm, ganz leicht, ohne zu
drücken oder zu ziehen.
Aber die Berührung weckte Matt Drax auf.
Ließ den Abgrund vor ihm verschwinden. Mit
einem beinah spürbaren Ruck rastete die Welt
wieder ein und hatte ihn wieder.
Aruula war neben ihn getreten. Ihre Finger
glitten an seinem Arm hinab und schlangen sich
in die seinen. In ihren dunklen warmen Augen
fand er Mitgefühl. Einmal mehr wusste sie, was
in ihm vorging. Auch wenn sie es-wohl nicht in
allen Einzelheiten nachvollziehen konnte. Aber
sie empfand seine Enttäuschung und die daraus
resultierende Traurigkeit, und ihre ehrliche
Anteilnahme tat gut.
»Kein Feuervogel«, sagte sie, als sie ihren
Blick dann über die Lichtung schweifen ließ.
Matt schüttelte den Kopf. »Nein, und auch
...« Er sprach nicht weiter.
»... keine Toten«, vollendete Aruula den
Satz, anders als er es im Sinn gehabt hatte.
Sie schenkte Matt ein kleines Lächeln, aus
dem Hoffnung sprach. Und das war es, was ihm
half, seine Überlegungen wieder in geordnete
Bahnen zu lenken. Wieder klar und vernünftig
zu denken.
Aruula hatte Recht, natürlich! Mochte das
Verschwinden des abgestürzten Flugzeugs auch
noch so merkwürdig sein - es bedeutete
immerhin auch, dass die Insassen noch am
Leben sein konnten! Es bedeutete . . . neue
Hoffnung.
Wer? fragte sich Matt. Wessen Maschine
war hier runtergekommen?
Drei Jets waren zur Beobachtung des
Kometen aufgestiegen, bevor er von der
Internationalen Raumstation aus mit
Langstreckenraketen beschossen worden war.
An Bord der Flugzeuge je zwei Mann
Besatzung: Captain Irvin Chester und
Lieutenant Hank Williams im ersten, Lieutenant
Jennifer Jensen und Prof. David McKenzie im
zweiten, und den dritten Flieger hatte
Commander Matthew Drax als Staffelführer
selbst pilotiert, mit Jacob Smythe als Passagier,
seines Zeichens Professor der Astrophysik und
Doktor der Medizin. Smythe hatte die
wissenschaftliche Leitung der Mission
innegehabt.
Matt schämte sich insgeheim fast ein
bisschen dafür, dass er an Smythe kaum einen
Gedanken verschwendete. Der Kerl war die
reine Pest gewesen! Sie hatten keinen Satz
miteinander wechseln können, ohne dabei
aneinander zu geraten. Zu behaupten, dass sie
sich nicht mochten, war die Untertreibung des
Millenniums.
Nachdem ... was auch immer die Jets
getroffen und aus dem Raum-/Zeitgefüge
hinauskatapultiert hatte, war es Prof. Dr.
Smythe gelungen, seinen Schleudersitz zu
betätigen, während Matts Notauslösung versagt
hatte. Er hatte keine Ahnung, was aus dem
Wissenschaftler geworden war. Und er schaffte
es nicht einmal, tiefergehendes Interesse für das
Schicksal Jacob Smythes aufzubringen. Und
dafür schämte er sich, wie gesagt, ein klein
wenig zumindest...
22
Anders sah das in den Fällen von Irvin
Chester, Hank Williams und Jenny Jensen aus.
Die drei waren seine Kameraden gewesen, best
buddies, zusammengeschweißt nicht nur im
Militärdienst, sondern weil sie auch privat auf
gleicher Wellenlänge funkten. Was freilich
nicht ausschloss, dass zwischen ihnen
gelegentlich die Funken geflogen waren. Aber
ihre Freundschaft war stark genug gewesen, um
auch Spannungen zu verkraften.
Und diese Freundschaft bedeutete Matthew
Drax auch heute noch verdammt viel! Heute -
nachdem Jahrhunderte vergangen waren und die
Welt eine andere geworden war...
Wessen Jet also, fragte er sich abermals,
war hier notgelandet? Wer hatte seinen
»Feuervogel« hier runtergebracht? Big black
boy Irvin Chester? Oder Jenny, die sie ihrer
kanadischen Abstammung wegen Canucklehead
genannt hatten?
Mehr noch allerdings beschäftigte Drax
eine andere Frage: Wo um alles in der Welt
steckte die Besatzung jetzt? Was war hier
passiert?! Ein havarierter Düsenjet verschwand
nicht einfach so von der Bildfläche! Nicht
einmal in dieser Welt, in der Matt den Begriff
»unmöglich« neu hatte definieren müssen ...
Und der Flieger war auch nicht
verschwunden. Nicht spurlos jedenfalls.
Es war Noone, die eine erste Spur fand. Sie
und Larn hatten sich etwas vom Jeep entfernt,
waren ein Stück die Schneise hinaufgelaufen,
die der Jet in den Baumbestand der Otowajii
gerissen hatte. Jetzt kamen sie aufgeregt rufend
zurückgelaufen.
Noone hatte beide Hände wie zu einer
Schale zusammengelegt, und darin glänzte und
glitzerte etwas im trüben Sonnenlicht. Den
strahlenden Gesichtern Noones und Larns nach
hielten sie ihren Fund für etwas ausgesprochen
Kostbares. Aber es war nur -
»Glas!«, stieß Matt hervor.
Noone hielt gläserne Krümel in Händen.
Winzige stumpfe Scherben. Die Überreste
zerborstenen Sicherheitsglases. Und
zweifelsohne stammten sie von dem
notgelandeten Jet!
Matt organisierte eine Suche nach weiteren
Teilen. Natürlich wussten Larn und Noone
nicht, wonach sie wirklich suchten; schlicht
deshalb nicht, weil weder Matt noch Aruula
wussten, wie sie es den beiden hätten
verständlich machen sollen. So wies Matt das
Pärchen kurzerhand an, nach allem Ausschau zu
halten, was ihnen ungewöhnlich vorkam. Dann
schwärmten sie aus, entlang der
Absturzschneise und über die künstlich
entstandene Lichtung.
Und sie wurden fündig.
Sie entdeckten eine erkleckliche Anzahl
von Wrackteilen aus Metall, ein paar aus
Kunststoff, weitere Glasscherben. Nichts davon
war allerdings so groß, dass es nicht einer allein
hätte tragen können. Und keines der Fundstücke
lieferte Hinweise darauf, welcher der beiden
anderen Jets hier niedergegangen war; Matt
entdeckte weder Nummern noch sonst etwas,
das ihm bei der Identifizierung geholfen hätte.
Aber sie fanden auch mehr als nur Stücke
des Flugzeugs. Aruula machte auf der Lichtung
die Stelle aus, an welcher der Jet schließlich zur
Ruhe gekommen war - und eine Schleifspur.
»Feuervogel wurde weggebracht«, erklärte
sie das Offensichtliche.
Matt konnte nur nicken. In der Tat ließ die
Spur keinen anderen Schluss zu: Das Wrack
war fortgeschleppt worden. Die entsprechenden
Linien hatten sich wie die von gewaltigen
Pflugscharen tief ins Erdreich gegraben. Und
sie führten in südliche Richtung.
Aber auch das war noch nicht die ganze
Ausbeute ihrer Suche. Sie fanden überdies -
Fußspuren. Die Abdrücke menschlicher Füße
als auch die von Hufen und Pfoten. Und ein
paar, die von Riesen stammen mussten.
»Unglaublich«, murmelte Matt Drax,
während er eine dieser Spuren nackter Füße mit
dem Finger nachfuhr, »das muss mindestens
Schuhgröße 57 sein ...«
Aruula überging seine Bemerkung.
Inzwischen hatte sie sich damit abgefunden,
dass nicht jede von Maddrax' Bemerkungen
Sinn ergab . . .
23
»Du glaubst, was ich glaube?« fragte sie
stattdessen.
Drax nickte. Die Schlussfolgerung lag auf
der Hand. Wie Aruula dachte auch er an den
monströsen Hünen, der das junge Paar
angegriffen hatte. Die überdimensionierten
Fußspuren hier konnten sehr wohl von ihm
stammen. Beunruhigender noch war allerdings
die Erkenntnis, dass diese Abdrücke nicht nur
von einem Fußpaar herrührten. Es gab also
offensichtlich mehr von dieser Sorte.
Matt versuchte sich einen Reim auf die
Dinge zu machen. »Was ist hier passiert?«
fragte er sich halblaut.
Aruula dachte ihm voraus. »Viele
Menschen waren hier. Haben den Feuervogel
landen sehen und ihn geholt, mit Hilfe von
Tieren und ... Riesen. Einer der Riesen hat sich
freigemacht und ist geflohen.« Sie wies in
Richtung Norden.
»Ja, klingt logisch«, meinte Matt. »Aber
wer hat den Jet geholt? Wohin wurde er
gebracht?« Er schluckte und fuhr etwas leiser,
nachdenklicher fort: »Und was ist aus meinen
Freunden geworden?«
»Sanguu!«
Matt fuhr in der Hocke herum. Larn war zu
ihnen gekommen. In der Hand hielt er etwas
Dunkles, das er jetzt Matt hinstreckte.
Er nahm es. Ein etwa handtellergroßes
Stück Stoff. Teil einer Pilotenuniform. Dunkel
und steif von getrocknetem Blut. Matt rieselte
ein eisiger Schauer über den Rücken.
Im gleichen Augenblick rief ihnen Noone
vom Rand der Lichtung aus etwas zu und
gestikulierte aufgeregt. Sie eilten zu ihr. Das
Mädchen wies mit ausgestrecktem Finger über
einen hüfthohen Wall aus Erde und
entwurzelten Pflanzen, den der kreiselnde Jet
hier aufgetürmt hatte. Und dahinter lag etwas -
Rundes, Dunkles, Kopfgroßes . ..
»O mein Gott!«, entfuhr es Matt.
Aufgeregt und mit zitternden Knien stieg er
über den Wall und bückte sich nach dem
Pilotenhelm. Doch er zögerte, ihn aufzuheben.
Weil seine Fantasie ihn mit dem entsetzlichen
Bild quälte, das er womöglich sehen würde,
wenn er den Helm umdrehte - mit dem Anblick
eines blutüberströmten, von Tieren
angefressenen Gesichts, der Mund zu einem
hässlichen toten Grinsen verzerrt... Und auf den
ersten Blick würde er vielleicht nicht einmal
erkennen können, in wessen Gesicht er sah.
Schließlich tat er es doch, und er sah -
nichts. Der Helm war leer. Sah man von dem
Blut ab, das hie und da auf dem Kunststoff
getrocknet war. Nicht so viel jedoch, dass Matt
von der Menge auf eine tödliche Verletzung
geschlossen hätte.
Nein, Lieutenant Hank Williams konnte
noch am Leben sein! Denn es war eindeutig
Williams' Helm, den Noone gefunden hatte. Der
Nickname des jungen Texaners stand in
aufgeklebten Buchstaben auf der Frontpartie:
Redneck.
Wohin aber war der Besitzer des Helmes
verschwunden? Und was war aus Captain Irvin
Chester geworden? Matt ließ den Blick
schweifen, eher unwillkürlich als wirklich in
der Hoffnung, einen Hinweis auf den Verbleib
der beiden Männer zu finden.
Er fand nichts dergleichen, und schließlich
brachen sie die Suche ab.
Ihre Reiserichtung behielten sie bei. Denn
in genau diese Richtung war offenbar auch der
abgestürzte Jet geschleppt worden, von wem
und aus welchem Grund auch immer.
Nach Süden.
Vielleicht sogar nach Rom.
Die weitere Fahrt verlief ohne große
Zwischenfälle. Davon abgesehen, dass der Jeep
Mucken machte und Matt Drax ihn mit etwas
Geschick und sehr viel mehr Glück wieder
einigermaßen flottbekam. Und wenn man den
Angriff eines Rudels von Gerulen außer Acht
ließ.
24
Zwei oder drei Dutzend dieser
kaninchengroßen Fleischfresser fielen über den
Jeep her, den sie offenbar für einen
schmackhaften und vor allem verlockend
großen Leckerbissen hielten. Aruula und Larn
erschlugen ein paar der Tiere mit ihren Klingen,
bevor Matt dem Angriff ein schnelles Ende
setzte. Er erschoss einen Gerul, und ein zweiter
Pistolenschuss schlug den Rest des Rudels in
die Flucht.
Im weiteren Verlauf der Otowajii wurden
die Wälder etwas lichter und die Beschaffenheit
des Bodens änderte sich. Die Spuren des
abgeschleppten Flugzeugwracks und
derjenigen, die dafür verantwortlich zeichneten,
verloren sich bisweilen. Trotzdem zweifelte
Matt längst nicht mehr daran, dass der Jet nach
Rom transportiert worden war. Unterwegs
suchte Matt das Gespräch mit Larn. Der junge
Mann hatte den Platz mit Aruula getauscht und
saß jetzt auf dem Beifahrersitz, immer noch ein
wenig staunend über das sonderbare Reittier.
Matt versuchte in Erfahrung zu bringen, ob
Larn noch mehr über Rom wusste. Aruula hielt
sich zwischen den Sitzen und fungierte als
Dolmetscherin. Aber der junge Barbar konnte
wenig Konkretes sagen. Nur eines kristallisierte
sich schnell heraus: Wer immer Larn von der
Stadt berichtet hatte, er hatte ihm einen
regelrechten Floh ins Ohr gesetzt. Der junge
Bursche schwärmte von Rooma, zeigte sich
förmlich besessen von der Stadt.
»Was willst du tun in Rooma?« fragte Matt.
»Gut leben mit Noone«, erwiderte Larn.
»Sie ist ein gutes Mädchen und verdient ein
besseres Leben. Und glücklich zu sein.«
»Und wie stellst du dir das vor?«
»Ich werde ein Kämpfer. Wer gut kämpft,
kann gut leben in Rooma.« Larn grinste
zuversichtlich, und in seine Augen trat ein
unternehmungslustiges Funkeln.
Matt kannte diesen Ausdruck. Er hatte ihn
oft gesehen in den Mienen junger Männer, die
in die US Army eingetreten waren.
Draufgängerische Burschen, deren Motto war:
»Wer den USA in den Arsch treten will, muss
erst an uns vorbei!« Matt hatte gesehen, wie ein
paar dieser Männer zu Helden geworden waren.
Und ein paar mehr hatte er in den
Religionskriegen um 2005 sterben sehen...
Aus dem, was Larn sagte, wurde Matt nicht
ganz schlau. Er wusste zu wenig über Rom und
die dortigen Gegebenheiten. Aber er hatte einen
vagen Verdacht, und wenn er mit seinen
Entfernungsschätzungen einigermaßen richtig
lag, würde er bald mehr wissen. In zwei Tagen
etwa. . . Es stellte sich heraus, dass sie schneller
vorangekommen waren, als Matt vermutet
hatte. Denn noch am selben Tag lag Rom zu
ihren Füßen.
Die Ewige Stadt war geschrumpft.
Das jedenfalls war Matt Drax' allererster
Eindruck, als sie nebeneinander auf einem
Hügel nördlich von Rooma standen und ihre
Blicke stumm über die Stadt wandern ließen,
jeder in seine eigenen Gedanken versunken.
Die Vororte und Außenbezirke Roms waren
verschwunden.
Nicht eingestürzt oder nur zugewuchert,
sondern regelrecht abgetragen worden.
Deswegen wirkte die Stadt kleiner als Matt sie
in Erinnerung hatte, wenn auch ihre
Ausdehnung immer noch gewaltig war.
Insbesondere auf seine Begleiter, die eine Stadt
wie diese wohl ihr Lebtag noch nicht gesehen
hatten, musste selbst dieses veränderte Rom
wirken wie eine eigene und unsagbar fremde
Welt.
Matt Drax war einmal in Rom gewesen,
damals, in seiner Zeit. Er hatte seine
Stationierung in Deutschland für gelegentliche
Kurzurlaube genutzt, um die großen Städte
Europas zu besuchen. Es wäre übertrieben
gewesen zu behaupten, dass er sich in Rom
auskannte, aber seine Erinnerung genügte
jedenfalls, ihn erkennen zu lassen, dass sich das
Gesicht der Stadt ganz gewaltig verändert hatte.
25
Rom war nicht nur kleiner geworden, und
es lag auch nicht mehr auf sieben Hügeln; die
Folgen des Kometeneinschlags hatten drei von
ihnen eingeebnet. Doch diese Veränderungen
kamen Matt noch am geringfügigsten vor.
Etwas anderes war wesentlich augenfälliger -
fast hatte Matt das Gefühl, einen weiteren
Zeitsprung unternommen zu haben. Diesmal
nicht in die Zukunft, sondern um Jahrtausende
zurück. Mitten hinein in die Zeit des alten
Roms, des historischen römischen Imperiums.
So weit er es aus der Ferne erkennen
konnte, schienen die alten Bauten Roms nicht
nur erhalten geblieben zu sein, irgendwer schien
sie sogar renoviert zu haben! Wahrscheinlich
mit Baumaterialen, die man durch den Abbruch
der Randbezirke gewonnen hatte.
Dieses Rom bot einen bizarren Anblick.
Matt musste unweigerlich an einen
Flickenteppich denken, an einen
architektonischen quilt. Bunt und sonderbar.
Facettenreich. Geheimnisvoll. Kaum ein Wort
dieser Güte, das nicht zutraf auf diese Stadt, die
jede Erwartung, die Matt Drax insgeheim
gehegt haben mochte, noch übertraf.
Und das war erst der Anfang! Der Eindruck,
den Matt hier draußen hatte, gute anderthalb
Kilometer vor den Toren Roms.
Wie mochte es erst dahinter aussehen? Er
brannte förmlich darauf, es zu erfahren.
Mit Aruulas Schwert schlug Matt eine
Bresche in eine weitläufige Buschgruppe. Dann
rangierte er den Jeep in die Lücke und tarnte sie
mit dem abgeschlagenen Geäst.
Rom mochte sich zu einer höchst
eigentümlichen Stadt entwickelt haben und die
Einwohner waren sicher einiges gewöhnt,
dennoch wollte Matt das Risiko, aufzufallen, so
gering wie möglich halten. Und mit dem Jeep
wären sie ganz bestimmt aufgefallen.
Den Notcontainer ließ er im Fahrzeug
zurück, nachdem er zuvor ein paar Dinge, die
ihm nützlich sein konnten, herausgenommen
und in den Taschen seiner Pilotenmontur
verstaut hatte. Dann marschierten sie los. Den
Hügel hinunter und Rom entgegen.
Die Ewige Stadt lag weiter entfernt, als es
von der Hügelkuppe aus den Anschein gehabt
hatte. Fast zwei Stunden dauerte es, bis sie die
einstigen Randbezirke erreichten.
Eine weitere Beobachtung versetzte Matt in
gelindes Erstaunen. Hier betrieb man Ackerbau!
Zwar nicht im großen Rahmen, aber die
Tatsache, dass jemand Feldfrüchte anbaute, traf
ihn doch unerwartet, nachdem er bislang nur
das primitive Leben der Wandernden Völker
und die animalischen Wulfanen in Bologna
kennengelernt hatte.
Und sie sahen auch die Menschen, die die
Felder bewirtschafteten. Diese Leute wiederum
schienen sich nicht im mindesten für die vier
Ankömmlinge zu interessieren, widmeten ihnen
kaum einen Blick. Wäre die Stadt nicht zum
Greifen nahe gewesen und hätte sie Matt nicht
wie ein Magnet angezogen, hätte er sicher
versucht, mit diesen Bauern zu reden. So aber
ging er nur weiter; weiter auf die Stadt zu, in
der er - ja, was eigentlich zu finden hoffte?
Das Wrack des abgestürzten Jets natürlich.
Und seine Freunde, hoffentlich.
Aber das war nicht alles. Matt spürte, dass
da noch etwas anderes war, das er in Rom zu
finden hoffte. Doch er war nicht imstande,
dieses Etwas zu benennen.
Antworten, flüsterte die körperlose Stimme
in seinem Ohr. Du hoffst Antworten zu finden
auf all die Fragen, die dich seit Wochen um den
Schlaf bringen.
Und? fragte Matt im Geiste zurück. Werde
ich sie finden?
26
Die Stimme schwieg.
Matt spürte Aruulas Blick auf sich ruhen.
Im Gehen wandte er sich ihr zu. Der Ausdruck
in ihrem hübschen Gesicht irritierte ihn. Er las
Unsicherheit darin, etwas wie unbestimmte
Furcht, obwohl Aruula versuchte, sie hinter
einem Lächeln zu verstecken. Es gelang ihr
nicht, und es bedurfte keiner telepathischen
Fähigkeiten, um sie zu durchschauen.
»Was ist?« fragte er, nicht sehr laut, obwohl
Larn und Noone sie ohnehin kaum hören
würden. Die beiden liefen gut zehn Schritte vor
ihnen. Larn schien es noch eiliger als Matt zu
haben, nach Rom zu kommen.
»Ich verstehe jetzt, wie du dich gefühlt
haben musst«, erwiderte Aruula. Sie sah wieder
nach vorne.
Matt verstand, was sie meinte. Rom musste
auf Aruula in der Tat wie eine andere Welt
wirken. Sie hatte wohl nie in ihrem Leben etwas
Vergleichbares gesehen, vielleicht nicht einmal
gewusst (oder wenigstens nicht geglaubt), dass
es so etwas geben könnte.
Und genauso war es Matthew Drax
ergangen, nachdem er aus seinem havarierten
Flugzeug gerettet worden war. Alles war neu
und anders gewesen. Unvorstellbar und
unmöglich. Fremd und beängstigend.
»Das geht vorbei«, sagte er, »diese Furcht
und das Gefühl, fremd zu sein, meine ich.«
Es war eine Lüge. Noch nicht einmal eine
besonders gute. Und er war sicher, dass Aruula
sie durchschaute. Aber sie lächelte trotzdem
dankbar, fasste nach seiner Hand, drückte sie
und hielt sie fest.
Als sie schließlich die einstigen Vororte
Roms erreichten, erkannte Matt Drax, dass sein
Eindruck aus der Ferne nicht getrogen hatte. In
der Tat waren hier die Häuser und sonstigen
Bauten größtenteils abgerissen und die
Trümmer fortgeschafft worden. Erhalten
geblieben waren einzig die Straßen, wenn auch
größtenteils verschwunden unter Dreck und
Unkraut.
Dann stießen sie auf die ersten Häuser.
Oder vielmehr deren Ruinen. Es war schwer,
wenn nicht gar unmöglich zu sagen, wie viel
der Zerstörung ringsum dem Zahn der Zeit
anzulasten war und welchen Anteil
»Christopher-Floyd« daran gehabt hatte. Die
allermeisten Hausdächer waren eingestürzt,
aber Klettergewächse rankten sich an den
Außenwänden hoch und hatten teils neue grüne
Dächer gebildet. Glaslose Fensterhöhlungen
klafften in den Mauern, dahinter nisteten nur
Grau und Schwarz.
Dennoch, das Gefühl, durch eine
Geisterstadt zu laufen, hielt sich nicht lange in
Matt Drax. Es schwand in dem Moment, da er
sich beobachtet fühlte. Angestarrt von Augen
aus dem Unsichtbaren.
Und schließlich machte er hier und da
Bewegungen aus hinter Fenstern und Türen,
schattenhaft nur, aber unleugbar. Wie von selbst
fasste er nach der Beretta 98 G, die er in einer
seiner Uniformtaschen verstaut hatte. Aber er
zog sie nicht. Weil Aruula ihm beruhigend die
Hand auf den Arm legte.
»Keine Feindlichkeit«, raunte sie. »Nur
Neugier.« Dabei schaute sie sich weiter
aufmerksam, aber unauffällig um, und Matt
wusste, dass sie mehr sah als ihre Augen ihr
verrieten.
Noone hatte sich dichter an Larn gedrängt.
Die beiden gingen immer noch vor Matt und
Aruula her, wenn auch in geringerem Abstand
als zuvor.
Larns Faust hatte sich fester um das
Griffstück seines Doppelschwerts gelegt. Aber
er schien keine Angst zu haben, nicht einmal
wirklich beunruhigt zu sein. Er sah sich um mit
den staunenden Augen eines Kindes, das zum
ersten Mal nach Disneyland kommt.
Matt schmunzelte unwillkürlich bei dem
Gedanken.
So weit war der Vergleich vielleicht nicht
einmal hergeholt...
27
Und dann, als sie in einem Bereich der
Stadt anlangten, der intakter war, begegneten
sie wieder Menschen.
Matt beobachtete das gleiche Verhalten wie
draußen auf den Feldern.
Man brachte ihnen wenig Aufmerksamkeit
entgegen. Worüber Drax ganz und gar nicht
unglücklich war.
Aber er dachte darüber nach und kam zu
dem Schluss, dass man in Rom wohl an das
Auftauchen von Fremden gewöhnt sein musste.
Woraus freilich die Frage resultierte, woher all
diese Fremden kamen. Matts Gedankenapparat
ratterte weiter, spann die Idee, dass Menschen
aus aller Welt nach Rom kommen mochten!
Was wiederum bedeutete, dass es da draußen
noch eine Welt gab!
Und Menschen, die diese Welt bevölkerten!
Der Wunsch, diese Menschen und den Rest
der Welt zu suchen, wurde für einen
Augenblick fast übermächtig in ihm.
Von dem Hügel nördlich der Stadt aus hatte
er rechter Hand und weit entfernt den
bleigrauen Schimmer des Thyrrhenischen
Meeres gesehen. Vielleicht gab es die
Möglichkeit, per Schiff ...
Ehe er sich noch weiter in theoretische
Überlegungen versteigen konnte, fand Matt
seine Selbstbeherrschung wieder. Eins nach
dem anderen, sagte er sich. Immerhin mochte
Rooma zunächst einmal genug bieten, um
seinen Wissensdurst zu stillen . ..
Schließlich erreichten sie den Kern der
Ewigen Stadt. Und Matt hatte das Gefühl,
tatsächlich eine Schwelle zu übertreten, durch
das Tor in eine andere, vergangene Zeit zu
gehen. In eine Zeit, die um den Beginn der
christlichen Zeitrechnung in höchster Blüte
gestanden hatte.
Doch das Gefühl war flüchtig, schwand mit
jedem neuen Eindruck, den Matt aufnahm, jetzt
selbst staunend wie ein Kind.
Und ein anderes Gefühl überkam ihn: das
nämlich, dass irgendein begnadeter (oder
wahnsinniger) Gärtner diese vergangene Blüte
wieder zum Erblühen gebracht hatte -
schillernder denn je zuvor!
Matthew Drax hatte das sonderbarste dejä
vu seines Lebens.
Aus dem Sumpf seiner Erinnerung stiegen
Bilder aus jenem Kurzurlaub auf, den er einst in
Rom verbracht hatte, und überlagerten seine
tatsächliche Wahrnehmung. Er sah die
markantesten Bauwerke der Ewigen Stadt, sah
flanierende Touristen, Einheimische vor kleinen
Tavernen und, und, und . ..
... und irgendwie vermengten sich all diese
Bilder mit der Wirklichkeit. Mit dieser
Gegenwart. Überlappten einander wie in einer
Doppelbelichtung. Seltsamerweise gab es
Übereinstimmungen, erstaunlich viele sogar!
Das Rom dieser Zeit schien immer noch
überzuquellen von Menschen. Sie unterschieden
sich lediglich von denen aus Matts Erinnerung,
in ihrer Kleidung vor allem, und manche . . .
nun, bei manchen war Matt nicht sicher, ob der
Begriff »Mensch« angebracht war. Er erblickte
Kreaturen, skurriler noch als jene, die George
Lucas weiland für »Episode III« hatte kreieren
lassen.
Der Typ, der zwei Schritte entfernt an Matt
vorüber ging, war dabei noch nicht einmal der
merkwürdigste: ein wüst tätowierter Kerl, lang
und dürr wie eine Bohnenstange, der sich aus
irgendeinem Grund rostige Schrauben durch die
kahle Schädeldecke gedreht hatte.
Vielleicht hat er zu wenig Eisen im Blut,
dachte Matt in einem Anflug schrägen Humors.
Oder es ist eine archaische Art von
Bewusstseinserweiterung ...
Etliche der Menschen ringsum waren in
etwa gekleidet wie die Barbaren aus dem
Norden, in Fell und Leder. Andere aber trugen
ganz andere Kleidung, und wieder kam Matt
der Begriff Flickenteppich in den Sinn. Die
Outfits schienen zusammengewürfelt aus
Dingen, die die Jahrhunderte überdauert hatten.
28
Oder sie waren diesen alten Modellen
nachempfunden.
Am augenfälligsten jedoch waren die
exotischen Rüstungen. Abenteuerliche
Kombinationen entdeckte Matt da; Teile von
Tierpanzern hatten dabei Verwendung
gefunden, und Metallschrott.
Schwindel drohte Drax zu erfassen, so
gewaltig war der Ansturm neuer bizarrer
Eindrücke.
Es kostete ihn Mühe, sich dazu zu zwingen,
nicht jedes Detail seiner Umgebung mit Blicken
erforschen zu wollen. Aber es war der einzige
Weg, um zu verhindern, dass ihm einfach die
Sinne schwanden.
Im Weitergehen versuchte Matthew also
alles Neue um ihn her zu ignorieren. Eine
Anstrengung, die ihn fast körperliche Kraft
kostete. Aber irgendwie schaffte er es, sich
nicht mehr zu wundern und nicht mehr zu
gaffen.
Vielleicht half ihm auch das Gefühl,
beobachtet zu werden.
Es war nicht so, dass Matt meinte, jeder
würde ihn oder ihre kleine Gruppe anstarren. Er
spürte nur jemandes Blick, so deutlich und
unangenehm wie eine kalte Hand, die ihm im
Nacken lag.
Er sah zu Aruula hin. Sie schien nichts
davon zu bemerken, und so schob Matt den
Eindruck seinen überreizten Nerven zu...
Sie hatten einen großen Platz erreicht, die
Piazza di Spagna. Am anderen Ende erhob sich
die Spanische Treppe, und es wimmelte hier
wie überall von Menschen.
Überrascht stellte Matt fest, dass offenbar
Handel betrieben wurde. An einfachen Ständen
wurden Dinge des Alltags getauscht oder
erworben, und er fragte sich, ob es in der Stadt
wohl gar ein Zahlungsmittel gab; ob man das
Geld quasi neu erfunden hatte.
Das ließ sich herausfinden, wenn er sich
unter das handelnde und feilschende Volk
mischte. Aber dazu kam Matt Drax nicht. Denn
plötzlich veränderte sich die Stimmung um ihn
her, so deutlich und nachhaltig, dass diese
Veränderung auch von ihm Besitz ergriff.
Stille senkte sich über die Piazza, binnen
weniger Sekunden. Eine angespannte
Atmosphäre machte sich breit. Jeder Einzelne
hier schien auf etwas zu lauschen, die meisten
sogar mit angehaltenem Atem.
Und als das Geräusch schließlich aufklang,
von fern und leise noch, ging ein Raunen durch
die Menge wie ein Windstoß Laub rascheln
ließ.
Matt hörte das Geräusch ebenfalls. Aber es
war ihm unmöglich zu sagen, wer oder was es
verursachte. Es waren Rufe, schrill wie die von
Tieren, und dazu kam ein dumpfes Dröhnen wie
von unzählig vielen Füßen.
Und beides wurde lauter, kam näher.
Aruulas Hand schloss sich fest um Matts
Oberarm. Für eine halbe Sekunde begegneten
sich ihre Blicke. Matt las Sorge in den Augen
seiner Gefährtin. Sie öffnete den Mund, um
etwas zu sagen. Aber ehe sie es tun konnte,
waren sie da.
Grünhäutige schlanke Gestalten,
abenteuerlich gerüstet. Ihre Gesichter muteten
repilienhaft an, wie mit kleinen grünen
Hornplatten überzogen. Die runden Augen
lagen so tief in den Höhlen, dass sie kaum
vorhanden schienen. Matt schätzte die Zahl der
Schauergestalten auf anderthalb Dutzend.
Der Anblick der Tiere, auf denen sie ritten,
stand dem ihren in nichts nach. Es waren
Echsen. Mindestens dreieinhalb Meter lang,
ohne Schwanz gerechnet. Der maß noch einmal
annähernd dieselbe Länge. Und die Tiere ließen
diese Schwänze hin und herschnellen, um
jeden, der sich ihnen zu weit näherte,
davonzuschleudern.
Schreie brandeten auf. Bewegung geriet in
die erstarrte Szenerie.
29
Aber nicht jeder der hier versammelten
Menschen suchte sein Heil in der Flucht.
Matt hatte halbwegs eine Massenpanik
erwartet, eine menschliche Stampede. Er hatte
befürchtet, dass jeder rücksichtslos seinen
Nächsten niedertrampeln würde, dass es Tote
geben würde, die nicht etwa auf das Konto
dieser grausigen Echsenreiter gingen, sondern
Opfer der Hysterie wurden.
Doch dem war nicht so. Zumindest nicht in
dem Maße, wie Matt es befürchtet hatte. Zwar
zog sich das Gros der Menge zurück, aber es
geschah ohne sonderliche Hektik. Die
Menschen wichen so weit zurück, bis sie die
Piazza säumten.
Ein Großteil fand Platz auf der Spanischen
Treppe. Andere erklommen Statuen und
steinerne Sockel oder verschwanden in
umstehenden Häusern, um dann wenig später in
den Fensteröffnungen wieder aufzutauchen.
Es schien, als suchten all diese Menschen
einen Logenplatz.
Um was mitanzuschauen?
Die Antwort auf diese Frage fand Matt
beinahe noch im selben Augenblick. Und er
erfuhr sie deutlicher als ihm lieb sein konnte.
Hautnah sozusagen . . .
Nicht alle Menschen hatten die Piazza
geräumt. Eine erkleckliche Anzahl war
geblieben. Matt schaute sich um und sah sich
umringt von Männern, in deren Gesichtern er
ein- und denselben Ausdruck las: Kampfeslust,
Entschlossenheit. Und ein fast fanatisches
Leuchten in den Augen.
Jüngere Männer, etwa in Larns Alter und
etwas darüber, machten den Großteil aus, nur
wenige waren älter. Aber alle waren bewaffnet,
und alle hatten sie ihre Waffen blankgezogen:
Schwerter, Streitäxte, Speere. Die Echsenreiter
umkreisten die Gruppe, zogen zwischen dem
Ring der Zuschauer und den zurückgebliebenen
Männern einher, Waffen in ihren wie gepanzert
wirkenden Händen.
Dann griffen sie an.
Und Matt wünschte sich, er und seine
Gefährten wären unter den Zuschauern -aber
nein, sie steckten mittendrin! Zwischen den
Fronten gewissermaßen. Bis zur Halskrause in
der...»Scheiße!»
Die Echsenreiter waren mit lanzenartigen
Waffen ausgerüstet, mit deren Spitzen sie auf
die Männer einzustechen begannen. Die
wiederum setzten sich zur Wehr - mit solchem
Eifer, als gelte es nicht nur Leib und Leben zu
verteidigen, sondern sich besonders
hervorzutun.
Matt hatte seine Pistole gezogen, hielt sie
jedoch unter dem Fellumhang verborgen.
Aruula hatte ihr Schwert in der Hand, mischte
sich jedoch nicht ins Geschehen ein. Denn noch
wurden sie von den Reitern nicht attackiert.
Larn indes schien wie auf glühenden
Kohlen zu stehen. Er trat unruhig auf der Stelle,
und seine Augen zeigten einen fast fiebrigen
Glanz.
»Das ist es«, sagte er heiser und wiederholte
die Worte ein ums andere Mal.
»Das ist was?« fragte Aruula.
»Die Reiter«, gab Larn zurück, ohne sie
anzusehen. Sein Blick blieb starr auf das
seltsame Kampfgeschehen gerichtet. »Sie
wählen aus.«
»Sie wählen aus?« echote die Barbarin.
Der junge Mann nickte und schluckte
aufgeregt. »Sie wählen die Stärksten aus.«
Und dann lief er los! Stürzte sich ins
Getümmel, brüllend wie die anderen Kämpfer.
»Larn, nicht! Nein!« Noone schrie auf,
machte ein, zwei Schritte, um Larn zu folgen,
um ihn aufzuhalten. Aruula bekam sie am Arm
zu fassen und zerrte sie zurück. Sie sagte etwas
zu dem jüngeren Mädchen, das Matt nicht
verstand. Aber Noone beruhigte sich ein wenig,
schluchzte nur lautlos.
Matt Drax versuchte Larn im Auge zu
behalten. Der junge Barbar drängte sich vor, um
an einen der Reiter heranzukommen. Ein
30
anderer Kämpfer holte mit seiner archaischen
Axt aus - jedoch nicht, um nach dem
Echsenreiter zu schlagen, sondern nach Larn!
Der junge Mann sah den Angriff aus den
Augenwinkeln und reagierte. Blockte den
Axthieb mit dem Stockschwert ab. Drehte die
Waffe blitzschnell. Und stach zu!
Eine der Klingen fuhr dem Angreifer
zwischen die Rippen und kam blutig wieder
zum Vorschein.
Matt glaubte das widerlich feuchte
Geräusch selbst über die Distanz und das
Gebrüll der Meute hören zu können.
»Mein Gott, was passiert hier?« flüsterte er
erschüttert. »Was ist nur in diese Männer
gefahren?«
Aber in ihm reifte längst schon eine
entsprechende Vermutung heran. Und jene
andere Stimme in seinen Gedanken ließ ihn
wissen, dass er damit wahrscheinlich näher an
der Wahrheit lag als ihm lieb war .. .
Etwas wurde anders. Die Angriffswelle
gegen die Echsenreiter verebbte. Männer
bückten sich und nahmen die Waffen von Toten
und Verletzten auf.
Dann wichen die Reiter etwas zurück, bis
auf einen. Der wies mit ausgestrecktem Finger
auf einzelne Männer und rief dabei etwas, das
Matt nicht verstand. Er schien einen anderen
Dialekt zu sprechen als das Nordvolk.
»Was sagt er?« wandte sich Matt an Aruula,
ohne den Blick zu wenden.
Sie antwortete ihm nicht. Steckte ebenfalls
ganz im Bann dieser so absurden wie abartigen
Ereignisse.
Was dann passierte, klärte für Matt im
nachhinein, was der gepanzerte Kerl angeordnet
hatte. Offenbar hatte er die verbliebenen
Männer in Zweiergruppen eingeteilt, jedem
einen persönlichen Gegner zugeteilt.
Und Matt blieb davon nicht ausgenommen.
Auch auf ihn kam jemand zu. Ein Bürschchen,
jünger noch als Larn. Wahrscheinlich klebten
ihm noch die Eierschalen hinter den Ohren.
Aber er war mit zwei Schwertern bewaffnet und
trug eine derart grimmige Entschlossenheit zur
Schau, dass Matt fast zurückprallte!
Mit einem Schrei auf den Lippen stürmte
der Junge heran, schwang die Klingen - und
lachte wie irr auf, als Matt ihm die Pistole
entgegenhielt!
Matthew brachte es nicht fertig, den Jungen
einfach niederzuschießen. Stattdessen tauchte er
unter den Schwerthieben seines Kontrahenten
weg.
Von der Pistole ließ sich der Knabe
natürlich nicht beeindrucken. Die Waffe musste
ihm lächerlich vorkommen. Er wusste ja nicht,
worum es sich dabei handelte. Woher auch?
Es schien ihn aber auch nicht zu irritieren,
dass sein Widerpart waffenlos war. Im
Gegenteil schien das seinen Eifer nur
anzustacheln. Er glaubte leichtes Spiel zu
haben. Schien Matt für einen Dummkopf zu
halten, für einen Feigling, der sich einfach in
sein Schicksal ergab.
Der Bursche wirbelte die Schwerter in den
Händen, als wögen sie nichts. Sein nächster
Schlag ging so dicht über Matts Kopf hinweg,
dass dieser zu spüren meinte, wie ihm ein paar
Haare abrasiert wurden.
»Okay, Junge, das reicht!«, knurrte Drax.
Und drückte schließlich doch ab!
Der Schuss ging beinahe unter im
Kampflärm, der wie ein sturmgepeitschtes Meer
um sie her tobte. Die Kugel schlug Funken aus
dem Pflaster der Piazza, zwei Handbreiten vor
den Füßen des Jungen. Er quiekte wie ein
Ferkel, sprang zurück und sah Matt fassungslos
an, zwei,
drei Sekunden lang. Dann senkte er den
Blick, bis er an der Pistole hängenblieb.
»Verschwinde«, sagte Matt und machte eine
knappe Kopfbewegung zum Rande der Piazza
hin. Gleichzeitig hob er die Waffe leicht an und
stieß sie drohend in Richtung seines jungen
Gegners,
31
Der wich einen weiteren Schritt zurück.
Dann öffneten sich seine Hände. Die Schwerter
klirrten zu Boden. Und schließlich lief der
Junge davon. Erst langsam und sich immer
wieder nach Matt umdrehend, dann schneller,
als sitze ihm der Teufel selbst im Nacken.
Die Lanze eines Echsenreiters stoppte den
Jungen, bevor er die Piazza verlassen konnte.
Der Reiter war wie aus dem Nichts
aufgetaucht, hatte dem jungen Mann den Weg
verstellt und ihn kurzerhand in seine Lanze
laufen lassen. Die blutige Spitze der Waffe trat
aus dem Rücken des Jungen aus.
Mit einer ruckartigen Bewegung stieß er
den Toten zur Seite und zerrte seine Lanze aus
dem Leichnam. Der scheinbar leere Blick aus
seinen schwarzen Augenhöhlen blieb dabei wie
festgenagelt auf Matt Drax haften.
Ein kurzer Ruck an den Zügeln, dann drehte
sich die Echse schwerfällig herum und stampfte
auf kurzen Beinen in Matts Richtung.
Matt hob die Beretta, zielte. Schoss.
Die Echse riss den Schädel hoch, fauchte
und zischte. Die Kugel war dem Tier durchs
linke Auge direkt ins Gehirn gefahren. Wie im
Zeitlupentempo fiel es zur Seite, schlug schwer
auf. Der Reiter stürzte aus dem Sattel, rollte
zwischen die Kämpfenden und entschwand
Matts Blicken. Für den Moment zumindest.
Er sah sich nach Aruula um, rief ihren
Namen. Sie antwortete ihm über das Scheppern
und Klirren der Waffen hinweg. Matt machte
sie etwas entfernt aus, selbst in einen
Zweikampf verwickelt, und eilte zu ihr.
»Nicht ganz fair, nicht ganz fein«, knurrte
Matt, als er von hinten auf Aruulas Gegner
zusprang und ihm den Pistolenknauf über den
Hinterkopf zog. Lautlos ging der Mann zu
Boden.
»Aufpassen, Maddrax!«
Es hätte Aruulas Warnruf kaum bedurft.
Einen Sekundenbruchteil vorher schon hatten
sich ihre Augen erschrocken geweitet, und
instinktiv hatte sich Matt zur Seite geworfen.
Keinen Augenblick zu früh!
Der Reiter, dessen Echse Matt erlegt hatte,
war hinter ihm aufgetaucht. Die Lanze, die Matt
ins Kreuz hatte dringen sollen, stieß ins Leere.
Im Liegen angelte Matt mit den Füßen nach den
Beinen des anderen und brachte ihn zu Fall.
Aruula trat ihm die Lanze aus den Händen. Und
Matt setzte auch diesen Kerl mit einem
Pistolenhieb außer Gefecht.
»Larn und Noone?« stieß er dann hastig
hervor. »Wo sind sie? Wir müssen
verschwinden!«
Aruula sah sich um. Aber es war in dem
Gewühl nahezu unmöglich, jemanden ausfindig
zu machen. Zudem andere Probleme
drängender waren!
Der Echsentyp, den Matt gerade erst
ausgeknockt hatte, schien den sprichwörtlichen
Eisenschädel zu haben. Wie ein Kastenteufel
sprang er in die Höhe, die Lanze wieder in den
Fäusten!
Diesmal stach er nach Aruula.
Matt war schneller.
Die Beretta bellte auf. Die Kugel stanzte
dem Kerl ein Loch in die horngetäfelte Stirn
und ließ ihn nach hinten wegkippen.
»Da!«, rief Aruula.
Matts Blick folgte ihrem ausgestreckten
Arm. Ein weiterer Echsenreiter kam in ihre
Richtung. Offenbar waren die Schüsse doch
nicht so unbemerkt geblieben, wie Matt gehofft
hatte.
Er zielte, krümmte den Finger, erreichte den
Druckpunkt - und hielt inne.
Jemand kam ihm zuvor. Jemand oder -
etwas...!
Ein dunkler Schemen tauchte auf wie aus
dem Nichts. Schien von irgendwoher
heranzufliegen, flatternd und formlos. Und vor
allem rasend schnell!
Der Schatten prallte gegen den Reiter, stieß
ihn vom Rücken der Echse. Ein dumpfes, aber
eindeutig wütendes und tierhaftes Grollen und
Knurren war zu hören...
... und dann flog der hässliche Schädel des
Reiters in ihre Richtung, prallte zwei Schritte
vor Matts Füßen zu Boden, rollte noch ein
bisschen näher und blieb schließlich so liegen,
dass die Fratze zu ihm hochstarrte, der mit
Hornlippen besetzte grüne Mund zu einem
32
grotesken Grinsen verzerrt. Tief in den
Augenhöhlen schien etwas wie ein allerletzter
Funke zu verglimmen.
Matts Blick suchte den Torso des Reiters,
fand ihn aber nicht. Dafür traf er auf die
seltsame Schattengestalt, die auf ihn und Aruula
zugestürmt kam. Jetzt sah Matt, dass es sich
nicht um einen Schatten oder ein Gespenst
handelte, sondern um jemanden, der eine
dunkle Kutte trug. Das Gesicht des anderen lag
im Schatten einer weiten Kapuze, die Ärmel
waren so lang, dass die Hände darin
verschwanden.
Reflexhaft hob Matt die Waffe, doch eine
blitzschnelle Bewegung des anderen wischte sie
zur Seite, ehe Matt auch nur daran denken
konnte, den Stecher durchzuziehen.
Dunkle Augen blitzten ihn unter der Kapuze
her an. Und sie sagten mehr als Worte, was der
andere verlangte: Kommt mit!
Während Aruula und er der gedrungenen
Kapuzengestalt hakenschlagend durch das
Kampfgedränge folgten, fragte sich Matt Drax,
warum er sich eigentlich der Führung eines
Wildfremden anvertraute. Wahrscheinlich weil
es in diesem Chaos völlig egal war, wem er
hinterherlief und wohin...
Wie sie das Kunststück fertig brachten, die
Piazza unbehelligt zu verlassen, vermochte
Matt im nachhinein nicht zu sagen. Wichtig war
nur, dass sie es schafften.
Ihr mysteriöser Führer eilte ihnen voraus
und legte ein Tempo vor, das Matt ins Keuchen
geraten ließ. Der andere stürmte wie ein
Rammbock durch die Menge, und ehe sich die
Lücken, die er freiräumte, wieder schließen
konnten, waren auch Matt und Aruula hindurch.
Die Piazza de Spagna blieb hinter ihnen
zurück. Sie tauchten in ein Labyrinth aus
verwinkelten, dunklen engen Gassen ein. Links
ab, dann rechts und wieder links. Sie kletterten
über Mauern hinweg, rannten durch düstere
Hausflure in stinkende Hinterhöfe. Und wieder
hinaus ...
Matt hatte längst die Orientierung verloren.
Er wusste nur, dass er ohne Hilfe Tage
brauchen würde, um den Weg aus diesem
Irrgarten zu finden. Wenn überhaupt...
Dann war die rasante Flucht vorbei. Sie
waren am Ziel. Auch wenn Matt weder die
leiseste Ahnung hatte, wo dieses Ziel lag, noch
weshalb sie hier waren.
Sie befanden sich in einem Kellergewölbe.
Am Ende hatte der Weg etliche ausgetretene
Treppen hinabgeführt, dann durch dunkle
Gänge und Stollen. Gelandet waren sie in einer
.. . Wohnung. Einem Raum wenigstens, der
diese Bezeichnung annähernd verdiente.
Jemand hatte sich hier heimisch eingerichtet.
Der Kapuzenmann war gerade damit
beschäftigt, ein paar Kerzendochte anzustecken.
Waberndes Licht verdrängte die Dunkelheit,
ohne jedoch den ganzen Raum zu erhellen; es
schuf lediglich Inseln von Helligkeit.
Matt sah sich um. Es gab einfaches
Mobiliar. Eine Schlafstatt. Kisten und Truhen
mit geschlossenen Deckeln. An den Wänden ein
paar Regale, gefüllt mit uralten Dingen, manche
rostig, andere nur verdreckt.
Und in einer Ecke machte Matt einen
klobigen, kantigen Schatten aus, den er auf den
ersten Blick nur deshalb nicht erkannte, weil er
weniger noch als alles andere an diesen Ort
passte: ein Klavier ...
Ein würziger Geruch mengte sich in die
dumpfe und feuchte Atmosphäre des Kellers.
Ein rotglühendes Auge blinzelte Matt aus dem
Dunkeln zu. Es dauerte einen Moment, bis er
erkannte, was es damit auf sich hatte: Der
andere hatte sich eine Zigarre angesteckt. Jetzt
hielt er Matt und Aruula eine flache Schachtel
hin, in der weitere Zigarren lagen. Matt nahm
eine, klemmte sie sich aber nicht zwischen die
Lippen, sondern drehte sie nur zwischen den
Fingern.
»Wer bist du?« fragte er schließlich. Aruula
wiederholte seine Frage in der Barbarensprache.
33
»Moss.«
Der Mann löste sich aus den Schatten, und
endlich schlug er die Kapuze zurück. Das
Kerzenlicht ließ die Furchen und Falten seines
seltsam alterslosen Gesichts tiefer und dunkler
wirken als sie es tatsächlich sein mochten.
Schwarzes Haar stand ihm borstig und drahtig
von Kopf und Wangen ab.
Dann legte der Mann, der sich als Moss
vorgestellt hatte, auch die Kutte ab. Darunter
trug er ein ledernes Wams und Hosen aus
gleichem Material, dazu Fellstiefel, die von
Lederriemen zusammengehalten wurden.
Moss war nicht groß, er reichte Matt gerade
bis über die Schultern, aber ungeheuer
breitschultrig, und seine Muskeln waren nicht
minder beeindruckend.
Auch auf seinen Armen spross dunkles
drahtiges Haar. Und an seinen Händen klebte
getrocknetes Blut. Das Blut des Echsenreiters,
den er geköpft hatte. Mit bloßen Händen, wie es
schien.
Matt schluckte hart, dann nannte er ihre
Namen und fragte über Aruula: »Was soll das?
Warum hast du uns hier hergebracht?«
Moss hob die Schultern. Die Geste wirkte
beinahe bedrohlich. »Weil ihr sonst tot wäret.«
Er sprach langsam und betont.
»Aber wie hast du uns gefunden?« hakte
Matt nach.
»Ich halte Augen und Ohren offen. So lebt
es sich länger. Vor allem in dieser Stadt.«
Matt entsann sich des Gefühls, beobachtet
worden zu sein, als sie durch die Straßen
gegangen waren. Gut möglich, dass dieser Moss
da schon ein Auge auf sie geworfen hatte.
»Du bist ein Schamane«, behauptete
Aruula, scheinbar unvermittelt. Es klang
erstaunt und vorwurfsvoll zugleich.
»Wie kommst du denn auf die Idee?« Moss
lachte rau auf.
»Deine Gedanken sind . .. stumm. Ich spüre
nichts. Wie bei Baloor. Er war der Schamane
meiner Horde. Auch die Tür zu seinem Geist
blieb mir verschlossen.«
Aruulas Stimme klang unangenehm
berührt.
»Ah, eine Lauscherin, wie?« Milder Spott
schwang in Moss' Tonfall mit. Dann winkte er
ab. »Nein, ich bin kein Schamane, Herzchen.
Aber du solltest dich daran gewöhnen, dass sich
nicht jedermann in die Birne gucken lässt. Hier
gehts anders zu als droben im Norden bei
deinen Brüdern und Schwestern.«
Matt verstand kaum ein Wort von dem, was
Moss sagte. Aber den Sinn immerhin begriff er.
Und er konnte nicht behaupten, dass dieser Typ
ihm dadurch geheurer wurde. Im Gegenteil...
»Wer bist du?« fragte er noch einmal, und
sein Tonfall machte deutlich, dass er mehr
wissen wollte als nur einen Namen.
»Ein Mann, der versucht, Schwierigkeiten
zu vermeiden.«
»Für sich und andere, wie?«
Moss nickte und nebelte sich in
Zigarrenqualm ein.
Matt griff nach seiner Pistole. Aus der
Qualmwolke drang dumpf ein drohender Laut.
Matt hob beschwichtigend die Hand.
»Keine Sorge«, meinte er und behielt die
Waffe auf der flachen Hand. »Ich glaube, du
weißt, was das ist?« Diesen Eindruck hatte er
jedenfalls gehabt, unmittelbar bevor Moss sie
auf der Piazza zur Flucht aufgefordert hatte.
Aruula übersetzte. Wieder zuckte Moss die
breiten Schultern. »Ein Ding, das
Schwierigkeiten macht.«
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Matt
Drax' Gesicht. Damit lag Moss nicht einmal so
falsch. Genaugenommen hatte seine
Einschätzung beinahe etwas Philosophisches ...
Matt steckte die Waffe weg, beschäftigte
seine Hände stattdessen mit der Zigarre und
begann in dem Raum hin- und herzugehen. Er
betrachtete die Gegenstände in den Regalen,
ohne sie wirklich zu sehen. Dann fuhren seine
Hände über das Klavier. Es war uralt, natürlich,
zerschrammt und schief.
»Da draußen«, fragte Aruula nach einer
Weile, »auf dem großen Platz, dieser Kampf -
was war das?«
»Sie haben neue Kämpfer ausgesucht«,
antwortete Moss.
»Kämpfer wofür?«
34
»Für die Arena.«
Aruula dolmetschte, und Matt nickte. Er
hatte so eine Ahnung gehabt.
Das alte Rom war hier nicht nur
architektonisch reanimiert worden ...
»Wer sind sie?« nahm sie den Faden dann
wieder auf. »Diese Reiter.«
Moss winkte ab. »Die Reiter sind nur
Helfer. Oder Diener.«
»Wem helfen oder dienen sie?« wollte die
Barbarin wissen.
»Den Göttern«, sagte Moss. Aber in seiner
Stimme lag keine Spur von Ehrfurcht. Nur
Spott.
Aruula jedoch schauderte. Matt spürte es,
als liefe ihm selbst eine Gänsehaut über den
Rücken.
Aruula glaubte an Götter, und ebenso an
ihre finsteren Pendänte, dämonische Wesen, die
der Legende nach in den Schlünden und Tiefen
der Erde hausten.
»Ist diese Stadt die Heimat der Götter?«
fragte sie dann, fast atemlos.
»In dieser Stadt«, erwiderte Moss düster,
»ist so ziemlich alles zu Hause. Und das
Wenigste davon gefällt mir.«
»Warum bist du dann hier?« hakte Matt
nach.
»Weil es Orte gibt, die noch schlimmer
sind«, erwiderte Moss, und sein Ton machte
klar, dass das Thema damit für ihn
abgeschlossen war.
Matt verstand und akzeptierte es, obwohl
ihm mindestens ein Dutzend Fragen auf der
Zunge lag. Er wechselte das Thema.
»Hast du je etwas gehört von einem
Feuervogel?«
Die Regung auf Moss' Gesicht entging ihm
nicht. Eine der buschigen Augenbrauen des
kleinen, aber ungemein kräftigen Mannes
wanderte ein wenig nach oben.
Matt hakte gleich nach: »Und hast du
jemanden gesehen, der gekleidet ist wie ich?«
Er rieb den Stoff seiner lädierten Fliegerkombi
zwischen den Fingern.
Moss nickte. »Ay.«
»Was ja?
Weißt du etwas über den Feuervogel oder
einen Menschen wie mich?« stieß Matt hastig
hervor.
Nachdem Aruula übersetzt hatte, nickte
Moss abermals. »Ich bringe euch hin. -
Morgen.«
Und dabei blieb es. Trotz aller Einwände
und Fragen, die Matt noch vorbrachte. Moss
wies ihnen einen Raum für die Nacht zu. Der
Verschlag befand sich ein Stück den Gang
hinab, auf der anderen Seite.
Matt träumte in dieser Nacht von
unwiederbringlich vergangenen Zeiten. Er sah
sich selbst als kleinen Jungen neben seiner
Mutter auf einer schmalen Bank sitzen. Seine
Mutter spielte ihm ein Lied auf dem Klavier
vor. Das hatte sie oft getan, in der Hoffnung, in
ihrem Sohn ein musikalisches Talent zu
wecken. Sie hatte es nicht geschafft.
Als Matt die Augen öffnete und ins Dunkel
sah, schien der Traum noch nicht zu Ende. - Er
klang noch nach, ein paar Sekunden lang. Denn
in der Dunkelheit glaubte Matt noch immer
Klaviermusik zu hören, leise, verwehend.
Die melancholische Melodie eines Liedes,
das er kannte und das in dieser Zeit längst
vergessen war.
As time goes by ...
Noch nie in ihrem Leben war Noone von so
vielen Menschen umgeben gewesen; es mussten
Tausende sein. Und doch hatte sie sich noch nie
so einsam und verloren gefühlt.
Um sie her tobten immer noch diese
absurden und grausamen Zweikämpfe. Waffen
klirrten, Blut floss, Männer schrien und
brüllten, vor Schmerz und Triumph. Und
zwischen den Kämpfenden ritten die hässlichen
Männer auf ihren Echsen und beobachteten
alles aus schwarzen Augen.
35
Nie zuvor hatte Noone einen schlimmeren
Albtraum gehabt. Sie wünschte sich
aufzuwachen. Oder wenigstens glauben zu
können, all dies sei nur ein Traum.
Aber sie war und blieb wach. Wacher sogar
als je zuvor. Jeder ihrer Sinne schien mit nie
gekannter Schärfe zu funktionieren. Sie war in
der Lage, ein Dutzend und mehr Eindrücke
gleichzeitig aufzunehmen. Ihre Angst war
längst purer Panik gewichen. Sie zitterte und
wimmerte, flüsterte sinnlose Worte, und ihre
Tränen schienen kochendheiß, so sehr brannten
sie in ihren Augen und auf ihren Wangen.
Maddrax und Aruula waren verschwunden.
Und Larn .. .?
Eine, Zeitlang hatte Noone ihren Freund
beobachten können. Und sie hatte ihn kaum
wiedererkannt! Er war voller Blut, aber das
wenigste davon war sein eigenes. Seine Augen
leuchteten weiß und rund in der dunklen Maske,
zu der sein Gesicht geworden war. Er gebärdete
sich, als habe er jedes bisschen Verstand
verloren. Wie ein ... wildes Tier.
Noone wünschte sich fort, weit weg von
dieser Stadt. Sie wollte sich nicht vorstellen,
hier zu leben. Sie wollte kein Leben, das so
begann, mit Blut und Tod.
Und fast wünschte sie sich, Larn nicht
befreit zu haben. Dann wäre sie nie nach
Rooma gekommen, sondern immer noch in der
sicheren Obhut ihrer Horde, wo das Leben
einfach, aber gut gewesen war.
Doch dieses Leben war vorbei, für immer.
Und wenn sie sich nicht in Acht nahm, dann
würde auch ihr neues Leben gleich vorbei sein.
Denn Noone befand sich immer noch mitten im
Kampfgetümmel, und die Männer um sie her
hieben so rücksichtslos mit ihren Waffen um
sich, dass Noone bisher nur mit viel Glück
Verletzungen entgangen war.
Gerade eben sauste wieder eine
Schwertklinge so dicht an ihrem Kopf vorbei,
dass Noone den Luftzug spüren konnte. Sie
taumelte weiter. In der Hoffnung, aus dem
Gewühl hinauszufinden, behielt sie eine
Richtung bei. Aber das Leibermeer schien kein
Ende zu nehmen, obschon Noone die Häuser
rings um den großen Platz sehen konnte. Doch
sie schienen einfach nicht näherzurücken.
Noone begann zu beten. Mit bebenden
Lippen, aber stumm. Sie flehte zu allen Göttern.
Dass sie ihr halfen, einen Weg zeigten aus
dieser Hölle...
... und das Wunder geschah. Jemand nahm
ihre Hand und sagte mit ruhiger samtener
Stimme: »Komm!«
Noone blieb stehen und widerstand dem
sanften Zug. Ihr Blick klärte sich so langsam,
als sehe sie in aufgewühltes Wasser, das
allmählich zur Ruhe kam. Und dann endlich sah
sie das Gesicht der Person, die vor ihr stand.
Die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie
wahrhaftig vom Himmel gefallen.
Es war das schönste Gesicht, das Noone je
gesehen hatte. Von solchem Ebenmaß, als
hätten die Götter selbst es modelliert.
Das Gesicht einer Frau, ein wenig älter als
Noone selbst, aber immer noch jung. Ein
Lächeln lag auf den vollen Lippen, und die
Augen waren voller Wärme, so spürbar, dass
Noone aufhörte zu zittern.
Wer bist du? wollte sie fragen, aber die
Fremde schüttelte sacht den Kopf, lächelte
unentwegt weiter und berührte Noones Lippen
mit weichen Fingern, streichelte sie.
Noone schmeckte ... etwas. Auf ihren
Lippen war etwas, das sie noch nie gekostet
hatte, aber es schmeckte augenblicklich nach
mehr, und Noones Zunge huschte über die
Lippen und nahm den wundersamen
Geschmack auf.
»Was?« begann sie, aber ihre eigene
Stimme klang fremd in ihren Ohren und so, als
komme sie von weither. Und was immer sie
noch sagte, Noone verstand ihre eigenen Worte
nicht.
Sie waren unwichtig. Alles wurde
bedeutungslos. Was um sie her geschah, verlor
allen Schrecken. Und Noone selbst fühlte sich
leicht, unendlich leicht.
Als sie der schönen Fremden folgte, glaubte
Noone zu schweben. Ihre Füße schienen den
Boden nicht zu berühren. Und schließlich
meinte sie gar zu fliegen.
36
Sie wusste sogar, wohin sie flog, obwohl
niemand es ihr gesagt hatte. Es war einfach in
ihrem Kopf, in ihrem Denken, in dem plötzlich
so unendlich viel mehr Platz war.
Sie flog in ein neues Leben. In ein schönes
Leben. In einen Traum von einem Leben!
Und dann landeten sie.
Im Palast der Träume.
Larns Traum war vorüber, lange bevor es
ihm bewusst wurde.
Keuchend und breitbeinig stand er über
seinem Gegner. Blut tropfte von den Klingen
des Stockschwerts auf den tödlich Verletzten
hinab, wurde eins mit dem, das aus den
Wunden pulsierte, immer langsamer, weil das
Herz des anderen kaum noch schlug. Dann
blieb es ganz stehen.
Und Larn hatte einen zeitlosen Moment
lang das Gefühl, alles um ihn her, die ganze
Welt käme zum Stillstand. Er hörte nichts von
dem Lärm, der immer noch um ihn her wogte,
und alle Bewegungen schienen eingefroren. Er
sah nur die Toten, die er auf dem Gewissen
hatte, ihr Blut, und er spürte ihre letzten
Atemzüge, als hätten sie sich gesammelt, um
ihn jetzt zu treffen wie ein eisiger Windhauch.
Dann war dieser Moment vorbei und die
Welt drehte sich weiter. Schneller als vorher,
wie es Larn vorkam, denn was in den nächsten
Minuten passierte, schien mit unnatürlicher
Geschwindigkeit vonstatten zu gehen. So
schnell, dass Larn sich kaum als Teil davon
fühlte. Vielmehr war ihm, als beobachte er alles
nur von erhöhter Warte aus und ohne, selbst
etwas tun zu können.
Der Stimmenlärm um Larn herum
veränderte sich. Es waren nicht länger
Kampfgeräusche und -schreie, die er hörte. An
ihre Stelle klangen Jubelrufe und Wehklagen.
Erstere von den Angehörigen und Freunden der
überlebenden Kämpfer, letztere von den
Hinterbliebenen der Toten, die dieser grausame
Auswahlkampf gekostet hatte.
Ein riesiger Karren tauchte aus einer der
umliegenden Straßen auf, gezogen von zwei
monströsen gehörnten Kreaturen und begleitet
von einer wahren Horde kleinwüchsiger Wesen,
die aufgeregt und schrill fiepten und riefen, hin
und her wuselten in ihren langen Mänteln und
die Leichen aufsammelten.
Jeweils drei oder vier der zwergenhaften
Geschöpfe packten einen Toten, schleiften ihn
zu dem Gefährt und hievten ihn auf die
Ladefläche. Binnen weniger Minuten waren der
weite Platz »gereinigt« und der Karren wieder
verschwunden.
Die siegreichen Kämpfer formierten sich zu
einem Zug. Die Echsenreiter halfen nach,
indem sie die Männer mit Zurufen und Stößen
ihrer Lanzen in Formation trieben. Über
zwanzig waren es, schätzte Larn, vielleicht auch
dreißig. Viele der Männer waren selbst verletzt,
einige so schwer, dass Larn sich wunderte, wie
sie sich überhaupt noch auf den Beinen halten
konnten.
Dann setzte sich der Tross, wiederum auf
Befehl der Reiter hin, in Bewegung. Der Jubel
und die Hochrufe der Zuschauer brandeten wie
eine Woge über die Männer herein, und wie von
einer Welle fühlte sich Larn auch
davongetragen. Es war, als müsse er nicht einen
Fuß vor den anderen setzen, um
voranzukommen. Ein eigenartiges, nie zuvor
erlebtes Gefühl war in ihm. So kräftig und
mächtig kam er sich vor, dass er meinte, fliegen
zu können.
Sie marschierten durch Gassen und Straßen,
gesäumt von Menschen, die ihnen
Glückwünsche zuriefen. Schließlich erreichten
sie eine besonders breite Straße, die auf ein
Bauwerk zuführte, so gewaltig und
beeindruckend, dass Larns Vorstellungskraft nie
genügt hätte, es sich auszumalen.
Der Wanderer, der ihm von Rooma erzählt
hatte, hatte weder übertrieben noch gelogen. In
37
dem Palast, der dort im Licht der untergehenden
Sonne vor ihnen lag, konnten nur Götter leben!
Mochte Larn auch jenen Göttern, die seine
Horde angebetet hatte, gezweifelt haben - hier
nun lagen die Dinge völlig anders. Der
prächtige Prunk, die majestätische Größe dieses
Palastes und all dessen, was darum herum zu
sehen war, konnte nur von Göttern errichtet
worden sein - oder wenigstens auf deren Geheiß
hin. Es war ein steingewordenes Wunder. Etwas
Schöneres konnte es nirgendwo geben! Und er
und die anderen Männer wurden genau dorthin
geführt. In den Palast. Zu den Göttern.
Das jedenfalls glaubte der junge Barbar ...
Eine Mauer umgab den Palastbereich. Das
gewaltige Tor darin wurde von einer halben
Heerschar kriegerisch aussehender Gestalten
bewacht. Als die Echsenreiter und die
Auserwählten kamen, wurde das Tor geöffnet.
Larn hatte einen Moment lang den Eindruck,
das Maul eines gewaltigen Ungeheuers würde
sich vor ihnen auftun, bereit, sie alle zu
verschlingen, mit Haut und Haaren. Und sie
marschierten schnurstracks hinein in dieses
Maul...
Dahinter jedoch lag nicht der Schlund eines
Ungetüms, natürlich nicht. Dahinter lag ein
ovaler Platz, der mindestens fünf Speerwürfe
messen musste. Ringsum lief ein Säulengang,
darauf steinerne Figuren, die auf den Platz
herabschauten. In der Mitte ragte eine kantige
Nadel aus Stein auf. Larn sah Quellen, wie er
sie nie im Leben gesehen hatte - aus Stein
geformt, mit Figuren verziert.
Und dahinter der Palast selbst. Im Licht
unzähliger Feuer, die in Schalen brannten, lag
ein Bauwerk von solcher Gewalt, dass Larn sich
von dem bloßen Anblick erschlagen glaubte.
Gekrönt von einem halbrunden Dach, das
größer und prächtiger war als die Sonne selbst
und in den Himmel hineinzuragen schien.
Atemlose Stille senkte sich über die
Männer. Keiner unter ihnen, der nicht
verstummte ob des grandiosen Anblicks. Jeder
einzelne fühlte sich am Ziel seiner Träume.
Doch ihr Weg war noch nicht zu Ende...
Wieder setzten die Echsenreiter ihre Lanzen
ein, um die Männer weiterzutreiben. Sie
drängten sie wie eine Viehherde über den Platz,
vorbei an den Menschen, die ihn bevölkerten.
Und plötzlich schrie Larn auf!
»Noone!«
Kein Zweifel,, dort drüben stand Noone,
zusammen mit einem anderen Mädchen. Aber
sie reagierte nicht auf seinen Ruf! Zwar schaute
sie in seine Richtung, aber nur wie zufällig, und
sie sah ihn nicht.
Wieder rief er ihren Namen. »Noone!«
Ein Lanzenschaft wurde ihm ins Gesicht
geschlagen. Seine Lippen platzten auf. Blut
füllte seinen Mund. Und grelle Lichter schossen
hinter seinen geschlossenen Lidern vorbei.
Larn geriet ins Taumeln. Jemand fasste ihn
unter und half ihm beim Weitergehen.
Als er wieder aus eigener Kraft laufen und
klar sehen konnte, hatte sich Larns Umgebung
drastisch verändert. Sie befanden sich nicht
länger auf dem Platz vor dem Palast. Sie
wurden eine Treppe hinunter getrieben, nicht
länger von den Reitern, sondern von
Fußsoldaten. Man hatte den Männern die
Waffen abgenommen, befahl ihnen, sich zu
beeilen.
Sie langten in einem unterirdischen Gang
an. Es stank nach menschlichen
Ausscheidungen, nach Fäulnis und
Feuchtigkeit. Der von Fackeln erhellte Gang
mündete in einen anderen, weitere zweigten ab,
und immer weiter wurden die Männer vorwärts
getrieben.
»Was soll das?« murrte der Mann, der vor
Larn ging. Lauter und direkt an einen ihrer
bewaffneten Führer gewandt fuhr er fort:
»Wohin bringt ihr uns? Es ist unser Recht, im
Palast der Götter.«
Er erhielt keine Antwort. Stattdessen schlug
einer der hageren Kerle dem Mann den
Lanzenstiel in den Nacken. Er schrie auf und
stürzte. Larn half ihm auf die Beine und stützte
ihn. »Gehts?« fragte er.
Der andere nickte.
»Dann bin ich also nicht der Einzige, dem
diese Geschichte erzählt wurde«, kam Larn auf
38
das zurück, was der Mann vorher gesagt hatte.
»Dass die besten Kämpfer im Palast leben
dürfen.«
Der Mann neben ihm schüttelte den Kopf
und nickte fast gleichzeitig. »Nein. Ich meine -
ja, diese Geschichte kam auch mir zu Ohren.
Nur deswegen habe ich mich an dem Kampf
beteiligt.«
Jetzt mischte sich doch einer der
Bewaffneten ein, die den Tross durch das
unterirdische stinkende Labyrinth führte.
»Die besten Kämpfer dürfen wohl im Palast
leben«, erklärte er. »Sie genießen die Gunst der
Götter. Ihr aber müsst erst noch unter Beweis
stellen, dass ihr es wert seid, zu den Besten
gezählt zu werden.«
Larn und die anderen schwiegen. Aber in
ihren Gesichtern zeichnete sich Enttäuschung
ab. In manchen auch Zorn. Und in einigen
Furcht.
Worauf hatten sie sich nur eingelassen?
Diese Frage ging ihnen allen durch den Kopf.
Eine Antwort erhielten sie nicht. Nicht in dieser
Nacht, die sie in ihren neuen Quartieren
zubrachten. Und die hatten gar nichts gemein
mit jenen weichen duftenden Lagern aus ihren
Träumen.
Nein, sie schliefen in dunklen Verschlägen,
auf Stroh und hinter Gittern.
Wie jene Tiere, die sie im Dunkeln nicht
sahen, wohl aber hörten. Ganz in der Nähe. Und
jedes einzelne dieser Tiere klang .. .hungrig.
»Vertraust du ihm?« fragte Aruula.
Matt Drax hob die Schultern. »Ich weiß es
nicht. Auf jeden Fall ist er ... ein seltsamer
Kauz.«
Moss war verschwunden gewesen, als Matt
und Aruula erwachten. Matt nutzte die
Gelegenheit, sich etwas gründlicher in der
Kammer des merkwürdigen Mannes
umzusehen.
Moss' Schrottsammlung war zumindest
bemerkenswert und Matt war sicher, dass sich
darin so mancher Hinweis auf den Mann hinter
dem nichtssagenden Namen finden ließe.
Aber er fand keinen dieser Hinweise. Weil
er nicht einmal recht wusste, wonach er
eigentlich suchte.
Vor dem Klavier blieb Matt stehen.
Die Tasten waren gelb wie schlechte
Zähne.
Er wollte einen kurzen Akkord anschlagen,
aber seine Finger blieben dicht über der
Klaviatur hängen...
»Neetu!«
Moss' Stimme peitschte durch den Raum,
und im nächsten Moment stand er auch schon
neben Matt und schlug den Deckel zu. Ein
schriller Misston drang aus dem Klavier. Matt
konnte hatte seine Hand gerade noch
zurückziehen können.
Moss trug wieder seine Flickenkutte. Sein
dunkler unergründlicher Blick ruhte auf Matt,
sekundenlang, dann wandte er sich abrupt um
und stellte einen Beutel auf den Tisch.
»Wo warst du?« wollte Aruula wissen.
Moss packte aus, was sich in dem Beutel
befand. »Essen holen.« Er hatte Trockenfleisch
mitgebracht, ein paar Früchte und Milch in
einem tönernen Gefäß.
»Magaro juu«, forderte er seine Gäste auf,
und als hätte es erst dieser Worte bedurft,
merkte Matt, wie hungrig er tatsächlich war.
Aruula griff kaum weniger beherzt zu.
Während des Essens verzichtete Matt
darauf, weitere Fragen an Moss zu richten. Der
hatte am Abend zuvor recht deutlich gemacht,
dass er nicht willens war, sich aushorchen zu
lassen. Erst als er satt war, ließ er Aruula
fragen: »Und jetzt? Wirst du uns zum
Feuervogel bringen?«
Moss nickte knapp. Der kleine kräftige
Mann kramte abermals in dem Beutel, den er
mitgebracht hatte. Diesmal förderte er einen
Mantel zutage, der seiner Kutte nicht unähnlich
39
war. Er warf Matt das Kleidungsstück zu.
»Attraar«, sagte er.
Matt blickte fragend zu Aruula. »Du sollst
das anziehen«, klärte sie in auf.
»Warum?«
Moss erklärte gestenreich.
»Weil du auffallen wirst in deiner Kleidung,
dort wo er uns hinbringt«, übersetzte Aruula
und fügte hinzu: »Ich dagegen habe nicht nötig.
Meine Sachen sind nicht ungewöhnlich hier.«
Matt verbiss sich weitere Fragen und zog
die Kutte über. Sie stank entsetzlich, aber an
solcherlei Unannehmlichkeiten hatte er sich in
den vergangenen Wochen gewöhnt. Sie waren
weiß Gott das kleinste Übel in seiner ganzen
vertrackten Situation.
Dann gingen sie. Moss führte sie aus den
Kellern hinaus zurück an die Oberfläche und in
das Gassenlabyrinth. Der neue Tag war längst
angebrochen und über Rooma lag ein
graugrüner Himmel, der geheimnisvoll zu
leuchten schien. In dieser Zeit herrschte
meistens ein ganz eigenartiges, fast
unwirkliches Tageslicht. Matt ging davon aus,
dass Veränderungen in der Atmosphäre in
Folge des Kometeneinschlags dafür
verantwortlich waren.
Mochte es auch ewig (im wörtlichen
Sinne!) her sein, dass Matt in Rom gewesen
war, so war er doch ziemlich sicher, dass sie
sich im einstigen Stadtteil Trastevere befanden,
dem Hafenviertel Roms. Und er hatte eine
ziemlich konkrete Ahnung, wo Moss sie
hinführen würde. Wenn Matt damit richtig lag,
dann mussten sie nicht allzu weit laufen. Denn
das Kolosseum lag in unmittelbarer Nähe
Trasteveres ...
Er irrte sich zumindest in diesem Punkt
nicht. Das Kolosseum war ihr Ziel. Aber es
befand sich nicht mehr dort, wo es vor weit
über zweitausend Jahren errichtet worden war,
sondern in der Nähe des - Vatikans?!
»Grundgütiger!« entfuhr es Matt, als das
gewaltige Bauwerk vor ihnen auftauchte.
Nicht nur, dass das gewaltige Amphitheater
nicht mehr an seinem ursprünglichen Ort stand,
es war auch vollkommen restauriert worden!
Und das nicht einmal ungeschickt. Im
Gegenteil, Matt war sicher, dass das Kolosseum
bei seiner Eröffnung in vorchristlicher Zeit
nicht anders ausgesehen haben konnte!
Er fing einen seltsamen Seitenblick von
Moss auf, ignorierte ihn aber. Der Anblick des
Kolosseums schlug ihn völlig in Bann. Und
seine Gedanken rasten um die Vorstellung, was
hier geschehen sein musste. Das Kolosseum
war offensichtlich abgetragen und hier, in
unmittelbarer Nachbarschaft des Vatikans,
wieder aufgebaut worden. Kaum vorstellbar,
welcher Kraftakt dahintersteckte. Vergleichbar
nur mit dem Pyramidenbau zu Ägypten.
Und im gleichen Zuge fragte sich Matt, wer
dafür verantwortlich zeichnete.
»Die Götter...«, flüsterte er, und ein Anflug
von Ehrfurcht schwang darin mit. Wer immer
diese »Götter« waren, sie mussten über
unglaubliche Macht und gewaltigen Einfluss
verfügen. Wie sonst hätten sie Menschen dazu
bringen können, diese Umsetzung
vorzunehmen?
Dann tauchte jenes riesenhafte Ungetüm,
das sie im Wald besiegt hatten, in Matts
Gedanken auf. Es stampfte förmlich durch
seinen Kopf.
Er nickte. Ja, konnte sein, dass Kerle wie
dieser daran beteiligt waren. Aber - und bei dem
Gedanken fröstelte Matt unwillkürlich - wie
viele dieser Monstren bedurfte es, um ein
derartiges Unternehmen durchzuziehen?
Sie waren nicht die einzigen, die auf das
Kolosseum zupilgerten. Im Gegenteil, Matt
schätzte, dass es Hunderte von Menschen
waren, die durch die halbrunden Tore in das
Amphitheater strömten. Sie ließen sich in
diesem Strom einfach mittreiben.
Matt kam aus dem Staunen auch nicht
heraus, nachdem sie den Bau betreten hatten. Er
erinnerte sich an seinen früheren Besuch im
Anfiteatro Flavio. Obwohl es noch
einigermaßen erhalten gewesen war, hatte es
doch einiger Fantasie bedurft, um sich
vorzustellen, wie es in seiner Blütezeit wirklich
ausgesehen haben mochte. Jetzt und hier war
eine solche Anstrengung nicht vonnöten. Es
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schien nur einen einzigen wirklichen
Unterschied zwischen dem Damals und Heute
zu geben ...
... den Jet!
Der Anblick versetzte Matt einen so
schmerzhaften Stich in die Herzgegend, dass er
aufstöhnte und an sich halten musste, um sich
nicht zu krümmen.
Das Flugzeugwrack befand sich unter ihnen
in der Arena.
Es lehnte hochkant an einer der
Schmalseiten des gut hundertfünfzig Meter
langen sandigen Ovals, einem so grotesken wie
perversen Mahnmal gleich. Denn daran hing,
wie gekreuzigt, ein Toter. Oder vielmehr das,
was noch übrig war von ihm.
Denn krähenartige Vögel taten sich an
seinem kalten Fleisch gütlich . . .
Matt wandte rasch den Blick ab. Er sah
Aruula an und erschrak ein weiteres Mal. Die
junge Barbarin war blass geworden. Nein, mehr
noch - totenbleich.
»So viel Tod.. .«, hauchte sie, ». .. so viel
Gewalt und Blut.« Sie schauderte.
Matt nickte nur. Obwohl er nicht über
Aruulas besonderen Sinn verfügte, konnte doch
auch er spüren, was an diesem Ort geschehen
war. Fast war es, als hingen die Todesschreie
unzähliger Männer noch in der Luft, wie Echos,
die nie verwehen würden.
Natürlich wusste Matt, zu welchem Zweck
das Kolosseum dereinst erbaut worden war.
Wer wusste das nicht? Und der alte Geist war
wiederbelebt worden.
Die »Spiele« wurden fortgesetzt.
Nichts schien sich geändert zu haben. Die
Zuschauer schienen sensationslüstern, geradezu
blutgierig wie eh und je, und auch heute fanden
sich offenbar Männer, die willens waren, in der
Arena der Grausamkeiten ihr Leben aufs Spiel
zu setzen für... ja, wofür eigentlich?
Ruhm und Ehre?
Um einen heldenhaften Tod zu sterben?
Eine Antwort schien Matt so absurd wie
die andere. Und er wollte auch nicht länger
darüber nachdenken. .
Verdammt, er wollte ganz andere Dinge in
Erfahrung bringen!
Mit einem Ruck wandte er sich an Moss,
der die ganze Zeit über geschwiegen hatte. Als
er jetzt Matts funkelndem Blick begegnete,
blieb sein Gesicht reglos, oberflächlich
zumindest. Darunter, hinter dieser Maske aus
Gleichgültigkeit und Ungerührtheit, glaubte
Matt jedoch etwas anderes zu erkennen - einen
grimmigen Ausdruck und etwas wie
Verbitterung. Und wenn er genau hinschaute,
meinte er um Moss' Mundwinkel etwas wie die
Andeutung eines zynischen Lächelns zu sehen.
»Was hat das alles zu bedeuten?« wollte
Matt wissen. »Rede endlich!«
Doch Moss schwieg auch weiterhin. Er
bedeutete Matt nur mit einer Geste, seine
Lautstärke zu zügeln. Unauffällig sah Moss um
sich, aber niemand unter den Zuschauern um sie
her schien sonderlich Notiz genommen zu
haben von Matt Drax' »Gefühlsausbruch«.
Dann hieß er ihn und Aruula, Platz zu nehmen.
Matt ließ sich auf die Steinbank nieder und die
junge Barbarin setzte sich zwischen ihn und
Moss, um dolmetschen zu können.
»Die Götter erhielten Kunde von der
Landung des Feuervogels«, berichtete Moss.
»Sie ließen nach ihm suchen. Und der
Suchtrupp brachte ihn in die Stadt. Der Gott des
Kampfes befahl ihn hier in der Arena
aufzustellen.«
»Was ist mit dem Mann, der so gekleidet ist
wie ich?« wollte Matt wissen. »Was weißt du
über ihn?«
Moss kam nicht zu einer Erwiderung. Nicht
weil er nicht wollte, sondern weil etwas anderes
geschah, das die Aufmerksamkeit aller
Anwesenden erregte. Moss, Matt und Aruula
blieben davon nicht ausgenommen.
Ohrenbetäubender, Gänsehaut erzeugender
Lärm brandete auf. Es dauerte einen Moment,
bis Matt die Quelle ausmachte. Dabei irrte sein
Blick über die Zuschauerränge und die bizarren
Gestalten im Publikum. In der Reihe hinter ihm
trug sogar jemand eine Sonnenbrille, wenn auch
mit nur einem intakten Glas. Als sein Blick auf
der jungen Frau verharrte, erwiderte sie ihn und
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blinzelte Matt durch das leere Rund der
Brillenfassung anzüglich zu. Rasch sah Matt
weg, ließ den Blick weiter schweifen. Er
entdeckte steinerne Figuren, die auf den
Mauerkronen der Arena standen. Karikaturen
von Menschen, die kaum noch etwas
Menschliches an sich hatten - und doch ging
eine eigenartige, fast unheimliche Ausstrahlung
von ihnen aus.
Sind das die Götter? dachte Matt, und
einmal mehr fror er innerlich.
Ehe er weiter darüber nachdenken konnte,
sah er, was diesen furchtbaren Lärm
verursachte. Bunt gekleidete Gestalten waren
auf einer Art Balkon aufgetaucht, der dem
Flugzeugwrack gegenüber lag. Sie bliesen in
gewaltige Hörner.
Dann tauchte etwas aus dem schattigen
Hintergrund des Balkons auf, schob sich nach
vorne - oder vielmehr: wurde nach vorne
geschoben. Ein unförmig fetter Körper thronte
auf einer beweglichen Platte, die sich wie von
selbst bis zur Balustrade des Balkons
vorbewegte und dort zur Ruhe kam. Die Gestalt
war ungeheuer bleich, und jeder Atemzug
versetzte diesen nackten Fettberg in wabbelnde
Bewegung. Die Arme des Wesens wirkten
winzig, die Beine waren überhaupt nicht
auszumachen. Und der Schädel der Kreatur
verschwand beinahe zwischen den Schultern.
»Ach du Scheiße!« entfuhr es Matt. »Was
ist das?!«
»Maars«, sagte Moss neben ihm, ohne dass
Aruula Matts Worte übersetzt hätte.
»Maars?«
Moss nickte. »Der Gott des Kampfes und
des Krieges.«
»Das ist.. .«,setzte Matt an.Lächerlich hatte
er sagen wollen. Aber irgendwie fand er die
Situation plötzlich nicht mehr wirklich
lächerlich. Sondern nur noch zutiefst
bestürzend. Und albtraumhaft.
Für einen Moment wandte er den Blick von
der Loge des Kampfgottes und ließ ihn über die
Statuen auf der Mauerkrone wandern. Eine
davon zeigte diesen Maars -wenn auch weit
weniger fett -, die anderen standen ihm an
Scheußlichkeit wenig nach. Und offenbar hatte
jede Gottheit der alten Römer in dieser Zeit ein
Gegenstück gefunden. Obschon Matt nicht
glaubte, dass es mit deren Göttlichkeit weit her
war, natürlich nicht! Oder doch ...? Bevor aus
dem leisen Zweifel etwas anderes werden
konnte, wurde Matt abgelenkt.
»Noone!«
Aruula hatte den Namen des Mädchens
gerufen, fast erschrocken. Und es hätte ihres
Fingerzeigs nicht bedurft. Matt entdeckte Larns
Gefährtin im selben Augenblick.
Noone stand inmitten anderer Mädchen an
der Seite des Kampfgottes. Weitere illustre
Gestalten hatten sich um den fetten Kerl
geschart, wohl sein Hofstaat. Einer dieser
Höflinge erhob jetzt die Stimme. Er schien die
Rolle eines Zeremonienmeisters innezuhaben
und sprach in ein Megaphon, das, wie auch die
Instrumente der Fanfarenbläser, aus dem Horn
eines (sehr großen!) Tieres gefertigt war. Seine
Stimme hallte durch das Amphitheater wie von
Lautsprechern verstärkt.
»Alzaree juu tu gloriis Maars!«
»Erhebt euch zu Ehren Maars'«, flüsterte
Aruula Matthew zu.
Die Zuschauer standen auf. Moss zog Matt
mit in die Höhe.
»Ehre und Dank sei dir, Gott des
Kampfes!« intonierten Tausende von Stimmen.
Diesen Dank zollten sie Maars vermutlich
wegen des zu erwartenden Schauspiels in der
Arena, daran zweifelte Matt nicht. Der Tote am
Flugzeugwrack war als Zeichen kaum zu
missdeuten.
Das Publikum nahm wieder Platz, und der
Sprecher erklärte die Spiele des Tages für
eröffnet. Dröhnender Applaus und Hochrufe
brandeten auf.
Und dann begann das perverse Festival der
Grausamkeit.
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Zwei Männer hatten ihr Leben in der Arena
des Amphitheaters schon verloren. Nur noch
dunkle Flecken im Sand und ein paar Fetzen
ihrer Kleidung zeugten davon, dass es diese
Männer einmal gegeben hatte. Die Bestien,
groß wie Löwen und nicht minder gefährlich,
hatten ganze Arbeit geleistet. Sie hatten nicht
nur um des Tötens willen getötet, sondern aus
Hunger...
Matt Drax hatte das Gefühl, vor Untätigkeit
platzen zu müssen. Gern hätte er dem Treiben
dort unten ein Ende gemacht - aber das wäre
gleichzeitig sein Ende gewesen. Aruula schien
es kaum anders zu ergehen. Und Moss zeigte
keine Regung.
Der Rest des Publikums jedoch tobte vor
Begeisterung. Noch während die beiden
bedauernswerten Kämpfer in der Arena
zerrissen worden waren, hatten die Zuschauer
die Todgeweihten ausgebuht. Es stellte sich die
Frage, welche Ungeheuer schlimmer waren -
die echsenhaften Kreaturen in der Arena oder
die in Menschengestalt auf den Rängen des
Kolosseums.
Mittels eines ausgeklügelten Systems von
Seilzügen, Falltüren und Toren waren die
beiden Bestien in die Arena gehievt worden, um
die Sicherheit der Wächter nicht zu gefährden.
Man hatte offenbar nicht nur die Mauern des
Amphitheaters an dieser Stelle wieder
aufgebaut, sondern auch die unterirdischen
Anlagen kopiert. Die Kämpfer waren durch eine
von zwei Pforten auf den Kampfplatz
hinausgetreten. Durch die zweite hatte man die
Toten abtransportiert - wenn es denn noch
etwas zum Abtransportieren gegeben hatte ...
Der erste Kampf war kaum als solcher zu
bezeichnen und nach allenfalls fünf Minuten
vorüber gewesen ... Das Publikum hatte getobt -
vor Enttäuschung . ..
Der zweite Gladiator hatte sich etwas besser
geschlagen - oder, um es treffender
auszudrücken, sein Leiden länger
hinausgezögert. Mit einem Speer, den man ihm
als Waffe in die Hand gedrückt hatte,
vermochte er sich etwas besser zur Wehr zu
setzen. Es gelang ihm sogar, die Tiere so zu
verletzen, dass sie in ihren Bewegungen
beeinträchtigt wurden. Vielleicht gereichte ihm
auch zum Vorteil, dass die Biester schon
gegessen hatten und entsprechend träger waren
als noch in der ersten Runde. Was sie am Ende
indes nicht davon abhielt, sich gierig auch auf
den »zweiten Gang« zu stürzen ...
Der nächste Kandidat war Larn.
Matt ballte die Fäuste, Aruula schrie leise
auf und hielt sich hastig die Hand vor den
Mund, um den Laut noch zu dämpfen.
Der junge Barbar grüßte den Gott des
Kampfes mit geballter Faust, rief irgendetwas,
das Matt über die Distanz nicht verstand
(wahrscheinlich eine sprachliche Abart des
traditionellen Gladiatorengrußes »Te morituri
salutant!«), und dann erstarrte Larn für einen
Augenblick - als Noone sich über das Geländer
der Loge beugte.
Das Mädchen sah hinab, links und rechts
von ihr zwei andere, sie kicherten albern und
machten obszöne Gesten in Larns Richtung, die
von den Zuschauern mit Grölen und Johlen
quittiert wurden. Larn jedoch wand sich darob
wie unter körperlichem Schmerz.
»Was soll das?« fragte Matt halblaut über
Aruula. »Dieses Mädchen in der Mitte ist die
Gefährtin des Mannes in der Arena. Jedenfalls
war sie das bis gestern noch - warum tut sie
jetzt... das?«
Moss antwortete: »Sie wurde aufgenommen
in die Dienerschaft der Gottheiten. Eine Ehre!«
Purer Zynismus sprach aus seinen Worten. »Sie
dienen in erster Linie der . .. Lustbefriedigung
der Götter.«
Das Wort »Lustbefriedigung« verstand Matt
sogar, denn es klang dem ihm bekannten
»fegaashaa« recht ähnlich. Die Vorstellung,
dass diese fette Kreatur dort drüben sich mit
jungen Mädchen verlustierte, würgte ihn wie
eine kalte Faust.
»Außerdem sollen sie für göttlichen
Nachwuchs sorgen«, fuhr Moss fort.
Die Unterhaltung fand ein Ende, als in der
Arena der Kampf begann. Larn war mit einem
Dreizack bewaffnet. Und er bewegte die Waffe
43
mit einigem Geschick. Wahrscheinlich war sie
ähnlich zu führen wie sein doppelklingiges
Stockschwert.
»Buonne aarma«, meinte Moss. Und:
»Buonne uhomo.«
Tatsächlich machte Larn eine recht gute
Figur im Kampf gegen die Echsenmonster.
Erste Anfeuerungsrufe wurden laut.
Larn hielt die Bestien mit dem Dreizack auf
Distanz, wich geschickt aus und brachte rasche
gezielte Treffer an. Womit er allerdings auch
die Angriffslust der Ungeheuer anstachelte.
Ein Schwanzhieb brachte ihn zu Fall. Das
andere Tier sprang auf ihn zu, wollte ihn unter
sich begraben. Blitzschnell rollte sich Larn zur
Seite. Und stach zu.
Die drei Spitzen seiner Waffe senkten sich
tief in die Flanke des Tieres. Dessen Maul
klaffte auf und entließ ein heiseres Brüllen.
Larn stemmte sich hoch und warf sich mit
voller Wucht gegen das Schaftende des
Dreizacks, trieb ihn noch tiefer in den Leib der
Echse.
Dann drehte er die Waffe und riss sie mit
der Kraft der Verzweiflung aus der Wunde.
Blutiges Gedärm hatte sich um die Spitzen
gewickelt. Ein Loch von der Größe eines
Fußballs klaffte im Körper der Echse.
Das Tier sank zur Seite, zuckend und
schnappend. Aber die Bewegungen wurden
zusehends schwächer.
Jubel und begeisterte Pfiffe brandeten auf.
Einige Zuschauer sprangen auf, reckten die
Fäuste und klatschten in die Hände.
Doch Larn beging nicht den Fehler, sich
davon irritieren zu lassen. In diesem Kampf
waren zwei Siege vonnöten, um ihn wirklich zu
gewinnen, und er war sich dessen sehr wohl
bewusst. Er nutzte den Echsenkadaver, indem
er ihn zwischen sich und dem verbliebenen Tier
hielt.
Bis die Bestie zu einem Sprung über ihren
toten Artgenossen hinweg ansetzte und auf Larn
zuflog! Mit weit aufgerissenem Maul, fauchend
und die kräftigen Vorderbeine ausgestreckt, als
wolle sie mit ihren Pranken nach dem Gegner
greifen.
Im allerletzten Moment reckte Larn den
Dreizack in Richtung der heranrasenden Echse
und stieß die Spitzen tief hinein in das offene
Maul!
Die Wucht und das bloße Gewicht des
Ungeheuers rissen den jungen Barbaren zu
Boden. Aber irgendwie schaffte er es, nicht
unter der Echse zu liegen zu kommen. In einer
akrobatisch anmutenden Rolle rückwärts
brachte er sich aus der Gefahrenzone, sprang
sofort wieder auf die Füße und trieb den
Dreizack so tief in den Rachen der Echse, dass
seine Fäuste schon das Maul berührten.
Der Rest war Formsache. Larn drehte den
Dreizack im Leib des Monsters, zerfetzte ihm
die Eingeweide, und als das Tier endlich fiel,
versetzte der junge Mann dem massigen Leib
noch einen theatralischen Tritt und stellte
schließlich den Fuß in Siegerpose auf den
Kadaver, stieß die Fäuste in die Höhe und ließ
einen wilden Triumphschrei hören.
Überrascht ertappte sich Matt dabei, dass er
in den Applaus des Publikums mit einfiel. Er
entschuldigte sich im stillen damit, dass
Erleichterung ihn dazu bewegt haben musste ...
Eine Erleichterung, die allerdings fehl am
Platze war. Denn Larns Kampf war noch nicht
vorbei.
Ein schriller Fanfarenstoß ertönte und der
Lärm von den Zuschauerrängen verebbte. Ein
weiterer schmetternder Ton, dann öffnete sich
das Tor erneut, und herein kam...
»Da ist der Mann, den du suchst«, übertönte
Moss den plötzlich losbrechenden frenetischen
Jubel der Zuschauer. »Der Mann, der gekleidet
ist wie du.«
Matthew Drax erbleichte. Weil er Irvin
Chester, Captain der U.S. Air Force tatsächlich
erkannte, wenn auch nur auf den zweiten Blick.
Genaugenommen war er lediglich noch anhand
der Fetzen seiner Air-Force-Montur zu
44
identifizieren und vielleicht an seiner dunklen
Hautfarbe. Ansonsten jedoch -
- erinnerte er Matt viel mehr an jenen Hulk-
Verschnitt, dem sie vor einigen Tagen weiter
nördlich begegnet waren!
Matt schluckte schwer. In seinem Kopf war
eine betäubende Leere, als er Chester weiter
beobachtete.
Er mochte noch nicht ganz ein Abbild des
Ungetüms aus dem Wald sein - doch was
immer ihn derart verändert hatte, es war auf
dem besten Wege, ihn zu dem gleichen
mordlüsternen Muskelprotz zu machen. Irvin
Chesters Arme und Brustkorb schienen wie
aufgepumpt, und sie hatten den Stoff seiner
Kleidung regelrecht gesprengt. Sein Gesicht
wirkte verquollen wie von Insektenstichen, und
er ging breitbeinig und leicht schwankend wie
ein angriffslustiger Gorilla, grunzend, grollend
und knurrend, in der einen Hand eine Keule, die
mit Metalldornen gespickt war, in der anderen
ein gewaltiges Schwert, das Matt nicht einmal
zu heben vermocht hätte.
»Mein Gott, was . . .«, stieß Matt hervor,
schluckte und begann neu: »Was haben die mit
ihm angestellt?!«
»Er ist ein Krieger der Götter.« Wieder
klang Moss kalt und zynisch, und Matt musste
an sich halten, um ihm nicht die Faust ins
Gesicht zu rammen!
»Krieger der Götter«, knurrte er, mühsam
beherrscht, bebend. »Verfluchte Scheiße, was
haben diese Schweine mit ihm gemacht?!« Er
packte Moss am Kragen seiner Kapuze, drehte
den Stoff um seine Faust und riss den kleineren
Mann zu sich heran. »Sag es mir!«
Moss zeigte sich wenig beeindruckt von
Matts plötzlicher Attacke. Aus den
Augenwinkeln schielte er nach links und rechts;
weniger um etwas zu erkennen, sondern um
Drax zu bedeuten, dass er Aufsehen erregte.
Tatsächlich ließ Matt den anderen los. Aber
er konnte sich nicht verkneifen, ihm noch einen
Stoß zu versetzen, der ihn fast hintenüber von
der Bank stürzen ließ.
»Rede!« verlangte er, leiser zwar, aber mit
keineswegs geringerem Nachdruck.
Es war unmöglich festzustellen, ob Moss
sich davon beeindrucken ließ oder ob er einfach
Auskunft gab, weil ihm danach war oder er die
Zeit für gekommen hielt. Aruula übersetzte
seine Worte.
»Wenn ein gewöhnlicher Mann die Arena
lange genug überlebt hat, dann wird er zu einem
Krieger der Götter ernannt. - Deinem jungen
Freund«, Moss wies mit einer vagen Bewegung
seines Kinns hinab zu Larn und seine Miene
gewann dabei etwas Spöttisches, »könnte diese
Ehre zuteil werden - vorausgesetzt er scheitert
nicht an ... deinem anderen Freund.«
Matt schwieg ein paar Sekunden lang. Nicht
weil ihm keine weitere Fragen auf der Zunge
lagen - nein, sie brannten ihm förmlich Löcher
hinein! -, sondern um sich innerlich zumindest
ein klein wenig zu beruhigen; um nicht einfach
loszubrüllen angesichts des Wahnsinns, mit
dem er sich hier konfrontiert sah!
Derweil eilten zwergenhafte, in Lumpen
gekleidete Gestalten in die Arena, zerrten die
Echsenkadaver fort und platzierten sie auf
Falltüren, die unter dem Sand verborgen lagen
und sich jetzt auftaten. Die getöteten Tiere
verschwanden in den Tiefen unter dem
Kolosseum. Wahrscheinlich würden sie als
Futter für noch lebende Artgenossen dienen.
Dann eilten die kleinen, wieselflinken
Figuren wieder hinaus, und zurück blieben nur
Larn und Irvin Chester. Es bedurfte keines
weiteren Signals. Die beiden Kontrahenten
umkreisten einander wie angriffsbereite
Raubtiere; Larn katzenhaft, Irvin Chester eher
plump.
»Was machen sie mit diesen . .. Kriegern
der Götter?« fragte Matt, ohne den Blick von
der Arena zu wenden. »Wie machen sie es, dass
sie sich so .. .verändern?«
»Früchte aus dem verbotenen Garten«,
übersetzte Aruula, was Moss antwortete. Matt
verstand trotzdem nicht.
»Es gibt einen Garten hinter dem Palast der
Götter«, wurde Moss konkreter.
Die vatikanischen Gärten! fuhr es Matt
durch den Kopf. Denn dass mit dem »Palast der
Götter« nur der einstige Vatikan, der Petersdom
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und die umliegenden Gebäude gemeint sein
konnten, war ihm klar.
»Dort wachsen verschiedenartige Früchte.
Mögen die Götter wissen, woher sie stammen!«
Moss lachte kurz und rau ob seines Wortspiels.
»Jedenfalls vollbringen diese Früchte wahre
Wunderdinge. Einige heilen Krankheiten und
Verletzungen, andere bewirken das.« Er sah
hinunter zu Irvin Chester.
»Du glaubst nicht an diese Götter.« Aruula
stellte keine Frage, sie traf eine Feststellung.
»Du etwa?« fragte Moss zurück, den Mund
geringschätzig verzogen.
Sie blieb die Antwort schuldig.
Weil drunten in der Arena der Kampf
begann.
Larn hatte die erste Attacke gewagt. Und
umgehend seinen Blutzoll dafür bezahlt.
Irvin Chester hatte den Vorstoß des
Dreizacks mit einer blitzschnellen
Armbewegung abgewehrt und zugleich mit der
Nagelkeule zugeschlagen.
Larn hatte noch das Glück, zumindest so
weit zurückweichen zu können, dass ihn die
Metallspitzen der Keule nur an der Brust
streiften. Trotzdem rissen sie ihm blutige
Furchen in die Haut. Und der Schmerz geriet
ihm zum Handicap.
Der junge Barbar verlegte sich auf die
Verteidigung - notgedrungen. Denn Irvin
Chester ließ seinem Kontrahenten schlicht keine
Gelegenheit mehr, ihn zu attackieren.
Matthew Drax presste die Zähne so fest
aufeinander, dass seine Wangenmuskulatur
schmerzte, und er konnte das Brüllen, das ihm
in der Kehle steckte, kaum noch zurückhalten.
Das Gefühl der Hilflosigkeit wurde
übermächtig.
Nicht jeder Hieb, den Irvin Chester
austeilte, traf. Aber diejenigen, die er ins Ziel
brachte, genügten vollauf. Larn war längst
blutüberströmt, und Chester trieb ihn im Grunde
nur noch vor sich her. Der junge Barbar stürzte,
rappelte sich wieder auf, taumelte weiter
zurück, bis ihn ein weiterer Treffer zu Boden
gehen ließ. Diesmal kam er nicht wieder hoch,
obwohl er es versuchte.
Irvin Chester hob die Keule zu einem
weiteren Schlag. Es würde der letzte sein, der
tödliche Hieb, der Larns Kopf zertrümmern
sollte. Die Menge wusste das und reagierte
entsprechend - mit wüsten Geheule und
lautstarken Zurufen.
Und auch Matt Drax reagierte. Stumm
jedoch. Aber blitzschnell.
Zu schnell für Moss und Aruula, die beide
wohl noch registrierten, was Matt vorhatte, und
ihn daran hindern wollten. Doch beide waren
sie zu langsam.
Die Armeepistole lag wie hingezaubert in
Matts rechter Hand. Die ersten beiden Schüsse
krachten, bevor Moss' Faust seine Schusshand
traf. Eine weitere Kugel löste sich und fuhr, wie
die beiden vorherigen, in den Sand der Arena,
ließ eine weitere Fontäne aufspritzen.
Matt hatte nicht vorgehabt, Irvin Chester zu
erschießen. Er hatte lediglich den finalen Schlag
verhindern wollen, der den Kameraden zum
kaltblütigen Mörder gemacht hätte. Das Ziehen
der Waffe und die Schüsse waren kaum mehr
gewesen als Reflexe, nicht wirklich bewusst
gesteuert, nur aus Verzweiflung geboren...
Aber er hatte damit nicht mehr als einen
kurzen Aufschub für Larn herausgeschunden.
Zwar geriet die gesamte Szenerie für einen
Moment ins Stocken. Stille senkte sich über das
Kolosseum, geradezu unheimlich in Anbetracht
der Menschenmassen. Doch der Moment
verging. Alles geriet wieder in Bewegung.
Stimmen wurden laut, schwollen zu Lärm.
Und Irvin Chester vollendete, was er
begonnen hatte. Dabei brüllte er, so entsetzlich,
so erbärmlich, als spüre er selbst den Schmerz,
den er seinem Opfer zufügte.
Den tödlichen Hieb sah Matt Drax mit
sonderbarer entsetzlicher Klarheit. Larns
Gesicht verschwand hinter der Nagelkeule. Und
es blieb verschwunden, auch dann, als Chester
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die Waffe wieder hob und blindwütig noch
einmal zuschlug. Und noch einmal. . .
Alles andere nahm Matt kaum mehr richtig
wahr. Obwohl um ihn her die Hölle losbrach -
und er mittendrin steckte!
Was danach passierte, ging so schnell
vonstatten, dass Matt Drax es sehr viel später
erst wirklich verstand. Als er aus der
Bewusstlosigkeit erwachte, in tiefer Dunkelheit.
Wahrscheinlich war es der Gestank, der ihn
letztlich weckte. Der stechende Geruch eines
lange nicht ausgemisteten Schweinestalls oder
der einer Kloake. Würgend kam Matt zu sich.
Gallebitterer Geschmack füllte seinen Mund
und machte ihm die Zunge pelzig.
Dann, mühsam und Stück um Stück, machte
er sich daran, die Puzzlestücke seiner
Erinnerung zusammenzusetzen. Es waren nicht
viele.
Seine Schüsse im Kolosseum hatten
Soldaten auf den Plan gerufen, vermutlich die
Gardisten der Götter oder etwas in der Art.
Schwerbewaffnete Typen in Rüstungen, denen
nicht unähnlich, die am Vorabend die grausame
Kämpferei auf der Piazza di Spagna angezettelt
hatten. Wie aus dem Nichts waren sie
aufgetaucht und über Matt hergefallen.
Er hatte kaum eine Chance gehabt. Und
dann war es auch schon vorbei gewesen. Ein
Hieb, hart genug, dass er einen weniger
robusten Schädel vermutlich zertrümmert hätte,
hatte Matt Drax ins Reich der Träume
geschickt. Und wenn ihn sein Zeitgefühl nicht
völlig trog, hatte er dort etliche Stunden
zugebracht.
Und jetzt? Jetzt fand er sich an einem
stinkenden, finsteren Ort wieder, lag auf hartem
Steinboden und feuchtem Stroh und hatte eine
recht sichere Ahnung, wo sich dieser Ort
befand. Wahrscheinlich unter dem' Kolosseum.
Dem Gestank nach zu schließen gehörten Teile
der Kanalisation Roms zu dieser unterirdischen
Anlage.
Matt überprüfte den Inhalt seiner Taschen.
Den Kleinkram aus dem Notcontainer hatten sie
ihm gelassen. Seine Beretta 98 G allerdings war
verschwunden.
Verschwunden . . . Dieses Wort erinnerte
ihn an Aruula und Moss. Was war mit den
beiden? Waren sie ebenfalls
gefangengenommen worden?
Er rief ihre Namen in die Dunkelheit. Eine
geradezu lächerliche Anstrengung, die ihm
trotzdem rasende Kopfschmerzen bescherte. Er
rutschte zurück, bis er eine so feuchte wie kalte
Wand im Rücken spürte, und ließ sich dagegen
sinken. Minutenlang saß er nur da und wartete
darauf, dass das Hämmern unter seiner
Schädeldecke zumindest so weit abebbte, dass
es erträglich war.
»Aruula?« rief er dann ein zweites Mal.
Und: »Moss?« Seine Stimme hallte dumpf aus
dem Dunkel wider. Aber er erhielt keine
Antwort. Obwohl rings um ihn her Bewegung
war in der Finsternis, schabende knisternde
Laute, dazwischen leises Wispern, gespenstisch
und unverständlich.
Langsam, jede schnelle Bewegung
vermeidend, fasste Matt in eine der Taschen
seiner Fliegermontur, die er unter dem Mantel
trug. Er fand das Sturmfeuerzeug und schnippte
es an.
Die kleine Flamme verbreitete wenig
Helligkeit, aber immerhin genug, um Matt seine
nähere Umgebung erkennen zu lassen. Er saß in
einem Käfig. Drei Wände bestanden aus
Gitterstäben, die rückwärtige, an der er lehnte,
aus Stein. Sie wölbte sich hinter ihm in die
Höhe, war Teil eines halbrunden Stollens.
Die Zellen links und rechts von ihm waren
ebenfalls belegt, gleiches galt für den Käfig
gegenüber. Weiter reichte das Licht der
Feuerzeugflamme nicht.
Aber mehr wollte Matt Drax auch gar nicht
sehen, im Moment wenigstens nicht. Hastig und
alle Schmerzen ignorierend rutschte er an das
Frontgitter seiner Zelle heran, umklammerte die
Stäbe mit den Fäusten und drückte sein Gesicht
47
dazwischen. Dann rief er den Namen des
Gefangenen im gegenüberliegenden Käfig.
»Irvin! Irvin Chester! Key, Big Boy, hörst
du mich?!«
Kettenglieder klirrten leise aneinander, als
Chester sich bewegte. Erst jetzt sah Matt die
eisernen Ringe, die um seine Handgelenke
lagen. Ketten waren daran befestigt, die
wiederum mit Ringen in der Wand verbunden
waren.
Gladiator der Götter - ha! dachte Matt
bitter. Sie hielten Irvin wie ein
gemeingefährliches Tier gefangen! Dann kam
ihm zu Bewusstsein, wie Chester mit der
Nagelkeule auf Larn eingeschlagen hatte, und
seine Empörung verrauchte ein wenig . . .
»Irvin, sieh mich an! Hier bin ich!« Er
winkte mit einer Hand, um auf sich aufmerksam
zu machen. »Ich bins - Matt Drax!«
Ein langer, grollender Laut. »Mmmm ...
Mmmmaaad?« Chester hob den Kopf, wandte
das verquollene Gesicht in Drax' Richtung.
Seine Lippen bewegten sich stumm. Es dauerte
endlos lange, bis er die nächsten Worte
hervorbrachte.
»Matthew . . . Drax?«
»Ja! Ich bins, alter Junge!«
»Wwwwie ... wwwas ... mmmachst
duuu...?«
»Gute Frage«, gab Drax zurück. »Keine
Ahnung, was ich hier mache und wie ich hier
hergekommen bin. Weißt du es denn?«
Kopfschütteln auf der anderen Seite des
Gangs. Eine Bewegung, die Chester sichtlich
Mühe bereitete. »Nnnein .. . Bin abgestürzt.Und
.. .unddann .. .«Schulterzucken. »Fuck, ich weiß
es nicht.«
»Was ist mit Hank? Hank Williams! Ist er
auch hier?«
»Hank . . .« Irvin Chester schien dem Klang
des Namen nachzulauschen, als wisse er ihn
nicht zuzuordnen.
»Dein Kopilot«, versuchte Matt ihm auf die
Sprünge zu helfen.
Chesters Kopf sank vornüber, und einen
Moment lang dachte Matt, er hätte die
Besinnung verloren. Als der dunkelhäutige
Hüne den Kopf wieder hob, erkannte Matt die
Bewegung als das, was sie war - ein
unbeholfenes Nicken.
»Haben sie Hank auch hierher gebracht?«
fragte er.
»Nein . . .Ist entkommen. Hab ihn
weggeschickt, weil ich nicht laufen konnte.
Steckte fest in dem scheiß Jet. Erst. . . wollte
Hank nnnicht, aber ich habs ihm befohlen.
Guter Soldat, der Junge. Cehester ließ einen
dumpfen Laut aus, der ein freudloses Lachen
sein mochte.
»Wo ist er hin?«
Schulterzucken. Kettenrasseln. »Nn-nach
Norden. Wollte nach Norden. Hoffe, er hats
geschafft.«
»Und dich hat man im Wrack gefunden«,
vermutete Matt Drax. »Und dann haben sie dich
nach Rom geschleppt.«
Wieder dieses ruckhafte Nicken. »Yeah. Ins
alte Rom.« Und wieder dieses dumpfe Lachen.
Dann wirkte Irvin Chester etwas klarer, und
seine Stimme war besser zu verstehen, klang
weniger angestrengt. »Matt. .. wo .. . sind wir
da hineingeraten? Was geht hier ab?«
»Ich wollte ich wüsste es«, erwiderte Drax.
»So unmöglich es auch klingt -aber irgendwie
hat es uns in die Zukunft verschlagen. Keine
Ahnung, wie weit, aber ziemlich weit. Und die
Welt. .. steht auf dem Kopf. Der verdammte
Komet scheint die Zivilisation vollkommen
ausgelöscht zu haben. Und aus ihren Ruinen
und Trümmern ist etwas Neues gewachsen,
etwas neues Altes .. .«
Er verstummte. Wie sollte er etwas
erklären, das er selbst nicht begriff? »Was hat
es mit diesen Typen auf sich, die sich Götter
nennen?« fragte er stattdessen. »Weißt du etwas
über sie?«
»Größenwahnsinnige Bastarde«, antwortete
Irvin Chester. »Völlig übergeschnappt. Aber die
Leute fahren total ab auf die elende Bande. Das
alte Prinzip funktioniert immer noch - Brot und
Spiele, verstehst du? Zuckerbrot und Peitsche.«
Matt zögerte einen Augenblick, dann rang
er sich doch zu der Frage durch: »Was haben
sie mit dir angestellt?«
48
»Drogen.« Knapp und hart, wie ein
Peitschenhieb, kam Chesters Antwort. »Sie
selbst nennen das Zeug 'Früchte des verbotenen
Gartens'. Aber tatsächlich handelt es sich bei
dem ganzen Zeug um Scheißdrogen, sonst
nichts. Naturgewachsene Anabolika, wenn du's
ein bisschen harmloser haben möchtest. Aber es
macht keinen Unterschied.«
»Wo sind diese 'verbotenen Gärten'?«
»Ob du's glaubst oder nicht - es sind die
Gärten des Vatikans! Irre, nicht? Diese Götter
haben sich im ehemaligen Vatikan eingenistet.
Hat fast was Ironisches . . .« Eine Regung
huschte über sein ungestaltes Gesicht, ein
Grinsen vielleicht.
Matt erwiderte es. Dann wurde er wieder
ernst. »Wie gehts dir, Big Boy?«
»Big Boy . . .«, echote Irvin.
»Dachte, ich würde den Namen nie mehr
hören, weißt du? - Wies mir geht? Fühl mich
kräftig wie nie zuvor«, wieder grinste er
verunglückt, »trotzdem gehts mir beschissen,
Commander.
Aber danke der Nachfrage.«
»Wir müssen hier raus«, sagte Matt
unvermittelt.
»Wem sagst du das? Und was meinst, wie
oft ich das schon versucht habe?«
»Und? Haben sie dich wieder erwischt?«
Chester schüttelte schwerfällig den Kopf.
»Nope. Bin nie dazu gekommen, meine
Fluchtpläne in die Tat umzusetzen. So klar wie
jetzt bin ich selten, weißt du? Meistens bin ich
nichts weiter als ... ein Monster.« Er sah zu
Matt herüber, sein Blick leer, die Augen feucht.
»Aber jetzt sind wir zu zweit!« übte sich
Matt in Optimismus. »Wir sind wieder ein
Team, Big Boy! Und.«
Und weiter kam er nicht.
Schritte näherten sich. Flackernder
Fackelschein wogte heran. Dann eine Stimme,
ein Satz in der Sprache dieser Zeit. »Hier wird
nicht geredet!«
Zack!
Irgendetwas Hartes traf Matts Stirn. Was er
eben noch gesehen hatte - die Gitterstäbe, Irvin
Chesters riesenhafte Gestalt - alles zerbarst in
tausend Scherben, die weiß aufglühten und sich
in Matts Gehirn brannten.
Das jedenfalls war sein Eindruck.
Sein letzter, bevor Finsternis einmal mehr
alles verschlang.
Aruula hatte jegliche Orientierung und alles
Zeitgefühl verloren. Sie hatte keine Ahnung,
wie lange sie mit Moss schon durch dieses
stinkende unterirdische Labyrinth lief, und sie
wusste nicht, wo sie sich befand. Der
Entfernung nach, die sie zurückgelegt haben
mussten, befanden sie sich womöglich nicht
einmal mehr unterhalb der Stadt. Ebensogut
konnte es aber sein, dass Moss sie unentwegt im
Kreis geführt hatte, und so mochten sie
vielleicht immer noch unter dieser furchtbaren
Arena sein.
Moss war geschickt, das musste sie ihm
lassen.
Und vorsichtig. Er schien die Soldaten der
Götter zu wittern, als verfüge er über die feinen
Sinne eines Tieres. Wann immer sie Gefahr
liefen, auf Gegner zu treffen, wusste Moss es
lange genug im voraus, so dass sie sich
verstecken oder eine andere Richtung
einschlagen konnten.
Aruulas Zorn auf Moss war dennoch nicht
verraucht.
Sie hatten Maddrax im Stich gelassen - und
Moss trug die Schuld daran! Er hatte sie
fortgezerrt, als die Gardisten über Maddrax
hergefallen waren, noch bevor sie ihr Schwert
aus der Rückenscheide hatte ziehen können,
war mit ihr in der Menge untergetaucht und
hatte einen versteckten Zugang in diesen
unterirdischen Irrgarten geöffnet, um mit
Aruula darin zu verschwinden.
Und jetzt hatte sie endgültig genug! Sie
blieb einfach stehen. Moss ging noch ein paar
Schritte, ehe er bemerkte, dass Aruula hinter
ihm zurückgeblieben war.
49
»Was ist?« fragte er. Dabei blieb er leicht
geduckt stehen, den Kopf schief gelegt, lauernd
und lauschend.
»Das frage ich dich«, entgegnete Aruula
scharf. »Wohin gehen wir? Was hast du vor?«
»Ich habe nicht vor, mich von den Kerlen
schnappen zu lassen«, erwiderte Moss nicht
minder scharf. »Und ich möchte auch nicht,
dass sie dich erwischen. Damit wäre nämlich
weder uns noch deinem Freund geholfen.«
»Willst du ihm denn überhaupt helfen? Den
Eindruck habe ich nicht.«
»Wie stellst du es dir denn vor, ihm zu
helfen?« Der alte Spott war wieder auf in
seinem Tonfall. »Glaubst du, wir könnten
einfach dort hinmarschieren und ihn befreien?
Wir säßen bald im Käfig nebenan, das wäre
alles!«
»Woher willst du wissen, dass er in einem
Käfig gefangengehalten wird?« fragte Aruula
misstrauisch.
»Ich bin hier zu Hause, falls du das
vergessen hast, Täubchen.«
Aruula schüttelte den Kopf. »Ich glaube,
dass du viel mehr weißt, als du zugibst.«
»Und ich glaube, dass dies hier weder die
rechte Zeit noch der passende Ort sind, um
darüber zu palavern. Los, komm! Schnell!«
Moss streckte die Hand nach Aruula aus,
bekam sie am Arm zu fassen und zerrte sie mit
sich, so hastig und mit solcher Kraft, dass sie
nicht einmal daran denken konnte, sich ihm zu
widersetzen.
Und das war ihr Glück!
Schritte wurden laut. Und lauter!
»Da hinauf!« Moss wies zur Decke.
Aruula sah erst auf den zweiten Blick den
runden Stollen, der senkrecht nach oben führte.
Eiserne Trittstufen waren in die Wand
eingelassen. Mit einem Sprung erreichte Moss
die unterste, zog sich hoch und kletterte
aufwärts. Aruula folgte ihm.
Oben stemmte Moss einen Deckel in die
Höhe und zur Seite, dann schlüpfte er aus dem
Stollen hinaus. Aruula ignorierte die Hand, die
er ihr helfend entgegenstreckte, und kletterte
aus eigener Kraft ins Freie. Dann half sie Moss,
den kantigen Steindeckel wieder über die
Öffnung zu schieben, genau in dem Moment, da
ein Stück unter ihnen Fackellicht den Gang
erhellte und erste Schatten in ihr Blickfeld
gerieten.
»Das war knapp«, schnaufte Moss.
Aruula erwiderte nichts. Sekundenlang
hatte sie das schreckliche Gefühl, ihre Stimme
verloren zu haben. Sie konnte nichts anderes
tun' als sich umzuschauen, und sie fühlte sich
von allem, was sie sah, einfach nur überwältigt,
kam sich klein und winzig vor.
Diese Pracht, diese Größe .. . »W-wo sind
wir?« brachte sie dann endlich hervor.
»Na, wo wohl?« gab Moss zurück.
Aruula nickte nur. Natürlich kannte sie die
Antwort.
»Im Palast der Götter . . .«
Das Leben war schön. Und die Liebe
wunderbar.
Nie hätte Noone geglaubt, dass ihr solches
Glück beschieden sein würde. Sie war aus dem
Nichts gekommen, ein Niemand gewesen, und
doch durfte sie sich jetzt im Glanz der Götter
sonnen. Mehr noch, sie durfte ihnen zu
Diensten sein, sich ihnen schenken und
hingeben. Und das tat sie mit Wonne und einer
Leidenschaft, von der sie nicht gewusst hatte,
dass sie dazu fähig war.
Sie bewegte sich wie im Takt einer
unhörbaren Musik, und das Seufzen und
Stöhnen des Gottes bewies ihr, wie gut sie es
tat. Sie saß auf ihm, streichelte ihn und genoss
die Berührung seiner weichen Hände und seine
Größe und Kraft in sich. Der Wind kühlte ihre
fiebrige Haut, aber das Fieber in ihr rührte er
nicht an. Es würde erst vergehen, wenn der
Wille dieses Gottes geschehen war . . .
Sie öffnete die Augen, sah sich um, ohne
innezuhalten. Sog die würzigen Düfte des
50
Gartens ein, die durch die offene Balkontüre ins
Zimmer drangen. Dann erwiderte sie das
wohlige Lächeln des Gottes unter ihr, und sie
tat es mit Dankbarkeit.
Noone wünschte sich, dieser Akt möge nie
enden - aber er endete abrupt und viel zu früh!
»Mann, das ist ja widerlich!« sagte eine
heisere Stimme. Im nächsten Moment fühlte
sich Noone gestoßen und rutschte zu Boden.
Der Gott wollte sich erheben, seine
mächtige Gestalt zitternd vor unbändiger Kraft.
Er öffnete den Mund, um zu rufen. Doch kein
Ton drang ihm über die Lippen.
Ein flirrender Blitz, dann fand die
Schwertklinge ihr Ziel. Und der Kopf des
Gottes fiel.
Jetzt war es Noone, die aufschreien wollte.
Doch eine Faust verschloss ihr den Mund und
raubte ihr die Sinne.
»Taratzenscheiße!« stieß Moss hervor und
spuckte aus, und ganz bestimmt traf er nicht
zufällig den kopflosen Leichnam des Gottes der
Fruchtbarkeit. Dieser Kerl würde keine Frau
mehr nehmen, die er zuvor mit Drogen gefügig
gemacht hatte!
Aruula wischte die Klinge ihres Schwertes
am Laken sauber, bevor sie die Waffe in die
Lederscheide schob, die sie auf dem Rücken
trug. Dann widmete sie sich Noone, die Moss
mit einem Fausthieb daran gehindert hatte, um
Hilfe zu rufen. Er war nicht zimperlich
gewesen. Das Mädchen würde noch eine ganze
Weile lang schlafen.
»Wir nehmen sie mit!« erklärte Aruula.
»Das Mädchen?« fragte Moss. »Kommt
nicht in Frage!«
»Ich habe auch nicht gefragt.«
Moss grunzte unwillig. »In Ordnung.« Er
überlegte kurz. »Ich kenne einen
ausgetrockneten Brunnen im Garten, wo wir sie
verstecken können. Später kommen wir zurück
und kümmern uns um sie.«
Wieder blieb Aruula nichts anders übrig, als
sich seiner Führung anzuvertrauen. Bislang war
sie gut damit gefahren. Es war kein einfaches
Unterfangen gewesen, in den Palastbereich
vorzudringen. Es wimmelte geradezu von
Gardisten und Höflingen. Aber dank Moss'
Ortskenntnissen - Aruula fragte sich immer
noch, warum er sich im Palast der Götter so gut
auskannte - hatten sie es geschafft. Hier war
ihnen dann der Zufall zu Hilfe gekommen:
Noones ekstatische Lustschreie hatte sie
geradewegs in diese Gemächer geführt.
Sie ließen sich an einem Betttuch vom
Balkon herab in den Garten. Moss wies
gönnerhaft um sich, als sei er der Hausherr.
Seine Geste umfasste die Unzahl von Bäumen
und Sträuchern, die allesamt Früchte trugen,
wie Aruula sie nie zuvor im Leben gesehen
hatte.
»Wenn wir deine Freundin in Sicherheit
gebracht haben, werden wir ernten«, sagte
Moss.
»Und die geheime Macht der Götter wird
ihren eigenen Untergang heraufbeschwören...«
Aruula sah ihn verständnislos an, doch
Moss dachte nicht daran, seine Wort zu
erklären. Stattdessen deutete er in den Garten
hinein. »Dort entlang!«
Das erste, was Matt Drax klar und deutlich
sah, nachdem er zum zweiten Mal aus den
Tiefen der Bewusstlosigkeit emporgestiegen
war, war Larn. Oder genauer gesagt: Larns
Leichnam.
Man hatte den Toten an das Wrack des Jets
gebunden. Und wieder hatten sich die
schwarzen Vögel eingefunden ...
Das Ekelgefühl vertrieb die letzten Nebel
aus Matts Kopf.
Sie hatten ihn mit einem eiskalten
Wasserguss geweckt und aus seiner Zelle
geholt. Den Weg zur Arena hinauf hatte er
kaum mitbekommen. Und nun stand er hier,
einen Dreizack in der Hand. Von den
Zuschauerrängen brandete Lärm zu ihm
herunter, und das Tageslicht brannte in seinen
Augen.
51
Er wunderte sich nicht darüber, dass sie ihn
in die Arena geschickt hatten. Was nicht hieß,
dass er keine Angst gehabt hätte. Zumal er sich
kaum imstande sah, es mit einem wie auch
immer gearteten Gegner aufzunehmen; er
schaffte es ja kaum, sich auf den Beinen zu
halten. Aber zumindest das wurde besser mit
jedem Schritt, den er weiter hineinging in das
Oval der Arena.
Fast empfand er etwas wie Spannung, als er
sich fragte, welchen Widersacher sie für ihn
ausgesucht hatten.
Er erfuhr es noch im selben Augenblick.
Ein Stück entfernt, in der anderen Hälfte der
Arena, senkte sich eine Rampe, gab ein dunkles
Rechteck frei. Und heraus kam...
»Wow!« entfuhr es Matt.
»Tarantula, wie?«
... eine Spinne. Keine gewöhnliche,
natürlich nicht. Und keine, wie Matt sie
irgendwo schon einmal gesehen hatte. Nein,
dieses Biest hier überragte ihn mindestens um
Haupteslänge und hatte ansonsten etwa die
Größe eines Volkswagen Beetle. Es bewegte
sich auf acht annähernd armstarken Beinen, aus
denen drahtiges Haar spross, und die
faustgroßen Facettenaugen des Ungeheuers
glitzerten in allen Farben des Regenbogens.
Seine Mandibeln zuckten und schnappten wie
in gieriger Vorfreude auf ein Festmahl.
Matt blieb stehen und fühlte seine Knie
wieder weicher werden. Die Spinne verharrte
ebenfalls. Sie richtete sich auf die hinteren
Beinpaare auf, reckte ihren Hinterleib vor - und
schoss eine klebrige Substanz in Matts
Richtung!
Ein Sprung zur Seite bewahrte ihn vor
einem Treffer.
Die Spinne stakste näher und unternahm
einen zweiten Versuch. Diesmal entging Matt
dem klebrigen Zeug nur knapp.
Offensichtlich hatte das Biest vor, ihn
zunächst lahmzulegen, einzuspinnen, um sich
dann in aller Ruhe an ihm gütlich zu tun.
Matt sah keine andere Möglichkeiten, als
seinerseits anzugreifen. Sein Ansturm schien
das Spinnenungetüm aus dem Konzept zu
bringen. Es hatte wohl nicht mit Gegenwehr
gerechnet.
Matt drosch mit dem Dreizack zu. Traf
eines der Vorderbeine der Spinne. Es brach mit
hörbarem Splittern.
Er holte ein weiteres Mal aus, doch er kam
nicht mehr zum Schlag. Die Spinne tastete nach
ihm, traf ihn mit einer Klaue vor die Brust und
stieß ihn zurück.
Matt rollte sich ab. Keinen Augenblick zu
früh! Wo er eben noch gewesen war, ging eine
kopfgroße Ladung des Spinnensekrets nieder.
Matt kam auf die Beine und brachte Distanz
zwischen sich und das mutierte Vieh. Er musste
sich etwas einfallen lassen, etwas verdammt
Gutes, wenn er zumindest diesen Kampf lebend
überstehen wollte. Und das wollte er,
unabhängig davon, was danach auf ihn warten
mochte. Darüber konnte er sich später noch den
Kopf zerbrechen.
Er schlüpfte aus dem Flickenmantel, hielt
ihn mit beiden Händen und rannte wie in bester
Torero-Manier auf das Ungetüm zu. Die Spinne
reagierte, wie er es sich erhofft hatte. Sie kam
auf ihn zu, ungelenk wegen des zersplitterten
Beines.
Matt passte den richtigen Moment ab, dann
schleuderte er ihr den Mantel entgegen. Und
hatte Glück. Das Biest verfing sich in dem
Flickenstoff, war zumindest Sekunden damit
beschäftigt, sich daraus zu befreien.
Sekunden, die Matt zu seinen Gunsten
nutzte.
Er umkreiste die Spinne und sprang.
Landete auf dem glatten Chitinrücken des
Biestes. Aufrecht kniend, brachte er den
Dreizack in Position, zielte genau in die Kerbe
zwischen Kopf und Rumpf. Und stieß zu, mit
aller Kraft! Er warf sich nach vorn, um sein
ganzes Gewicht in den Stoß zu legen.
Und es klappte! Die spitzen Zacken drangen
in den Spinnenkörper ein. Das riesige Tier
zuckte, bäumte sich ein letztes Mal auf und
sackte dann unter Matt zusammen.
Schweratmend rutschte Matthew vom
Rücken des toten Monstrums herab, blieb im
Sand knien, keuchend und hustend, aber
52
lachend. Die Erleichterung brach sich
unkontrolliert Bahn.
Aber das Lachen verging ihm. Denn wie
erwartet war die Show, in deren Mittelpunkt er
wider Willen stand, noch nicht vorbei.
Die zweite Runde wurde eingeläutet, bevor
Matt auch nur wieder zu Atem gekommen war.
Das Publikum begrüßte seinen neuen Gegner
mit frenetischem Applaus.
Er selbst wünschte sich fast, das
Spinnenmonster nicht besiegt zu haben...
... dann nämlich hätte er jetzt nicht gegen
Captain Irvin Chester antreten müssen...
Dieser Irvin Chester war nicht mehr der, mit
dem Matt Drax in der Nacht zuvor gesprochen
hatte.
Dieser Mann war mehr Maschine als
Mensch, programmiert zu töten. Sie mussten
ihn mit weiteren dieser teuflischen Früchte
vollgestopft haben.
Im Zellentrakt unter dem Kolosseum hatte
Matt den Eindruck gehabt, Irvin sei - seiner
Größe und den Muskelbergen zum Trotz - nicht
mehr als ein Häuflein Elend.
In seinem jetzigen Zustand weckte Chester
nur noch eine Scheißangst in ihm - und
unbändige Wut, die sich jedoch nicht gegen den
schwarzen Riesen richtete, sondern gegen die
verkommene Bande, die über ihnen auf dem
Balkon herumlungerte, allen voran Maars, diese
fette Kröte, die sich selbst zum Gott ernannt
hatte!
Der Zorn half Matt.
Ein bisschen wenigstens.
Er bewahrte ihn davor, einfach zu
resignieren angesichts der Möglichkeiten, die
ihm blieben: entweder den Kameraden zu töten
oder selbst draufzugehen.
Vielleicht fand er ja einen Weg, Irvin
Chester zu überwältigen, ohne ihm wirklich
Schaden zuzufügen.
Was nicht einfach sein würde, denn
seinerseits hatte er von dieser Kampfmaschine
keine Gnade zu erwarten.
Irvin Chester erkannte ihn nicht mehr. Er
stürmte brüllend heran wie eine
fleischgewordene Dampframme, schlug mit
seiner Keule nach Matt, und der hatte alle
Mühe, den Hieben auszuweichen. An Angriff
war gar nicht zu denken!
»Irvin!« rief er eindringlich. »Komm zu dir,
Big Boy! Verdammt, ich bins -Matt! Matt
Drax! Dein Kumpel!«
Wusch!
Die Nagelkeule rasierte haarscharf an Matts
Brust vorüber. Eine der Metalldornen zerriss
den Stoff seiner Kleidung und ritzte die Haut
darunter. Nur ein Kratzer, aber er brannte wie
Feuer!
»Irvin! Du musst dagegen ankämpfen! Ich
bin nicht dein Feind, ich bin dein Freund,
verstehst du?!«
Irrte er sich, oder geriet Irvin Chesters
Attacke tatsächlich einen winzigen Moment
lang ins Stocken? Mochte sein, aber der nächste
Schlag kam dennoch.
Matt sprang zurück, und der eigene
Schwung brachte Chester für Sekunden aus
dem Gleichgewicht. Bevor er sich wieder
fangen konnte, stürmte Matt vor, stemmte den
Dreizack in den Boden und sprang mit den
Füßen voran.
Er traf Chester vor die Brust. Der Hüne
taumelte. Matt setzte nach, schlug mit dem
Dreizack zu. Er zielte auf Irvins Hände, und
tatsächlich gelang es ihm, Chester zu
entwaffnen.
»Irvin! Sieh mich an!« brüllte er. »Schau
mich an, verdammt!«
Matt setzte ihm die Faust unters Kinn. Doch
was andere. Männer für Stunden knockout
gesetzt hätte, entlockte dem mit Drogen
vollgepumpten Riesen nur ein verstörtes
Kopfschütteln.
Chester blinzelte. Für eine Sekunde schien
sich sein Blick zu klären.
»Wach auf, Big Boy!« setzte Matt nach.
»Erinnere dich.«
53
Ein Stoß warf ihn zurück. Irvin Chester
grunzte gereizt und bückte sich nach seiner
nagelgespickten Keule, hob sie aber nicht auf.
Hielt inne. Stand vornübergebeugt inmitten der
Arena wie ein Gorilla, die Arme pendelnd.
Schon begann Matt Hoffnung zu schöpfen -
zu früh! Chester schüttelte unwillig den Kopf,
packte die Keule und kam hoch. Die Waffe zum
Schlag erhoben, stürmte er auf Matt zu, dem der
Herzschlag stockte.
Es war vorbei. Er hatte den Freund
verloren.
Er sah in Irvin Chesters verzerrtes Gesicht.
In seine Augen hinter verquollenen Lidern -
Augen, in denen aller Schmerz der Welt stand
und abgründige Angst flackerte. Augen, aus
denen ihm der wahre Irvin Chester entgegen
blickte, eingesperrt in diesem drogengesteuerten
Körper. . .
Matt spürte den Blick wie einen Stich ins
Herz. Ein lähmendes Gefühl kroch in ihm hoch,
füllte seine Glieder wie mit Blei. Er kam sich
vor wie das berühmte Kaninchen, das
schreckensstarr vor der Schlange kauert.
Im nächsten Augenblick war Irvin Chester
heran. Holte weit aus mit der
nagelbeschlagenen Keule.
Und drosch zu. Mit übermenschlicher
Gewalt.
Wie ein Geist schlich Moss durch das
Labyrinth aus Gängen, Kammern und
Verschlagen unter dem Kolosseum. Dumpf und
grollend drang der Lärm aus der Arena zu ihm
herab.
Niemand sah und hörte ihn. Er kannte und
nutzte jede Möglichkeit sich vor zufälligen
Blicken zu verbergen.
Er hatte nichts vergessen. Jeder Fußbreit
Boden hier unten war ihm immer noch vertraut.
All die Jahre hatten daran nichts ändern können.
Und ebensowenig hatten sie an seinem Hass
rühren können.
Moss nickte in grimmiger Befriedigung.
Das Warten hatte sich gelohnt. Die rechte Zeit
war endlich gekommen, die »Götter« für alles
bezahlen zu lassen, was sie ihm angetan hatten.
Ihm und so vielen anderen ...
Damit musste Schluss sein! Und endlich sah
sich Moss in der Lage, dem grausamen,
perversen Treiben dieser selbsternannten
Herrscher Roomas einen Riegel vorzuschieben,
ein für allemal! Wie oft hatte er den
Auswahlkämpfen in der Stadt beigewohnt, hatte
Ausschau gehalten nach einem Kämpfer, der für
seine Zwecke geeignet war?
Nun stand Moss nicht mehr allein. Er hatte
Verbündete gewonnen. Natürlich, sie wussten
nichts von ihrem »Glück«, aber Moss war
ziemlich sicher, dass sie gutheißen würden, was
er vorhatte. Dass sie auch dann auf seiner Seite
gestanden hätten, würde er ihnen reinen Wein
eingeschenkt und sie in alles eingeweiht haben.
Andererseits, man konnte nie wissen ...
Einen winzigen Moment lang fühlte sich
Moss unwohl in seiner Haut. Weil er sich
bewusst machte, dass er Maddrax und Aruula
mehr oder minder benutzte für seine Zwecke.
Er schüttelte entschieden den Kopf. Nein,
nicht nur für seine Zwecke. Es ging um mehr.
Die Zukunft dieser ganzen Stadt stand auf dem
Spiel! Das Leben Tausender von Menschen!
Ein Einsatz, der jeden Preis rechtfertigte. Das
Wohl vieler wog stets schwerer als das
einzelner ...
Moss verscheuchte die Gedanken, die doch
nichts brachten und vor allem nichts mehr
änderten. Zudem hatte er sein Ziel erreicht.
Er duckte sich und lugte hinter der Ecke
hervor, um die Lage zu sondieren. Wie erwartet
wurde die Kammer, auf die er es abgesehen
hatte, nur von einem Mann bewacht. Und der
Schuppengesichtige widmete sich seiner
Aufgabe nicht sonderlich gewissenhaft. Er
hockte neben der Tür, die Lanze nachlässig in
der Hand, und machte den Eindruck als würde
er dösen.
54
Blindlings tastete Moss am Boden umher,
fand einen Kiesel und warf ihn. Auf der anderen
Seite des Wächters prallte der Stein klickend im
Gang auf. Sein Kopf ruckte hoch, wandte sich
in die Richtung, aus der das Geräusch
gekommen war. Ein zischender Laut drang aus
dem breiten Mund des Wächters ...
... und wurde im nächsten Moment zu
einem heiseren Ächzen, als Moss ihm
blitzschnell die Arme um Kopf und Hals
schlang. Ein kraftvoller Ruck und - knack! Das
Genick des Wächter brach mit dem Geräusch
eines morschen Astes.
Moss nahm sich eine Sekunde, um ins
Dunkel zu beiden Seiten des Gangs zu
lauschen. Nichts. Seine Aktion schien
unbemerkt geblieben, zu sein. Dennoch
verschwendete er keine weitere Zeit.
Er nahm dem Toten den Schlüssel zur
Kammer ab, schloss die Tür auf und schlüpfte
hinein. Die Leiche schleifte er hinter sich her.
Dann sah er sich um in der Waffenkammer der
Gladiatoren. Nichts hatte sich hier verändert in
all den Jahren.
Moss suchte etwas ganz Bestimmtes, von
dem er sicher war, dass es hier hergebracht
worden war. Und nach einigem Suchen fand er
es schließlich – jenes Ding, das Schwierigkeiten
machen konnte...
Moss nahm die Pistole vorsichtig auf,
betrachtete sie von allen Seiten, roch daran. Ein
beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Er
mochte das Ding nicht, trotzdem wollte er es
benutzen. Für das, was er vorhatte, war es ideal.
Mit einer normalen Waffe würde er niemals so
weit vordringen können. Außerdem tötete das
Ding schneller und besser aus der Ferne, als
selbst ein Wurfmesser es vermochte.
Als er die Kammer verließ und sich so
unbemerkt aus dem Labyrinth entfernte wie er
eingedrungen war, dachte Moss an die zweite
Waffe, die er sozusagen scharfgemacht hatte,
um sie für seine Ziele einzusetzen. Und der
Gedanke daran gefiel ihm noch viel weniger als
das Donnerding, das er in der Hand hielt.
Aber wieder beruhigte er sich mit dem
Gedanken, dass das Wohl einzelner weniger
wog als das vieler.
Um ihn her schwoll der Lärm aus der Arena
an.
Matt Drax erwartete den tödlichen Hieb
Irvin Chesters. Die Meute auf den
Zuschauerrängen tobte so sehr, dass er meinte,
der Boden unter seinen Füßen würde beben.
Matt spürte einen Luftzug, der an seinem
Gesicht vorbeistrich, dann Schmerz, der über
seine linke Schulter sengte. Und endlich öffnete
er die Augen.
Irvin Chester war verschwunden!
So schien es jedenfalls im allerersten
Augenblick. Dann sah Matt ihn drei, vier
Schritte entfernt, am Boden kniend und sich
gerade aufrappelnd, während ein brüllender
Schemen auf den ehemaligen USAF-Captain
zuraste.
». . . Aruula?« entfuhr es Matt ungläubig.
Das konnte doch nicht sein .. .!
Dennoch gab es keinen Zweifel, dass es
sich um Aruula handelte - obwohl sie kaum
wiederzuerkennen war! Das Mädchen gebärdete
sich wie toll, kreischte und geiferte. Und sie
hatte sich verändert, sichtlich verändert! Ihr
Körper wirkte seltsam unförmig, ihre Muskeln
schienen abnorm geschwollen. Und ein
furchtbarer Verdacht keimte in Matt Drax, reifte
binnen einer Sekunde zur Gewissheit. Er
wusste, was für Aruulas Veränderung
verantwortlich war.
Die Früchte aus dem verbotenen Garten ...
Aruula musste von diesem Teufelszeug
gegessen haben, das die Kämpfer der Götter in
Mordmaschinen verwandelte!
»Großer Gott, nein!« stieß Matt hervor. Er
stürzte vor, wollte eingreifen, wollte retten, was
zu retten war - und war doch zu langsam. Denn
55
was sich vor seinen Augen zutrug, geschah mit
geradezu widernatürlicher Geschwindigkeit.
Aruula ließ ihr Schwert wirbeln, als wäre es
leicht wie ein Florett. Flirrenden Blitzen gleich
raste die Klinge durch die Luft und auf Irvin
Chester nieder, mit tödlicher Zielsicherheit.
Blut spritzte und floss und tränkte den Sand der
Arena.
Die Zuschauer gerieten vollends aus dem
Häuschen. .
Und Matt Drax fühlte sich elend wie nie
zuvor im Leben.
Irvin Chester wälzte sich im feuchten
dunklen Sand. Aruula setzte an zum letzten
Streich, und noch bevor Matt auch nur
versuchen konnte, sie aufzuhalten, fuhr das
Schwert nieder.
Chester krümmte sich, als die Klinge ihn
traf. Matt hörte das feuchte Geräusch, mit dem
sie ins Fleisch seines Kameraden drang. Im
nächsten Moment fiel er neben Irvin Chester
auf die Knie. Ihre Blicke begegneten sich.
Etwas berührte Matts Hand. Irvins dunkle
Finger schlossen sich um die seinen, drückten
zu, und in diesem letzten Moment wich alles
Fremde aus seinem Blick. Seine Lippen
bewegten sich mühsam, formten ein Lächeln
und ein allerletztes Wort, so leise, dass Matt es
kaum verstand.
»Danke.«
Dann erlosch auch der letzte Funke in Irvin
Chesters Augen. Matt schloss ihm die Lider.
Trotz all des Blutes und seiner unförmigen
Gestalt machte Chester einen beinahe
friedlichen Eindruck.
Matt wollte Trost in dem Gedanken suchen,
dass es so am besten war für seinen Freund.
Dass er erlöst war von einem unwürdigen
Dasein. Aber es wollte ihm nicht recht gelingen
- zumal die Gefahr noch lange nicht vorüber
war!
Die Zuschauer rasten. Längst schon saß
niemand mehr auf seinem Platz. Die
Menschenmenge auf den Rängen hatte sich in
ein wogendes, brausendes Meer verwandelt.
Dennoch bedurfte es nur eines einzigen
schauderhaft misstönenden Fanfarenstoßes, um
das Publikum zur Ruhe zu bringen. Stille kehrte
ein, geradezu gespenstische Ruhe. Doch sie
dauerte nur zwei, allenfalls drei Sekunden an.
Dann begann Maars zu toben!
Der Gott des Kampfes bot einen bizarren
Anblick. Der Fettkloß schien in vollkommener
Bewegung. Über die Distanz sah es aus, als
würde er sich aufblähen. Und er brüllte mit
überkippender Stentorstimme, die überall im
Rund des Kolosseums zu hören sein musste.
»Was sagt er?« wandte sich Matt Drax an
Aruula.
Die junge Barbarin stand keuchend da, die
Schwertspitze berührte den Boden, Blut lief an
der Klinge herab. Sie wirkte wie abwesend.
Matt sprang auf, packte sie an den Schultern
und rüttelte sie durch. »Komm zu dir, Aruula!«
Sie hob den Kopf, sah ihn an. Erkennen
stahl sich in ihren Blick. Und dann
Erschrecken!
»Wachen«, flüsterte sie rau. »Er ruft die
Wachen!«
Matt Drax sah sich hastig um. Das unter der
Loge gelegene Tor zur Arena öffnete sich. Über
ein Dutzend der Echsenmenschen stürmte
herein, bewaffnet mit Speeren und Schwertern.
Die Waffen und Rüstungen klirrten unter jeder
Bewegung ihrer Träger. Auch Maars
persönliche Wachen oben in der Loge sprangen
in die Arena hinab.
Aruula knurrte wie ein Tier. Das irre
Funkeln kehrte in ihre Augen zurück, ihr
Gesicht verzerrte sich zur Grimasse. Die
verbotenen Früchte schürten offenbar ihre
Aggressivität.
Matt bückte sich und hob Irvin Chesters
Nagelkeule auf. Eine armselige Waffe gegen
die Übermacht, zumal er ungeübt im Umgang
damit war. Aber kampflos aufgeben? Niemals!
Wieder erhob Maars seine Stimme. Er
kreischte wie ein altes Weib. Und was er jetzt
schrie, verstand sogar Matt.
»Halt! Bleibt stehen! Tut ihnen nichts!«
Bis eben hatte Matts Augenmerk den
nahenden Kriegern gegolten. Jetzt sah er zur
Loge hinauf und...
»Moss?!« entfuhr es ihm.
56
In der Tat stand Moss neben dem
fettleibigen Gott des Kampfes, und in der Hand
hielt er Matts Beretta, deren Lauf zur Hälfte in
Maars' teigigem Hals verschwunden war.
»Pfeif deine hässlichen Kröten zurück!«
knirschte Moss dem Fetten ins Ohr. Maars
gehorchte. Drunten in der Arena zogen sich die
Wachen zurück, ohne jedoch vollends zu
verschwinden.
»Was willst du, Moss?« brachte der Gott
des Kampfes mühsam hervor. Er zitterte am
ganzen Leibe; die Bewegung ließ das Fett
wabbeln.
»Kannst du dir das nicht denken?« knirschte
Moss und drückte die Pistolenmündung noch
tiefer in Maars' Fleisch.
Der Fette stieß einen Laut aus, der irgendwo
zwischen schmerzhaftem Keuchen und
Verachtung lag. »Du musst verrückt sein«,
schnaufte er dann. »Du wirst niemals
entkommen, wenn du mich tötest!«
»Wer sagt, dass ich entkommen will?«
fragte Moss fast erstaunt. Und drückte ab.
Der erste Schuss zerfetzte den Hals des
Gottes, der zweite verwandelte seinen Kopf in
eine blutige Wolke.
Ein Aufschrei ging durch das Publikum.
Wie auf ein Zeichen hin sprangen alle von ihren
Plätzen auf.
Moss trat an den Rand der Loge.
»Komm her!« rief er Matt Drax unten in der
Arena zu. Der zögerte nicht lange.
Doch auch in die Reihen der Wächter geriet
Bewegung. Noch waren sie geschockt und
verwirrt ob der radikal veränderten Situation,
aber es konnte nur Sekunden dauern, bis sie
sich zumindest so weit erholt hatten, dass sie
ihn und Aruula angriffen. Immerhin musste
ihnen klar sein, dass sie mit dem Mörder ihres
Gottes unter einer Decke steckten.
In der Loge holte Moss zum Wurf aus.
»Fang!« Dann schleuderte er die Pistole über
die Köpfe der Wachen in die Arena hinab. Matt
sprang und bekam die Waffe noch in der Luft
zu fassen. Er fiel, rollte sich ab und kam wieder
hoch.
»Verschwindet!« hörte er von oben Moss'
Stimme. »Bringt euch in Sicherheit!« Er hatte
das Schwert des toten Gottes an sich genommen
und hielt damit die in der Loge verbliebenen
Leibeigenen in Schach, die den Tod ihres Herrn
und Gottes nicht ungesühnt lassen wollten.
Matt wünschte Moss im stillen viel Glück.
Er würde es gegen die Überzahl von Gegnern
brauchen können. Und wahrscheinlich würde es
nicht genügen.
Aber er konnte sich jetzt nicht den Kopf
über Moss' Schicksal zerbrechen. Denn seine
und Aruulas Chancen standen mindestens
ebenso schlecht. Die Flucht durch das Tor
wurde ihnen von den Wächtern verwehrt. Sie
würden es nie und nimmer schaffen, an den
schuppengesichtigen Kriegern
vorbeizukommen. Auch wenn Aruula durchaus
den Eindruck erweckte, es versuchen zu wollen.
Matt hielt die wie unter Strom stehende
Barbarin zurück. »Komm!« zischte er ihr zu
und zerrte sie mit sich nach hinten, dem anderen
Ende der Arena zu. Die Beretta wies auf die
Angreifer, die jetzt schneller wurden.
Matt gab zwei Schüsse ab, traf beide Male.
Verletzt stürzten zwei der Gegner zu Boden.
Der Vorwärtsdrang der Phalanx geriet für ein
paar Sekunden ins Stocken. Aber es bedeutete
nicht mehr als einen Aufschub, und Matt wusste
nicht, wie er die gewonnene Zeit nutzen sollte.
Ringsum gab es keine Möglichkeit, an den
Wänden der Arena hochzuklettem, um über die
Zuschauerränge zu fliehen.
Der Jet!
Das Wrack des Düsenjägers ragte so hoch
auf, dass seine Schnauze bis an die Mauerkrone
heranreichte. Wenn sie dort hinaufkamen,
konnten sie es schaffen!
Matthew lief los, Aruula hinter sich
herziehend.
57
Der Rumpf des Stratosphärenjets war in
besserem Zustand, als Matt nach dem Absturz
vermutet hätte. Zwar waren beide Flügelspitzen
abgerissen worden, aber das Cockpit und sogar
einer der Tanks hatten den Crash fast
unbeschadet überstanden.
Zwei Versuche unternahmen Matt und
Aruula. Beide Male schafften sie es, bis zu
jener Stelle hinaufzusteigen, wo Larns
Leichnam befestigt war, dann war Schluss. Das
Metall des Jets war zu glatt, um ihren Händen
und Füßen genügend Halt zu bieten.
Matt wandte sich um, sah den
heraneilenden Kriegern entgegen. Nur noch
wenige Sekunden ... Er fasste wieder nach
Aruulas Hand, zerrte sie mit sich, an der Mauer
entlang fort vom Wrack des Flugzeugs.
Sie waren gerade zwanzig Schritte weit
gekommen, als die ersten Gegner den Jet
erreichten.
»Hinlegen!« befahl Matt und versetzte
Aruula einen Stoß, der sie taumeln und stürzen
ließ. Er selbst wirbelte herum, zielte kurz mit
der Beretta - und feuerte. Das
Stahlmantelgeschoss stanzte ein Loch in den
Metallrumpf.
Volltreffer!
Matt wollte sich ebenfalls zu Boden werfen,
doch das war nicht nötig. Die glühende
Titanenfaust einer gewaltige Explosion drosch
ihn gleichsam nieder.
Das Donnern und Krachen währte nur
Sekunden. Dann verebbte das dumpfe Prasseln
herabregnender Trümmer. Und schließlich hörte
Matt Drax nur noch die Schreie und das
Knistern der Flammen.
Keuchend richtete er sich auf. Er fühlte sich
wie ein Grillhähnchen, das im letzten Moment
vom Spieß geflohen war. Was er getan hatte,
war fast selbstmörderisch gewesen. Aber es
hatte funktioniert, wie er mit einem raschen
Blick feststellte.
Seine Kugel hatte den intakten Tank
getroffen, und ein einziger Funke hatte genügt,
den Treibstoff hochgehen zu lassen.
Die Explosion hatte ein gewaltiges Loch in
die Arenawand gesprengt. Einige der Zuschauer
auf den Rängen darüber waren offensichtlich
verletzt worden. Und die Wächter, die es auf
ihn und Aruula abgesehen hatten - nun, sie
hatten sich zu nahe am Wrack befunden. Ein
paar hatten das Glück gehabt, sofort zu sterben.
Andere bewegten sich noch ...
»Aruula?« Matt sah zur Seite. Einen
Moment lang fürchtete er, das Mädchen sei...
Aber dann bewegte sich die junge Barbarin, sah
auf und murmelte: »Beim Donnergott, was .. .?«
»Komm, steh auf.« Matt half ihr hoch.
Im Zickzack eilten sie zwischen den
Flammennestern hindurch auf die eingestürzte
Stelle in der Arenawand zu. Von hier aus
gelangten sie ungehindert in die Gänge, die das
Kolosseum umliefen, und von dort weiter durch
einen der Ausgänge ins Freie. Hier blieb die
junge Barbarin plötzlich stehen.
»Was ist?« fragte Matt ungeduldig. »Wir
müssen.«
Aruula schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht
wirkte immer noch verzerrt, weniger jedoch von
unbezähmter Kampfeslust als vielmehr vor
Schmerz. Die Wirkung der verbotenen Früchte
mochte nachlassen, aber es schien ein höchst
unangenehmer Prozess zu sein.
»Noone«, sagte Aruula nur.
»Was ist mit ihr?«
»Müssen ihr helfen. Können sie nicht
zurücklassen.«
Matt seufzte. »Na schön. Wo ist sie?«
Aruula sagte es ihm.
Und Matt stöhnte auf. »Na großartig! Also
zurück in die Höhle des Löwen!«
Matts Befürchtungen bewahrheiteten sich
nicht. Sie erreichten die geheimen Gärten der
Götter unangefochten, auf den Wegen, die
Aruula schon einmal mit Moss beschritten
hatte. Und sie fanden Noone unbeschadet vor.
58
Matt kam nicht umhin, die Pflanzenvielfalt
des Gartens zu bewundern. Die Düfte, die ihn
umwehten, waren geradezu betörend. Das hätte
ein kleines Paradies sein können, hätten sich
nicht der Teufel und seine Versuchungen hier
eingenistet ...
»Immer dieselbe alte Geschichte«, seufzte
er. Dann machte er sich daran, Noone aus dem
Brunnenschacht zu helfen. »Alles klar«,
keuchte er dann. »Jetzt aber nichts wie weg
hier!«
Keine Antwort.
Aruula war verschwunden.
Noch im selben Moment jedoch hörte Matt
seine Gefährtin aufschreien - erst vor Wut, dann
vor Schmerz! Er lief los -und blieb wenige
Schritte später wieder stehen.
»Moss!«
Der Kuttenmann grinste schwach. Sein
Gewand war blutbefleckt, und auf seiner Wange
prangte ein tiefer Kratzer, aber er war offenbar,
wohlauf.
Was man von Aruula nicht behaupten
konnte, die bewusstlos zu seinen Füßen lag,
eine der verbotenen Früchte noch in der Hand.
Matt begriff. Die junge Barbarin hatte der
Versuchung - oder vielmehr Sucht - nicht
widerstehen können, und Moss hatte sie
kurzerhand niedergeschlagen. Einmal hatte sie
von den Früchten gekostet, und schon war sie
süchtig danach. Matt hatte den Verdacht, dass
Aruula womöglich gar nicht so sehr daran
gelegen hatte, Noone aus dem Brunnenschacht
zu holen, als vielmehr daran, ein weiteres Mal
in diesen Garten zu gelangen.
»Danke«, sagte Matt. Moss nickte nur.
Überall im Garten der Götter knisterten
Flammen. Gemeinsam hatten Matt und Moss
Feuer gelegt. Nichts sollte übrigbleiben von
dem Teufelszeug, das hier wuchs und so viele
Menschen ins Verderben gestürzt hatte.
Wir müssen gehen, bedeutete Moss
schließlich mit Gesten. Zu gefährlich hier. Matt
nickte und half ihm, Aruula hochzuheben und
zu tragen. Noone folgte ihnen. Das Mädchen
wirkte immer noch verstört, und wahrscheinlich
wäre es jedem gefolgt und hätte alles getan, was
man von ihr verlangte.
Sie stiegen hinab in das einstige
Abwassersystem Roms, und Moss führte sie
durch ein weitverzweigtes Netz aus trockenen,
aber immer noch stinkenden Kanälen. Von
überall her hallte Lärm zu ihnen. Schreie,
Brüllen, Waffenklirren. Matt deutete nach oben
und zog ein fragendes Gesicht.
Moss grinste schief. »Keine Sorge,
Maddrax«, sagte er in der Sprache der
Barbaren. »Ich habe die Kämpfer der Götter
befreit. Die Geschöpfe erheben sich gegen ihre
Schöpfer.«
Matt hatte Mühe zu übersetzen, was Moss
sagte. Aber er glaubte zu verstehen. Aruula kam
wieder zu sich, und endlich konnte Matt die
Fragen stellen, die ihm auf der Zunge brannten.
Moss beantwortete sie, knapp zwar, aber
bereitwillig.
Ja, er hatte Aruula von den starkmachenden
Früchten essen lassen, als sie miteinander in
den Gärten gewesen waren. Nur so hatte sie
eine Chance gehabt, einen der Gladiatoren der
Götter zu besiegen und ihn, Maddrax, zu retten.
Matt hatte trotzdem Mühe, Dankbarkeit zu
verspüren.
»Die Wirkung wird nachlassen«, erklärte
Moss, »nach einer Weile.«
»Und du?« stellte Matt schließlich die
Frage, die ihn am meisten bewegte. »Wer bist
du?«
Moss' Miene verhärtete. Sein Blick ging
durch Matt hindurch und verlor sich irgendwo
in der Ferne oder in der Vergangenheit.
»Vor langer Zeit«, begann er dann endlich
mit dunkler leiser Stimme, »stand ich selbst in
den Diensten jener, die sich Götter nannten. Ich
hieß gut, was sie taten - und was ich tat. Denn
es bescherte mir und meiner Familie ein
angenehmes Leben. Das Leid anderer bedeutete
mir nichts - bis ich selbst zu leiden hatte.«
59
Er hielt inne. Aruula übersetzte für Matt.
Dann fuhr Moss fort.
»Ich trainierte die Gladiatoren. Die
Gewölbe unter der Arena waren mein eigenes
kleines Reich, und wir durften im Palast der
Götter wohnen. Doch dann ...«
Wieder verstummte er. Die Erinnerung
schien ihn zu überwältigen. Angestrengter
sprach er schließlich weiter.
»Die Götter holten sich meine Frau und
meine Tochter. Einfach so, als Zeitvertreib. Sie
machten sie zu ihren Lustsklavinnen. Mein
Sohn wollte ihnen beistehen, aber er wurde
überwältigt und den Bestien zum Fraß
vorgeworfen.
Erst dadurch wurde ich darauf aufmerksam
-ich fand den Kopf meines Sohnes in einem der
Käfige.«
Matt schauderte.
»Das öffnete mir die Augen. Ich wollte eine
Revolte anzetteln gegen diese falschen Götter,
aber es gelang mir nicht. Diejenigen, die sich
meiner Führung anvertraut hatten, verloren ihr
Leben, in der Arena und in den Käfigen. Auch
mich hielt man für tot. Es gelang mir, mich all
die Jahren zu verbergen. Ich wusste, dass meine
Stunde irgendwann schlagen würde.« Er sah
Matt an. »Diese Stunde kam mit dir, Maddrax.
Ich wusste es in dem Moment, da ich dich sah.
Du wurdest von den wahren Göttern gesandt.
Zur Rettung aller, die in dieser Stadt leben.
Neue Zeiten sind angebrochen in Rooma. Und
ich werde dafür sorgen, dass man den Namen
Maddrax in Ehren hält.«
Matt schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er,
»es ist dein Verdienst. Du hattest den Mut,
gegen die Götter aufzubegehren. Wir waren
nur.. .«, er zuckte die Schultern, ».. . zufällig zur
rechten Zeit am rechten Ort.« Er lächelte knapp.
Aruula übersetzte und fügte hinzu: »Versprich
uns eines, Moss.« »Ja?«
»Kümmere dich um das Mädchen«, bat
Aruula und wies auf Noone.
Moss nickte und lächelte.
»Gern. Vielleicht bin ich ja bereit, eine neue
Tochter zu haben.«
Die beiden begleiteten Matt und Aruula bis
zu dem Hügel, auf dem sie den Hummer-Jeep
zurückgelassen hatten. Moss bestaunte das
Fahrzeug, wenn auch nicht so ausgiebig wie
Aruulas Horde es getan hatte. Wahrscheinlich
hatte Moss in seinem Leben zu viel gesehen
und erlebt, als dass ihn noch irgendetwas
wirklich überraschen konnte.
Sie sahen zurück und ließen den Blick über
die Ewige Stadt schweifen. Natürlich hatte sich
nichts verändert, was mit bloßem Auge zu
sehen gewesen wäre. Aber es bestand
Hoffnung, dass die Dinge sich zum Besseren
wenden würden, und diese Hoffnung ruhte auf
den Schultern von Männern wie Moss. Matt
wünschte ihm Glück. Dann stiegen er und
Aruula in den Jeep und fuhren los, zurück gen
Norden.
Hier hatten sie gefunden, wonach er gesucht
hatte. Wenn auch unter anderen Umständen, als
Matt es sich gewünscht hatte. Er versuchte nicht
an Irvin Chester zu denken, was aber nicht hieß,
dass er den alten Freund vergessen wollte.
Stattdessen dachte er an Hank Williams, den
jungen Texaner, der sich Irvins Worten zufolge
nach Norden hatte durchschlagen wollen. Matt
hoffte auch ihn zu finden. Bevor ihnen beiden
diese Zeit zum Verhängnis werden konnte ...
Neben ihm zitterte Aruula auf dem
Beifahrersitz und klapperte mit den Zähnen, als
leide sie unter Fieber und Schüttelfrost. Cold
Turkey, konstatierte Matt. Aruula litt unter
Entzugserscheinungen. Sie war mit einem Fluch
in Berührung gekommen, der schon seine Zeit
und Welt vergiftet hatte.
Manche Dinge, dachte Matt, ändern
sich wirklich nie...und dummerweise
waren es scheints immer die schlimmsten,
die alle Zeiten überdauerten.
ENDE
60
.
Die Ausgestossenen
Von Brian Frost
Matt und Aruula helfen einem Jungen, der von Affenmenschen überfallen wird.
Er gehört einer Sippe von Menschen an, die durch ein Bruchstück des Kometen
zu Telepathen mutiert sind.
Sie zwingen Matthew, ihnen gegen die
Angreifer beizustehen, während Aruula
gegen die Beeinflussung gefeit ist.
Sie findet heraus, dass die Ausgestoßenen
ihre Feinde mit ihren telepathischen
Kräften selbst schaffen - und auch Matt
Drax degeneriert zusehens! Nur das
Kometenstück kann ihn immunisieren.
Um ihn dorthin zu schaffen, muss Aruula
erst den Anführer der Gruppe töten, der
mit seiner Geisteskraft die Neandertaler
kontrolliert.
EXTRA im Heft: Weltkarte

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