gescannt von Warlord Gor bearbeitet von Waldschrat
Band 2
Stadt der Verdammten
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gescannt von Warlord Gor
bearbeitet von Waldschrat
Band 2
Stadt der Verdammten
Der Sturm fegte durch die vereisten
Felsspalten. Manchmal klang es, als
würden Hunderte von Schwertern zugleich
durch die Luft sausen. Dann.wieder hörte es
sich an wie der Klageruf eines
sterbenden Eluus. Der Himmel hing tief
und grau über den Gipfeln des zerklüfteten
Eisgebirges. Als wäre er aus schmutzigem
Zinn. Der kleine Höhleneingang im
Steilhang über dem Gletscher war von den
gegenüberliegenden Bergrücken kaum zu
erkennen. Schmal und nicht einmal mannshoch
öffnete er sich etwa einen halben Steinwurf
hoch im vereisten Fels.
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Zwei, drei Schritte vom Höhleneingang
entfernt hockte eine in
abgeschabtes' braunes Leder gehüllte
Gestalt: Baloor, der Göttersprecher.
Wie in Trance wiegte er seinen
Oberkörper hin und her. Die Ohrlappen
seiner Lederkappe scheuerten über
seine Schultern. Angespannte
Konzentration verzerrte sein knochiges,
tausendfach zerfurchtes Gesicht zu
einer maskenhaften Fratze. Seine
Augen waren halb geschlossen. Die
schmalen blutleeren Lippen bewegten
sich fast stumm. Nur manchmal drang
heiseres Gemurmel aus seiner Kehle.
"Höre mich, Herr der Finsternis. Höre
mich, o schrecklicher Orguudoo..."
Etwa einen Schritt vor seinen
gekreuzten und in Leder gehüllten
Beinen lag, umringt von getrockneten
Kotballen, ein menschlicher Kopf.
Kleine Schneeklumpen hingen im
struppigen Vollbart des abgeschlagenen
Schädels. Auf seinen blauen und
verzerrten Lippen schien noch der
Todesschrei des Erschlagenen zu
beben, und im Weiß seiner blicklosen
Augen spiegelte sich das spärliche
Licht, das von draußen in die Höhle
hereinsickerte.
"Baloor, dein Sklave, ruft dich",
murmelte der Ledermann. "Höre mich,
Orguudoo..." Seine Schaukelbewegung
verlangsamte sich. Er riss die Augen
auf und starrte den abgeschlagenen
Kopf an. Seine Iris leuchtete rötlich.
"Höre mich, Herr der finstersten
Tiefe!"
Ein Stück hinter Baloor, an der
Höhlenwand, lehnten die langstielige
Streitaxt des Göttersprechers und sein
Bogen. Daneben ein
zusammengerolltes Bündel von
Fellplanen, Holzstangen, Pfeilen und
getrocknetem Kot. Außer Kot gab es
kaum Brennmaterial hier in den eisigen
Regionen weit oberhalb der
Schneegrenze.
Rechts neben sich hatte Baloor
einen großen und einen sehr kleinen
Lederbeutel abgelegt. Der große
enthielt ein Messer, eiserne
Pfeilspitzen, Feuersteine, ein paar
Knäuel Tiersehnen und etliche
Säckchen und Päckchen mit Blättern,
Wurzeln, Blütenextrakten und Pulvern
aus getrockneten Tierorganen. Alles
Dinge, die er für seine Bes-chwörungsrituale
oder zur Behandlung von
Krankheiten brauchte.
Axt, Bogen, Zeltplane und
Ledersackviel'mehr hatte er nicht
mitnehmen können, als er vor einer
Woche die Horde verlassen musste.
Baloors knochige Hand schob sich
in den kleinen Lederbeutel. "Komm
herauf aus deiner schrecklichen
Finsternis." Die wiegenden
Bewegungen seines Oberkörpers
wurden schneller, seine Stimme
dringender. "Erweise deinem Sklaven
die Ehre deiner erhabenen
Gegenwart..." Drei, vier Krümel einer
trockenen Masse zwischen den
Fingerkuppen, zog er seine Hand
wieder aus dem kleinen Säckchen und
führte sie zum Mund.
Der getrocknete Rotpilz schmeckte
bitter und süßlich. Baloor benutzte die
giftige Substanz nur, um die Schmerzen
Schwerverwundeter zu lindern. Oder
um bei besonders schwierigen
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Beschwörungen mit der Geistwelt in
Kontakt zu kommen.
Nachdem ihn Häuptling Sorban aus
der Horde verbannt hatte, war Baloor
drei Tage lang über schneebedeckte
Höhenzüge, Gletscher und durch
vereiste Bergschneisen gewandert.
Zurück zu dem Lagerplatz, an dem die
Horde fast zwei Monde zuvor von
Rraars Taratzen angegriffen worden
war. Und wo sie den blauen Feuervogel
über den Himmel ziehen sahen.
Baloor hatte einen der gefallenen
Krieger aus seinem Schneegrab geholt
und dessen Kopf mit der Axt vom
Rumpf getrennt. Den Körper hatte er
sorgfältig zerlegt und nach und nach
aufgetaut. Sorban hatte ihm nur Vorräte
für drei Tage mitgegeben. Das Fleisch
der Gefallenen würde den
Göttersprecher noch über Wochen am
Leben erhalten. Doch so lange wollte er
nicht hier in dieser eisigen Wildnis
bleiben.
Noch bevor die Sonne an diesem
Tag ihren ersten Rotschimmer auf den
Nachthimmel geworfen hatte, war
Baloor hinunter auf das Schneefeld vor
dem Gletscher geklettert und.hatte den
Kopf des gefallenen Kriegers
ausgegraben.
Um den Dämonen der Finsteren
Tiefe so nähe heraufzubeschwören, wie
Baloor es plante, brauchte man
mindestens den Kopf eines Toten.
Besser wäre ein lebendiges Tier. Und
am allerbesten natürlich ein lebender
Mensch.
Baloors Oberkörper strafte sich. Er
riss den Mund auf, als hätte er
Schmerzen.
Lange gelbliche Zähne ragten aus
seinen Gebiss. Er rollte mit den
Augäpfeln und stieß ein gurgelndes
Röcheln aus. Der Rotpilz wirkte.
Ganz langsam nur ging sein
Oberkörper wieder in die
Schaukelbewegung über. Seine Hände
verkrallten sich im harten Leder seines
Mantels. Keuchend begann er erneut zu
murmeln. "Komm, Orguudoo. Zeige
dich mir, o Schrecklicher..."
Seit Sonnenaufgang hockte er vor
dem abgeschlagenen Kopf. Nur noch
zwei oder drei Stunden und der
verwaschene Sonnenfleck würde
wieder vom dunstigen Himmel
verschwinden.
Plötzlich verstummte der
Göttersprecher. Er riss die Augen auf,
sein Unterkiefer sank nach unten und
begann zu zittern. Er starrte den Kopf
auf dem Eisboden an.
Statt Schnee hingen jetzt
Wassertropfen zwischen den
Barthaaren. Feine Rinnsale von Wasser
flossen aus dem Bart, suchten sich
ihren Weg über die bläulich-weiße
Wangenhaut und krochen in die fast
violetten Ohren des abgeschlagenen
Kopfes.
Fauliger Gestank erfüllte plötzlich
die Höhle. Die um dem Schädel
angehäuften Kotballen begannen zu
rauchen. Kleine Flammen schlugen aus
ihnen.
Und plötzlich bewegte der
rumpflose Tote die Lippen. "Was willst
du von mir, dass du mich so nahe zu dir
rufen musst, Baloor?"
Es war keine menschliche Stimme -
es war ein Krächzen und Knarren, als
würde Stoff reißen oder Holz splittern.
Baloor warf sich über seine gekreuzten
Beine auf den Höhlenboden. Er keuchte
wie ein Erstickender. Seine
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Nackenmuskulatur verkrampfte sich
und seine Arme begannen zu
schlottern. Er wollte reden, brachte
aber keinen Ton heraus. Es war erst das
zweite Mal in seinem Leben, dass er
den Dämon so nahe zu sich beschworen
hatte.
"Sprich, Baloor, warum hast du
mich gerufen?" Hundertfach hallte die
Totenstimme aus der Dunkelheit der
Höhle zurück.
Baloor hob den Kopf. Er zwang
sich tief durchzuatmen. Es stank nach
Kot und Schwefel und nach
verschmortem Haar. Der Rauch, der
von dem Kopf und den brennenden
Kotballen aufstieg, brannte ihm in der
Nase und im Rachen.
Er versuchte seine Panik zu
unterdrücken und wagte einen Blick
auf das Gesicht des abgeschlagenen.
Kopfes. Dessen blaue Lippen zuckten.
Bart- und Haupthaar schmolzen in den
größer werdenden Flammen. Aus den
Nasenlöchern stieg Rauch. Die
Augäpfel kochten und die Iris warf
Blasen.
Baloor fror plötzlich, und trotzdem
rann ihm der Schweiß über das fahle
Gesicht. "Ehre sei dir, erhabener
Orguudoo", keuchte er. "Ich will, dass
du einen falschen Gott vernichtest."
Der Abstieg schien nicht enden zu
wollen. Matthew Drax schätzte, dass
inzwischen mindestens
tausendfünfhundert Höhenmeter
zwischen ihnen und dem kleinen
Gletschertal lagen, von dem aus sie vor
drei Tagen aufgebrochen waren.
Trotzdem ging es noch immer bergab.
Matt hatte ein gutes Augenmaß -
und dennoch konnte etwas an seiner.
Schätzung nicht stimmen. Die
Schneegrenze lag in milden Monaten
bei etwa einem Kilometer und nicht bei
anderthalb.
Und es war März. Wahrscheinlich
Mitte März. Selbst wenn er in den
französischen Alpen gelandet sein
sollte - sie müssten längst die ersten
Flusstäler erreicht haben. Oder
wenigstens das eine oder andere
Bergdorf.
Stattdessen schroffe Felswände,
Gröllfelder, serpentinenartige
Trampelpfade und immer wieder
Trümmerfelder von aufeinander
getürmten und ineinander verkeilten
Felsblöcken, teilweise so groß wie
achtstöckige Häuser. Als wenn in
dieser Gegend ganze Bergrücken in die
Luft gesprengt worden waren. Oder als
ob es ein Erdbeben unvorstellbaren
Ausmaßes gegeben hätte.
Matt konnte auf etwa zweihundert
Flugstunden zurückblicken, die er in
den letzten zwei Jahren über den Alpen
absolviert hatte. So eine
Landschaftsformation war ihm nie
aufgefallen.
Am Abend des dritten Tages
kletterten sie über ein Geröllfeld auf ein
Hochplateau hinab. Matt marschierte
an der Spitze des Zuges. Zusammen
mit Aruula und Sorban, dem massigen
Führer der Horde.
Noch immer hielten sie Matt für
einen Abgesandten Wudans, ihres
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höchsten Gottes. Zumindest Sorban
und seine Horde hielten ihn dafür.
Aruula hatte längst begriffen, dass er
weiter nichts als ein Mensch war.
Ein ziemlich verwirrter Mensch
sogar, denn auf nichts, was er sah,
konnte Matt sich einen Reim machen.
Weder auf diese fellverhüllten
Barbaren mit ihren eisenzeitlichen
Waffen und Werkzeugen, noch auf ihre
Sprache, noch auf die fremdartige
Landschaft und den ständig
verhangenen Himmel, und schon gar
nicht auf die merkwürdigen Wesen, die
ihm in den Wochen seit der Notlandung
begegnet waren.
Die Taratzen zum Beispiel,
menschengroße, aufrecht gehende
Ratten. Oder die Riesenheuschrecken.
Frekkeuscher nannte die Horde diese
gewaltigen Insekten. Größer als ein
Kamel waren sie, und ein moosgrüner
Pelz bedeckte ihren langgestreckten
Körper unterhalb ihrer beiden
Flügelpaare.
Hinter den vier Speerträgern, die
nach Matt, Aruula und dem Häuptling
die zweite Spitze bildeten, krochen
sieben Riesenheuschrecken den
steinigen Hang hinunter. Auf drei von
ihnen hatten Sorbans Leute die
Zeltstangen, Fellplanen, Waffen und
Vorräte der Horde geladen. Drei
weitere trugen zwei schwangere Frauen
und zwei Mütter mit Kleinkindern. Auf
dem letzten Frekkeuscher ritt Radaan,
Sorbans ältester Sohn. Aruula hatte ihm
in einem Schwertkampf den
Oberschenkel mit der flachen Klinge
zerschlagen.
Matt wusste, dass der junge
Bursche ihn hasste. Seine lauernden
Blicke sprachen Bände. Matts
vertrauter Umgang mit Aruula passte
ihm nicht. Und Matt war sich ziemlich
sicher, dass er neben Aruula der zweite
in der Horde war, der, längst nicht
mehr an seine Göttlichkeit glaubte.
Aber das musste Matt nicht
beunruhigen. Seitdem Radaan
gemeinsam mit dem Schamanen Baloor
versucht hatte, ihn, den vermeintlichen
Gott, an die Taratzen auszuliefern,
mieden ihn die meisten
Hordenmitglieder. Die Einzige, die
noch mit ihm sprach, war die alte
Zurpa, Radaans Mutter und Sorbans
Hauptfrau.
Baloor war vom Häuptling aus der
Horde verbannt worden. Vier Tage
bevor sie das Lager abgebrochen
hatten. Aber seinen eigenen Sohn zu
verstoßen, dazu hatte er sich nicht
durchringen können.
Je acht Krieger und Kriegerfinnen
flankierten den Zug. Die meisten waren
Schwertträger. Ein paar Halbwüchsige
liefen neben den Frekkeuschern her.
Drei Jungen und zwei Mädchen. Vier
Bogenschützen bildeten die Dachhut.
Genau fünfunddreißig Köpfe zähste
Sorbans Horde. Zusammen mit Matt
waren sie sechsunddreißig.
Gelbbraunes Gras bedeckte das
Hochplateau, dazwischen bräunliche
Moose und Flechten. Ein paar
verkrüppelte Bäume sah Matt, und
gegen das Ende des etwa dreihundert
Meter breiten Plateaus hin verschwand
der Trampelpfad in schwarzgrünem
Gestrüpp. Es erinnerte Matt an Ginster.
Aber vors mehr als mannshohen
Ginstersträuchern hatte er noch nie
gehört.
Schnell wie ein leichtfüßiger Junge
sprang der hünenhafte Häuptling die
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letzten Meter des Geröllfeldes hinab.
Schon seit drei Tagen wunderte Matt
sich, wie mühelos der Riese seine
schätzungsweise hundertfünfzig Kilo
durch das unwegsame Gelände
bewegte. Sorban ging ein Stück auf das
Plateau hinaus und sah sich um. Dann
blickte er zurück und winkte mit beiden
Armen. "Zi bataa wee nu camboo",
brüllte er.
Matt wandte sich an Aruula. "Was
sagt er?"
"Lager bauen - hier." Sie deutete
nach unten.
Aruula hatte ihr blauschwarzes
Haar mit Lederbändern zu einem fast
hüftlangen Zopf zusammengebunden.
Wie die meisten Hordenmitglieder trug
sie ein dunkelbraunes, langhaariges
Fell.
Matt konnte sich nicht vorstellen,
von welchem Tier es stammen mochte.
Es sei ein Wakuda-Fell, hatte Aruula
ihm vor einigen Tagen erklärt. Wakuda
- vielleicht meinte sie das rinderartige
Tier, das Matt in der Vorratshöhle des
Taratzenkönigs gesehen hatte. Auch
dessen Fell war dunkelbraun und
zottelig gewesen.
Einige Männer der Horde trugen
wie Sorban das schwarzgraue Fell der
Tàratzen. Wenn Matt Aruula richtig
verstanden hatte, galt dieses Fell als
eine Art Trophäe. Nur wer eine Taratze
getötet hatte, durfte deren Fell tragen
und sich damit das sichtbare Zeichen
eines besonders tapferen Kämpfers
umlegen.
Die Verständigung mit Aruula
gelang ihm von Tag zu Tag besser. Oft
hatte Matt das Gefühl, sie könnte ihm
von den Augen ablesen, was er, sagen
wollte.
Während die Horde das Lager
aufschlug, überquerte Matt mit Aruula
und Sorban das Plateau. Von seinem
Rand aus fiel ein mit Moos, Flechten
und bräunlichem Gras bedeckter Hang
in ein schmales Tal hinab. Ein kaum
sichtbarer Trampelpfad führte in
zahllosen Serpentinen nach unten. In
der Talsohle sah Matt den Lauf eines
Gebirgsflusses. So tief unten, dass man
sein Rauschen hier oben nicht hören
konnte. Von seinem anderen Ufer aus
stieg das Gelände wieder steil an. Der
nächste Höhenzug.
Auch Sorban blickte auf den Fluss
hinunter. Er nickte, als würde er die
Gegend kennen. "Modejaa reeso wee
du fluwee naa."
"Morgen den Fluss entlang",
übersetzte Aruula auf Matts fragenden
Blick hin. Matt runzelte die Stirn. Er
konnte sich nicht erinnern, ihr das Wort
"Fluss" beigebracht zu haben. Ständig
überraschte sie ihn mit neuen
englischen Begriffen.
Begriffe, die sie eigentlich noch nie
gehört haben konnte.
"A doo dejaana atweeno da landa
de midaa." Wieder der rollende Bass
des schwarzbärtigen Riesen.
"Zwei Tage und wir kommen in
Südland", übersetzte Aruula.
Das "Südland" galt als eine Art
Gelobtes Land unter diesen Barbaren.
So viel hatte Matt herausgefunden. Sie
erwarteten von ihm, dass er sie sicher
dort hin führte. Immerhin war er in
ihren Augen ein Gott.
"Woher weiß er das?", wollte Matt
wissen. "Kennt er diesen Fluss? Kennt
er den Weg?"
Aruula und Sorban palaverten
miteinander. Matt verstand nicht alles,
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was die Frau ihm anschließend
übersetzte. Er begriff immerhin so viel,
dass irgendwelche Vorfahren Sorbans
schon einmal versucht hatten, in das
sogenannte "Südland" vorzudringen.
Sein Vater oder sein Großvater.
Vielleicht auch sein Urgroßvater.
Matt schwirrte der Kopf. Schon
wieder, taten diese Barbaren so, als
würden Leute wie sie seit Urzeiten
durch diese Gegend streifen. Leute mit
Schwertern und Spießen, Leute, die auf
Riesenheuschrecken ritten, sich in Fell
hüllten und mit Monsterratten
herumschlugen. Um diese Jahreszeit
pflegten sich normalerweise Millionen
von Skitouristen in den Alpen zu
tummeln; Matt hatte noch nicht einmal
einen verbogenen Skilift aus dem
Schnee ragen sehen.
Und was zum Teufel war mit den
Folgen des Kometentreffers? Allen
Berechnungen zufolge müsste ganz
Europa in Mitleidenschaft gezogen und
der Himmel vom Staub des Aufpralls
verfinstert worden sein. Nun schien es,
als wäre "Christopher-Floyd" an der
Erde vorbei gerast obwohl Matt von
seinem Stratosphärenjet aus den
Einschlag doch beobachtet hatte!
Zum hundertsten Mal kapitulierte
sein Verstand vor diesen Fragen. Es
war, als hätte er einen Knoten im Hirn.
Als würden seine Gedanken gegen eine
Stahltür anrennen, die keinen
Millimeter nachgab., Was war mit ihm
geschehen?
Sorban stapfte durch das spärliche
Gras zurück zu seinen Leuten. Aruula
blieb neben Matt stehen. Seit sie ihn
aus dem Höhlensystem der Taratzen
befreit hatte, wich sie kaum noch von
seiner Seite. Es war gut, jemanden
neben sich zu haben, auf den man sich
verlassen konnte.
Matt zog den Reißverschluss seines
Pilotenanzuges auf. Er war
nassgeschwitzt von dem mühsamen
Marsch des zurückliegenden Tages. Ein
milder Wind blies von Süden her auf
das Hochplateau.
Matt holte den Kompass aus der
Brusttasche. Sein Blick folgte dem
Flusslauf tief unter sich. Nicht einmal
einen Kilometer weiter südöstlich
verschwand er in der tiefen Kerbe
zwischen den beiden Hängen.
Jedenfalls behauptete Matts Kompass,
dass der Fluss in südöstliche Richtung
floss.
Matt hatte keine Ahnung, wo die
anderen beiden Jets und Smythes
Schleudersitz gelandet waren. Aber
wenigstens einer der Jets hatte sich auf
dem gleichen Kurs wie er selbst von
"ChristopherFloyd" entfernt. In
südlicher Richtung. Kurz vor dem
Einschlag des Kometen hatte Matt die
Maschine vor sich durch die
Stratosphäre trudeln gesehen. Die
Wahrscheinlichkeit, Irvin Chester,
Jenny Jensen und die anderen zu
finden, war lächerlich gering. Aber
auch nicht gleich Null. Matt hatte keine
Wahl, er musste nach ihnen suchen.
Vielleicht im "Gelobten Land":
Seite an Seite gingen er und Aruula
zu den anderen. "Traurig?", fragte
Aruula leise. Matt zuckte mit den
Schultern. "Du denkst an andere
Feuervögel?" Matt nickte. Es
überraschte ihn schon nicht mehr, dass
diese erstaunliche Frau seine Gedanken
erahnte. "Ich helf dir", sagte sie.
Matt wandte sich ab, um sein
bitteres Lächeln vor ihr zu verbergen.
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Wie sollte diese halbwilde Frau ihm
helfen können, seine Kameraden
wiederzufinden?
Laute Stimmen mischten sich in das
monotone Getrommel des Regens.
Laute Stimmen und ein
zeterndes.Kreischen,
das Drulza bekannt vorkam. Sie
erhob sich von ihrem Lager aus Fellen
und mit Trockengras gefüllten Säcken
und hinkte durch den Saal bis zu einem
der vier riesigen Bogenfenster.
Ihre kurzen haarigen Finger griffen
in das Efeugestrüpp und bogen es
auseinander. Zwischen den morschen
Stützbalken hindurch spähte sie
hinunter auf einen weitläufigen
quadratischen Platz. Gestrüpp und
kleine Bäume wuchsen dort unten.
Auf drei Seiten war der Platz durch
grüne Wälle aus Efeu, Weinranken und
anderen Kletterpflanzen begrenzt.
Zugewucherte Hausfassaden.
Gegenüber von Drulzas Fenster, etwa
einen Speerwurf weit entfernt, bildete
ein langgestreckter flacher Hügel die
Grenze des Platzes. Ein Schutthaufen.
Büsche wuchsen auf ihm und hüfthohes
gelbliches Gras.
Acht ihrer Leute sah Drulza zwei
Stockwerke unter sich durch das
Gestrüpp schaukelten. Sie stießen
Gefangene vor sich her. Drei
Nackthäute. Und einen Gefangenen
zerrten sie an zwei starken Ketten
zwischen sich über den Platz. Einen
ungewöhnlich großen Gefangenen -
eine Taratze!
Drulzas wulstige Schlundlippen
legten sich in zahllose Falten. Sie stieß
ein heiseres Gekrächze aus. Es gab
nicht viel zu lachen in letzter Zeit. Seit
der Schwarze Feind ein Haus nach dem
anderen eroberte. Aber der Anblick der
Beute dort unten brachte sie zum
Lachen. "Lecker", krächzte sie.
Sie spähte hinüber zum Turm. Der
zerklüftete, durch ein gutes Dutzend
Baumstämme notdürftig abgestützte
Steinquader erhob sich etwa zwanzig
Schritte hoch über das Dach. Die Krone
eines Laubbaumes ragte aus den
überresten der Ziegel, die fast
vollständig von grünem Gestrüpp
überwuchert waren. Aus dem
Glockenstuhl des Turmes bogen sich
krumme Birkenstämme.
Und darüber, ganz oben zwischen
den Resten der Zinnen, sah Drulza die
Schatten der Wächter. Ihre Lanzen
überragten die zerfallenen
Zinnenkronen.
Drulza ließ die Efeuranken los. Nur
flackerndes Fackellicht erhellte den
Saal jetzt noch. An dem aus
Felsquadern formierten Tisch vorbei
hinkte Drulza zu ihrem Sitz. Der stand
an der Stirnseite des Saales. Ein aus
groben Stämmen zusammengebundener
Stuhl. Er war mit Fell ausgelegt und
stand auf vier pyramidenartig
aufgestapelten Holzstammschichten.
Natürlich würden die Soldaten die
Gefangenen zuerst zu ihr bringen. Zu
ihr, der Obermutter und Herzogin.
Anders als der Herzog empfing sie ihre
Leute niemals, während sie auf ihrem
Lager lag. Im Laufe ihres langen, fast
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vierzigjährigen Lebens hatte die alte
Wulfanenfrau so etwas wie Stil
entwickelt. Es machte sich einfach
besser, wenn Rangniedere zu einem
aufschauen mussten.
Sie stieg die drei Stufen zu ihrem
Sitz empor. Ihre Hüfte schmerzte. Eine
Kriegsverletzung. Vor fünf Jahren hatte
der Schwarze Feind sie erwischt. Es
gab Schlimmeres. Andere starben an
geringfügigeren Verletzungen. Aber
Drulza war fett geworden, seit sie nicht
mehr richtig laufen konnte. Die vier
Stufen zum Sitz hinauf strengten sie an.
Ihr Atem rasselte, als sie in den Sitz
sank. Sorgfältig ordnete sie ihre
gelbliche Ledertoga.
Rechts und links des Thronsitzes
steckten Fackeln in der Wand. Genau
wie an der Längsseite des Saales neben
dem bogenförmigen Durchgang . ins
Treppengewölbe.
Das Geschrei ihrer Soldaten und das
Kreischen der Taratze hallten jetzt im
Inneren des Gebäudes. Drulza hörte das
Rasseln der Ketten und das Scharren
der Krallen auf dem Steinboden.
Dazwischen immer wieder ein
langgezogenes Wimmern. Einer der
drei Nackthäute.
Schließlich traten die ersten ihrer
Soldaten durch den Eingang in den
Saal. Drei gedrungene Burschen in
schwarzbraunen, pechgetränkten
Bastjacken, die ihre Körper von den
Schultern bis zu den Oberschenkeln
bedeckten.
Auf ihren großen haarigen Schädeln
saßen schwarze Chininhelme. Wie
überdimensionale Tropfen liefen sie im
Nacken spitz zu und waren rundum mit
einem starken schwarzen Ledersaum
besetzt.
Die Soläaten knallten die Enden
ihrer Lanzen auf den Boden, reckten
die rechten Arme in die Höhe und
brüllten: "Lang lebe die Obermutter! "
Das lange Körperhaar des mittleren der
drei Soldaten schimmerte rötlich im
Fackellicht. Genau wie Drulzas Haar.
Einer ihrer Söhne niederer Zeugung.
Yurzek, wenn Drulza richtig sah. Die
meisten Wulfanen hatten schwarzes
oder dunkelbraunes Haar.
Die drei Nackthäute taumelten in
den Saal. Zwei Soldaten stießen ihnen
die Lanzenschäfte in die Rücken, bis
sie vor Drulzas Sitz flach auf dem
ausgetretenen Steinboden lagen. Ein
Mann, eine Frau und ein kleines Kind.
Alle drei ziemlich ausgezehrt. Drulza
konnte den Gestank ihrer
Körperausscheidungen riechen.
Widerlich. .
Zuletzt zerrten sie die Taratze in
den Saal hinein. Sie stemmte sich mit
den Hinterläufen gegen die steinige
Türschwelle. Aber einer der Soldaten
rammte ihr den Stiefelabsatz auf den
Schwanz, und kreischend machte sie
einen Satz bis fast zum Tisch. Die
Soldaten hatten ihr die Vorderpfoten in
Ketten gelegt und das lange Maul mit
Lederriemen zugebunden. Die Taratze
fiepte jämmerlich. Drulza lief das
Wasser im Schlund zusammen. Sie
hatte seit Tagen nichts Vernünftiges
mehr gefressen.
Der Hauptmann der Truppe trat vor
ihren Sitz und reckte den Arm mit der
geballten Faust hoch. "Lang lebe die
Obermutter." Sein Haar war. kraus und
noch länger als das der anderen. Am
ganzen Körper, sogar an Knöcheln und
Knien. Und es war feuerrot. Brellzek,
ebenfalls ein Sohn Drulzas. Ein Sohn
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edler Zeugung. Ein Sohn des Herzogs
selbst.
Im Lauf ihres langen Lebens hatte
Drulza ungefähr dreizehn Söhne und
neun oder zehn Töchter geboren. Ganz
genau wusste sie es selbst nicht mehr.
Mehr als die Hälfte ihrer Kinder war,
sowieso schon tot. Seit dem
Kriegsausbruch vor acht Jahren hielt
der Tod reiche Ernte in Bolluna.
Sie nickte Brellzek zu und verzog
ihre Schlundlippen zu einem Lächeln.
Die meisten Wulfanen hatten
Säbelbeine und einen Buckel. Nicht so
Brellzek. Seine kräftigen Beine waren
lang und gerade und sein Rücken,
abgesehen von den knochigen
Schulterblättern, glatt und flach. Über
dem teergetränkten Hemd trug er einen
ledernen Umhang, der ihm bis zu den
Knien reichte. Einen schwarzen
Lederumhang - das Zeichen eines
Hauptmanns. Niemand in Bolluna hatte
mehr Feinde getötet als er.
Drulzas Blick wanderte über die
vier Gefangenen. "Prächtig, Brellzek,
prächtig", krächzte sie. "Du bringst
gute Beute." Brellzeks Schlundlippen
zogen sich auseinander. Der
Lippenspalt wanderte ihm fast bis
zwischen die Augen. Die gelben
Reißzähne seines gewaltigen Gebisses
wurden sichtbar. Er strahlte - das Lob
der Obermutter tat ihm gut.
Drulza deutete auf den
Steinquadertisch. Ein kleiner Kastenaus
schwarzem Leder stand dort neben
einem Wasserkelch. Brellzek schritt
zum Tisch, öffnete den Deckel des
Lederkastens und entnahm ihm eine
dunkelbraune, fingerlange Stange.
Damit ging er zum Ausgang und. nahm
die linke Fackel von der Wand. Er
steckte die Stange zwischen seine
Schlundlippen und entzündete sie an
der Flamme. Rauchwolken stiegen zur
Saaldecke hinauf. Er ging zurück zu
Drulzas Sitz, .stieg zwei Stufen hinauf
und reichte der Obermutter die Zigarre.
"Nimm di auch eine", krächzte
Drulza. Während Brellzek ihrer
Weisung nachkam, betrachtete sie die
Gefangenen. Die drei Nackthäute
zitterten. Sie waren in altes löchriges
Fell gewickelt. Zwischen den
Lederfetzen dessen, was einmal ihre
Stiefel gewesen waren, sah Drulza
blaugefrorene Füße. Das Kind und die
Frau heulten leise vor sich hin. Der
Mann stierte sie erwartungsvoll an.
Alle drei hatten nicht viel Fleisch auf
den Knochen. Für ein Festmahl würden
sie nicht taugen.
Die Taratze dagegen war kräftig
und hatte ein schönes Schwarzfell. Der
Herzog würde seine Freude daran
haben.
"Wo habt ihr sie aufgegabelt?",
wollte Drulza wissen und stieß eine
Qualmwolke aus. Für einen Moment
sah ihr haariges Gesicht aus wie der
Krater eines rauchenden Vulkans.
"Jenseits des Stromes", sagte
Brellzek. "Am Fuß des Gebirges, nicht
weit von Virruna. Die Taratze war
hinter den Nackthäuten her."
"Soso", knurrte Drulza. "Woher
kommt ihr?" Sie sprach den Mann an
und benutzte dabei einen Dialekt der
Wandernden Völker.
"Aus dem Eisgebirge." Der Mann
sprach leise. Seine Stimme vibrierte.
"Die Bestien haben unsere Horde
überfallen... fast alle tot... nur wir drei
konnten fliehen..." Seine Stimme
versagte.
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Drulza , beäugte ihn misstrauisch.
"Fliehen? Aus den Höhlen der
Taratzen? Wie hieß ihr Führer?"
"Rraar... ja, Rraar nannten sie
ihn...", stammelte der Mann.
Drulza nahm einen tiefen Zug von
ihrer Zigarre und blies dem Mann den
Rauch entgegen. "Du lügst. Niemand
flieht aus der Gewalt einer
Taratzenhorde."
"Sie sagen, ein Fremder sei
aufgetaucht", mischte Brellzek sich ein.
Ein Mann mit gelbem Haar, mit sehr
wenigem Haar. Er soll Kleider aus
grünem Stoff getragen haben."
"Rraar hat ihn behandelt wie einen
Gast", flüsterte der Mann auf dem
Boden vor Drulzas Sitz.
"Was war das für ein Mann?",
fragte Drulza lauernd.
"Ich weiß es nicht... wirklich nicht."
Im fiebrigen Blick des Gefangenen
flackerte die Angst. "Er hatte mächtige
Waffen... Waffen, die Blitz und Donner
vom Himmel riefen... sie haben Rraar
und viele seiner Jäger zerrissen... Und
der Fremde hat es gewagt einen Eluu
loszubinden, der ein Blutbad unter den
Taratzen angerichtet hat. Dadurch
konnten wir fliehen."
Drulza spürte den erwartungsvollen
Blick ihres Sohnes. Vermutlich glaubte
er den Worten des Gefangenen genauso
wenig wie sie selbst. Niemand kettete
einen Eluu los. Jedenfalls nicht
freiwillig. Der riesige Vogel mit dem
Schuppenpanzer war der gefährlichste
Fressfeind der Taratzen. Und auch die
Wulfanen fürchteten ihn. "Du lügst",
sagte Drulza.
"Nein, nein..." Der Mann hob
flehend die Arme. "Was ich sage, ist
wahr."
"Habt ihr die Taratze verhört?",
wandte Drulza sich an Brellzek.
"Keiner von uns beherrscht ihre
Sprache."
"Dann bringen wir sie zum
Herzog."
Herzog Krallzek war einer der
wenigen Wulfanen, die das Land
jenseits des Eisgebirges gesehen hatten.
Sogar eines der drei Meere hatte er
schon überquert. Er war weit herum
gekommen, hatte viele Stämme und
Völker gesehen. Drulza wusste, dass er
sich auch mit den Taratzen
verständigen konnte.
Ächzend stieg sie von ihrem Sitz
herunter. Mit der Zigarre deutete sie
auf den gefangenen Mann. "Bratet ihn,
bis er alles gesagt hat, was er weiß."
Bewusst benutzte sie seine Sprache.
"Nein!" Der Gefangene warf sich
flach vor sie hin.
"Ich bitte dich - verschone mich!
Ich habe alles gesagt. .,.!"
Drulza trat ihm ins Gesicht. Seine
Frau stimmte ein hysterisches Geschrei
an.
"Das Kind und die Frau sperrt ein."
Gleichgültig musterte sie die beiden
halbverhungerten Gestalten. "Gebt
ihnen zu essen. Nicht dass sie uns
verenden, bevor wir sie genießen
können."
Vier Soldaten schleppten die drei
jammernden Nackthäute davon. Die
drei anderen Soldaten zerrten die
Taratze aus dem Saal. Hinter ihnen her
liefen Drulza und Brellzek durch einen
breiten düsteren Gang zu den
Gemächern des Herzogs.
Schon von weitem hörten sie laute
Schreie, Stöhnen und Seufzen. Die
Soldaten mit der Taratze blieben stehen
13
und sahen sich unsicher nach Drulza
um.
"Wartet einen Moment." Sie hinkte
an ihnen vorbei. Kurz vor der
Maueröffnung zum Saal des Herzogs
blieb sie stehen. Das Geschrei und
Gestöhne drang aus dem Raum.
"Hier ist Drulza!", rief sie laut. "Wir
brauchen dich, Krallzek!"
Augenblicklich verstummten die
Schreie. "Verflucht noch mal!", hallte
die tiefe Stimme des Herzogs aus dem
Saal. "Wie oft soll ich dir noch sagen,
dass ich nicht gestört werden will!?"
"Halt den Schlund, Krallzek!",
giftete Drulza. "Wir brauchen dich, es
ist wichtig!"
Ein paar Flüche drangen aus dem
Raum. Tippelnde Schritte näherten sich
- drei junge Wulfanenfrauen huschten
aus dem Eingang. Sie verschwanden im
gegenüberliegenden Mauerdurchbruch.
Wehmütig sprang Drulza ihnen
nach. Die Tage waren längst vorbei, in
denen sie in Krallzeks Saal ein und aus
ging, um sich begatten zu lassen. Sie
war zu alt, um noch Kinder zu werfen.
Aber sie hatte etwas Besseres: Macht.
Sie war Brellzeks Mutter - die Mutter
des künftigen Herzogs. Und als solche
bestimmte sie weitgehend die
Geschicke ihres Volkes. Auch
hinsichtlich des Krieges traf der Herzog
keine Entscheidung, die sie nicht
vorher abgesegnet hatte. Krallzek war
da, um die jungen Wulfanenfrauen zu
besteigen. Und um die Soldaten in den
Kampf gegen den Schwarzen Feind zu
führen. Sie, die Obermutter, war die
zweitmächtigste Wulfane in Bolluna.
Nur ihre greise Mutter war noch
mächtiger.. .
Sie schleppten die Taratze vor
Krallzeks Sitz. Brellzek erklärte, was
vorgefallen war. "Vielleicht weiß das
Biest, was für ein Fremder das ist, der
angeblich einen Taratzenkönig getötet
haben soll", sagte Drulza. "Du verstehst
doch ein paar Brocken dieser
viehischen Sprache."
"Was ist das für ein' Märchen?",
knurrte Krallzek. "Ich habe noch nie
gehört, dass irgendeine Kreatur wieder
aus den Höhlen der Taratzen
herausgekommen wäre. Es sei denn, als
Kot." Er lachte krächzend.
Der Herzog war so groß wie
Brellzek, sein Erstgeborener, aber fast
doppelt so breit. Wie Drulza trug er
einen Umhang aus gelblichem Leder.
Graue Strähnen durchzogen sein
ansonsten dunkelbraunes Körperhaar.
Die rechte Gesichtshälfte allerdings
war haarlos und vernarbt und ein Stück
der Schlundlippe fehlte. Eine
Kriegsverletzung. Die Waffe des
Schwarzen Feindes hinterließ
schauderhafte Spuren.
Der Herzog pflanzte sich vor der
um einen Kopf größeren Taratze auf,
holte aus und schlug ihr mit dem
Handrücken aufs Ohr. Sie fiepte
erbärmlich. Keine Körperstelle der
Taratzen war empfindlicher als die
Ohren. Kiallzek stemmte seine
haarigen Fäuste in die Hüften und gab
schmazende und piepsende Töne von
sich.
Die Taratzen antwortete
widerwillig, aber sie antwortete.
"Sie ist strohdumm", sagte der
Herzog. "Sie weiß nicht viel. König
Rraar hätte einen Gott in seine Gewalt
gebracht, behauptet sie. Er wollte; dass
er ihm im Kampf gegen die Eluus hilft.
14
Aber dann hat der angebliche Gott
einen Eluu auf ihn und seine Rotte
losgelassen."
"Der Gefangene hat also doch die
Wahrheit gesagt", krächzte Drulza.
"Dieser Gott soll >Maddrax<
heißen", fuhr Krallzek fort, "und mit
einer Horde Nackthäute ins Südland
unterwegs gewesen sein. Er kam mit
einem Feuervogel."
"Schon wieder ein Feuervogel",
murmelte Drulza nachdenklich.
'"Was habe ich mit Göttern tun?",
knurrte der Herzog. "Das ist Sache der
Hexe." Er deutete auf die Taratze. Zieht
ihr das Fell ab. Heute Abend will ich
ihre Hinterschenkel fressen. Und
schickt mir die Weiber wieder in den
Saal."
Die drei Soldaten schleppten die
fiepende Taratze weg. An der Seite
ihres Sohnes hinkte Drulza durch den
Gang. . "Eine Horde Nackthäute
unterwegs in unsere Gegend - das
gefällt mir", krächzte sie. "Aber dieser
Fremde, dieser Feuervogelmann
namens Maddrax - das gefällt mir
nicht." Sie paffte an ihrer Zigarre.
"Begleite mich zu deiner Großmutter,
mein Sohn."
Brellzeks Großmutter und Drulzas
Mutter war die Hexe von Bolluna. Die
mächtigste Wulfane der Stadt...
Sorbans Leute bauten ihre Fellzelte
auf. Ein paar Halbwüchsige und einige
Frauen waren auf das Hochplateau
ausgeschwärmt, um Brennmaterial zu
suchen.
Radaans feindseliger Blick traf
Matt, als er sein Notpaket aus dem Jet
vom Leittier löste. In den ersten Tagen
hatte er die schwere Ausrüstung noch
selbst herumgeschleppt. Bis ihn sein
schmerzender Rücken davon überzeugt
hatte, den Container besser einem
Frekkeuscher aufzubürden.
Keins der Hordenmitglieder würde
den flachen grünen Container anrühren.
Abgesehen von Radaan. Aber der junge
Krieger konnte sich noch nicht aus
eigener Kraft fortbewegen. Das würde
sich in ein, zwei Wochen ändern. Dann
musste Matt auf der Hut sein.
Er half einer hochschwangeren Frau
vom Rücken Frekkeuschers herab.
Scheu lächelte sie ihn an. Sie hatte auf
dem Schleudersitz gesessen, den Matt
aus dem havarierten Jet ausgebaut und
statt eines Sattels auf dem Rücken des
Rieseninsekts befestigt hatte. Noch
mindestens zwei Wochen lang würde
der im Sitz eingebaute Peilsender
Signale aussenden. Matt wollte die
Hoffnung nicht aufgeben, dass man
nach ihm suchte.
Vom Inhalt des Notpakets trug Matt
den Kompass, ein Feuerzeug, die
Armeepistole und das Messer stets bei
sich. Wer wusste schon, was ihn noch
alles erwartete in dieser Albtraum-
Welt?
Feuer wurden entzündet, Vorräte
aufgeteilt - zu Wasser geschmolzenes
Eis und "Shmaldan". So nannten
Sorbans Leute eine gelbliche Paste, die
15
sie als Notnahrung in großen
Ledersäcken mit sich führten.
Von Aruula wusste Matt, dass diese
Paste auf der Grundlage von Tierfett
und einem Pflanzensirup hergestellt
war, den die Barbaren aus einem Baum
gewannen. Die ziemlich feste Paste war
mit zerstoßenen Grassamen,
getrockneten Beeren und zerriebenem
Trockenfleisch versetzt. Sie schmeckte
ranzig und herb. Aber Matt behielt sie
bei sich. Es blieb ihm auch gar nichts
anderes übrig, denn seine Vorräte an
Trockennahrung waren aufgebraucht.
Immerhin sättigte das Zeug
einigermaßen.
Sie hockten sich um ein Feuer und
starrten in die Flammen.
"Warum sind deine Vorfahren nicht
im Südland geblieben?", fragte
Matthew an Sorban gewandt. Aruula
dolmetschte, und der Häuptling setzte
zu einem Wortschwall an, von dem
Matt kaum fünf Brocken verstand.
Seinem Mienenspiel aber entnahm er,
dass er von bedrohlichen Dingen
sprach.
"Feinde haben Horde zurück in
Gebirge getrieben", übersetzte Aruula.
Sie hob dreimal beide Hände hoch und
spreizte die Finger. Und dann noch mal
die gespreizten Finger einer Hand. "So
viele sind getötet worden. Feinde haben
sie gegessen."
Matt runzelte die Stirn. "Was für
Feinde?"
"Starke Feinde aus verfluchter
Stadt. Siragippen und Wulfanen."
Siragippen und Wulfanen - Matt
hatte nie von Völkern gehört, die sich
so nannten. Aruula versuchte zu
erklären. Unter Siragippen schien sie
irgendwelche Insekten zu verstehen;
"Wulfanen" dagegen waren wohl
Menschen, die südlich des Eisgebirges
in Städten wohnten.
"Und warum sollen diese Feinde
jetzt weniger gefährlich sein?"
"Batafii areg da nac villagoona",
knurrte Sorban.
"Sie machen jetzt Krieg
gegeneinander", übersetzte Aruula. "In
den toten Städten."
Alles in Matt sträubte sich, auch nur
ein Wort von dem zu glauben, was er
da hörte. Gleichzeitig wusste er, dass
die Barbaren genauso wirklich waren
wie das misstrauische Hirn unter seiner
Schädeldecke. Und er wusste, dass
Aruula ihn nicht anlügen würde.
Sorban, verzog seine wulstigen
Lippen zu einem zuversichtlichen
Grinsen. "Wudan te Maddrax nu saawi
te leedi naa landa de midaa."
"Was sagt er?" Matt verstand nur
landa de midaa". Das hieß wohl
Südland.
"Er sagt, Wudan und Maddrax uns
schützen und führen nach Südland",
übersetzte Aruula.
Sorban griff unter seinen Mantel
und zog sein Amulett heraus.
Andächtig presste er es gegen seine
Stirn und küsste es dann.
Das gläserne, fast eigroße Amulett
auch so ein Rätsel. Matt hatte
verstanden, dass es seit Generationen
von Häuptling zu Häuptling weiter
gegeben wurde., Und er wusste, dass es
eine Art Totem war, das dem Träger
die Kraft Wudans vermitteln sollte.
Aber wie eine analoge Swatch-Uhr
des einundzwanzigsten Jahrhunderts in
das Amulett eines Eisenzeit-Menschen
gelangen konnte - das war einer der
gordischen Knoten, die Matts Geist
16
lösen musste. Ganz zu schweigen von
der Frage, wie Menschen aus der
Eisenzeit ins einundzwanzigste
Jahrhundert gelangen konnten...
Die Uhr im Inneren des Klumpens
geschmolzenen Glases stand still -
exakt auf dem Datum, an dem Matt mit
seiner Staffel von Berlin aus in die
Stratosphäre gestartet waren, .um den
Raketenbeschuss des Kometen zu
beobachten. Und exakt auf der Uhrzeit,
zu der "Christopher-Floyd" die Erde
getroffen hatte: am 9. Februar 2012 um
16:44 Uhr.
Später lag Matt schlaflos unter
seiner Fellplane. Bilder und Gedanken
rotierten in seinem aufgepeitschten
Gehirn. Wulfanen, Siragippen, dieses
fremde Hochgebirge - träumte er das
alles nur? Menschen mit Schwertern,
Riesenheuschrecken und denkende
Riesenratten hatte dieser verdammte
Komet nicht nur die Welt, sondern
auch sein Gehirn ruiniert? War er in
Wirklichkeit wahnsinnig geworden und
phantasierte sich das alles in der
Geborgenheit einer Gummizelle
zusammen?
Vielleicht war er auch tot. Und in
der Hölle gelandet.
Und noch ein Gedanke ging ihm
durch den Kopf, ein fantastischer,
absolut verrückter Gedanke: Konnte es
sein, dass die Energien des
einschlagenden Kometen ihn irgendwie
in die Vergangenheit versetzt hatten? In
die letzte Eiszeit womöglich?
Aber auch diesen Gedanken
verwarf Matt wieder. Erstens war er als
Logiker weit davon entfernt, an so
etwas wie Zeitreisen zu glauben. Und
zweitens hatte er nie davon gelesen,
dass die Menschen der letzten
Eiszeitauf überdimensionalen
Heuschrecken durch die
Weltgeschichte gewandert waren.
Aruula hatte von Städten erzählt,
die südlich des Gebirges lagen. Dorthin
musste er. Vielleicht gab es dort
normale, zivilisierte Menschen, die ihm
das alles erklären konnten.
Matt schälte sich aus den Fellen und
trat vor sein Zelt. Es war bitterkalt, und
ein starker Wind fegte von Süden her
über das Hochplateau. Ein
verwaschener Lichtfleck stand am
Nachthimmel - der Mond. "Loona"
nannten Sorbans Leute ihn. Verrückt.
Aus den Fellzelten um ihn herum
drang dutzendfaches Schnarchen. Wie
jede Nacht schliefen sie ruhig und tief.
Durch seine Gegenwart fühlten sie sich
so sicher, dass sie nicht einmal mehr
Wachen aufstellten. Matt stieß ein
bitteres Lachen aus. "Bullshit!", zischte
er. "Ich wünschte, ich wäre tatsächlich
ein Gott, dann könnt ich jetzt auch
ruhig schlafen..."
Zwei Zelte weiter wurde ein Fell
zur Seite geschoben. Matt erkannte
Radaan schemenhaft im Eingang seines
Zeltes.
Einer der beiden Menschen hier im
Lager, die nur noch wenige Stunden zu
leben hatten. Wäre Air Force
Commander Matthew Drax wirklich
das gewesen, was die Barbaren in ihm
sahen, hätte er es gewusst. Und das
Schreckliche vielleicht verhindern
können...
17
Baloor fror erbärmlich. Vor ihm
glühte die Asche des Schädels. Bis auf
die Zähne war er vollständig verbrannt.
Baloor blinzelte zum Höhleneingang
hinaus. Bis zum Einbruch der
Dämmerung hatte Orguudoo zu ihm
gesprochen. Und jetzt war es schon
wieder hell vor der Höhle! Er musste
also viele Stunden lang ohnmächtig
gewesen sein.
Seine Knie stachen, als er
aufzustehen versuchte. Sein Rücken
schmerzte, in seinem Kopf schien eine
Trommel zu wirbeln. Trotzdem zwang
er sich in die Höhe. Er wankte zum
Eingang, kratzte gefrorenen Schnee
vom Fels und ließ ihn im Mund
zergehen.
Danach schleppte er seine Sachen in
die Nachbarhöhle. Hier konnte er nicht
bleiben. Die unerträgliche Gegenwart
des Dämons hing wie eine unsichtbare
Wolke in den vereisten Stalagmiten.
Bevor er die Höhle endgültig
verließ, kniete Baloor noch einmal vor
der Asche nieder. Er verneigte sich und
murmelte eine Beschwörungsformel.
Danach verschloss er die Höhle mit
Schnee.
Er hatte kaum noch Kraftreserven.
Die Beschwörung Orguudoos hatte ihn
mehr angestrengt als der Marsch
hierher in die eisige Einöde. Er
brauchte Stunden, bis er die Leiche
eines der Gefallenen aus seinem
Eisgrab geholt hatte. Eine Frau. Baloor
packte seine Streitaxt und schlug der
Toten den rechten Arm ab.
Oben, in der neuen Höhle,
entzündete er getrockneten Kot. Er
taute den Arm auf, zerlegte das Fleisch
und garte es notdürftig über der
Flamme.
Die Nahrung stärkte ihn. Baloor
spürte neue Kraft durch seine Glieder
strömen.
Nach dem Essen setzte er sich mit
gekreuzten Beinen vor den
Höhleneingang. Den Blick auf den
grauen dunstigen Himmel gerichtet,
betete er. Er rief Wudan an, den
höchsten der Götter. Stundenlang, bis
zum Abend. Sein Lehrer hatte ihm
eingeschärft, niemals eine große
Dämonenbeschwörung vorzunehmen,
ohne danach einen Tag lang den
höchsten der Götter anzurufen. Wer
Orguudoo gegen seine Feinde zur Hilfe
rief, musste stark sein und durfte nicht
den geringsten Fehler machen. Sonst
wurde er mit hineingerissen in den Sog
der Vernichtung. Baloor betete bis zum
Einbruch der Dunkelheit. Dann
verschloss er die Höhle von innen mit
Schnee, stach eine Luftspalte in die
Schneemauer und wickelte sich in seine
Felle.
Am nächsten Morgen brach er nach
Süden auf. So wie Orguudoo, der Herr
der finsteren Tiefe, es ihm befohlen
hatte. Mit eigenen Augen sollte er die
Vernichtung Maddrax' sehen. Und mit
seinen magischen Kräften sollte er an
ihr mitwirken...
Kurz vor Sonnenaufgang brachen
sie das Lager ab und beluden die
Frekkeuscher. Im Morgengrauen
stiegen sie den Serpentinenpfad
hinunter zum Fluss.
Der Strom war breiter, als Matt vom
Hochplateau aus vermutet hatte. Seine
reißenden Fluten wühlten sich durch
ein zerklüftetes Felsbett.
Das Wasser sah rötlich aus. Steil
und schroff stieg das
gegenüberliegende Ufer an.
18
Der Pfad führte die meiste Zeit nah
am Ufer entlang. Nur hin und wieder
mussten sie in den Hang hineinsteigen,
um Wasserfälle und Schluchten zu
umgehen. Dichte graue Wolken hingen
tief über den Bergkämmen und hüllten
sie teilweise ein.
Zum hundertsten Mal fragte sich
Matt, warum die Sonne nur als
verwaschener milchiger Fleck am
Himmel zu sehen war. Als würde etwas
in der Atmosphäre ihr Licht filtern.
Stundenlang marschierten sie
schweigend, machten kaum Pausen.
Der Bergrücken am anderen Flussufer
wurde stetig niedriger. Die Bewaldung
nahm zu. Büsche und Sträucher
wucherten immer üppiger. Hier und da
entdeckte Matt Nadelbäume. Kiefern
mit auffallend ausladenden Ästen und
lange, buschigen Nadeln.
Matts Chronometer war bei der
Notlandung zerstört worden. Aber
seine innere Uhr funktionierte. Er
schätzte, dass sie neun Stunden
unterwegs waren, als der Bergrücken
am anderen Ufer plötzlich steil abfiel
und den Blick auf einen .See freigab, so
groß, dass Matt das westliche Ufer
nicht erkennen konnte. .
Der Fluss strömte
immerbreiterundruhiger. Sein Wasser
hatte jetzt eine grünlich Färbung.
Gegen Abend folgten sie dem Flusslauf
um eine stark bewaldete Bergschneise
herum - und dann öffnete sich plötzlich
eine weite Ebene vor ihnen.
Als wäre er gegen eine Wand
gerannt, blieb Matt stehen. Wälder, so
weit sein Auge blicken konnte! Sorban
riss die Arme, hoch und stieß einen
Jubelschrei aus. Seine Leute klatschten
in die Hände. Einige fielen sich in die
Arme, andere begannen zu singen und
zu tanzen. Aruula strahlte. "Das
Südland", sagte sie. "Wir sind da."
Matt ließ sich ins Gras sinken. Also
doch nicht die französischen Alpen!
Von dort aus öffnet sich keine Ebene
nach Süden. Erzog die Europakarte aus
der Brusttasche seines Pilotenanzugs
und entfaltete sie. Wie so oft in den
letzten Tagen.
Es gab nicht viele große Seen am
Südrand der Alpen. Den Lago
Maggiore, den Comer See und den
Gardasee. Und nur parallel zum Ostufer
eines der drei Seen verlief ein Fluss
nach Süden. Die Etsch. Getrennt durch
ein Bergmassiv floss sie parallel zum
Gardasee in südliche Richtung.
Matt kramte seinen Kompass
heraus. Der schien ihn verspotten zu
wollen: Dem Kompass nach strebte der
Fluss in südöstliche Richtung. Also
doch nicht Etsch und Gardasee... also
doch nicht die Alpen?
Während Sorbans Leute jubelten
und aufgeregt miteinander palaverten,
schweifte Matts Blick über die Wälder.
Der Fluss bog nach Osten ab und
verschwand im Dunst über den
laublosen Bäumen. Matt war nie in
Oberitalien gewesen. Aber er hatte das
Land im Jet überflogen. Seine
Erinnerung daran sagte ihm das
Gleiche wie die Karte: Südlich der
Alpen müsste es eine weite Ebene
voller Dörfer, Städte, Obst- und
Olivenplantagen, Straßentrassen und
Weideflächen geben. Aber keine
endlosen Wälder.
Sorban ließ zwischen den Büschen
des Flussufers lagern. Der Boden war
weich und feucht, als hätte es hier vor
19
kurzem geregnet. Der Häuptling
schickte die Halbwüchsigen in
Begleitung zweier Krieger auf die
felsige Anhöhe, um Brennmaterial zu
sammeln. Er selbst begann mit den
anderen Kriegern die Zelte
aufzuschlagen. Die entladenen
Frekkeuscher ließ man im spärlichen
Ufergras weiden.
Matt hockte neben einem Felsblock
auf dem flachen Hang, der vom
Flussufer aus sanft in den Wald
hineinführte. Hinter sich hörte er die
Jugendlichen schreien und scherzen.
Sie waren so ausgelassen wie während
des ganzen Abstiegs nicht. Auch die
Frauen lachten, plauderten oder
summten vor sich hin, während sie mit
Speerspitzen und Schwertklingen den
Boden aufwühlten. Aruula war unter
ihnen. Sie winkte Matt zu, als sich ihre
Blicke trafen. Matt nahm an, dass die
Frauen nach essbaren Wurzeln suchten.
Er beneidete die Barbaren. Sie
wähnten sich am Ziel ihrer
monatelangen Träume. Er selbst
dagegen hatte das Gefühl, sich immer
tiefer in ein finsteres Labyrinth zu
verirren. Missmutig entfaltete er noch
einmal die Karte und beugte sich
grübelnd darüber.
Aruula tauchte neben ihm auf. "Für
Maddrax", sagte sie. Er blickte auf und
sah auf ein gelbliches, sichelförmiges
Ding: das sie ihm mit beiden
Handflächen darbot. Es sah aus wie
eine verpuppte Schmetterlingsraupe,
nur fünf oder sechs Mal so groß.
"Was ist das?", wollte Matt wissen.
"Lischette." Aruula legte das Etwas
auf den Fels neben ihn und ruderte mit
den Armen, als würde sie fliegen.
"Lischette." Matt begriff. Sie hatte
tatsächlich eine Schmetterlingspuppe
für ihn ausgegraben. "Schmeckt gut",
sagte Aruula. "Aber braten in Feuer",
sie hielt sich den Bauch und machte ein
Gesicht, als hätte sie Schmerzen.
"Sonst krank."
Matt nickte. Offenbar waren diese
verpuppten Raupen giftig und man
musste sie garen, damit sie genießbar
würden. "Danke, Aruula." Sie lächelte
und ging zurück zu den anderen
Frauen. Matt betrachtete die gelbliche
Puppe. "Lischette...", murmelte er. Nie
hatte er in irgendeinem Lexikon diesen
Namen gelesen.
Matt war kein Zoologe. Aber er
brauchte kein Fachidiot sein, um sich
über eine Schmetterlingspuppe ein
Urteil zu bilden, die fast einen halben
Meter lang war. Wenn überhaupt, dann
gab es derart riesige Falter nur in den
tropischen Regenwäldern Südamerikas.
Schreie ließen ihn aufhorchen. Vom
Ufer her stürmten Sorban und die Jäger
die Flussböschung herauf. Sorban trug
ein kleines Kind. Zwei andere zogen
eine schwangere Frau mit sich. Das
Gelächter und Geplauder um Matt
verstummte von einer Sekunde auf die
andere.
Die Frekkeuscher setzten in großen
Sprüngen in den Wald hinein. Zwei
hoben ab und schwirrten flussaufwärts.
Ein einziger Frekkeuscher blieb
zwischen den Büschen der Flussaue
stehen. Er zirpte, schlug mit den
Flügeln und machte stossartige
Bewegungen nach vorn. Doch statt
loszuspringen oder zum Flug zu starten,
schien das Tier immer weiter nach
hinten abzusacken. Es schaukelte mit
dem langen Kopf, seine Vorderflügel
klirrten aneinander wie harte
20
Kunststoffscheiben, sein Hinterteil war
durch einen Strauch verdeckt.
"Gejagudoo!", brüllte Sorban.
"Gejagudoo! Saweju! Saweju!"
Die Halbwüchsigen hinter Matt
schrien laut, die Frauen rechts und links
von Matt kreischten, drehten sich um
und rannten den Hang hinauf. "Fort,
Maddrax! Schnell!", hörte er Aruula
rufen. Die Männer sprangen an ihm
vorbei, und er konnte die Panik in ihren
bärtigen Gesichtern lesen.
Matt zog seine Armeepistole, eine
Beretta 98 G mit zwanzig 9-mm-
Kugeln im Magazin, und entsicherte
sie. Am unteren Rand des felsigen
Hanges ging er langsam an der
Uferböschung entlang. Der große
Körper des Frekkeuschers war nur noch
halb hinter dem Busch zu sehen. Das
Tier zirpte und schlug mit den
Vorderflügeln. Ein Mann schrie laut
um Hilfe.
Matt spähte über die langgezogene
Uferwiese. Etwa einen Steinwurf weit
von dem Frekkeuscher entfernt bog
sich das gelbe Gras zur Seite. Eine
Hand tauchte auf. Ein schwarzer
Lockenkopf. "Sawiitu! Sawiitu!", schrie
eine Stimme.
Radaan! Ohne Zweifel, es war
Radaan! Sie hatten den Verletzten in
ihrer Panik hier zurückgelassen. Er
robbte durchs Ufergras und zog das
geschiente Bein hinter sich her.
"Radaan!", schrie eine
Frauenstimme vom. Waldrand her.
"Radaan!" Zurpa hatte ihren Sohn in
der Uferaue entdeckt.
Matt umklammerte den Kolben der
großen Waffe mit beiden Händen. Er
rannte noch ein paar Meter am Hang
entlang. Bis der Frekkeuscher ganz in
seinem Blickfeld war. Dann kniff er
verblüfft die Augen zusammen: Die
Riesenheuschrecke steckte bis fast zur
Hälfte ihres Vorderleibes in der Erde!
Die Hinterflügel hatten sich
abgespreizt, als wollte das Tier so
verhindern, noch weiter im Boden zu
versinken. Die Vorderflügel ruderten
kraftlos, der Kopf schaukelte traurig
hin und her, die armdicken Fühler
zitterten, und zwischen den zuckenden
Beißscheren hindurch trielte schaumige
Flüssigkeit ins Gestrüpp. Um den
versinkenden Leib des Frekkeuscher
herum hatte sich ein Erdwall von
anderthalb Metern Höhe aufgeworfen.
Ich muss wissen, was das ist...
Matt sprang hinunter in die
Böschung. Er umringte den
Frekkeuscher. Mit drei Schritten
kletterte er auf die Krone des Erdwalls.
Die feuchte kalte Erde gab unter seinen
Stiefeln nach. Bis fast zu den Waden
versank Matt in ihr. Dann endlich
konnte er einen Blick in den Krater
werfen, in dem die Riesenheuschrecke
Stück für Stück verschwand.
Die Erde unter ihren zuckenden
Flügeln schien zu leben. Sie schlug
Wellen wie Wasser. Nach allen Seiten
spritzten immer. wieder
Schmutzfontänen auf. Dreckklumpen
prasselten um Matt herum auf den
Erdwall.
Was ist das...? .
Matt beugte sich herunter und
versuchte zu erkennen, was sich da
unter den Flügeln den Reittiers
bewegte. Er sah einen schwarzen
Samtpelz, eine scharfkantige Rundurig,
die zu rotieren schien, und er sah ein
21
schaufelartiges graues Gebilde, das ihn
an Entenfüße erinnerte und so lang wie
sein Oberschenkel war.
Jesus, was ist das . . :?!
Seine Nackenhaare stellten sich auf.
Er hob die Beretta und zielte auf die
Erdbewegungen unter den
Frekkeuscherflügeln. Hinter sich hörte
er Radaan brüllen. Vor ihm am Hang
stand die alte Zurpa, kreischte und
fuchtelte mit den Armen. Sie machte
Anstalten, die Böschung herunter zu
klettern. Sorban hielt sie fest.
Plötzlich spritzte nicht nur Erde auf,
sondern etwas Flüssiges. Der grüne
Pelz des Frekkeuschers bedeckte sich
mit roten Flecken. Fast gleichzeitig
erschlafftere die Flügel des Tieres, und
sein langer Schädel schlug kraftlos im
Sand auf.
Etwas hat ihn getötet... Spar dir
deine Kugel und mach, dass du hier
weg kommst. . .
Matt drehte sich nach Radaan um.
Er musste dem Verletzten helfen!.
Zwischen Gestrüpp und kahlen
Büschen hindurch spurtete er los. Er
fühlte den weichen Boden unter seinen
Sohlen federn, spürte das Pulsieren
seiner Beinmuskulatur, hörte seinen
Atem fliegen. Dann sah er Radaan -
fünfzig Schritt vor sich bäumte er sich
im hohen Gras auf und ruderte mit den
Armen. Er hatte sich bis auf knapp
achtzig Schritte an den Rand der
Uferböschung herangerobbt. Dort, auf
sicherem Felsgrund, standen Sorban,
Aruula und die schreiende Zurpa.
Was dann folgte, währte nur
Sekunden, aber Matt erlebte es als
schier endlosen Albtraum: Knapp
zweieinhalb Meter vor ihm schien der
Boden zu explodieren. Eine
Erdfontäne, spritzte in die Luft. Wie
der Atemstrahl eines Wales und so
hoch wie ein Baum. Matt versuchte
auszuweichen, schlug einen Haken,
schlidderte übers feuchte Gras und
schlug lang hin. Um ihn herum
prasselten Erdbrocken ins Gestrüpp, ins
Gras und auf seinen Körper. Schützend
hob er die Arme über den Kopf.
Er spürte die Erde unter sich
vibrieren, rollte sich blitzschnell zur
Seite und sprang auf. Ein Blick in
Radaans Richtung - doch da war nichts
außer einem Ringwall aus feuchter
Erde. Aber er hörte die grässlichen
Schreie des jungen Burschen. Schreie
eines Sterbenden!
Wieder ging ein Hagel von
Erdklumpen auf ihn nieder. Matt fuhr
herum. Aus den Augenwinkeln sah er
Zurpa. Nur mit einem Lendenschurz
bekleidet, rannte sie auf den Erdhaufen
zu, hinter dem ihr Sohn schrie. Ihre
schlaffen Brüste pendelten bei jedem
Schritt hin und her, und sie streckte die
Arme aus, als könnte Radaan so nach
ihren Händen greifen. Oberhalb der
Böschung, auf sicherem Felsboden, sah
Matt die entsetzten Gesichter der
anderen. Sorban hielt Zurpas Fell in
den Händen.
Da war eine Bewegung hinter Matt!
Erfuhr herum. Schwarze Facetten
riesiger Augen! Schaufelpfoten, die
nach ihm griffen! Schwarze, feuchte
Gebisszangen!
Matt ließ sich zurückfallen und zog
durch. Der Schuss hallte von den
Berghängen wider. Feuchte Fetzen
klatschten Matt ins Gesicht. Er rollte
sich ab und sprang auf, die Waffe mit
gestreckten Armen vor dem Körper.
22
Zwischen aufgeworfener Erde sah er
einen insektenhaften, wie von feinem
schwarzen Samt überzogenen Kopf.
Aber er rührte sich nicht mehr.
Jetzt erst fiel Matt auf, dass
Radaans Todesschreie verstummt
waren. Der Erdwall um die Stelle, an
der er den Häuptlingssohn zuletzt
gesehen hatte, war inzwischen
mannshoch. Die halbnackte Zurpa
stolperte kreischend über die Krone des
Haufens, stürzte sich hinein und
verschwand aus Matts Blickfeld.
Vierzig, fünfzig Schritte, dann
erreichte er selbst den Erdwall, kletterte
auf allen vieren hinauf und blickte über
den Kamm. Unter ihm wogende Erde,
feucht und dunkel, und mittendrin
Zurpa. Fast bis zu den Hüften steckte
ihr Oberkörper in dem Krater. Ihre
Beine zappelten.
Matt handelte reflexartig. Er ließ
sich in die Kuhle hineinrollen, packte
Zurpas Oberschenkel, presste - sie
gegen seine Hüften und zog mit aller
Kraft. Es roch nach Moder, feuchter
Erde und Blut.
Unter seinen Fingern spürte Matt
die harte Muskulatur der Frauenbeine
arbeiten. Er zerrte und zog, doch
Zurpas Körper verschwand tiefer und
tiefer im feuchten Dreck.
Und plötzlich wurde ihre
Beinmuskulatur weich wie die Erde,
auf der Matt stand. Der Gegenzug ließ
schlagartig nach, und Matt stürzte
rücklings gegen die Wand des
Erdwalls, immer noch die Beine der
Frau zwischen Arme und Hüften
geklemmt.
Er richtete sich auf - und hatte das
Gefühl, ein Eiszapfen wüchse ihm aus
den Lungen bis ins Hirn hinein.
Da, wo eben noch Zurpas
Oberkörper gewesen war, wälzte sich
eine schleimige Masse aus Blut und
Darmschlingen in ein Loch. Die Reste
einer zerrissenen Wirbelsäule
schimmerten weißlich durch
Muskelfetzen und Blut.
Das Bild verschwamm vor Matts
Augen. Schlagartig ließ er die toten
Beine los, warf sich herum und robbte
den Erdwall hinauf. Sein Magen
krampfte sich zusammen.
Nein - du bist nicht in den Alpen
gelandet, Matt. Auch nicht in der
grauen Vorzeit irgendeiner
gottverdammten Eiszeit. In der
Hölle bist du gelandet... direkt in
der Hölle...
Eine eiserne Faust schien sich um
seinen Magen zu klammern. Er warf
sich auf die Seite und übergab sich .
Drei Tage lang versucht Drulza
vergeblich von ihrer Mutter empfangen
zu werden. Urgaza spreche mit den
Göttern, beschieden ihr die
persönlichen Wächter der Hexe.Drei
Tage lang spähte Drulza fast stündlich
durch die Efeuwände vor den
Bogenfenstern ihres Saales zum Turm
hinüber. Rauch quoll zwischen den
verkrüppelten Birken aus dem
Glockenstuhl. Und manchmal sah sie
den Schatten ihrer Mutter hinter den
Bäumen und Rundbögen auf- und
abgehen.
23
Derweil tobte der Krieg. Hausruine
um Hausruine eroberte der Schwarze
Feind. Sein Ring schnürte sich enger
und enger um das Hauptquartier der
Wulfanen zusammen. Der Herzog
sandte Boten in alle Teile Bollunas aus
und zog seine Soldaten zusammen.
Hundertachtzig Wulfanen postierten
sich in den Ruinen rund um das
Hauptquartier. Vierzig weitere
schlugen ihre Lager auf dem
quadratischen Platz zwei Stockwerke
unter Drulzas Saal auf. Nur etwa
sechzig Soldaten beließ Krallzek in den
strategisch wichtigen Ruinen der Stadt,
um wenigstens sie zu halten.
Drängender noch als die
militärische Situation schien Drulza die
Versorgungslage. Die Vorratskammern
der Wulfanen waren praktisch leer. Ein
halbes Dutzend Gefangene noch,
darunter die Frau und das Kind der von
den Taratzen aufgeriebenen
Nomadenhorde. Der Mann und die
Taratzen waren längst den Weg aller
Gefangenen gegangen, die ins
Hauptquartier der Wulfanen
verschleppt wurden.
Drulza schickte drei zehnköpfige
Jagdexpeditionen nach Norden in die
Wälder. Vielleicht würde es wenigstens
eine schaffen, mit Beute ins
Hauptquartier zurückzukehren.
Der Himmel über Bolluna nahm
bereits einen bleierne Färbung an, als
Drulza am Abend des dritten Tages
Schritte im Treppengewölbe hörte.
Ächzend erhob sie sich von ihren
Grassäcken und Fellen, hinkte zu ihrem
Sitz und ließ sich darauf sinken. Hastig
zupfte sie ihre Ledertoga zurecht.
Stiefel knallten auf die Steinstufen
und hallten im Saal wider. Drei
Gestalten schritten durch den
Türbogen. Sie trugen Langschwerter
und rotbraune Lederumhänge. Die
Farbe von Urgazas Leibgarde. Im
Gleichschritt marschierten sie am
Steintisch vorbei zu Drulzas Sitz. Alle
drei reckten die rechte Faust über den
Kopf. "Lang lebe die Obermutter",
schnarrte der mittlere der drei
Hexengardisten, ein hochgewachsener
knochiger Wulfane. Drulza wusste,
dass er Murrzek hieß und ein enger
Vertrauter ihrer Mutter war.Die
Soldaten rechts und links von ihm
schwiegen. Sie waren keine Wulfanen.
Kaum ein Haar bedeckte ihre fahlen
Körper. Ihre langen Gesichter wirkten
eckig und ausgetrocknet. Die Augen
saßen tief in den Höhlen. Anders als bei
den Wulfanen dominierte nicht der
Schlund das Gesicht, sondern eine
lange spitze Nase. Ihre Lippen waren
grau und schmal. So schmal, dass sie
das gelbliche Gebiss der Soldaten nicht
bedecken konnten. Ihre Zähne waren
spitz zugefeilt.
Sie trugen keinen Chininhelm wie
der Wulfanensoldat zwischen ihnen,
sondern rotbraune Lederkappen. Wie
verkümmerte Pilze ragten
Ohrmuschelstummel aus den Seiten
ihrer schmalen Schädel. Sie gehörten
zu einem nicht sehr zahlreichen Volk,
das am Hang des Eisgebirges in
Felshöhlen hauste. Widerliche
Kreaturen, mit denen Drulias
Urgroßvater schon vor dem Krieg ein
Bündnis geschlossen hatte."Was wollt
ihr?", krächzte sie.
"Deine Mutter schickt uns. Sie
wünscht dich zu sprechen."
Endlich. Drulza quälte sich aus dem
Sitz und die vier Stufen hinunter. Der
24
Wulfane lief vor ihr her. Die beiden
Nackthäute flankierten sie, achteten
aber darauf, dass sie immer einen
halben Schritt hinter ihr blieben.
Mit der Linken stützte sich Drulza
gegen die Wand, während sie Stufe um
Stufe hinabstieg. Früher hatte die
Treppe ein Geländer besessen.
Jedenfalls hatte Drulzas Großmutter
das erzählt.
Auf der letzten Stufe kam sie ins
Straucheln. Die fahle Nackthaut rechts
hinter ihr griff nach ihrem Arm und
hielt sie gerade noch fest.
Bei der kurzen Berührung; sträubte
sich Drulzas Nackenhaar. Sie knurrte
missmutig und machte sich
los.Manchmal verfluchte sie die
Extravaganz ihrer Mutter. Nicht allein,
dass sie sich eine besondere Garde von
etwa zwanzig Soldaten hielt; das stand
ihr als Hexe zu.
Aber sie hatte für ihre Leibgarde
fast ein Dutzend Fremde rekrutiert.
Diese beiden fahlen Nackthäute zum
Beispiel. Dazu hünenhafte Kämpfer aus
dem äußersten Südland, bei deren
Anblick Drulza regelmäßig das Wasser
im Schlund zusammenlief.
Sogar einen Taratzenkönig hatte die
Hexe vor Jahren in ihre Leibgarde
aufgenommen.
Der war glücklicherweise bald
einem Attentat zum Opfer gefallen.
Und heimlich auf Krallzeks Grillrost
gelangt.
Drulza hinkte über den Hof. Vor
Lederzelten und um Lagerfeuer
hockten die Wulfanensoldaten. Sie
sprangen auf, als sie die Obermutter
erkannten. Fäuste reckten sich in die
Luft. "Lang lebe die Obermutter",
krähte es aus vierzig Schlünden.
Drulza winkte flüchtig und knurrte
einen Gruß. Ihre Begleiter führten sie
über den von gelbem Gras und
Gestrüpp überwucherten Platz.
Zerbrochene Steinplatten wackelten
unter ihren Fußsohlen. Wie fast alle
Wulfanen lief Drulza barfuß.
Die brüchige Fassade der Ruine, zu
der Urgazas Turm gehörte, war in der
ganzen unteren Hälfte durch
Säulenbögen durchbrochen. Vier der
Säulen waren im Lauf der letzten
Generationen durch gerade
Eichenstämme ersetzt worden. Anders
ließ sich der brüchige Balkon auf
halber Höhe der Hausfassade auf Dauer
nicht abstützen.
Auf dem Balkon lehnten zahlreiche
Wachposten an Birken und andere
Bäume. Säulen und Stämme unter dem
Balkon waren vollständig von Efeu und
Brombeerhecken umwuchert.
Drulza und ihr Begleittrupp
schritten unter den Säulen hindurch und
betraten das riesige Gemäuer. Die
Decke zum Saal des zweiten
Stockwerkes war auf halber Fläche
durchbrochen. Ein gewaltiger
Eichenstamm ragte vom Boden durch
das zweite Stockwerk bis zum Dach
hinaus. Die Krone des Baumes füllte
fast den gesamten Dachstuhl aus. Im
ersten Stock war ein Teil von Krallzeks
Truppen untergebracht. Mitsamt
Waffen und Vorratszellen. Letztere
allesamt leer.
Ein Bastkorb wurde an einem
Lederseil aus dem zweiten Stock
herabgelassen. Drulza und ihr
wulfanischer Begleiter kletterten
hinein.
Über ihnen quietschten die Räder
eines eisernen Flaschenzuges, als vier
25
Soldaten der Hexengarde sie nach oben
zogen.
Oben half der Wulfane ihr aus dem
Korb. Sie sah sich um. Wulfanenkinder
wieselten herum, spielten mit
sandgefüllten Lederbällen oder
Holzschwertern. Auffallend viele
Wulfanenfrauen entdeckte Drulza.
Manche säugten Kinder, andere
verrichteten Handarbeiten und
striegelten sich das Körperhaar.
Angehörige der Hexengarde hatten
das Recht, so oft eine Frau zu
besteigen, wie ihnen der Sinn danach
stand. Auch so eine Extravaganz ihrer
Mutter. Unter Krallzeks Truppen kam
so etwas nicht in Frage. Dort wurden
die Soldaten, die zur Begattung
zugelassen wurden, nach strengen
Maßstäben ausgewählt.
Auch fremde Gardisten entdeckte
Drulza. Einen der appetitlichen
Südländer zum Beispiel. Seine Haut
war fast schwarz, auf dem Schädel und
auf den Schultern wucherten ihm
schwarze Locken. Drulza wandte sich
seufzend ab. Sobald die letzten Vorräte
aufgebraucht waren, musste ernsthaft
daran gedacht werden, Urgaza ihr
Spielzeug wegzunehmen. Spätestens
wenn die Jagdexpeditionen mit leeren
Händen zurückkamen. Zu dem
quadratischen Turmzimmer unter dem
Glockenstuhl musste Drulza über eine
Leiter hinaufsteigen. Ächzend und mit
schmerzender Hüfte erreichte sie die
schmale Plattform, auf der ihre Mutter
schon vor zwanzig Jahren ihr Lager
aufgeschlagen hatte. Seit sie zur Hexe
der Wulfanen aufgestiegen war.
Drulza erschrak, als sie ihre Mutter
sah: Sie lag zwischen zerwühlten
Fellen, ihr weißgraues Körperhaar war
nass, und aus der schwarzen
Schlundlippe schoss in schnellem
Rhythmus der Dampf ihres Atems.
Kein Zweifel - Urgaza war
schwerkrank.
"Mutter! Was ist mit dir?!"
Ächzend ging Drulza vor den
Graskissen und Fellen der Alten auf die
Knie. "Ich wusste ja nicht; dass du
krank bist! Warum hast du mich nicht
eher zu dir gelassen?"
Die Wulfanerhexe winkte müde ab.
Ein röchelndes Krächzen drang aus
ihrem Schlund. Drulza verstand kein
Wort. Ihre Mutter schien vollkommen
erschöpft zu sein. Sie beugte ihren
Kopf über Urgazas Schlund. "Ein
mächtiger Feind... ist auf dem Weg...
hierher...", flüsterte die greise Wulfane.
"Sein Name ist... Maddrax... eine
Horde Nackthäute ist bei ihm..."
Drulza erschrak. Woher kannte ihre
Mutter diesen Namen? Sollte der
Herzog sie besucht haben?
Ausgeschlossen. Krallzek mied die
Hexe wie das Feuer. Oder hatte sie die
Taratze noch einmal persönlich
verhört?
"Woher weißt du das?", fragte sie.
Die Hexe hob den Kopf und stützte
sich auf die knochigen, weißhaarigen
Ellenbogen. "Orguudoo...", krächzte
sie. "Der Dämon... er wär bei mir..."
Sie stöhnte leise. "All meine Kraft... hat
er mit sich genommen..."
"Wer ist dieser Maddrax? Woher
kommt er? Was will er hier im
Südland?"
Wieder winkte die Greisin ab. " Du
würdest es doch nicht verstehen... Aber
du brauchst ihn nicht fürchten... Er ist...
schon ein toter Mann..." Sie ließ sich
wieder in ihre Felle sinken und schloss
26
die Augen. "Orguüdoo wird ihm das
Verderben schicken... sobald er das
Südland betritt... Gelingt es ihm
dennoch... bis nach Bolluna
vorzudringen... werden wir ihn
vernichten... Das ist Orguudoos
Wille..."
Drulza betrachtete ihre alte Mutter.
Was sie da von sich gab, wollte ihr
nicht gefallen. Sie hatte alle Hände voll
zu tun, zusammen mit Krallzek den
Kampf gegen den Schwarzen Feind zu
organisieren. Viele Soldaten waren
gefallen. Sie war zuständig für den
Nahrungsnachschub. Und jetzt sollte
sie sich noch mit einem rätselhaften
Fremden herumschlagen!
Als könnte sie die Gedanken ihrer
Tochter lesen, schüttelte Urgaza ihren
haarigen Schädel. "Ich brauche keinen
deiner Soldaten", flüsterte sie. "Aber du
sollst Bescheid wissen... und mich
unterstützen..."
Drulza verzog fragend die
Schlundlippe.
"Maddrax gehört mir", sagte die
Hexe. "Ich werde ihm... eine Falle
stellen. Ich habe. . . schon einen Plan..."
Drulzas Rücken- und Nackenhaar
sträubten sich, als Urgaza ihr erzählte,
was sie vorhatte. Ihr Schlund fühlte
sich plötzlich trocken an. "Du bist
wahrhaftig eine Hexe, Mutter", flüsterte
sie.
Nur Sorban und Aruula halfen Matt,
das Biest auszugraben. Alle anderen
sahen vom felsigen Boden des
Waldhangs aus schweigend zu. Keiner
wagte sich hinunter in die Flussaue.
Sie mussten nur einen knappen
Meter tief graben, dann konnten sie
einen Teil der Bestie aus der Erde
ziehen. Ihr Kadaver war glatt
abgetrennt. Vom Rest fanden sie keine
Spur. Wahrscheinlich hatte einer seiner
Artgenossen ihn in die Erde
zurückgezogen.
Matt ging in die Hocke und
betrachtete das Teil genauer. Das Biest
sah aus wie eine Mischung aus
Schlange und Insekt, in der Breite von
der Länge eines Männerarmes und etwa
halb so hoch. Ein feiner samtener,
anthrazitfarbener Pelz überzog ihn. Er
erinnerte Matt an das Fell eines
Maulwurfs. An seiner Unterseite saßen
schaufelartige Beine, nicht größer als
eine durchschnittliche menschliche
Hand. Zwei Paare entdeckte Matt an
dem Kadaverteil. Der Körper besaß
eine spiralartige Form, die Matt noch
nie bei einem Lebewesen gesehen
hatte. Wie das Gewinde einer Schraube
ragten scharfe Kanten aus dem Pelz.
Matt klopfte mit einem Stein dagegen.
Es klang, als schlüge er auf Metall.
Er beugte sich zum Kopf hinunter.
Genau wie der Körper war er mit
seidigem Pelz überzogen. Die Augen
saßen an der Seite, Sehr dünne drahtige
Borsten schützten sie. Zur Spitze
verjüngte sich der Kopf wie eine
Spindel. Der Pelz war hier lichter und
heller. Matt sah lederartige faltige Haut
durchschimmern. Er rammte den Speer
in den Lippenspalt der Bestie und hob
den Oberkiefer an. Wie ein Fächer
entfaltete sich die Haut der Kopfspitze.
Der Rachen der Bestie ließ sich so weit
27
öffnen, bis er fast den doppelten
Durchmesser des Körpers erreichte.
Matt dachte an Riesenschlangen, die
Beutetiere vom zehnfachen
Durchmesser ihres eigenen Körpers
verschlingen konnten.
"O Scheiße!" Er stand auf. "Wie
nennt ihr das Biest?"
"Gejagudoo", sagte Aruula. Sie
deutete auf den Kadaver. "Ein Junges."
"Ein Junges...?" Matt schluckte.
"Wie groß sind die Ausgewachsenen?"
Aruula sah ihn ernst an. Sie war
blass. "Sehr groß", flüsterte sie. "Sehr
groß..."
Später schlugen sie das Lager weit
oberhalb der Flussböschung zwischen
den Bäumen auf. Feuer wurden
entzündet und Shmaldan und gekochte
Wurzeln verteilt. Niemand lachte an
diesem Abend. Kaum jemand sprach
ein Wort.
Matt fiel auf, dass die Männer und
Frauen von ihm abrückten. Nur Aruula
saß' neben ihm. Es war, als würde man
plötzlich seine Nähe meiden. Nur
Sorban, warf ihm hin und wieder einen
verstohlenen Blick zu.
Natürlich - es hatte zwei Tote
gegeben. Er hatte als Gott versagt. Wie
so oft in den vergangenen Wochen,
fühlte Matt sich plötzlich unendlich
einsam. Hinzu kam die Übelkeit, die
ihn seit Zurpas Tod plagte. Ertrank nur
Wasser und rührte keinen Bissen an.
Seit den Ereignissen unten am Fluss
kam er sich vor, als hätte er Watte statt
eines Hirns unter der Schädeldecke.
Nach und nach verkrochen sich
Sorbans Leute in ihre Zelte. Nur Aruula
blieb bei ihm am Feuer sitzen.
Schweigend starrten sie in die Glut.
Matt weigerte sich, den Wattebausch in
seinem Kopf mit irgendwelchen Fragen
zu quälen. Er weigerte sich, über diese
Landschaft; über diese Menschen, über
diese abscheulichen Gejagudoo weiter
nachzudenken. Es gab keine Antwort
auf all diese Rätsel. Jedenfalls vorläufig
nicht.
Die Dinge sind, wie sie sind. Wenn
ich überleben will, muss ich sie
akzeptieren...
"Baloor", flüsterte Aruula plötzlich.
Matt blickte sie fragend an. In ihren
großen dunkelblauen Augen spiegelte
sich die Glut des Feuers. "Baloor hat
Gejagudoo geschickt."
"Wie sollte er so etwas tun
können?"
"Gejagudoo kommen von
Orguudoo. Und Baloor kann sprechen
mit Orguudoo..."
"Orguudoo?" Matt verstand kein
Wort. Vielleicht wollte er auch nicht
verstehen.
"Finsterer Gott." Aruula sprach sehr
leise. Als würde ihr das Thema Angst
machen. "Dämon, mächtiger Dämon..."
Matt schwieg. Er konnte nichts mit
Aruulas Worten anfangen. Und er
wollte nicht noch mehr unbegreifliche
Dinge hören. Sein Bedarf war restlos
gedeckt.
Er schlief so gut wie gar nicht in
dieser Nacht. Und wenn er für kurze
Zeit wegsackte, geisterten Scharen von
gespenstischen Kreaturen durch seine
Träume: Taratzen, riesige schwarze
Schuppenvögel, gänsegroße Fliegen
und Käfer, wie. er sie in den Höhlen
der Taratzen gesehen hatte, und diese
angsteinflößenden Gejagudoo.
Erschöpft und mit schmerzendem
Schädel wachte er am nächsten Morgen
auf. Die Eingänge der Zelte waren
28
aufgeschlagen, Matt sah sich um und
entdeckte Sorbans Leute unten am
Fluss. Für kurze Zeit spielte er mit dem
Gedanken, seine Sachen zu packen und
allein loszuziehen. Doch dann sah er
Aruula zwischen den Menschen dort
unten...
Die gesamte Horde hatte sich in der
Flussaue versammelt. Um den Krater,
in dem Radaan verschwunden war und
in dem die sterblichen Überreste der
alten Zurpa lagen. Matt beobachtete,
wie Sorban und die anderen Männer
Steine herbeischleppten und sie über
der zerwühlten Erde aufschichteten.
Bald drang vielstimmiges
Gemurmel zu ihm hoch. Ein
Bestattungsritual, schätzte Matt. Sie
beteten.
Als sie später die Böschung
hochstiegen, spürte er die Blicke der
dreiunddreißig Augenpaare.
Ein paar Schritte von ihm entfernt
blieben die Barbaren stehen und
starrten ihn an. Matt wusste genau, was
los war. Der Tod seines ältesten Sohnes
und seiner Hauptfrau hatte Sorbans
Glauben an Maddrax' Göttlichkeit
erschüttert.
Aruula löste sich aus der Grüppe.
Sie machte ein. bekümmertes Gesicht.
"Alle fragen sich", sagte sie, "warum
Radaan und Zurpa tot. Fragen sich, ob
Maddrax wirklich Gott..."
"Sag ihnen, ich war nie ein Gott und
will auch keiner sein"; sagte Matthew
resigniert. "Und sag ihnen, dass es mir
leid tut um Zurpa und Radaan..."
Aruula ging vor ihm in die Hocke.
Ihr Blick senkte sich in seinen, und'
Matt hätte sie am liebsten in die Arme
genommen. Er hatte das Gefühl, als
würde sie in ihn hineinschauen.
Irgendwann richtete sie sich auf und
drehte sich zu ihren Leuten um. Sorban
sagte ein paar Worte, die Matt nicht
verstand. Und dann sprach Aruula. Sie
sprach ziemlich lang. Es war fast eine
kleine Rede, die sie da hielt. Matt
verstand kein Wort.
Als Aruula schwieg; senkte Sorban
den Kopf und trottete davon, und auch
die anderen zerstreuten sich. Das
Lager wurde abgebrochen. Der
Häuptling schickte seine Leute los, um
die Frekkeuscher wieder einzufangen.
Am Nachmittag kehrten sie mit fünf
Tieren zurück. Ein Frekkeuscher war
von den Gejagudoo in die Erde
gezogen worden. Ein zweiter blieb
unauffindbar.
Sorban war der Ansicht, dass die
Erdschlangen sici vornehmlich im
weichen Boden der Flussauen
aufhielten. Deswegen wollte er den
Uferpfad verlassen und durch den Wald
weiter nach Süden vordringen. Im
Wurzelgeflecht des Waldbodens
glaubte er die Horde sicherer vor
weiteren Angriffen. Aruula dolmetschte
Sorbans Redeschwall, und Matt
leuchteten die Überlegungen des
Häuptlings ein.
Sie benutzten die Frekkeuscher als
Fähren. Zuerst flogen fünf Männer mit
dem Gepäck über den Fluss. Etwa
fünfhundert Meter entfernt entluden sie
die Tiere und kehrten zurück, um nach
und nach die restliche Horde über den
Fluss zu bringen.
Gegen Abend zogen sie in den
Wald hinein und suchten einen
geeigneten Lagerplatz. Matt hatte den
Eindruck, dass, Sorbans Leute ihm
plötzlich mit noch größerem Respekt
begegneten als in den Wochen zuvor.
29
"Warum akzeptieren sie mich
wieder?", wollte er von Aruula wissen.
Gemeinsam schritten sie eine kleine
Lichtung ab, die als Lagerplatz in Frage
kam. "Ich dachte, sie würden mich als
falschen Gott steinigen."
"Ich gesagt, Wudan hat Radaan
Strafe für Verrat gegeben. Und Zurpa
sollte nicht versuchen zu retten. Sie
selbst Schuld."
Matt blieb stehen. "Das hast du
gesagt?" Sie nickte. Wieder einmal
machte ihn die Frau sprachlos. Sie
wusste genau, dass er alles andere als
ein Gott war, und verteidigte ihn
dennoch vor Sorban und der Horde.
Schweigend prüften sie die
Lichtung. Aruula hielt sie für
ungeeignet als Lager. Der Boden war
zu weich und feucht. Gemeinsam
machten sie sich auf den Rückweg zu
den anderen.
"Gestern Nacht hast du einen
Namen erwähnt", sagte Matt
unterwegs. "Orkus, Orulo, oder so
ähnlich."
"Orguudoo."
"Genau. Wieso glaubt ihr, er stünde
mit diesen Gejagudoo im Bunde?"
"Et fa comu fa." Aruula zuckte mit
den Schultern. Matt hatte diesen Satz
öfters gehört in den letzten Wochen.
Und inzwischen begriffen, was in etwa
er bedeutete. „Es ist, wie es ist."
Offenbar eine der wichtigsten
Lebensweisheiten dieser ständig
gefährdeten Eisenzeitmenschen. Eine
Weisheit, zu der Matt sich seit gestern
auch durchgerungen hatte. "Et fa comu
fa", murmelte er und grinste bitter in
sich hinein.
Baloor kam schnell voran. Seit der
Begegnung mit dem Dämon hatte eine
fast rauschhafte Erregung ihn ergriffen.
Sie beflügelte ihn derart, dass er kaum
unter der Kälte litt und halbe Nächte
durchmarschierte. Schon nach drei
Tagen erreichte er das Flusstal. Überall
fand er die Spuren der Horde. Im
Schnee, in den Geröllhalden, auf dem
Hochplateau und auf dem Trampelpfad
unten am Fluss. Er fieberte dem
Augenblick entgegen, in dem er auf
zerwühlte Erde und fliehende
Menschen treffen würde.
Zunächst aber traf er nur auf einen
herrenlosen Frekkeuscher. Der genügte
schon, um ihn in euphorische
Stimmung zu versetzen. Niemals würde
eine Horde der Wandernden Völker
eines der .wertvollen Reittiere
freiwillig in der Wildnis zurücklassen.
Er fing das Tier ein und besah es
sich genauer. Am Sattelzeug erkannte
er, dass es aus Sorbans Horde war.
Baloor knochiges, tausendfach
zerfurchtes Gesicht verzerrte sich zu
einem bösen Grinsen. Er warf sich auf
die Erde, um Orguudoo zu danken.
"Ehre sei dir, Herr der finsteren Tiefe.
Dank sei dir, weil du das Flehen deines
Dieners erhört hast..."
Er band seine Waffen, sein
Fellbündel und seinen Lederbeutel auf
den Frekkeuscher und stieg in den
Sattel. In weiten Sprüngen trug ihn das
Tier am Ufer. entlang durch das
Flusstal. Einen .Tag später erreichte er
den Fuß des Gebirges. Und die Stelle,
an der der Fluss nach Osten abbog und
sich nach Süden hin die endlosen
Wälder ausdehnten.
Baloor fand die Grabstelle in der
Flussaue. Er fand die Spuren des
Kampfes und des Lagerplatzes oben im
Wald. Und er fand die Spuren der
30
Horde und ihrer Frekkeuscher jenseits
des Flusses. Seine Enttäuschung war
groß.
Fluchend suchte er das Flussufer,
den Waldhang und.die Umgebung ab.
Nicht viele Hordenmitglieder konnten
dem Angriff der Gejagudoo zum Opfer
gefallen sein. Baloor machte sich nichts
vor - die Wahrscheinlichkeit, dass
ausgerechnet Maddrax ums Leben
gekommen war, schien ihm gering.
Am Abend entzündete er ein Feuer.
Er grub eine Lischettenlarve aus,
röstete sie über der Flamme und stärkte
sich. Danach kramte er das
Ledersäckchen mit dem, getrockneten
Rotpilz aus seinem Bündel. Er kaute
ein paar Brocken der Droge. Als der
Rausch durch sein Adern schoss,
versank der nächtliche Wald für Baloor
Augen in einem roten Nebel. Seinem
Hirn tat sich die Tür in eine andere
Welt auf. Er warf sich bäuchlings
neben das Feuer. Murmelnd beschwor
er Orguudoo und seine Bestien.
Als er gegen Mittag aus einem
kurzen Schlaf erwachte, fühlte Baloor
sich nicht ausgelaugt wie sonst nach
intensiven Beschwörungsritualen
Ungeahnte Kräfte durchströmten seinen
hageren Körper, und er war voller
Zuversicht.
Der Göttersprecher band seine
Sachen auf den Frekkeuscher und stieg
in den Sattel. Vom gegenüberliegenden
Waldhang aus flog er in die weite
bewaldete Ebene hinein. Er achtete
darauf, den
wahrscheinlichen Weg der Horde in
einein Bogen zu umfliegen.
Gegen Abend erblickte Baloor das
dunkelgrüne Band des Großen
Südstroms. Sein Tier schwirrte knapp
über den Wipfeln der kahlen Bäume
dahin. Nicht weit voraus öffnete sich
der Wald, und die ersten Seitenarme
des Stromes wurden sichtbar.
Baloor selbst hatte den Großen
Südstrom noch nie mif eigenen Augen
gesehen. Genauso wenig wie sonst
jemand aus Sorbans Horde. Er kannte
ihn nur aus den Legenden der Alten
und aus Erzählungen anderer
Göttersprecher, die alt genug waren,
um wenigstens einmal im Leben das
Eisgebirge überquert zu haben.
Der Wald hörte auf, und eine
Sumpflandschaft breitete sich unter ihm
aus, Weite Flächen von Schilf und
bräunlichem Gras, dazwischen immer
wieder Wasserarme. Und dann endlich
der Hauptstrom.
Wahservögel schwirrten auf, als
sein Frekkeuscher über das Ufer und
die behäbig dahinrollenden Wogen
glitt.
Baloor sah die silbrigen Konturen
großer Fische unter der Wasseroberfläche,
und einen Speerwurf weit
flussaufwärts entdeckte er eine Herde
wilder Wakudas im seichten
Uferwasser. Sie spähten zu seinem
Frekkeuscher herüber, warfen ihre
mächtigen langfelligen Körper herum
und galoppierten ins Schilfgras hinein.
Baloor steuerte das Tier über den
schilfbewachsenen Sumpfstreifen des
gegenüberliegenden Ufers hinweg und
landete kurz vor dem Waldrand. Er
versteckte den Frekkeuscher im Wald
und baute sich selbst im Gestrüpp des
Waldrandes ein gut getarntes Lager.
Von hier aus konnte er den Strom und
seinen Breiten Uferbereich gut
überblicken.
Und dann wartete Baloor...
31
Am Abend des ersten Tages
erreichten sie das Ufer eines kleines
Sees. Die Hor-, de jubelte. Ein Dutzend
Männer und Frauen griffen sich Speere,
Bogen und
Pfeile und schwärmten um das
Seeufer herum aus. Von Aruula erfuhr
Matt, dass sie jenseits des Eisgebirges
in erster Linie von Fischen gelebt
hatten. Und er erfuhr, dass sie selbst
ursprünglich von einem Volk stammte,
das fast ausschließlich vom Fischfang
lebte. "Volk der dreizehn Inseln" nannte
sie ihre Leute.
Der andere Teil der Horde schlug
das Lager an einem Platz auf, den
Sorban ausgesucht hätte. Matt konnte
sich zunächst nicht erklären, warum
dem Häuptling ausgerechnet in diesem
auffällig lichten Waldstück lagern
wollte. Er begriff es, als er die Pflöcke
seines Zeltes in den Boden zu schlagen
versuchte.
Ohne Schwierigkeiten rammte er
den ersten Pflock in die lockere
Walderde. Der zweite stieß schon nach
ein paar Zentimetern auf Widerstand.
Felsboden! Warum aber hatte sich der
erste Pflock so mühelos einschlagen
lassen?
Matt wühlte mit bloßen Händen den
Waldboden duf. Eine Steinplatte kam
zum Vorschein. Ihre zerklüftete
Bruchstelle ragte schräg nach oben. Ein
zwei Finger breiter Spalt klaffte
zwischen ihr und der nächsten Platte.
Durch so einen Spalt hatte er den ersten
Pflock in die Erde treiben können.
Matt legte ein quadratisches Stück
des glatten, aber von zahllosen Rissen
durchzogenen Gesteins frei.
Nachdenklich betrachtete er es. Es war
grau. Seine bis auf die vielen
Bruchstellen glatte Oberfläche kam ihm
unnatürlich vor.
Was ist das, verdammt...?
Hastig nahm Matt ein Brett zur
Hilfe und schaufelte den Waldboden
von der Gesteinsfläche. Sie wollte kein
Ende nehmen. Er stand auf und sah sich
um. Auf einer Breite von etwa drei bis
fünf Metern standen Buchen,
Ahornbäume und Birken fast
ausschließlich in der Mitte eines
ansonsten lichten Waldstreifens, der
wie mit dem Lineal gezogen von
Norden nach Süden verlief. Und hinter
den Bäumen fiel ihm eine eigenartige
Gestrüppformation auf...
Ein unglaublicher Verdacht machte
sich in Matts Hirnwindungen breit. Er
drang in die Büsche vor, um den
bewaldeten Streifen zu durchqueren.
Etwa in der Mitte stieß er gegen ein
knie hohes festes Hindernis. Matthew
stolperte und stürzte lang hin.
"Bullshit!" Er bog er die
Farnzweige beiseite. Eine von Moos
überzogene Fläche verlief vor seinen
Augen etwa einen halben Meter über
dem Waldboden. Mit dem Brett schlug
Matt dagegen. Ein metallenes Geräusch
fegte den letzten Zweifel aus seinem
Kopf.
Er sprang auf und schabte Moos
und Kletterpflanzen von dem Gebilde.
Rostiges Metall kam zum Vorschein.
Wie ein Besessener arbeitete Matt. Der
Lärm lockte einige Hordenmitglieder
32
an. Auch Aruula. Schließlich hatte Matt
das Ding auf einer Länge von zwei
Metern von Moos und Gestrüpp befreit.
Es war eine Doppelleitplanke,
O Gott, ich weiß, wo ich stehe...
Matt stieß ein heiseres Lachen aus.
Für Sekunden huschte der Ausdruck
des Wahnsinns über seine Miene.
"Das... das ist eine Autobahn! Eine
gottverdammte Autobahn!"
Aruula sah ihn besorgt an. Matt
schüttelte den Kopf. Dann setzte er sich
auf die verrostete Leitplanke. Tränen
liefen ihm über das Gedicht. Er sah
hoch zu Aruula. "Wie nennt ihr diese
Dinger?"
"Otowajii", sagte sie und deutete
den lichten Waldstreifen hinunter.
Matt hörte die beiden vertrauten
Worteisofort heraus: das deutsche und
französische Wort für "Auto" steckte
genauso in dem Begriff wie das
englische Wort für "Weg".
"Otowajii..." Er schüttelte wieder
den Kopf. "Christopher-Floyd" schien
die Wirklichkeit in Millionen Splitter
zerschlagen und in Zerrbildern wieder
zusammengesetzt zu haben. Immerhin
entdeckte er noch Spuren der vertrauten
Welt.
Immerhin... noch ein paar Spuren...
Er wischte sich die Tränen aus dem
Gesicht. Dann schnappte er sich das
Brett. Seine Kniegelenke fühlten sich
an, als wären sie mit Kautschuk gefüllt,
als er auf die auffällige
Gestrüppformation jenseits des
Baumstreifens zuging.
Er riss Kletterpflanzen beiseite und
arbeitete sich zu einem moosbedeckten
Gebilde vör, das genau die Form hatte,
die Matt vorhin schon erkannt zu haben
glaubte. Wieder schabte Metall über
Metall, als er das Moos abkratzte.
Rostiges Blech kam zum Vorschein,
löchrig und stellenweise ausgefranst.
Dann eine schmutzigbraune Fläche,
hart, glatt und leicht gewölbt, dann ein
Seitenfenster, ein Türgriff... .
Die Tür fiel krachend aus der
Karosserie, als Matt sie aufziehen
wollte. Mäusegroße Tiere huschten
durch Löcher im Fußraum davon; es
stank nach feuchtem Moder. Ein
feuchtes finsteres Loch.
Ein schwarzes, halb zerfallenes
Skelett auf dem Fahrersitz. Unter ihm
die rostigen Federn des ehemaligen
Sitzes. Eine mit Grünspan überzogene
Kette hing eingekeilt zwischen zwei
zusammengebrochenen Wirbelkörpern
am Hals auf ein löchriges Brustbein
herab...
Matts Hirn war plötzlich wie
leergefegt. Es weigerte sich,
irgendetwas zu . denken. Er wandte
sich ab und schlurfte, zu dem Platz
zurück, wo er seine Sachen abgelegt
hatte.
Am Abend gab es ein Festmahl. Der
Geruch gegrillten Fischs zog durch das
Lager. Die Horde schlug sich die
Bäuche voll.
Auch Matt. Die Entdeckung der
Autobahn und des Wracks hatte ihn in
einen seelischen Zustand zwischen fast
rauschhafter Gelassenheit und
Depression versetzt. Etwas in ihm
weigerte sich noch immer, die
Tatsachen zu akzeptieren. Und.
manchmal, wenn er an die
Konsequenzen dachte, musste er
unwillkürlich lachen, während ihm
gleichzeitig die Tränen über das
Gesicht liefen. Er schlief wieder
schlecht in dieser Nacht.
33
Früh am Morgen brachen sie auf
und zogen etwa einen halben Tag lang
auf der ehemaligen Autobahn nach
Süden. Nur vereinzelt sah Matt
überwucherte Wracks auf der Fahrbahn
stehen. Kein Wunder - zur Zeit, des
Kometeneinschlags hatte sich der
Großteil der Bevölkerung in
Schutzräumen aufgehalten...
Am späten Vormittag wurde der
Waldboden rechts und links des lichten
Streifens immer morastiger. Matt
entdeckte Schilfgras und große
Tümpel. Schließlich lichtete sich der
Wald. Wie vom Donner gerührt blieb
Matt stehen und blickte über eine mehr
als einen Kilometer breite
Flusslandschaft. Er kletterte auf eine
der kahlen Buchen am Waldrand. Von
der Krone aus entdeckte er einen
breiten Strom in der Mitte der
Landschaft.
"De magaa fluwee de landa de
midaa", sagte Sorban andächtig.
Matt kletterte wieder vom Baum
herunter. "Was hat er gesagt?"
"Der große Fluss des Südlands",
übersetzte Aruula.
Matt holte seine Karte hervor. So
gründlich er die Alpen und die
angrenzenden Gebiete auch studierte,
er kam immer zu demselben Ergebnis:
Der Fluss musste der Po sein. Etwas
anderes kam nicht in Frage. Dann war
der See, dessen Ufer er vor drei Tagen
gesehen hatte, der Gardasee, und das
Flusstal, durch das sie aus dem Gebirge
gezogen waren, die Etsch. Auch wenn
sie nach seinem Kompass südöstlich
verlaufen war, und auch wenn dieser
Strom hier dem Kompass nach in
nordöstliche Richtung floss und nicht,
wie die Karte behauptete, in östliche.
Noch einmal studierte Matt die
Karte. Wenn das tatsächlich der Po
war, lag Verona schon einen
Tagesmarsch hinter ihnen. Aber
südwestlich lag Parma und südöstlich
Ferrara. Jeweils ein bis zwei
Tagesmärsche entfernt. "Ich muss in
eine Stadt!" Matt sprang auf und
wandte sich an Sorban. "Stadt,
Villaga...!"
Der Häuptling winkte ab und
brummte etwas in seinen Bart, das Matt
nicht verstand. "Stadt bedeutet Tod",
übersetzte Aruula, "und Sorban will,
dass Horde lebt."
Matt verzichtete auf eine
Diskussion. Aber der Gedanke setzte
sich in seinem Kopf fest. Wenn er das
Rätsel dieser Albtraumwelt lösen
konnte, dann nur in einer Stadt.
Wieder dienten die Frekkeuscher
als Fähren. Gepäck und die Horde
wurden portionsweise über die
Stromlandschaft geflogen. Es Nvar die
Flusslandschaft einer fast subtropischen
Region fernab jeder Zivilisation, die
sich Matt darbot. Und nicht die in einer
gemäßigten Zone in einem
hochindustrialisierten Staat, wie Italien
einer war...oder es zumindest vor dem
Einschlag des verdammten Kometen
gewesen war... korrigierte sich Matt.
Der Angriff der Erdschlangen brach
vollkommen unerwartet über sie herein.
Matt und Aruula warteten mit etwa
zwanzig Mitgliedern der Horde im
Schilf auf der anderen Seite des
Stromes. Der Frekkeuscher an der
Spitze der Flugkette mit der restlichen
Horde hatte gerade die Flussmitte
erreicht, als plötzlich links und rechts
von Matt Wasservögel kreischten und
fluchtartig aus dem Schilf aufstoben.
34
Schilfrohre bogen sich auseinander,
und Matt sah die schwarzen Köpfe
zweier Gejagudoo.
Ein Aufschrei ging durch die
wartenden Menschen. Sie sprangen auf
und rannten los. Matt riss die Pistole
aus seinem Overall. Links und rechts
von ihm spritzten Fontänen aus Wasser
und Schlamm himmelwärts. Eine
schwangere Frau versank im Morast.
Ein junger Krieger schrie in Todesangst
und rammte seinen Speer in die
brodelnde Erde zu seinen Füßen. Es
nützte ihm nichts. Unaufhaltsam wurde
er in den schlammigen Boden gezerrt.
"In den Wald!", brüllte Matt. "Lauft
in den Wald!" Die Waffe mit beiden
Händen umklammert drehte er sich um
seine Längsachse, beobachtete das
Gras, das Schilf, die Wasserlachen.
Schon fünfzig Schritte trennten ihn von
der fliehenden Horde. Er sah, dass sich
Aruula nach ihm umdrehte. "Lauf!",
brüllte er. "Lauf!"
Rings um ihn herum schien die
Erde aufzuplatzen. Fünf; sechs
Schlammfontänen spritzten hoch. Alle
knapp zwanzig Schritt von ihm
entfernt.
Sie umzingeln dich... Jeder Schritt,
den du tust, verrät ihnen deinen
Standort...
Neben sich nahm er den Schatten
eines Frekkeuschers wahr. Er sah hoch
- zwei Riesenheuschrecken überflogen
seinen Standort in Richtung Wald.
Schmatzende, gurgelnde Geräusche
rissen Matts Blick zurück auf den
Boden. Von allen Seiten sah er dicke
schwarzpelzige Wülste durch die
Grasnarbe rotieren.
Ja - rotieren! Gewinden gleich
kreisten die spiralförmig angeordneten
Hornplatten. Die Bestien wühlten sich
auf ihn zu.
Matt riss die Beretta 98 G hoch und
drückte ab. Einmal, zweimal, dreimal.
Eine der Erdschlangen zuckte und
erschlaffte, eine zweite bäumte sich
auf, riss Schlamm und Erde mit sich in
die Höhe, rotierte durch die Luft und
schlug im Gras auf. Zahllose
Schaufelbeine streckten sich von ihrem
etwa sechs Meter langen Leib.
Ein Pfeilhagel von Sorbans Leuten
ging auf die Angriffswelle der
Gejagudoo nieder. Drei der Bestien
verendeten. Aber immer noch wühlten
sich vier oder fünf auf Matt zu. Doch
nun war eine Lücke in ihre
Umzingelung geschlagen. Matt spurtete
los, übersprang zwei Kadaver, landete
außerhalb des Angriffsringes im
Morast, rappelte sich auf und rannte
Richtung Wald.
Im Laufen drehte er sich um. Eine
Schlammfontäne zehn Schritt hinter
ihm, und der Schatten eines
Frekkeuscher`s. Eine mit drei Kriegern
besetzte Heuschrecke war gelandet.
Matt hörte das Sirren von Pfeilen und
Speeren.
Seine Lungen stachen, sein Puls
raste, sein Herzschlag dröhnte ihm in
den Schläfen. Weiter! schrie ein
Stimme in seinem Hirn. Er rannte
durch Schilf und Gras, blickte sich
wiederum. Gleich einer
schmutzigbraunen Eruption schnellte
ein Gejagudoo in die Höhe, packte den
Frekkeuscher und riss ihn am
Hinterflügel in die Tiefe. Gleichzeitig
erreichte Matt den Waldrand und warf
sich ins Unterholz.
Der letzte Frekkeuscher landete
nahe am Waldrand und wurde sofort
35
zwischen die Bäume gezerrt. Niemand
wagte die Zeltstangen und Fellbündel
aus dem morastigen Gras zu retten.
Alle dachten nur noch daran, tiefer in
den Wald hinein zu fliehen.
Es war eine ungeordnete Flucht in
Panik. Erst drei Stunden später
sammelten sie sich auf einem breiten
lichten Waldstreifen - auf der otowajii.
Bis zum Anbruch der Dämmerung
hetzten sie in Richtung Süden. Es
fehlten ein halbwüchsiger Junge, ein
Krieger und eine schwangere Frau. Und
die drei Kämpfer samt des
Frekkeuschers, die ihren Gott Maddrax
gerettet und dabei selbst den Tod
gefunden hatten...
Baloor tobte vor Zorn. Er schlug
mit seiner Streitaxt wie rasend in das
Unterholz. Schon wieder war Maddrax
entkommen! Von einem Baum aus, nur
fünf Speerwürfe vom Kampfplatz
entfernt, hatte er den Überfall der
Gejagudoo beobachtet. Doch wieder
einmal konnten seine Augen nicht das
sehen, wonach sie am meisten
dürsteten: die Vernichtung Maddrax
und den Tod Sorbans.
Nur langsam beruhigte Baloor sich
wieder. Immerhin hatte die Horde sechs
weitere Mitglieder und einen
Frekkeuscher verloren. Nur noch
siebenundzwanzig Köpfe zählte die
Horde jetzt. Und besaß nur noch vier
Reittiere. Doch Sorban schien nicht an
Umkehr zu denken. Nun gut - bis zum
nächsten Gebirgszug mussten sie noch
zwei bis drei Tagesmärsche bewältigen.
Zeit genug, sie noch einmal von den
Gejagudoo angreifen zu lassen. Und
wenn es sein musste, auch nach ein
viertes und fünftes Mal.
"Bei Orguudoo!", schnaubte Baloor.
"Keiner von euch soll entkommen!
Keiner!
Er verbrachte die Nacht im
Uferschilf des Stroms. Am nächsten
Morgen bestieg er seinen Frekkeuscher
und folgte der Fährte der Horde...
Stundenlang wanderten sie durch
die Dunkelheit des Waldes. Sorban
hatte. zwei Fackeln entzünden lassen.
Deren Träger marschierten an der
Spitze des Zuges. Die Horde mit den
verbliebenen vier Frekkeuschern hielt
sich eng an die Baumreihe und das
teilweise mannshohe Gestrüpp auf dem
Mittelstreifen der überwachsenen
Autobahn.
Matts Beine wurden schwer. Wie
alle anderen, die nicht den Vorzug
eines Frekkeuschersattels genießen
konnten, schleppte er sich nur noch
taumelnd voran. Er schätzte, dass sie
etwa zwölf Stunden unterwegs waren,
als der erste zusammenbrach. Eines der
halbwüchsigen Mädchen. Endlich gab
Sorban den Befehl zu lagern. Über die
Hälfte der Zeltstangen und Fellplanen
waren dem Angriff der Bestien zum
Opfer gefallen. Sorbans Leute
verzichteten darauf, die restlichen Zelte
aufzustellen. Im Schein der Fackeln
36
rückten sie eng zusammen und
wickelten sich in Felle. Sorban ließ
rechts und links des lichten
Waldstreifens jeweils drei Wachen
aufstellen.
Im Zweistunden-Rhythmus lösten
sich die Wachen ab. Der Morgen graute
bereits über den Wipfeln, als Matt und
Aruula ihre warmen Schlafplätze den
müden Wächtern räumten. Vor der
schwarzen Wand des dichten Waldes
bezogen sie ihre Wachposten.
Matt ließ sich etwa zwanzig Schritte
von Aruula entfernt neben einem
zugewucherten Autowrack auf seinem
Notcontainer nieder. Manchmal konnte
er die dunklen Umrisse ihres Körpers
zwischen den Büschen sehen..
Irgendwann löste sich ihr Schatten
aus der Dunkelheit und näherte sich
ihm. "Baloor verfolgt uns", flüsterte
sie.
"Woher weißt du das?"
"Ich spüre", raunte Aruula. "Will
Maddrax töten. Gejagudoo dich
eingekreist - hast du nicht gemerkt?"
O doch - Matt hatte wohl registriert,
dass er das Hauptangriffsziel der
Bestien gewesen war.
Aber er konnte nicht glauben, dass
die Tiere unter dem Einfluss eines
rachsüchtigen Magiers stehen sollten.
Er antwortete Aruula nicht.
Schweigend saßen sie eine Zeitlang
nebeneinander. Das Schwarz des
Himmels verwandelte sich mehr und
mehr in ein schlammiges Grau.
Aruula ging aus der Hocke auf ihre
Knie. Sie beugte den Oberkörper über
ihre Schenkel und steckte den Kopf
zwischen die Knie. Matt sah, dass sie
ihren Körper leicht hin und her wiegte.
Die Minuten verstrichen. Matt hatte
keine Erklärung für Aruula Verhalten.
Irgendein religiöses Ritual, schätzte er.
Endlich richtete sie sich wieder auf.
"Da ist jemand im Wald", flüsterte sie.
"Ich habe nichts gehört. Wie
kommst du darauf?n
"Ich habe Geister belauscht",
flüsterte die Frau. "Zehn oder mehr.
Hungrige Geister. Sehr hungrig. . ." Sie
stand auf. "Sorban
wecken..."Geräuschlos schlich sie
davon.
Matt wusste nicht, wie er das
einordnen sollte. Was meinte sie mit
"Geister"... und was mit "belauschen"?
Sorban und seine Krieger und
Kriegerinnen schienen genau zu
wissen, wie sie Aruulas Informationen
einzuordnen hatten. Keine zwei
Minuten später erloschen die beiden
Fackeln. Nahezu lautlos schlichen
Schwertkämpfer, Bogenschützen und
Speerträger an Matt vorbei und
verteilten sich in einer Linie am Rand
der alten Straßentrasse. Neben Matt,
hinter dem Autowrack, postierten sich
zwei Bogenschützen. Aruula tauchte
wieder neben ihm auf. Sie legte den
Finger auf die Lippen und bedeutete
ihm, sich ruhig zu verhalten. Atemlos
lauschten sie in die Dunkelheit hinein.
Tief im Wald raschelte Laub. Ein Ast
brach. Matts Augen versuchten die
finstere Wand zu durchdringen. Nur
undeutlich schälten sich die Umrisse
der Baumstämme und Büsche aus der
Dunkelheit. Das Morgengrauen war
noch nicht weit genug fortgeschritten.
Plötzlich duckte Aruula sich und
deutete in den Wald hinein. Zwischen
zwei Stämmen erkannte Matt einen
Schatten. Der Bogenschütze neben ihm
spannte die Sehne. Im nächsten
37
Moment sirrte ein Pfeil in die dunkle
Wand. Ein heiseres Röcheln drang aus
dem Wald, dann schlug ein Körper im
Laub auf.
Und wieder Totenstille.
Sorban schob sich von hinten an
Aruula heran. Er flüsterte ihr etwas ins
Ohr. Sie raunte Matt die Übersetzung
zu. "Sorban bittet um dein Götterlicht."
Begriffsstutzig sah Matt sie an.
Trotz der Dunkelheit meinte er den
flehenden Ausdruck ihres Gesichts zu
erkennen. Und endlich verstand er.
"Götterlicht" - sie meinten die
Leuchtmunition! Matt hatte eine
Granate und eine Patrone geopfert, um
sich vor ihnen als Gott auszuweisen.
Und sich gegen den verdammten
Baloor durchzusetzen.'
Matt überlegte. Wenn er eine
Leuchtpatrone abschoss, würde sie erst
hoch über dem Wald ihre Wirkung
entfalten. Und das Mündungsfeuer
würde ihre Position verraten.
Andererseits hatte er nur noch drei
Blendgranaten.
Trotzdem entschied er sich für
letzteres. Es war nicht zuletzt eine
Chance, nach den verheerenden
Verlusten des vergangenen Tages sein
Image als Wudans Gesandter
aufzupolieren.
Er öffnete den Notpaket, tastete
nach dem Fach mit den Granaten und
fischte eine heraus. Aruula deutete
wieder in die Dunkelheit. "Einen
Speerwurf und noch einen halben,
dahin..."
Matts Blick folgte der Richtung
ihres ausgestrecktenArms, doch er
konnte beim besten Willen nichts
erkennen. Anderthalb Speerwürfe - das
war ziemlich weit. Zumal er die
Granate in einer steilen Parabel werfen
musste, um sie nicht in die nächstbeste
Baumkrone zu schleudern.
Das stählerne Ei in der Rechten,
kauerte er sich neben Aruula auf den
Waldboden. "Sag mir, wenn sie bis auf
einen Speerwurf heran sind." Er sah die
Frau nicken. Und er spürte die
erwartungsvollen Blicke des
Häuptlings und der Krieger in seiner
nächsten Umgebung. Sekundenlang
lauschten und spähten sie in die
Dunkelheit. Minutenlang. Das
Rascheln aus dem Wald nahm zu.
"Dein Licht, Maddrax!", zischte
Aruula plötzlich.
Matt zog den Sicherungsbügel ab,
richtete sich auf und schleuderte die
Granate aus den Bäumen heraus über
den Wald.
Ein Fußtritt traf ihn schmerzhaft an
der Hüfte und schleuderte ihn zur Seite.
Etwas zischte an ihm vorbei, schlug
hinter ihm in Holz und vibrierte
knarrend.
Die Blendgranate explodierte.
Grelles Licht versprühte sich über den
Wipfeln der kahlen Bäume. Hinter sich
sah Matt einen Speer im Stamm einer
Buche zittern, zwei Schritte neben sich
Aruula, die ihn mit einem Tritt aus der
Schusslinie gestoßen hatte, und vor sich
im Wald, etwa vierzig Meter entfernt,
erkannte er die Umrisse von zehn,
fünfzehn Gestalten. Haarige,
menschenähnliche Kreaturen mit etwas
wie Helmen auf ihren großen Köpfen
und mit Schwertern oder Speeren
bewaffnet. Sie standen reglos da und
starrten in den Himmel, wo die Granate
ihr Licht versprühte.
Pfeile sirrten aus den Gebüschen
rings um Matt. Einige der Fremden
38
brachen im erlöschenden Lichtschein
zusammen. Brüllend stürmten Sorban
und seine Leute aus ihrer Deckung..
Speere und Schwerter über sich
schwingend, warfen sie sich den
Angreifern entgegen. Matt riss seine
Pistole hervor und rannte ihnen
hinterdrein.
Der Kampf dauerte nicht einmal
fünf Minuten. Durch den grellen
Lichtschein der Granate geschockt,
flohen die meisten der Angreifer. Vier
starben im Pfeilhagel, drei im Kampf
Mann gegen Mann. Vier
Schwerverwundete Gegner schleppten
Sorbans Kämpfer und Kämpferinnen
zum Lagerplatz. Auf dem Waldstreifen
ließen sie die Gefangenen einfach ins
Moos fallen.
Matt beugte sich über einen von
ihnen. Er stank nach Hund und heißem
Teer. Eine Fackel flammte auf - Matt
zuckte zurück. Sorbans Leute knurrten
entsetzt. Die Kreatur sah tatsächlich aus
wie ein großer Hund. Oder wie ein Bär.
Aber nur auf den ersten Blick. Das
lange dunkelbraune Körperhaar
täuschte diesen Eindruck vor. Bei
genauerem Hinsehen erkannte Matt,
dass das Wesen vor ihm
menschenähnlich war. Die Hände, die
Füße, die Proportionen der Glieder ein
aufrecht gehender Primat?
Und ein intelligenter noch dazu. Die
Metallscheide seines Schwertes bestand
nämlich aus ziseliertem Kupfer. Matt
erkannt feine Pflanzenornamente in
dem Metall. Und das jackenähnliche
Kleidungsstück, das der Verletzte trug,
war aus Bast geknüpft und mit einer
dunklen Farbe getränkt.
Das ganz und gar nicht Menschliche
an der Kreatur war sein Gesicht.
Schädelform, Ohren, Augen- und
Stirnpartie erinnerten noch entfernt an
einen Menschen. Abgesehen vom,
langhaarigen Fell natürlich. Aber die
zwei Drittel des Gesichtsschädels
unterhalb der Augen sahen aus wie ein
Fischmaul. Diese Partie bestand
eigentlich nur aus wulstartigen Lippen,
die sich wie ein Kraterrand aus dem
Gesicht wölbten. Schwarze, von
zahllosen Falten durchzogene Lippen.
An ihrer Oberseite, da wo beim
Menschen die Nase saß, waren sie
gespalten. DieAusläufer des Spaltes
zogen sich bis zwischen die Augen.
Der Sterbende öffnete und schloss
diese monströsen Lippen, als würde er
nach Luft schnappen. Ein
Raubtiergebiss glänzte gelblich im
Fackelschein. Matt sah, dass der
Rachenraum mit dem Oberkiefer fast
bis unter die Augen reichte. Nicht die
Spur eines verkümmerten
Nasenrachenraumes war zu erkennen.
Matt musste an die Missbildungen
denken, die in der Medizin
Wolfsrachen genannt wurden.
Der Brustkorb des verletzten
Angreifers bewegte sich kaum noch.
Das wulstige Loch in seinem Gesicht
öffnete sich einmal und zweimal noch,
dann nicht mehr. Er war tot.
"Wulfanen", flüsterte Sorban:
Plötzlich redeten alle durch
einander. Sie scharten sich um die
anderen drei Gefangenen. einem von
ihnen hatte ein Schwertstreich den
Oberschenkel von oben bis unten
aufgeschlitzt. Das Blut pulsierte aus der
Wunde. Er würde ebenfalls sterben.
Sorban und einige seiner Männer
beschäftigten sich mit den letzten
beiden Gefangenen. Sie schlugen mit
39
Fäusten und Speerschäften auf sie ein,
schrien sie an und traktierten sie
solange, bis einer von ihnen anfing zu
reden. Er benutzte eine Sprache, die
ähnlich klang wie die von Sorbans
Leuten. Allerdings hatte die Art, wie
der Wulfane sprach, etwas Hartes und
Grunzendes. Matt wandte sich
schaudernd ab und setzte sich an den
Waldrand.
Bis zum Sonnenaufgang verhörte
die Horde die beiden Gefangenen. -
Matt hörte ihre Schreie und ihr
Röcheln. Irgendwann fesselte man die
haarigen Gestalten an Bäume,
Bogenschützen legten Pfeile auf und
jagten sie den Gefangenen in die Brust.
Aruula brachte Matt in Blätter
gewickelten Fisch vom Vortag. Er
bekam keinen Bissen herunter.
"Woher kamen die Angreifer?",
fragte er.
"Jäger aus Bolluna", sagte sie.
"Haben blauen Feuervogel gesehen..."
Matt sprang auf, als hätte ihn eine
Schlange gebissen. "Wann?", rief er.
"Viele Tage", sagte Aruula. Sie sah
ihn fragend an. "Deine Freunde...?"
Zwei Tage nachdem Drulza mit
ihrer Mutter gesprochen hatte, starb die
Hexe der Wulfanen. Die Begegnung
mit dem Dämon war zu viel für ihren
alten Körper gewesen.
Ein Holzstapel wurde auf dem
quadratischen Platz vordem
Hauptquartier errichtet. Auf ihm bahrte
man Urgazas Leiche auf. Zwanzig
Soldaten der Hexengarde hielten eine
Nacht lang die Totenwache. Am
Morgen nach Urgazas Tod ließ der
Herzog sechzig seiner Soldaten
antreten. In zwei Reihen umringten sie
den Holzstapel, auf dem die tote Hexe
lag. Krallzek entzündete eine Fackel
und reichte sie Drulza. Sie trat an den
Stapel heran und entzündete das Holz,
das man in dünnen Schichten zwischen
die starken Baumstämme gelegt hatte.
Bald loderten die Flammen auf.
Ein schauriges Geheul erhob sich
rings um den Scheiterhaufen. Mit
weitaufgerissenen Schlünden beklagte
man die mächtigste Wulfane des
kleinen Stadtstaates. Das Geheul
verstummte erst, als die verkohlte
Leiche auf dem Scheiterhaufen sich
krümmte, aufrichtete und dann in sich
zusammenfiel.
Krallzek ließ seine Soldaten
abtreten. Die Hexengarde verharrte am
Scheiterhaufen, bis das Holz
vollständig niedergebrannt war. Wenn
die Asche abgekühlt war, würde man
sie in Ledersäcke füllen. Sobald der
Krieg vorbei war, musste sie in die
Flutendes großen Stroms gestreut
werden.
Formell hatte Drulza jetzt als
Obermutter das Kommando über die
Hexengarde. Bis eine Nachfolgerin für
Urgaza gefunden war. Das konnte
Wochen dauern, in Kriegszeiten sogar
Monate und länger. Drulza kannte
niemanden unter den Wulfanenfrauen
von Bolluna, der mit Zauberkräften
begabt war. Man würde Boten in
andere Ruinenstädte senden müssen,
um eine Hexe zu finden.
Ganz ungelegen kam Drulza der
Tod ihrer Mutter nicht. Seit dem
40
Gespräch mit ihr grübelte sie darüber
nach, wie sie diesen geheimnisvollen
Maddrax für ihre Pläne einspannen
konnte, ohne ihrer Mutter und dem
schrecklichen Orguudoo in den Rücken
zu fallen. Jetzt, wo Urgaza tot war,
hatte Drulza einen gewissen
Handlungsspielraum.
Doch zunächst einmal jagte eine
Hiobsbotschaft die andere an diesem
Tag. Um die Mittagszeit wurde
bekannt, dass einer der Stützpunkte in
den Randbezirken der Ruinenstadt in
die Gewalt des Schwarzen Feindes
gefallen war...zwanzig Soldaten waren
ums Leben gekommen. Kurz darauf
erfuhr Drulza, dass eine ihrer
Jagdexpeditionen nicht einmal die Stadt
verlassen hatte. Alle zehn Jäger waren
in einen Hinterhalt des Schwarzen
Feindes gelaufen. Und gegen Abend
kehrten die anderen beiden
Expeditionen zurück. Jedenfalls die
neun Jäger, die noch am Leben waren.
Sie hatten beim Überfall auf eine Horde
Nackthäute elf Männer verloren und
brachten nichts weiter mit als ein paar
Netze voller Wasservögel. Drulza
tobte. Sie ließ die beiden Hauptleute
der Expedition vor den Augen ihrer
Soldaten auspeitschen.
Als sie sich die näheren Umstände
des Überfalls schildern ließ, wurde sie
nachdenklich. Die Soldaten berichteten
von einem Lichtblitz über den
Baumwipfeln, der ihnen schlagartig die
Deckung der Dunkelheit geraubt hatte.
Und sie berichteten von einer fast
haarlosen Nackthaut in fremdartiger
heller Kleidung.
Drulza ließ die Jäger abtreten und
zündete sich ein Zigarre an. Grübelnd
hockte sie auf ihrem Sitz. Stinkende
Rauchwolken stiegen aus ihrem
Schlund an die Saaldecke.
Es war bereits stockdunkel; als sie
Murrzek, den Hauptmann der
Hexengarde, zu sich rufen ließ. Der
hochgewachsene Wulfane betrat wieder
in Begleitung der beiden Fahlhäute den
Saal. "Lang lebe die Obermutter", rief
er und ballte die Faust über dem Kopf.
Die beiden Fahlhäute streckten
ebenfalls die Fäuste zum Gruß aus,
sagten aber nichts.
"Der Fremde namens Maddrax
scheint unterwegs nach Bolluna zu
sein", krächzte Drulza.
"Ich weiß", entgegnete der Wulfane
im rotbraunen Umhang der
Hexengarde.
"Eine Horde Nackthäute von der
anderen Seite des Eisgebirges begleitet
ihn. Sie haben einen Überfall unserer
Jäger zurückgeschlagen", sagte Drulza.
"Elf Mann haben wir verloren. Es
scheint eine starke und mutige Horde
zu sein. Aber sie werden sich nicht in
die Stadt wagen. Und wir können nicht
genug Soldaten abziehen, um sie noch
einmal zu überfallen. Dieser Fremde
jedoch ist keine normale Nackthaut."
"Ich weiß", krächzte Murrzek.
"Orguudoo wird dafür sorgen, dass er
nach Bolluna hineinkommt. Wir haben
die Falle für ihn schon bereitet."
„Das ist gut", knurrte Drulza: Sie
blies den Rauch der Zigarre zu den
Hexengardisten hinunter. Ich will
diesen Fremden lebend hier vor
meinem Sitz sehen."
Murrzeks Schlundlippe kräuselte
sich. Drulzas Wunsch verblüffte ihn.
"Ich bin an den Befehl der Hexe
gebunden, ehrwürdige Obermutter.
Maddrax muss sterben. Wir können uns
41
nicht gegen Orguudoos Willen
auflehnen. Das wäre unser Untergang."
„Du hast ja Recht, Hauptmann."
Drulzas Stimme nahm einen
einschmeichelnden Klang an.
"Maddrax soll sterben, wie es
Orguudoos Wille ist. Aber vorher soll
er uns noch einen kleinen Gefallen
tun..."
Matt bereute zutiefst, die
Hinrichtung der beiden Gefangenen
nicht verhindert zu haben. Vielleicht
hätten sie ihm Genaueres über den
„Feuervogel" sagen können, den sie
über ihrer Stadt gesehen haben wollten.
Aber zu spät. Die Wulfanen waren
tot. Und Matts Gedanken kreisten nur
noch um die beiden anderen Jets seiner
Staffel. Welcher von beiden mochte
über die Stadt geflogen sein, die Aruula
"Bolluna" nannte? Irvin Chesters Jet?
Jennifer Jensens Maschine? Für Matt
konnte es nicht mehr schnell genug
Richtung Süden gehen.
"Bolluna" - das konnte nur Bologna
sein. Daran zweifelte Matt nicht eine
Sekunde. Genauso wie die
dichtbewaldete Gegend, durch die sie
bereits den dritten Tag wanderten, die
Po-Ebene sein musste. Auch wenn es
hier eigentlich nur Acker, Weideland,
Oliven- und Obstplantagen geben
dürfte.
Am Morgen des vierten Tages sah
er zum ersten Mal blauen Himmel. Ein
starker, milder Wind blies aus südlicher
Richtung, die graue Dunstdecke riss für
ein paar Minuten auf, und die
Morgensonne schob sich durch die
strahlendblaue Lücke.
Sorbans Leute schälten sich aus
ihren Fellen, standen auf, schirmten die
Augen mit den Handflächen ab und
starrten in die Sonne. Einer nach dem
anderen breitete die Arme aus und
verfiel in einen monotonen Singsang.
"Tenk fa tuu, solunuu, honuur fa tuu
solunuu..."
Matt begriff, dass sie ein Loblied
angestimmt hatten. Ein Dankgebet an
die Sonne. Der Singsang schwoll zu
einem vielstimmigen Chor an. Selbst
die Kinder sangen mit.
Nach ein paar Minuten schloss sich
die bleifarbene Wolkendecke, und die
Sonne wurde wieder zu dem
verwaschenen Fleck, der Matt nun
schon seit Wochen vertraut war.
Aber das kurze Ereignis hinterließ
einen tiefen Eindruck auf die gesamte
Horde. Matt sah nur strahlende
Gesichter um sich herum. Nach einem
Essen aus Shmaldan und getrocknetem
Fisch brachen Sorbans Leute das Lager
ab und marschierten leichtfüßiger als
sonst durch den fremden Wald. Zum
ersten Mal nahm Matt einen
rötlichgrünen Schimmer in den kahlen
Baumkronen wahr. Die Knospen
begannen sich zu öffnen. Der Frühling
stand vor der Tür. Wenigstens das
schien es in dieser Welt noch zu geben.
Wie meistens lief Matt neben
Aruula her. "Sieht man die Sonne
selten?", wollte er von ihr wissen.
Sie sah ihn verwundert an. Matt
machte sich klar, wie ungewöhnlich
diese Frage für sie klingen musste. Nur
ein Wesen von einem anderen Planeten
konnte sie stellen. Wer auf der Erde
lebte, kannte die Antwort
selbstverständlich.
Aruula suchte nach Worten,
stammelte ein paar Sätze in ihrer
Sprache und flocht einige englische
Worte ein. Matt verstand, dass in dieser
42
Albtraumwelt Jahre vergehen konnten,
ohne dass man ein Stück blauen
Himmels oder den strahlenden
Sonnenball zu Gesicht bekam.
"Seit wann ist das so?", fragte er
erschüttert.
Wieder ein erstaunter Ausdruck auf
Aruula schönem Gesicht. "Seit
Orguudoos Stern, seit Kristofluu..."
Matt hatte plötzlich das Gefühl,
eine Eisschicht würde sich ihm über die
Hirnhaut schieben. Jesus... was hat sie
da gesagt? Er blieb stehen und starrte
sie an. "Kristofluu? Was ist das?"
"Feuer." Aruula breitete die Arme
zum Himmel aus. "Sturm, Flut, Tod
Tod." Sie ruderte mit den Armen, weil
ihr nicht die Begriffe einfielen, um die
Bilder zu beschreiben. Es konnten
keine schönen Bilder sein, denn ihre
Augen wurden starr und ihre
Kaumuskulatur pulsierte. "Orguudoo
wollte Welt vernichten..."
Christopher-Floyd! Sie meint den
gottverdammten Kometen!
"Woher weißt du das?", drang Matt
in sie. "Wer sagt das?"
Er erfuhr, dass eine alte Legende
davon erzählte. Eine Legende, die
schon Aruulas Mutter von ihrer Mutter
gehört hatte und Sorban von dessen
Vater. Eine Legende - so behauptete
Aruula - an die alle Menschen
glaubten... Wie benommen trottete
Matt neben ihr her. Wieder ein
Puzzlestein zur Wahrheit. Wieder ein
Stück Realität, das sich ihm
unbarmherzig entzog...
Irgendwann lichtete sich der Wald.
Sorbans Leute liefen zusammen und
deuteten auf eine Lichtung, die sich
links der verwilderten Autobahntrasse
ausdehnte. Eine fast zwei Mann hohe
Hecke umgab das riesige Terrain. Wie
mit einem Lineal gezogen verlief sie
kilometerweit um die Lichtung herum,
an vielen Stellen durchbrochen. Auf der
Lichtung selbst sah Matt gelbliches
Gras und kniehohes Utiterholz, da und
dort auch kahle Bäume: Und zahlreiche
von Moos und Gestrüpp überzogene
Felsen. Jedenfalls hielt Matt die
langgestreckten, mehr als hausgroßen
Gebilde zunächst dafür.
Er verließ die Trasse und lief in den
Wald hinein. Die Horde folgte ihm
zögernd. Durch eine Lücke in der
hohen Hecke betrat Matt die Lichtung.
Aruula neben ihm zog ihr Schwert und
stocherte im Moos herum. Etwa dreißig
Zentimeter tief konnte sie die Klinge in
den weichen Boden führen. Dann stieß
sie auf Stein.
Matt nickte stumm. Er ließ seinen
Blick über die weite Fläche wandern,
sah die skurril geformten Felsen in
ihren grünlichbraunen Laubhüllen, sah
die dunklen Erhebungen zwei, drei
Kilometer entfernt am anderen Ende
der Lichtung und etwas abseits davon
den riesigen braungrünen Pilz aus
Gebüsch und vereinzelten Bäumen
ragen.
Und dann wusste er Bescheid...
Er lief zu einem der Blöcke und
arbeitete sich mit dem Messer durch
das Gestrüpp. Es war kein Felsblock.
Etwas anderes war in dieser
gigantischen Hecke verborgen.
Keuchend hieb- Matt .auf Büsche,
vertrockneten Farn und Gestrüpp ein.
Schließlich schrammte Metall über
Metall. Eine blanke graue Fläche wurde
sichtbar. Matt arbeitete wie ein Wilder.
Bis fast die Hälfte der Oberseite des
metallenen Konus freigelegt war.
43
Das Zweistromtriebwerk eines
Jumbo-Jets aus dem vorletzten
Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts.
Matt hatte es geahnt. Das von einem
braungrünen Teppich aus Moosen,
Gräsern und Büschen überwucherte
Terrain war ein Flugfeld; und bei den
Erhebungen auf der anderen Seite
konnte es sich um nichts anderes als
um Flughallen und Passagierterminals
handeln, überragt vom fast hundert
Meter hohen Tower.
Sie mussten den Flughafen von
Bologna erreicht hatte. Oder das, was
von ihm übriggeblieben war.
Gemeinsam mit Aruula eilte er auf
den Pilz am Rande des Flugfelds zu.
Sie kämpften sich durch die dicke
Schicht von Ästen und Gestrüpp bis
zum Eingang des Towers vor. Drinnen
umfing sie vollständige Dunkelheit.
Aruula entzündete eine Fackel.
Flechten und Heckenzweige bedeckten
Treppenaufgang und Lifttüren. Eine
stand offen. Pelzige Tiere huschten in
den finsteren Aufzugsschacht. Matt und
Aruula stiegen die Treppe hinauf, die
sich um den Schacht wand.
Die Glaskuppel des Kontrollraums
war an vielen Stellen zertrümmert.
Auch hier wucherten Äste und
Kletterpflanzen hinein. Rötliche
Knospen glänzten feucht im
Fackelschein. Hier und da sah Matt von
Grünspan überzogene Drähte die
einstigen Kabelstränge der
elektronischen Geräte. Eine
Dreckschicht lag auf den Schalt- und
Kommunikationskonsolen. Die von
ihren Lederbezügen entblößten Sesseln
bestanden nur noch aus schwärzlichen
Rohren und rostigen Federkernen.
Matt holte Karte und Kompass
heraus, um sich zu orientieren. Er hatte
sich längst damit abgefunden, dass die
Nadel in südöstliche Richtung wies, wo
die Karte Süden anzeigte. Konnte sich
durch den Aufprall des Kometen die
Erdachse verschoben haben? Ein
schwindelerregender Gedanke. Der
Karte nach lag Bologna südöstlich des
Flughafens: Also musste Matt die
seinem Kompass nach in östliche Seite
des Kontrollraums vom Gestrüpp
befreien, um einen Blick auf die Stadt
werfen zu können.
Mit Schwert und Messer
vergrößerten sie das Loch in den
blinden Fensterscheiben und trennten
die armdicken Efeuranken und Äste
von Kletterpflanzen ab, deren raue
Oberfläche Matt an einen Weinstock
erinnerte. Endlich hatten sie eine Lücke
in das Gestrüpp geschlagen, durch das
man weit nach Osten schauen konnte.
Wald, soweit das Auge blickte. Eine
graugrüne Decke, da und dort durch
Lichtungen unterbrochen, mehr konnte
Matt zunächst nicht erkennen.
Der Karte nach war Bologna fast
zehn Kilometer vom Flughafen
entfernt. Matts Augen suchten den
Horizont ab. Ein Gebirgskette erhob
sich in südlicher Richtung. Das konnten
nur die Apenninen sein. Die Berge
verschwommen im dunstigen Licht.
Davor fielen Matt unregelmäßige
Erhebungen im graugrünen Teppich
des Waldes auf, manche klobig und
großflächig, manche schmal und
ziemlich hoch. Es fiel ihm wie
Schuppen von den Augen. Natürlich -
wie dieser Flugplatz hier würde auch
die Stadt von Pflanzen überwuchert
sein...
44
Aruula streckte den Arm aus und
deutete auf die Erhebungen. "Bolluna",
flüsterte sie. '
Matt nickte. "Ja, Bologna..." Er
wandte sich der Wendeltreppe zu, um
wieder nach unten zu klettern. "Morgen
früh breche ich auf."
Aruula stellte sich ihm in den Weg.
Sie machte eine erschrockene Miene.
Wohin? schienen ihre plötzlich
ängstlichen Augen zu fragen.
"Ich gehe nach Bologna", sagte
Matt.
"Dann du sterben...", flüsterte sie.
"Aber ich muss in die Stadt."
"Nein!" Sie schlang ihre Arme um
ihn und klammerte sich an ihm fest, als
wollte sie ihn nie wieder loslassen.
Ein fremder Dämon, den Baloor
nicht kannte, musste Maddrax zur Seite
stehen.
Anders konnte sich der
Göttersprecher nicht erklären, wie der
falsche Gott zwei Angriffe der
Gejagudoo und einen Überfall der
Wulfanen hatte überleben können.
Auf einer riesigen Kugel im
Randbezirk Bollunas landete er mit
seinem Frekkeuscher. Die Kugel hatte
einen Durchmesser von mehr als einem
Speerwurf und war vollständig von
Klettergestrüpp bedeckt. Ein ebenfalls
in Ranken und Moose gehüllter Zaun
umringte den
abgeflachten Zenit der Kugel. Ein
paar niedrige Birken wuchsen darauf.
Und kahle Büsche und Sträucher. Dicht
genug, um den Frekkeuscher vor
zufälligen Blicken zu verbergen.
Baloor ging den teilweise
zusammengebrochenen Zaun entlang
und verschaffte sich einen Überblick.
Er konnte weit in die vom Wald
überwucherten Ruinen der Stadt
hineinsehen. Da und dort stiegen
Rauchwolken auf. Am Horizont hinter
der Stadt erhob sich ein Gebirge. Auch
nach der anderen Seite hin hatte er eine
gute Sicht. Deutlich konnte er das
pilzartige Gebäude sehen. Es stand am
Rande der Lichtung, auf die Sorban
seine Horde geführt hatte.
Niemals. würde sich auch nur ein
Mitglied der Horde in die Stadt
hineinwagen. Kaum ein Volk jenseits
des Eisgebirges, das sich nicht die
Schauergeschichten von den grausamen
Bewohnern der Totenstädte des
Südlandes erzählte.
Maddrax kannte diese Geschichten
nicht. Und selbst wenn - er würde
trotzdem die Totenstadt betreten. Da
war sich Baloor sicher. Weil er wusste,
dass Maddrax nach seinen Gefährten
suchte. Hier in Bolluna würde ihn sein
Schicksal ereilen.
Baloor baute sein Zelt im Zentrum
des Kugelzenits zwischen Birken und
Sträucher auf. Als er die Pflöcke für die
Spannriemen in den weichen Boden
schlug, stieß er auf Widerstand. Die
Kugel schien zu vibrieren. Baloor
lauschte auf den metallenen Klang. Er
fragte sich, wozu man in den Zeiten vor
Kristofluu solche gewaltigen Kugeln
gebraucht hatte.
Der Göttersprecher befestigte die
Spannriemen der Fellplanen notdürftig
an den Birkenstämmchen. Danach
45
nahm er seinen Ledersack und setzte
sich an den Rand des flachen
Kugelzenits vor eine der Lücken in
dem brüchigen, von Efeu umrankten
Zaun. Von hier aus hatte er einen guten
Einblick in die Waldschneise, die von
der fernen Lichtung in die Totenstadt
hineinführte.
Der Göttersprecher wusste, was
Orguudoo von ihm erwartete. Niemand
ruft den Herrn der Finsteren Tiefe ah,
ohne sich mit Haut und Haaren in
seinen Dienst zu stellen. Bis das
vollbracht war, was man sich von ihm
erbeten hatte. Erst wenn Maddrax
vernichtet war, würde der Kontakt zu
Orguudoo wieder abreißen. Bis zur
nächsten Beschwörung.
Seit Orguudoo in der Eishöhle aus
dem abgeschlagenen Kopf zu ihm
gesprochen hatte, spürte Baloor die
magischen Kräfte in sich wachsen. Nie
zuvor hatte er sich so stark gefühlt.
Nicht einmal einen halben Tag lang
musste sein Geist rufen, und schon
gehorchten die Gejagudoo.
Baloor war entschlossen, sie ein
drittes Mal zu beschwören. .Vielleicht
gelang es ihm dann sogar, auch ein
Muttertier herbeizurufen. Und er würde
die Verfluchten dieser Totenstadt mit
dem Hass auf den falschen Gott
vergiften.
Der Göttersprecher rückte ein paar
Schritte vom Zaun ab. Er beugte sich
über seine gekreuzten Beine. Mit
beiden Händen wühlte er eine Kuhle in
den weichen Boden aus Moos; altem
Laub und Dreck.
Dann griff er hinter sich in den
Ledersack und zog ein Fellbündel
heraus. Ein schweres Bündel, denn als
er es neben sich absetzte, drückte es
sich ein Stück in den Boden hinein.
Er entnahm dem Bündel eine
Handvoll getrockneter Kotballen.
Sorgfältig ordnete er sie in der Kuhle
zu einem Ring an. Seine Lippen
begannen sich stumm zu bewegen. Wie
von selbst entstanden die Gebetsrufe
und Beschwörungsformeln in seinem
Hirn.
Baloor wandte sich wieder dem
Bündel zu und schlug das Fell ganz
zurück. Schwarze Blutkrusten klebten
in den Fellhaaren, und Schleimfäden
zogen sich zwischen seinen Fingern.
Baloor rümpfte die Nase, und die fahle
Pergamenthaut seines knochigen
Gesichts legte sich in tausend Falten.
Er griff in das Fell hinein.
Gemurmel sprang ihm auf die Lippen.
Es war, als würde ein Anderer in ihm
sprechen. Es war, als hätte Orguudoo
selbst sich in seinem Kopf eingenistet,
um ihm die richtigen Worte
einzugeben.
Ein Hochgefühl strömte durch
Baloors Glieder. Das Gefühl
grenzenloser Macht.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals,
als er den schweren haarigen Schädel
aus dem Fell hob und ihn in die Kuhle
zwischen die Kotballen legte.
Nur die Augenpartie des Kopfes
war frei von Haaren. Und die große
schwarze Schlundlippe, die fast das
ganze Gesicht unterhalb der Augen
ausfüllte.
Der Körper des Wulfanen war noch
warm gewesen, als Baloor ihn heute
Morgen vom Baum gebunden - und
ihm den Kopf abgeschlagen hatte.
Noch einmal griff der Göttersprecher in
seinen Ledersack. Seine Hand tastete
46
nach dem Beutelchen mit dem
getrockneten Rotpilz.
Kurz nach Sonnenaufgang warf sich
Matt den Fellumhang, den Aruula ihm
geschenkt hatte, über die Schulter. Er
band sich den Container mit dem
Notpaket und einen Ledersack mit
Proviant auf den Rücken und machte
sich auf den Weg in die Stadt.
Die halbe Nacht lang hatten sie auf
ihn eingeredet, um ihn von seinem Plan
abzubringen.
Aruula hatte hände-ringend nach
Worten gesucht, um Sorbans
Wortschwall zu übersetzen. Niemand,
der es gewagt hatte, eine Totenstadt des
Südlands zu betreten, sei je wieder
lebend gesehen worden, und so weiter.
Matt ließ sich nicht beirren. Er
musste in diese Stadt.
Er musste Genaueres über den
"Feuervogel" erfahren, den die
Wulfanen gesehen haben wollten. Und
vielleicht bekam er in der Stadt auch
Hinweise auf die Auswirkungen des
Kometen.
Er hatte Sorban gebeten, ihm einen
Speer mitzugeben.
Mit dem Schwert konnte er nicht
umgehen, und auch das Bogenschießen
hatte er nicht erlernt.
Mit dem Speer würde er sich
Angreifer wenigstens vom Leib halten
können, ohne gleich eine seiner
wertvollen Kugeln zu verschwenden.
Die gut acht Pfund schwere
Langwaffe über die Schulter gelegt,
zog er die Waldschneise entlang in
Richtung Südosten. Oder nach Osten,
wenn er seinem Kompass glauben
wollte. Die unter Gestrüpp und Moos
versteckten Autowracks nahmen zu, je
näher er der Stadt, kam.
Kolonnenweise standen sie schließlich
in einer kaum noch unterbrochenen
Hecke. Wie durch die Furche zwischen
zwei nicht enden wollenden
Hügelgräbern marschierte Matt die
Wracks entlang. Ein Jahrhunderte alter
Stau, raunte es in seinem Kopf.
Die von der Natur zurückeroberte
Autobahn verlief südwestlich an der
Stadt vorbei. Matt hielt nach Spuren
einer Eisenbahnlinie Ausschau. Der
Karte nach müsste sie direkt ins
Stadtzentrum führen.
Er entdeckte einen moosbewachsenen
Mauerrest am Rand der
Straße. Die Ruinen eines Brückenpfeilers.
Von dort aus führte ein Wall in
den Wald hinein. Die Schienentrasse,
vermutete Matt. Er kämpfte sich durch
kahle Brombeerhecken und bräunlichen
Vorjahresfarn die Böschung hinauf.
Mit dem Speer stocherte er die Erde auf
der Wallkrone auf. Er stieß auf ein
Gleis und noch tiefer unter Moos und
altem Laub auf ein wenig Schotter und
folgte der leicht erhöhten Trasse.
Er hatte kaum geschlafen in der
vergangenen Nacht. Das Karussell in
seinem Kopf hatte sich gedreht und
gedreht. Er war aufgestanden, um
etwas abseits der schlafenden Horde
am Rande des Flughallendachs auf und
ab zu gehen. Dort hatte er Aruula
getroffen. Auf den Knien und den
Oberkörper über ihre Schenkel
47
gebeugt. Sie hätte gelauscht, hatte sie
gesagt. Und: In der Stadt seien
hungrige Geister. Kalte und blutgierige
Geister. Und Baloor sei in der Nähe.
Endlich hatte Matt begriffen,
warum sie Begriffe seiner Sprache
verstand und benutzte, ohne sie je von
ihm gehört zu haben, warum sie so
verblüffende Dolmetscherdienste
leisten konnte: Aruula war telepathisch
begabt. Diese erstaunliche Frau konnte
die Bilder sehen, die sein Hirn
produzierte!
Eine Stunde oder länger marschierte
Matthew nach Südosten. Ein kleines
Flusstal wurde sichtbar. Wie ein
Pflanzengesteck aus Efeu und Misteln
führte eine Hängebrücke über den
Fluss. Die Schienenstränge hingen
teilweise ins Wasser hinunter, auch sie
von Pflanzen überwuchert. Matt
balancierte auf einem der beiden
Stahlträger entlang und hielt sich dabei
am Gestrüpp fest.
Nach der Brücke lichtete sich der
Wald allmählich. Die Bahntrasse wurde
breiter, vereinigte sich mit anderen
Wällen, auf denen Matt ebenfalls
verrostete Schienenstränge freilegte.
Dann eine große Lichtung mit nur
wenigen Bäumen und viel kahlem
Buschwerk..
Matt entdeckte zugewachsene
Gebäude, einzelne Waggons und ganze
Züge, die von Moos. und
Kletterpflanzen verhüllt waren. Ein
alter Güterbahnhof, schätzte er. Er
blieb stehen und betrachtete die
gespenstische Ansammlung von
Hallenruinen, Signalmasten und
Zugwracks.
Wie lang ist es her, dass ihr eure
letzte Fahrt gemacht habt?
Das allgegenwärtige Gestrüpp war
Antwort genug. Eine Antwort, die ihm
Schwindel verursachte.
Nach dem Güterbahnhof mehrten
sich die Ruinen. Rechts und links der
Bahntrasse erstreckten sich lange
Hallenkomplexe. Matt sah zerbrochene
Scheiben und eingefallene
Außenwände. Schlanke Türme erhoben
sich, teilweise abgebrochen, skurrile
Gebilde, die Matt an überdimensionale
Trompeten erinnerten; Schornsteine,
Lüftungsschächte, gewaltige
kugelförmige Gasbehälter. Vermutlich
ein Chemiewerk. Alles eingesponnen in
Büsche, Gestrüpp und Moos. Matt hatte
das Industriegebiet von Bologna
erreicht.
Er verließ die Bahntrasse und betrat
etwas, das einmal eine Straße gewesen
war. An vielen Stellen war der Asphalt
aufgesprungen. Überall zerfallene
Autowracks. Rostige Gebilde ohne
Reifen und teilweise ohne Türen,
Kotflügel und Motorhauben. Manchmal
lagen nur Achsen und Getriebewelle in.
den Büschen, manchmal nur ein
moosbedeckter Motorblock.
Matts Lungen schienen sich in Stein
zu verwanden, während er die Straße
hinunter marschierte. Etwas Hartes,
Schweres dehnte sich in seinem
Brustkorb aus. Er dachte nichts, er
fühlte nichts - er sah nur. Und
versuchte zu verstehen.
Das Industriegelände zog sich über
vier, fünf Kilometer hin. Nach einer
Stunde entdeckte Matt vor sich einen
an die vierzig Meter hohen Zementsilo,
auf dessen Spitze ein dunkles
stacheliges Gebilde wie ein
Storchennest thronte. Darauf hockte ein
Tier, ,das nicht viel kleiner sein konnte
48
als Matt selbst. Ein Vogel? Er behielt
das Tier im Auge, während er weiter
ging, doch es schien kein Interesse an
ihm zu haben.
Allmählich ging die in Wildnis
versunkene Industrieanlage in ein
Wohngebiet über. Ein ehemaliges
Wohngebiet. Ruinen erhoben sich
rechts und links von Matt, manche vierund
fünfstöckig, manche bis zu zwölf
Stockwerke hoch. Alle von Efeu und
Weinranken. überzogen.
Er kam an eine Kreuzung. Ein
Rauschen über ihm ließ Matt aufsehen
und sich umdrehen. Ein riesiger
Schatten segelte heran - der Vogel!
Matt riss den Speer hoch
Des Vogel schoss zwischen dm
Häuserfronten heran. Matt sah seine
Greifkrallen, den gelben gekrümmten
Schnabel, das dunkelgraue Gefieder.
Das Tier griff an! Matt duckte sich weg
und stieß ihm den Speer entgegen.
Federn segelten ins Gras, der Vogel
ließ einen kreischenden Laut hören und
schwang sich von Matt weg über die
Dacher und Baumkronen.
Er sah aus wie ein Habicht, nur
drei- oder viermal so groß. Seine
Flügelspannweite schätzte Matt auf
fünfeinhalb bis sechs Meter. Er flog
eine weite Kurve über einer Hausruine
und setzte zum nächsten Angriff an.
Matt sah sich nach Deckung um. Nicht
weit hinter sich entdeckte er ein
Schaufenster hinter Efeuranken. Nur
noch einzelne Glassplitter ragten aus
dem Rahmen.
Mit zwei, drei großen Schritten
erreichte Matt die Hausfassade und
warf sich durch das Fenster. Hart
schlug er zwischen Steinen und
moosbedecktem Gerümpel auf. Für den
Bruchteil einer Sekunde verdunkelte
der Schatten des Vogels das
Schaufenster. Dann verschwand der
Greif aus seinem Blickfeld.
Regungslos lauschte Matt, verharrte
minutenlang im Gestrüpp zwischen
Steinen und undefinierbaren Kästen
unterschiedlicher Größe, die hier
gestapelt waren.
Der Vogel kehrte nicht zurück.
Schließlich rappelte Matt sich auf
und sah sich um. Mit seinem Messer
befreite er die Oberfläche eines der
Kästen vom pflanzlichen Belag. Eine
grünlichgraue Fläche kam zum
Vorschein. Matt schabte auch die
Vorderseite ab. Sie war glatt, schwarz
und hart. Ein Monitor!
Matt stieß ein bitteres Lachen aus.
Unter dem Moos- und Schmutzteppich
verbargen sich stapelweise Computer.
Doch Matt bezweifelte stark, dass einer
davon noch seinen Dienst tat. Zumal
die Stromversorgung Probleme bereiten
würde...
Er stand auf und drang weiter in den
Laden vor. Eine dicke feuchte
Dreckschicht überzog den Ladentresen
und auch die Kasse Matt benutzte das
Messer als Hebel. Die
Frontverkleidung der Kasse zerbrach;
das Geldfach sprang heraus.
Zwischen Staub und Moos fand
Matt grünspanüberzogene Münzen. Er
nahm eine heraus und scheuerte den
Belag ab. Ein Zwei-Euro-Stück. Matt
setzte sein Notpaket zu Boden und
entnahm ihm die kleine Stablampe. In
ihrem Lichtkegel konnte er das
Prägejahr entziffern: 2007.
Er verfiel in fieberhafte Hektik.
Eine Münze nach der anderen holte er
aus dem Kassenfach. Sie waren alle
49
zwischen den Jahren 2002 und 2011
geprägt worden. Keine einzige später.
Er lehnte sich gegen die Wand und
betrachtete den Münzhaufen. "2011",
murmelte er. "Nach >Christopher-
Floyd< hat man kein Geld mehr
gebraucht, wie es scheint..."
Die Erschöpfung - mehr geistig
denn körperlich - legte sich wie eine
schwere Kette um seine Glieder. Am
Holm eines Regals entlang ließ er sich
auf den Boden gleiten.
Matts Widerstand gegen die
Wahrheit bröckelte im Grunde schon,
seit er das verdammte Amulett an der
Kette um Sorbans Hals untersucht
hatte. Die Uhr mit dem Datum und der
Uhrzeit des Kometeneinschlägs. Die
Uhr, die angeblich seit Generationen
von Häuptling zu Häuptling weiter
gegeben worden war.
Als er dann das riesige Waldgebiet
unterhalb des Gebirges anhand der
Karte als die Po-Ebene identifiziert
hatte, waren ihm die Argumente
endgültig ausgegangen.
Vielleicht zum ersten Mal in seinem
fünfunddreißigjährigen Leben musste
sein Verstand kapitulieren und alle
Logik sausen lassen.
Seitdem klammerte er sich
verzweifelt an die lächerliche
Vorstellung von der sogenannten
Wirklichkeit: die kleine Welt, die ihm
zufällig vertraut war.
Und stemmte sich gegen die
Wahrheit wie ein trotzendes Kind
gegen die Hand seiner Mutter. Jetzt war
Matt einfach zu erschöpft, um seinen
Widerstand noch länger aufrecht zu
erhalten.
Et fa comu fa, Commander...
Er lehnte den Kopf gegen das
Regal.
Du weißt Bescheid, Matthew Drax
- vor vier Wochen hast du deinen Jet
auf das Schneefeld gesetzt. Oder ist es
schon sechs Wochen her? Egal... auch
in sechs Wochen skelettiert kein
Autofahrer auf dem Weg zwischen
Parma und Bologna. In sechs Wochen
erobert kein Wald auch nur einen
Kilometer Autobahn. In sechs Wochen
mutieren keine Vögel zu fliegenden
Bestien, und in sechs Wochen
verwandeln sich Mitteleuropäer nicht in
Bronzezeitmenschen.
Hör also auf, dir etwas
vorzumachen du bist nicht in der Hölle
gelandet. Du träumst nicht. Du bist
auch nicht in irgendeiner grauen
Vorzeit. Der verdammte Komet hat
dich in die Zukunft gestoßen.
Die Hektik war längst von ihm
abgefallen. Eine unglaubliche
Gelassenheit machte sich in seiner
Brust breit.
Weiß der Teufel, wie er das
angestellt hat... und weiß der Teufel,
wie weit in die Zukunft. Du musst dich
damit abfinden. Es ist, wie es ist...
Die Insekten fielen Matt erst auf, als
er sich wieder vom Boden
hochrappelte. Dicht an dicht hockten
sie auf den Mooskästen, in den
verdreckten Regalen und an der
gegenüberliegenden Wand. Fingerlang,
so dick wie sein Daumen und
schwarzbraun wie Kakerlaken. Er
nahm sich keine Zeit sie zu zählen, aber
es waren Dutzende.
Als er sich den Container auf den
Rücken band und seinen Proviantsack
schulterte, setzten sie sich in
Bewegung. Schlagartig und blitzschnell
50
schossen sie auf ihn zu. Matt trat um
sich und drängte sich durch das
Gestrüpp vor. dem Ruineneingang. Sie
verfolgten ihn fast fünfzig Meter weit
die Straße hinunter.
Im Laufschritt bewegte Matt sich an
Autowracks vorbei durch Sträucher und
über Schutthalden. Immer wieder
blickte er nach oben und hinter sich.
Der monströse Habicht war nirgends
mehr zu sehen. Auch die Käfer blieben
zurück. Er verlangsamte sein Tempo.
Seine Karte enthielt keinen
Stadtplan. Er versuchte sich südöstlich
zu halten. So verlief der Karte nach die
Bahntrasse in die Stadt hinein.
Irgendwann musste er ja die Ruinen des
Hauptbahnhofs erreichen. Und
Bahnhöfe lagen in der Regel im
Stadtzentrum.
Noch aber bewegte er sich im
Randbezirk Bolognas. Der Stadtkern
konnte noch gut vier oder fünf
Kilometer entfernt sein. Wenn es hier
Menschen gab, dann im Zentrum...
Irgendwann erreichte Matt eine
Ruine, von der nur noch die Fassade
stand. Und auch sie lehnte sich schief
und mit zahlreichen armdicken Rissen
in den Mauern gegen die kahlen
Kronen riesiger Platanen, deren
gelbgrüne Rinde in breiten Fetzen vom
Stamm hing.Neben der Ruine war ein
verrosteter Stahlzaun, fast drei Meter
hoch. Kletterpflanzen rankten sich um
seine nach außen gekrümmten Spitzen.
Sein Tor stand halb offen. Die großen
Autowracks unter den Platanen, neben
dem Zaun und auf dem weiten Platz
hinter dem Zaun fielen Matt auf. Eines
von ihnen untersuchte er genauer. Ein
LKW. Er fand moosüberzogene
Militärhelme neben länglichen
Munitionskisten auf der
zusammengebrochen Ladefläche.
Matt wusste sofort, wohin er
geraten war: in eine Kaserne. Es
überraschte ihn nicht, als er unter
einem der Gestrüpphaufen einen
rostzerfressenen Panzer fand.
Die Nachrichtensendungen in den
Monaten vor dem Einschlag
"ChristopherFloyds" waren plötzlich so
präsent, als hätte er sie gestern erst im
Fernsehen gesehen. Aus ganz
Deutschland hatten sich
Menschenmassen im Bodenseegebiet
und im Schwarzwald gesammelt, um
den Rhein zu überqueren und in die
Schweiz zu fliehen. Vom Süden her
hatten die Massen über die Po-Ebene
versucht die Alpen zu erreichen. Und
von Frankreich aus über das Rheinetal
und die Saöne.
Irgendein Sender hatte die
Schweizer Bunkersysteme ins
Gespräch gebracht, die gewaltigen
Wohnbunker und unterirdischen
Anlagen, mit denen die angeschlossen
Teile der Alpen ausgehöhlt hatten.
Danach gab es kein Halten mehr.
NATO-Einheiten waren aufmarschiert,
um die Flüchtlingsmassen aufzuhalten..
.
Ob dieser moosgewachsene Koloss
noch funktionierte?
Matt wandte sich den Baracken zu.
Flache Betonhallen - vermutlich
Garagen und Werkstätten. Die Rolltore
vor ihren Eingängen ließen sich nicht
bewegen. Mit dem Speerschaft zerstieß
Matt eines der schmalen Fenster.
Erholte seine Stablampe aus dem
Notfallkoffer und leuchtete hinein. Der
Lichtkegel der Lampe fiel auf einen
weiteren Panzer.
51
Matt stieg durch die Öffnung in die
Baracke. Kaum berührten seine Füße
den Boden, rutschte er aus und schlug
lang hin. Der Boden war schlammig. Es
roch nach Öl. Er tastete nach der
Lampe, die ihm entfallen war. Ihr
Lichtstrahl zerschnitt die Finsternis, fiel
nacheinander auf zwei Panzer, einen
zusammengebrochenen LKW, auf
zahllose Metallteile entlang der Wände,
einen Öltank und auf die Karosserie
eines Hummer-Jeeps. Der Wagen stand
in einer Arbeitsgrube.
Matt fiel auf, dass so gut wie keine
Pflanzen auf dem schlammigen Boden
wuchsen. Vorsichtig und mit kleinen
Schritten pirschte er sich an die
Arbeitsgrube heran. Im Lichtkegel
seiner Lampe sah er, dass der Hummer
bis zur Kühlerhaube in einer schwarzen
Flüssigkeit stand. Offensichtlich war Öl
ausgelaufen, hatte den Boden bedeckt
und war in die Grube geflossen.
Matt ging in die Hocke und
leuchtete das Innere des Wagens aus.
Das Lenkrad war fast vollständig
erhalten. Wahrscheinlich ein
widerstandsfähiger Kunststoff. Das Öl
reichte fast bis zur Lenksäule: Von den
Sitzlehnen waren nur noch
Metallstreben zu sehen. Etwas ragte
unterhalb des Lenkrads aus dem Ö1.
Ein kleines schwarzes Ding. Es hatte
die Form eines ungleichmäßigen
Dreiecks.
Eine schwarze Kapsel saß auf seiner
Spitze.
Matts Augen verengten sich. Wie
elektrisiert fixierte er das Ding. Und
dann hatte er es: Es war ein Kornhalter
am Ende eines Gewehrlaufs!
Ein Gewehr in Getriebeöl hatte
möglicherweise die Zeiten überdauert!
Matt überlegte kurz, Fellumhang und
Pilotenanzug abzulegen, um nackt in
die mit Öl gefüllte Arbeitsgrube zu
steigen - er hatte keine Lust, später in
ölgetränkten Klamotten herumzulaufen
-, doch dann entdeckte er ein
Ablassventil. Das Schwungrad war
eingerostet, doch mit einem
herumliegenden Metallrohr als Hebel
vermochte Matt es zu bewegen.
Fünf Minuten später war die
zähflüssige Substanz bis auf einen
hartnäckigen Rest abgelaufen, und Matt
wagte sich über die schräg
hinabführende Rampe in die Grube
hinein. Die Lampe hatte er so auf die
Kante gelegt, dass ihr Lichtkegel ins
Innere des Wagens fiel. Matt zog die
Tür des Jeeps auf und beugte sich in
den Innenraum. Im Lichtkegel sah er
Laufrohr, Magazin, Abzugsbügel, Griff
und Schulterstütze. Ein automatisches
Gewehr!
Mit seiner Beute in Händen stieg
Matt aus der Kuhle. Mit dem Fell
reinigte er das Gewehr vom Öl. Es war
eine M 20 von Heckler & Koch aus
einer neuartigen Carbon-Magnesium-
Legierung. Ein Modell, das erst um
2005 an die US-Army und die NATOTruppen
ausgegeben worden war. Das
Magazin war voll, aber natürlich nicht
mehr zu gebrauchen. Das Öl hatte die
Munition verdorben.
Matt packte seine Sachen und das
Gewehr, eilte über den verwilderten
Kasernenhof und zog eine der
Metallkisten von der Ladefläche eines
LKW-Wracks. Er stieß einen
Triumphschrei aus, als er den Inhalt der
Kiste sah: Munitionsmagazine für
automatische Gewehre. Die
Plastikhülle, in die man sie einst
52
eingeschweißt hatte, klebte in grauen
Fetzen an den bananenförmigen Bügeln
aus grauem Polycarbon. Matt befreite
eins der Magazine von der klebrigen
Hülle und steckte es ins
Magazinschloss. Er legte den
Sicherungshebel um und zielte auf eine
von Efeuranken verhüllte
Straßenlaterne.
Er zog durch. Der Schuss zerriss die
Stille über der Totenstadt, Glas
splitterte.
"Es funktioniert! Teufel, es
funktioniert tatsächlich!"
Während er sich ein paar Magazine
in seinen Proviantbeutel und in die
Taschen seines Pilotenanzugs steckte,
setzte sich eine Idee in seinem Kopf
fest: Was, wenn auch der Jeep in der
Arbeitsgrube noch lief? Immerhin hatte
sein Motorblock im Öl gestanden...
Doch bevor er den Gedanken weiter
verfolgen konnte, wurde Matt
abgelenkt. Ein Schrei ertönte! Ein
spitzer schriller Schrei, wie ihn jemand
ausstößt, der in Lebensgefahr ist. Matt
lauschte. Da, wieder. Und es klang
nicht nach einem Tier - es klang nach
einem Menschen!
Matt warf sich Notpaket und
Proviantsack über die Schultern,
schnappte sich das Gewehr und rannte
zurück auf die Straße. Die Stimme
schrie jetzt fast ohne Unterbrechung.
Sie klang wie die einer Frau.
In großen Schritten setzte Matt über
die aufgerissene Straße und hastete
zwischen den Reihen der Autowracks
und den Häuserfassaden hindurch.
Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Die
Stimme wurde lauter.
Matt fegte um eine Straßenecke -
und blieb stehen; als wäre er gegen eine
Glasscheibe gelaufen. Hundert Schritte
vor ihm stand ein Kind. Es hörte auf zu
schreien, als es ihn sah. Vor und hinter
dem etwa zehnjährigen Mädchen
lauerten drei pelzige Tiere. Nicht
besonders groß; etwas größer als ein
Foxterrier vielleicht. Ihr Fell hing fast
bis auf den Boden herab. Und von den
Lefzen ihrer platten Schnauzen
tropfte.der Speichel.
Matt presste die Schulterstütze des
Gewehrs gegen seine Schulter. Schritt
für Schritt näherte er sich der Szene.
Aus schmalen Augen fixierte er die
merkwürdigen Tiere. Und dann endlich
erkannte er sie. Es waren Katzen!
Seltsam deformierte, raubtierhafte
Katzen! Eins der Biester duckte sich
lauernd, als Matt näher kaim Er nahm
die Katze ins Visier. Das Mädchen
presste die Hände gegen den Mund und
sah Matt mit ängstlich aufgerissenen
Augen entgegen. Sie hatte rotblonde,
zu vielen langen Zöpfen geflochtene
Haare, war in ein kurzes Kleid und rote
Stulpenstrümpfe gehüllt und auffallend
dünn und blass. Aber sie sah wesentlich
zivilisierter aus als die Mitglieder von
Sorbans Horde!
Matt schritt langsam von der
Straßenmitte weg zum Straßenrand, um
sich in eine Schussposition zu bringen,
aus der er das Mädchen nicht gefährden
würde. Die Tiere belauerten ihn in
geduckter Haltung und mit gesträubtem
Rückenund Schwanzfell.
Knapp fünfzig Schritte entfernt, fast
auf gleicher Höhe mit dem Mädchen,
tauchte auf einem Autodach eine vierte
Katze auf. Sie hatte ein
schmutzigweißes Fell und schien Matt
noch ein Stück größer als die anderen
beiden zu sein. In einer Platane auf der
53
gegenüberliegenden Straßenseite
entdeckte er eine fünfte Katze, eine
schwarze, und auf der Mauerkrone der
Fassadenruine eine sechste.
"Bullshit", zischte Matt. Er war
sich ziemlich sicher, dass die sechs, die
er sah, nicht die einzigen waren, die
das Mädchen jagten. Langsam, hob er
die Waffe, zielte auf die Katze in der
Platane und zog durch.
Der Schuss donnerte über die
Ruinen. Das Mädchen begann vor
Schreck wieder zu schreien, die Katzen
auf der Straße drückten ihre Bäuche auf
den Asphalt und fauchten. Äste
brachen, Zweige raschelten - der
Körper der schwarzen Katze schlug im
Gestrüpp unter der Platane auf.
Matt schob sich näher an das
Mädchen heran. Noch einmal schoss er
- diesmal zur Krone der Fassadenruine
hinauf. Die Katze dort oben zog den
Kopf ein. Nicht weit unter ihr splitterte
Gestein; eine Staubwolke rieselte
nieder.
"Verschwindet!" brüllte Matt. Er
stand jetzt seitlich des Mädchens, nicht
mehr als höchstens zwanzig Schritte
entfernt. "Ihr sollt abhauen!" Er
stampfte auf und machte einen raschen
Schritt auf die nächststehende Katze zu.
Sie fauchte und drückte sich noch tiefer
ins Gras des aufgebrochenen Asphalts.
Aus den Augenwinkeln sah Matt
das Biest mit dem schmutzigweißen
Fell vom Autodach springen. Er riss die
Waffe herum und zog durch. Blut
spritzte, die Katze überschlug sich und
blieb reglos liegen. Das Mädchen
wimmerte nur noch und wippte dabei in
den Knien auf und ab.
Die restlichen Viecher schienen
genug zu haben. Mit großen Sprüngen
flüchteten sie in die Hausruine hinter
der Platane. Matt ließ das Gewehr
sinken und eilte, zu dem zitternden
Mädchen. Wie eine Ertrinkende
klammerte sie sich an seinem Air-
Force-Overall fest und schluchzte
hemmungslos. Matt drückte das völlig
verängstigte Geschöpf an sich und
streichelte ihm über den Rücken. "Ist ja
gut, ist ja alles gut... keine Angst, ich
beschütze dich..." Er wusste nicht
einmal, ob sie ihn verstand.
Etwas zupfte an seinem Hosenbein.
Er sah an sich hinab. Die Käfer hatten
ihn eingeholt! Von allen Seiten
krabbelten sie durch Gras und
Sträucher. Zwei, drei hingen schon an
seinen Hosenbeinen. "Verdammtes
Ungeziefer...!" Matt ließ das Mädchen
los. Mit dem Schaft des Gewehrs
streifte er die fingerlangen Insekten ab
und trat nach ihnen. Mit einem
knirschenden Geräusch zerplatzten sie
unter seinem Stiefel. Aber wo er eins
zertrat, rückten drei neue nach. Die
schwarzen Käfer schienen plötzlich
überall zu sein:
"Los, komm!" Er packte die Hand
des Mädchens und zerrte es hinter sich
her. Schon wieder hingen einige Käfer
an Matts Hosenbeinen. Und plötzlich
sah er drei, vier. Katzen über die
Dächer der Autowracks springen. Sie
hatten die Jagd also noch nicht
aufgegeben!
Ein stechender Schmerz zuckte von
seinem Oberschenkel durch Matts
ganzen Körper. Er schrie auf und fegte
den Käfer von seiner Hose. Das Insekt
hatte glatt durch den Overallstoff
hindurch gebissen!
Das Mädchen an der Hand, stürmte
er weiter. Sie rannten stadteinwärts, die
54
Katzen neben ihnen her, als würden sie
ein Wild hetzen. Zwei der langhaarigen
Biester überholten sie, sprangen auf die
Straße und duckten sich sprungbereit
vor ihnen ins gelbe Gras. Matt blieb
stehen und blickte sich rasch um. Sie
hatten die Käfer schon weit hinter sich
gelassen, aber er konnte deutlich sehen,
wie sich der schwarze krabbelnde
Teppich bereits wieder näher schob.
Die Bisswunde an seinem
Oberschenkel brannte wie Feuer. Vor
sich die Katzen, hinter sich die Insekten
- Matt blieb keine Zeit zum
Nachdenken. Er ließ das Mädchen los
und hob das Gewehr. Schüsse krachten,
Katzenkörper überschlugen sich im
Gestrüpp des Asphalts. Das letzte
Biest, ein feuerroter Kater, sprang ihn
fauchend an. Matt duckte sich, rammte
ihm den Gewehrlauf in die Flanke und
zog durch.
Aber die Gefahr war noch nicht
gebannt. Weitere fünf, sechs Katzen,
die sich bislang verborgen gehalten
hatten, sprangen nun aus ihrer
Deckung. Matt wirbelte herum, schoss
wieder und spürte gleichzeitig den
Aufprall eines schweren Körpers im
Rücken. Krallen drangen durch den
Stoff in Matts Schultern.
Das Mädchen kreischte in höchsten
Tönen. Aber sie hatte sich eine rostige
Metallstange vom Straßenrand
gegriffen und zielte damit auf Matt!
Schon wollte er den Hieb instinktiv
abblocken - was ihm zweifellos einen
gebrochenen Arm eingebracht hätte -,
da erkannte er im letzten Augenblick,
dass der Schlag nicht ihm galt, sondern
der Katze auf seinem Rücken. Es
klatschte dumpf. Mit einem schrillen
Kreischen wirbelte das Biest davon.
"Danke!", keuchte Matt, während er
eine Salve nach der anderen auf die
angreifenden Katzen abfeuerte. Die
restlichen Tiere wichen langsam
zurück. Mindestens zwei hatte Matt
erwischt. Eine weitere wand sich
sterbend zwischen den Autowracks.
Er packte das Mädchen und schob
es vor sich her. Die überlebenden
Katzen folgten ihnen nicht mehr, und
auch die schwarze Insektenfront blieb
zurück.
Das Mädchen keuchte und rang
nach Luft, doch Matt trieb es an. "Los;
wir müssen weg hier!" Sie hetzten über
eine Straßenkreuzung. Das Mädchen
bog in eine breite Straße ein; Matt
folgte ihm. Immer wieder schaute er
zurück, doch die Katzen schienen die
Verfolgung endgültig aufgegeben zu
haben.
Plötzlich packte das Mädchen seine
Hand und zog ihn zwischen zwei
Hausruinen hindurch auf einen Hof.
Auch hier wuchsen überall Büsche und
bräunliches Farn. Über eine
Metalltreppe stiegen sie an der
Hausfassade hinauf. Matt sah, dass die
rostige Treppe kaum von Pflanzen
überwuchert war. Durch ein Loch in
den Efeuranken schlüpfte das Mädchen
ins Haus. Matt folgte ihr in einen
düsteren Raum. Im-Halbdunkeln
erkannte er Felle und Stoffknäuel,
Schüsseln und Becher aus Ton. Auch
ein paar Waffen: Messer, Pfeilspitzen,
sogar einen Bogen. Das musste die
Behausung des Mädchens sein.
Das Kind ließ sich auf die Felle
sinken und verbarg den Kopf zwischen
den Knien. Es weinte. Matt ließ sich
neben ihm nieder. "Ist ja alles gut
gegangen." Sein Herzschlag dröhnte
55
ihm noch in den Schläfen. "Wir haben
es doch geschafft..."
Er streichelte die rotblonden Zöpfe
der Zehnjährigen. Sie fühlten sich
drahtig und fettig an. Das Mädchen
lehnte sich gegen ihn und, heulte sich
den Schock von der Seele. Matt wusste
nicht recht, wie er reagieren sollte. Er
hatte nie selbst Kinder gehabt und
fühlte sich irgendwie hilflos. So hielt er
sie nur fest und fuhr fort, ihr Haar zu
streicheln.
Als sie sich halbwegs wieder
beruhigt hatte, krempelte Matt sein
Hosenbein hoch und untersuchte die
Bisswunde. Sie war klein, aber
feuerrot. Der Teufel mochte wissen,
was für ein Gift der verdammte Käfer
ihm in die Haut gespritzt hatte.
Das Mädchen musterte die 'Wunde
aufmerksam. Vermutlich hatte sie
bereits Erfahrung mit solchen
Verletzungen. Wortlos griff sie zu
einem Messer, deutete darauf und dann
auf den Käferbiss. Matt nickte zögernd.
Er konnte nur hoffen, dass sie wusste,
was sie tat.
Das Mädchen brachte ihm einen
flachen Kreuzschnitt über der roten
Stelle bei. Blutstropfen rollten über
seinen Oberschenkel. Matt zuckte
unwillkürlich zusammen, als sie ihre
Lippen auf die blutende Stelle setzte
und daran saugte. Sie spuckte das
vergiftete Blut aus, beugte sich erneut
nieder und saugte wieder. Matt kramte
derweil im seinem Notpaket nach dem
Verbandszeug und nahm ein Pflaster
heraus, das er über die Wunde klebte.
Später gab er dem Kind Wasser aus
seinem Trinkbeutel. Auch den
Shmaldan und den getrockneten Fisch
aus seinem Proviant teilte er mit ihm.
Das Mädchen schlang beides hinunter,
als hätte es tagelang nichts gegessen.
„Wie heißt du?", wollte Matt
wissen. Das Kind sah ihn
verständnislos an. Er deutete mit dem
Finger auf seine Brust. "Ich - Matt.
Matt, okay?" Er setzte dem Kind den
Zeigefinger auf die Brust. "Und du?
Wie ist dein Name?."
Zum ersten Mal huschte etwas wie
ein Lächeln über das bleiche schmale
Gesicht. "Jandra", sagte das Mädchen.
"Jandra also", seufzte Matt. Na also,
sie konnte sprechen. Jetzt musste er nur
noch einen Weg finden, sich mit ihr zu
verständigen. Wenigstens war er nicht
mehr allein in dieser Totenstadt...
Am westlichen Horizont färbte sich
der dunstige Himmel rötlich. Die Sonne
ging unter. Ein milder. Wind blies von
Süden her über das mit Büschen und
Bäumen bedeckte Flachdach. Aruula
wandte sich vom Sonnenuntergang ab
und blickte wieder nach Osten, wo sich
vor dem Gebirgszug die Konturen der
Ruinen Bollunas abzeichneten.
Den ganzen Tag hatte sie nichts
anderes getan. Obwohl sie wusste, dass
Maddrax noch lange nicht
zurückkehren konnte. Immer wieder
hatte sie den Kopf zwischen die Knie
gesteckt und gelauscht. Aber die Stadt
war zu weit weg. Nur undeutliches
Raunen nahm sie wahr. Dazwischen
hin und wieder das dumpfe Gemurmel
dieser hungrigen Geister. Aruula
glaubte, dass es Wulfanen waren, die
sie da in der Ferne spürte.
Deutlicher hatte sie den kalten,
abweisenden Geist Baloors gespürt. Er
fühlte sich noch spröder und gehetzter
an als sonst. Bohrende Spannung hatte
an Aruulas Nerven gezerrt, während sie
56
ihn zu belauschen versuchte. Es war ihr
nicht gelungen. Zu abweisend war sein
Geist. Vielleicht waren auch einfach
zuweit entfernt.
Das Grau des Himmels über der
Totenstadt vor dem Gebirge
verfinsterte sich von Minute zu Minute.
Wo würde Maddrax jetzt sein? Die
Sorge um ihn ließ Aruula nicht in
Ruhe. Warum hielt sich Baloor in der
Nähe der Totenstadt auf? Die Antwort
auf diese Frage war erschreckend
einfach: Er wollte sich rächen. An
Sorban. An der Horde. Und vor allem
an Maddrax...
Es wurde dunkel. Sorban ließ Feuer
entzünden. Acht Jäger, die, er
ausgeschickt hatte, kehrten zurück. Sie
brachten Fische aus einem
nahegelegenen Fluss. Auch die
schillernden Körper von vier großen
Bellits ließen sie neben eine der
Feuerstellen fallen. Rufe des
Entzückens wurden laut. Sie hatten
lange keine Bellits mehr gegessen. Seit
Monaten nicht mehr.
Das Fleisch der köstlichen
Riesenlibellen hellte die Stimmung der
Horde ein wenig auf. Den ganzen Tag
über war sie eher gedrückt gewesen.
Die Überfälle der Gejagudoo, die
Verluste, die Nähe der Totenstadt -
niemand, fand einen Grund, sich am
Leben zu freuen. Auch Sorban hatte
den ganzen Tag ,in seine Felle gehüllt
am Rand des Daches gehockt und auf
den Gebirgszug im Süden gestarrt.
Nun also frischer Fisch und
angeröstetes Bellitfleisch. Sorban
vergaß seine Sorgen für eine Stunde.
Und die meisten anderen
Hordenmitglieder auch. Aruula nicht.
Ständig wanderten ihre Gedanken zu
dem großen blonden Jäger, der allein in
die Totenstadt gegangen war.
Sie schlief schlecht in dieser Nacht.
Der milde Wind pfiff über die weite
Lichtung. Aus dem Wald tönte das
Krächzen eines Vogels. Die Wachen
liefen am Dachrand auf und ab. Und in
Aruulas Kopf streifte
Maddrax durch Häuserruinen und
über Trümmerfelder und wurde von
Wulfanen und Gejagudoo angegriffen.
Erst gegen Morgen schlief sie endlich
ein.
Lautes Rufen weckte sie. Sie sprang
auf und griff nach ihrem Schwert.
Benommen sah sie sich um. Der
verwaschene Sonnenfleck stand schon
hoch über dein östlichen Horizont. An
der Dachkante hockten zwei Jäger und
deuteten hinaus auf die weite Lichtung.
Sie waren es, die so aufgeregt riefen.
Aruula ging hinüber und trat hinter
sie. Sorbans hünenhafte Gestalt
erschien neben ihr; die ganze Horde
strömte zusammen.
Drei Speerwürfe weit auf der
Lichtung schoss plötzlich eine Fontäne
aus Dreck und Steinen in die Luft.
Etwas Schwarzes wühlte sich aus dem
Boden. Neben Aruula schrie eine Frau.
Sorban stieß einen Fluch aus. "Junge
Gejagudoo", flüsterte ein
Halbwüchsiger.
"Der Steinboden hält sie nicht ab",
sagte Sorban heiser.
" Er ist zu brüchig", entgegnete
Aruula.
Ein Gejagudoo nach dem anderen
bohrte sich aus dem Boden. Durch
Gebüsch und Gras krochen die
Erdschlangen auf den großen
Ruinenkomplex zu.
"Bogenschützen!", brüllte Sorban.
57
Aruula rannte zur anderen Seite des
Daches. Und sah genau das, was sie
befürchtet hatte: Auch vom Waldrand
her wühlten sich Gejagudoo durch die
weiche Erde heran. Sie lief an der
Dachkante entlang. Auch vom Pilzturm
her krochen sie durch das Gestrüpp!
"Überall Gejagudoo!", schrie
Aruula. "Sie kommen von allen
Seiten...! "
Im Morgengrauen erwachte Matt,
als Jandra durch die Lücke in der
Efeuhecke in den Raum schlüpfte. Sie
zeigte auf ihren Bauch und machte
kauende Mundbewegungen.
Matt rieb sich die Augen und
streckte sich. Das Pflaster an seinem
Bein hatte sich über Nacht gelöst, aber
es war kein weiteres Blut ausgetreten,
und auch sonst war kaum noch eine
Schwellung zu sehen. Matt. zog es ganz
ab, bevor er Proviant aus seinem
Ledersack holte. Er legte Jandra ein
Stück Shmaldan und den letzten Rest
getrockneten Fisch aufs Fell. Sie
verschlang beides mit Heißhunger.
Währenddessen schaute Matt sich
in der kleinen Behausung um. Und
fühlte einen leisen Schauer in sich
aufsteigen. Jandras Zimmer war nicht
das eines zehnjährigen Mädchens.
Alles war zweckmäßig eingerichtet,
und es gab wenige persönliche Dinge.
Keine Puppen, kein Spielzeug. Als
hätte Jandra keine Kindheit durchlebt.
Dann entdeckte Matt doch noch
etwas an einer der Wände: eine
Zeichnung, von ungelenker Kinderhand
ausgeführt. Schon wollte ein Lächeln
über sein Gesicht huschen - da erkannte
er, was Jandra auf den nackten Stein
gemalt hatte. Es durchzuckte ihn wie
ein heißer Blitz.
Es war unverkennbar ein
Düsenjäger!
"Jandra!" Aufgeregt wies Matt auf
die Skizze. "Hast du so etwas
gesehen?" Er deutete hinauf in
Richtung Himmel.
Sie nickte, deutete ebenfalls nach
oben und fuhr mit der flachen Hand
quer durch die Luft. Dabei artikulierte
sie ein zischendes Rauschen. Wie ein
Strahltriebwerk! Ihre Geste wies nach
Süden.
War der Jet in diese Richtung
geflogen? Dann stand sie auf und
winkte Matthew hinter sich her.
Sie will dir etwas zeigen... etwas,
das mit dem Jet zu tun hat! Matt nahm
den Container, den Proviantsack und
das Gewehr au£ und folgte ihr. Sie
kletterten die rostige Treppe hinab.
Zwischen den Ruinenwänden schlichen
sie auf die Straße hinaus.
Matt folgte Jandra stadteinwärts.
Sein wachsamer Blick streifte über die
Mauerkronen der Ruinen, über
Gestrüppwände an den Hausfassaden,
über moos- und farnbedeckte
Autowracks rechts und links am
Straßenrand. Im hohen gelben Gras
neben einem verwitterten Motorblock
sah er etwas Rötliches liegen. Er ging
hin und beugte sich darüber.
Es war eine rote Kazte. Schlaff und
leblos lag sie im Gras. Die langen
Fellhaare im Halsbereich glänzten
feucht und dunkelrot. Blut. Sie konnte
noch nicht lange tot sein.
58
Matt richtete sich auf. Misstrauisch
blickte er sich um. Jandra stand auf der
Straßenmitte und bedeutete ihm mit
fuchtelnden Gesten, endlich .weiter zu
gehen.
Er fühlte sich plötzlich unbehaglich.
Theoretisch war ihm klar gewesen, dass
es noch gefährlichere Biester in diesen
Ruinen geben musste als die Katzen.
Ohne Grund hatten Sorbans Leute sich
bestimmt nicht geweigert, die Stadt zu
betreten.
Aber so plötzlich mit den Spuren
einer unbekannten Bestie konfrontiert
zu werden - das ließ ihn für einen
Moment schaudern.
Plötzlich spurtete Jandra auf ihn zu.
Sie packte seinen Arm, zog ihn von der
Straße weg zu einer Hausfassade, die
ganz und gar von Weinranken
überzogen war. Sie deutete aufgeregt in
die Richtung, aus der sie gekommen
waren.
Zweihundert Schritte entfernt sah
Matt die Umrisse schwarzer Körper im
Gestrüpp vor den Hausfassaden. Er
konnte die Wesen nicht identifizieren,
doch die langsame, ruckartige Art, in
der. sie sich bewegten, ließ ihn an
Insekten denken. Hatte
Aruula außer den Wulfanen nicht
noch eine zweite Gattung erwähnt, die
Sorbans Vorfahren das Leben schwer
gemacht hatte?
Jandra griff in die Weinranken,
packte einen starken Ast und zog sich
hoch. Dabei zischte sie Matt etwas zu,
das er natürlich nicht verstand. Aber
die Mimik ihres bleichen Gesichtchens
war eindeutig: Jandra wollte, dass er ihr
folgte. Matt befestigte das Gewehr an
einer Öse seines Pilotenanzugs. Dann
fasste er einen Hauptast des
Weinstocks und kletterte Jandra
hinterher.
Sie gelangten zum ersten
Obergeschoss der Ruine und drängten
sich dort durch die kahlen Reben in
einen Fensterrahmen. Jandra legte den
Zeigefinger auf ihre bleichen Lippen
und deutete mit einer Kopfbewegung
nach unten.
In einer Kolonne von zwanzig,
dreißig Tieren schoben sie sich unter
ihnen vorbei: schwarze pelzige Körper
wie abgeflachte Halbkugeln und so.
groß wie die Galapagos-
Riesenschildkröten, die Matt als kleiner
Junge im Zoo von San Francisco
gesehen hatte.
Aber die schwarzpelzigen Tiere
dort unter ihm auf dem zerklüfteten
Asphalt waren keine Reptilien. Sie
hatten acht pelzige Beine - steil ragten
sie aus ihren Körpern nach oben, um
dann in einem spitzen Winkel nach
unten abzuknicken. An den mehr als
anderthalb Meter breiten
Halbkugelkörper gliederte sich ein
schwarzglänzender Kopf an, elliptisch
und etwa so groß wie ein Wasserball.
Schwarze Kauscheren ragten aus dem
Kopf, öffneten und schlossen sich, als
würden sie die Luft nach Beute
abtasten.
Es sind Spinnen... Jesus - das sind
Spinnen...!
Matts Hände verkrampften sich im
Geäst des Weinstocks. Übelkeit zerrte
an seinen Magennerven, und sein Kopf
sträubte sich gegen die Bilder, die ihm
seine Netzhäute ins Hirn projizierten.
Die Monsterspinnen bewegten sich
in Zweierreihen unter ihnen vorbei.
Wie eine militärische Marschreihe
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bogen sie um eine Ecke in die nächste
Querstraße ein. Matt starrte ihnen
hinterher, bis die letzten beiden
Spinnen der Reihe aus seinem
Blickfeld verschwanden.
Jandra flüsterte ein paar Worte in
ihrer Sprache. Ein Wort kam Matt
bekannt vor: "Siragippen". Natürlich -
den Namen hatte Aruula erwähnt, als
sie von den Bewohnern der toten Städte
sprach.
Das Mädchen kletterte behende die
Weinranken hinunter, sprang ins Gras
des Bürgersteigs und huschte auf die
Hausecke zu, hinter der die Siragippen
verschwunden waren. Matt stieß einen
Fluch aus und hangelte sich an den
Reben entlang die Ruinenfassade
hinunter. Im Laufen löste er das
Gewehr von seiner Uniform.
Ein schwaches Wimmern ließ ihn
stehenbleiben und aufhorchen. Jemand
weinte leise. Jandra konnte es nicht
sein; sie kniete an der Ruinenecke im
Gestrüpp und spähte in die andere
Straße hinein. Matt beugte sich über sie
und blickte zwischen Weinranken
hindurch ebenfalls in die Richtung, in
der die Siragippen verschwunden
waren.
Es war eine enge Gasse. So eng,
dass die Krone einer Birke die ganze
Breite zwischen den Ruinenfassaden
ausfüllte. Wilder Wein und Efeuranken
spannten sich durch die Baumkrone
hindurch von einer Straßenseite zur
anderen. Wie ein Tunnel wirkte die
Gasse. Knapp hundertfünfzig Schritte
entfernt hatten sich die Riesenspinnen
zu einem Halbkreis formiert. Sie
umringten zwei Menschen, die inmitten
einer Geröllhalde auf der Straße
hockten, nicht weit vom Birkenstamm
entfernt. Eine Frau und ein kleines
Kind. Fell hing in Fetzen von ihren
Körpern, und sie waren an einen von
Moos überwucherten Motorblock
gefesselt. Das Kind wimmerte, die Frau
sah den schwarzen Riesenspinnen
stumm und resigniert entgegen.
Matt packte sein Gewehr, legte den
Sicherungshebel um und wollte
losstürmen. Da drehte Jandra sich zu
ihm um und stemmte ihm beide Arme
gegen die Brust, um ihn aufzuhalten. In
diesem Moment hörte Matt ein
Zischen. Aus dem Kopf einer der
Siragippen löste sich ein weißer Strahl
und klatschte gegen die Brust der Frau.
Sie schrie auf, wand sich und versuchte
noch im Sterben ihr Kind mit ihrem
Körper zu decken.
Matt riss sich von Jandra los und
rannte in die Gasse hinein. Im selben
Augenblick sirrten Pfeile aus den
Hausfassaden links und rechts von ihm.
Sie schlugen in die schwarzen Körper
der Spinnen ein. Er sah haarige
Oberkörper in dunklen Basthemden
zwischen den Ranken über sich
auftauchen. Speere rauschten durch die
Luft und bohrten sich in die Siragippen.
Deren Angriffsformation löste sich
auf. Die meisten Tiere streckten schon
ihre acht Beine von sich, einige
rotierten um ihre Längsachse, als hätten
sie die Orientierung verloren. Nur drei
Riesenspinnen waren nicht von Pfeilen
oder Speeren getroffen worden. Sie
ergriffen die Flucht. Blitzschnell
schossen sie auf Matt zu.
Ihm blieben weniger als drei
Sekunden. Gedankenschnell warf sich
er gegen die Hauswand und riss das
Gewehr hoch. Er ließ den Abzugsbügel
nicht mehr los. Schüsse hallten in
60
dichter Folge durch die Ruinengasse.
Zwei der Riesenspinnen überschlugen
sich und blieben reglos auf dem
Rücken liegen. Die dritte zerplatzte
regelrecht -grauer Schleim ergoss sich
auf die Straße.
Matt sank in die Knie und legte die
Stirn auf die kühle Schulterstütze des
Gewehrs. Sein Atem flog. Ein
stacheliger Kloß schien in seinem Hals
zu sitzen.
Schritte scharrten über Geröll. Das
Kind weinte. Tiefe, kehlige Stimmen
wurden laut..
Matt blickte auf. Die Gasse füllte
sich mit Menschen. Nein, keine
Menschen... Es waren diese
langhaarigen Kreaturen, die vor drei
Nächten die Horde überfallen hatten.
Mit dem gewaltigen Lippenwulst unter
den Augen sahen ihre Gesichter aus
wie die bizarrer tropischer Fische. Sie
waren mit Speeren und Schwertern
bewaffnet. Ein paar von ihnen trugen
schwarze und rotbraune
Lederumhänge.
Ächzend rappelte Matt sich auf die
Knie, um aufzustehen.
Der Schlag in den Nacken traf ihn
so unverhofft, dass er nicht einmal
Schmerzen spürte. Von einer Sekunde
auf die andere kippte sein Bewusstsein
ins Nichts.. .
Da war es wieder! Ein ganz
schwaches Vibrieren des Daches unter
ihren Stiefeln. Sorbans Leute blickten
sich schweigend an. Selbst den
abgebrühtesten Kämpfern der Horde
stand die Angst ins Gesicht
geschrieben.
Stundenlang hatten die
Bogenschützen vom Dach aus auf die
angreifenden Gejagudoo geschossen.
Elf der Bestien hatten sie töten können.
Zwei Erdschlangen war es gelungen, in
das große Gebäude einzudringen.
Erneut schien das Dach zu
vibrieren. "Sie wühlen sich unter den
Grundmauern durch", sagte Aruula
leise. "Können sie das Gebäude zum
Einsturz bringen?" Sorban wich ihrem
fragenden Blick aus. Niemand
erwiderte etwas. Das war Antwort
genug.
Der Häuptling wandte sich ab und
ließ seinen Blick über den
langgezogenen Ruinenkomplex.
schweifen. Dach reihte sich an Dach.
Sieben, acht Speerwürfe weit zog sich
die Reihe der von Birken, Farn und
Misteln überwucherten Gebäude hin.
"Wir verlegen unser Lager", entschied
Sorban.
Vier Jäger stiegen durch eine
zerklüftete Öffnung des Daches in das
Gebäude hinab, um die Frekkeuscher
zu holen. Die anderen packten Felle,
Waffen und Proviant zusammen.
Danach kletterten sie von-Flachdach zu
Flachdach, bis sie eine kuppelartige
Halle fast am Ende des Komplexes
erreichten.
Die Krone einer alten Buche ragte
aus dem zerstörten Kuppeldach. Auf
dem etwas höheren Nachbargebäude
ließ Sorban lagern. Von der Dachkante
aus blickte Aruula durch das von der
Buche aufgebrochene Kuppeldach in
eine weiträumige Halle hinunter, wo
61
weitere der stählernen Vögel standen,
die hier wohl einst gelebt hatten. Jetzt
waren sie alle tot, und das Moos wuchs
auf ihnen.
Der westliche Horizont färbte sich
rot. Als die Dunkelheit kam und das
erste Feuer auf dem Dach brannte,
versammelte sich die Horde, um Rat zu
halten.
"Es ist nur eine Frage der Zeit, bis
die Gejagudoo uns hier finden", sagte
einer der Jäger. "Sie werden nicht
ruhen, bis sie uns aufgestöbert haben."
"Wie viele Pfeile haben wir noch?",
knurrte Sorban.
"Nicht mal fünfzig", antwortete
einer der Bogenschützen.
"Und Speere?"
"Vierzehn." . .
Betroffenes Schweigen. Das Feuer
knisterte. Die kleinen Kinder
klammerten sich an ihre Mütter. Aruula
blickte in Richtung Stadt. Ihre Augen
versuchten die Dunkelheit zu
durchdringen.
"Die Jungtiere können wir noch
eine Zeitlang abwehren", sagte jemand.
"Aber wenn ein Muttertier auftaucht,
sind wir verloreri."
"Das ist die Rache des verfluchten
Baloor", knurrte Sorban.
"Du hättest ihn nicht verstoßen
dürfen", jammerte eine Frau.
"Schweig!", herrschte Sorban sie
an:
"Wir können nur hoffen, dass
Maddrax bald zurückkehrt", sagte
Aruula. "Sonst sind wir verloren."
Sorban nickte langsam.
Das abscheuliche Bild wollte Matt
nicht mehr aus dem Kopf gehen: der
Oberkörper der toten Frau. Er war noch
halb benommen gewesen, als sie ihn
gefesselt daran vorbeigeführt hatten.
Der Brustkorb hatte ausgesehen wie ein
Stück verfaultes Fleisch - graues
blasiges Gewebe, dazwischen verätzte
Rippenbögen, zwischen denen sich
Lungenstücke hindurch schimmerten.
Die Riesenspinnen töteten ihre
Opfer mit einem Säurestrahl....
Jemand schien mit einem Hammer
von innen gegen Matts Schädeldecke
zu pochen. Benommen torkelte er
zwischen seinen Häschern durch die
gespenstischen Straßenzüge. Die
haarigen Gesellen mit den schwarzen
Lippenwülsten in den nasenlosen
Gesichtern wanderten stumm zwischen
Ruinen und Gestrüpp entlang.
Matt sah sich um. Jandra ging
zwischen zwei Wulfanen mit
rotbraunen Umhängen. Hinter ihren sah
er zwei menschenähnlichere Gestalten,
ebenfalls mit rotbraunen Umhängen.
Sie Waren bleich wie Kerzenwachs,
und ihre Haut sah vertrocknet aus wie
die von Mumien. Statt der
lackschwarzen eierförmigen Helme
trugen sie rotbraune Lederkappen.
An einem dicken Bastseil zerrten
ihn zwei der Fischköpfe hinter sich her.
Das Seil wahr mehrfach um seinen
Oberkörper geschlungen und presste
ihm die Arme gegen die Rippen. Vor
ihm lief ein Wulfane in einem
schwarzen Umhang. Sein Fell glänzte
rötlich. Anders als seine Artgenossen
schaukelte er nicht bei jedem Schritt,
sondern ging aufrecht und fast federnd.
An einem Strick zog er das weinende
Kind neben sich her, das seine Mutter
62
verloren hatte. Der Bursche hatte sich
das Gewehr unter den Arm geklemmt.
Auf dem Rücken eines anderen
Wulfanen erkannte Matt seinen
Container. Er stöhnte leise in sich
hinein.
Na super! Damit stehen meine
Chancen endgültig auf Null...
Er dachte an Chester, Jenny, Hank
und die beiden Wissenschaftler. Selbst
wenn einer von ihnen den Absturz
überlebt haben sollte - die Aussicht, sie
jemals wieder zu treffen, war lächerlich
gering.
Matt gab in diesen Minuten keinen
Pfifferling mehr für sein Leben. Zwar
hatte man das Messer noch nicht
entdeckt, das er in seinen rechten
Stiefel geschoben hatte, aber mit
gefesselten Armen nutzte es ihm dort
herzlich wenig.
Eine Doppelkette von
Bogenschützen bildete die Spitze des
Zuges. Vor jeder Straßenecke hielten
sie an und spähten nach rechts und
links. Vermutlich lagen sie im Krieg
mit den Riesenspinnen.
Manchmal drehten sich die Bogen
schützen um und zischten für Matt
unverständliche Worte. Dann
verschwand der ganze Trupp lautlos in
den Ruinen rechts und links der Straße.
Einige kletterten auch auf Bäume oder
Lastwagenwracks.
Jedesmal zerrten sie Matt mit sich.
Von den Fenstern der Ruinen aus
beobachteten sie dann die vorbei
kriechenden Kolonnen der Siragippen.
Wenn es kleine Kolonnen waren,
töteten sie sie, Biester mit Speeren und
Pfeilen. Das Gewehr setzten sie nicht
ein; vermutlich wussten sie nicht, wie
es zu bedienen war.
Matt beobachtete, dass die
schwarzen Spinnen selbst dann an den
Wulfanen vorbeizogen, wenn sie sie
eigentlich hätten entdecken müssen.
Ihm dämmerte, dass die Siragrippen
blind waren. Vermutlich verfügten sie
über ein biologisches Ortungssystem
ähnlich dem der Fledermäuse.
Es. war bereits dunkel, als sie ein
Stadtviertel erreichten, das noch
zerfallener wirkte als die Randbezirke
der Totenstadt. Weite Trümmerhalden
zogen sich die Straßen entlang und
bedeckten sie teilweise ganz. Überall
wucherte das obligatorische Gestrüpp -
Efeu, Brombeerhecken, Farne,
Weinstöcke. Wie ein lebendiges
Leichentuch.
In der Dunkelheit sah Matt die
bizarren Schatten zerklüfteter Mauern,
sehr hoch und lang. Vielleicht ein
zerfallenes Kirchenschiff.
Dann wieder ragten dunkle
Ruinentürme in den Nachthimmel wie
übriggebliebene Stalagmiten einer
gesprengten Tropfsteinhöhle.
Aber Matt entdeckte auch die
Konturen von Kathedralen und ihren
Türmen, die aussahen, als hätten ihre
Mauern dem Zahn der Zeit
widerstanden.
Schließlich erreichten sie einen
weitläufigen Platz, auf dem zahlreiche
Lagerfeuer brannten. Es musste eine
Art Armeelager der Wulfanen sein.
Überall wo die haarigen Burschen
hockten, ragten Speere und Schwerter
aus dem Boden. Matt fühlte hundert
Blicke auf sich.
Es war unheimlich still auf dem
Platz.
Ein kalter Schauer lief ihm über
Nacken und Schultern.
63
Auf der rechten Seite stand der
milchige Fleck des Mondes über einem
quaderförmigen Turm. Aus dem
Gebäude darunter wucherte ein riesiger
Baum. Am Fuß der Fassade meinte
Matt bogenförmige Säulendurchgänge
zu erkennen. Er schätzte, dass man ihn
in die Altstadt Bolognas verschleppt
hatte.
Durch die brüchigen Säulenbögen
ging es in ein verwittertes Gemäuer und
über eine breite geländerlose Treppe
hinauf zu einem Saal. Das Portal besaß
keine Türblätter mehr. Matt sah Licht
in der Hafle flackern. Sie zerrten ihn
hinein.
Fackeln brannten rechts und links
des Eingangs und ebenso an der
Stirnseite des Saales über einem
erhöhten Stuhl aus grob
zusammengezimmerten
Birkenstämmen. Der Sitz war mit
Fellen ausstaffiert. Darin saß
zusammengekauert ein Wulfane mit
rötlichem Fell. Er war in eine Toga aus
schmutziggelbem Leder gehüllt. Unter
der Toga wölbten sich dicke Brüste,
und Matt machte sich klar, dass das
Schlundgesicht auf dem erhöhten Sitz
ein Weibchen sein musste.
Wie auf Kommando reckten die
haarigen Gesellen ihre rechten Fäuste
in die Luft und brüllten irgendetwas,
das Matt als eine Art militärischen
Gruß einordnete. Es stank nach nassem
Hund, nach Teer und nach...
Zigarrenrauch..
Matt traute seinen Augen nicht: Der
weibliche Wulfane rauchte! Er steckte
sich die Zigarre zwischen die
schwarzen Wülste. Wie ein Krater
öffnete sich das Loch unter seinen
Augen und entließ stinkende
Rauchwolken. Für Sekunden war Matt
zum Lachen zumute. Wenn dies das
offensichtlichste Zeichen für
Zivilisation sein sollte, hatten die
Nachfahren der Menschheit nichts
dazulernt.
Die Ruhe im Saal fiel ihm auf. Von
allen Seiten musterten ihn die
fellbesetzten Wesen. Die Wulfanenfrau
belauerte ihn von oben bis unten. Dann
hob sie die haarige Hand und krümmte
den Finger. Die beiden bleichen
Mumiengesichter schleppten Jandra vor
ihren Birkenthron. Das Gespräch
zwischen ihr und der Wulfanenfrau
dauerte lange, doch Matt verstand kein
Wort. Schließlich erhob sich die
Zigarrenraucherin ächzend. Sie stieg
die vier Stufen von ihrem Sitz herunter
und hinkte zu Matt herüber. Ihre
Schlundlippen spuckten harte
röchelnde Töne aus. So redete sie auf
ihn ein, doch er konnte sie nur
verständnislos anschauen.
Schließlich banden sie ihn in einer
Ecke des Saales an einen gusseisernen
Ring, der dort aus dem Gemäuer ragte.
Matt beobachtete, wie der rötliche
Wulfane in dem schwarzen Umhang
und die rotpelzige Zigarrenraucherin
sich über das Gewehr beugten. Er
schickte ein Stoßgebet zur Saaldecke.
Gott... hoffentlich ziehen sie nicht den
Abzugsbügel durch! Ihr Tod wäre
höchstwahrscheinlich auch der seine
gewesen. Doch schon bald verloren die
beiden das Interesse an der Waffe, die
sie offensichtlich nicht begriffen.
Vier Wulfanen stellten sich mit
Speeren um Matt herum auf. Am
Mauerdurchgang ins Treppengewölbe
64
postierten sich vier Bogenschützen. So
verbrachte Matt die Nacht. Eine
schlaflose Nacht...
Als das bleierne Licht des neuen
Morgens durch die Efeuranken in den
Saal sickerte, holten sie ihn ab.
Zusammen mit Jandra und dem Kind,
das seine Mutter verloren hatte,
schleppten sie ihn in die Ruinen der
Altstadt.. .
Brellzek und zwölf seiner Soldaten
betraten den Saal. Sie reckten die
Fäuste hoch. "Lang lebe die
Obermutter! "
Drulza sog an einer Zigarre. Sie
winkte ihren Sohn heran. "Nimm dir
eine." Sie deutete zum Lederkasten auf
dem Tisch. Brellzek gehorchte. Mit
brennender Zigarre stand er schließlich
vor dem Sitz seiner Mutter.
"Habt ihr sie hingebracht?",
krächzte Drulza. Brellzek nickte. "Das
Nackthautkind auch?" Wieder ein
Nicken. "Und das Mädchen?"
"Wir haben uns genau an deine
Anweisungen gehalten", schnarrte
Brellzek. "Obwohl die Nosfera aus der
Hexengarde gemurrt haben. Das
Mädchen ist von ihrer Art, wenn auch
noch nicht voll entwickelt."
Drulza lachte leise. "Die Nosfera
sind Narren. Es fehlte gerade noch,
dass ich sie in meine Pläne einweihe",
schnarrte sie. „Berichte weiter!"
"Eine Sondertruppe führt gerade
den Scheinangriff gegen die
Gottesburg. In kurzer Zeit wird der
Schwarze Feind seine Hauptkräfte dort
konzentrieren."
"Sehr gut", brummte Drulza. "Ich
habe mit dem Herzog gesprochen. In
einer Stunde treten unsere Soldaten
unten auf dem Platz an. Nur vierzig
werden zur Sicherung des
Hauptquartiers hierbleiben.
Hundertachtzig Soldaten werden unter
dem Kommando des Herzogs aus der
Stadt ziehen, sobald die Hauptmacht
des Schwarzen Feindes mit Maddrax.
beschäftigt ist., Wir werden die Horde
gefangennehmen wie eine Herde
Wakudas. Unsere Vorratszellen werden
sich füllen. Und dann werden wir dem
Schwarzen Feind den Rest geben.
Wenn Maddrax noch etwas von ihm
übrig lässt..."
"Dein Plan ist klug, Mutter", sagte
Brellzek.
"Aber...", er zögerte, "... man sagt,
dieser Maddrax sei ein Verfluchter
Orguudoos.
Wenn er nun lebend aus der Götterburg
herauskommt? Wir sollten
Orguudoo nicht erzürnen..."
"Und selbst wenn er lebend aus der
Götterburg kommt!", schnitt Drulza
ihm das Wort ab, "er wird sterben.
Trotz seiner Wunderwaffen wird er
sterben.
Der Tod begleitet ihn bereits..."
Die Reste eines Springbrunnens
standen auf dem Platz. Hinter einer
Birkengruppe erhob sich neben einem
kleinen Teich die dunkle Fassade einer
klobigen Basilika.
Sträucher wucherten aus dem
löchrigen Gemäuer und der runden
Fassung eines zerbrochenen Fensters
über dem offenen Portal.
65
Die Wulfanen hatten sie an einer
Säule des Brunnens festgebunden.
Jandra, das Kind und ihn. Ein paar
Schritte vom Brunnen entfernt und
doch unerreichbar lag sein Container
im Farn, darauf das Gewehr. Die
Fischgesichter hatten mit beidem nichts
anfangen können.
Sie hatten ein gewaltiges Geschrei
angestimmt und das Gebäude
gegenüber der Basilika mit Speeren
und Pfeilen unter Beschuss genommen.
Riesenspinnen waren in den Eingängen
erschienen und hatten ihre weiße Säure
verspritzt. Die Wulfanen waren
geflohen.
Matt konnte sich keinen Reim
darauf machen. Sie hätten es sich
einfacher machen können, hätten sie
seinen Tod gewollt. . .
Die Nischen zwischen den Ruinen
füllten sich mit den schwarzen
Riesenspinnen. Es mussten Hunderte
sein.
Das Kind weinte. Es war nicht älter
als vier oder fünf Jahre. Jandra wirkte
gefasst. Sie sagte etwas zu Matt, das er
nicht verstand. Dann begann sie ihren
dürren Körper unter den Fesseln zu
bewegen.
Plötzlich setzte sich die schwarze
Front der Siragrippen in Bewegung.
Wie schwarze pelzige Lava schoben sie
sich heran. Das hundertfache Scharren
ihrer Beine jagte Matt einen Schauer
über den Rücken.
Er blickte wieder zur Seite - und
traute seinen Augen kaum, als er sah,
wie Jandra sich einer Schlange gleich
Zentimeter um Zentimeter unter den
Seilen hervorwand. Ihre Knochen
schienen aus Gummi zu bestehen, so
sehr verdrehte sie ihren Leib, bis sie es
schließlich geschafft hatte. Doch es
hatte sie viel Kraft gekostet- sie war
noch bleicher als zuvor, und ihre
Augen glühten wie im Fieber.
"Schnell! Mein Messer!", rief Matt
und deutete mit dem Kinn zu seinem
rechten Stiefel hinab.
Jandra schien ihn halbwegs
verstanden zu haben, denn sie kam zu
ihm, entdeckte das Messer und zog. es
hervor. Rasch durchtrennte sie Matts
Fesseln und die des Kindes. Matt
sprintete los, schulterte den
Notcontainer und schnappte sich das
Gewehr. "Nimm das Kind und renn
was du kannst!" Er deutete auf die
Basilika. Jandra und das Kind spurteten
über den Platz.
Matt eröffnete das Feuer auf die
heranrückenden Siragippen. Fontänen
schaumiger Säure spritzte aus den
Reihen der schwarzen Leiber. Matt
wich zurück, ohne den Finger vom
Abzug zu nehmen. Die weiße
Flüssigkeit klatschte acht, neun Schritte
vor ihm in Gras und Gestrüpp, ätzte es
nieder und fraß sich in das Geröll des
einstigen Kopfsteinpflasters.
Matt blickte nach den Kindern. Aus
dem offenen Portal der Basilika
schoben sich mit ruckartigen
Bewegungen fünf oder sechs
Siragippen. Er sah, dass Jandra und das
Kind auswichen, die niedrige
Steinbalustrade neben der Basilika
ansteuerten und hinaufkletterten. Matt
schoss auf die Riesenspinnen im Portal.
Gleichzeitig rannte er den Kindern
hinterher.
Zuckende Leiber füllten den
Eingang der Kirche. Die nächste
Angriffswelle kletterte .einfach über sie
hinweg. Auch vom Platz her rückte die
66
Front der Angreifer näher. Matt musste
das Magazin wechseln. Er sah die
Kinder auf der anderen Seite der
Balustrade zwischen dunklen
Zypressen verschwinden.
Wie ein Besessener feuerte er um
sich, doch er konnte die Fronten der
Riesenspinnen immer nur für kurze
Augenblicke aufhalten. Als er die
Balustrade erreichte, hatte er schon das
nächste Magazin leergeschossen.
Allmählich ging ihm die Munition aus.
Er schwang sich über die brüchige
Mauer. und rollte sich im Gestrüpp
zwischen den Zypressen ab. Hastig
wechselte er wieder das Magazin.
Durch die Säulen der Balustrade
hindurch nahm er die Spinnen erneut
unter Feuer. Doch so viele er auch
abschoss, sie rückten näher und näher.
Es hatte keinen Sinn - es waren einfach
zu viele.
Matt rannte durch hohe Sträucher
und dichtes Gebüsch in die Richtung,
in der die beiden Kinder verschwunden
waren. Eine quadratische Lichtung
öffnete sich vor ihm, mittendrin ein
Brunnengesims. Weite Säulenbögen
umgaben den Platz - ein verfallener
Klosterhof. In einem Kreuzgang
entdeckte er Jandra und das kleine
Kind. Über der an die Basilika
grenzenden Klosterruine ragte ein
romanischer Turm aus Baumkronen
und Kirchenschiff auf, nicht höher als
zwanzig Meter. Er hatte kein Dach
mehr, und seine Spitze sah aus wie ein
abgebrochener Zahn.
Matt witterte eine Chance. "Dort
hinauf!", brüllte er und wies in die
Richtung. Vom Turm aus würde er die
anrennenden Riesenspinnen eine Zeit
lang aufhalten können.
Jandra verstand. Sie rannte den
Kreuzgang entlang und zog das Kind
hinter sich her. Matt sah sie im Innern
des Turms verschwinden. Er kletterte
die brüchige Mauer zum Kreuzgang
hinauf und lief bis zum Aufgang des
Turms. Etwas klatschte neben ihm
gegen die Wand. Schaum tropfte vom
alten Gemäuer auf die Wendeltreppe.
Matt wirbelte herum und eröffnete das
Feuer ohne zu zielen in das
Kirchenschiff hinein, Rückwärts
hastete er die Wendeltreppe hoch.
Unter ihm erklang das Scharren
Dutzender Siragippen-Füße.
Einen Augenblick spielte er mit
dem Gedanken, etwas von dem
Plastiksprengstoff aus dem Container
einzusetzen. Doch er verwarf den Plan.
Die Explosion würde der
altersschwachen Statik des Turmes
endgültig den Rest geben.
Windung um Windung arbeitete
Matt sich dem Turm hinauf. Über sich
hörte er plötzlich Schreie, so spitz und
schrill, dass ihm das Blut in den Adern
gefror. Die Kinder!
Er nahm vier, fünf Stufen auf
einmal. Die engen Treppenwindungen
machten ihn schwindlig. Sein Fuß stieß
gegen etwas Weiches, und er schlug
lang auf die Stufen. Durch eine tiefe
Schießscharte fiel schummriges Licht
in den Turm.
Dann sah Matt das Kind. Es war tot.
Sein Kopf lag in einer Blutlache, und
aus einer Wunde an der Kehle sprudelte
es nass und rot auf die ausgetretenen
Stufen. Nicht weit über ihm schrie
Jandra in höchsten Tönen.
"Jandra!" Matt sprang hoch und
hetzte die letzten Stufen hinauf. Sie
kauerte in einer Ecke des Dachstuhls
67
zwischen Unrat und Resten von
Ziegeln. Das graue Tageslicht fiel auf
ihre zitternde Gestalt. Sie barg den
Kopf in den Armen und schrie.
"Jandra! Was ist passiert?!" Matt
ging in die Hocke und öffnete die
Arme. Entsetzen bohrte sich in seine
Hirnhaut. Jandra war mit Blut besudelt
- aber es schien nicht ihr eigenes zu
sein. Sie warf sich schluchzend an
seinen Hals. Ihr Körper glühte durch
das Kleid hindurch.
Ein Schatten glitt über den Turm.
Matt blickte auf -und sah den
Monsterhabicht über dem Bauwerk
kreisen. Er musste das Kind angefallen
und getötet haben.
Ein Geräusch aus den Tiefen des
Turms ließ Matt herumfahren. Er löste
sich von Jandra und schob ein neues
Magazin in die M 20. Das letzte!
Die Siragippen kamen! Dicht an
dicht drängten sie die Wendeltreppe
herauf!
Aber da war noch ein anderes, nicht
minder bedrohliches Geräusch - ein
Knirschen von Stein!
Der Turm wankte!
Wie aus dem Nichts tauchten sie
auf: hundert, hundertfünfzig Wulfanen,
wenn nicht mehr. Mit lautem Gebrüll
brachen sie aus dem Wald und stürmten
den Hallenruinen entgegen.
Sorbans Leute nutzten gerade eine
Kampfpause, um ihr Lager auf ein
anderes Dach zu verlegen. Zwei
Dutzend Gejagudoo hatten sie
angegriffen. Mehr als die Hälfte hatten
sie töten können. Nun steckte kein
einziger Pfeil mehr in den Köchern von
Sorbans Bogenschützen.
Und nur noch drei Speere waren
übrig. Das Dach vibrierte; es war nur
eine Frage der Zeit, bis es nachgeben
würde.
In dieser hoffnungslosen Situation
griffen die Wulfanen an. Und sie
merkten schnell, dass ihre Gegner sich
nicht mehr verteidigen konnten.
Sorban verfrachtete Frauen und
kleine Kinder auf die vier verbliebenen.
Frekkeuscher und trieb sie zur Eile an.
Zehn Schwertkämpfer, darunter auch
Aruula, deckten den Rückzug auf das
Nachbardach. Schon kletterten die
Wulfanen über die Weinstöcke und
Efeuranken die Hallenwände hinauf.
Wieder vibrierte das Gemäuer - und
brach zusammen, als wäre es aus
morschem Holz. Es begrub zwei
Dutzend Wulfanen unter sich - doch
auch vier von Schwertkämpfer der
Horde wurden in die Tiefe gerissen.
Eine gewaltige Staubwolke erhob sich
über dem Trümmerfeld.
Vom Nachbardach aus beobachten
Sorban und seine Leute, dass die
Angriffswelle der Wulfanen ins
Stocken geriet. Plötzlich wühlten sich
die Gejagudoo aus den Trümmern. Ihre
schwarzen Schlangenkörper krochen
den Wulfanen entgegen. Die waren
derart verblüfft, dass sie die Gefahr erst
begriffen, nachdem vier ihrer Soldaten
in der Erde verschwanden. In panischer
Flucht hetzten sie zurück in den Wald.
Am Waldrand schossen
Erdfontänen in die Luft. Zehn, zwölf
Gejagudoo wühlten sich den Wulfanen
68
entgegen und schnitten ihnen den
Fluchtweg ab. Todesschreie erfüllten
die breite Lichtung zwischen
Hallenruinen und Waldrand. Immer
mehr Gejagudoo tauchten zwischen den
Flüchtenden auf und zerrten sie in die.
Tiefe.
Sorban und seine Horde jubelten.
Sie glaubten sich gerettet. Aruula
stimmte nicht in den Jubel ein. Sie
wiederholte immer nur in Gedanken
den einen verzweifelten Satz: Maddrax,
komm zurück aus der Totenstadt, lass
uns nicht im Stich!
Die schwarze Flut der Siragippen
schob sich den Turmaufgang hinauf.
Matt jagte ihnen eine Salve aus der M
20 entgegen, die die erste Reihe
zerplatzen ließ.
Immer heftiger schwankte der , alte
Kirchturm. Das morsche Gemäuer war
dem Ansturm Hunderter Riesenspinnen
nicht gewachsen. Schon zeigten sich
erste Risse im Mauerwerk.
Matt zerrte Jandra hinter sich her,
schickte den heraufdrängenden
Siragippen Feuerstoß um Feuerstoß
entgegen und wich gleichzeitig an die
Mauerkrone der Turmwand zurück.
Er warf einen Blick hinab -
zwischen den Baumwipfeln der
Nadelbäume sah er die dunkelgrüne
Fläche eines kleinen Sees. Vermutlich
ein alter Löschteich. Er breitete sich auf
der Rückseite der Klosterruine aus. Zu
weit entfernt und zu hoch für einen
waghalsigen Sprung.
Das Knirschen nahm an. Intensität
zu; der Steinboden unter Matts Füßen
zitterte. Es konnte nicht mehr lange
dauern, bis alles zusammenbrach.
"Halt dich an mir fest!", schrie Matt
und ging in die Knie. Das Mädchen
umklammerte seinen Hals mit den
Armen und seine Hüften mit beiden
Beinen.
Der Turm neigte sich! Matt konnte
sich nicht mehr. halten und taumelte
gegen die Mauerkrone. Sein
Gewehrfeuer verebbte. Nun strömten
sie Siragippen ungehindert aus dem
Aufgang ins Freie und rutschten mehr,
als dass sie liefen, ' auf die beiden
Menschen zu. Wahrscheinlich
bemerkten sie in ihrer Angriffswut
nicht einmal das nahende Verderben:
Laub streifte plötzlich Matts
Hinterkopf! Holz splitterte. Er fuhr
herum und sah, dass der Turm in zwei
dicht bei einanderstehende Platanen
einbrach. Sein Fall verlangsamte sich,
als das Gestein durch die Baumkronen
scheuerte.
Instinktiv wehrte Matt zwei
angreifende Siragippen ab, während er
in eine der Mauerlücke sprang. Die
aufspritzende Säure verfehlte ihn und
Jandra nur knapp.
"Festhalten!", brüllte Matt. Er stieß
sich ab, brach durch Zweige und Laub
und bekam einen armdicken Ast zu
fassen. Als er sich daran festklammerte,
entglitt ihm das Gewehr. Jandra auf
seinem Rücken schrie gellend. Das
Holz des Stammes unter ihm splitterte;
der Baum gab unter dem
tonnenschweren Gewicht des Turmes
endgültig nach und kippte ebenfalls zur
Seite. Steine prasselten durch die Äste
und schlugen unter Matt und Jandra
dumpf im alten Klostergarten auf.
Den Ast mit beiden Armen
umklammert, mit den Beinen
stampelnd nach Halt suchend, blickte
Matt nach unten. Die Wasseroberfläche
des Teichs kam rasend schnell näher!
69
Er sah Trümmer des Turmes in den
ehemaligen Löschteich einschlagen,
sah Wasserfontänen hochspritzen -
dann tauchte auch der Bäumwipfel ein.
Für Sekunden verschwanden Matt und
Jandra unter Wasser, tauchen wieder
auf, versanken erneut.Noch benommen
von dem Sturz, schwamm er hinüber
ans andere Ufer. Jandras Gewicht auf
seinem Rücken drückte ihn immer
wieder unter Wasser. Matt spuckte und
hustete, als er das seichte Uferwasser
erreichte und aus dem Teich watete.
Er blickte sich um. Fünfzig, sechzig
Meter war das Gewässer breit.
Zwischen den Zweigen des
umgestürzten Baumes und den
Trümmern des Turms erkannte er die
Leiber der schwarzen Riesenspinnen.
Einige bewegten sich. Keine Chance,
das Gewehr zu bergen - falls es
überhaupt den Sturz überstanden hatte.
Matthew packte Jandras Hand.
"Weg hier!"
Knapp anderthalb Stunden waren
sie unterwegs. Matt hatte dem Mädchen
verständlich machen können, wohin er
wollte - in die Kasernenruine. Seine
Gedanken kreisten um den Jeep. Seit er
ihn in der Reparaturgrube der
Werkstattbaracke gefunden hatte, ging
ihm das Fahrzeug nicht mehr aus dem
Kopf. Wenn es ihm gelang, den Jeep
flottzumachen, hatten sie gute Chancen,
aus dieser verfluchten Trümmerstadt zu
entkommen!
Sie schlichen über Schutthaufen
und überwucherte Gassen. Von Zeit zu
Zeit tauchte der quadratische Turm des
Wulfanenquartiers zwischen Bäumen
und Dächern auf; an ihm orientierte
sich Matt. Von den Siragippen war
momentan nichts zu sehen, doch Matt
zweifelte nicht daran, das sie die
Verfolgung noch nicht aufgegeben
hatten.
Je länger er über alles nachdachte,
desto mehr durchschaute er den
raffinierten Schachzug der
Wulfanenführerin. Ihr Volk lag mit den
Siragippen im Krieg. Die langhaarigen
Schlundgesichter hatten Jandra, das
Kind und ihn als Köder benutzt - und
als Waffe. Natürlich, das war es!
Darum hatten sie ihm auch seine
Ausrüstung gelassen; sie selbst konnten
ja nichts damit anfangen. Sie hatten nur
dafür sorgen müssen, dass eines der
Opfer sich rechtzeitig würde befreien
können. Ein riskantes Spiel - aber
schließlich lag das Risiko ja bei den
Gefangenen...
Unbeschadet erreichten Matt und
Jandra das Kasernengelände. Matthew
deutete auf die Platane neben dem
Lastwagen-Wrack. "Hoch! Los -
klettere hoch!" Er versuchte ihr
klarzumachen, was ihr Job war,
während er sich um den Jeep
kümmerte: nach Siragippen Ausschau
zu halten und ihn zu warnen, wenn sie
erneut angriffen. Jandra kletterte
gewandt den Baum hinauf.
Matt hastete über den ehemaligen
Kasernenhof. Er spürte seinen
Pulsschlag in den Schläfen hämmern.
Die Ereignisse der letzten zwanzig
Stunden hatten seine Nerven
aufgepeitscht. Eine Flut von Bildern
schoss ihm durch den Kopf.
Sie haben mich benutzt... halten sie
noch mehr Überraschungen bereit?
Matt erreichte die Werkstatt und
zwängte sich durch das Fenster hinein.
Er setzte den Notcontainer ab, holte die
Taschenlampe hervor und knipste sie
70
an. Da stand der Hummer-Jeep, noch
immer schwarz glänzend vor Öl, aber
äußerlich unbeschädigt bis auf die Teile
des Sitzes, die aus dem Ölbad geragt
hatten. Ob sich früher einmal ein
Stoffdach über dem offenen Wagen
gespannt hatte, ließ sich nicht mehr
erkennen.
Hinter ihm raschelte es. Matt fuhr
herum. Jandra war am Fenster. Der
Strahl seiner Lampe traf ihr Gesicht.
Ein eingefallenes, gelbliches Gesicht.
Die Lippen schienen im dünner als
gestern noch. In den Augen flackerte
es.
Das alles ist zu viel für das Kind. Es
wird zusammenbrechen...
Er half Jandra zum - Fenster hinein.
Dabei entdeckte er am Kasernentor
zwei Siragippen. Sie schienen zu
wittern.
Bullshit...
Matt sprang in die Mulde und
öffnete die Kühlerhaube. Die
Taschenlampe im Mund, riss er sich
einen Streifen aus seinem Unterhemd
und reinigte damit die Zündkerzen und
die elektrischen Kontakte vom Öl.
Dann zurück ans Fenster: Mittlerweile
schoben sich zehn, zwölf Siragippen
durch das Gestrüpp vor dem offenen
Kasernentor.
Matt schob Jandra auf den
Beifahrersitz und warf den
Notcontainer zu den acht Kanistern auf
die Ladefläche.
Hoffentlich enthielten sie überhaupt
Treibstoff; er hatte noch keine
Gelegenheit gefunden, es
nachzuprüfen. Er setzte sich hinter das
Steuer.
Der Schlüssel steckte. Er drehte ihn
um.
Nichts tat sich. Zurück zur offenen
Motorhaube. Seine Finger flogen über
Drähte, Zylinder, Verkabelungen.
Etwas prallte gegen das morsche
Holztor. Matt blickte hoch - an einer
Stelle löste das Holz sich auf. Grauer
Schaum tropfte hinein und floss an der
Innenseite des Tores herab. Sie
beschossen das Tor mit ihrer Säure!
Matt schlug die Kühlerhaube zu.
"Spring an!" Er brüllte laut. "Spring an,
du verdammtes .Mistding!"
Und das Wunder geschah. Gurgelnd
und rasselnd kam der Motor. Matt legte
den Rückwärtsgang ein, trat die
Kupplung durch, stemmte den Fuß
gegen das Gaspedal und ließ dann die
Kupplung los. Über die geriffelte
Rampe schnellte der Hummer aus der
Grube. Jandra schrie, als sie gegen die
Frontkonsole geschleudert wurde.
Mit dem Heck durchbrach der
Hummer das morsche Tor. Die Körper
der Siragippen schrammten an der
Karosserie vorbei. Ihre Schreie
schrillten dicht an der oberen
Hörgrenze. Matt riss das Steuer herum,
legte den ersten Gang ein und trat das
Gaspedal durch. Der Jeep schoss über
den Kasernenhof und pflügte durch die
Masse der heranstelzenden
Riesenspinnen.
"Er fährt!" schrie Matt. "Ich glaube
nicht! Wir sind gerettet, Jandra!
Gerettet...!" Er verstummte, als er
Jandras fiebrigen Blick sah.
Matt bog in die Ausfallstraße ein.
Der Militärjeep polterte durch
Schlaglöcher und über Wurzelstöcke.
Immer wieder blickte Matt besorgt zur
Seite, wo Jandra auf den Überresten
des Beifahrersitzes kauerte. Er sah, wie
sie zu zittern begann.
71
"Urgaza...", murmelte sie.
"Muma Urgaza..."
"Was sagst du da?"
Matt wurde es unheimlich zumute.
Irgendetwas stimmte nicht.
"Urgaza, Urgaza, Urgaza..." Immer
schneller sprach Jandra, immer lauter.
"Wer, zum Teufel ist, Urgaza ... .?"
"Urgaza!", schrie Jandra.
"Urgaza!
Orguudoo!"
Matt erstarrte. Diesen Namen
kannte er!
Erfuhr zu Jandra herum und sah,
wie sie sich anspannte. Ihr Gesicht war
zu einer furchterregenden Grimasse
geworden - gelblich, eingefallen, mit
glühenden, tief in den Höhlen
liegenden Augen.
Sie sah fast aus wie diese beiden
Mumientypen, die die Wulfanen
begleitet hatten! War sie etwa auch...?
Matt kam nicht mehr dazu, den
Gedanken zu Ende zu führen. Jandra
fiel ihn an wie eine Furie. Er musste
das Steuer loslassen, um sie
abzuwehren.
"Jandra! Was soll das?!"
Entsetzen bohrte sich in Matts Hirn
wie tausend Eissplitter.
Jandras weit aufgerissener Mund
zielte auf seinen Hals. Sie fauchte wie
eine der wilden Katzen. Ihr Körper
glühte durch das Kleid hindurch.
Matt wollte sie von sich
wegdrücken - und spürte, wie ihre
Fingernägel ihm den Hals aufrissen.
Der Anblick seines Blutes schien sie
noch wilder zu machen.
"Jandra!" Mit einer Hand griff er
wieder nach dem Steuer und brachte
den Jeep unter Kontrolle, mit der
anderen packte er sie an den Haaren
und zog ihr Gesicht von sich weg - eine
verzerrte gierige Grimasse. Wie ein
Hund fletschte sie die Zähne. Matt
fühlte den heißen Hauch ihres Atems
an seinem Hals.
Ganz unvermittelt blitzte das Bild
der toten Katze durch seine Gedanken.
Das Bild des toten Kindes mit der
durchgebissenen Kehle im Turm.
Und er begriff.
"Du warst es!"
Er riss das Knie hoch und traf sie
auf den Solarplexus.
"Du hast das Kind getötet!"
Jandra krümmte sieb vor Schmerz
und fiel auf den Beifahrersitz zurück.
Aber sie gab nicht auf. Mit
hasserfüllten Augen fixierte sie ihr
Opfer.
"Eja obidire Urgaza!",fauchte sie.
"Mordere, Maddrax!"
"Du gehörst zu ihnen!", erkannte
Matt.
"Du arbeitest mit diesem Wulfanenweib
zusammen!"
Mit einem Fauchen warf sich Jandra
erneut auf ihn. Zumindest wollte sie es.
Matt zog den Jeep in eine enge
Kurve und klammerte sich dabei am
Lenkrad fest.
Die plötzlichen Fliehkräfte
schleuderten Jandra herum.
Sie prallte mit dem Kopf gegen das
Gestänge des Beifahrersitzes und war
für einen Moment benommen.
Matt nutzte die Chance. Er nahm
den rechten Fuß vom Gas, schwang das
Bein hoch und traf Jandra in die Seite.
Mit einem letzten Kreischen flog
die Zehnjährige aus dem Fahrzeug,
prallte hart auf einen Trümmerberg;
überschlug sich mehrmals und blieb
schließlich liegen.
72
Matthew Drax schaute nicht zurück.
Er hatte genug damit zu tun, den Weg
voraus zu erkennen durch die Tränen,
die ihm in die Augen schossen...
Baloor zwang seinen Frekkeuscher,
auf dem von Efeu und Wein
eingesponnenen Pilzturm zu landen. Er
kletterte vom Rücken des Reittieres
und legte sich bäuchlings auf das
moosige Dach. Drei, vier Speerwürfe
entfernt sah er eine Staubwolke über
den Ruinen der Halle aufsteigen. Die
Gejagudoo griffen immer noch an. Gut
so!
Doch dann erkannte der
Göttersprecher, dass sie die Falschen
angriffen. Diese einfältigen Wulfanen
hatten sich eingemischt und zogen die
Gejagudoo auf sich! Baloor ballte in
fanatischer Wut die Fäuste und presste
sie gegen seine schweißnasse Stirn.
"Orguudoo!" brüllte er. "Herr der
finsteren Tiefe! Wann soll deine Stunde
kommen, wenn nicht jetzt!? Schicke
das Verderben über die Anhänger des
falschen Gottes!"
Unter ihm vibrierte das Dach. Der
Turm schwankte, und im ersten
Moment fürchtete Baloor, die
irregeleiteten Gejagudoo würden nun
auch ihn selbst angreifen. Doch es war
sein Frekkeuscher, der hinter ihm mit
den Flügeln schlug und schließlich
abhob. Er segelte über die Hallendächer
auf den Wald zu. Baloor sah ihm
wütend hinterdrein. Seine blutleeren
Lippen zuckten.
Dann fiel ihm auf, dass der Turm
immer noch schwankte! Gleichzeitig
rumorte die Erde wie fernes
Donnergrollen. Etwas näherte sich.
Unterirdisch. Und unaufhaltsam...
Matts Hände krampften sich um das
ölverschmierte Lenkrad. Mit
brennenden Augen starrte er voraus.
Die Kratzwunde. an seinem Hals spürte
er kaum. Der Schock saß tief.
Ausgerechnet Jandra hatte ihn töten,
ihm das Blut aussaugen wollen wie ein
Vampir! Ausgerechnet sie, die ihm wie
ein Lichtblick in dieser barbarischen
feindlichen Welt erschienen war! Er
konnte es immer noch nicht fassen.
Mit über achtzig Stundenkilometern
raste der Hummer-Jeep dahin. Die
stabile schnörkellose Konstruktion
bewältigte spielend alle Bodenunebenheiten.
Matt hatte sich den Notcontainer
auf den Rücken geschnallt, um die
fehlende Polsterung der Rückenlehne
auszugleichen. Wenn nur die Reifen
hielten! Es war ohnehin ein Wunder,
dass sie, luftdicht in Öl gelagert, die
Zeiten überdauert hatten.
Da sie dabei nicht einmal Luft
verloren hatten, vermutete Matt, dass
sie aus Plastiflex gefertigt waren, einem
neuartigen widerstandsfähigen
Vollgummi, der den Reifendruck durch
Myriaden winzigster Luftbläschen
aufrecht erhielt. Lag er richtig, würde
er diese Reifen niemals aufpumpen
müssen.
73
In der .Ferne tauchten die von
Gestrüpp bedeckten Dächer der
Flughallen und Hangars auf. Matt
stutzte, als er eine Staubwolke über den
Trümmern aufsteigen sah. Was war da
los? Ein Angriff?
Schließlich bog er auf das Flugfeld
ein. Und erblickte das Chaos, das die
Gejagudoo unter den fliehenden
Wulfanen anrichteten. Matt versuchte
Mitglieder aus Sorbans Horde
auszumachen und entdeckte einige auf
einem nahen Dach. Durch den
Dunstschleier glaubte er sogar Aruulas
hüftlanges Haar zu erkennen.
Erleichterung wallte unwillkürlich in
ihm auf.
Aber das Aufatmen währte nicht
lange.
Plötzlich zerplatzte das ehemalige
Flugfeld keine zweihundert Schritte
von der Halle entfernt, auf der die
Horde Zuflucht gefunden hatte.
Gesteinsbrocken, Erde und Büsche
schossen in die Luft.
Ein gewaltiger schwarzer Koloss
wühlte sich aus dem Boden. Gut sechs
Meter hoch erhob sich sein
wurmartiger Körper über den Platz,
klatschte dann flach auf den Boden und
schob sich auf die Hallen zu.
Matt vergaß zu atmen.
Dieses Monstrum musste ein
Muttertier sein. Ein Muttertier der
Gejagudoo...!
Es war mindestens fünfzehn Meter
lang und hatte einen Durchmesser von
knapp vier Metern.
Obwohl er wusste, dass er in sein
Verderben fuhr, hielt Matthew Drax
weiter auf die Bestie zu. Vielleicht war
er auch einfach nur zu schockiert, um
die Richtung zu wechseln.
Das Muttertier richtete sich auf, bis
sein Kopf über der Dachkante
schwebte. Dann ließ es sich fallen.
Die Erde bebte. Und die Halle brach
zusammen! Vier Frekkeuscher
schwirrten vom Dach. Matt hörte die
Schreie von Sorbans Leuten. Wie viele
von ihnen hatten sich mit den
Riesenheuschrecken retten können?
Endlich stieß Matts Fuß das
Bremspedal bis zum Bodenblech durch.
Der Jeep kam schlingernd zum Stehen,
nur zehn Meter von dem Ungetüm
entfernt. Matt sprang heraus, zog die
Beretta 98 G und feuerte auf das
Ungetüm. Mit dem einzigen Erfolg,
dass es nun auf ihn aufmerksam wurde.
.
Das Muttertier warf seinen
gigantischen Körper herum. Matt
spurtete los. Aber wohin? In eine der
Hallen? Zwecklos. Die Bestie würde
die Ruine zertrümmern und ihn
aufspüren.
Der Tower rückte in sein Blickfeld.
Er hielt darauf zu. Seine Lungen
brannten, der Container auf seinem
Rücken schien mit Blei gefüllt.
Der Container...!
Der Plastiksprengstoff!
Der Boden unter Matts Stiefelsohlen
schwankte. Über die Schulter
blickte er zurück.
Das Monstrum war schon bis auf
einen Steinwurf weit heran. Sein
Körper zog sich zusammen, wölbte sich
in die Luft, streckte sich aus und prallte
aufs Flugfeld zurück.
Matts forcierte sein Tempo. Er
spürte kaum noch, dass seine Füße den
Boden berührten.
Der Tower verschwamm vor seinen
Augen.
74
Renn, wenn du leben willst!
Mit dreißig Metern Vorsprung
erreichte er den Eingang des Towers.
Er riss sich den Container vom Rücken,
brach mit zitternden Händen ein
zweites Drittel aus dem
Plastiksprengstoff und bohrte den
Zünder hinein. Das Muttertier kam
näher. Weniger als zwanzig Meter
trennten es noch von ihm.
Matt drehte die Spitze des Zünders,
stellte ihn auf zehn Sekunden. Das
Monster richtete sich vor ihm auf. Sein
Schatten fiel über ihn. Fauliger Atem
drang aus dem zerfransten Maul wie
ein Pesthauch.
Matt wandte sich um und klatschte
die knetgummiartige Masse von innen
gegen die Wandung des Towers. Ihm
blieb keine Zeit mehr, die statisch
günstigste Stelle zu ermitteln. Aber mit
etwas Glück...
Er spurtete los, direkt auf das
Muttertier zu - und an ihm vorbei. Und
während die Bestie noch überrascht
innehielt und ihren massigen Körper zu
drehen versuchte, warf er sich hinter ihr
in Deckung.
Der Himmel schien in einem
Lichtblitz zu vergehen. Ein scharfer
Knall ertönte, dann ein urgewaltiges
Dröhnen, als der Tower einknickte und
sich langsam neigte. Matt rollte sich
weiter über den Boden. Trümmerstücke
schlugen rechts und links von ihm ein.
Staub drang in seine Lungen.
In das Dröhnen mischte sich ein
Schrei - nein, zwei Schreie! Der eine
röhrend und feucht und animalisch, der
zweite schrill und... menschlich?
Noch halb benommen, rappelte
Matthew sich auf und sah sich um. An
der Stelle, wo eben noch der Tower
gestanden hatte, senkte sich nun eine
Staubwolke auf einen Trümmerberg.
Matt erkannte den von Staub grau
gepuderten reglosen Schwanz des
Monstrums. Es war tot.
Genau wie der in Leder gehüllte
Mann, der mit gebrochenen Gliedern
zwischen dem Schutt lag und Matt aus
blinden Augen anstarrte. Baloor war zu
seinen Göttern gegangen...
Zwölf Mitglieder der Horde waren
mit dem Leben davongekommen.
Einschließlich Sorban und Aruula. Die
Gejagudoo hatten nach dem Tod ihres
Muttertiers den Angriff abgebrochen.
Wenn Wulfanen überlebt hatten, so
waren sie geflohen. Die Horde hatte
keinen der Fischköpfe mehr zu Gesicht
bekommen.
Am Abend hockten sie um ein
Feuer. Stille herrschte; zu frisch waren
noch die Schrecken des Angriffs in den
Köpfen der Menschen. Aruula saß
neben Matt und hatte ihre Hand auf die
seine gelegt.
Sorban brach schließlich das
Schweigen. Aruula dolmetschte sein
heiseres Brummen. "Baloor ist tot:
Muttertier der Gejagudoo ist tot: Aber
die Wulfanen leben. Dieses Land ist
verlassen von den Göttern. Wir werden
auf anderem Weg zurück zum
Südstrom ziehen."
"Ich komme nicht mit", sagte Matt.
"Ich muss meine Gefährten suchen.
Mein Weg führt weiter nach Süden."
75
Aruula übersetzte. Sorban nickte
stumm.
Dann sah sie Matt an. "Ich gehe mit
dir, Maddrax."
Die halbe Nacht lang redete Sorban
auf Aruula ein, doch sie blieb bei ihrem
Entschluss. "Ich habe meine Wahl
getroffen", sagte sie. Und Matt wusste,
dass sie nicht von der Wahl eines
Weges sprach.
Kurz nach Sonnenaufgang luden sie
ihre Sachen in den Jeep. Es war ein
stummer Abschied. Aruula ging von
einem zum anderen und umarmte ihn.
Tränen flossen. Sorban wandte sich ab,
während sie in das Gefährt stiegen.
Aruula klammerte sich an den Fellen
fest, mit denen sie die Vordersitze
umkleidet hatten. Der "Götterwagen"
war ihr nicht geheuer, doch sie ließ es
sich nicht anmerken.
Ein milder Wind blies von Süden
her über das Gebirge, als sie
aufbrachen.
Ende
(c) Warlord Gor / Waldschrat
76
Rom sehen und Sterben
Von Timothy Stahl
In der Nähe von Rom stößt Matt auf die Überreste des zweiten Jets.
Die Stadt macht einen zivilisierten Eindruck, doch falsche Götter
herrschen grausam über das Volk. Mit mutierten Früchten züchten sie
sich hirnlose Gladiatoren heran.
Auch der Pilot Irvin Chester fiel ihnen
in die Hände.
Als Matthew in Gefangenschaft gerät,
findet er ihn in den Katakomben unter
dem Kolosseum. Mit Hilfe eines
Mannes, dessen Familie von den
"Göttern" umgebracht wurde, bereiten
Matt und Aruula, die selbst von den
Früchten isst, um ihre Kräfte zu
steigern, der Tyrannei ein Ende.
Chester aber ist nicht zu retten; sie
können ihm nur noch einen gnädigen
Tod gewähren.
Labels: Waldschrat, Warlord Gor

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