gescanned by Waldschrat“ “bearbeitet von Tecko“
Band 4
Die Ausgestoßenen
gescanned by Waldschrat“
“bearbeitet von Tecko“
Band 4
Die Ausgestoßenen
...der strohblonde Junge, der durch das kniehohe Gras
taumelte ,war am Ende Seiner Kräfte. Seine Lungen brannten
bei jedem Atemzug wie Feuer, trotzdem rannte er verzweifelt
weiter.
Er musste Hilfe finden sonnst war seine Familie verloren.
Der Gedanke an die unheimlichen Verfolger trieb Arak voran,
d doch irgendwann versagten ihm die Beine den Dienst.
Er stolperte und schlug lang hin. Die karge Landschaft
drehte sich vor seinen Augen. Keuchend blieb er zwischen
den hohen Halmen hocken, damit sich der Wirbel in
seinem Kopf klären konnte.
Plötzlich ein verdächtiges Rascheln. Erschrocken sah der Junge
hoch. Sein Blick war noch zu verschwommen, um mehr als ein
paar diffuse Schemen auszumachen trotzdem wusste er sofort,
dass sie ihn eingeholt hatten..
Auch als sich Araks Blick klärte, verloren die
unförmigen Schatten nichts von ihrem
Schrecken. Im Gegenteil. Mit jedem nervösen
Lidschlag konnte er deutlicher erkennen, wie
ihn die grunzenden Wesen einkreisten.
Ihre deformierten Schädelformen ließen
ebenso auf eine Art großer Menschenaffen
schließen wie die ungelenken Bewegungen, mit
denen sie die langen Arme in gebeugtem Gang
hin und her schwangen. Nur die zerfetzte
Kleidung an ihren behaarten Körpern deutete
an, dass sie mehr waren als primitive Primaten.
Schaukelnd wankten sie heran und
trommelten herausfordernd mit den Fäusten auf
ihre Brustkörbe. Der Anführer der Horde hielt
eine gebogene Eisenstange in den Händen und
schlug damit drohend auf den Erdboden. Der
dumpfe Blick seiner blutunterlaufenen Augen
machte deutlich, dass der zitternde Junge keine
Gnade von ihm und seinen Artgenossen zu
erwarten hatte.
Als Arak sah, dass sich der Kreis der
Affenmenschen immer enger um ihn schloss,
setzten sich seine erschöpften Beine wie von
selbst in Bewegung. Panisch sprang er in die
Höhe und versuchte zur Seite auszubrechen.
Vielleicht befand sich hinter der nächsten
Anhöhe eine Siedlung, in der er Hilfe finden
konnte!
Obwohl der Junge wusste, wie gering die
Chance war, hielt er direkt auf eine Lücke zu,
die zwischen zwei grunzenden Affenmenschen
klaffte.
Trotz ihres gebeugten Gangs waren die
Affenmenschen schneller als Araks
Fluchtinstinkte. Mit einem angriffslustigen
Fauchen ließ sich einer der Halbaffen nach vorn
fallen und stürmte los. Er pflügte eine breite
Schneise in das Gras, um dem Fliehenden den
Weg zur Anhöhe abzuschneiden.
Arak mobilisierte seine letzten Kraftreserven.
Die Beine flogen über den harten Boden, als
wären seine Kräfte nicht längst durch die lange
Flucht verausgabt. Tatsächlich gelang es ihm,
an dem heranstampfenden Affenmenschen
vorbeizukommen, bevor der seinen Weg
kreuzten konnte. Die plumpe Gestalt versuchte
noch, Arak zu packen, doch seine behaarte
Pranke schlug ins Leere.
Doch Araks Triumph war nur von kurzer
Dauer. Nur wenige Schritte weiter schoss ein
dunkler Schatten von der anderen Seite heran
und verkrallte sich in seine Beine.
Erneut stürzte der Junge zu Boden. Diesmal
konnte er sich nicht wieder aufrichten, denn der
zweite Affenmensch umklammerte seine
Unterschenkel mit eisernem Griff.
Die nackte Angst vervielfachte Araks
Kräfte. Wütend trommelte er, mit den Fäusten
auf den Affenmenschen ein, doch der massige
Gegner nahm die Schläge, die auf Nacken und
Gesicht niederprasselten, ohne jede sichtbare
Gefühlsregung hin.
Resigniert sank Arak zurück und
umklammerte den schwarzen Stein- splitter, den
er an einem blau gefärbtes Lederband um den
Hals trug. So aussichtslos, wie die Lage war,
konnte er nur noch auf die Hilfe seines Amulett
hoffen! Er wollte gerade ein verzweifeltes
Stoßgebet zum Himmel schickern als sich seine
Sicht verdunkelte.
Ein halbes Dutzend Affenmenschen sammelte
sich um den am Boden liegenden Jungen und
starrte hasserfüllt auf ihn hinab. Trotz ihrer
Drohgebärden hielten die grobschlächtigen
Gestalten respektvoll einen Schritt Abstand zu
ihrem Gefangenen. Selbst der verwachsene
Muskelprotz, der Arak zu Fall gebracht hatte,
sprang wieder in die Höhe. Fast so, als würde er
sich vor einem längeren Kontakt mit ihm
fürchten.
Einen Moment lang wirkte es, als wenn die
Affenmenschen davor zurückschreckten, den
Jungen zu verletzen. Dann erkannte Arak, dass
sie nur auf jemanden warteten.
Dann trat der Anführer mit der Eisenstange in
den Kreis. Knurrend schwang er die primitive
Waffe über seinen zotteligen Kopf.
Ängstlich klammerte sich Arak an das
scharfkantige Amulett, bis ein feiner Blutstrom
zwischen seinen Fingern hervorsickerte. Ohne
die Lippen .zu bewegen, sandte er einen
verzweifelten Hilferuf aus.
Matthew Drax stemmte sich mit aller Kraft
gegen das Armaturenbrett des schaukelnden
Militärjeeps, der über die mit Schlaglöchern
gespickte Sandpiste holperte. Mit zweifelndem
Blick sah er zu Aruula hinüber, die sich
verbissen am Lenkrad festklammerte, während
sie das Gaspedal des Hummer-Jeeps bis zum
Anschlag durchdrückte.
»Schalten! Du musst schalten!« rief Matt
seiner in Rattenfelle gehüllten Gefährtin zu. Er
hatte große Mühe, das Heulen des Motors zu
übertönen, der im dritten Gang hoffnungslos
überdrehte.
Trotzdem schien ihn Aruula zu hören. Ohne
den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, trat sie die
Kupplung mit links durch und stieß den
Schalthebel kraftvoll nach vorne, als wollte sie
ihr blankes Schwert in einen Gegner treiben.
Kreischend fügte sich das Getriebe den
brutalen Handgriffen der Fahrerin.
Matt hätte sich am liebsten die Ohren
zugehalten, doch er zog es vor, sich weiter mit
beiden Händen abzustützen, um nicht mit dem
Kopf irgendwo anzustoßen. In diesem Moment
vermisste er schmerzlich die Sicherheitsgurte,
deren textile Grundstruktur im Laufe der letzten
Jahrhunderte zerfallen war, während die
übrigen Fahrzeugteile den langen Aufenthalt in
der gefüllten Ölgrube recht gut überstanden
hatten.
Als Aruula die Kupplung schlagartig kommen
ließ, stemmte sich Matt mit aller Kraft gegen
die bockenden Bewegungen des Jeeps.
»Fuß vom Gas!« brüllte er, während ihn die
plötzliche Beschleunigung wieder in den Sitz
drückte. Gehorsam verringerte die Barbarin die
Geschwindigkeit, während sie das Steuer
krampfhaft umklammerte, um den Jeep in der
Spur zu halten. Triumphierend blickte sie sich
zu Matt um.
»Ich glaube, ich begriffen, wie funktioniert«,
erklärte sie stolz.
Der Pilot nickte gequält, bevor er antwortete:
»Sieh bitte nach vorn und versuch diese
Geschwindigkeit einige Zeit zu halten.«
Enttäuscht von seiner kühlen Reaktion blickte
die Barbarin geradeaus und bretterte absichtlich
durch zwei tiefe Schlaglöcher, so dass Matt
erneut in seinem Sitz hin und her geschleudert
wurde.
Angesichts der Schmerzen in seinem
.Steißbein bereute es Matt inzwischen, dass er
vorgeschlagen hatte, Aruula das Auto fahren
beizubringen. Er hatte gedacht, dass sie in
Zukunft schneller voran kamen, wenn sie sich
am Steuer des Jeeps abwechseln konnten.
Außerdem wollte er die Barbarin von den
letzten Entzugserscheinungen ablenken, die von
dem Genuss der mutierten Früchte in Rom
herrührten.
Doch offensichtlich hatte er ihre Fähigkeiten
überschätzt. Auch nach stundenlangem Üben
fehlte ihr jegliches Feingefühl im Umgang mit
der Technik. Sie behandelte die Maschine
immer noch wie ein Reittier, dem sie ihren
Willen aufzwingen wollte.
Aber vielleicht musste Matt ihr einfach nur
mehr Zeit geben.
Schließlich bedeutete das Wissen um einen
Verbrennungsmotor für Aruula einen
Kultursprung, als würde man einem
mittelalterlichen Landsknecht einen
Rasierapparat in die Hand drücken. Als Mensch
des beginnenden 21. Jahrhundert war es für
Matthew natürlich viel einfacher, sich auf die
Kulturstufe dieser Epoche einzustellen. Obwohl
es gewiss nicht leicht gewesen war zu
akzeptieren, dass quasi von einer Minute auf die
andere seine gewohnte Umgebung dieser
Alptraumwelt gewichen war. Wie das
geschehen konnte, darauf hatte Matt Drax auch
nach acht Wochen noch keine logische Antwort
gefunden.
Auf anderen Gebieten dagegen bewies die
schöne Barbarin, die ihn nach wie vor
»Maddrax« nannte, eine überdurchschnittliche
Intelligenz, die sie weit über ihre Mitmenschen
heraushob. So erlernte sie die englische Sprache
wesentlich schneller, als Matt sich den
primitiven und aus allerlei alten Sprachen
zusammengesetzten Wortschatz der Barbaren
aneignen konnte.
Vermutlich hing ihre schnelle
Auffassungsgabe mit den telepathischen
Fähigkeiten zusammen, die er schon einige
Male an ihr beobachtet hatte. Es schien fast, als
würde sie den Sinn seiner Worte spüren.
Nein, dumm war seine schöne Reisegefährtin
sicherlich nicht. Trotzdem musste er aufpassen,
dass er sie nicht durch zu große Erwartungen
überforderte. Derart milde gestimmt, verfolgte
Matt, wie Aruula den Jeep in gleichbleibender
Geschwindigkeit auf dem kaum
wahrnehmbaren Pfad nach Norden hielt.
Dort hoffte er Colonel Hank Williams zu
finden, der sich in diese Richtung
durchschlagen wollte. Zumindest hatte das
Captain Irvin ehester behauptet, bevor er als
Gladiator im Kolosseum von Rom
umgekommen war.
Bei dem Gedanken an den Tod seines
Kameraden wurde der ehemalige US-Pilot von
Gewissensbissen geplagt, obwohl der Captain
Aruulas Schwerthieb wie eine Erlösung
empfangen hatte.
Um sich von seinen düsteren Erinnerungen
abzulenken, drehte sich Matt zu den sechs
Reservekanistern um, die auf der Ladefläche
des Jeeps aufgestapelt waren. Hoffentlich
reichte das Benzin, das im Inneren der
olivgrünen Blechbehälter schwappte, bis er
Williams oder einen anderen Kameraden seiner
Staffel gefunden hatte. Gemeinsam würden es
die Piloten viel einfacher haben, sich in dieser
lebensfeindlichen Umwelt zu behaupten, in der
sie offenbar durch einen Zeitsprung gelandet
waren.
»Was ist? Habe ich falsch gemacht?«
erkundigte sich Aruula, die seinen zweifelnden
Gesichtsausdruck auf ihre Fahrkünste bezog.
Matt sah überrascht auf, bevor er den Kopf
schüttelte.
»Ich habe nur überlegt, wie lange wir noch
mit unserem Kraftstoff auskommen«, erklärte
er.
»Du meinst Nahrung für Wagen?« Die junge
Frau wandte sich neugierig um. Unbewusst
verzog sie dabei das Lenkrad, so dass sie von
dem Festgewalzten Teil des Weges abkam.
Sofort sackte das rechte Vorderrad in ein derart
tiefes Schlagloch, dass das Fahrgestell auf den
Boden aufschlug. Die Erschütterung war so
stark, dass Matts Unterkiefer nach oben schlug.
Das Klappern der Zähne wurde nur noch von
den aneinander schlagenden Reservekanistern
übertönt, die hinter ihm ins Rutschen kamen.
»Vor allem rede ich von der leicht
entzündlichen Flüssigkeit, die uns bald um die
Ohren fliegt, wenn du dich nicht auf die Straße
konzentrierst!« antwortete er gereizt.
Aruula sah erschrocken nach vorne» während
sich ihre Hände so stark ums
Lenkrad krampften, dass die Adern an ihren
durchtrainierten Oberarmen hervortraten.
»Ist nicht meine Schuld, wenn Wagen nicht
mitdenkt«, brummte sie eingeschnappt. Im
Inneren schmerzte es sie jedoch, dass sie
Maddrax Erwartungen nicht erfüllen konnte.
Sie bewunderte den Fremden für sein Wissen
um die Geheimnisse der Vergangenheit.
Inzwischen hatte sie akzeptiert, dass er kein
Gott war, sondern nur ein Mensch. Trotzdem
spürte sie immer wieder seine Überlegenheit,
die ihr schmerzlich aufzeigte, wie begrenzt ihr
eigener Horizont verlief.
Verbissen starrte sie auf die Sandpiste vor
sich, die im Lauf der Jahre von unzähligen
Fuhrwerken durch das hohe Steppengras
gewalzt worden war. Sie wollte sich keinen
weiteren Fehler erlauben, deshalb umfuhr sie
nun selbst die kleinste Unebenheit.
Matt taten seine scharfen Wort inzwischen
leid. Er hatte sich doch gerade erst
vorgenommen, geduldiger mit Aruula zu sein!
»Wenn die Kanister zu fest
aneinanderschlagen, könnte ein Leck
entstehen«, erklärte er seine Zurechtweisung
mit beschwichtigenden Worten. »Und
ausgelaufenes Benzin ist sehr gefährlich. Wenn
es sich entzündet, brennt der ganze Wagen
aus.«
Aruula nickte, ohne den Blick von der Strecke
zu nehmen, während Matt die
unterschiedlichsten Gründe aufführte, aus denen
es zu einer Explosion kommen konnte. Die
mental begabte Barbarin spürte, dass sein
Redefluss eine indirekte Bitte um Verzeihung
war, deshalb hörte sie ihm lächelnd zu, obwohl
sie nur die Hälfte seiner Erklärungen verstand.
Während sie sich äußerlich völlig auf die
rasante Fahrt konzentrierte, lauschte sie mit
ihrem inneren Sinn vorsichtig in Matts
Gedanken, so dass sich seine Kommentare zu
flüchtigen Bildern formten. Aruula genoss die
fremde Welt, die ihr so geboten wurde, ohne
dass Maddrax etwas von ihren heimlichen
Beobachtungen bemerkte. Die Barbarin war so
vertraut mit ihren natürlichen Fähigkeiten, dass
sie sich etwas entspannte.
Eine Weile folgte sie einfach dem Weg nach
Norden, doch plötzlich wurden ihre offenen
Sinne von etwas Lautem, Verzweifeltem
überschwemmt.
HILFE!
Der Ruf war so laut, dass sich die Botschaft
wie ein glühendes Eisen in ihren Kopf brannte.
Verwirrt suchte Aruula die Umgebung ab, doch
sie konnte nicht erkennen, woher der Schrei
gekommen war.
Gott des Steins, hilf mir! Sie wollen mich
töten!
Die Worte dröhnten so laut in ihrem Kopf,
dass Aruula fürchtete, er würde ihr platzen.
Bildfetzen schossen mit solcher Gewalt durch
ihren Verstand, dass sie die vor ihr liegende
Straße nicht mehr richtig sehen konnte.
Nie zuvor hatte sie fremde Gedanken so laut
und deutlich gehört!
Der Kontakt war so stark, dass sie Übelkeit in
sich aufsteigen spürte. Instinktiv nahm sie den
Fuß vom Gas und trat das Bremspedal bis zum
Anschlag durch.
Matt wurde von der Vollbremsung derart
überrascht, dass er sich nicht mehr rechtzeitig
abstützen konnte. Er flog über das
Armaturenbrett hinweg und krachte gegen die
hochgestellte Windschutzscheibe, die unter
seinem Gewicht nach vorne klappte. Zum
Glück hielt das Plexiglas dem Aufprall auf der
Motorhaube stand.
Stöhnend schob sich Matt zurück in den Sitz.
Mühsam schluckte er einen
Fluch hinunter und knurrte: »Was ist los?
Willst du mich umbringen?«
Seine Worte hallten laut über die sie
umgebende Steppe, denn nachdem Aruula den
Motor abgewürgt hatte, war es totenstill
geworden.
Statt ihm zu antworten, sank Aruula im
Fahrersitz zusammen und nahm den Kopf
zwischen die Knie. Matt dachte im ersten
Moment, dass die Barbarin weinen würde.
»Hey, so war das nicht gemeint«,
beschwichtigte er im sanften Ton. Dann
erkannte er, dass die Barbarin nur eine Position
eingenommen hatte, in der sie ihre
telepathischen Fähigkeiten besser nutzen
konnte. »Hörst du irgendwas?« erkundigte er
sich neugierig.
Die Barbarin konnte seine Frage nicht
verstehen, denn sie war längst in eine Trance
abgetaucht. Der Kontakt mit den fremden
Gedanken bereitete ihr Schmerzen, doch
nachdem sie sich, auf die ungewöhnlich starke
Intensität eingestellt hatte, formten sich die
wirren Bildfetzen zu einer klaren Szene.
Plötzlich spürte sie kindliche Furcht, in sich
aufsteigen. Ihre Knie begannen zu zittern,
während sie in deformierte Gesichter sah, die
hasserfüllt auf sie niederblickten. Eine Art
Halbaffe schwang eine gebogene Stange in den
haarigen Händen und prügelte damit auf sie ein!
Obwohl Aruula nur die Emotionen eines
Fremden erlebte, spürte sie den folgenden
Schlag, als wenn ihre eigenen Rippen getroffen
würden. Anschließend hämmerte ihr etwas auf
Oberarm und Kopf, dann brach die Verbindung
ab.
Mit schweißnasser Stirn fuhr Aruula in die
Höhe. Entsetzen würgte sie, als sie daran
dachte, was dem Opfer gerade angetan wurde.
»Was ist los?« riss Matt sie aus ihren
Gedanken.
»Wir müssen helfen!« antwortete sie
abgehackt. »Dort drüben!« Dabei deutete sie
auf eine Grasbewachsene Anhöhe, die nur einen
Speerwurf entfernt von der Landstraße verlief.
Die Todesangst des Fremden war wie ein
unsichtbares Signal, das ihr den Weg zum
Schauplatz des Angriffs wies.
»Okay, vielleicht sollte ich jetzt das Steuer
übernehmen«, bot Matt an, doch Aruula hatte
schon den Zündschlüssel herumgedreht und den
ersten Gang eingelegt.
Jetzt, wo sie mit den Gedanken bei dem
hilflosen Opfer war, liefen ihre Handbewegungen
ganz automatisch ab. Ehe sich
Matt versah, riss sie das Lenkrad herum und
raste mit durchdrehenden Reifen los. Holpernd
pflügte sie durch das kniehohe Gras und
schaltete mit traumwandlerischer Sicherheit
immer höher. Ein mulmiges Gefühl stieg in
Matt auf, als er sah, mit welcher
Geschwindigkeit das Fahrzeug die Anhöhe
empor jagte.
»Nicht so schnell!« brüllte er Aruula zu. »Auf
der anderen Seite geht es auch wieder abwärts!«
Da schoss der Jeep auch schon über die
Hügelkuppe hinweg!
Die durchdrehenden Räder schwebten einige
Sekunden lang in der Luft, bevor sie in das
Grasmeer eintauchten und krachend auf dem
Boden schlugen.
Matt hatte alle Mühe, sich im Sitz zu halten,
während er von der ächzenden Federung wieder
in die Höhe geschleudert wurde.
Er wollte sich gerade über Aruulas
halsbrecherische Fahrweise auslassen, als er
sah, warum sie es so eilig hatte.
In knapp zwanzig Metern Entfernung
prügelten mehrere brutale Kerle auf einen am
Boden liegenden Jungen ein, der sich wie ein
Embryo zusammengerollt hatte, um sich gegen
die Schläge zu schützen.
Während der Jeep auf die Gruppe zuraste,
erkannte Matt, dass es sich bei den
grobschlächtigen Männern nicht um
gewöhnliche Menschen handelte.
Ihre gesamte Physiognomie wirkte seltsam
deformiert, oder besser gesagt: degeneriert. Ja,
bei genauerer Betrachtung ähnelten diese
Männer den Abbildungen von
Steinzeitmenschen, wie sie Matt aus diversen
Büchern kannte!
Was an sich unmöglich war! Selbst wenn die
Menschheit durch den Meteoriteneinschlag in
ihrer Zivilisation zurückgeworfen worden war -
die Evolution selbst hatte die Katastrophe
bestimmt nicht umkehren können.
Was Matt beim Anblick dieser
»Neandertaler« außerdem störte, waren die
zerfetzten Kleidungsstücke, die sie trugen.
Doch er hatte keine Zeit mehr, den Gedanken
weiter zu verfolgen. Ohne die Geschwindigkeit
zu verringern, raste Aruula weiter auf die
Steinzeitmenschen zu. Sie wollte dem hilflosen
Jungen so rasch wie möglich beistehen, deshalb
trat sie erst im letzten Moment auf die Bremse.
Die Affenmenschen hatten inzwischen von
ihrem Opfer abgelassen und starrten
erschrocken auf das dröhnende Ungetüm, das
wie ein Raubtier auf sie zugeschossen kam.
Die Bremsscheiben des Jeeps protestierten
kreischend gegen Aruulas Vollbremsung. Die
Räder blockierten und rutschten über das Gras
hinweg. Genau auf zwei Affenmenschen zu!
Augenblicke später wurden sie mit stählerner
Wucht erfasst und über die Motorhaube durch
die Luft gewirbelt. Brechende Knochen
übertönten das Geräusch des absterbenden
Motors.
Matt verspürte einen Moment lang Mitleid
mit den überfahrenen Kreaturen, doch der
Anblick des hilflosen Jungen erinnerte ihn
daran, dass Aruula keine andere Wahl hatte.
Wenn sie gegen diese animalische Horde
bestehen wollten, mussten sie rücksichtslos
vorgehen.
Sekunden später zeigte sich, dass er die
bedrohliche Lage sogar noch unterschätzt hatte.
Die primitive Steinzeitmenschen zeigten sich
nämlich vom Auftauchen des Jeeps nicht
sonderlich beeindruckt. Wie auf ein unhörbares
Kommando hin stürmten sie auf das Fahrzeug
zu und schüttelten dabei drohend ihre behaarten
Fäuste.
Matt wollte sich gerade aus dem Jeep
schwingen, als der vorderste Angreifer bereits
das Fahrzeug erreichte. Blitzschnell riss der
Pilot die Füße hoch, stemmte sich gegen den
Rahmen des Jeeps und rammte dem
Neandertaler die Absätze seiner Kampfstiefel
ins Gesicht.
Der Schädel des Affenmenschen flog in den
Nacken, während sein Nasenbein unter dem
harten Aufprall zerbrach. Trotz des Tritts wich
der Hüne nicht einen Zentimeter zurück. Er
schüttelte nur grunzend den Kopf, als wollte er
eine lästige Fliege verscheuchen - dann stellte
er sich erneut zum Kampf.
Doch Matt hatte die kurze Zeitspanne genutzt,
um sich einen festen Standplatz zu sichern.
Bevor der Affenmensch die Initiative
übernehmen konnte, feuerte er bereits zwei
schnelle Gerade ab, die das wuchtige Gesicht
des Halbaffen trafen - wieder ohne eine
sichtbare Wirkung zu hinterlassen. Alles was er
erreichte war, dass der Neandertaler wütend
aufkreischte und ihm mit beiden Pranken vor
die Brust schlug. Der Stoß traf Matt wie eine
Dampframme und schleuderte ihn nach hinten.
Hart prallte er mit dem Rücken auf den
Boden, während der Neandertaler nachsetzte
und seine langen Arme wie Dreschflegel durch
die Luft kreisen ließ. Die behaarten Fäuste
hagelten wie Hammerschläge auf Matthew
nieder, so dass er keine Gelegenheit fand, sich
zu erheben.
Zu allem Überfluss kamen jetzt auch noch
weitere Affenmenschen heran. Gegen diese
Übermacht hatte er keine Chance!
Matt blieb nichts weiter übrig, als einen
schnellen Rückzug anzutreten. Mit einem Tritt
verschaffte er sich Luft und rollte zur Seite,
direkt unter den Jeep. Die haarigen Wesen
waren so erstaunt über sein plötzliches
Verschwinden, dass sie einen Moment lang
ratlos dastanden.
Matt kroch inzwischen auf der Fahrerseite
unter dem Chassis hervor und sprang in die
Höhe. Nur einen Meter entfernt stand Aruula
mit dem Rücken zu ihm. Die Barbarin hatte ihr
Schwert von der Rückbank des Jeeps geklaubt
und wirbelte die scharfe Klinge durch die Luft,
um sich gegen zwei Neandertaler zu wehren.
Einer der ungeschlachten Gestalten stand der
rechte Arm in unnatürlicher Stellung vom
Körper ab, trotzdem sprang er auf Aruula zu
und schlug mit einem Stein nach ihr.
Matt konnte es nicht glauben. Der Angreifer
gehörte zu den beiden, die Aruula mit dem Jeep
überrollt hatte. Trotz seiner Verletzungen warf
sich der Affenmensch todesverachtend dem
blanken Schwert entgegen, holte mit dem
gesunden Arm aus und schlug nach Aruula. Die
Barbarin wirbelte um die eigene Achse. Sie
schwang ihr Schwert in kraftvollen
Bewegungen. Fauchend schnitt der blanke Stahl
durch die zottigen Glieder.
Als Aruula nach der Pirouette zum Stehen
kam, starrte der Neandertaler fassungslos auf
seinen blutenden Armstumpf. Grunzend brach
er zusammen und sank neben der abgetrennten
Hand ins Gras. Der andere Affenmensch hatte
seine behaarten Finger vor den Hals geschlagen
und versuchte vergeblich den Blutstrom
aufzuhalten, der aus seiner aufgeschlitzten
Kehle strömte. Noch während er lautlos
zusammensackte, sprang ein weiterer
Affenmensch an ihm vorbei und schlug nach
der Barbarin.
Diesmal kam Aruulas Gegenwehr zu spät. Sie
wurde getroffen und taumelte zurück. Der
Affenmensch setzte sofort nach und griff in ihr
langes Haar. Brutal zerrte er sie an ihrem
blauschwarzen Schöpf zurück und wollte sie zu
Boden zwingen, doch bevor er die Bewegung
ausführen konnte, schlug ihm eine 9-mm-Kugel
in die Stirn.
Die Affenmenschen grunzten bei dem
Schussexplosion erschrocken auf und starrten
zu Matt hinüber, der seine Armeepistole, eine
Beretta 98 G Double Action, beidhändig auf
Schulterhöhe in Anschlag gebracht hatte. Ihm
war inzwischen klar geworden, dass er zum
letzten Mittel greifen musste, wenn er und
Aruula mit heiler Haut aus dieser Situation
herausbekommen wollten.
Die Affenmenschen ließen sich von der
tödlichen Wirkung seiner Waffe nicht lange
beeindrucken. Nachdem die Schrecksekunde
abgeklungen war, stürmten sie weiter vor.
Aruula hatte erneut Grundstellung mit ihrem
Schwert bezogen. »Juu sä nac!« knurrte sie
wütend. Die blutbefleckte Klinge in ihren
Händen bewies deutlich, wie ernst es ihr mit
dieser Todesdrohung war.
Matt hatte keine Zeit, den weiteren Kampf der
Barbarin zu verfolgen. Zwei Affenmenschen
waren auf den Jeep geklettert, um ihn von dort
aus anzugreifen. Einer der Neandertaler sprang
auf den vertäuten Reservekanistern herum.
Plötzlich bückte er sich und zerrte so heftig an
einem der Blechbehälter, dass das Halteseil
zerriss. Die Kraft dieser Wesen war
unglaublich. Wenn sie einen Menschen in ihre
Gewalt bekamen, konnten sie ihn zweifellos mit
bloßen Pranken zerfetzen.
Der Affenmensch wuchtete den gefüllten
Kanister in die Höhe und wollte ihn auf Matt
Niederschleudern. Blitzschnell riss der Pilot
seine Waffe hoch und krümmte den
Zeigefinger. Die Double Action in seiner Hand
bellte laut auf.
Während die Kugel in die behaarte Brust des
Affenmenschen schlug, fuhr der
Pistolenschlitten zurück. Die leere Hülse wurde
ausgeworfen und automatisch eine neue Kugel
in die Patronenkammer geschoben.
Obwohl Blut aus der Einschussstelle
sprudelte, führte der Affenmensch seine
Bewegung zu Ende und schleuderte den
schweren Blechbehälter auf Matt.
Donnernd krachte der Kanister auf den
Erdboden, genau an der Stelle, wo Matthew
noch eine Sekunde zuvor gestanden hatte. Im
letzten Moment hatte er sich durch einen
schnellen Sprung zur Seite in Sicherheit
gebracht. Gleichzeitig schoss er auf den zweiten
Neandertaler, der ihn von der Motorhaube aus
anspringen wollte, und traf dessen Fußgelenk.
Dieser Treffer zeigte sofortige Wirkung.
Jaulend umklammerte der Affenmensch sein
Bein und kippte zur Seite. Matt beobachtete
nicht mehr, wie er auf den Boden aufschlug,
sondern wirbelte wieder zu dem Kanisterschleuderer
herum. Aber auch dessen
Widerstandskraft war erschöpft. Röchelnd sank
der blutüberströmte Affenmensch auf der
Rückbank zusammen.
Hinter Matt erklangen die schrillen
Schmerzensschreie weiterer Affenmenschen,
die Aruulas Schwert zum Opfer fielen.
Trotz ihrer dumpfen Angriffswut wichen die
verbliebenen Neandertaler zurück. Sie schienen
zu erkennen, dass ihnen die Menschen aus dem
seltsamen Gefährt überlegen waren. Nur ein
Halbaffe mit flammend rotem Fell hob noch
einen Granitbrocken vom Boden auf - doch als
Matt die Pistole auf ihn richtete, ließ er den
Stein wieder fallen und ergriff die Flucht. Der
Pilot wollte gerade erleichtert aufatmen, als ihn
ein aggressives Grunzen herumfahren ließ.
Zehn Meter entfernt stand das Oberhaupt der
wilden Horde und schlug herausfordernd mit
der Eisenstange auf den Boden.
Matt versuchte es ohne weiteres
Blutvergießen. Er senkte den Lauf der
Automatik und schoss. Die Erde wurde nur
wenige Zentimeter vor den nackten Zehen des
Affenmenschen aufgerissen. Doch der
Affenmensch war kein vernunftbegabtes
Wesen, das sich durch Warnschüsse
einschüchtern ließ. Unbeeindruckt rannte er los
und schwang die Eisenstange drohend über
seinem Kopf.
Matthew blieb nichts anderes übrig, als ihn
durch einen Schuss zu stoppen! Er visierte er
das linke Schulterblatt an, doch der
schwankende Gang des Gegners machte ein
genaues Zielen unmöglich. Als Matt feuerte,
blühte an der Brust des Amokläufers eine rote ,
Blume auf.
Trotz des Einschlags schien der Affenmensch
weder Schmerzen noch Erschöpfung zu spüren,
denn er setzte seinen Lauf mit unverminderter
Geschwindigkeit fort. Inzwischen war er bis auf
fünf Meter herangekommen.
Hastig gab Matt einen weiteren Schuss ab.
Obwohl er wieder einen Treffer landete, kam
ihm die geschwungene Stange bedrohlich nahe.
Nur noch zwei Meter . .. einer...
Im letzten Moment riss Matt die Beretta hoch
und zielte zwischen die tiefliegenden Augen des
Affenmenschen.
Erst nachdem die Kugel den deformierten
Schädel durchschlagen hatte, brach das Wesen
in die Knie. In einem letzten Reflex versuchte
es noch, die Eisenkeule auf Matt niedersausen
zu lassen, aber das Metall krachte nur
scheppernd gegen den Jeep.
Matt wirbelte sofort zu den übrigen
Affenmenschen herum, die den Amoklauf ihres
Anführers regungslos mitverfolgt hatten. Doch
keiner von ihnen schien gewillt, seinen Tod zu
rächen. Als sie sahen, dass auch der Stärkste
ihrer Gruppe nicht gegen die unheimliche
Waffe des Fremden ankam, wandten sie sich
grunzend um und ergriffen die Flucht.
»Das ist ja gerade noch mal gut gegangen«,
wandte sich Matt erleichtert an seine Gefährtin.
Doch Aruula war längst losgelaufen, um nach
dem reglos am Boden liegenden Jungen zu
sehen.
Im ersten Moment sah es so aus, als wäre der
Blondschopf tot. Doch als Aruula näher kam,
sprang er plötzlich auf und wollte davonlaufen.
Erst als er bemerkte, dass sie keiner der
Affenmenschen war, beruhigte er sich wieder.
Erleichtert sank er zurück ins Gras und sah die
Barbarin in einer Mischung aus Furcht und
Hoffnung an.
»Tuma sä feesa. Ich hoffe, es geht dir gut,
Kleiner«, begrüßte sie ihn in der Sprache der
Wandernden Völker.
Die Augenbrauen des Blondschopfs zogen
sich verärgert zusammen. »Ich heiße Arak und
nicht Kleiner«, antwortete er in einem Dialekt,
der ihrer Sprache ähnlich war. Nach einer
kurzen Pause fügte er wesentlich milder hinzu:
»Ohne eure Hilfe wäre ich sicherlich verloren
gewesen.«
Die Lippen der Barbarin verzogen sich zu
einem Lächeln. »Mich nennt man Aruula«,
stellte sie sich im Gegenzug vor. »Ich wollte
dich bestimmt nicht verärgern, Arak. Im
Gegenteil, ich möchte mit dir reden. Es ist das
erste Mal, dass ich jemanden treffe, der
ebenfalls lauschen kann!«
Du kannst mit den Gedanken sprechen wie
ich?
Aruula verzog schmerzhaft das Gesicht, denn
die Worte dröhnten in ihrem Kopf, als wenn der
Junge sie ihr ins Ohr geschrien hätte.
»Bitte nicht«, wehrte sie ab. »Ich bin es nicht
gewohnt, auf diese Weise mit jemanden zu
reden. Das ist viel zu laut für mich.«
Arak nickte, als würde er das kennen. »Du
musst nur etwas üben, dann kannst du
bestimmen, wie laut du einen anderen hörst«,
erklärte er in väterlichem Ton.
In diesem Moment trat Matt hinzu, und
Aruula berichtete ihm, was sie bislang erfahren
hatte.
»Frag ihn, was er hier so allein in dieser
verlassenen Gegend macht«, bat Matt, und
Aruula gab die Frage an Arak weiter.
Der fuhr zusammen, als wäre ihm gerade erst
wieder etwas eminent Wichtiges eingefallen.
»Meine Familie«, hauchte er. »Sie ist immer
noch auf dem Käferfriedhof! Die Scimaro
wollen sie töten! Ihr müsst ihnen helfen, bitte!«
Scimaro?«
»Die Affenmenschen.«
»Warum verfolgen euch diese Bestien mit
solchem Hass?« erkundigte sich Aruula.
»Weil wir Ausgestoßene sind«, erklärte Arak
traurig. »Wohin wir auch gehen, man begegnet
uns überall nur mit Feindschaft. Deshalb halten
wir uns von menschlichen Siedlungen fern.
Doch heute Morgen wurden wir plötzlich von
diesen hirnlosen Scimaro verfolgt. Meine Eltern
und die anderen flohen deshalb auf einen
großen Käferfriedhof. Wir konnten uns in den
leeren Panzern der toten Tiere verstecken, aber
die Affenmenschen suchen überall herum. Es ist
nur eine Frage der Zeit, bis sie den Unterschlupf
finden. Deshalb habe ich mich
davongeschlichen, um Hilfe zu holen. Doch
einige dieser Bestien haben meine Flucht
bemerkt und mich verfolgt.«
Aruula übersetzte für Matt.
»Warum wird deine Familie überall so
angefeindet?« erkundigte er sich bei dem
Jungen.
Arak zuckte mit den Schultern und flüsterte:
»Ich weiß es nicht. Wir haben nie jemandem
etwas getan.«
Aruula spürte instinktiv, dass der Junge etwas
Entscheidendes vor ihnen verbarg. Einen
Moment lang flackerte vor ihrem geistigen
Auge ein Bildfetzen auf, in dem Arak und die
Affenmenschen zu erkennen waren. Doch die
Sequenz war zu kurz, um Aruula mehr als nur
eine vage Ahnung des eben Gesehenen zu
vermitteln.
Vorsichtig versuchte sie in den Gedanken des
Ausgestoßenen zu lauschen. Statt weiterer
Visionen erhielt sie einen kurzen Schmerz, als
berührte sie mit ihren Sinnen etwas Dunkles,
Ekelerregendes. Gleich darauf spürte sie, wie
sich Araks Bewusstsein vor ihrem Zugriff
verschloss.
Aruula wusste weder, wie er das machte, noch
konnte sie das, was zwischen ihnen geschah, in
Worte fassen. Sie ahnte nur, dass der
unscheinbare Junge seine Kräfte viel besser
beherrschte als sie.
Nach außen hin machte Arak ein
unschuldiges Gesicht, als wenn nichts
geschehen wäre. »Kommt ihr mit, um meiner
Familie zu helfen?« bat er seine Retter mit
flehender Stimme.
Matt kratzte sich nachdenklich am Kopf.
Einerseits wollte er weiter nach seinen
verschollenen Kameraden suchen, andererseits
konnte er diesen Jungen und seine Leute nicht
einfach ihrem Schicksal überlassen.
»Wo liegt der Käferfriedhof, von dem du
erzählt hast?« erkundigte er sich über Aruula.
Arak deutete mit dem Arm über die
Grassteppe in nordwestliche Richtung.
»Na ja, das ist fast auf unserem Weg«, meinte
Matt. Die Barbarin nickte zustimmend. Sie
wollte dem Jungen auf jeden Fall helfen. Allein
schon um herauszufinden, ob seine ganze
Familie lauschen konnte. Vielleicht gehörten
diese Ausgestoßenen ja sogar zu ihrem eigenen
Volk, aus dem sie als Kind verschleppt worden
war.
Gemeinsam gingen die drei zum Jeep zurück.
Als sie den Wagen erreichten, schwang sich
Matt schnell hinters Steuer. »Ich denke, die
nächste Strecke übernehme ich wieder«,
verkündete er. Aruulas Fahrkünste hatte er für
die nächsten Tage genug genossen.
»Sie kommen«, flüsterte Yolla entsetzt. »Der
Grauhaarige hat uns vorhin doch entdeckt!«
Bork wollte einen leisen Fluch ausstoßen,
doch über seine zitternden Lippen drang nicht
der geringste Ton. Die Angst schnürte dem
Oberhaupt der Sippe im wahrsten Sinne die
Kehle zu. Dabei wusste er nicht, was ihm mehr
Furcht einflößte: dass nun die ganze Horde
nahte oder dass einige Affenmenschen doch so
etwas wie Intelligenz besaßen, was sie doppelt
gefährlich machte.
Als Bork seinen Blick in die Runde schweifen
ließ, sah er in verbitterte Gesichter. Er wusste,
dass ihn die anderen für ihre Misere
verantwortlich machten. Schließlich war es
seine Idee gewesen, sich von Bendrake und
dem Stamm abzusetzen.
Wie hatte er auch ahnen können, dass sie die
Kontrolle über alles verlieren würden?
Doch das war seinen Schwestern und ihren
Ehemännern egal.
Sie sahen nur, dass sie sich tief in einen Berg
aus toten Käferleibern wühlen mussten, um den
Affenmenschen zu entgehen, die ihnen seit
heute Morgen auf den Fersen waren.
Das Versteck bestand aus einem besonders
großen Insektenkörper, der unter vielen
kleineren Leibern begraben war, so dass nur
wenig Tageslicht zu ihnen herab drang.
»Sie kommen jetzt auch aus dieser Richtung«,
zischte seine Frau zu ihnen hinab. Zila hatte
Beobachtungsposten in einem weiter außen
liegenden Leib bezogen, doch nun kletterte sie
behende durch die hohlen Skelette zu ihnen
hinab.
»Wir müssen nach hinten raus, das ist unsere
letzte Hoffnung«, verkündete sie mit
entschlossener Stimme.
Wie so oft, wenn Bork nicht mehr weiter
wusste, übernahm sie die Führung der Sippe.
Mit scharfen Worten trieb sie die lethargisch
vor sich hindämmernden Männer und Frauen
an: »Los, hoch mit euch. Wozu hat Arak denn
diesen Fluchtweg erkundet?«
»Um sich dadurch selbst aus dem Staub zu
machen«, knurrte Doran bösartig. »Dein Sohn
hat nämlich rechtzeitig erkannt, dass er besser
nicht auf seinen Vater vertrauen sollte.«
»Hüte deine Zunge«, zischte Bork warnend.
Nicht weil ihn Dorans Worte sonderlich
verletzten, sondern weil er verhindern musste,
dass sich die Sippe vor Angst gegenseitig an die
Kehle ging, anstatt gemeinsam zu handeln.
»Mein Sohn hat große Gefahren auf sich
genommen, um Hilfe für uns zu holen. Wir
sollten uns seiner würdig erweisen, indem wir
alles daran setzen, am Leben zu bleiben, bis er
zurückkehrt.
Flieht durch den Zehnfüßler nach draußen
und versucht euch in einem anderen
Leichenberg zu verstecken.
Am besten teilen wir uns, so sind die
Überlebenschancen der Einzelnen größer.«
»Du willst dich wohl auch absetzen und uns
als Futter für diese Bestien zurücklassen?«
fauchte Yolla.
Es schmerzte Bork, dass sich auch seine
Schwester von ihm abwandte, doch er hatte
keine Zeit, um sich verletzt zu zeigen.
»In der Steppe hat keiner von uns eine
Überlebenschance«, zischte er zurück. »Die
Scimaro sind schneller als wir. Wir können uns
nur weiter vor ihnen verstecken, bis sie die
Suche aufgeben.«
»Oder bis sie jeden von uns gefunden und
getötet haben«, fügte Doran düster hinzu. Einen
Moment sah es so aus, als wollte er seinem
Schwager vor die Füße spucken, doch dann
drehte er sich zu den anderen um, die bereits
durch das Gewirr der Käferleiber kletterten.
Bork blickte den Männern, Frauen und
Kindern nach, die er enttäuscht hatte.
»Wenn wir es bis zum Abend schaffen,
können wir vielleicht in der Dun-kelheit
ungesehen verschwinden«, flüsterte er ihnen
aufmunternd hinterher. Dabei war er fest davon
überzeugt, dass keiner von ihnen den
Nachmittag überleben würde.
Ein schabendes Geräusch ließ ihn herum
wirbeln.
Entsetzt starrte Bork auf die dunklen
Schemen, die hinter ihm in den Käferberg
kletterten. Die plumpen Gestalten stießen
ständig gegen die skelettierten Überreste,
trotzdem arbeiteten sie sich zügig dem Versteck
entgegen. Die Horde wurde von einem
grauhaarigen Männchen angeführt, das
intelligenter als seine Artgenossen war.
Mit einem Speer oder Schwert in der Hand
hätte sich Bork dem Grauhaar entgegengestellt.
Der Tod dieser Bestie ließ die
Überlebenschancen seiner Sippe sicherlich in
die Höhe schnellen.
Doch Bork war ungeübt im Kampf. Er hatte
nie eine Waffe besessen, und selbst wenn ihm
nun plötzlich eine zur Verfügung stünde, hätte
er nicht gewusst, wie er sie benutzen sollte.
Seine Waffe war stets der Geist gewesen,
doch der nützte ihm bei diesen Kreaturen
wenig.
So blieb ihm nur noch, sich umzuwenden und
das Weite zu suchen. Behende krabbelte er aus
dem Versteck und hangelte sich durch einige
intakte Skelette, bevor er den Körper des
Zehnfüßlers erreichte, der wie ein Tunnel durch
ein Meer von zerquetschten Käferkadavern
führte. Vorsichtig schwang er sich in den
hohlen Leib des Wurms. Drinnen tastete er sich
zwischen den Rippen des Tieres entlang - ohne
zu ahnen, dass daran einst Sitzbänke befestigt
waren, auf denen die Fahrgäste eines
Linienbusses gesessen hatten.
Bork hatte noch nie etwas über die Zeit vor
der großen Katastrophe gehört, deshalb ahnte er
auch nichts vom technischen Ursprung der
Fahrzeugwracks, durch die er sich bewegte. Er
kannte nur die überdimensionalen Insekten wie
Andronen oder Frekkeuscher, die diesen
Landstrich bevölkerten. Da schien es ihm nur
folgerichtig, dass es sich bei dieser Anhäufung
von leeren Hüllen um die Chitinpanzer
ähnlicher Wesen handeln musste. Dass er und
seine Sippe auf einem Schrottplatz waren, ahnte
er nicht.
Bork kletterte gerade durch den offenen
Rahmen der Windschutzscheibe hinaus, als er
von vorne die entsetzten Schreie seiner
Schwestern hörte. Gleich darauf erklang ein
vielstimmiger Chor triumphierender
Affenmenschen.
Die tumben Kreaturen hatten sie in eine Falle
gejagt!
Verfluchtes Grauhaar, daran bist du alleine
schuld!
Die Angst um seine Frau spornte Bork zu
schnelleren Bewegungen an.
Hastig kletterte er durch die letzten
Autowracks, bevor er endlich das Freie
erreichte. Von der grellen Nachmittagssonne
geblendet, musste er einige Male blinzeln,
bevor er seine beiden Schwestern sah, die sich
nur einen Steinwurf entfernt an ihre Männer
klammerten.
Die Sippe befand sich inmitten eines Ganges,
der zwischen zwei hohe Bergen aus
aufgetürmten Schrottautos hindurchführte. Auf
den Dächern der oberen Fahrzeugschicht sprang
ein halbes Dutzend Affenmenschen herum und
schlug sich drohend auf den Brustkorb.
Hinter Bork erklang ebenfalls
triumphierendes Gegrunze, denn der
Grauhaarige und seine Horde kamen rasch
näher.
»Schnell, wir müssen hier hinauf!« schrie
Zila, die als Einzige nicht vor Angst erstarrt
war. Dabei deutete sie auf einen Turm aus
Autokarosserien, der weit über den übrigen
Schrottplatz hinausragte. Die verängstigte Sippe
starrte unentschlossen in die Höhe.
»Nun macht schon!« brüllte Bork seine
Schwestern an, während er auf sie zu rannte.
»Folgt Zila, das ist unsere einzige Chance!«
Der Befehl ihres Sippenoberhauptes löste die
Erstarrung. Gehorsam machten sich die beiden
Pärchen mit ihren Kindern daran, Zila zum Fuß
des Turms zu folgen.
Die Scimaro merkten rasch, dass ihre Opfer
entkommen wollten. Aufgeregt sprangen sie auf
den Autodächern umher. Einige von ihnen
zerfetzten die maroden Karosserien, um
scharfkantige Bruchstücke in die Tiefe zu
werfen.
Bork erkannte, dass er irgend etwas tun
musste, um seiner Familie mehr Zeit zu
verschaffen. Aus einem plötzlichen Geistesblitz
heraus begann er wie die Affenmenschen zu
grunzen und sich ebenfalls auf die Brust zu
schlagen!
Verwirrt hielten die Neandertaler in ihren
Bewegungen inne. Bisher hatten sie die
Ausgestoßenen nur als Opfer erlebt, die sich
keiner äußeren Gewalt hingaben. Nun schien
einer von ihnen eine Herausforderung ausstoßen
zu wollen!
Bork nutzte die Irritation, um zu seiner
Familie aufzuschließen. Doch kaum hatte er die
Reihen der Affenmenschen passiert, schlug ihre
Überraschung in Raserei um. Wütend stießen
sie ganze Wracks in die Tiefe. Einige
Neandertaler sprangen Bork hinterher, um ihn
mit bloßen Händen zu zerreißen.
Die Angst beflügelte seine Schritte, doch die
flinken Affenmenschen holten so schnell auf,
dass er es unmöglich bis zum Fuß des Turms
schaffen konnte. Er spürte bereits den heißen
Atem eines Verfolgers im Nacken, als einer der
Schrottberge unter dem Toben der Halbaffen
ins Rutschen kam. Kreischend lösten sich einige
tiefer gelegene Wracks aus der aufgetürmten
Wand, dann brach der ganze Berg krachend in
sich zusammen. Die schweren Chassis wurden
wie Spielbälle durch die Luft gewirbelt und
begruben die Scimaro, die sich in den Graben
hinab gewagt hatten, unter sich.
Bork sprang im letzten Moment an den Autos
in die Höhe, auf die sich seine Familie
geflüchtet hatte. Er klammerte sich gerade an
einem ehemals roten Alfa Romeo fest, als hinter
ihm ein schweres Mercedeswrack zu Boden
prallte - und seinen Verfolger erschlug, der ihn
gerade an den Beinen packen und in die Tiefe
zerren wollte. Die schwere Karosserie
zerquetschte den deformierten Körper, bevor sie
weiter rutschte.
Die Erschütterung ließ den Alfa unter Borks
Händen vibrieren, doch zum Glück hielt die seit
Jahrhunderten festgefügte Konstruktion stand.
Nachdem sich die Schwingungen gelegt hatten,
kletterte der Ausgestoßene hastig in die Höhe.
Er nutzte vorstehende Motorhauben und
fensterlose Seitentüren als Halt, um sich
geschwind bis an die Spitze vorzuarbeiten.
An einer Fiat-Limousine verschnaufte er kurz
und sah sich zu den überlebenden
Affenmenschen um, die aufgeregt auf den
zusammengestürzten Wracks herumsprangen.
Einige Scimaro wiesen schwere Schürfwunden
auf, doch ihre Angriffslust schien nicht im
geringsten gemildert.
Ohne auf einen blutüberströmten Artgenossen
zu achten, der sich mühsam zwischen den
Wracks ins Freie quälte, sprangen drei
Affenmenschen über das Trümmerfeld auf den
Autoturm der Ausgestoßenen zu.
Bork streckten sich mehrere Hände entgegen,
die ihm weiterhelfen wollten. Neben Zila waren
es besonders Dorans starke Arme, die ihn in die
Höhe hoben. Angesichts der unzähligen
Scimaro, die von allen Seiten auf sie
zuströmten, waren ihre vorherigen Streitereien
vergessen. Nun ging es ums nackte Überleben!
Schon kletterten die ersten Scimaro an den
Wracks empor, um zu den sechs , Erwachsenen
und den beiden Kindern zu gelangen, die sich
auf der obersten Schicht furchtsam aneinander
drängten.
»Tu endlich etwas«, keifte Yolla ihren Bruder
in Todesangst an. »Du bist doch der Stärkste
von uns!«
Bork nickte. Seine Schwester hatte Recht, es
gab keinen anderen Weg mehr. Nun konnte
ihnen nur noch ihre Gabe - das Geschenk ihres
Gottes im Stein - helfen. Er umfasste das
Amulett an seinem Hals und betete zu Mee-tor,
bevor er seine Kräfte für die bevorstehende
Attacke sammelte.
Direkt unter ihm kletterte ein Affenmensch
heran. Er war bereits so nahe, dass man eine
alte Narbe erkennen konnte, die quer über seine
linke Gesichtshälfte verlief.
Bork durfte nicht länger zögern. Hastig suchte
er nach dem Bewusstsein des Narbengesichts.
Dann stieß er wie ein Speer in ihn hinein. Wie
ein Blitz fuhr er in die fremden
Gehirnwindungen, tastete durch sie hindurch
und suchte die Schwingungsfrequenz des
Scimaro. Dann griff er mental zu, um den
primitiven Verstand unter seine Kontrolle zu
bringen.
Die Verschmelzung ihrer Gedanken war
schmerzhaft.
Bork spürte, wie eine brennende Woge des
Ekels durch seinen Körper schoss. Es war, als
würde jemand mit unreinen Fingern nach
seinem Verstand greifen und tief in seinem
Innersten wühlen, um es nach außen zu kehren.
Die Gedankenwelt seines Gegners riss ihn in
einen Strudel fremder Emotionen, die sein
Bewusstsein zu überfluten drohten und ihn bis
an die Klippe des Wahnsinns drängten.
Vergeblich versuchte Bork den Ansturm der
animalischen Eindrücke zurückzuschlagen. Sein
Gesicht verzerrte sich vor Schmerz. Die
Stirnhaut spannte sich so sehr, dass sie zu
reißen drohte. Ein unkontrolliertes Zittern
überfiel seinen Körper, während die Arme
sinnlos durch die Luft schlugen. Seiner
verkrampften Brust entrang sich ein gepeinigter
Schrei, der nur als halbersticktes Gurgeln über
die entstellten Lippen kam.
Hatte er bereits verloren, bevor der Kampf
richtig begann?
Wie aus unendlich weiter Ferne vernahm sein
Ohr die Geräusche des Affenmenschen, dessen
Pranken gehetzt über die Autobleche kratzten.
Dem Scimaro bereitete der Kontakt ebenfalls
Schmerzen.
Röchelnd presste Bork Luft in seine
zusammengefallenen Lungen, pumpte die
letzten Energiereserven durch den Körper und
verstärkte so die Kräfte seines beinahe
paralysierten Geistes. Im letzten Winkel des
verbliebenen Verstandes bildete sich ein
Widerstandsnest. Es wuchs heran und wurde
rasend schnell größer - bis er den Schmerz wie
einen Schleier von sich riss und auf den Gegner
zurückschleuderte.
Einem Blitzschlag gleich jagte der Impuls
über ihre Gedankenverbindung und traf das
fremde Bewusstsein. Der Scimaro sprang
gepeinigt in die Höhe, verlor den Halt auf der
glatten Motorhaube und glitt über die
Stoßstange nach unten.
Fieberhaft versuchte Bork die Verbindung zu
lösen. Er riss und zerrte verzweifelt an seinen
Gedanken, doch es war sinnlos.
Der Affenmensch rutschte an den Autowracks
hinab und prallte mit dem Rücken auf den
Unterboden des umgestürzten Mercedes. Dabei
brach er sich drei Rippen.
Bork spürte den brutalen Schmerz, als würden
seine eigenen Knochen zersplittern. Gepeinigt
schrie er auf, dann gelang es ihm endlich, den
Kontakt abzubrechen.
Unter ihm umringten Grauhaar und die
anderen Scimaro den verletzten Artgenossen.
Bork presste die Handballen gegen seine
hämmernden Schläfen. Er sammelte die
Schmerzen, die das Nervensystem durch seinen
Körper sandte, und schleuderte sie auf der
Wellenlänge der Affenmenschen in die Tiefe.
Die Attacke dauerte nur wenige Sekunden, doch
sie wirkte wie eine glühende Nadel, die man in
die primitiven Gehirne trieb.
Fauchend wirbelten die Scimaro herum, doch
es war kein Feind zu sehen, dem sie ihren
Schmerz zu verdanken hatten. Nur der
Grauhaarige sah wütend zu Bork und seiner
Sippe empor. Dann streckte er den Arm in die
Höhe und stieß ein dumpfes Grunzen aus, um
seine Artgenossen aufzustacheln. Sofort fielen
weitere Scimaro in seine rhythmischen Laute
ein, bis ein vielstimmiger Chor erklang, dessen
düsterer Gesang zu den Ausgestoßenen
emporstieg.
Vom gemeinsamen Hass angetrieben,
sprangen die ersten Affenmenschen auf die
unteren Wracks, um sich geschickt an den
fensterlosen Rahmen in die Höhe zu hangeln.
Angesichts der neuen Angriffswelle sank
Bork erschöpft zurück. »Ich...kann nicht mehr«,
stammelte er. »Wenn ich mich noch einmal mit
einem von diesen Geistern vereine, verliere ich
den Verstand. Das gefährdet euch mehr, als
dass es euch nützt.«
Zila legte ihm beruhigend eine Hand in den
Nacken und murmelte sanft: »Schon gutt Wir
wissen alle, dass du getan hast, was du
konntest.«
Das klang sehr resigniert, als wenn sie schon
mit ihrem Leben abgeschlossen hätte. Aber was
sollte Bork darauf antworten, um, ihr Mut zu
machen? Ihre Lage war hoffnungslos!
Trotzdem machten sich Doran und Korak
daran, Teile von den vermeintlichen
Insektenpanzern zu reißen, um sie auf die
Scimaro zu schleudern.
Das Bombardement aus Stoßstangen,
verrosteten Türen und Motorteilen führte
tatsächlich dazu, dass zwei Angreifer den Halt
verloren und in die Tiefe stürzten. Die übrigen
ließen sich dadurch aber nicht beeindrucken,
sondern kletterten immer höher. Auch das
Narbengesicht mit den gebrochenen Rippen war
ihnen schon wieder bedrohlich nahe
gekommen.
»Wir müssen unsere Kräfte bündeln, dann
können wir diese Bestien vielleicht
zurücktreiben«, schlug Zila vor. Bork nickte. Es
war nur eine kleine . Chance, aber immer noch
besser, als tatenlos darauf zu warten, von den
Affenmenschen in Stücke gerissen zu werden.
Hastig umklammerte er mit der rechten Hand
sein Amulett, während er mit der Linken nach
der Schulter von Korak langte. Die restliche
Familie folgte seinem Beispiel. Jeder von ihnen
berührte den Steinsplitter an seinem Hals,
während er mit der freien Hand nach dem
unmittelbaren Nachbarn langte, bis sich der
Kreis aus Männern, Frauen und Kindern
geschlossen hatte. Gemeinsam konzentrierten
sie sich auf die leuchtende Kraft, die in ihren
Leibern loderte. Sie vereinigten sie zu einem
Feuer, das seinen Weg in die Freiheit suchte.
Bork sammelte die unsichtbare Kraft, die ihren
Körper entströmte, und sandte sie in die Tiefe.
Dort griff er nach einer Radkappe, die auf den
Trümmern der eingestürzten Schrottwand lag.
Wie von unsichtbarer Hand gepackt wurde
das verbogene Blech in die Höhe geschleudert
und flog einem rotierenden Frisbee gleich auf
Narbengesicht zu, der gerade an der Fiat-
Limousine empor kletterte. Krachend landete
das Schrottteil in seinem behaarten Nacken.
Überrascht lockerte Narbengesicht den Griff
um die Stoßstange, an der er sich festhielt, und
stürzte zwei Autoschichten weit in die Tiefe,
bevor er reflexartig die Pranken um den Holm
einer offenen Renaulttür klammerte.
Ohne einen Gedanken an die unheimliche
Attacke zu verschwenden, schwang er sich
sofort wieder in die Höhe, um den Angriff
fortzusetzen.
Bork gelang es mit äußerster Mühe, noch
zwei Radkappen und eine Stoßstange durch die
Luft zu wirbeln. Obwohl er jedesmal einen der
Scimaro traf, konnte er den Sturmlauf der
Horde nicht aufhalten. Schon erschienen die
ersten Affenmenschen am Rand der obersten
Ebene.
Gleichzeitig zerbrach der telepathische Kreis
seiner Sippe. Korak und Doran tauchten unter
den Schlägen der Scimaro hinweg, während sie
ihnen gleichzeitig mit aller Kraft ins Gesicht
und vor die Brust traten. Yolla war dagegen zu
langsam. Kreischend versuchte sie noch vor
dem Narbengesicht davonzukriechen, da packte
die Kreatur sie an den Füßen und zerrte sie zum
Rand der Ebene. Doran wollte seiner Frau zur
Hilfe eilen, kam aber nicht nah genug heran.
Weitere Affenmenschen zogen sich über den
Rand und schlugen auf ihr hilfloses Opfer ein.
Ihre haarigen Fäuste prasselten dumpf auf die
Frau nieder.
Röchelnd sank Yolla auf die Seite. Ein dünner
Blutfaden rann aus ihrem Mundwinkel. Die
Scimaro packten den leblosen Körper und
warfen ihn über den Rand hinab in die Tiefe.
»NEIN!« brüllte Doran und wollte sich auf
die Bestien stürzen. Bork und Korak packten
ihn im letzten Moment an den Armen und
hielten ihn mit Gewalt davon ab, sich ins
Unglück zu stürzen.
»Es ist zu spät!« rief Bork seinem Schwager
zu. »Sie ist längst tot!«
Erst jetzt wurde ihnen klar, dass sie wieder
alleine auf dem Schrottberg waren. Die Scimaro
hatte sich in die Tiefe zurückgezogen, um mit
lautem Grunzen ihren Triumph zu feiern.
Zögernd begab sich die Sippe der
Ausgestoßenen an den Rand der Ebene. Doch
was sie in der Tiefe sahen, ließ die meisten von
ihnen vor Abscheu und Ekel zurückzucken.
Grunzend versammelten sich die Scimaro um
die Tote und brachen mit Steinen und
Metallstücken ihren Schädel auf. Als Bork
erkannte, dass die Affenmenschen an das
Gehirn seiner Schwägerin gelangen wollte,
wandte er sich entsetzt ab.
Das war also das Schicksal, das ihnen allen
bevorstand!
Übelkeit wallte in ihm auf, doch sein leerer
Magen hatte nichts, was er hervorwürgen
konnte. So spürte er nur bitteren
Gallengeschmack in seiner Kehle.
»Sie wissen genau, dass wir ihnen nicht
entkommen können«, sprach Zila aus, was viele
dachten. »Wir sitzen hier oben so sicher wie in
einer Speisekammer.«
Bork nickte. Dann ließ er sich neben den
anderen nieder, die resigniert auf den
Autodächern hockten. Die schmatzenden
Geräusche, die aus der Tiefe zu ihnen hinauf
drangen, machten allen deutlich, dass sie nur
noch auf ihr Ende warten konnten, wenn nicht
ein Wunder geschah.
Da ertönte ein lauter Knall, der wie Donner in
ihren Ohren hallte.
Gleich darauf verwandelte sich das
Triumphgeheul der Scimaro in ängstliches
Grunzen. Bork erwachte als erster aus seiner
Lethargie und kroch hastig zum Rand der
Schrottebene. Zuerst sah er nur Narbengesicht,
der verrenkt am Boden lag und sich nicht
rührte. Blut strömte aus seinem Hals.
Dann machte Borks Herz einen
Freudensprung. Nur einen Steinwurf entfernt
konnte er Arak erkennen, der zwischen einem
blonden Mann mit seltsamen Kleidern und einer
dunkelhaarigen Frau stand.
Der Fremde deutete mit seiner Hand auf
einige Affenmenschen, die sich ihm grunzend
näherten. Plötzlich donnerte es zwischen seinen
Fingern. Einer der Scimaro wurde von einer
unsichtbaren Wucht zurückgeschleudert
wurde und fiel leblos zu Boden.
Die primitive Horde wurde von Unruhe
erfasst. Einen Moment lang schienen die
Bestien abzuwägen, ob sie die
Neuankömmlinge im Sturmlauf überrennen
sollten, doch Grauhaar hielt seine Artgenossen
mit einem lauten, gutturalen Schrei zurück.
Daraufhin packten zwei Scimaro Yollas Körper
und schleppten sie zwischen den Schrottbergen
davon.
Wenige Augenblicke später zogen sich auch
die übrigen Affenmenschen in verschiedene
Richtungen zurück. Narbengesicht und die
anderen Toten nahmen sie mit. Innerhalb von
Sekunden waren sie zwischen den Wracks
verschwunden, als hätte es sie nie gegeben
Matthew Drax suchte noch eine halbe Stunde
lang den Schrottplatz ab, doch er fand weder die
Neandertaler noch Yollas Leichnam. Entweder
waren die Affenmenschen wirklich in die
umliegende Steppe geflohen, oder sie hatten
sich so tief in einem der Schrotthaufen
verborgen, dass sie von außen nicht entdeckt
werden konnten.
Auf jeden Fall schienen sie nicht noch einmal
angreifen zu wollen.
Mit schnellen Schritten eilte Matt zwischen
den Schrotthügeln entlang zurück zum Jeep, vor
dem sich Aruula und die Ausgestoßenen
versammelt hatten.
»Hab Dank für deine Hilfe, großer Maddrax«,
begrüßte ihn Bork. »Ohne dich und deine
Donnerhand wären wir alle verloren gewesen!«
Matt verstand von der Ansprache kaum mehr
als den Namen, den Aruula ihm bei ihrer ersten
Begegnung verpaßt und an den er sich
mittlerweile gewöhnt hatte. Sie hatte
offensichtlich bereits mit den Leuten geredet.
Jetzt übersetzt sie für ihn, und Matt nickte Bork
freundlich zu, bevor er antwortete: »Wir sollten
hier so schnell wie möglich verschwinden,
bevor die Affenmenschen zurückkehren. In
diesem unübersichtlichen Gelände können sie
jederzeit über uns herfallen.«
»Aber wie sollen wir ihnen entkommen?«
fragte das Familienoberhaupt verzweifelt, und
Aruula dolmetschte. »Diese Bestien sind auf
offenem Gelände schneller als wir!«
»Ich habe aber nicht genug Platz, um deine
ganze Sippe im Jeep mitnehmen«, gestand
Matt. »Wir müssen uns etwas anderes einfallen
lassen.«
Die Ausgestoßenen sahen ihn zuversichtlich
an. Ein Mann, der allein mit seiner Hand die
fürchterlichen Scimaro töten konnte, wusste
bestimmt aus jeder Situation einen Ausweg.
Matt fühlte sich unter diesem
Erwartungsdruck etwas unbehaglich.
Nervös sah er sich auf dem Schrottplatz um.
Als er unter einigen Eisenteilen ein altes
Chrysler-Cabriolet entdeckte, kam ihm eine
Idee.
»Helft mir, dieses.....Käferskelett
hervorzuholen«, wies er die Umstehenden an,
die sich sofort mit Feuereifer an die Arbeit
machten.
Matt versuchte erst gar nicht, den Männern
und Frauen klarzumachen, dass sie sich auf
einem Autofriedhof befanden. Das hätte nur
unnötig Zeit gekostet. Vor allem, weil es für die
technischen Dinge seiner Zeit keine Vokabeln
in der Sprache der Wandernden Völker gab.
Also ließ er das »Skelett« des Cabrio
freilegen. Er überzeugte sich davon, dass sich
die Radfelgen noch drehten -auf den Komfort
von Reifen würde die Sippe verzichten müssen
- und befestigte das Wrack dann mit einem
festen Hanfseil hinter dem Jeep.
»Besser hätte es McGyver auch nicht
hinbekommen«, grinste er zufrieden, als er
seine provisorische Anhängerkonstruktion
betrachtete.
»McGyver?« fragte Aruula. »Ein Gott aus
deiner Vergangenheit?«
»Eher aus meiner Kindheit«, schwächte der
Pilot ab. Bevor er in die Verlegenheit kam,
Aruula über die Funktionsweise des Fernsehens
aufzuklären, ließ er die Sippe aufsitzen.
Die Ausgestoßenen suchten sich einen Platz
in dem Cabrio. Arak wollte sich wieder zu
seinen neuen Freunden in den Jeep setzen, doch
sein Vater hielt ihn zurück. Dieser Ehrenplatz
gebührte ihm, dem Familienoberhaupt.
Nachdem Bork auf dem Rücksitz Platz
genommen hatte, startete Matt den Wagen.
Anfangs rangierte er vorsichtig zwischen den
engen Schrottschluchten umher, damit der
provisorische Anhänger gegen keinen der
Wrackberge stieß. Als er die Deponie hinter
sich gelassen hatte, gab er etwas mehr Gas, um
diesen Ort des Todes so schnell wie möglich
hinter sich zu lassen. Ohne seine Reisegäste zu
fragen, fuhr er wieder in nördlicher Richtung.
Er ging davon aus, dass die Ausgestoßenen
einfach nur eine so große Entfernung wie
möglich zwischen sich und ihre Verfolger
bringen wollten. So kehrte Matt zu der
primitiven Straße zurück und fuhr bis zur
Abenddämmerung auf der alten Strecke weiter.
Erst kurz bevor die Sonne hinter dem Horizont
verschwand, hielt er an. Hier konnten sie ein
Lager für die Nacht aufschlagen. Die
Affenmenschen waren inzwischen zu weit
zurück geblieben, um ihnen noch gefährlich zu
werden.
Während Zila mit der restlichen Sippe
Brennholz für ein Lagerfeuer suchte, suchte
Bork Matt und Aruula auf.
»Ich danke Maddrax, dass er meine Sippe
mitgenommen hat«, erklärte er, »aber ich kenne
ein Dorf in der Nähe, in dem wir Frekkeuscher
bekommen können.«
»Das trifft sich gut«, übersetzte Aruula Matts
Worte. »Mein Wagen benötigt viel Nahrung
beim«Ziehen der Last. Ich bringe dich aber gern
noch zu diesem Dorf. Dann trennen sich unsere
Wege wieder.«
Borks überraschter Miene war deutlich
anzusehen, dass er nicht mit dieser Eröffnung
gerechnet hatte. Seine Augen verengten sich zu
schmalen Schlitzen, während er leise
antwortete: »Ich hatte eigentlich gehofft, dass
du uns begleitest, Maddrax. Wir wollen
gemeinsam zu unserem Stamm zurückkehren,
um dort ein großes Dankfest für dich zu feiern.«
Matt kratzte sich bei diesem Angebot
verlegen am Kopf.
»Ich fürchte, dafür...«
...habe ich keine Zeit, hatte Matt sagen
wollen. Doch plötzlich überkam ihn das
Verlangen, Borks Bitte nachzugeben.
Schließlich war er für diese Menschen ein Gott.
Wie konnte er da ein Fest zu seinen Ehren
ablehnen?
Verwirrt schüttelte Matt den Kopf. Was war
nur los mit ihm? Plötzlich waren all die
Argumente, die für eine Trennung von Borks
Sippe sprachen, wie weggeblasen. So sehr
Matthew sich auch bemühte, er konnte sich
nicht mehr daran erinnern.
Aruula sah Matt überrascht an, als dieser
nicht weiter sprach. Seine Miene war
verkniffen. Instinktiv spürte die Barbarin, dass
etwas nicht stimmte. Gleichzeitig fühlte ein
eigentümliches Kribbeln in ihrem Körper. Noch
nie zuvor hatte sie etwas Vergleichbares
empfunden. Hing es mit den geistigen
Fähigkeiten zusammen, die sie bei Arak
festgestellt hatte? War auch sein Vater mental
begabt?
Neugierig lauschte Aruula, um zu erfahren,
welche Gedanken Bork aussandte. Doch es
gelang ihr nicht, zu ihm durchzudringen. Etwas
wie ein dunkler Schatten legte sich wie ein
Tuch über ihre Sinne und hinderte sie daran.
Ehe sich die Barbarin von dieser Überraschung
erholen konnte, folgte schon die nächste.
»Gut«, verkündete Matt, aber seine Stimme
klang seltsam gepresst. »Wir begleiten deine
Sippe zu eurem Stamm. Ich freue mich schon
auf das Fest, dass ihr mir zu Ehren geben
wollt.«
Aruula traute ihren Ohren nicht. Während der
Fahrt hatte sie sich mit Maddrax unterhalten,
und dabei hatte er deutlich gemacht, dass er sich
so schnell wie möglich wieder auf die Suche
nach seinen Kameraden konzentrieren wollte.
Wie kam es nun zu diesem plötzlichen
Sinneswandel?
»Aber wolltest du nicht weiterfahren nach
Norden?« fragte sie nach.
»Nein!« fuhr Matt sie an. »Wir begleiten
diese Menschen! Oder hast du etwas dagegen?«
Aruula war überrascht von seiner plötzlichen
Aggressivität. Was war nur los mit Maddrax?
»Nein, natürlich nicht«, gab sie zurück.
»Entschuldige.« Dann wandte sie sich an Bork
und übersetzte ihm Maddrax's Worte.
Matt schlug Bork freundschaftlich auf die
Schulter. Gemeinsam gingen die Männer zum
Lagerplatz, an dem die Ausgestoßenen ihr
Feuerholz aufschichteten. Doch Aruula spürte,
dass die Vertrautheit zwischen den beiden nicht
echt war. Allerdings machte Matt nach außen
hin ganz den Eindruck, als würde er aus freiem
Willen handeln.
Kopfschüttelnd folgte die Barbarin den
beiden. Bereits nach wenigen Schritten
bemerkte sie, dass die Holzsucher ihre Tätigkeit
eingestellt hatten. Sie neigten allesamt den Kopf
zur Seite, als ob sie nach einem bestimmten
Geräusch lauschen würden. Wie auf ein
unsichtbares Kommando sahen sie zu Bork
hinüber.
»Was soll das?« fragte Doran überrascht.
»Dieser Mann hat uns gerettet! Wieso...«
»Maddrax ist entschlossen uns zu begleiten,
bis wir unseren Stamm erreicht haben«, fiel
Bork seinem Schwager harsch ins Wort. »Ich
bin sicher, es wird alle hier freuen, dies zu
hören.«
Zustimmendes Gemurmel wurde laut, aber es
war trotzdem nicht zu übersehen, dass einige
aus der Sippe mit ihrem Oberhaupt unzufrieden
waren. Selbst Arak sah seinen Vater
vorwurfsvoll an.
»Steht hier nicht herum wie die Ölgötzen«,
schnauzte Bork die Holzsucher an. »Macht
endlich Feuer und bereitet ein Lager für die
Nacht.«
In der darauf einsetzenden Hektik verschwand
das bedrohliche Gefühl, das Aruula verspürt
hatte. Trotzdem versuchte sie mehrmals in die
Gedanken der Ausgestoßenen zu lauschen, um
mehr über deren Pläne zu erfahren. Ihre
Bemühungen liefen jedoch ins Leere. Es war,
als würde ihr innerer Sinn in eine weiche Wand
eintauchen, die so nachgiebig und
unergründlich wie ein Sumpfloch war.
Schließlich stellte sie ihre Versuche ein.
Stattdessen half sie Maddrax das kleine Zelt
aus Wakudaleder aufzubauen, in dem sie
gemeinsam schlafen würden. Sie nahmen noch
eine karge Mahlzeit am Lagerfeuer ein, dann
zogen sie sich zur Nachtruhe zurück.
Borks Sippe benötigte nur ein paar
Felldecken, mit denen sie sich am lodernden
Feuer eine große Schlafstätte bereiteten, um die
gegenseitige Körperwärme zu nutzten.
Nachdem sich Aruula im Zelt bis auf den
Lendenschurz entkleidet hatte, beobachtete sie
Maddrax dabei, wie er seinen Kampfanzug
ablegte. Ihre Blicke glitten über seinen
muskulösen Oberkörper, der viel feiner
geschnitten war als bei den Männern ihres
Stammes.
Sie mochte den Anblick seiner hellen,
unbehaarten Haut. Am liebsten hätte sie es
Borks Sippe gleichgetan und sich ebenfalls an
Maddrax gekuschelt. Die Art und Weise, wie
sie sich halbnackt im Licht der Taschenlampe
räkelte, hätte in jedem anderen Mann denselben
Wunsch wecken müssen. Aber aus ihr
unerklärlichen Gründen hielt Maddrax in
diesem Punkt stets Abstand zu ihr.
Vielleicht hätte sie sich ihm nicht schon kurz
nach seiner Ankunft anbieten sollen? Damals
hatte er ihre Offerte abgelehnt und sie damit
sehr verletzt.
Später hatte er ihr erklärt, dass er sich nicht
mit ihr vereinigen wollte, solange sie ihn für
einen Gott hielt. Inzwischen aber hatte sie
längst akzeptiert, dass er ein Mensch war, und
trotzdem war nichts zwischen ihnen passiert.
Dabei wusste sie, dass der Anblick ihres
wohlgeformten Körpers Maddrax' Blut in
Wallung- brachte.
Schließlich beobachtete sie ihn stets dabei,
wenn er, nur noch mit seinen Unterhosen aus
feingewebtem blauem Stoff bekleidet, in seinen
Schlafsack schlüpfte.
Obwohl er es vor ihr verbergen wollte, hatte
sie mehrmals gesehen, dass sich seine Hose - er
nannte sie Shorts - kräftig ausbeulte. Die
Barbarin wusste von den Männer ihres
Stammes, dass dies ein untrügliches Zeichen
ihrer Erregung war
Worauf wartete Maddrax also noch? Er
glaubte doch wohl nicht ernsthaft, dass sie noch
einmal die Initiative übernahm? Auf keinen
Fall! Jetzt musste er um sie werben, und Aruula
hatte sich fest vorgenommen, ihn mindestens
sechsmal abblitzen zu lassen, bevor sie ihm die
Gnade einer Zusammenkunft gewährte.
Ihre grimmigen Gedanken wurden etwas
gemildert, als sie sah, wie sich ihr Reisegefährte
aus der olivgrünen Hose herausschälte. Ihre
Blicke wanderten über die durchtrainierten
Beine, bevor sie am Schluss wieder an seinen
Shorts hängen blieben. Wieder war der Stoff
ausgebeult, doch diesmal schien ihm seine
körperliche Reaktion nicht peinlich zu sein.
Die Barbarin überlegte, wie sein darunter
aufragendes Swoot wohl aussehen mochte.
Natürlich hatte sie bereits ein paar nackte
Männer gesehen. Seit sie geschlechtsreif war,
hatten ihr schon viele Stammesbrüder ihr
Schwert präsentiert, um sie mit ihrer Potenz zu
beeindrucken. Aber irgendwie erwartete sie,
dass Maddrax ihr etwas Besonderes bieten
konnte.
Um sich von ihren lustvollen Gedanken
abzulenken, begann Aruula schnell ein
Gespräch über seinen plötzlichen
Meinungsumschwung, doch ihr Begleiter wollte
von diesem Thema nichts wissen. Schließlich
klagte er sogar über Kopfschmerzen und stellte
die Unterhaltung völlig ein.
Enttäuscht lehnte sich Aruula auf ihre weiche
Felldecke zurück. Zu ihrer Überraschung
verschwand Maddrax aber nicht in seinem
Schlaf sack, sondern ließ seine Augen über
ihren Körper wandern, der vom Licht einer
Talgkerze umschmeichelt wurde. Plötzlich
bettete er seinen Kopf auf ihren nackten Bauch
und brummte behaglich. Ohne darüber
nachzudenken, langte die Barbarin zu seinem
blonden Schöpf und strich ihm sanft übers
Haar.
»Du erschöpft?« hauchte sie.
Matts Lippen spalteten sich zu einem
hintergründigen Grinsen.
»Kommt drauf an«, antwortete er zweideutig.
Ehe sie reagieren konnte, presste er seine
Lippen auf ihren Bauchnabel und gab ihr einen
sanften Kuss. Aruula genoss die zarte Geste mit
geschlossenen Augen. Ihr Atem beschleunigte
sich, als Maddrax sich daraufhin mit seinen
Lippen ihren Oberkörper hinaufarbeitete und
auch zwischen ihren Brüsten nicht Halt machte.
Im Gegenzug ließ sie ihre schlanken Finger
über seine Shorts gleiten, um die Härte seiner
Erregung zu spüren. Ihre Vorsätze, ihn bei
seinen ersten Avancen ordentlich zappeln zu
lassen, waren wie weggeblasen.
Maddrax riss sich seine verbliebene
Bekleidung vom Leib. In seinen Augen blitzte
plötzlich ein animalischer Zug, den Aruula noch
nie zuvor an ihm gesehen hatte. In diesem
Moment war sie aber froh, dass er die Fesseln
der Zivilisation abstreifte und seinen Trieben
freien Lauf ließ.
»Ich weiß gar nicht, wie ich es die ganzen
Wochen neben dir aushalten konnte, ohne über
dich herzufallen«, knurrte Maddrax in einer
Mischung aus aggressiven Verlangen und
liebevoller Zärtlichkeit.
Aruula ließ sich diese Worte gerne gefallen,
als er sich neben sie legte und durch ihre langen
blauschwarzen Haare strich. Inzwischen war
nicht nur die Temperatur in dem engen Zelt
gestiegen, sondern auch ein brennendes
Verlangen in ihrem Körper entfacht worden.
Das Kribbeln in ihrem Schoß signalisierte ihr
deutlich, dass sie mehr als nur süße Worte
wollte.
Der hautnahe Körperkontakt zeigte auch bei
Matt seine Wirkung. Aruula konnte deutlich
spüren, wie sein Swoot gegen ihren
Oberschenkel drückte.
Da ließ sie ihre Hände um seinen Nacken
gleiten, zog ihn enger an sich und presste ihre
Brüste gegen ihn. Sie blies ihm den heißen
Atem in den Nacken und knabberte zärtlich an
seinem Ohr.
»Vorsichtig«, warnte Maddrax. »Wenn du so
weitermachst, kann ich nicht mehr für mein
gutes Benehmen garantieren.«
»Das ich hoffe!« raunte sie zurück. »Hatte
schon Furcht, du würdest kein Gefallen an mir
finden.«
Matthew sparte sich eine Erwiderung.
Stattdessen bedeckte er Aruulas Gesicht mit
Küssen. Dabei ließ er seine Hände über ihren
ganzen Körper gleiten.
Die Barbarin genoss es, wie er sie verwöhnte.
Erregt griff sie nach seiner harten Männlichkeit.
Matt stöhnte bei der Berührung leise auf. Als
Aruula ihn mit der geschlossenen Faust zu
massieren begann, beschleunigte sich sein
Atem. Gleichzeitig schob er ihren
Lendenschurz zur Seite.
Mit sanfter Gewalt zog sie das pulsierende
Faustpfand heran. Vorsichtig drang Maddrax in
sie ein.
Die Defloration verursachte nur einen kurzen
Moment des Schmerzes, dann stemmte die
Barbarin ihr Becken in die Höhe, um ihn so tief
wie möglich aufzunehmen.
Anfangs bewegte er sich nur vorsichtig in ihr
vor und zurück. Je mehr er sich aber im Rausch
der Sinne verfing, desto weniger konnte Matt
das barbarische Erbe seiner eigenen Gene
leugnen. Schließlich wurde das Verlangen so
groß, dass er die dünne Decke der Zivilisation
abwarf, um sich gänzlich den Trieben
hinzugeben, die in ihm explodierten.
Das enge Zelt war erfüllt von dem erregten
Keuchen der Liebenden, untermalt von dem
klatschenden Geräusch der aufeinanderprallenden
Leiber. Immer schneller und
heftiger drang Matt in seine Gefährtin ein.
Einer zivilisierteren Frau wäre Maddrax'
Gebaren vielleicht zu stürmisch gewesen, doch
für Aruula benahm er sich genau so
leidenschaftlich, wie sie es sich erträumt hatte.
Sie selbst reagierte nicht weniger heißblütig, als
sie ihre Schenkel um seine Taille schlang und
ihre nackten Fersen in sein Gesäß rammte, um
ihn noch fester an sich zu pressen.
Hemmungslos schrie sie ihre Lust heraus, denn
endlich wurde ihr lange unterdrücktes
Verlangen gestillt. In Maddrax hatte sie endlich
einen Mann gefunden, dem sie sich mit jeder
Faser ihres Leibes hingeben wollte.
Derart aufgepeitscht, dauerte es nicht lange,
bis der Höhepunkt wie ein Sturm über Aruula
hinweg fegte und ihr fast die Sinne raubte.
Matt verstärkte seine Bewegungen, als er
spürte, dass sich seine Partnerin unter ihm
aufbäumte. Noch einmal keuchte Aruula vor
Lust laut auf, während er sich mit kraftvollen
Stößen in sie entlud. Gemeinsam sanken sie
dann erschöpft auf die Decke zurück.
Matt schloss seine Gefährtin in die Arme.
Aruula ließ ihren Kopf auf seine breite Brust
sinken. In diesem Moment der Erfüllung war
jedes Wort überflüssig, und so schwiegen beide
eine Weile, bis sie gemeinsam einschliefen.
Das Getriebe des Jeeps heulte gequält auf, als
Matt höher schaltete, ohne die Kupplung richtig
durchzutreten. Der Pilot zerbiss einen Fluch
zwischen den Zähnen. Verdammt, was war nur
mit ihm los? Er fuhr heute wie der erste Mensch
auf Erden!
Möglicherweise lag es an den
Kopfschmerzen, die ihn schon den ganzen
Morgen verfolgten, vielleicht aber auch daran,
dass seine Gedanken nur noch um Aruula
kreisten. Matt konnte sich beim besten Willen
nicht erklären, warum er vorige Nacht alle
moralischen Bedenken über Bord geworfen und
mit der Barbarin geschlafen hatte.
Er wusste nur, dass es phantastisch gewesen
war und er möglichst schnell wieder das Lager
mit ihr teilen wollte. Erneut tauchte in seinen
Gedanken die Szene auf, in der sich Aruula
nackt auf der Felldecke räkelte.
Matthew schüttelte verärgert den Kopf, um
das frivole Bild zu vertreiben. Was war nur mit
ihm los? Er war doch sonst nicht so
triebgesteuert!
Borks Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Deine Donnerhand gehorcht jedem, der sie
richtig benutzen kann? fragte er.
Matt brauchte einige Sekunden, um sich
darüber klar zu werden, daß er die Frage des
Ausgestoßenen verstanden hatte! Und eine
weitere, um zu realisieren, dass Bork dabei
seine Lippen nicht bewegt hatte. Die Stimme
war unmittelbar in seinem Gehirn
aufgeklungen!
Im nächsten Moment schien es Matt
vollkommen normal, dass Bork sich dergestalt
mit ihm verständigte. Seine Überraschung löste
sich in Wohlgefallen auf.
»Die, Pistole ist eine ganz normale Waffe, die
nicht viel schwieriger zu bedienen ist als Pfeil
und Bogen«, bestätigte Matt.
Bork nickte. Und forderte: Zeig mir, wie die
Donnerhand funktioniert! Wieder war seine
Stimme direkt in Matts Verstand zu vernehmen.
Und sein Tonfall stellte klar, dass dies ein
Befehl war und keine Bitte.
Matt zog die Beretta 98 G aus einer
Seitentasche seiner Uniform und reichte sie
dem Ausgestoßenen, der neben ihm auf dem
Beifahrersitz saß.
Gemeinsam hatten sich die beiden Männer
nach dem morgendlichen Mahl aufgemacht, um
einige Reittiere zu beschaffen. Angeblich gab es
nicht allzu weit entfernt ein Dorf, in dem sie
Frekkeuseher erwerben konnten.
Während Bork mit der gesicherten Automatik
hantierte, fuhr Matt über einen holprigen Pfad
in die Richtung, die ihm der Ausgestoßene
gewiesen hatte. Dabei fiel es ihm zunehmend
schwerer, sich mit einem Auge auf die Lenkung
zu konzentrieren und mit dem anderen Borks
Bewegungen zu überwachen.
Der Ausgestoßene riss immer wieder am
Abzug, ohne dass sich ein Schuss löste.
»Du musst sie erst entsichern«, sagte Matt.
Obwohl die holprige Strecke seine gesamte
Aufmerksamkeit beanspruchte, erklärte er Bork,
wie er die Waffe schussbereit machte.
Verdammt, wieso erkläre ich eigentlich
diesem Wildfremden, wie meine Knarre
funktioniert, schoss es ihm durch den Kopf.
Gleich darauf verdrängte er den Gedanken
wieder. Bork und seine Angehörigen waren
vertrauenswürdige Leute! Diese armen
Menschen, denen überall nur Verachtung und
Hass entgegengebracht wurde, brauchten seine
Schusswaffe viel nötiger als er.
Matt schüttelte knurrend den Kopf, um die
Kopfschmerzen zu vertreiben, die ihn schon
wieder plagten. Dann hielt er an und stieg mit
Bork aus, um ihm den Gebrauch der Beretta zu
demonstrieren. Der Ausgestoßene erwies sich
als gelehriger Schüler, der schon nach kurzer
Zeit die Funktion des Double Action Revolvers
erfasste.
Nachdem er einige Probeschüsse auf einen
alten Baumstumpf abgegeben hatte, sicherte
Bork die Waffe wieder und steckte sie zufrieden
in seinen Hosenbund. Matt fand es richtig, dass
Bork die Pistole an sich nahm. Er hätte sie ihm
ohnehin geschenkt.
Von Kopfschmerzen geplagt, setzte sich der
Pilot wieder hinters Steuer und chauffierte Bork
in das gewünschte Dorf, dessen Gebäude bereits
als dunkle Schemen am Horizont sichtbar
wurden. Zwanzig Minuten später erreichten sie
die ersten Hütten, die um einen großen
Marktplatz gruppiert waren.
Ein Blick auf den Tacho zeigte Matt, dass
diese Siedlung nur fünfzehn Kilometer von
ihrem eigenen Lagerplatz entfernt lag.
Einige Dorfbewohner, die sich vor ihren
Häusern befanden, schreckten beim Auftauchen
des Jeeps zusammen. Unruhig liefen sie umher
und stießen schrille Laute aus, die eher an
verängstigte Tiere als an die Sprache der
Barbaren erinnerten. Schließlich vereinigten
sich die vereinzelten Menschen zu einer großen
Gruppe. Die gemeinschaftliche Nähe mochte
ihnen Schutz vor dem seltsam röhrenden Untier
bieten, das sich mitten auf ihrem Dorfplatz
niederließ.
Matt war es gewohnt, dass der fremdartige
Anblick des Jeeps Aufregung verursachte. Doch
die Bewohner dieses Landstrichs schienen viel
primitiver zu sein als alle Barbarenstämme, die
er bisher kennen gelernt hatte. Bei näherem
Hinsehen wirkten diese Menschen sogar weit
weniger zivilisiert als die Bauten ihres Dorfes
vermuten ließen.
Während die behaarten Dörfler mit ihren
flachen Stirnen aussahen, als hätten sie das
Stadium der Jäger und Sammler noch nicht
überwunden, wiesen die in Lehmbauweise
errichteten Häuser auf eine wesentlich höhere
Kulturstufe hin.
Fast wie bei diesen Affenmenschen! Deren
Kleidung passte auch nicht zu ihrer
körperlichen Entwicklung! Der Vergleich war
natürlich weit hergeholt, denn mit ihren leichten
Kopf Deformationen sahen die verängstigten
Dörfler keineswegs wie Steinzeitmenschen aus.
Trotzdem . ..
Ehe Matt den Gedanken weiterverfolgen
konnte, quälte ihn eine neue Schmerzattacke,
die seinen Schädel überflutete. Mit verzerrtem
Gesicht wandte er sich an Bork, der gerade das
Amulett an seinem Hals umklammerte.
»Bis du sicher, dass du in diesem Kaff
Frekkeuseher auf treiben kannst?« stieß Matt
krächzend hervor. »Diese Typen sehen aus, als
würden sie sich schon seit Generationen nur
noch untereinander vermehren.«
Borks Lippen spalteten sich zu einem
Lächeln, denn er verstand ganz genau, worauf
der Pilot anspielte. Ohne etwas zu erwidern,
sprang der Ausgestoßene vom Beifahrersitz und
ging auf die Dorfbewohner zu.
Je mehr er sich den Primitiven näherte, desto
dichter drängten sie sich aneinander. Fast so, als
wenn er es wäre, vor dem sie sich fürchteten,
und nicht der Anblick des Jeeps.
Nach einigem Tumult in den Reihen der
Eingeborenen wurde schließlich ein
breitschultriger Mann an die Spitze der Horde
geschoben. Anscheinend war er das
Gemeindeoberhaupt, obwohl er sich in dieser
Rolle sichtlich unwohl fühlte. Immer wieder sah
er sich hilfesuchend nach den anderen Dörflern
um, die sich furchtsam hinter seinen breiten
Schultern verbargen. Gleichzeitig machten sie
ihm mit wilden Gesten deutlich, dass er das
Wort ergreifen sollte.
Schließlich nahm er seine Rolle als
Vorsprecher mit resigniertem Grunzen an. Der
Hüne richtete sich etwas aus seiner gebeugten
Haltung auf und sah mit festem Blick zu Bork
hinüber. Der anschließenden Unterhaltung
vermochte Matt Drax nicht mehr zu folgen,
denn sie entstand nicht, wie Borks Worte zuvor,
direkt in seinem Kopf.
Wie war das überhaupt möglich gewesen?
blitzte es kurz in seinem Verstand auf. Wie
hatte Bork...
Der Gedanke verging, so schnell er
gekommen war. Matt lauschte dem Gespräch,
ohne auch nur ein Wort zu verstehen.
»Was willst du hier?« grollte der
Dorfsprecher abweisend, ohne ein ängstliches
Vibrieren in der Stimme unterdrücken zu
können.
»Wir brauchen eure Frekkeuscher!« erklärte
Bork in Befehlsgewohntem Ton, während er
sein Amulett umfasste. »Wenn ihr uns die Tiere
gebt, seid ihr mich gleich wieder los.«
Bei dieser Forderung ging ein aufgeregtes
Murmeln durch die zusammengedrängte Horde.
In vielen Stimmen schwang ein Ton der
Erleichterung mit, andere Dörfler reagierten
dagegen aggressiv.
»Wir brauchen unsere Frekkeuscher selbst!«
empörte sich ein Mann aus der hintersten Reihe.
»Wie sollen wir sonst unsere Ernte einbringen
und auf den umliegenden Märkten verkaufen?«
»Dann tragen wir die Waren eben wieder auf
unseren Rücken«, fuhr eine Frau mit
honiggelbem Haar dazwischen. »Hauptsache,
wir sind diese verfluchte Sippe so schnell wie
möglich wieder los!«
Zustimmendes Gemurmel unterstützte die
Worte der Blonden, bis ihr Anführer alle mit
einer herrischen Geste zum Schweigen brachte.
»In Ordnung«, wandte sich der Hüne an Bork.
»Du kannst so viele Frekkeuscher haben, wie
du willst.
Aber danach wollen wir dich und deine Leute
nie wieder sehen.«
»Ihr habt mein Wort darauf«, grinste der
Ausgestoßene. »Ich bin bestimmt nicht scharf
darauf, in diesen ungastlichen Landstrich
zurückzukehren.«
Während Bork einigen Dorfbewohnern zu den
Riesenheuschrecken folgte, blieb Matt
apathisch hinter dem Steuer des Jeeps sitzen.
Warum sollte er den Männern auch nachgehen?
Sein Reisegefährte schien doch alles im Griff zu
haben.
Während Bork außer Sicht war, wagten sich
die übrigen Dörfler näher an den Jeep heran. In
den Gesichtern der Männer, Frauen und Kinder
spiegelten sich Wut und Verachtung wider.
Dies bestätigte Araks Aussage, dass seiner
Familie überall nur Ablehnung entgegenschlug.
Hauptsächlich wurden die Mienen der
Menschen aber von Angst beherrscht. Fast so,
als hätte sie die erste Begegnung mit den
Ausgestoßenen in so tiefen Schrecken versetzt,
dass sie es nicht wagten, Bork einen Wunsch
abzuschlagen.
Matt machte sich über die Motive der
Dorfbewohner keine Gedanken. Eigentlich
dachte er in diesem Moment überhaupt nicht
nach, sondern spürte nur eine dumpfe Leere in
seinem Kopf.
Er blickte nicht einmal auf, als Bork zum Jeep
zurückkehrte. Hinter dem
Ausgestoßenen trotteten drei Frekkeuscher
heran, die so zahm waren, dass Bork sie nicht
einmal an den Zügeln zu führen brauchte. Die
dunkelgrünen Riesenheuschrecken schienen die
Wünsche ihres neuen Herren instinktiv zu
spüren und hielten immer exakt zwei Schritte
Abstand zu ihm.
Du kannst jetzt in unser Lager zurückkehren,
erklärte Bork mit seiner Gedankenstimme. Ich
folge dir mit den Tieren.
Matt nickte langsam. Ohne einen
Abschiedsgruß startete er den Hummer-Jeep.
Obwohl er wie ein Besessener am Lenkrad
kurbelte, brauchte er fast den gesamten
Marktplatz, um das wendige Fahrzeug zu
drehen. Nach einigem Vor- und Zurücksetzen
zeigte seiner Motorhaube endlich in die
Richtung, in die er zurückfahren sollte.
Krachend knüppelte er den ersten Gang ein und
fuhr los.
Es dauerte eine Weile, bis er den holpernden
Wagen hochgeschaltet hatte, aber schließlich
fuhr er in gleichbleibender Geschwindigkeit
zurück ins Lager. Allerdings fiel es ihm immer
schwerer, den Wagen auf der Fahrbahn zu
halten.
Kalter Schweiß brach Matt aus allen Poren,
während er verkrampft hinter dem Steuer
hockte. Immer wieder wischte er sich das
salzige Nass von der Stirn, damit es ihm nicht
weiter in die brennenden Augen lief.
Verdammt, dachte er erschöpft. Was ist nur
mit mir los?
Aruula gönnte sich einen langen erholsamen
Schlaf. Nach einer Hochzeitsnacht stand es der
Braut zu, dass sie sich an den gedeckten Tisch
setzte.
Für die Barbarin bestand kein Zweifel an
dem, was gestern zwischen Maddrax
und ihr passiert war. Vor ihrem Gott
Wudan waren sie nun ein Paar, das dem Stamm
viele Kinder schenken musste, um das
Überleben der Gemeinschaft zu sichern!
Allerdings gab es für Aruula keinen Stamm
mehr. Sie hatte ihre Brüder und Schwestern
verlassen, um Maddrax zu begleiten.
Summend warf sie sich ein Stück grob
gewobenen Stoff über die Schultern und trat aus
dem Zelt. Sie wollte zum nahen Bach gehen,
um sich zu waschen. Draußen wurde sie
sogleich von Arak empfangen, der
offensichtlich schon eine ganze Weile auf ihr
Erscheinen gewartet hatte.
Als Aruula sah, wie der Junge verdutzt auf
ihre blanken Brüste starrte, zog sie schnell das
Tuch vor ihrem Hals zusammen. Offensichtlich
stand Arak näher an der Schwelle zum Mann,
als sie gedacht hatte.
»Alles in Ordnung?« erkundigte sich der
Junge, dessen Wangen von einem roten
Schimmer überzogen wurden. »Ich habe dir
etwas Shassenfleisch und Erdfrüchte
mitgebracht, weil du nicht zum Essen
gekommen bist.«
Aruula schmunzelte über die Verlegenheit des
Jungen, der ihr eine Holzschüssel
entgegenstreckte, in der ein Brei aus gekochten
Pflanzenknollen und Tierfleisch dampfte. Es
war offensichtlich, dass Arak sie gerne mochte,
deshalb bedankte sie sich für seine
Freundlichkeit.
»Begleitest du mich zum Bach?« fragte sie
ihn.
Arak war von diesem Angebot begeistert.
Natürlich wollte er bei seiner Retterin bleiben,
um sich mit ihr zu unterhalten. Munter
plauderte er drauflos und erzählte von den
anderen Kindern der Sippe, die sich , seiner
Meinung nach , den ganzen Morgen über
albern benommen hätten.
Aruula hörte lächelnd zu, denn sie war
ebenfalls sehr an einem Gespräch mit dem
Blondschopf interessiert. Sie wollte Arak gerne
über einige Dinge befragen, die er in Gegenwart
der Eltern sicherlich nicht beantworten durfte.
»Warum habt ihr eigentlich euren Clan
verlassen?« erkundigte sich die Barbarin
übergangslos, als sie den Bachlauf erreichte.
»Ihr hättet doch wissen müssen, dass ihr überall
auf Ablehnung stoßt.«
Araks Redefluss versiegte schlagartig.
Aruula sah zu dem schweigsam gewordenen
Jungen hinüber, der plötzlich verlegen auf den
Boden starrte. Als sie das Tuch von ihren
Schultern gleiten ließ, sah er zwar überrascht
auf, wandte den Blick aber sofort wieder
schamvoll ab.
Die Barbarin tat so, als hätte sie seine
Reaktion nicht bemerkt. Mit anmutigen
Bewegungen beugte sie sich über den
plätschernden Bachlauf und , schöpfte das
erfrischende Nass über ihren Körper. Dann
zerrieb sie ein paar Soafblätter, die sie
mitgebracht hatte, und seifte sich schweigend
mit der cremigen Substanz der Pflanze ein.
Aus den Augenwinkeln konnte sie erkennen,
dass Arak immer wieder verstohlen zu ihr
hinüberschielte, doch sein gequälter
Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er ihren
barbusigen Anblick nicht mehr richtig genießen
konnte.
Schließlich hielt der Halbwüchsige die
bedrückende Stille nicht mehr aus. »Vater hat
sich mit unserem Häuptling Bendrake
überworfen«, erklärte er stockend.
»Warum?« fragte Aruula, die sich den
Schaum wieder vom Körper spülte.
»Wegen unserer Kräfte!« erklärte Arak.
Dabei sah er sie an, als wäre es doch wohl
selbstverständlich, dass es nur darum gehen
könnte.
»Du weiß bestimmt selbst, wie das ist. Wie
schnell sich alles gegen einen kehrt. Bendrake
hat es schon so weit getrieben, dass er sich
selbst verändert, sagt Vater. Deshalb haben wir
uns davongemacht. Alleine sind wir aber zu
schwach, deshalb müssen wir zurückkehren.«
»Hoho, nicht so schnell«, unterbrach Aruula
sein unzusammenhängendes Gestammel,
während sie sich mit dem groben Tuch
abtrocknete. »Jetzt erzähl mal schön der Reihe
nach - was hat dieser Bendrake zu weit
getrieben?«
Ehe Arak zu einer Antwort ansetzen konnte,
ließ ihn der wütende Aufschrei seiner Mutter
zusammenfahren.Da schoss Zila schon heran
und verpasste ihrem Sohn zwei schallende
Ohrfeigen, bevor sie ihn wütend ins Lager
zurückschickte.
Gedemütigt rannte der Junge davon, während
seine Mutter sich kampflustig zu Aruula
umwandte.
Die Barbarin trocknete sich in aller
Seelenruhe weiter ab.
Ihr tat es zwar leid, dass Arak Schläge
einstecken musste, doch sie wusste genau, dass
sie keine Tätlichkeiten von der schmächtigen
Frau zu erwarten hatte.
Zila war sich dem Kräfteverhältnis zwischen
ihnen ebenfalls bewusst, deshalb begnügte sie
sich damit, die Barbarin mit bösen Blicken
anzufunkeln.
»Ihr Wilden habt vielleicht kein
Schamgefühl«, knurrte sie wütend, »aber wenn
ich dich noch einmal halbnackt bei meinem
Sohn erwische, kratze ich dir die Augen aus!«
Aruula sparte sich eine Antwort auf diese
leere Drohung.
Die Barbarin spürte genau, dass ihre spärliche
Bekleidung nicht der wahre Grund für Zilas
Verärgerung war. In Wirklichkeit fürchtete die
Ausgestoßene, dass der vertrauensselige Arak
etwas ausgeplaudert haben
könnte, das besser vor den Fremden
verborgen blieb. Ihre Emotionen war so
deutlich, dass Aruu-la sie mühelos erlauschen
konnte. Zila spürte, dass ihr ein Fehler
unterlaufen war. Gleich darauf verschloss sie
ihre Gefühle wieder. So sehr sich Aruula auch
bemühte, sie konnte nichts mehr wahrnehmen.
Nachdenklich sah sie der aufgebracht
davonstampfenden Mutter hinterher. Arak
mochte ein lieber Junge sein, aber seine Sippe
wurde ihr immer unheimlicher. Maddrax und
sie mussten so schnell wie möglich wieder ihre
eigenen Wege gehen.
Da hörte sie auch schon das tiefe Brummen
des heranfahrenden Jeeps. Es sah fast so aus, als
leide er an Fieber. Sein Gesicht war derart
angeschwollen, dass sie ihn kaum wiedererkannte.
Erst nachdem sie ihre Frage
wiederholt hatte, drehte er sich langsam zu ihr
um und antwortete:
»Ich...weiß nicht.
Ich fühl mich total fertig.
Ich kann mich kaum noch rühren und auch
nicht vernünftig nachdenken. Du musst fahren.«
»Was ist mit dir?« rief sie aufgeregt.
Zuerst reagierte Maddrax nicht.
Aruula lief zum Zelt zurück, um sich
anzuziehen.
Kurze Zeit später ging sie zum Wagen
hinüber, in dem Maddrax wie erstarrt hinter
dem Lenkrad saß. Als sie näher kam, bemerkte
die Barbarin erschrocken, dass er
schweißüberströmt war.
»In Ordnung«, versicherte sie. »Ich packe
unsere Sachen, dann wir verschwinden. Je eher
wir fort von Borks Sippe, umso besser.«
Maddrax schüttelte energisch den Kopf.
»Nein, wir bleiben«, röchelte er. »Die Leute
brauchen uns.«
Aruula sah ihren Gefährten zweifelnd an,
dann blickte sie zu Bork hinüber, der
inzwischen mit den Frek-keuschern das Lager
erreicht hatte. Sofort wurde er von seiner
Familie wie ein Held nach einer gewonnenen
Schlacht umringt. Kaum einer aus der Sippe
verschwendete einen Blick an den Kranken im
Jeep.
Nur Arak stand etwas abseits und sah betrübt
zu Maddrax und der Barbarin hinüber.
»Ich weiß nicht«, beschwor Aruula ihren
Gefährten leise. »Die Sippe wird mir immer
unheimlicher.«
Trotz seiner Schwäche fuhr Maddrax im Sitz
auf und funkelte die Barbarin wutentbrannt an.
Mit seinem angeschwollenen Gesicht wirkte er
plötzlich wie einer der tumben Affenmenschen,
gegen die sie tags zuvor gekämpft hatten.
»Kannst du nicht einfach tun, was ich dir
sage?« fauchte er aggressiv.
Gleich darauf wich der dunkle Zug aus
seinem Gesicht und er sank müde in den
Fahrersitz zurück.
»Tut mir Leid«, entschuldigte er sich.
»Ich bin ganz durcheinander. Bork meint, es
war eine Art Sumpffieber, das die Scimaro
öfters kriegen.
Er kennt Kräuter, die dagegen helfen. Sie
wachsen etwa eineTagesreise von hier. Deshalb
müssen wir ihm folgen, damit er mir daraus
einen heilenden Trank brauen kann.«
Aruula kam diese Geschichte seltsam vor.
Wie hatte Maddrax sich mit Bork verständigt,
um von den Krautern zu erfahren? Aber sie
widersprach nicht mehr, um ihn nicht noch
weiter zu reizen. Stattdessen eilte sie zurück
zum Zelt, um ihre wenigen Habseligkeiten
zusammenzuraffen.
Vollbepackt kehrte sie zum Jeep zurück und
verstaute die Felldecken, Lederplanen und
Zeltstangen auf der Ladefläche hinter den
Sitzen. Maddrax war inzwischen auf die
Beifahrerseite hinübergerutscht und in eine Art
Dämmerschlaf versunken.
Aruula blickte zu den Ausgestoßenen hinüber.
Sie hatten bereits die
Frekkeuscher bestiegen und wollten gerade
aufbrechen.
»Es geht los!« schrie Bork im Befehlston.
»Bleibt alle zusammen!«
Aruula feuchtete noch schnell einen
Stofflappen mit Wasser an und wischte ihrem
Gefährten den Schweiß von der Stirn. Dann
setzte sie sich hinters Steuer und fuhr den
Frekkeuschern hinterher. Sie schauderte bei
dem Gedanken, dass nun sie den Wagen lenken
musste. Jetzt hing es von ihrem fahrerischen
Können ab, ob Maddrax den nächsten Tag
erlebte.
Mit dem Jeep und den Riesenheuschrecken
ging es ohne große Pausen in Richtung Westen
weiter. Maddrax erwachte mehrmals aus seinem
Dämmerschlaf; dann kühlte Aruula ihm sein
verquollenes Gesicht und die aufgedunsenen
Hände, bis er wieder in die Bewusstlosigkeit
zurückfiel. Erst am späten Abend ordnete Bork
eine Rast an.
Nachdem Aruula das Zelt errichtet hatte,
schleppte sich Maddrax mit letzter Kraft auf
seine Lagerstätte und schlief sofort ein. Die
Barbarin fütterte inzwischen den Jeep aus den
Kanistern. Zum Glück hatte sie sich gemerkt,
wie Matt den Wagen betankte, und ging dabei
sehr vorsichtig zu Werke, denn sie hatte nicht
seine Warnung vergessen, wie gefährlich dieses
»Benzin« sein konnte. Sie wusste, dass sie vor
allem darauf achten musste, dass niemand in
ihrer Nähe mit offenem Feuer hantierte.
Aruula entledigte sich gerade des leeren
Kanisters, als Bork aus dem Dunkel trat.
»Wo sind die Krauter, die du Maddrax
versprochen hast?« fragte sie ihn.
»Seine Krankheit wird immer schlimmer.«
»Deinem Freund wird es schon morgen
Nachmittag besser gehen«, erwiderte der
Ausgestoßene. »Bendrake weiß genau, wie man
ihn behandeln muss.«
Aruula spürte auch ohne ihre mentalen Kräfte,
dass es Bork nicht ehrlich meinte, deshalb
sparte sie sich eine Fortführung des Gesprächs.
Trotzig ging sie zum Zelt zurück, um Maddrax'
verquollenes Gesicht zu kühlen. Das war im
Moment alles, was sie für ihn tun konnte.
Als sie ihrem besinnungslosen Gefährten
Uniformjacke und Hemd auszog, erkannte sie
entsetzt, dass auch sein Oberkörper völlig
aufgedunsen war.
Verzweifelt wickelte sie Matt in feuchte
Umschläge und verfrachtete ihn mühsam in
weiche Felle. Mehr konnte sie im Augenblick
nicht für ihn tun.
Erschöpft sank die Barbarin auf ihrer
Felldecke zusammen. Sie fiel in einen
unruhigen Schlaf voller Alpträume, in denen sie
von Borks Sippe und den Affenmenschen über
einen Schrottplatz gejagt wurde. Schon bald
konnte Aruula nicht mehr sagen, wer Freund
oder Feind war. Als ihr auch noch der
missgestaltete Maddrax entgegentrat,
verfestigte sich endgültig ihr Eindruck, dass
sich alle Welt gegen sie verschworen hatte.
Beim ersten Vogelzwitschern schreckte die
Barbarin in die Höhe. Im ersten Moment war
sie erleichtert, den bösen Träumen entronnen zu
sein. Doch als sie sich zu Maddrax umdrehte,
wünschte sie plötzlich, wieder tief und fest zu
schlafen. Sie erschrak beim Anblick ihres
Gefährten, als wenn Krahac persönlich neben
ihr hocken würde. Vielleicht wäre es sogar das
Beste gewesen, wenn der schwarze Totenvogel
erschienen wäre, um Maddrax
zu sich zu holen. Denn das seltsame
deformierte Ding, das dort neben ihr lag, hatte
mit ihrem geliebten Gefährten nicht mehr viel
gemein.
Einen Moment lang hoffte die Barbarin, dass
sie sich noch immer in den Fängen eines
Nachtmahrs befände, aber schließlich erkannte
sie, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen
endgültig bewahrheitet hatten.
Maddrax' Gesicht war inzwischen nicht nur
verquollen, seine ganze Kopfform hatte sich
über Nacht verändert. Sein Kiefer hatte sich
ebenso nach vorne geschoben wie die
Augenbrauenpartie, die sich wie ein Wulst über
seine blaugrünen Pupillen wölbte. Seine
deformierte Stirn verlief dagegen absolut flach.
Hastig riss Aruula die Kräuterwickel von
seinem Oberkörper.
Auch hier bot sich dasselbe Bild! Arme, Brust
und Rücken wirkten in sich
zusammengeschoben und verwachsen -
außerdem wurden der ganze Körper von
dichtem blonden Flaum bedeckt.
Kein Zweifel - Maddrax veränderte sich
allmählich zu einem dieser Affenmenschen,
gegen die sie auf dem Schrottplatz gekämpft
hatten!
Einen Moment lang wollte Aruula vor
seelischem Schmerz aufschreien, doch dann
gewann die barbarische Seite in ihr die
Oberhand. Zornbebend riss sie ihr Schwert
hervor und sprang aus dem Zelt.
Nur wenige Schritte von ihr entfernt saßen die
Ausgestoßenen um das Lagerfeuer. Sie kochten
einige Wurzeln, die ihre Frauen am Abend
zuvor gesammelt hatten. Als Bork sah, wie die
Barbarin mit der blanken Klinge auf ihn
zustürzte, blieb er ruhig sitzen und starrte sie
mit intensivem Blick an.
Einen Moment lang spürte Aruula den
intensiven Wunsch, sich zu beruhigen und über
alles zu sprechen. Aber der Zorn, der in ihrem
Innersten wühlte, war stärker als die Stimme
der Vernunft.
Mit einem lauten Aufschrei schwang sie das
Schwert herum und ließ es direkt auf Borks
Hals zusausen.
Im letzten Moment fing sie die Klinge ab, so
dass die beidseitig geschliffene Spitze unter
seinem Kinn zitternd verharrte. Das scharfe
Metall drückte sich in die Haut, die sich über
Borks Gurgel spannte.
»Es gibt wirklich keine Möglichkeit, deinen
Geist zu steuern«, stellte Bork bedauernd fest,
ohne einen Funken Angst zu zeigen. »Deine
geistigen Kräfte machen dich leider immun
gegen unsere Kontrolle.«
Bei diesen Worten flammte nackter Hass in
der Barbarin auf. Mühsam unterdrückte sie den
Wunsch, ihren Gegner durch ein kurzes Zucken
der Klinge ins Jenseits zu befördern. Tot konnte
ihr Bork keine Fragen beantworten.
»Sag mir sofort, was ihr mit Maddrax
gemacht habt«, keuchte sie, während sie um
Beherrschung rang. »Er verwandelt sich in
einen von diesen schrecklichen
Affenmenschen.«
»Eine bedauernswerte Begleiterscheinung
unserer Kräfte«, erklärte Bork zynisch. »Die
Macht, die uns von Meetor verliehen wurde, als
er sein großes Geschenk vom Himmel sandte,
gibt uns das natürliche Recht zur Herrschaft
über die Menschen. Leider entwickeln sich die
Sklaven unter unserer Herrschaft immer mehr
zurück, bis wir ab einem bestimmten Stadium
die Kontrolle über ihre dumpfen Geister
verlieren. Sie wenden sich dann gegen uns und
verfolgen uns sogar voller Hass, wie du auf dem
Käferfriedhof sehen konntest. Nur Bendrake ist
in der Lage, sich mit den niederen Gedanken
der Scimaro zu verbinden, deshalb müssen wir
zu unserem Stamm zurückkehren. Alleine sind
wir zu schwach, um unter den Sklaven zu
überleben.«
Aruula juckte es in den Fingern, Borks
Überheblichkeit mit einem Schwertstreich zu
beenden. Doch sie beherrschte sich.
»Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass
ich Maddrax weiterhin eurem Einfluss
überlasse?« zischte sie verächtlich »Ich werde
ihn jetzt in unser Fahrzeug verfrachten und euch
hier zurücklassen.«
»Das wirst du nicht«, stellte Bork in
sachlichem Ton fest. »Wir brauchen euch
noch.«
Aruula verstärkte den Druck ihrer
Schwertspitze, bis ein feiner Blutstrom Borks
Hals hinablief.
»Ich gehe«, knurrte sie drohend. »Und keiner
von euch traurigen Gestalten wird mich dabei
aufhalten.«
Die Lippen des Ausgestoßenen spalteten sich
zu einem spöttischem Lächeln, obwohl sich
dadurch der Schnitt an seinem Hals noch
verbreiterte. »Das brauchen wir auch nicht!«
Ehe Aruula den Sinn seiner Worte verstehen
konnte, spürte sie, wie hinter ihr ein dunkler
Schatten in die Höhe wuchs. Da krallten sich
auch schon zwei behaarte Pranken in ihre
Oberarme und rissen sie so schnell zurück, dass
sie nicht mehr dazu kam, ihr Schwert nach vorn
zu stoßen. Gleich darauf wurde sie brutal zur
Seite geschleudert.
Andere Krieger wären in dieser Situation
hilflos auf den Boden gekracht, doch Aruulas
Reflexe waren durch unzählige Kämpfe mit den
Taratzen und anderen Gegnern geschult.
Instinktiv rollte sie sich über die Schulter ab
und nutzte den dabei entstehenden Schwung,
um nach einer Vorwärtsrolle wieder federnd auf
die Füße zu springen.
Blitzschnell wirbelte sie auf dem Absatz
herum und zog ihr Schwert im Halbkreis mit
sich. Ein silberner Lichtreflex sirrte durch die
Luft, genau auf ihren Gegner zu, der mit
ausgebreiteten Armen vor ihr stand.
Als sie die verwachsene Gestalt erkannte,
schrie Aruula entsetzt auf.
Es war Maddrax!
Im letzten Moment veränderte sie die
Flugbahn der Klinge, so dass sie haarscharf
über den Schöpf ihres Gefährten hinweg pfiff.
Einige kurze blonde Strähnen segelten zu
Boden, ansonsten blieb Matt unverletzt.
Noch ehe sich Aruula von dem Schock
erholen konnte, dass Maddrax sie angegriffen
hatte, stand plötzlich Bork neben ihrem
Gefährten. In der Hand des Ausgestoßenen
befand sich die Beretta, deren dunkler Lauf auf
die Schläfe des regungslosen Piloten gerichtet
war. Aruula konnte genau sehen, wie Bork mit
seinem Daumen den Sicherungshebel der
Automatik zurückschob.
»Schön ruhig bleiben«, warnte der
Ausgestoßene. »Dein Freund hat mir gezeigt,
wie seine Donnerhand funktioniert.«
»Du hast ihm die Waffe gestohlen«,
entgegnete Aruula vorwurfsvoll, als wenn dies
noch irgendwie ins Gewicht fallen würde.
»Ich hätte ihm auch befehlen können, sich
selbst zu erschießen«, antwortete Bork
kaltlächelnd. »Allerdings ist er inzwischen
bestimmt schon zu dämlich, um die Waffe noch
zu bedienen.«
Maddrax ließ die Schmähung ohne äußere
Gefühlsregung über sich ergehen. Er befand
sich völlig in der geistigen Gewalt des
Ausgestoßenen.
Der kalte Schweiß auf der Stirn des Piloten
zeigte, dass es ihn seine ganze Kraft kostete,
sich überhaupt auf den Beinen zu halten. Doch
unter Borks Kontrolle mobilisierte er die letzten
Reserven, um die erhaltenen Befehle
auszuführen. Vermutlich würde er Bork so
lange gehorchen, bis er vor Erschöpfung
zusammenbrach.
Aruula senkte ihre Waffe, um das Martyrium
ihres Gefährten nicht unnötig zu verlängern.
Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit spürte sie
Tränen in sich aufsteigen.
»Lass ihn in Ruhe«, bat sie Bork, ohne sich
für den feuchten Glanz ihrer Augen zu
schämen. Sie weinte für Maddrax, nicht für
sich.
Als ihr Schwert zu Boden polterte, huschte
ein triumphierendes Lächeln über das Gesicht
des Ausgestoßenen. Er hatte alles in seiner
Gewalt; das gefiel ihm. Er bückte sich und hob
Aruulas Schwert auf.
»Warum lässt du die beiden nicht in Ruhe?«
schrie Arak seinen Vater an. »Sie haben uns
schließlich das Leben gerettet! Wie kannst du es
ihnen nur so schlecht danken?«
Ein schneller Blick in die Runde zeigte, dass
Borks Handlungen nicht nur seinem Sohn
missfielen. Auch Doran und Korak sahen ihn
unbehaglich an.
»Glaubt ihr Narren denn wirklich, dass wir
mit leeren Händen zu Bendra-ke zurückkehren
können?« schnaubte das Familienoberhaupt
verächtlich. »Nein, er würde uns sofort mit
Schimpf und Schande davon jagen. Deshalb
müssen wir ihm ein wertvolles Geschenk
mitbringen - diesen Fremden und seine
Donnerhand. Und diese Barbarin, die ähnliche
Kräfte wie wir besitzt, obwohl sie keine
Beschenkte zu sein scheint. Nur mit ihnen
zusammen können wir in die Mitte unseres
Stammes zurückkehren!«
Die Sippe senkte bei seinen bitteren Worten
die Augen. Sie wussten alle, dass er die
Wahrheit sprach. Selbst Arak wagte es nicht,
weiter aufzubeg- ehren.
Nachdem er seine führende Stellung wieder
gefestigt hatte, wandte sich Bork erneut an
Aruula.
»Du folgst uns weiter mit dem stählernen
Tier«, befahl er in hartem Ton, der keinen
Widerspruch duldete. »Korak wird dich
begleiten. Wir nehmen dafür Maddrax auf
meinen Frekkeuscher mit. Wenn du
irgendetwas anstellen solltest, was meine Pläne
stören könnte, werde ich deinen Freund sofort
töten!«
Der Barbarin funkelte ihr Gegenüber
schweigend an. Es blieb ihr nichts anderes
übrig, als sich Borks Anordnungen zu fügen,
wenn sie Matts Leben nicht gefährden wollte.
Aber mochte diese Schlacht auch verloren sein,
der Krieg war noch lange nicht vorbei! Sie
würde alles daran setzen, um Maddrax aus der
Gewalt der Ausgestoßenen zu befreien.
Und wenn es das Letzte in ihrem Leben war.
Die Fahrt mit Korak verlief in eisigem
Schweigen.
Aruula spürte zwar deutlich, dass ihr
Beifahrer nicht mit den Handlungen seines
Schwagers einverstanden war, trotzdem
scheiterten all ihre Bemühungen, eine
Unterhaltung zu beginnen. Korak weigerte sich
rigoros, auch nur eine ihrer Fragen zu
beantworten.
Schließlich wurde die Barbarin ebenfalls
einsilbiger, bis sie ganz verstummte. Die
eintönige Fahrt zerrte allerdings an ihren
Nerven, denn nun hatte sie viel zu viel Zeit, um
sich auszumalen, was Maddrax und sie bei den
Ausgestoßenen erwarten könnte. Schließlich
war sie so nervös, dass sie erleichtert aufatmete,
als sie endlich ihr Ziel erreichten.
Die Siedlung des Stammes bestand aus einer
Handvoll weiß gestrichener Lehmbauten, die
schmale Fensterschlitze, aber keine Türen
aufwiesen. Die Wand an Wand gebauten
Gebäude konnten nur über Einstiegslöcher auf
den Dächern betreten werden. Bei einem
feindlichen Angriff mussten lediglich die außen
angelehnten Holzstiegen nach oben gezogen
werden, und schon verwandelten sich die
hufeisenförmig aneinandergereihten Häuser in
eine gut gesicherte Festung.
Wäre Matthew Drax noch im Vollbesitz
seiner geistigen Kräfte gewesen, hätte er der
Barbarin sagen können, dass diese Bauweise an
die Pueblo Indianer Nordamerikas erinnerte
aber vermutlich wäre ihr das ohnehin egal
gewesen.
Aruula interessierte sich vielmehr für die
unzählige Scimaro, die sich völlig friedlich in
der Siedlung aufhielten. Aruula stellte schnell
fest, dass sich die Neandertaler den Menschen
völlig untergeordnet hatten und unterwürfig die
niedersten Arbeiten verrichteten.
Sie parkte den Hummer-Jeep auf dem freien
Platz zwischen den Häusern, direkt neben den
Frekkeuschern. Sofort strömte der ganze Stamm
zusammen, um ihr seltsames Gefährt zu
bestaunen, das offensichtlich kein normales
Reittier war. Schnell sprach sich herum, dass
Aruula den geistigen Kräften der
Ausgestoßenen widerstand, obwohl sie keine
Beschenkte war.
Bork nutzte den Menschenauflauf, um sich in
Szene zu setzen. Hastig kletterte er auf die
Motorhaube des Jeeps, damit ihn jeder der
Anwesenden richtig sehen konnte. Etwa fünfzig
Ausgestoßene hörten ihm zu, wie er großspurig
von seinen Abenteuern und den mitgebrachten
Geschenken erzählte.
Aruula ignorierte sein Gerede.
Stattdessen beobachtete sie erstaunt, dass
sämtliche Scimaro plötzlich apathisch zwischen
den Häusern herumstanden. Offensichtlich
konnten sie keine eigenen Gedanken fassen und
brauchten ständige Anweisungen. Nun, da sich
die Menschen um die Neuankömmlinge
drängten, wirkten die Scimaro wie unbeachtetes
Spielzeug, das ein Kind in der Ecke liegen
gelassen hatte.
Plötzlich ging ein Raunen durch die
aufgeregte Menge. Ihre Ehrfurcht galt einem
hochgewachsenen Mann mit edlen
Gesichtszügen, dem allen Anwesenden
respektvoll Platz machten.
Aruula schätzte, dass der Schönling noch
keine dreißig Sommer gesehen hatte. Trotzdem
trug er eine wertvolle Kette aus Bernstein,
Perlen und seltenen Mineralien, in deren Mitte
sich ein in Gold gefasster Steinsplitter befand,
wie er von allen Ausgestoßenen getragen
wurde.
Auch ohne diesen protzigen Schmuck war
klar, dass es sich um den Häuptling handelte.
Bendrake strahlte eine Mischung aus Arroganz
und Überlegenheit aus, wie sie nur Männer
besaßen, die sich ihrer Macht vollkommen
bewusst waren.
Obwohl ihr der Kerl auf Anhieb
unsympathisch war, konnte Aruula seine
charismatische Ausstrahlung nicht leugnen. Mit
seinem langen weißen Gewand und dem
offenem Haar, das ihm bis auf die Schultern
fiel, wirkte Bendrake eher wie ein Stadtpriester
denn wie ein Stammesfürst. Ehrfürchtig traten
die Menschen einen Schritt zurück. Wie auf
einen lautlosen Befehl hin bildeten sie eine
Gasse, die direkt zur Motorhaube des Jeeps
führte. Bork sprang sofort herab und verbeugte
sich so tief, dass seine Nase fast den Staub des
Platzes berührte.
»Sieh an, wenn das nicht ein bekanntes
Gesicht ist«, höhnte Bendrake mit süffisantem
Grinsen. »Was verschafft uns die Ehre deines
Besuches, Abtrünniger?«
Bork steckte die höhnische Bemerkung weg,
ohne mit der Wimper zu zucken.
»Ich grüße dich, großer Bendrake«, dienerte
er unterwürfig. »Wir sind zurückgekehrt, um
dich zu bitten, uns wieder in den Kreis deines
Stammes aufzunehmen. Wir haben erkannt,
dass du den richtigen Weg gehst, und möchten
uns unter deinen Schutz stellen.«
Der Häuptling ignorierte die Bitte, als hätte er
sie gar nicht gehört. Stattdessen kontrollierte er
schweigend, ob seine Fingernägel gereinigt
waren.
»Ihr möchtet also tatsächlich zu uns
zurückkehren?« fragte er dann in affektiertem
Ton. »Hast du denn eigentlich eine Vorstellung
davon, wie sehr mich deine Flucht verletzt hat?
Wie soll ich dir je wieder trauen können?
Vielleicht überlegst du es dir nächste Woche
schon wieder anders und läßt mich erneut im
Stich!«
Ehe der Häuptling etwas Abschlägiges äußern
konnte, riss Bork die Armeepistole aus seinem
Hosenbund und richtete den Lauf auf ihn.
»Wir haben dir wertvolle Geschenke
mitgebracht, die dem ganzen Stamm dienen
werden«, erklärte er Bendrake stolz. »Dies hier
ist eine mächtige Waffe. Sieh selbst!«
Aruula schrie entsetzt auf, als sie sah, wie
Bork den Sicherungshebel zurücklegte. Ehe sie
eingreifen konnte, wirbelte der Abtrünnige
herum und visierte über die Köpfe der Menge
hinweg einen Affenmenschen an, der nur zehn
Schritte von ihm entfernt stand.
Ein Schuss krachte.
Die abgefeuerte Kugel fuhr in die Schulter
des Scimaro, der von der Wucht des Einschlags
zu Boden geworfen wurde.
Zuerst schreckte die umstehende Menge beim
Donnern der explodierenden Pulverladung
zusammen. Als sie aber den verletzten Scimaro
sahen, der seine Pranke auf die Wunde presste,
brandete Gelächter auf.
Einige Zuschauern klatschten sogar begeistert
in die Hände.
Bork nahm die Beifallskundgebungen
lächelnd entgegen, während Bendrake als
Einziger keinerlei Gefühlsregung zeigte.
Aruula wurde bei diesem unwürdigen
Schauspiel beinahe schlecht. Die Scimaro
wurden von den Beschenkten schlechter
behandelt als jedes Tier. Dabei steckten in
diesen verwachsenen Körpern Menschen, die
einst von den gleichen Veränderungen befallen
worden waren wie Maddrax.
Schaudernd dachte die Barbarin daran, dass
sie einige Affenmenschen getötet hatte, um
Arak zu retten. Natürlich war ihr nichts anderes
übrig geblieben, denn die geistlosen Wesen
wären sonst über sie hergefallen. Trotzdem
bereute sie, dass sie Bork und seiner Sippe zur
Hilfe geeilt war. Der Zorn der Scimaro, die auf
dem Schrottplatz gewütet hatten, war
offensichtlich berechtigt gewesen.
Als sich der Jubel der Menge wieder legte,
ergriff Bendrake das Wort.
»Ein schönes Spielzeug hast du uns da
mitgebracht«, wandte sich der Häuptling
herablassend an Bork. »Aber wozu soll es gut
sein? Wenn Meetor gewollt hätte, dass wir
Donnerhände benutzen, dann hätte er sie uns
vom Himmel gesandt. Nein, unsere Waffe
bleibt der Geist.«
Enttäuscht starrte Bork auf die rauchende
Mündung in seinen Händen. Ehe er sich versah,
entwand ihm Bendrake die Automatik aus den
Fingern. Vermutlich wollte der Häuptling diese
gefährliche Waffe nicht in den Händen eines
Widersachers wissen. Bork wollte schon
protestieren, als Bendrake sich zu Aruula
umwandte.
»Statt solchen Krach zu veranstalten, solltest
du mir lieber diesen Gast vorstellen, den du
mitgebracht hast«, rügte er mit falschem
Lächeln. »Ich habe diese Schönheit noch nie
zuvor gesehen, trotzdem scheint sie unsere
Kräfte zu besitzen.«
»Sie ist keine Beschenkte!« bestätigte Bork
eifrig. Er erkannte sofort, dass Aruula vielleicht
das erwünschte Präsent sein könnte, das ihm die
Rückkehr in den Stamm ermöglichte. Hastig
erklärte er: »Ihre Kräfte sind bei weitem nicht
so groß wir unsere, doch sie ist immun gegen
unsere Kontrolle und verändert sich auch nicht
in eine hirnlose Bestie.«
Bendrake trat an den Jeep heran und musterte
die Barbarin. Grinsend tastete er mit seinen
Blicken jeden Handbreit ihres kurvenreichen
Körpers ab.
»Ich hoffe, dir wird der Aufenthalt in meinem
Stamm gefallen«, schnurrte er in einem Ton,
den er wohl für verführerisch hielt. »Mein Haus
steht dir Tag und Nacht offen!«
Aruula hätte dem Häuptling am liebsten ins
Gesicht gespuckt, doch sie wusste, dass sie ihre
Gefühle im Zaum halten musste. Gewalt
brachte sie im Moment nicht weiter. Nein, sie
musste besonnen handeln, genau so wie es
Maddrax getan hätte, wenn er gesund wäre.
»Vielen Dank für die Einladung«, gab Aruula
mit einem Lächeln zurück, das mindestens
ebenso herablassend wie Bendrakes
schmieriges Grinsen
war. »Aber ich glaube, meine Gefährte hätte
etwas dagegen, wenn ich das Lager mit einem
anderen teile.«
Die Lippen des Häuptlings bogen sich zu
einem spöttischen Lächeln in die Höhe, als er
zu blonden Scimaro hinübersah, der immer
noch auf dem Frekkeuscher hockte.
»Du wirst schon bald feststellen, dass dein
Freund nie mehr derselbe sein wird, der er
einmal war«, kicherte Bendrake leise.
»Irgendwann wirst du sein Gegrunze satt haben,
und dann wirst du dir einen Gefährten suchen,
der dieselbe Gabe in sich trägt wie du.
Jemanden der mächtig ist und zu dem du
aufblicken kannst. Wenn es soweit ist, wirst du
zu mir kommen. Aber lass mich nicht zu lange
warten, sonst will ich dich vielleicht nicht
mehr!«
Mit diesen Worten wandte sich der Häuptling
ab und kehrte in sein Haus zurück. Bork ließ er
unbeachtet stehen, was dieser als seine
Wiederaufnahme in den Stamm betrachtete.
Begeistert wandte er sich an seine Familie, doch
niemand aus seiner Sippe konnte so recht seine
Freude teilen.
Aruula saß dagegen wie erstarrt im Jeep.
Maddrax wird nie mehr so werden, wie er
einmal war! hallte es in ihren Gedanken wider.
Nein, das darf nicht sein. Es muss einen Weg
zurück geben. Ich liebe ihn doch!
Verzweifelt sank ihr Kopf auf das Lenkrad
nieder.
Als Aruula wieder in die Höhe sah, hatte sich
die Menge vor dem Fahrzeug zerstreut. Einige
der Beschenkten sahen zwar noch neugierig zu
ihr und Borks Sippe herüber, doch die meisten
Dorfbewohner zogen es vor, in ihren vier
Wänden über die neuen Ereignisse zu
diskutieren.
»Geht es dir wieder besser?« erklang eine
zaghafte Stimme neben ihr.
Es war Arak, der sie schuldbewusst ansah.
»Tut mir Leid, dass du so traurig bist«,
entschuldigte er sich. »Wenn du mich nicht
gerettet hättest, wäre das nicht passiert!«
»Was hier geschieht, ist nicht deine Schuld«,
tröstete ihn die Barbarin, die langsam zu ihrer
alten Stärke zurückfand. Geschickt schwang sie
sich aus dem Fahrzeug und strich tatendurstig
über ihre Fellkleidung. Sie musste möglichst
schnell handeln, bevor Maddrax' Zustand noch
kritischer wurde.
Ihre barbarische Seite hätte natürlich am
liebsten zum Schwert gegriffen, doch erstens
hatte Bork ihre Waffe an sich genommen, und
zweitens musste sie noch mehr über diesen
seltsamen Stamm erfahren, bevor sie etwas
unternehmen konnte.
»Hältst du es eigentlich für richtig, dass ihr
Menschen in diese missgebildeten Wesen
verwandelt, um sie als Sklaven zu halten?«
erkundigte sie sich bei Arak.
Der Halbwüchsige schüttelte schuldbewusst
den Kopf.
»Früher haben wir mit den Nichtbeschenkten
in Frieden gelebt«, verteidigte er sich stockend.
»Als die Urväter unserer Väter das
Himmelsgeschenk erhielten, wussten sie nicht,
dass sie anderen Menschen Schaden zufügten,
wenn sie deren Gedanken beeinflussten, um
«einen besseren Handel abzuschließen. Die
anderen Stämme spürten aber bald, dass sie sich
veränderten, wenn sie sich zu lange in unserer
Nähe aufhielten. Man begann uns zu meiden,
und so wurden wir zu Ausgestoßenen. Unser
Stamm lebte über Generationen unbehelligt in
der großen Grube, die Meetor für uns gegraben
hat.
Nur Auserwählte durften unser Stammesgebiet
verlassen, um Handel mit den
umliegenden Siedlungen zu betreiben. Diese
Beschenkten mussten schwören, dass sie ihre
Gabe nicht in der Gegenwart von Menschen
anwenden.«
»Das war richtig so«, bekräftigte Aruula.
»Warum habt ihr euch nicht weiter daran
gehalten?«
»Weil Bendrake geboren wurde!« stieß der
Junge hervor, bevor es weiter aus ihm
heraussprudelte: »Von allen Beschenkten hat er
die größte Gabe, die es jemals gab. Seine Kraft
ist so groß, dass viele ihn für Sigwaan halten,
der uns bald in Meetors Reihen und vielleicht
gar zu Wudan führen wird. Bendrake vertritt
schon seit Jahren die Meinung, dass es unsere
Pflicht ist, die Gabe der Götter besser zu
nutzen. Nur wenn wir uns die Nichtbeschenkten
Untertan machen, werden wir die Erleuchtung
erhalten und in Meetors Heerscharen
aufgenommen werden.«
Aruula überlegte einen Augenblick, ob sie
dem enthusiastischen Jungen erzählen sollte,
dass ihr Stamm Maddrax ebenfalls für Sigwaan
gehalten hatte. Sie wollte Araks Redefluss aber
nicht unterbrechen. Trotzdem fragte sie sich,
was wohl geschehen wäre, hätte Maddrax seine
Macht ebenso missbraucht wie dieser
größenwahnsinnige Häuptling.
»Bendrake setzte vor zwei Monden im
Stammesrat durch, dass wir in die Ebene
ziehen, um die Bewohner der umliegenden
Dörfer zu unterjochen«, erklärte Arak weiter.
»Dank unserer Gabe konnten wir mehrere
Dörfer unter unseren Willen zwingen. Doch die
Menschen entwickelten sich weiter zurück, als
wir dachten. Die Gehirne dieser Affenmenschen
sind so primitiv, dass sie niemand mehr
beherrschen kann. Nur Bendrake kann sie noch
unter Kontrolle halten. Wenn er nicht wäre,
würden die Sklaven hier nicht mehr friedlich
herumlaufen.«
Plötzlich senkte Arak die Stimme zu einem
Flüstern.
»Vater meint, dass der ständige Kontakt mit
diesen primitiven Geistern auf Bendrake
abfärben würde. Im Laufe der letzten Wochen
wurde er immer brutaler und unberechenbarer.
Deshalb sind wir geflohen. Aber du hast ja
gesehen, wie es uns ergangen ist.«
»Das ist doch eure eigene Schuld«,
entgegnete Aruula hart. »Die Menschen
verändern sich doch nur deshalb, weil ihr ihnen
euren Willen aufzwingt! Wenn ihr euch normal
verhaltet, mutiert auch niemand zu einer dieser
Bestien!«
»Aber die Gabe ist unser von den Göttern
verliehenes Recht!« begehrte Arak empört auf.
Unter dem strafenden Blick der Barbarin wurde
er aber schnell wieder kleinlaut. Nachdenklich
kratzte er sich am Kopf und antwortete:
»Vermutlich hast du Recht. Aber es ist schwer,
sich von alten Gewohnheiten zu trennen,
besonders wenn sie so bequem sind. Hast du
deine Gabe noch nie dazu benutzt, um dir das
Leben einfacher zu machen?«
»Sicher«, gab Aruula zu. »Aber meine Macht
ist zum Glück nicht groß genug, um sie wirklich
zu missbrauchen. Bei euch ist das anders. Ihr
müsst euch von Bendrakes Weg abwenden,
sonst wird er euch früher oder später ins
Unglück führen.«
Arak schüttelte traurig den Kopf, während er
zu seiner Familie hinübersah, die gerade ihr
altes Haus bezog.
»Nachdem wir erfolglos zurückgekehrt sind,
wird sich so schnell niemand mehr gegen
Bendrake stellen«, sagte er voraus.
Aruula nickte.
In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie
mit Maddrax so schnell wie
möglich fliehen musste. Entgegen ihrer
Hoffnung gab es in dieser Siedlung keine
Heilung für ihn. Deshalb war es das Beste für
ihn, wenn sie ihn dem schädlichen Einfluss der
Beschenkten so schnell wie möglich entzog.
Schließlich war Maddrax nur zum
Affenmenschen geworden, weil er die
Ausgestoßenen nicht begleiten wollte. Deshalb
hatte Bork ihn unter seine geistige Kontrolle
gebracht und so die Rückentwicklung ausgelöst.
Nachdem Araks Familie ihren Stamm erreicht
hatte, stand Maddrax - oder das, was aus ihm
gewordenen war - unbeachtet neben dem Jeep.
Wenn sie den blonden Scimaro jetzt mit sich
zerrte, gab es vielleicht noch eine Chance!
Vielleicht entwickelte er sich wieder zurück,
wenn er nicht mehr Borks schädlichem Einfluss
ausgeliefert war!
Wenn Aruula allerdings den dumpfen Blick
betrachtete, mit dem Maddrax in den Staub vor
seinen Stiefeln starrte, lösten sich ihre
Hoffnungen in . Luft auf. Doch sie durfte jetzt
nicht den Mut verlieren, sondern musste
handeln.
»Deine Eltern vermissen dich sicherlich
schon«, wandte sie sich an Arak. »Geh am
besten zu ihnen. Ich besuche dich später, wenn
ich ein Quartier für mich und Maddrax
gefunden habe.«
Der Junge schien zu ahnen, was sie vorhatte.
Wenn er es nicht sowieso in ihren Gedanken
las, stand es ihr vermutlich ins Gesicht
geschrieben.
»Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann
wieder«, flüsterte er traurig, bevor er ging.
Aruula hatte keine Zeit, um ihm lange
nachzusehen. Hastig umrundete sie den Jeep
und nahm den apathischen Maddrax bei der
Hand.
»Los, komm«, flüsterte sie. »Wir müssen von
hier verschwinden.«
Der blonde Scimaro sah sie nur verständnislos
an und grunzte. Aruula versuchte daraufhin ihre
innere Gabe einzusetzen, um ihm zu befehlen,
in den Jeep zu steigen. Maddrax schüttelte nur
den Kopf und grunzte erneut.
Aruulas Kräfte reichten eben bei weitem nicht
an die der Ausgestoßenen heran. Es blieb ihr
also nichts weiter übrig, als erneut an seinem
Arm zu zerren und ihn in Richtung Beifahrertür
zu drängen.
Maddrax begehrte unwillig auf.
»Nun komm schon, stell dich nicht so an«,
schimpfte sie leise, während sie sich gegen ihn
stemmte, um ihn vorwärts zu bewegen.
Mit einem Mal kam Bewegung in seinen
tumben Leib, aber anders, als es sich Aruula
erhofft hatte. Grunzend riss er die Arme in die
Höhe und begann auf seine Brust zu trommeln.
Dabei fletschte er die Zähne und sah sie
angriffslustig an.
Aruula stieß einen leisen Fluch aus. Hastig
sah sie sich um, ob einer der Umstehenden das
lautstarke Gebaren ihres Gefährten bemerkte.
Da sah sie bereits die Schatten von drei
Mannern, die sich drohend vor ihr aufbauten.
Bork grinste sie höhnisch an.
»Du hast doch wohl nicht wirklich gedacht,
dass wir dich vergessen haben?«
Bendrake saß nachdenklich auf seinem
schwarzen Edelholzthron. Seine Gedanken
kreisten nur noch um die schöne Barbarin, die
er draußen gesehen hatte. Endlich ein neues
Gesicht in seiner Umgebung, und dann auch
noch ein so schönes!
Der Häuptling kannte die Frauen seines
Volkes zur Genüge, und die, die er haben
wollte, hatten auch schon das Lager mit ihm
geteilt. Schließlich ge-noss seine jeweilige
Gefährtin das Prestige, die erste Frau des
Stammes zu sein. Deshalb hätte er sich jede
auswählen können, die er haben wollte auch
die, die bereits eine festen Bindung
eingegangen waren.
Doch Bendrake langweilten die Frauen seines
Volkes. Er brauchte etwas Neues, Unbekanntes
- eine Herausforderung. Und all das
Verkörperte diese Aruula, die es sogar wagte,
sich ihm zu widersetzen.
Natürlich wäre es eine Leichtigkeit für ihn
gewesen, ihren Widerstand zu brechen und sie
an ihren langen Haaren zu seinem Lager zu
schleifen. Doch dies wäre das Verhalten eines
Barbaren - er dagegen war der Häuptling der
Beschenkten! Zu ihm kamen die Frauen aus
freien Stücken.
Aber wer wusste schon, wie lange sich diese
Aruula noch zieren würde? Er wollte nicht mehr
lange auf sie warten, sondern sie sofort haben!
Während Bendrake noch darüber grübelte, ob
er hinausgehen sollte, um die Barbarin mit
Gewalt zu holen, wurde sie bereits von Bork
durch den in der Decke gelegenen Eingang
gestoßen. Federnd kam sie auf dem Boden auf,
während Bork über die Leiter eilig nach unten
kletterte.
Als Aruula nun im Moment seines größten
Wunsches zu ihm geführt wurde, wusste
Bendrake, dass dies ein Zeichen Meetors war!
Es konnte doch kein Zufall sein, dass diese
Schönheit gegen die Verwandlung in eine
grunzende, fellbedeckte Bestie gefeit war. Nein,
sie war vom Schicksal dazu auserkoren, an
seiner Seite zu herrschen!
Geräusche von Dach her lenkten Bendrake ab.
Die Miene des Häuptlings verfinsterte sich, als
er sah, dass Doran und Korak den
blondbehaarten Affenmenschen herein
brachten. Was bezweckte Bork damit?
Ohne Zögern benutzte Bendrake seine Gabe,
um in die Gedanken des Ab-trünnigen
einzudringen. Bork versuchte instinktiv, seinen
Geist abzu-schirmen, doch gegen die
überwältigende Macht des Häuptlings kam er
nicht an.
In der Zeit eines Wimpernschlags wurde
Borks Innerstes nach außen gekehrt. Bendrake
konnte dabei sehen, wie tief ihn sein
Untergebener verachtete, doch das wusste er
längst. Ihn interessierte nur, was kurz zuvor
geschehen war. Begierig saugte er die
Informationen auf, während Bork gegen die
Schwindelgefühle in seinem Kopf ankämpfte.
Grinsend wandte sich Bendrake der Barbarin
zu. In seinen Augen loderte das Feuer des
beginnenden Wahnsinns, als er knurrte: »So, du
möchtest also lieber mit diesem stinkenden
Fellbündel fliehen, als deinen dir zugewiesen
Platz in meiner Weltordnung einzunehmen? Ich
denke, es ist an der Zeit, für klare Verhältnisse
zu sorgen.«
Ohne den Blick von der Barbarin zu nehmen,
deutete der Häuptling auf Doran und Korak.
»Ihr beide«, befahl er, »tötet diesen Scimaro!«
Die beiden angesprochenen Männer zögerten
einen Moment, denn schließlich verdankten sie
Maddrax ihr Leben. Als Bendrake sie aber mit
einem fordernden Blick seiner brennenden
Augen bedachte, wagten sie nicht, sich länger
zu widersetzen. Schweigend zogen sie die
schmalen Messer hervor, die sie in ihren
Gürteln trugen. Dann traten sie auf den
apathischen Scimaro zu, der regungslos
zwischen ihnen stand.
Aruula traute ihren Ohren nicht, als sie den
Mordbefehl aus dem Munde des Häuptlings
hört. Als sie jedoch die scharfen Klingen in den
Händen der Männer aufblitzen sah, ging sie mit
einem wütenden Aufschrei auf die Person los,
die hinter dem brutalen Terror steckte, der
dieses Dorf überzog.
Auf Bendrake.
Der Häuptling blickte sie nur gelangweilt an,
als sie mit vorgestreckten Händen auf ihn
zugesprungen kam, um sich in seiner Kehle
festzukrallen. Noch ehe ihre Fingerkuppen
seinen Hals berühren konnten, ließ er sie seine
Macht spüren.
Ohne äußere Anstrengung sammelte er seine
Kraft und schlug wie ein Blitz in ihren Geist
ein!
Aruula schrie gepeinigt auf, als ein stechender
Schmerz durch ihren Schädel zuckte.
Benommen torkelte sie zurück. Da spürte sie
plötzlich, wie sie von einer unsichtbaren Kraft
in die Höhe gerissen und durch den Raum
geschleudert wurde. Instinktiv streckte sie die
Arme aus, um ihren Sturz abzumildern, bevor
sie auf einen Holzstuhl krachte, der unter ihrem
Aufprall zersplitterte.
Stöhnend wälzte sich Aruula in den
Bruchstücken herum. Ihr ganzer Körper
brannte, als wäre sie stundenlang ausgepeitscht
worden. Dieser Schmerz konnte unmöglich nur
von dem Sturz herrühren.
Als sie Bendrakes Gelächter hörte, wusste sie,
dass er es war, der das Brennen immer weiter
anheizte, bis sie glaubte, das ihr ganzer Körper
in Flammen stünde.
Verzweifelt versuchte Aruula ein gequältes
Aufstöhnen zu unterdrücken, denn sie wollte
dieser Bestie in Menschengestalt keinen
weiteren Triumph gönnen. Doch die Schmerzen
wurden immer stärker, als würde sie bei
lebendigen Leib verbrennen.
Schließlich hielt sie es nicht länger aus. Ein
lauter Schrei verließ ihre gepeinigten Lippen.
Wenn sie gehofft hatte, dass Bendrake nun in
seiner Folter nachlassen würde, sah sie sich
getäuscht. Der Häuptling fand viel zu sehr
Gefallen an ihrer Qual, als dass er sie schon in
Ruhe gelassen hätte. Er wollte voll und ganz die
Macht auskosten, die er über sie besaß, und ihr
für alle Zeiten den Platz zuweisen, den sie unter
ihm einzunehmen hatte.
Aruula hatte inzwischen ihren Stolz
aufgegeben und schrie aus Leibeskräften, um
nicht vor Schmerzen wahnsinnig zu werden.
»Bitte, hör auf damit«, brach es da aus Korak
heraus. »Sie hat meinem Neffen das Leben
gerettet!« Gleich darauf verwandten sich auch
Bork und Doran für die Barbarin, doch
Bendrake quittierte diese Gnadengesuche nur
mit verächtlichem Gelächter.
Nein, er war mit seiner Lektion noch lange
nicht am Ende.
Matt verfolgte ohne sichtbare Regung, wie
Aruula durch den Raum geschleudert wurde. Er
spürte weder Mitleid noch Liebe für diese Frau,
denn seinem dumpfen Geist war jedes Gefühl
fremd, das über den reinen Trieb hinaus ging.
Selbst seine elementarsten Begierden wurden
von den Befehlen verdrängt, die unaufhörlich
auf ihn einhämmerten.
Du hast keinen eigenen Willen. Du gehorchst
nur Bendrake und dem Stamm der Beschenkten.
Als er aber sah, wie sich Aruula gepeinigt auf
dem Boden wälzte, wurde eine Saite in ihm
angeschlagen, die er längst verloren glaubte.
Plötzlich zerriss die Befehlskette, die seinen
Willen lahmte.
Das ist Aruula, meine Gefährtin. Jemand tut
ihr weh!
Weiter konnte er nicht denken. Aber es
reichte aus. Die Wut, die in ihm wie glühende
Lava aufbrodelte, schuf genügend Platz für
seine Aggressionen. Er wollte den Mann
bestrafen, der seine Gefährtin peinigte.
Nackter Hass brodelte durch Matts Adern und
brach sich Bahn. Animalisch brüllend stürzte er
sich auf Bendrake.
Der Häuptling war so mit Aruulas Folter
beschäftigt gewesen, dass er von dem Angriff
des Scimaro völlig überrascht wurde. Ehe er
seine geistigen Kräfte zur Abwehr der Attacke
konzentrieren konnte, hatte ihn Matthew schon
an seinem weißen Leinengewand gepackt und
gegen den hinter ihm stehenden Thron
gestoßen.
Bendrake spürte, wie eine seiner Rippen beim
Aufprall auf die Holzkante zerbrach. Ehe ihn
der Scimaro weiter in die Defensive drängen
konnte, griff Bendrake in den fellbewachsenen
Hals und sandte die Schmerzen seines
Knochenbruchs direkt ins Hirn des Gegners.
In seinem Amoklauf ignorierte Matts dumpfer
Geist die übertragenen Quälen. Wutschnaubend
holte er mit seinen Pranken aus, um auf den
unter ihm liegenden Häuptling einzudreschen.
Da verhundertfachte Bendrake seine
ausgesandte Kraft und trieb sie genau ins
Nervenzentrum des Scimaro. Jaulend ließ Matt
von seinem Gegner ab und sprang in die Höhe.
Verzweifelt schüttelte er den Kopf hin und her,
um sich von den Höllenqualen zu befreien, die
in seinem Schädel tobten.
Bendrake gönnte ihm keine Ruhe, sondern
verstärkte unbarmherzig die Kraft, die auf den
ungehorsamen Affenmenschen einwirkte. Wie
mit einer eisernen Kralle wühlte der Häuptling
in den Gehirnwindungen des Scimaro, der von
unkontrollierten Krämpfen geschüttelt wurde.
Keuchend brach Maddrax in die Knie,
während sein Oberkörper in immer stärkere
Zuckungen verfiel. Blut schoss aus seiner Nase
und verteilte
sich als feiner Sprühregen vor ihm auf dem
Boden.
Doran und Korak wandten sich entsetzt ab,
denn sie befürchteten zurecht, dass dem
unglücklichen Opfer gleich der Schädel platzen
würde.
Bendrake ließ dagegen ein meckerndes
Lachen hören.
Der Größenwahn hatte endgültig von ihm
Besitz ergriffen. Er wollte hier und jetzt eine
Machtdemonstration geben, die jedem
Stammesmitglied für immer zeigte, das er
keinerlei Widerspruch duldete.
Und er wollte seiner Mordlust freien Lauf
lassen. Bendrake hatte sich derart in einen
Rausch der Zerstörung gesteigert, dass er gar
nicht bemerkte, wie sich Aruula von seiner
Attacke erholte.
Mühsam richtete sie sich zwischen den
Trümmern des Stuhls auf. Als sie sah, dass
Maddrax mit dem Tode rang, kehrten ihre
Lebensgeister schlagartig, zurück. Instinktiv
griff sie nach einem Holzstück zu ihren Füßen
und sprang auf Bendrake zu. Erst jetzt
realisierte sie, dass sie ein abgebrochenes
Stuhlbein in den Fingern hielt, das sich kaum
als Schlagwaffe einsetzen ließ.
Da hatte sie schon den Häuptling erreicht, der
sich weiter voll und ganz darauf konzentrierte,
den Druck auf Maddrax' Schädel noch weiter zu
erhöhen und sie gar nicht zu bemerken schien.
Als sein Kopf schließlich doch herumzuckte,
war es zu spät.
Aruula stieß mit dem zersplitternden Ende des
Stuhlbeins zu und rammte es dem Häuptling in
die Brust.
Genau dort, wo sein Herz saß!
Röchelnd taumelte Bendrake zurück. Seine
geistige Attacke endete abrupt. Verwirrt starrte
er auf den Holzpflock, der aus seinem
Oberkörper hervorragte. Um die Einstichstelle
herum färbte sich das weiße Leinengewand
dunkelrot.
Doch erst als ihn das Leben in immer
größeren Strömen verließ, schien er zu
realisieren, dass Aruula ihn angegriffen hatte.
Einen irren Aufschrei auf den Lippen, sprang
Bendrake vor und stürzte sich auf seine
Gegnerin.
Obwohl er bereits an der Schwelle des Todes
stand, krallte er beide Hände in ihre Schultern
und rang sie zu Boden.
Aruula packte ihn reflexhaft am Hals, um ihn
von sich wegzudrücken, doch im Todeskampf
entwickelte ihr Widersacher noch einmal
unmenschliche Kräfte.
Verzweifelt packte Aruula die Amulettkette
an Bendrakes Hals und verdrehte sie, um ihm
die Luft zu rauben, doch der Häuptling kämpfte
unvermindert gegen sie an und schien all ihren
Bemühungen zu widerstehen. Erst nach zähem
Ringen verkrampften sich seine Finger und das
vom Wahnsinn entstellte Gesicht sackte leblos
zur Seite.
Nun gelang es der Barbarin endlich, sich aus
seinem Griff zu befreien. Sie wollte gerade die
zerrissene Kette zur Seite werfen, als Maddrax
auf sie zugetorkelt kam und in ihren Armen
zusammenbrach.
Aufschluchzend umschlang sie ihren
Geliebten, der selbst mit dem dumpfen Geist
eines Scimaro ihre Not erkannt hatte und für sie
eingetreten war. Mochten die Ausgestoßenen
nun mit ihr anstellen, was sie wollten. Mit
einem Krieger wie Maddrax an ihrer Seite
würde sie glücklich in den Tod gehen.
Bork und die anderen Männer sahen
allerdings nicht so aus, als ob sie den Tod ihres
Häuptlings rächen wollten.
In ihren Gesichtern spiegelte sich vielmehr
nackte Angst wieder. Nicht vor der wütenden
Barbarin, die erschöpft auf dem Boden hockte,
sondern vor etwas, das sie all die Wochen daran
gehindert hatte, sich gegen Bendrake
aufzulehnen.
Als die ersten Angstschreie zu ihnen ins Haus
drangen, wussten sie, dass sich ihre
schlimmsten Befürchtungen bestätigt hatten.
»Die Scimaro!« keuchte Korak entsetzt.
»Nach Bendrakes Tod kann sie niemand mehr
kontrollieren. Sie werden uns alle vernichten!«
Aruula sah durch einen der schmalen
Fensterschlitze hinaus auf den Marktplatz, auf
dem sich schreckliche Szenen abspielten.
Überall waren die Sklaven aus ihrer Lethargie
erwacht und rächten sich nun an ihren
Peinigern. Die Ausgestoßenen rannten kopflos
umher, um den Pranken der Affenmenschen zu
entgehen, doch einige waren nicht schnell
genug.
Aruula konnte sehen, wie drei Scimaro über
eine Frau herfielen und sie mit bloßen Händen
erschlugen. Ein anderer packte einen
rothaarigen Jungen an den Füßen und
schleuderte ihn mit dem Kopf gegen eine
Hauswand.
Niemand kam den Bedrängten zur Hilfe, denn
jedermann versuchte zuerst sein eigenes Leben
zu retten. Wer schnell genug war, kletterte auf
eines der Hausdächer und zog die Leiter ein,
wer zu langsam war, bezahlte mit seinem
Leben.
Sicherlich hätte es noch viel mehr Opfer
gegeben, wenn die Affenmenschen koordiniert
vorgegangen wären, statt sich um die Köpfe der
Toten zu streiten. Aruula rätselte, warum die
Scimaro sich an den Gehirnen ihrer Opfer
vergriffen. Wurden sie von ihrem Instinkt
geleitet? Gab es in den Köpfen der
Ausgestoßenen irgendetwas, dass ihre
Verwandlung umkehren konnte?
Während die Barbarin in Gedanken versunken
war, brachte Bork die Be-retta an sich, die
neben Bendrakes Thron auf dem Boden lang.
Hektisch suchte der Ausgestoßene nach einer
Fluchtmöglichkeit.
»Wir müssen aufs Dach und unsere Familien
suchen«, entschied er schließlich und begann
die Leiter hinauf zu steigen. Doran und Korak
folgten ihm, doch letzterer blieb noch einmal
am Fuß der Leiter stehen und wandte sich um.
»Los, komm schon!« rief er Aruula zu.
Die Barbarin war überrascht, dass er sich um
sie zu sorgen schien, doch sie war nicht bereit,
ihren bewusstlosen Gefährten alleine
zurückzulassen. Ohne auf Koraks Drängen zu
achten, bettete sie Maddrax auf ihren Schoß.
Als sie dabei den Griff um seinen Kopf löste,
machte sie eine unglaubliche Entdeckung!
Die Stelle, wo sie ihre Hand auf seine Schläfe
gepresst hatte, sah er plötzlich wieder normal
aus!
Erst glaubte sie, dass ihr die Augen einen
Streich spielten, doch es gab keinen Zweifel.
Sein linkes Ohr hatte sich von einem behaarten
Fleischknäuel zurück in seine ursprüngliche
Form verwandelt!
Sie öffnete ihre Hand - und blickte auf die
Amulettkette, die sie Bendrake entrissen hatte.
Die Rückverwandlung konnte nur auf den
Einfluss des Amuletts zurückzuführen sein!
Erst jetzt fiel Aruula auf, dass sich der Stein
sonderbar warm in ihrer Hand anfühlte und sie
ein wenig kitzelte. Als sie den Splitter zwischen
Daumen und Zeigefinger fasste, spürte sie
deutlich, wie er ohne äußeren Antrieb vibrierte.
Irgendeine geheimnisvolle Kraft ging von ihm
aus!
»Nun komm endlich«, drängte Korak, der
neben sie getreten war. »Wir müssen unsere
Feindseligkeiten begraben und uns gemeinsam
gegen diese
Bestien verteidigen. Du bist eine gute
Kämpferin.«
Daher also wehte der Wind! Aber er hatte
Recht. Aruula nickte.
»Hilf mir, Maddrax nach oben zu bringen«,
forderte sie.
Korak sah sie ungläubig an. Schließlich war
Matt zu einem unkontrollierbaren Neandertaler
geworden.
»Ich weiß, wie wir ihn zurückverwandeln
können«, erklärte Aruula kurz angebunden.
»Jetzt fass endlichmit an.«
Korak fügte sich, denn er hatte keine Zeit, um
lange zu streiten. Gemeinsam schleppten sie
den bewusstlosen Scimaro zur Leiter, die aufs
Dach führte, und bugsierten ihn mühsam zur
Luke hinauf. Bork stand am Rand des Daches
und feuerte immer wieder auf die
Affenmenschen, die sich vor dem Haus
drängten und kreischend und fäusteschwingend
nach oben starrten. Doch es waren zu viele, als
dass er sie alle hätte von hier aus töten können.
Außerdem war die Munition in der Waffe
begrenzt, wie Aruula wusste.
»Hör auf damit!« wies sie den Schießwütigen
zurecht. »Du darfst die Feuerfaust nicht
entleeren! Wir werden sie noch brauchen.« .
Bork nickte nur mürrisch. Aruula trat zu ihm
an den Dachrand. Zu ihren Füßen bot sich ein
Bild des Grauens. Überall lagen die kopflosen
Leichen der Dorfbewohner. Die Barbarin zählte
knapp zwanzig Tote; das war fast der halbe
Stamm. Doch die meisten Ausgestoßenen
standen noch viel zu sehr unter Schock, als dass
sie die Tragweite dieses Verlustes begriffen
hätten.
Der hohe Blutzoll schien auch die
Angriffslust der Affenmenschen gemildert zu
haben, denn sie versammelten sich nun um die
Frekkeuscher. Die Riesenheuschrecken
scharrten unruhig mit ihren mächtigen
Hinterbeinen, als sie plötzlich von allen Seiten
eingekreist wurden, doch die Sicherungsleinen
hinderten sie an der Flucht. Da stürzte die ganze
Affenhorde los und schlug blindlings auf ihre
pelzbedeckten Körper ein. Die Frekkeuscher
stießen schrille Angstlaute aus, als sie zu Boden
gingen und von unzähligen nackten Füßen
zertrampelt wurden.
Aruula wandte sich von diesem grauenvollen
Anblick ab. Sie wollte sich lieber um Maddrax
kümmern, so lange ihnen die Feinde eine Pause
gönnten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie
sich den Überlebenden widmen würden.
Aruula presste das Amulett auf verschiedene
Körperstellen des bewusstlosen Maddrax - und
kam jedes Mal zu demselben Ergebnis: Der
Steinsplitter besaß eine heilende Wirkung, mit
der die Verunstaltungen umgekehrt werden
konnten.
Allerdings zeigte sich bald, dass die Kraft des
schwarzen Splitters zu gering war, um Maddrax
völlig und auf Dauer in den alten Zustand zu
versetzen. Aber vielleicht reichte das Amulett
aus, um ihn aus seiner Bewusstlosigkeit zu
reißen, in die er nach Bendrakes Attacke
gefallen war!
Aruula legte den Stein auf die Stirn des
Gefährten. Dann zog sie ein Dreieckstuch aus
der Seitentasche seiner Tarnhose und wand es
ihm um den Kopf, so dass der Splitter nicht
verloren gehen konnte.
»Glaubst du, das hilft?« erkundigte sich Arak
mitfühlend.
Der Junge hatte sich mit seiner Mutter auf
eines der anderen Dächer retten können und war
über die angrenzenden Häuser zu seinem Vater
gelaufen.
»Ein wenig«, antwortete Aruula. »Um ihn zu
heilen, brauchte ich aber ein größeres Amulett.«
»Das Geschenk der Götter ist sehr viel
größer«, berichtete der Junge eifrig.
»Fünfmal so groß, als ich mit den Armen
zeigen kann!«
»Dieses...Ding, das bei euch vom Himmel
fiel, ist also ein Felsen?« erkundigte sich
Aruula.
»So sieht er von außen aus«, bestätigte Arak.
»Aber das Geschenk ist anders als jeder Stein,
den ich je gesehen habe. Es hat eine Farbe, die
du sonst nirgendwo findest! Und es ist viel
schwerer und härter als ein normaler Stein.
Unsere Väter hatten große Mühe, das Heiligtum
herauszuschlagen und zu unserer Siedlung zu
schaffen.«
Die Barbarin kratzte sich nachdenklich am
Kopf.
»Wie groß ist dieses Heiligtum?« fragte sie.
Arak hob seine Hände in die Höhe und hielt
sie ein Stück weit vom Körper entfernt.
»Ungefähr so breit«, erklärte er, »aber sehr
hoch und schwer. Kein Frekkeuscher könnte es
tragen, deswegen mussten wir es auch
zurücklassen.«
Aruula ging zum Rand des Flachdachs und
deutete in die Tiefe. »Würde es auf den Jeep
passen?« fragte sie.
Der Junge nickte. »Wenn man es ganz
darüber legt. Warum bist du so interessiert
daran?«
»Wenn wir dieses Heiligtum hierher bringen,
können wir mit ihm vielleicht Maddrax und die
anderen Affenmenschen zurückverwandeln«,
erklärte Aruula.
Arak zog zweifelnd die Schultern in die
Höhe. »Wenn du meinst. Aber wie willst du an
denen da unten vorbeikommen?«
Im Hof waren bereits einige Scimaro auf sie
aufmerksam geworden und schlugen sich
angriffslustig vor die Brust. Aruula ging wieder
zurück zur Dachmitte, aber dort wurde sie von
den bitteren Blicken der Ausgestoßenen
empfangen. Wenn Bork und seine Familie sich
nicht für sie eingesetzt hätten, wäre sie längst
vom Haus geworfen worden.
Aruula wusste, dass niemand der
Anwesenden um Bendrake trauerte. Die
Abneigung, die ihr hier entgegen gebracht
wurde, speiste sich vielmehr aus der Angst, die
sie vor den befreiten Sklaven empfanden.
Zum Glück hatten die Scimaro bei ihrer ersten
Attacke keine der Leitern erbeuten können,
deshalb waren sie auf dem Dach vorläufig
sicher. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis
die Affenmenschen einen anderen Weg fanden,
zu ihnen herauf zu klettern. Dann mussten die
Ausgestoßenen in ihre Häuser flüchten, in
denen sie wie in einer Falle saßen.
Die Beschenkten hatten nur eine einzige
Möglichkeit, sich gegen die Affenmenschen zu
wehren. Sie fanden sich zu größeren Gruppen
zusammen, um ihre geistigen Kräfte zu
vereinigen. Diese setzten sie immer wieder dazu
ein, um einen der Scimaro in die Höhe zu
wirbeln oder gegen eine Hauswand zu
schleudern. Meistens fingen sich die
Affenmenschen aber geschickt ab, nur hin und
wieder brach sich einer von ihnen ein paar
Knochen.
Trotzdem ließen sie sich von diesen
unsichtbaren Attacken nicht verscheuchen.
Vermutlich warteten sie nur auf den Anbruch
der Nacht, um unbemerkt die Dächer erobern zu
können. Dann brauchten sie auch nicht mehr die
Donnerhand zu fürchten, mit der Bork immer
wieder in die Tiefe feuerte, aber nur selten
etwas traf. Aruula wusste nicht, wie viele
Kugeln das Magazin fasste, aber es musste
zweifellos bald erschöpft sein. Und dann...?
Da stand Bork auch schon wieder am
Dachrand und schoss auf einen Neandertaler,
der auf dem Jeep herumsprang.
»Lass das!« wies ihn Aruula zurecht. »Am
Ende triffst du den Magen des Jeeps und bringst
alles zur Explosion!«
Bork ließ den Waffenarm sinken und sah sie
neugierig an.
»Explosion? Was ist das?«
»Etwas sehr Schlimmes«, entgegnete die
Barbarin düster, denn sie hatte schon zweimal
die Wirkung des Plastiksprengstoffs erlebt, mit
dem Mad-drax einen Taratzenkönig getötet und
einen Turm auf einem Flugfeld zum Einsturz
gebracht hatte.
Da fiel ihr Blick auf die Benzinkanister, die
lose auf der Ladefläche lagen. Schlagartig kam
ihr Maddrax' Warnung in den Sinn, erinnerte sie
sich an seine Gedankenbilder. Schnell erfasste
die Barbarin, dass sich das Benzin in ihrer
Situation nutzen ließ.
»Könnt ihr einen dieser Kästen dort mit euren
geistigen Kräften zu uns aufs Dach holen?«
fragte sie Bork.
»Wenn wir uns alle zusammenschließen,
bestimmt«, erklärte er im Brustton der
Überzeugung. »Aber warum sollten wir das
tun?«
Nachdem Aruula ihn davon überzeugt hatte,
dass der Kanister ihr Überleben sichern konnte,
«machte er sich schnell daran, eine große
Gruppe aufzustellen, die ihre Kräfte bündeln
sollte. Die Barbarin wies inzwischen Arak an,
einige Haushaltsgegenstände aufs Dach zu
bringen und bei dieser Gelegenheit auch gleich
ihr Schwert aus Borks Behausung zu holen.
Eifrig machten sich die Ausgestoßenen an die
Arbeit. Obwohl keiner von ihnen so recht
wusste, um was es überhaupt ging, wurden sie
von der Hoffnung beflügelt, dass es doch noch
eine Überlebenschance für sie gab.
Die überlebenden Erwachsenen bildeten einen
engen Kreis und konzentrierten ihre Kräfte auf
Bork, der die Energie sammelte und unsichtbar
in die Tiefe schickte. Zuerst sah es so aus, als
wenn nichts geschehen würde. Aber dann
konnte Aruula sehen, wie sich der oberste
Kanister ruckartig bewegte. Er hob sich etwa
eine Handbreit in die Höhe, begann dann zu
zittern und krachte scheppernd zurück auf die
darunter liegenden Blechbehälter.
»Verdammt!« fluchte Bork. »Das Ding ist
wirklich schwer.«
Trotzdem versuchte er es sofort noch einmal.
Die Barbarin konnte sehen, wie sich dicke
Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten,
während seine Halsschlagadern pochend
hervortraten.
Beim zweiten Versuch rutschte der Kanister
über den Rand der Ladefläche hinweg. Bevor er
zu Boden stürzen konnte, wurde er plötzlich in
die Höhe gerissen. Erneut begann der schwere
Behälter zu zitternd, dann stabilisierte sich seine
Lage und er schwebte langsam auf die
Gebäudezeile zu.
Einige der Scimaro wollten das seltsame
Objekt einfangen, doch es segelte weit über
ihren Köpfen hinweg durch die Luft.
Kurz bevor der Kanister die Dachkante
erreichte, erlitt Bork einen Schwächeanfall.
Sofort sackte der Behälter in die Tiefe. In einem
verbissenen Kraftakt verhinderte Bork den
Absturz, doch es gelang ihm nicht, das schwere
Objekt wieder in die Höhe zu stemmen.
Schon waren in der Tiefe einige
Affenmenschen heran, die in die Luft sprangen,
um nach dem schwebenden Etwas zu greifen.
Da beugte sich Aruula vom Dach herab und
packte den Griff des Kanisters. Mit einem
schnellen Ruck zog sie den wertvollen Behälter
nach oben und wuchtete ihn über die
Mauerkante.
Hinter ihr sackte Bork seufzend zu Boden.
Aruula registrierte aus den Augenwinkeln, wie
sich Zila um ihren erschöpften Mann kümmerte.
Die Barbarin schleppte den Kanister zu den
Tonkrügen, die Arak in den Küchen
eingesammelt hatte. Mit geübten Bewegungen
öffnete sie den Verschluss. Einige der
umstehenden Männer rümpften die Nase, als
der scharfe Benzingeruch in ihre Nasen stieg.
Aruula hatte für solche Feinheiten keine Zeit.
Hastig füllte sie den brennbaren Inhalt in
mehrere Kannen. Obwohl sie vorsichtig war,
konnte sie nicht verhindern, dass etwas
Flüssigkeit daneben schwappte. Sie ließ sich
davon aber nicht beirren. Sorgfältig verschloss
sie den Kanister wieder.
Dann nahm sie zwei Kannen und füllte mit
ihnen eine Amphore auf, deren schmaler Hals
zu klein für eine direkte Befüllung gewesen
war. Dank des genauen Strahls aus dem
Kannenausguss ging diesmal kein Tropfen
vorbei.
Nachdem sie diesen Vorgang mehrmals
wiederholt hatte, standen fast zwanzig gefüllte
Krüge vor ihr. Inzwischen hatte Arak einen
ganzen Arm voll Stroh herbei geschafft. Die
Barbarin verstopfte sämtliche Flaschenhälse mit
den trockenen Halmen, die wie abgeschnittene
Blumensträuße aus den Amphoren
herausragten.
Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.
»Besser hätte es McGyver auch nicht
hinbekommen«, wiederholte sie Maddrax'
Beschwörungsformel.
Mittlerweile war die Dämmerung
hereingebrochen. Die Menschen sahen ängstlich
in die Tiefe, wo sich die Scimaro zur letzten
Attacke sammelten.
»Wozu soll eigentlich dieses ganze
Geplansche gut sein?« schrie plötzlich eine
rothaarige Frau, der die Nerven durchgingen.
»Wie hätten uns lieber einen Fluchtplan
ausdenken sollen, anstatt dieser Wilden bei
ihren heidnischen Ritualen zuzusehen!«
Aruula achtete nicht auf das Gezeter der Frau.
Stattdessen nahm sie eine gefüllte Amphore auf
und griff nach einer Fackel, die Arak für sie
entzündet hatte. Derart bewaffnet, trat sie an
den Dachrand. Mit einer schnellen Bewegung
entzündete sie die Strohspitzen. Dann holte sie
aus und schleuderte den Tonkrug in die Tiefe,
direkt vor die Füße der versammelten Scimaro.
Jetzt würde sich zeigen, ob ihre Idee
funktionierte oder ob sie nur die Zeit der
Ausgestoßenen verschwendet hatte.
Die Amphore zersplitterte auf dem
festgestampften Boden des Marktplatzes. Sofort
entzündete sich das austretende Benzin an dem
brennenden Stroh - und explodierte in einem
gigantischen Feuerball!
Erschrocken wichen die Affenmenschen
zurück und flohen in die hinterste Ecke des
Platzes. Einigen von ihnen wurde sogar das Fell
angesengt. Instinktiv wälzten sie sich im Staub,
um die Flammen zu ersticken. Obwohl sie keine
ernsten Verletzungen davon trugen, jagte ihnen
der Schmerz eine Höllenangst ein.
»Mit diesen Brandgeschossen werdet ihr die
Scimaro eine Weile auf Abstand halten
können«, erklärte Aruula den Ausgestoßenen.
»Ihr müsst so lange ausharren, bis ich euren
Opfersein hierher geschafft habe. Mit ihm kann
es uns gelingen, die Neandertaler in normale
Menschen zurück zu verwandeln.«
»Du willst dich wohl aus dem Staub
machen?« stichelte die Rothaarige, die schon
die Wirkung der Brandgeschosse angezweifelt
hatte.
»Keine Angst«, entgegnete die Barbarin kalt.
»Ich werde zurückkehren. Nicht wegen euch,
sondern um Maddrax und den anderen
Menschen zu helfen, die ihr ins Unglück
gestürzt habt.«
Betretenes Schweigen senkte sich über die
Ausgestoßenen. Sie hatten an diesem
Nachmittag auf grausame Weise lernen müssen,
dass sie sich durch ihr Verhalten selbst ins
Unglück gestürzt hatten.
»Arak kommt mit mir«, wandte sich die
Barbarin an Borks Sippe. »Er muss mir den
Weg zu eurem alten Dorf weisen.«
»Gut«, stimmte Zila zu. »So kommt
wenigstens der Junge davon, wenn du nicht
rechtzeitig zurückkehrst. Aber wie willst du von
hier fliehen? Die Frekkeuscher sind in den
Mägen der Scimaro gelandet.«
»Zum Glück ist der Jeep nicht essbar. Aber
ihr werdet mir wohl Feuerschutz geben müssen,
damit ich zu ihm gelange«, antwortete Aruula.
Sie ahnte nicht, wie sehr sie den Sinn des
Wortes damit traf .. .
Die Neumondnacht lag wie ein schwarzes
Tuch über den Häusern, trotzdem konnte
Aruula die Konturen des Jeeps im Fackelschein
erkennen. Vor dem Fahrzeug wankten dunkle
Gestalten umher, deren Augen das Licht der
unruhigen Flamme widerspiegelten. Fast schien
es, als ahnten die Menschenaffen, dass sie etwas
vorhatte. Aruula umklammerte mit festem Griff
den Knauf ihres Schwertes. Es tat gut, die
vertraute Waffe wieder in der Hand zu spüren.
»Jetzt«, flüsterte die Barbarin, während sie
mit der Linken den neben ihr kauernden
Männern die Fackel entgegenstreckte.
Doran und Korak entzündeten das Stroh ihrer
Amphoren. Dann holten sie weit aus und
schleuderten die Brandsätze links und rechts
des Weges, der zum Jeep führte. Fauchend
entzündete sich das umherspritzende Benzin,
das den Hof auf gespenstische Weise
beleuchtete.
Die Affenmenschen stoben beim Anblick der
Flammen sofort auseinander.
Der Platz hatte sich noch nicht ganz geleert,
da sprang Aruula schon in die Tiefe und kam
federnd auf dem harten Boden auf. Das Schwert
in der rechten Hand, die Fackel in der Linken
hetzte sie zum Jeep, dicht gefolgt von Arak.
Die beiden Läufer hatten bereits die Hälfte
des Weges zurückgelegt, als die ersten Scimaro
auf sie aufmerksam wurden. Sogleich stimmten
die Primaten ein infernalisches Gebrüll an, um
ihre übrigen Artgenossen auf die Feinde
aufmerksam zu machen. Ehe sich jedoch ein
Angriff formieren konnte, flogen ihnen zwei
weitere Brandsätze direkt vor die Füße.
Geblendet wichen die Scimaro zurück, anstatt
die flammenden Pfützen in sicherem Abstand
zu umrunden.
Begleitet vom Wutgeheul der Primaten
erreichte Aruula den offenen Jeep, den sie mit
einem Satz über die Beifahrertür enterte. Sie
warf das Schwert auf die Rückbank, balancierte
geschickt auf den Sitzen entlang und schlug mit
der Fackel einen Halbkreis, um die Umgebung
auszuleuchten.
Plötzlich schoss ein Affenmensch in die
Höhe, der sich hinter der Fahrerseite im
Dunkeln verborgen hatte. Grunzend sprang er
am Wagen empor und klammerte sich an der
Türoberkante fest.
Er wollte sich gerade in den Jeep schwingen,
als ihm Aruula die brennende Fackel vor die
Brust stieß. Zischend verschmorte das braune
Fell zu schwarzen Stoppeln. Jaulend warf sich
der Primat zurück. Er prallte auf den Boden und
wälzte seinen Oberkörper hektisch im Staub,
um die Flammen zu ersticken.
Einige seiner Artgenossen, die sich ebenfalls
auf den Jeep hatten stürzen wollen, zögerten bei
diesem Anblick. Aruula warf ihnen die Fackel
vor die Füße und schwang sich hinters Lenkrad.
Trotz der zitternden Hände brauchte sie nur
einen kurzen Moment, um den Wagen zu
starten.
- Inzwischen war auch Arak auf den Jeep
gesprungen und schwang seine Fackel mit
beiden Händen im Kreis.
»Kommt nur her, ihr Bestien!« schrie er
lauthals. »Ich versenge euch allen den Pelz!«
Der zitternde Unterton in seiner Stimme
bewies, dass er mehr brüllte um sich Mut zu
machen als um die Gegner einzuschüchtern.
»Festhalten!« rief Aruula dem Jungen zu,
während sie ruckartig anfuhr.
Hastig kurbelte sie am Lenkrad, um in einer
engen Kehre auf der offenen Seite des Hofes
hinauszufahren. Knackend überrollte sie mit
den Reifen die Fackel, die sie kurz vorher zu
Boden geworfen hatte. Aruula steuerte direkt
auf die Affenmenschen zu, die immer noch wie
erstarrt waren.
Als sich der Wagen näherte, kam plötzlich
Leben in die Kreaturen. Grunzend wollten
einige auf die Motorhaube springen,
unterschätzten aber die Geschwindigkeit des
Fahrzeugs und wurden zurückgeschleudert.
Schmerzschreie mischten sich unter das Gebrüll
der Angreifer. Kreischend flohen die restlichen
Scimaro vor dem stählernen Ungeheuer.
Erleichtert trat die Barbarin das Gaspedal
durch und fuhr mit durchdrehenden Reifen
davon.
Bald hatte sie die Siedlung und deren
Belagerer weit hinter sich gelassen. Aufatmend
reduzierte sie die Geschwindigkeit, denn ohne
Beleuchtung
- die Scheinwerfer des Wagens funktionierten
längst nicht mehr - musste sie bei Nacht
vorsichtig fahren.
»Wo entlang?« erkundigte sie sich bei Arak,
der sich auf der Ladefläche zwischen den
restlichen vier Kanistern festklammerte.
»Dort hin«, keuchte der Junge, der verdächtig
blass um die Nase geworden war.
Aruula schwenkte auf die angegebene Route
und fuhr in nordwestlicher Richtung weiter.
Unbewusst erhöhte sie dabei das Tempo. Sie
dufte nicht zu spät zurückkommen, sonst war
Maddrax verloren.
Nach einiger Zeit kletterte Arak nach vorne
auf den Beifahrer sitz. Mit sicherem
Orientierungssinn dirigierte er die Barbarin auf
eine der überwucherten Otowajii, (Ex-
Autobahn)
die sie zu seinem alten Dorf führte.
Nachdem sie Stunden gefahren waren, fühlte
Aruula plötzlich eine seltsame Schwingung, die
in ihr ein eigentümliches Gefühl der Macht
auslöste. Je weiter sie dem Pfad folgte, desto
frischer und stärker fühlte sie sich.
Schließlich verließen sie die Otowajii und
gelangten an einen großen Krater, der mitten in
die flache Landschaft gerissen worden war.
Ungläubig umrundete Aruula den kreisförmigen
Abgrund, an dessen Ende
Schwärze wie ein lebendes Wesen zu wabern
schien, bis sie die
Lehmbauten erreichte, in denen Araks
Stamm bis vor wenigen Monden gelebt hatte.
Die verlassenen Häuser waren zum Teil in die
Steilwände des Kraters hineingebaut worden,
nur die obersten Bauten ragten über die Ebene
hinaus.
Im Licht der Scheinwerfer konnte Aruula eine
schmal aufragende, konisch zulaufende Säule
erkennen, deren gleichmäßige Form unmöglich
natürlichen Ursprungs sein konnte. Der Obelisk
war auf dem höchsten Dach errichtet worden,
das etwa zwei Meter über den Kraterrand
hinausragte, um zu Meetors Heimstätte, dem
Himmel, zu weisen.
Aruulas Körper fühlte sich mittlerweile wie
ein einziger offener Nerv an, der ständig
gestreichelt wurde. Sie spürte deutlich, dass ein
Teil der Wellen, die in ihrem Körper vibrierten,
aus der über ihr aufragenden Säule stammte.
Ein Gefühl der Erhabenheit erfüllte die
Barbarin, als sie den Jeep abbremste. Plötzlich
konnte sie verstehen, warum die Ausgestoßenen
sich für ein auserwähltes Volk hielten, denen
ein göttliches Geschenk zuteil geworden war.
Ehrfürchtig sah Aruula zu dem Obelisken auf.
Sie musste sich fast gewaltsam von dem
Anblick trennen, aber schließlich siegte ihre
Sorge um Maddrax über der faszinierenden
Ausstrahlung des Himmelsgesteins.
Entschlossen konzentrierte sich Aruula auf
die vor ihr liegende Aufgabe.
Sie rangierte den Jeep eine Weile hin und her,
bis er mit der Rückseite direkt an dem Haus
stand, auf dem Meetors Altar errichtet war.
Dann kletterte sie mit Arak auf das Dach, um
die Säule aus ihren Fundamenten zu stemmen.
Als sie den Obelisken berührte, vibrierte er
auf ebenso geheimnisvolle Weise wie die
Amulette, nur dass die dabei ausgesandte Kraft
um ein Vielfaches stärker war. Andächtig strich
Aruula über die warme Oberfläche, doch sie
hatte einfach keine Zeit für religiöse
Verzückung.
Maddrax brauchte sie.
Keuchend warf sie sich mit Arak gegen den
Stein, bis er sich knirschend zur Seite neigte.
Gemeinsam rollten sie die Säule bis zur
Dachkante und ließen sie in die Tiefe fallen.
Der Jeep ging unter der über ihn
hereinbrechenden Last ächzend in die Knie,
ohne jedoch ernsthaften Schaden zu nehmen.
Die fürs Militär geschaffene Konstruktion war
für weitaus höhere Belastungen ausgelegt.
Hastig zurrte Aruula den Obelisken mit einem
Seil fest.
Ehe sie sich wieder hinters Steuer schwang,
leuchtete sie mit Maddrax' Stablampe noch in
den Krater hinein. Der schwarze Felsbrocken,
der dort in der Tiefe ruhte, schien den starken
Lichtkegel einfach zu schlucken. Aber auch
ohne den Meteoriten zu sehen spürte sie die
Macht, die er ausstrahlte.
Leider hatte die Barbarin keine Zeit, um sich
näher mit Meetors wundersamen Geschenk zu
beschäftigen. Sie musste so schnell wie möglich
zu Maddrax zurückkehren, bevor die Scimaro
über ihn und Araks Stamm herfielen.
Die Morgendämmerung tauchte die Pueblo-
Bauten in grellrotes Licht, wie zur düsteren
Prophezeiung eines blutige Endes, das den
Ausgestoßenen bevorstand. Die Nacht über
hatten sie die Scimaro mit den Brandsätzen auf
Abstand halten können, doch inzwischen war
ihr Vorrat auf drei gefüllte Amphoren
geschrumpft.
Zum Glück hatten die Primaten ihre Attacken
nach Mitternacht abgebrochen. Dafür klangen
seitdem immer wieder splitternde und
schleifende Geräusche durch die Finsternis, als
ob sie etwas vorbereiten würden. Korak
entdeckte bei Tagesanbruch als Erster, was die
nächtlichen Aktivitäten zu bedeuten hatten.
Überall auf dem Hof lagen große Steinhaufen.
Vermutlich hatten die
Scimaro sie in den umliegenden Feldern
aufgesammelt und hier zusammengetragen.
Außerdem waren einige entwurzelte Bäume zu
sehen, deren Stämme bis zu den Hausdächern
hinaufreichen würden.
Den Verteidigern war schnell klar, was das zu
bedeuten hatte. Die Affenmenschen wollten bei
Tageslicht zum Sturmangriff übergehen.
Bork gab den Befehl, dass sich Frauen und
Kinder in die Gebäude zurückziehen sollten. Er
ließ auch Matt in die Tiefe schaffen, denn der
US-Pilot hatte zwar das Bewusstsein
wiedererlangt, dämmerte aber noch immer
lethargisch vor sich hin. Da sich einige Frauen
vor dem halben Scimaro fürchteten, bugsierten
ihn Korak und Doran über die Leiter in
Bendrakes leerstehendes Haus hinab. Wenn
Borks Sippe die Position auf dem Dach
aufgeben musste, würde sie sich zu Maddrax
hinabflüchten und die Dachluke von innen
verriegeln. Die anderen Familien wollten es in
ihren Häusern ebenso machen, auch wenn dann
alle getrennt voneinander in der Falle saßen.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die
Scimaro nach und nach alle Luken
aufgebrochen hatten, aber vielleicht schafften es
auf diesen Weise wenigstens einige
Stammesmitglieder, bis zu Aruulas Rückkehr
zu überleben.
Die Frauen und Kinder hatten sich gerade
hinab begeben, als ein Steinhagel auf die
Dächer niederging. Korak war einer der ersten,
die getroffen wurden. Mit einem dumpfen
Schlag knallte ein grauer Brocken gegen seine
Stirn und streckte ihn blitzartig" nieder. Der
Getroffene kippte ohne einen Laut zur Seite und
blieb regungslos auf dem Dach liegen. Um
seinen Kopf bildete sich eine Blutlache, die nur
langsam in dem trockenen Lehmuntergrund
versickerte.
Bork sah auf dem ersten Blick, dass sein
Schwager tot war.
»Verteilt euch!« brüllte er den Männern zu,
die instinktiv Schutz in der Gruppe suchten.
Weitere Steine folgten. Einige flogen über die
Häuser hinweg, anderen prallten nur auf das
Dach, doch immer wieder waren auch die
Schreie von Getroffenen zu hören. Nicht alle
wurden so schwer verletzt wie Korak, aber
schon nach kurzer Zeit waren viele durch
schmerzhafte Treffer an Armen oder Beinen in
ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Trotzdem floh niemand in die Gebäude, denn
sobald die Dächer leergefegt waren, konnten die
Scimaro gefahrlos die Baumstämme an die
Häuser lehnen und nach oben klettern.
Einige der Ausgestoßenen verschanzten sich
hinter den hölzernen Bodenluken, anderen blieb
nichts weiter übrig, als sich flach aufs Dach zu
pressen und Meetor anzubeten.
»Sie kommen!« brüllte ein Mann, dessen
Gesicht vor Panik so entstellt war, dass Bork
ihn erst mit einiger Verzögerung erkannte. Es
war Lukar, der Pfeifenschnitzer. Aufgeregt
deutete der grauhaarige Handwerker auf eine
Dachkante, über die plötzjich Äste
emporwuchsen.
Hastig entzündete Doran eine Amphore und
rannte auf die Stelle zu, hinter der ein
ausgerissener Baum angelehnt sein musste. Als
er den Absatz erreichte, schraubte sich bereits
ein behaarter Primatenschädel in die Höhe.
Hinter ihm drängten sich weitere Scimaro, die
den Stamm emporkletterten.
Obwohl ihn einige Steinewerfer ins Visier
nahmen, suchte sich Doran eine gute Wurf
position, bevor er den Brandsatz in die Tiefe
schickte.
Die Amphore zerschellte an der harten Rinde,
worauf sich das entzündete Benzin in einem
wahren Feuerregen über die Angreifer ergoss.
Der Geruch von versengtem Fleisch erfüllte
die Luft, während die brennenden
Scimaro kreischend in die Tiefe
sprangen.
Durch den exakten Treffer war die natürliche
Sturmleiter unbrauchbar geworden, denn der
Stamm brannte im mittleren Stück so heftig,
dass die Primaten die Feuerwand nicht
überwinden konnten.
Dorans Triumph war nur von kurzer Dauer.
Dem obersten Angreifer spritzte das
flammende Benzin zwar bis zur Hüfte, doch
anstatt in die Tiefe zu springen, katapultierte
sich der Scimaro nach vorne - direkt auf Doran
zu.
Der Ausgestoßene versuchte noch
zurückzuweichen, da packte ihn der
kreischende Affenmensch schon am Arm und
zerrte ihn mit seinem ganzen Gewicht über den
Abgrund. Doran überschlug sich in der Luft,
bevor er mit der Schulter voran auf den
festgestampften Boden prallte. Ein greller
Schmerz durchzuckte seinen Körper, als das
Schlüsselbein unter dem harten Aufprall
zerbrach.
Doran blieb nicht einmal die Zeit, um vor
Schmerz laut aufzuschreien, da prügelten die
Scimaro schon auf ihn ein, bis er aus unzähligen
Wunden blutend und in verrenkter Haltung
liegen blieb.
Die Verteidiger auf dem Dach erschauerten,
als sie die grässlichen Geräusche aus der Tiefe
hörten. Er klang fast so, als würde Doran bei
lebendigem Leibe auseinandergerissen.
Gleichzeitig wuchsen an anderen Dächern
weitere Baumkronen empor, über die grunzende
Scimaro aufs Dach quollen. Die meisten der
Ausgestoßenen flohen daraufhin durch die
Bodenluken und verriegelten sie von innen.
»Nein!« brüllte Bork. »Wir müssen uns
verteidigen, sonst sitzen wir wie Ratten in der
Falle!«
Einige der mutigsten Männer stellten sich mit
brennenden Fackeln zum Kampf. Bork
entzündete hastig die letzten beiden Amphoren
und schleuderte sie den anstürmenden Scimaro
entgegen. Die zerplatzten Brandsätze bildeten
eine Feuerwand, die sie gegen die aufs Dach
drängenden Primaten abschirmten. Die
Aggression der Angreifer war inzwischen aber
so hoch, dass sie ihre natürliche Furcht vor den
Flammen vergaßen und schreiend über die
brennenden Lachen hinwegsprangen.
Beim Anblick der blutrünstigen Horden
verließ den alten Lukar der Mut. In blinder
Panik lief er zur Rückfront des Hauses und
sprang vom Dach, um in die umliegende Steppe
zu entkommen. Aber auch hier lauerten
Scimaro, die sich sofort auf ihn stürzten.
Begleitet von den Todesschreien des
Pfeifenschnitzers zog Bork die Donnerhand
hervor, die er Maddrax abgenommen hatte.
Hastig visierte er den vordersten Scimaro an -
einen braunhaarigen Koloss, der
wutschnaubend auf ihn zustampfte. Der Finger
des Ausgestoßenen krümmte sich bereits, um
den tödlichen Schuss abzufeuern, als ihn ein
Stein an der Hand traf. Die Pistole wurde ihm
aus den Fingern geprellt und fiel scheppernd zu
Boden.
Trotz der blutenden Fingerknöchel bückte
sich Bork nach der Fackel zu seinen Füßen, um
sich bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.
Doch ehe er die brennende Waffe in die Höhe
reißen konnte, sprang ihn der braunhaarige
Koloss an und warf ihn zu Boden.
Die Luft wurde Bork aus den Lungen
getrieben, als er auf den Rücken krachte. Ehe er
eine Hand zur Abwehr heben konnte,
umklammerte der Scimaro seinen Hals und
drückte ihm mit beiden Pranken die Luft ab.
Bork versuchte den eisernen Griff seines
tobenden Gegners zu sprengen, doch es gelang
ihm nicht.
Auch die Schläge, die er dem Primaten in den
Leib drosch, schienen dem Berserker nichts
auszumachen. Bork spürte, wie sein Kehlkopf
unter den behaarten Fingern zusammengedrückt
wurde. Atemnot machte sich bemerkbar. Seine
Abwehrbewegungen fielen ihm schwerer und
vor seinen Augen tanzten bereits dunkle
Flecken.
Schon hörte er aus weiter Ferne den
Hörnerklang, mit dem Meetor seine Getreuen
zu sich rief. Gleich würde Krahac mit seinem
schwarzen Gefieder die Sonne verfinstern und
ihn ins Reich der Toten holen.
Zu Borks Überraschung blieb es taghell und
der Hörnerklang wurde lauter.
Gleich darauf lockerte sich der Griff um
seinen Hals. Röchelnd sog er frische Luft in
seine brennenden Lungen. Es dauerte einen
Moment, bis er wieder klar sehen konnte. Erst
dann bemerkte er, dass sämtliche
Affenmenschen von ihren Opfern abgelassen
hatten und zur Dachkante trotteten.
Plötzlich spürte Bork ein vibrierendes Gefühl
der Stärke in sich aufsteigen. Da wusste er, was
geschehen war! Hastig rollte er sich zur Seite,
bis er hinunter in den Hof sehen konnte, in den
Aruula laut hupend mit dem Jeep einfuhr.
Die Barbarin stieg erst im letzten Moment auf
die Bremse und hielt mitten in einer Gruppe
Scimaro, die den Wagen dicht umdrängten.
Auch die Affenmenschen, die bereits die
Dächer erklommen hatten, sprangen zurück in
den Hof. Drohend wankten sie auf den Jeep mit
der Säule zu.
Zuerst sah es so aus, als wollte sich die ganze
Meute auf Aruula und ihren jungen Mitfahrer
stürzen, doch aus irgendeinem Grund hielten
die Primaten einen Schritt Abstand zum Wagen.
Nur der braunhaarige Koloss, der Bork fast zu
Tode gewürgt hatte, wagte sich an die
Rückfront des Jeeps. Andächtig legte er seine
behaarte Pranke auf den Obelisken und sank in
die Knie.
Gleich darauf folgten seine Artgenossen dem
Beispiel.
Aruula konnte es zuerst nicht glauben, als sie
in die Runde blickte, aber auch bei näherem
Hinsehen gab es keinen Zweifel:
In den Augen der Scimaro schimmerten
Tränen!
Einige Tage spater Matthew Drax streckte die
Hand aus und berührte das schwarz glänzende
Gestein, das sich seltsam warm unter seinen
Fingerspitzen anfühlte. Obwohl der Meteorit
zum größten Teil im Erdboden versunken war,
ragte er immer noch fünf Meter über ihm auf.
Der Pilot konnte die Schwingungen, von denen
Aruula ihm berichtet hatte, nicht empfangen,
trotzdem spürte er das Geheimnis, das von
diesem Himmelskörper ausging.
Auch ein Laie konnte sehen, dass dieses
Mineral unmöglich irdischen Ursprungs sein
konnte. Über die fremdartige Beschaffenheit
hinaus gab es aber noch etwas, das mit bloßem
Auge nicht sichtbar war. Vielleicht ließ es sich
mit Spezialgeräten messen, aber die standen
Matt nicht zur Verfügung. Trotzdem wusste er,
das es da war. Nur so ergaben die Ereignisse
der letzten Tage einen Sinn!
Dieser Meteorit strahlte irgend etwas aus, das
die Angehörigen des hier ansässigen Stammes
hatte mutieren lassen, so dass sie telephatische
und telekenetische Kräfte entwickelten.
Irgendwie schien es bei dieser sprunghaften
Fortentwicklung des Geistes aber eine Art
Streben nach einem natürlichen Gleichgewicht
zu geben. Denn so sehr die Strahlung die
Evolution der Mutanten vorantrieb, so hatte sie
jene Menschen, bei denen sie ihre
telephatischen Kräfte anwandten, auf eine
niedrigere Entwicklungsstufe zurückgeworfen.
Ihre Opfer waren zu primitiven Halbwesen
auf Urzeitniveau degeneriert. Erst die direkte
Meteoritenstrahlung hatte diesen Vorgang
umgekehrt und die Scimaro wieder auf das
ursprüngliche Niveau ihrer Evolution gebracht.
Diese Theorie jedenfalls hatte Matt sich
zusammengereimt, als er vor einigen Tagen in
der Pueblosiedlung wieder zu klarem
Bewusstsein gekommen war. Aruula hatte ihn
auf den Rücksitz des Jeeps betten lassen, damit
er die unmittelbare Kraft des Obelisk
empfangen konnte. Da er noch nicht völlig zu
einem Primaten mutiert war, hatte die
Rücktransformation bei ihm auch schnellere
Fortschritte gemacht als bei den Scimaro, die
bewusstlos um den Jeep herum lagen.
Matt hatte nur verschwommene Eindrücke
von seiner Zeit als Neandertaler
zurückbehalten. Das Letzte, woran er sich
richtig erinnern konnte, war die heiße
Liebesnacht mit Aruula. Zuerst verspürte er
noch ein schlechtes Gewissen, weil er seine
moralischen Grundsätze über Bord geworfen
hatte -aber dann wurde ihm klar, dass seine
gestiegene Triebhaftigkeit auf die
Transformation zurückzuführen war.
Aruula war mit seinem Verhalten in jener
Nacht offensichtlich hochzufrieden. Deshalb
schien es auch unsinnig, ihr beiderseitiges
Verhältnis in diesem Punkt zurückzudrehen.
Ansonsten war bei Matt wieder alles beim
alten. Die Degeneration, die durch Borks
telephatische Kontrolle ausgelöst worden war,
hatte keine
sichtbare Spuren hinterlassen. Und die
Bewohner der eroberten Dörfer befanden sich
ebenfalls auf den Weg zurück zur Normalität.
Nachdem es sich herumsprach, dass eine
Heilung möglich war, pilgerten immer mehr der
degenerierten Menschen zum Dorf der
Ausgestoßenen.
Matt wandte sich zu Aruula um und kletterte
mit ihr den Steilhang des Kraters hinauf. Bei
der alten Siedlung wartete Arak mit seinen
Eltern auf sie.
Die Ausgestoßenen hatten sie zum Krater
begleitet. Nun wollten die Drei den
Überlebenden ihres Stammes folgen, die sich
auf dem Weg in eine weit entfernte Enklave
befanden, um dort eine neue Kolonie zu
gründen. Ihre Amulette hatten sie abgelegt,
denn sie wollten ihre Kräfte in Zukunft nicht
mehr anwenden.
Matt hatte sich mit den Legenden der
Ausgestoßenen befasst. Wenn die Überlieferung
zutraf, dann war ihr »Gottesgeschenk« vom
Himmel gefallen, als die große Katastrophe vor
Jahrhunderten über die Erde hineingebrochen
war.
Jahrhunderte...Dabei waren für Matt Drax
kaum mehr als zwei Monate vergangen, seit er
mit seinem Jet in die Druckwelle des Kometen
geraten und abgestürzt war.
Matthew vermutete, dass dieser Meteorit ein
Bruchstück von »Chri-stopher-Floyd« war, wie
sie nach dem Eintauchen in die Erdatmosphäre
zu Dutzenden über Europa und Asien
niedergegangen sein mussten.
Wahrscheinlich ging von dem gesamten
Kometen eine kosmische Strahlung aus, die
irgendwie auf die Menschen einwirkte. Matt
erinnerte sich noch gut daran, dass sie bei ihren
Messungen eine nicht identifizierbare Strahlung
des Himmelskörpers festgestellt hatten.
Als sie den Krater verließen, legte Aruula
ihren Arm um seine Hüfte und schmiegte sich
mit ihrem weichen Körper fest an ihn. Ihr
ganzes Verhalten zeigte, dass sie nach seiner
Genesung wieder eine gemeinsamen Nacht mit
ihm verbringen wollte.
Matt wehrte sich nicht gegen den warmen
Schauer, der bei dem hautnahen Kontakt durch
seinen Körper lief. Er hatte noch genügend Zeit
für düstere Gedanken, wenn er sich wieder auf
die Suche nach seinen überlebenden Kameraden
machte. Denn eins war sicher: Die Zeit der
Abenteuer und Gefahren war für ihn noch lange
nicht zu Ende.
ENDE
Festung des Blutes
Norditalien wird von blutgierigen Mutanten heimgesucht, den Nosfera.
Als Aruula von den überraschend modern ausgerüsteten Wesen entführt wird,
folgt Matt ihr in die "Festung des Blutes" - und trifft auf seinen Kopiloten
Professor Dr. Smythe!
Wahnsinnig geworden, will der Wissenschaftler
den Nosfera zur
Weltherrschaft verhelfen.
Um die dafür nötigen Substanzen
aufzutreiben, hat er einen Sklavenhandel
organisiert.
Mit der Hilfe einiger Dörfler, deren
Angehörige ebenfalls verschleppt wurden,
und einer Gaunertruppe kann Matthew
Drax die Gefangenen befreien.
Smythe stürzt sich selbstmörderisch in
eine Monstergrube.
EXTRA im Heft: Leserstory
2
“gescanned by Waldschrat“
“bearbeitet von Tecko“
Band 5
Festung des Blutes
Margoa war eine hübsche Frau mit blonden Locken.
Ihr Alter kannte sie nicht genau. Einige Nordmänner
auf der Flucht vor dem Gesetz hatten sie
als Kind für einen Sack Mehl an den Vater ihres
jetzigen Gatten verkauft.
Sie schätzte sich auf neununddreißig Winter.
Vielleicht waren es auch zwei oder drei weniger.
Sie klapperte in der Küche ihres Hauses mit Tiegeln
und Pfannen, als sie nebenan leise Schritte hörte.
»Almar?«, rief sie, ohne sich umzudrehen.»Bist du schon
auf?« Ihr Sohn war erst gegen Mittag zu Bett gegangen,
denn er hatte sich die Nacht mit seinen Freunden um die
Ohren geschlagen, um wildernde Andronen zu jagen…
3
Doch Almar antwortete nicht. Stattdessen
verharrten die Schritte.
Margoa arbeitete weiter. Vielleicht war es
auch ihr Gemahl Gosseyn. Er war manchmal
etwas geistesabwesend. Bestimmt hatte er sie
nicht gehört.»Gosseyn?«, fragte sie. »Bist du
es?«
Erst als die Schritte unmittelbar hinter ihr
erklangen, drehte sie sich um. Die Pfanne,
die sie gerade abspülte, entfiel ihren Händen.
Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.
Das Wesen, auf das ihr Blick fiel, war eine
knochige Gestalt in eng anliegender
Kleidung. Pechschwarzes, grob
zusammengenähtes Leder umhüllte sie fast
vollständig, auch ihren Kopf bis auf die
Augen, die Margoa tückisch musterten.
Der Fremdling hatte weder ein Gesicht
noch eine ausgebildete Nase. Dort, wo die
Nasenlöcher und der Mund lagen, wies die
Ledermaske schmale Schlitze auf, die das
Atmen ermöglichten.
Sein Mund öffnete sich. Eine schwarze
Zunge fuhrgenüsslich über halbverwest
wirkende Lippen
Margoa schrie. Sie brüllte mit der ganzen
Kraft ihrer Lunge, doch schon Sekunden
später endete ihr Schrei abrupt. Als sie
spürte, wie kalte harte Finger ihren Hals
packten. Ein hysterisches Kichern drang aus
der Kehle des Eindringlings. Nun erst sah
Margoa, dass das Wesen weiblich war.
»F‘taghn r‘lyee«, knurrte es. Und drückte
noch fester zu.
Margoas Hände flogen wie die Fangarme
eines verendenden Kraak durch die Luft. Es
wunderte sie, dass sie tatsächlich etwas zu
fassen bekam: ein langes gezacktes
Brotmesser. Sie riss es mit letzter Krafthoch
und stieß es direkt in den Brustkorb der
Vermummten, die sie mit einem fast
wollüstig lauernden Blick beobachtete, als sie
ihr die Luft abschnürte.
Die Klinge stieß gegen etwas Hartes.
Knirsch. Dann brach sie ab. Margoa verlor
den Boden unter den Füßen und hauchte
lautlos ihr Leben aus.
Die vermummte Gestalt ließ die Leiche mit
einem verächtlichen Knurren zu Boden
sinken und schaute sich schnüffelnd um. Mit
eiligen Schritten näherte sie sich einer
Pfanne, in der ein rohes Stück Fleisch lag.
Sie roch Blut und stöhnte in unmenschlichem
Tonfall auf. Wie in einem Fieberanfall rissen
ihre dürren Klauen Fetzen aus dem Fleisch
und stopften es durch den Mundschlitz der
Maske. Blut rann an dem schwarzen Leder
hinab.
Dann drehte das Wesen sich um. Sein Blick
verharrte auf Margoas hellem Hals, und es
schüttelte sich in unverhohlener Gier.
Die schneebedeckten Berghänge der
südlichen Alpen türmten sich am fernen
Horizont. Schroffes Gestein aller
Schattierungen von Schwefelgelb bis
Rosenrot ragte hinter den Ruinen Mailands
auf. Ein dichter Wald umschloss das Land
wie ein finsterer Gürtel.
Matt Drax seufzte, als sein Blick auf das
fiel, was von der alten Stadt übrig geblieben
war. Er fragte sich, wie die Universitäten,
Hochschulen, Akademien und Museen wohl
heute aussehen mochten. Vor einigen Jahren
{Jahrhunderten?} hatte er im Deutschen
Fernsehen eine TV-Dokumentation über die
Stadt gesehen. Er erinnerte sich noch gut an
den alten gotischen Marmordom und die
vielen Kirchen. Von zweien hatte er sogar
den Namen behalten: San Lorenzo und Sant‘
Ambrogio.
In seiner Zeit war Mailand ein bedeutendes
Finanz, Handels, Industrie, Verlags und
Messezentrum gewesen.
Aber jetzt...
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Die Reifen des Hummer Jeeps bahnten sich
knirschend einen Weg über Geröll und
abgebrochene Zweige. Letzte Nacht war ein
heftiger Sturm über Norditalien hinweggefegt
und hatte etliche Bäume umgeknickt. Matt
und Aruula hatten eine unruhige Nacht im
Schutz einer Erdkuhle verbracht.
Der Motor schnurrte. Matt warf einen
kurzen Blick nach hinten und musterte seine
Begleiterin.
Aruula schlief auf der Rückbank den Schlaf
der Gerechten. Seit ihrem Aufbruch vom
Kraterdorf der Ausgestoßenen waren sie gut
vorangekommen, Nichts hatte die Fahrt
gestört wenn man von der beschissenen
Straßenlage absah.
Irgendwo hier im Norden Italiens musste
sich sein Fliegerkamerad Hank Williams
aufhalten. Seinen Vornamen hatte er der
Vorliebe seines Vaters für den Sänger Hank
Williams zu verdanken. Aber sein berühmter
Namensvetter war ebenso tot wie die
Vergangenheit, in der sie einander zuletzt
gesehen hatten: hoch über der Erde, in
modernen Stratosphärenjets, Sie hatten einen
Kometen beobachtet, der sich rasend schnell
der Erde näherte. Für Matt war all dies zwar
erst zehn Wochen her, aber bei all dem
Unfassbaren, was er in dieser Zeit erlebt
hatte, wagte er sich kaum auszurechnen, um
wie viele Jahrhunderte die Druckwelle
>Christopher- Floyds< ihn in die Zukunft
geschleudert hatte.
In eine Scheiß-Zukunft, dachte Matt
grimmig, in der das Leben wahrlich kein
Zuckerlecken ist.
Er erinnerte sich an die letzten Tage vor
dem Start; an den Abend, den er mit Hank
und Jenny im >Zwiebelfisch< in Berlin
verbracht hatte, kurz bevor der Auftrag der
US-Regierung sie zum Stützpunkt zurück
beordert hatte. Das Thema >Komet< hatten
sie bei diesem letzten Zusammensein
geflissentlich vermieden immerhin
beherrschte es seit Monaten sämtliche
Medien, doch als Jennifer fragte, wann sie
sich wohl wieder sehen würden, hatte Hank
sarkastisch >Nach dem Weltuntergang, um
drei Uhr< gebrummt.
Matt grunzte. Aus dem Treffen wurde wohl
nichts. Erstens hatte seine Uhr bei dem
Absturz den Geist aufgegeben, und zweitens
würde der >Zwiebelfisch< auch nicht mehr
die Gaststätte sein, die sie einst gewesen war.
Viel hatte sich verändert ... um nicht zu
sagen, fast alles. Matthew sehnte sich nach
den Bequemlichkeiten der Zivilisation:
Dusche, Rasierzeug, Toilettenpapier. Aufs
Fernsehen konnte er verzichten; in dieser
Welt gab es genug interessante Dinge zu
sehen. Live. Andererseits hatte er es mit
Aruula nicht übel getroffen. Sie war eine
patente Frau. Auch wenn ihre Tischmanieren
zu wünschen übrig ließen. Und wenn man
über ihre Rattenfell Dessous hinweg sah, war
sie sogar ausgesprochen hübsch. Er schätzte
sie auf Anfang zwanzig.
Außerdem verfügte sie über die
merkwürdige Fähigkeit, immer genau zu
wissen, was er wollte. Manchmal konnte sie
sogar einschätzen, ob jemand log oder die
Wahrheit sagte. Und sie hatte seine Sprache
in wenigen Wochen erlernt. In dieser Welt
nannte man es >lauschen<. Früher hatte es
>Telepathie < geheißen.
Rrrrrch ... Mitten auf dem schmalen
Waldweg fing der Jeep plötzlich an zu
spucken. Und blieb stehen.
»Verdammt!« Matt sprang von Bord. »Die
Karre ist verreckt!«
Aruula regte sich, schlug die Augen auf
und schaute sich hellwach um. Sie hatte auch
ein tolles Reaktionsvermögen. Und tolle
Beine.
Matthew öffnete die Kühlerhaube und warf
einen Blick ins Innere des Fahrzeugs.
Das sah nicht gut aus. Ein dünner
Rauchfaden kräuselte sich über dem
Motorblock, und von irgendwo erklang ein
leises elektrisches Knistern. Als Matt die
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Hand ausstreckte, um die Zündkerzen zu
überprüfen, sagte Aruula leise: »Maddrax!«
Diesen Namen hatte sie ihm bei ihrer ersten
Begegnung gegeben.
Matt wandte den Kopf nach links.
Drei Meter von ihm entfernt, am
Wegesrand zwischen den dunklen Tannen,
tauchte ein zottiges Lebewesen auf. Es war
ein Hund, schneeweiß und so groß wie ein
Spitz, aber seine gefletschten Zähne
erinnerten an die Hauer eines Wildschweins.
Seine roten Albinoaugen zeigten den irren
Blick einer tollwütigen Kreatur. Vermutlich
eine Mutation.
Hinter dem Hund tauchte ein zweiter auf.
Dann ein dritter. Und ein vierter. Sie knurrten
und sabberten, und man sah ihnen an, dass
sie hungrig waren.
Aruula war wie ein Blitz auf den Beinen.
Der Leithund wandte den Kopf und stierte sie
an.
Matt ließ von der Kühlerhaube ab und
wandte sich der Meute zu. Seine Hand glitt
langsam zur Pistole, die im Bund seiner
Uniformhose steckte. In dieser feindlichen
Welt war es immer gut, seine Waffe
griffbereit zu tragen. Aus den Augenwinkeln
nahm er wahr, dass Aruula ihr Schwert vom
Rücksitz holte. Auf die Frau war Verlass. Sie
hatte Mumm.
»Vorsicht«, hörte er sie leise sagen, »sie
greifen gleich an!«
Es behagte Matthew Drax nicht, kostbare
Patronen an diese Tiere zu vergeuden, aber
wenn es nicht anders ging ... Vor allem
musste er schnell handeln. Wenn der erste
Köter ihn ansprang, war es zu spät.
Er richtete die Beretta 98 G Double Action
auf die roten Schweinsäuglein des
Leithundes und maß ihn mit festem Blick.
Dem Hund schien es nicht zu gefallen, dass
er ihm geradewegs in die Augen schaute.
Seine Lefzen zogen sich zurück, und Matt
sah zwei spitze Zahnreihen. Wie ein
Haifischmaul. Mit den Viechern war wirklich
nicht zu spaßen.
»Du hast es so gewollt«, knurrte er und
drückte ab.
Der Schuss traf den Leithund genau
zwischen die Augen. Die Wucht des
Aufpralls ließ ihn einen Salto rückwärts
schlagen. Die anderen Hunde heulten auf,
doch ihr Schrecken währte nicht lange; das
verspritzte Blut des Kadavers wirkte sofort
auf ihren Instinkt. Sie stürzten sich auf ihren
toten Anführer, schlugen die Zähne in seinen
blutbefleckten Leib und schleppten ihn
zurück in die Deckung des Waldes. Fraglos,
um sich an seinem Fleisch gütlich zu tun.
Matt gab sich keinen Illusionen hin. Die
Viecher würden sich nicht lange mit dem
Kadaver aufhalten. Und neues Fleisch suchen
Er winkte Aruula zu sich und machte ihr
klar, dass sie sich ein anderes Transportmittel
suchen
mussten. In der Kürze der Zeit konnte er
unmöglich den Fehler finden und reparieren.
»Dort ist Stadt, nicht weit von hier«, sagte
Aruula und deutete mit skeptischer Miene
nach Norden. Sie mochte keine Städte. Matt
konnte es ihr nicht verübeln. In Bologna
hatten sich die Reste der alten Zivilisation
ihm gegenüber nicht gerade freundlich
gezeigt.
»Ich weiß«, entgegnete Matt. »Sie heißt
Mailand. Oder Milano.«
»Ich von Stadt gehört, die Millan heißt«,
sagte Aruula und kniff die Augen zusammen.
»Das wird sie wohl sein.«
Viel war nicht von >Millan< zu sehen. Nur
einige Türme, die man in der alten Zeit
>Wolkenkratzer< genannt hatte, ragten über
den Baumwipfeln auf. Matt erblickte
Tausende von dunklen Fensterhöhlen. Auf
den Flachdächern, so weit sie noch
vorhanden waren, wuchs dichtes Gestrüpp.
Er zückte den Feldstecher aus seinem
Notpaket und richtete ihn auf das Gebäude,
das ihnen am nächsten war. Durch
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geborstene Scheiben gewehte Erde und
Pflanzensamen hatten das Innere des Hauses
schon vor Jahrhunderten erobert. Aus nahezu
allen Öffnungen wucherten die Zweige
irgendwelcher Büsche.
In einem Fensterrahmen in sechsten Stock
erkannte er eine menschengroße Riesenratte
mit drahtigem, grauschwarzem Fell: eine
Taratze. Matt schüttelte sich bei dem
Anblick, denn mit diesen Biestern hatte er
schon kurz nach dem Absturz seiner
Maschine im Gebirge Erfahrungen
gesammelt. Die tapfere Aruula hatte ihn, als
er halb besinnungslos und von Fieberträumen
geplagt – im Wrack seiner Maschine gelegen
hatte, heldenhaft vor den verfressenen
Kreaturen verteidigt.
Taratzen gingen in der Regel aufrecht. Sie
hatten ein feines Gehör und verständigen sich
in einer fauchenden Sprache. Wenn sie sich
auch in Mailand eingenistet hatten, mussten
Aruula und er vorsichtig sein: Die
halbintelligenten Viecher organisierten sich
in marodierenden Rudeln. Matt hatte zudem
erfahren müssen, dass die intelligenteren
Exemplare dieser Spezies menschliche
Sprachen verstehen und artikulieren konnten.
Gehörte das Biest am Fenster nicht zu einem
Rudel, war es möglicherweise noch
gefährlicher: Ausgestoßene Taratzen galten
als unberechenbar und waren oft wahnsinnig.
So wahnsinnig wie die Welt...
Aber Matthew blieb kaum eine Wahl. Er
hoffte darauf, dass Hank Williams in der
nächsten Stadt Zuflucht gesucht hatte. Die
Chance, ihn zu finden, war in Mailand auf
jeden Fall größer als in freier Wildbahn.
Nachdem sie ihr Gepäck geschultert hatten,
zogen Matthew und Aruula zu Fuß weiter.
Matt warf einen letzten wehmütigen Blick
auf den Jeep. Das Fahrzeug hatte ihm gute
Dienste geleistet; hoffentlich würde er später
hierher zurückkehren können, um es wieder
flott zu machen. Fast hatte er das Gefühl,
einen Freund zurückzulassen. Oder
zumindest einen Teil seiner alten Welt...
Der Wald war totenstill. Sie kamen über
den Trampelpfad gut voran und erreichten
zehn Minuten später die ersten Ruinen.
Mailand wirkte wie ausgestorben. Der
Asphalt war geplatzt Immergrüner Wald
hatte Straßen, Plätze und Häuser erobert
Ausgewachsene Bäume ragten aus Spalten
gesprengter Hauswände. Überall wucherte
ein merkwürdiges unbekanntes Moos.
Sie wanderten über Grasbewachsene
Schuttberge und erblickten die Reste
zahlloser rostiger Fahrzeugkarosserien. Auf
Plätzen und Nebenstraßen hoppelten
kaninchenartige, aber kurzohrige Wesen, so
genannte Gerule umher, die bei ihrem
Auftauchen schnell Reißaus nahmen und in
Erdlöchern und Kellerfenstern
verschwanden, sofern diese noch nicht
zugewachsen waren. Doch nicht alle waren
schnell genug. Eins der Tiere erlegte Aruula
mit einem Schwerthieb. Sie schwenkte es
triumphierend über dem Kopf. Matt lief das
Wasser im Mund zusammen, als er sich
vorstellte, es über einem offenen Feuer zu
braten.
Doch dann fiel Aruula auf, dass die Augen
des Gerul dick zu geschwollen waren und es
roten Schaum vor dem Mund hatte
wahrscheinlich war das auch der Grund
dafür, dass sie es überhaupt erwischt hatte.
Sie sagte »krank«, verzog angewidert das
Gesicht und schleuderte den Kadaver beis
eite. Ein Heer handtellergroßer Kellerasseln
strömte aus einer Mauerspalte und fiel über
das Aas her.
Matt schüttelte sich.
Es wurde rasch dunkel. Geisterbleich fiel
das Licht des Mondes auf das Land und hob
im Norden eine bizarr geformte Bergspitze
vom dunklen Hintergrund des Horizonts ab.
Das Licht fing sich in den Kronen silbrig
glänzender Espen und huschte über die
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dunklen Wipfel von Tannen, Fichten und
Roteschen.
Schließlich erreichten sie einen riesigen
freien Platz, auf dem sich ein phantastisches
Gebäude in den Himmel schraubte: der
Mailänder Dom, das größte gotische
Bauwerk Italiens. Der Bau hatte 1386
begonnen und 1813 unter Napoleon geendet.
Matt starrte fasziniert in die Höhe. Vier der
sechs Turmspitzen an der Vorderseite waren
eingestürzt.
Nur die beiden mittleren, rechts und links
vom Eingangsportal, standen noch. Die
bleiverglasten Fenster waren längst
geborsten. Das Portal war aus den
Scharnieren gerissen und lag vor dem
Eingang.
Von den Gebäuden, die den Domplatz
früher umsäumt hatten, war nichts mehr zu
sehen. An ihrer Stelle ragten bewaldete
Hügel auf. Wahrscheinlich waren sie schon
vor Jahrhunderten zerfallen.
Erdverschiebungen und Herangewehter
Boden hatten die Trümmer unter sich
begraben.
Aruula starrte den alten Dom mit großen
Augen an. Bauwerke dieser Art hatte sie
wohl noch nie gesehen.
Als sie vom Anblick der untergegangenen
Kultur bewegt auf dem Platz standen, hörte
Matthew ein irgendwie ... maschinell
klingendes Dröhnen. Es wurde lauter. Kam
näher.
Er drehte sich um. Aruula tat es ihm gleich.
Motoren war sein erster Gedanke. Doch dann
schüttelte er den Kopf. Unmöglich.
Sekunden später wurde er eines Besseren
belehrt, denn aus dem Unterholz brachen
fünf knatternde Motorräder hervor. Ihre
Scheinwerfer rissen den Domplatz aus der
Dunkelheit. Die seltsam zusammengeflickt
aussehenden Maschinen wurden von hageren
Gestalten gelenkt, die Stahlketten und
baseballschlägerähnliche Knüppel
schwangen. An ihren Gurten blitzten lange
Messer. Sie trugen Stulpenstiefel und waren
in schwarzes Leder gekleidet, wie Rocker des
20. Jahrhunderts.
Doch das Gespenstischste an ihnen waren
die eng anliegenden Ledermasken, die ihre
Köpfe bis auf Augen, Nasen und
Mundschlitze bedeckten. Die Gestalten
erinnerten an Lederfetischisten aus dem
Sado-Maso-Fach. Matt fragte sich, ob sie
wohl einen Pornoladen ausgeplündert hatten.
Mehr Zeit zum Nachdenken blieb ihm
nicht, denn schon waren sie bei ihnen,
umkreisten sie und holten mit ihren
gefährlichen Schlagwerkzeugen aus. Die
Lichtlanzen ihrer Scheinwerfer rasten umher
wie außer Kontrolle geratene Spotlights und
machten die Orientierung schwer.
Eine Stahlkette wickelte sich um Aruulas
Schwert und riss es ihr aus der Hand, und
bevor Matt die Automatik ziehen konnte,
krachte ihm ein Knüppel ins Kreuz, und er
fiel auf die Nase. Als er wieder hochkam und
prustend Dreck ausspuckte, hatten die
Angreifer die Maschinen im Leerlauf so zu
Boden sinken lassen, dass der Kampfplatz
gut ausgeleuchtet wurde.
Sie griffen an! Matt sah, dass zwei Kerle
mit ausgestreckten Armen und fiebrigem
Gekicher an Aruulas langem Haar rissen, um
sie zu Boden zuzwingen.
Ehe er reagieren konnte, wurde sein Hals
von zwei knochigen Hände gepackt Er
schnappte nach Luft und ließ sich fallen. Sein
Gegner verlor das Gleichgewicht und stürzte,
sodass der nächste über ihn stolperte und der
Länge nach hinschlug. Als sich sein Gesicht
in den Schutt bohrte, war Matt längst auf den
Beinen. Er registrierte mit leichter
Verblüffung, dass die Ledermasken der Kerle
mit weißen Zahlen versehen waren. Er trat
der am Boden liegenden Nummer 26 mit der
Stiefelspitze gegen den Kopf, sodass sie
benommen liegen blieb.
Aruula hatte einen Fremdling inzwischen
mit einem wohlgezielten Tritt ins Gemacht
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zu Boden geschickt, wo er sich winselnd
krümmte. Nun warf sie sich ihrem zweiten
Gegner an den Hals. Doch nicht, um ihn zu
umarmen; die Spitzen ihrer Zeigefinger
stießen in die Schlitze seiner Ledermaske.
Geschrei aus einer Frauenkehle wurde laut.
Als Matt seine Beretta endlich ziehen
konnte, schwang jemand eine Stahlkette. Sie
knallte gegen sein Gelenk und umwickelte
es. Ein fester Ruck Matt schrie auf, die Waffe
schlidderte über den Asphalt. Dann hing ein
zweiter Angreifer auf seinem Rücken und
schlang den Arm um seinen Hals. Ein
anderer holte mit einer Kette aus, um Matt
endgültig zu erledigen.
Matthew ließ sich noch einmal fallen, und
der mit aller Kraft ausgeführte Schlag traf
den Kerl auf seinem Rücken mitten ins
Gesicht. Als er ihn aufbrüllen hörte, stieß
Matt sich vom Boden ab. Er wollte sich auf
die Beretta hechten, doch im gleichen
Moment ertönte ein bösartiges Knurren.
Wenige Meter vor den Kämpfenden tauchte
ein weißer Mutantenköter aus der Dunkelheit
auf und setzte zum Sprung an. Er erwischte
einen der gestürzten Ledermänner.
Den anderen schien dies wenig zu gefallen,
denn sie schrien erschrocken, ließen von
Matt und Aruula ab und eilten ihrem
Gefährten zu Hilfe, in dessen Kehle die Töle
sich zu verbeißen drohte. Mit Ketten und
Knüppeln droschen sie auf den Wildhund ein
und brachen ihm das Kreuz, sodass er
sterbend zu Boden sank Der angefallene
Ledermann wankte zurück, hielt seinen Hals
und deutete mit gurgelnden Lauten in die
Richtung, der Matt den Rücken zuwandte. Er
verstand das gutturale Geknurr zwar nicht,
aber es war auch nicht nötig das Gebell sagte
ihm genug.
Der Rest lief in Sekundenschnelle ab: Matt
fuhr herum und sah die Hundemeute
heranjagen. Mindestens zehn zottelige weiße
Bestien fegten mit gefletschten Zähnen auf
sie zu und wirbelten Staub auf. Sie befanden
sich am äußersten Rand des Platzes, noch
etwa zweihundert Meter entfernt.
Doch bei dem Tempo, das sie vorlegten,
konnte es nicht lange dauern, bis sie hier sein
und sie zerfetzen würden.
Die Ledermänner rissen ihre Maschinen
hoch, schwangen sich in die Sättel und gaben
Gas. Mit eisigem Schrecken sah Matt, wie
einer Aruulas Hüfte umfasste und sie mit sich
zog. Die Barbarin landete schreiend quer vor
ihm auf dem Tank Ein Ellbogen traf mit
Wucht ihren Nacken; Aruula erschlaffte.
Die Motorräder jagten auf den Dom zu und
fuhren links an ihm vorbei. Matt sah sich
hektisch nach der Meute um. Die Hunde
hatten ihn fast erreicht! Die Zeit reichte nicht
einmal mehr, in der nun plötzlich wieder
herrschenden Dunkelheit seine Waffe zu
suchen.
Matt wirbelte auf dem Absatz herum und
ver suchte das nächste Gebäude zu erreichen.
Erreichten ihn die mutierten Köter vor ihm,
war er erledigt...
Matt ließ den Domplatz hinter sich. Nicht
weit entfernt ragte ein windschiefes,
verlassen wirkendes Gehöft aus roten Ziegeln
in den Himmel. Er rannte auf ein schief in
den Angeln hängendes Holztor zu Das
Geheul seiner Verfolger klang schrill in
seinen Ohren. Matt eilte durch den Torweg in
den Hof, erblickte aber keine lebende Seele.
Er wagte nicht sich umzudrehen, aus
Angst, dadurch wertvolle Sekundenbruchteile
zu verlieren. Als er im Lauf das lange
Kampfmesser aus dem Schaft seines rechten
Stiefels zerrte, stolperte er und fiel der Länge
nach hin. Ehe er sich wieder aufgerappelt
hatte, war der erste Hund über ihm. Matt
hörte ein kehliges Röcheln und drehte sich
auf den Rücken.
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Das Messer fuhr hoch und bohrte sich in
den Hals des Wildhundes. Matt stieß ihn zur
Seite. Schon jagte die rotäugige Meute durch
das offene Tor.
Matt hechtete durch die offene Tür des
Hauptgebäudes und tauchte in einen finsteren
Korridor. Er fluchte, als er registrierte, dass
die Tür keinen Riegel besaß. Also weiter...
Er stürmte die Treppe hinauf, in der
Hoffnung, dort oben ein Versteck zu finden.
Allein das Licht des Mondes fiel durch
Fenster und Mauereinbrüche und
ermöglichte es Matt mehr schlecht als recht,
sich zu orientieren.
Am Ende eines Korridors im dritten Stock
befand sich eine Tür, die früher auf einen
längst nicht mehr existierenden Balkon
geführt hatte. Ein geländerloser Steg verband
das Haus wie eine Brücke mit einer fünf
Meter entfernten Scheune. Er endete knapp
unterhalb eines Schrägdaches vor einem
Fensterladen, der mit einem hölzernen Riegel
verschlossen war.
Der Steg schwang bedrohlich im Takt von
Matts Schritten, als er ihn überquerte. Hinter
ihm wurden Gebell und das Scharren von
Tatzen laut.
Auf der anderen Seite des Steges
angekommen, entriegelte Matt den Laden,
öffnete das Fenster und schaute sich
keuchend um. Der erste Köter schob seine
Zahnbewehrte Schnauze aus dem
Nachbarhaus und musterte ihn mit tückischen
Augen.
»Na, komm schon«, knurrte Matt. »Komm
her, du elendes Mistvieh!«
Der Steg war gerade mal dreißig
Zentimeter breit. Falls der Hund sich
entschloss, ihm zu folgen, würde er ihn mit
einem Tritt in den Abgrund befördern. Die
Scheune besaß keine Fenster, und der einzige
Zugang war verschlossen. Ein Blick an die
teils eingestürzte Decke zeigte Matt, dass
einen Meter unter dem Dach ein langer
Querbalken entlang führte, unter einem Loch
her, das groß genug war, einen Menschen
hindurch zu lassen.
Die Bestie trat argwöhnisch auf den Steg.
Hinter ihr staute sich die wild blaffende
Meute.
Matt spürte jetzt erst die Auswirkungen des
Kampfes mit der Lederbande. Ihm wurde
übel, und er sank langsam am Rahmen des
Scheunenfensters hinab, als wollten seine
Beine die Last des Körpers nicht mehr
tragen.
In dieser Verfassung würde er die Hunde
nicht abwehren können! Das Risiko, dabei zu
stürzen, war zu groß.
Matt schwang sich ins Innere der Scheune
und sammelte seine letzten Kräfte. Dann
streckte er die Arme nach dem Balken aus,
bekam ihn zu fassen und zog sich genau in
dem Moment hinauf, in dem der erste
geifernde Köter bei dem Versuch, ihn zu
packen, durch das Fenster flog.
Natürlich hatte die Bestie nicht damit
gerechnet, dass der Grund der Scheune fünf
Meter unter ihr lag. Sie jaulte panisch auf,
doch der Boden war mit Strohballen bedeckt,
und so landete sie relativ sanft. Der Rest der
Meute folgte ihrem Leittier mit aufgeregtem
Gebell. Dann versammelten sie sich unter
Matt und sprangen in die Luft. Aber natürlich
erreichten sie ihn nicht.
Matt grinste zu der kläffenden Meute
hinab. Er zog sich auf dem Bauch liegend
den Balken entlang und stoppte unter dem
Loch in der Decke. Dort richtete er sich
vorsichtig auf und hielt sich am Rand des
Einschnitts fest. Der Wind wehte ihm ins
Gesicht, als er sich behutsam aufs Dach
emporzog. Er musste vorsichtig sein: eine
morsche Schindel, und er landete knapp
sieben Meter tiefer mitten in der
blutrünstigen Meute!
Die Hunde heulten in ohnmächtiger Wut,
als sie ihre Beute entschwinden sahen. Sie
hatten auch keine Chance mehr, ihr zu folgen
10
vorausgesetzt, das Scheunentor hielt ihrem
Ansturm stand.
Matt robbte mit weit ausgestreckten Armen
und Beinen übers Dach bis zu der Stelle,
unter der das Fenster lag. Er ließ sich über
die Dachkante auf den schmalen Steg hinab
und nahm denselben Weg zurück, den er
gekommen war. Das frustrierte Gebell der
Wildköter verblasste hinter ihm.
Nun musste er zunächst die Beretta suchen,
seine Ausrüstung einsammeln und dann die
Spur der Ledermänner aufnehmen, die
Aruula entführt hatten.
Er hatte Glück. Er fand nicht nur den
olivgrünen Container mit der Notausrüstung
und seine Waffe; die mysteriösen Fremdlinge
hatten im Dreck auch zahlreiche
Reifenspuren hinterlassen. Der Strahl der
Stabtaschenlampe aus dem Notpaket riss ein
Profil aus der Dunkelheit, das wie hand
geschnitzt aussah!
Matthew folgte den Spuren am Dom vorbei
über einen stark ausgefahrenen Weg, der ihm
sagte, dass die Kerle sich oft in dieser
Gegend aufhielten. Sie schienen also in der
Nähe zu leben.
Eine halbe Stunde später sichtete er einen
relativ gut erhaltenen sechsstöckigen
Häuserblock und
schaltete vorsorglich die Taschenlampe aus.
Zumal Lampen in die Wände der Gebäude
eingefügt
waren, die elektrisches Licht verbreiteten!
Matt fühlte sein Herz höher schlagen. Also
waren nicht
alle Menschen dieser Epoche in ein
barbarisches Stadium zurückgefallen! Es gab
offensichtlich auch höhere
Entwicklungsstufen. Hoffentlich gehörten ihr
nicht nur so brutale Sado-Maso-Typen wie
diese Motorradfahrer an...
Abgesehen von der obersten Etage waren
alle
Fenster des Wohnblocks zugemauert. Im
Gegensatz zu den anderen Ruinen, die Matt
bisher gesehen hatte, waren diese Gebäude
nicht mit Efeu überwuchert, und auf den
Dächern breitete sich auch kein Gestrüpp
aus. Irgendjemand hielt den Block in Schuss,
keine Frage. Und nicht nur das ... Sämtliche
Türen hatte man unpassierbar gemacht. Es
war eine Festung, in der eine größere Gruppe
von Menschen lebte. Matt wurde klar, dass er
es mit Leuten zu tun hatte, die bestens
organisiert waren.
Die Reifenspuren endeten vor einer
Einfahrt mit einem massiven Eisentor, in
dem sich eine schmale Tür befand. Sie stand
offen. Mehrere in schwarzes Leder gekleidete
Gestalten hielten Wache. Sie trugen
Schwerter und Armbrüste, und Matt
zweifelte nicht daran, dass sie sie einsetzen
würden, ohne sich lange mit Fragen
aufzuhalten.
Geduckt, ständig in der Deckung des
Bewuchses, umkreiste er zweimal den hoch
aufragenden Häuserblock. Sein Blick
wanderte über glatte Steinwände und war
ständig auf der Suche nach einer
Möglichkeit, in die Festung einzudringen.
Aber es war aussichtslos. Zehn Meter um
den gewaltigen Kasten, der gut zweihundert
Meter lang und hundert breit war, hatte man
den Wald gerodet. Zudem entdeckte Matt
mehrere Wächter, die in ihren
Ledermonturen über die Dächer
patrouillierten. Keine Chance, sich
unbemerkt zu nähern.
Irgendwann zog Matt sich in die Gegend
des Tors zurück und beobachtete die
Wachablösung. Er lag auf dem Bauch im
Gebüsch und tastete mit dem Feldstecher den
Innenhof ab.
Da war eine Eisentonne. In ihr brannte ein
Feuer, und mehrere Vermummte wärmten
sich an den Flammen die Hände obwohl die
Nacht gar nicht kalt war. Anhand ihrer
Bewegungen und Gestik
11
glaubte Matt zu erkennen, dass es sich
nicht nur um Männer handelte. Und alle
waren nummeriert.
Matthew Drax erblickte auch ein halbes
Dutzend Motorräder und mehrere Türen,
durch die die
Häuser des Blocks zugänglich waren. Sie
wirkten fest und solide und wiesen kleine
Guckfenster auf, sodass man jeden, der ins
Innere wollte, vorher prüfen konnte.
Mist, dachte er. So komm ich nicht weiter.
Sein Blick schweifte über den einige
Kilometer entfernten Hügel, der sich im
Osten über dem Wald erhob, und er fragte
sich, ob man als Fremder in dieser Gegend
Verbündete finden konnte oder jemanden,
der genug über die Festungsbewohner
wusste, um ihm weiter zu helfen.
Nach einer Weile wurden seine Gedanken
abgelenkt, denn auf der Hügelkuppe
flammten Lichter auf. Matt erkannte weiße
Rauchfahnen. Lagerfeuer? Auf jeden Fall
Menschen.
Nein, verbesserte er sich sofort. Vielleicht
Menschen. Vielleicht auch etwas ganz
anderes, das früher einmal der menschlichen
Rasse angehört haben mochte...
Er stieß einen stummen Seufzer aus, stand
auf, schulterte sein Gepäck und machte sich
auf den Weg nach Osten.
Als Gosseyn in sein Haus zurückkehrte,
bemerkte er die ungewöhnliche Stille, die in
den Räumenb herrschte.
Normalerweise war Margoa um diese Zeit
mit der Zubereitung des Essens beschäftigt,
und sein Sohn Almar saß mit dem
Schnitzmesser in der Küche und widmete
sich seiner Kunst. Doch heute hörte er kein
metallisches Geklapper. Er roch auch
nicht die herrlichen Düfte, mit denen
Margoa ihn zu dieser Stunde stets begrüßte.
Als er in die Küche kam und ihren am
Boden aus gestreckten Körper sah, wusste er
sofort, was geschehen war. Sein Weib war
tot. Er erkannte es an der vermummten
Gestalt des Blutsaugers, der neben ihr hockte
und sich nun aufrichtete, ein entsetzliches
Stöhnen auf den blutigen Lippen.
Gosseyn, im ersten Moment vor Entsetzen
wie gelähmt, hob seine Armbrust. Er hatte
eigentlich wenig Hoffnung, mit der Waffe
etwas auszurichten, aber er durfte nichts
unversucht lassen.
Der dünne Bolzenpfeil zischte durch die
Luft. Er schien die Gestalt auch zu treffen,
denn sie stierte ihn mit einem ungläubigen
Blick an und fuhr wie unter einem Aufschlag
zurück. Doch sie fiel nicht um. Der Bolzen
steckte in ihrer Brust aber nur einen
Fingerbreit. Kein Tropfen Blut löste sich aus
der Wunde.
Im gleichen Augenblick kam Almar mit
zerzausten Haaren aus seiner Kammer. Er
hatte geschlafen, wohl im Alkoholrausch,
wie seine verquollenen Augen erkennen
ließen. Er tauchte genau hinter dem
Fremdling auf und erfasste sofort die Lage.
Während Gosseyn einen Schritt nach hinten
machte und entschlossen den Säbel aus der
Scheide zog, zog sich Almar wie ein Schatten
in die Kammer zurück.
Sekunden später war er wieder da und
feuerte einen Bolzenpfeil auf den Hinterkopf
des noch immer reglos verharrenden
Fremden ab. Unglücklicherweise ging dieser
im gleichen Augenblick leicht in die Knie,
um eine Angriffshaltung einzunehmen. Der
Bolzen verfehlte ihn und bohrte sich mit
einem dumpfen Knall in den Rahmen des
Gemäldes, das Gosseyns Großvater zeigte.
Gosseyn duckte sich und ließ die Klinge
durch die
Luft sirren. Almar schoss einen weiteren
Bolzen ab, und Gosseyn registrierte
12
befriedigt, dass die Kreatur diesmal
körperlichen Schaden nahm. Der Pfeil drang
in ihr rechtes Bein ein und ließ sie wanken.
Von entsetzlichem Zorn erfüllt sprang
Gosseyn vor, hob den Säbel und schlug
gnadenlos zu.
Ein, zwei Schläge spalteten den in Leder
gehüllten Schädel, doch bevor Gosseyn Zeit
hatte, den Triumph auszukosten, drang von
draußen Geschrei an seine Ohren. Almar, der
sich mit seinem Säbel sofort an die Tür
postierte, rief: »Sie kommen, Vater! Sie
kommen!«
Gosseyn eilte an das kleine Fenster und
schaute hinaus.
In der Finsternis erblickte er zahlreiche
Millani, die in eiliger Flucht zum Götzenhaus
liefen. Sie wurden von sieben oder acht
Vermummten verfolgt, die Schwerter und
Fangnetze schwangen. Bestimmt waren sie
nicht allein gekommen. Gewiss gab es noch
weitere Gruppen, die sich nun, unter dem
Mantel der Dunkelheit, über die
Dorfbewohner hermachten.
Die Notfeuer flammten auf. Man hatte sie
aufgeschichtet, um zumindest die Nacht zu
erhellen. Helfen konnten sie gegen die
Feinde nicht, dazu verbreiteten sie nicht
genügend Helligkeit
Gosseyn schaute auf den bleichen
Leichnam seiner Gattin, dann warf er seinem
Sohn einen schnellen Blick zu. »Wir müssen
ins Götzenhaus«, sagte er. »Dort sind wir
sicher!«
Sie sprangen aus dem Haus, eilten in eine
Nebengasse und liefen ins Zentrum des
Dorfes. Gosseyns Nase hatte ihn nicht
getrogen; Die meisten Familien hatten sich
schon in den uralten Steinbau mit dem
Eisentor zurückgezogen.
Im Inneren des Götzenhauses brannten
Kerzen.
Etwa fünfzig Männer, Frauen und Kinder
hatten sich versammelt und zitterten um ihr
Leben.
»Seid ihr bewaffnet?«, fragte Gosseyn und
schaute sich um. Er sah, dass die meisten
Männer Schwerter, Säbel, Armbrüste oder
Pfeil und Bogen trugen.
Man verrammelte das Tor mit drei
Eisenriegeln und hielt den Atem an. Hin und
wieder ertönte der spitze Schrei eines
Menschen, dem es nicht gelungen war, das
Götzenhaus rechtzeitig zu erreichen. Der
Wind nahm zu und ebenso das schrille
Gelächter der Nosfera, die durch die Gassen
zogen und über ihre Opfer herfielen. Hin und
wieder hörte man auch Flüche aus
Menschenkehlen und vernahm das Klirren
der Schwerter jener, die sich gegen den
Blutsaufenden Mob zur Wehr setzten.
Die Nacht wollte und wollte nicht
vergehen; nach und nach erloschen auch die
Notfeuer. Erst um die siebte Stunde glomm
allmählich die Helligkeit des Tages auf. Der
Wind ebbte ab, und der Ansturm der Nosfera
legte sich. Gosseyn atmete auf, als die
furchtbaren Laute, die durch die dicken
Mauern zu ihnen hereindrangen, sich
entfernten.
Als er nichts mehr hörte, stieg er die
Treppe zum Turm hinauf, um sich von oben
ein Bild über die Lage zu machen. Der kleine
Ort lag still unter ihm. Noch immer herrschte
das eigenartige Dämmerlicht. Keine Sonne
und keine Sterne waren am diesiggrauen
Himmel zu erkennen.
Gosseyn schüttelte sich, als sein Blick in
die unter ihm liegende Gasse fiel: Er hatte die
ausgesaugten Leichname all jener Menschen
zu sehen erwartet, denen es nicht gelungen
war, die schützenden Mauern zu erreichen.
Doch er sah nur Blutflecke auf den Steinen.
Die Nosfera hatten sie verschleppt!
Draußen war alles still. Gosseyn spähte den
Hügel hinab und sah eine Horde der
Vermummten
mindestens dreißig an der Zahl zügig in
Richtung Festung marschieren. Ein Dutzend
Schritte hinter ihnen fuhr mit knarrenden
13
Rädern ein Plan wagen, in dem sie, daran
zweifelte Gosseyn nicht, ihre jammernde
Beute abtransportierten.
Er lief die Wendeltreppe hinunter. Als er
im Hauptraum des Götzenhauses
angekommen war, berichtete er den
übermüdeten Leuten, was er gesehen hatte.
»Bei Wudan!«, sagte Almar erbleichend.
»Glaubst du, dass sie noch leben, Vater? Was
werden sie mit ihnen tun? Wen haben sie
mitgenommen und wieviele?«
»Der Wagen war schwer«, erwiderte
Gosseyn. »Es waren bestimmt mehr als
zehn.«
»Wir müssen etwas tun!«, sagte Almar
leidenschaftlich. »Wir müssen sofort etwas
tun oder wir sehen sie nie im Leben
wieder!«
»Wir können nichts tun«, sagte der
Schmied mit dumpfer Stimme. »Wir haben
nicht die Kraft, dem Auswurf des Bösen zu
trotzen.«
»Wir sollten Wudan für unsere armen
Nachbarn ein Opfer bringen«, meinte Drago,
sein Bruder.
Gosseyn sagte nichts. Er war mit den
Gedanken bei seinem feige gemeuchelten
Weib. Almar hingegen war noch jung.
Gosseyn sah ihm an, dass er am liebsten
geschrien hätte aber aus seiner Kehle kam
nur ein Krächzen.
»Ihr seid Feiglinge!«, stieß Almar heiser
hervor. »Ihr denkt nur an eure eigene Haut!
Wenn niemand mitgeht, gehen mein Vater
und ich allein!«
Die Dorfbewohner schauten betreten zu
Boden, und einige ältere Männer, unter ihnen
auch der Gastwirt Toono, Gosseyns
Schwager, bemühten sich, ihn von der
Unsinnigkeit seines Plans zu überzeugen: Ein
jeder wusste, dass den Nosfera mit normalen
Waffen kaum beizukommen war. Sie waren
fast unverwundbar. Und die Millani waren zu
wenige, um es mit der Festung aufzunehmen.
Sie war uneinnehmbar.
Gosseyn hörte dem erhitzten Gespräch
wortlos zu und reinigte seinen Säbel mit
einem Lappen. Natürlich hatten sie Recht:
Sie waren zu schwach, sie mussten den
Exodus ins Auge fassen. Es war die
ungestüme Jugend, die Almar mit blanker
Wut erfüllte und ihn die Stärke der
Blutsauger vergessen ließ. Als er in Almars
Alter gewesen war, hatte er ebenso gedacht:
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch die
Nosfera hatten Almars Mutter getötet, und er
wollte blutige Rache nehmen.
Die Diskussion wogte hin und her und
endete erst, als Almar, erschöpft vom Reden,
sich zu seinen jungen Freunden in eine Ecke
zurückzog und im Sitzen an einer runden
Säule des Götzenhauses einschlief. Die
Frauen und meisten anderen waren längst in
einen tiefen Schlaf gesunken. Nun, da das
Gespräch verstummt war, legten sich auch
die anderen hin, um zu ruhen. Sie wollten das
Haus erst verlassen, wenn das volle Licht des
Tages zurückgekehrt war. Sie wussten, dass
sie dann vor den Blutsaugern einigermaßen
sicher waren.
Nach einer schweigsamen Weile erklang
draußen das Poltern von Stiefeln. Gosseyn
spitzte die Ohren.
Sein Schwager Toono, dessen Weib
Gosseyns Schwester und Tochter auf den
harten Holzbänken schliefen, richtete sich
ächzend auf und packte sei nen Säbel.
Gosseyn legte einen Finger auf seine Lippen,
trat ans Portal und presste ein Ohr auf das
Holz.
Die Schritte kamen näher. Er hörte sofort,
dass es die Schritte eines sehr großen Mannes
waren. Er vernahm auch das charakteristische
Scheppern von
Metall, das ihm sagte, dass der
Ankömmling bewaffnet war.
Toono machte den Mund auf, doch
Gosseyn gab ihm mit einer Geste zu
verstehen, dass er schweigen solle.
14
Eine feste Hand klopfte an die dreifach
verriegelte Tür des Götzenhauses.
»Wer da?«, fragte Gosseyn.
Mehrere Köpfe zuckten hoch.
»Ein Reisender«, kam die Antwort. »Auf
Suche nach Nachtlager.«
Toono und die anderen Erwachsenen
atmeten auf, Gosseyn erkannte, dass der
Fremdling die Wahrheit sprach. Zwar
beherrschte er ihre Sprache kaum und mochte
damit einer der gelegentlich aus der
verschneiten Bergwelt Suizzas nach Süden
wandernden Barbaren sein aber gewiss war
er kein Nosfera.
»Wie ist dein Name, Fremdling?«, fragte
Gosseyn durch die Tür. Toono eilte zu ihm
und baute sich mit dem Schwert in der Hand
neben ihm auf.
»Maddrax«, kam die Antwort
Als Matthew Drax erwachte, war es bereits
später Nachmittag.
Sein Blick fiel aus dem Fenster. Es regnete.
Matt schnaubte unwillig, zog die warme
Decke um sich und stellte leicht verblüfft
fest, dass seine Stirn schweißnass war.
Fieber? Er setzte sich auf und betastete
sein Gesicht Nein. Keine Temperatur. Hatte
ein Alptraum ihm den Schweiß auf die Stirn
getrieben?
Er sank zurück und machte den Versuch,
ins Land der Träume zurückzukehren. Er
konnte sich an keinen Alptraum erinnern. In
seinem Kopf spukte nur Hank Williams
herum. Er saß neben ihm auf einem
Barhocker im >Zwiebelfisch< und prostete
ihm mit einem Glas Pflaumenschnaps zu.
Dann fiel ihm etwas anderes ein, und nun
war an Schlaf nicht mehr zu denken. Aruula!
Die maskierten Lederkerle!
Matt schüttelte den Kopf, um ihn zu klären,
dann stand er mit einem gemurmelten Fluch
auf. Er hatte großen Hunger, und in ihm war
ein seltsames Gefühl, das sein Bewusstsein
ganz einhüllte.
Er trat an das winzige Fenster. Toonos
Gasthof befand sich am Rand des steilen
Hügels. Das Dorf lag mitten in einem
finsteren Wald, und auch in der Tiefe reihte
sich ein Baum an den anderen. Irgendwo in
dem verregneten Land dort unten stand die
Festung. Matt nahm seinen Feldstecher und
suchte die Gegend ab. Sein Blick schweifte
über die diesigen Wälder. Nach kurzer Suche
machte er sie aus: Rechts und links der Feste
reckten sich die geisterhaften Türme halb
verfallener Hochhäuser in den Himmel. Er
fand den Dom und irgendwo dahinter auch
die Mailänder Scala.
Plötzlich wusste er, was ihm im Schlaf den
Schweiß auf die Stirn getrieben hatte: Er
hatte die Festung im Traum gesehen.
Matt schüttelte sich. Sein Blick fiel auf das
PilotenNotpaket, einen flachen olivgrünen
Behälter, in dem sich eine Signalpistole,
Plastiksprengstoff, chemische Fackeln und
andere Dinge befanden, die man zum
Überleben in der Wildnis brauchte: Beil,
Kompass, Angelschnur, Stablampe, Seil,
Medikamente, Verbandszeug,
Trockennahrung, sogar ein aufblasbares
Schlauchboot aus einem dünnen, aber extrem
reißfesten Material. Er steckte die
automatische Pistole in den Hosenbund. Das
Fahrtenmesser stak wieder in seinem Stiefel.
Als er sich den Schlaf aus den Augen
gewaschen und angezogen hatte, ging er nach
unten zur
Gaststube. Er war froh, in diesem Haus
Unterschlupf gefunden zu haben, nachdem
Toono ihn im Morgengrauen von oben bis
unten gemustert hatte.
Dass er und die anderen Dörfler die Nacht
in der alten Kirche verbracht hatten, hatte
Matt nachdenklich gemacht. Erst später
waren ihm die Blutflecke aufgefallen. Hinter
ihnen lag offenbar ein Kampf: Sie waren
überfallen worden.
Leider hatte Toono keinen Grund gesehen,
ihn über die Identität der Räuber aufzuklären.
15
Aber was nicht war, konnte ja noch werden.
Falls Matthew ihn überhaupt ausreichend
verstand. Aruula hatte ihm zwar die
Grundbegriffe der hiesigen Sprache
beigebracht, aber bei komplizierteren
Wörtern musste Matt passen. Er lernte nicht
halb so schnell wie sie.
Als er die drei obersten Stufen der
knarrenden Treppe hinter sich gebracht hatte,
drang lautes Weinen an seine Ohren. Es
vertrieb den letzten Rest Müdigkeit aus
seinen Gliedern und ließ ihn nach unten
eilen.
In der Tür der Gaststube stand Toonos
Tochter, eine schwarzhaarige Schönheit von
etwa sechzehn Jahren. Ihre zittrigen Gesten
und verschreckten Blicke sagten ihm, dass
sie die Klagelaute ausgestoßen hatte.
Am Tresen wäre er fast mit Toono
zusammengestoßen, als dieser mit einer
pummeligen Frau im Schlepptau aus der
Küche kam.
»Riva!«, rief er besorgt. »Riva! Was ist, in
Wudans Namen?«
Riva zitterte vor Bestürzung, und ihre
Zähne klapperten trotz der mollig warmen
Gaststube. Als sie ihre Mutter erblickte, warf
sie sich zitternd in deren Arme.
»Die Nosfera«, hörte Matt sie schluchzend
sagen. »Sie haben auch Dorek
mitgenommen!«
Die Nosfera? Matt sah, dass Toono die
Zähne zusammenbiss.
Sein rotwangiges Weib wurde blass. »Bei
den Göttern«, murmelte sie, »womit hat sie
das verdient?«
»Wer ist Dorek?«, fragte Matt. »Was sind
Nosfera?« Ihm schwante Schreckliches.
>Nosfera< klang verdächtig nach Nosferatu
Vampir. Obwohl er den hiesigen Dialekt
nicht kannte, ging er davon aus, dass sich die
Bedeutung des Wortes auch im Laufe der
Jahrhunderte nicht verändert hatte. Und ihm
fiel das Mädchen Jandra ein, dem er in
Bologna begegnet war. Auch sie hatte es
nach seinem Blut gedürstet. Er schüttelte
sich, als er sich an sie erinnerte.
Toono berichtete. Matt hatte Mühe, ihm zu
folgen, und er musste mehrmals nachfragen,
bis er halbwegs verstanden hatte.
Die Nosfera hatten das Dorf gestern Abend
überfallen, Gosseyns Weib getötet und zehn
der Einwohner entführt. Rivas Freundin
Dorek schien unter den Verschleppten zu
sein.
Toono wirkte, als hätte er am liebsten auf
den Boden gespuckt. »Ausgeburten der
Unterwelt ...«, murmelte er. »Sie scheuen das
Licht und suchen uns heim, um das Blut der
Menschen zu trinken.«
Matt hatte die Begriffe >trinken< und
>Blut< verstanden. »Nosfera trinken Blut?«,
fragte er nach.
»Ja«, sagte Toono nur und schwieg dann.
Als hätte er Angst, mehr zu sagen.
Matt trat an die Tür, öffnete sie und spähte
ins Freie. Es regnete heftig. Kein Mensch
war zu sehen.
Ein plötzlicher starker Windstoß fegte
herein. Matt glaubte das Geräusch
klatschender Schwingen gehört zu haben,
aber als er den Kopf hob, erspähte er nichts.
Toono setzte ein gequältes Lächeln auf und
deutete auf einen Tisch, auf dem Essen stand.
Riva und ihre Mutter waren schon in der
Küche verschwunden. Matt bedankte sich
und nahm Platz. Das Essen war einfach:
Brot, Butter, Käse, dazu ein Glas gegorener
Traubensaft.
»Wo leben Nosfera?«, fragte Matt
»Dort unten«, sagte Toono nach einer
Weile zögerlich und deutete in die Richtung,
aus der Matt in der vergangenen Nacht
gekommen war. »In der Festung.«
»Festung?« Meinte er den zugemauerten
Häuserblock?
Toono spähte aus dem Fenster, als fürchte
er sich vor einer neuerlichen Attacke. Dann
kniete er sich vor den Kamin, in dem
Holzscheite knisterten. Er fachte das Feuer
16
mit einem Blasebalg an. »Ja«, fuhr er fort
ohne sich umzudrehen. »Sie sind so schwarz
wie die Nacht und fahren auf Feuerstühlen,
die schrecklichen Lärm machen.«
Erst als er das Geräusch nachahmte, begriff
Matthew, dass Toono Motorräder meinte.
Was er schon vermutet hatte, wurde zur
Gewissheit: Die Nosfera waren identisch mit
den Ledermännern, die Aruula verschleppt
hatten!
»Wie viele?«, fragte Matt In seinem Kopf
wirbelten die Gedanken. Er musste Aruula
befreien – aber wie?
»Viel mehr als wir.« Toono stand auf und
zeigte Matt seine Hände. »Wir sind jetzt noch
fünfzig, aber die sind bestimmt siebzig und
alle erwachsen. Sie haben keine Kinder.«
Matt runzelte die Stirn. Er beendete die
Mahlzeit, stand auf und trat ins Freie. Die
Luft war kühl. Mailand lag unter einer
Nebeldecke. Über ihm wölbte sich der
Himmel in diffusem Grau und wurde schnell
dunkler.
Toonos Haus lag am höchsten Punkt des
Ortes und war etwa dreihundert Meter von
der Kirche entfernt. Der Weg ins Dorf war
steil. Es bestand aus etwa fünfzig Häusern,
Ställen und Hütten, doch nicht alle schienen
bewohnt zu sein.
Matthew ging eine lange Dornenhecke
entlang. Nach der Bausubstanz der Häuser
und Mauern zu urteilen, war das Dorf
irgendwann im letzten Jahrhundert
entstanden.
Auf dem Kirchplatz, um den sich eine
Reihe von Häusern gruppierte, hatte sich eine
diskutierende Menschenmenge versammelt.
Matt verstand von dem, was gesprochen
wurde, nur ein Bruchteil, aber den Sinn
begriff er wohl: Man war besorgt, die
Nosfera könnten zurückkommen und noch
mehr Opfer holen.
Matt trat zu der Gruppe. Alle Gesichter
wandten sich ihm zu.
»Wer bist du? Was willst du?«, fragte ihn
unwirsch einer der Männer, offenbar der
Wortführer.
»Ein Reisender«, antwortete Matt. »Ich
heiße Maddrax. Ich komme...« Er räusperte
sich und deutete mit ausgestreckter Hand auf
die hohen Berge im Norden. » ... von dort.«
Ein wettergegerbter Mann meldete sich zu
Wort; Matt erkannte in ihm denjenigen, der
ihm gesterndas Kirchenportal geöffnet hatte.
Sein Name war Gosseyn, wenn er sich recht
erinnerte. »Ich kenne ihn. Er kam gestern
nach dem Überfall und suchte Zuflucht in der
Kirche.«
Der Wortführer trat auf Matt zu. »Ich bin
Drago«, stellte er sich vor und wiederholte:
»Was willst du?«
»Wissen, was hier passiert«, radebrechte
Matt.
»Wer Nosfera sind.« Er deutete mit
ausgestrecktem Arm den Hügel hinab. »Dort
unten meine Gefährtin und ich gestern
überfallen. Sie in Festung gebracht.«
Die Umstehenden murmelten
durcheinander, dann sagte eine Frau traurig:
»Deine Gefährtin ist tot. Niemand entkommt
den Nosfera.«
Matt schüttelte den Kopf. »Muss wissen,
sonst nicht glauben. Gehe in Festung.«
Die Mienen ringsum verzerrten sich in
plötzlichem Schrecken. Die Dörfler mussten
glauben, er wäre lebensmüde. Doch Matthew
stützte seine Hoffnung auf die Tatsache, dass
die Nosfera ihre Opfer verschleppt hatten.
Also waren sie nicht nur auf Mord aus.
Aruula konnte durchaus noch am Leben sein.
»Warum ihr nicht kämpfen?«, fragte Matt.
Die Menge murmelte dumpf vor sich hin.
Drago winkte ab. Sein Gesicht war blass.
»Weil sie zu mächtig und zu zahlreich sind.
Wir sind ihnen nicht gewachsen! Bisher
haben sie sich ihre Opfer nur selten in
unseren Reihen gesucht, aber jetzt ... Es hat
sich etwas verändert.« Er machte eine
hilflose Geste.
17
Matt hatte seinen Worten angestrengt
gelauscht und dabei die Entdeckung gemacht,
dass er das fremde Idiom von Satz zu Satz
besser verstand. Es waren vorwiegend
italienische Vokabeln darunter eine Sprache,
die er nicht beherrschte aber auch Brocken
von Französisch und Deutsch, die er beide
leidlich gut sprach, Je weniger er sich
bemühte, einzelne Wortfetzen zu verstehen,
sondern das Gesprochene in seiner
Gesamtheit aufnahm, desto verständlicher
wurde es. Was leider nicht bedeutete, dass
seine Aussprache dadurch besser wurde ...
»Nicht gut, wenn ihr verkriecht«,
entgegnete er, »Wenn ihr nicht wehren,
werdet ihr sie nie los.«
»Was weißt du schon?«, fragte ein hagerer
Mann mit langem Haar und schlug den Blick
zu Boden. Wir sind verflucht. Unser Dorf ist
mit dem Fluch des Herrn der Festung beladen
...«
»Herr der Festung?«, echote Matt. »Wie
heißen?«
»Du bist ein Fremdling«, sagte Drago, ohne
auf seine Frage einzugehen. »Du verstehst
nicht. Die Götter brachten die Nosfera über
uns, um uns zu prüfen.« Er verstummte und
wich Matts Blick aus. »Wir können nichts
tun es ist der Wille Wudans ...«
»Es ist der Wille Wudans«, intonierte die
Menge.
Drago gab den Leuten einen Wink, und sie
zerstreuten sich. Zurück blieben nur er,
Gosseyn und ein junger Bursche, der aussah
wie dessen Sohn.
»Sind wir Männer oder Memmen?«, fragte
der junge Mann hitzig und umklammerte den
Knauf seines Säbels. »Wenn wir
zusammenhalten, können wir uns wehren!«
»Es ist sinnlos, sich gegen die Götter
aufzulehnen.« Drago rieb nervös sein
viereckiges Kinn. »Ich gehe heim und hole
meine Familie. Ich rate euch, ins Götzenhaus
zu gehen!« Er wandte sich um, und kurz
darauf verklang das Knirschen seiner Schritte
zwischen den Häusern.
Gosseyn machte eine einladende
Handbewegung zu Matthew. »Komm mit.
Sei mein Gast. Ich werde dir über die
Nosfera berichten.«
Er wohnte gegenüber der Kirche. Die
Wohnstube lag in einem seltsamen Zwielicht.
Gosseyn bat Matt vor dem Kamin auf einem
Schemel Platz zu nehmen. Dann erzählte er,
was er von seinen Ahnen über das Volk der
Nosfera wusste. Dass sie einst viele Hundert
gewesen waren. Dass sie sich bis vor kurzer
Zeit wie normale Menschen von der Jagd
ernährt hatten Gosseyn hatte oft beobachtet,
dass
sie oft Expeditionen in die nördlichen
Berge schickten und nahm an, dass sie dort
Gerul-Nester plünderten. Und dass sie in
ihrer trutzigen Festung zurückgezogen lebten
und den Kontakt mit den Menschen scheuten.
Zumindest war es bis vor kurzem so
gewesen. Doch vor etwa zwei Monden war
eine Veränderung mit den Nosfera vor sich
gegangen. Sie waren aggressiver geworden.
Und sie verfügten plötzlich über mächtige
Zauberdinge wie kalte Fackeln und diese
röhrenden Feuerstühle, auf denen sie ritten.
Elektrischer Strom und Motorräder!
Matthew Drax verzichtete darauf, Gosseyn
diese Dinge erklären zu wollen. Aber er
fragte sich, woher die Blutsauger dieses
Wissen bezogen...
Als der langgestreckte schwarze Körper
wie eine Granate durch das Fenster in
Gosseyns Stube flog, war Matt für Sekunden
wie paralysiert.
Dem ersten maskierten Eindringling
folgten zwei weitere. Sie rollten wie Katzen
über die Dielenbretter, überschlugen sich und
waren im Nu wieder auf den Beinen, In ihren
knochigen Händen glitzerten lange
Schwertklingen, und ihre hinter den
Sehschlitzen aufleuchtenden Augen kündeten
von Blutgier und Tod. Der durch die
18
geborstenen Scheiben hereinfauchende Wind
ließ das Feuer im Kamin aufflackern, sodass
der Raum für einen Sekundenbruchteil in
gleißende Helligkeit getaucht war.
Almar, Gosseyns Sohn, reagierte als erster.
Er riss seinen Säbel hoch und sprang, von der
Wildheit der Jugend angetrieben, den
Angreifern entgegen.
Gosseyn, dessen Säbel auf dem Tisch vor
ihm lag, war für sein Alter überraschend
flink. In Gedanken
schnelle hatte er die Waffe in der Hand und
drosch zähneknirschend und mit schnellen
Hieben auf den Maskierten ein, der ihm am
nächsten war.
Auch Matt war aufgesprungen, kam aber
nicht mehr dazu, seine Pistole in Anschlag zu
bringen.
Die flache Seite einer Klinge prallte auf sein
Gelenk, und der plötzliche Schmerz führte
dazu, dass er die Automatik fallen ließ. Sein
Gegner war unglaublich schnell!
Während Matt zurückwich und einen
Schemel packte, um sich den bösartig
knurrenden Angreifer
vom Hals zu halten, fiel sein Blick durch das
zerbrochene Fenster ins Freie. Die Torflügel
der Kirche standen offen, und eine
NosferaHorde drang mit klirrendem Stahl auf
die versammelten Dörfler ein. Bei ihrem
Anblick stießen die Frauen panische Schreie
aus, liefen durcheinander und gerieten den
kämpfenden Männern ins Gehege. Die
Nosfera fielen netzeschwingend über sie her
und fingen sie ein. Sie heulten und kreischten
im Blutrausch.
Krack! Die Schwertspitze des Maskierten
drang tief in die Sitzfläche des Schemels ein.
Matt erstarrte, als die scharfe Schneide nur
wenige Zentimeter vor seiner Stirn zum
Stillstand kam. Dann erkannte er an der
verdutzten Miene seines Gegenübers, dass
dieser die Klinge nicht wieder herausziehen
konnte!
Ein heftiger Ruck und das Schwert entglitt
den Händen des Maskierten, folgte dem
Schemel quer durch den Raum und polterte
zu Boden.
Der Maskierte streckte abwehrend die
Hände aus, als Matt sich nach vorn warf und
der unheimlichen Gestalt einen Hieb in die
Magengrube verpasste.
Der Kerl taumelte zurück, während Matt
für einen Moment Übelkeit in sich aufsteigen
spürte. Es hatte sich angefühlt, als habe er in
das vertrocknete Fleisch einer Mumie
geschlagen!
Etwas stieß gegen seinen Rücken. Er
stürzte und landete schmerzhaft vor der
offenen Tür auf dem Boden. Sich
herumrollend, griffen seine Hände in Leder,
und ein totes Augenpaar starrte ihn aus
schmalen Sehschlitzen an.
Gosseyn hatte sich seines Angreifers mit
einem Hieb in den Hals entledigt und war
nun im Begriff,Almar gegen dessen Gegner
beizustehen, der ihn in eine Ecke des Raumes
getrieben hatte.
Matt stieß die Leiche von sich, rappelte
sich auf und blickte fassungslos auf das
Geschehen in der Umgebung des
Kirchplatzes. Vor den dunklen Steinwänden
wimmelte es von Nosfera, die besinnungslose
oder tote Menschen in Netzen hinter sich
herschleiften. Er glaubte plötzlich einen
starken Gestank wahrzunehmen. Sein Blick
fiel auf den erschlagenen Körper Dragos.
Die Kreaturen zogen sich zurück. Sie
schlugen die Richtung ein, die bergab führte.
Hinter Matt wurde ein unmenschlicher
Schrei laut. Als er herumfuhr, stürmte der
letzte Maskierte auf ihn zu, das schartige
Schwert zum Schlag erhoben. Offensichtlich
hatte er sich von dem Magentreffer erholt.
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Almar und Gosseyn folgten ihm mit
wutverzerrten Gesichtern dichtauf.
Matt trat zur Seite, als wollte er den
Ledermann vorbeilassen. Doch als er heran
war, wandte er den ältesten Trick der Welt
an: Er stellte ihm ein Bein.
Der Maskierte verlor die Balance und
landete bäuchlings im Dreck. Sein Schwert
wirbelte durch die Luft und bohrte sich tief in
den weichen Boden neben der Straße.
Dann war Gosseyn heran. Er hob sein
Schwert lot recht in die Luft, dann ließ er es
mit einem triumphierenden Heulen in den
Rücken der Kreatur niedersausen ...
Als Toono mit zwei Weinflaschen aus dem
Keller seines Hauses gekommen war, hatte
ihn der Schock getroffen. Das Erste, was er
sah, war sein Weib, das bleich und leblos auf
dem Boden lag. Dann gewahrte er den
vermummten Fremden, der sich schmatzend
über ihren Hals beugte. Durch die Hintertür
huschte gerade ein zweiter Eindringling. Er
schleppte seine sich heftig wehrende Tochter
Riva mit sich.
Toono taumelte, als die Erkenntnis ihn traf,
dass Tsita nicht mehr lebte. Da drehte sich
der Vermummte um und starrte ihn aus
tückischen Augen an. Toono sah, dass das
Blut seines Weibes über seine Ledermaske
herablief.
Ekel erfasste ihn. Und heilloser Zorn. Er
hob instinktiv eine der Flaschen und warf sie
mit einem brüllenden Schrei in Richtung des
schrecklichen Wesens. Sie zerschellte
klirrend hinter ihm an der Wand. Das
Ungeheuer sprang auf und kam mit
wankenden Schritten, wie ein vom Wein
Berauschter, auf Toono zu.
Toono warf die zweite Flasche. Sie
verfehlte ihr Ziel nicht, krachte mitten ins
Gesicht des Maskierten und ließ ihn
zurücktaumeln.
Toono war nicht dumm. Er wusste, dass er
waffenlos keine Chance gegen den
Blutsauger besaß.
Also trat er den Rückzug an, machte auf
dem Absatz kehrt und rannte zur Hintertür.
Es war sinnlos, den Helden zu spielen.
Er stürzte ins Freie, das Ungeheuer dicht
auf den Fersen. Er musste ins Dorf und Hilfe
holen, sonst war Riva verloren!
Toono jagte den steilen Weg hinab und
schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, Als er
sich ein Herz nahm und einen Blick zurück
warf, stellte er zu seiner Erleichterung fest,
dass der Verfolger aufgegeben hatte: Er
verschwand gerade zwischen dem Gestrüpp
und den Tannen. Irgendwo wurde das
Knattern der unheimlichen Feuerstühle laut.
Toono nahm an, dass die Schreckensgestalt
ein Versprengter war, der Angst hatte, dass
man ihn hier allein zurückließ.
Als er ins Dorf kam, packte ihn das
Grauen.
Die Häuser der Nachbarn waren finster.
Überall war der Boden voller Blut, und da
und dort lagen herrenlose Waffen. Toono
schrie angsterfüllt auf, als er drei Gestalten
erblickte, die sich ihm vom Dorf her
näherten.
Doch es waren keine Nosfera. Einer der
Männer hatte kurzes helles Haar. Das musste
dieser Maddrax sein. Toono sammelte seine
letzten Kräfte und schrie laut um Hilfe.
»Riva!«, schrie er. »Sie haben Riva! Tsita
ist tot! Oh, Wudan!«
Als Matt, Gosseyn und Almar ihn
erreichten, war er ein an Leib und Seele
gebrochener Mann. »Die Nosfera«, murmelte
er mit bleichem Gesicht. »Sie haben Tsita
umgebracht und Riva verschleppt ...« Er
begann zu weinen.
Gosseyn und Almar nahmen ihn zwischen
sich und führten ihn zum Gasthof zurück.
Almar trat hinter den Tresen und öffnete eine
Flasche Schnaps.
Gosseyn flößte dem zitternden Toono ein
Glas ein. Der Wirt schaute mit tränenverschleiertem
Blick auf.
20
»Ich war im Weinkeller«, sagte er. »Als ich
zurück kam, war Tsita tot.« Er erzählte, was
er erlebt hatte.
Matt trat derweil in die Küche, sah die
zerfleischte Kehle der pummeligen kleinen
Frau, und Übelkeit stieg in ihm auf. Ihn
schauderte, als er an Aruula dachte. Er
musste handeln, bevor sie das gleiche
Schicksal traf. Oder lebte sie schon längst
nicht mehr?
Als er in die Gaststube zurückkehrte, war
Toono am Tresen in sich zusammen
gesunken. Er schluchzte nur noch. Gosseyn
strich sich übers Kinn. Er war so bleich wie
der Tod, und sein Sohn zitterte am ganzen
Körper.
»Es sind keine Menschen«, murmelte
Almar hasserfüllt. »Man muss sie ausrotten!
Sie verdienen das Leben nicht.«
»Wir sind zu wenige«, warf Gosseyn ein.
»Vater, wir müssen ...«
Matt warf Gosseyn einen fragenden Blick
zu. Der grauhaarige Jäger zuckte die
Achseln. Er war zweifellos der gleichen
Meinung wie sein Sohn. Aber jetzt war es zu
spät. Das Dorf war fast entvölkert. Die
Nosfera hatten die Menschen in ihre schwer
bewachte Festung mitgenommen. Matt wagte
nicht daran zu denken, was sie mit den
Gefangenen anstellen würden. Ihm fiel der
Taratzenkönig Rraar ein, dessen Bau er als
vermeintlicher Gott besucht und dessen
vorwiegend aus lebenden Menschen
bestehende >Speisekammer< er inspiziert
hatte,
Irgendwo hörte er ein Kind weinen.
Gosseyn und Almar hoben den Kopf.
»Kümmert euch um das Kind«, sagte Matt.
»Und seht, ob es gibt Überlebende. Ich bin
zurück spätestens morgen Abend.«
Dann ging er mit festem Schritt in die
Nacht hinaus und marschierte den Hügel
hinab.
»Was hast du vor, Maddrax?!«, rief
Gosseyn ihm nach.
Matt gab keine Antwort.
Es war wie in einem Kampfeinsatz.
Matthew Drax, Excommander und Expilot
der Ex-US Air Force, robbte etwa zwanzig
Meter vomTor entfernt durchs Gebüsch. Sein
inzwischen nicht mehr ganz so kurzes, dafür
aber ziemlich verräterisches blondes Haar
war unter einer am Wegesrand gefundenen
Taratzenfellmütze, seine blaugrünen Augen
hinter einem Feldstecher verborgen, der auf
die am Tor herumlungernden Wächter
gerichtet war.
Eine feiste, schwarzpelzige Flegge kreiste
brummend über den Baumwipfeln und hielt
nach einem Kadaver Ausschau, in den sie
ihre Eier ablegen konnte. Dass das
überdimensionale Insekt gebärbereit war,
hatte Matt auf den ersten Blick gesehen, denn
ihr Leib war mächtig geschwollen. Er hatte
zwar keine Angst vor dem Vieh, doch er
hoffte, dass es nicht kurzsichtig war und ihn
für eine Leiche hielt; dies hätte die
Torwächter vermutlich auf ihn aufmerksam
gemacht.
Bisher hatte Matt sich recht viel auf seine
Sprachenkenntnisse eingebildet: Er sprach
recht gut Deutsch und leidlich Französisch
und verstand sogar die Berliner
Schnodderschnauze. Doch das Idiom der
Ledermänner am Tor war für ihn nur ein
kehliges Geknarze und Geknurre.
Er verharrte in seiner olivgrünen Uniform
etwa zwölf Meter vom Tor entfernt und
murmelte stumme Verwünschungen. Wie
zum Teufel sollte er es schafften, in den
Komplex einzudringen?
Im heimatlichen Riverside war es ihm als
junger Spund immer irgendwie gelungen,
sich in Kneipen einzuschleusen, die man ihm
als minderjährigen Knaben verwehrt hatte.
21
Aber in dieser Zeit und Welt war mit Dollars
leider nichts mehr zu machen. Die hiesigen
Türsteher waren unbestechlich. Vermutlich
sprachen sie nicht mal auf eine Fünfkilo-
Blutwurst an.
Irgendwo in der Nähe raschelte es
plötzlich. Matt
zog unwillkürlich den Kopf ein und hielt
die Luft an. Die Torwächter rührten sich
nicht von der Stelle. Sie hatten also nichts
gehört. Matts Blick huschte nach links und
rechts dann glaubte er, sein Herz müsse
stehen bleiben.
Sein erster Gedanke war: Almar!
Doch er hatte sich geirrt. Die etwa zehn
Schritt rechts von ihm geduckt durchs
Buschwerk schleichende Gestalt war nicht
Gosseyns impulsiver Sohn, sondern ein
junger Bursche mit wallendem, brünetten
Haar. Es wurde von einem dunkelbraunen
Stirnband zusammengehalten. Ein dünner
Schnauzbart zierte seine Oberlippe. Er war in
graubraune Felle gekleidet und trug einen
schlaffen Rucksack. An seinem Gurt hingen
in Lederscheiden in knappes Dutzend
Wurfmesser und ein Schwert. Außerdem trug
er eine Armbrust vor dem Bauch. Die Enden
kurzschaftiger Eisenpfeile ragten aus
schmalen Täschchen an seinen Oberarmen.
Wer zum Henker ist das? Der Rambo der
Zukunft? dachte Matt als der Fremde
urplötzlich verschwand.
Matthew hob den Kopf und spähte
konzentriert nach rechts. Er hatte sich nicht
geirrt Der Fremde hatte sich weder auf den
Boden gekniet noch hingeworfen. Er war im
Boden versunken.
Das Erdreich hatte ihn verschluckt!
Andererseits die Erde verschluckt keine
Menschen, dachte Matt. Es muss eine
Erklärung dafür geben ...
Von Neugier getrieben robbte er lautlos
dorthin, wo der Bursche verschwunden war.
Kurz darauf lag er vor einem Loch im
Boden. Es hatte einen Eisenrand und war
kreisrund. Und daneben, halb von Gestrüpp
verdeckt, lag ein rostiger Kanaldeckel.
Matt runzelte die Stirn und schaute in die
Kanalisation hinab. Es war dunkel dort
unten. Genau vor ihm ragten rostige
Steigeisen aus der Wand. Aus den lichtlosen
Tiefen drang der Mief der Unterwelt in seine
Nase und das hohle Hallen von Schritten an
seine Ohren. Dann ein Klangg! und ein
unterdrückter Fluch. Der in die Kanalisation
entschwundene Fremde hatte sich den Kopf
angestoßen.
Matt musste trotz des Ernstes der Situation
grinsen. Wer war der Kerl, und was wollte er
in dem Abwasserkanal? Da er nicht die
Kleidung der Nosfera trug, konnte er kaum
zu ihnen gehören. Außerdem hatte er sich vor
den Torwächtern versteckt gehalten.
Der Typ kennt sich hier aus, sagte sein
optimistisches Ich. Häng dich an seine
Fersen. Vielleicht kann er dir helfen ...
Der Typ kennt sich hier aus, erwiderte sein
pessimistisches Ich. Und wenn du da unten
bist, wird sichzeigen, dass er ein Lump oder
Mörder oder gar ein Lockvogel der Nosfera
ist, die auf diese subtile Weise lästige
Zaungäste ausschalten ...
»Dann muss ich eben doppelt vorsichtig
sein«, brummte Matt leise und tastete nach
den rostigen Steigeisen. Er vollführte auf
dem Bauch eine Drehung, schob die Beine in
den Schacht und ließ sich hinab.
Die Steigeisen waren glitschig, da von Rost
und Feuchtigkeit überzogen, aber es gelang
Matt, in dem Loch zu verschwinden, ohne
die Torwächter auf sich aufmerksam zu
machen.
Zwölf Sprossen tiefer er schätzte die Höhe
des Schachtes auf etwa fünf Meter kam er
unten an. Der Boden schien aus Beton zu
bestehen, der die Jahrhunderte fast
unbeschadet überstanden hatte. Matt schaute
sich um und bemühte sich, die Finsternis mit
Blicken zu durchdringen. In Gedanken
verfluchte er den Umstand, die
22
Taschenlampe im Notpaket gelassen zu
haben und selbiges im Dorf. Er trug
lediglich die Pistole, den Feldstecher und
sein Messer bei sich. Ach ja und das
Feuerzeug! Er holte es hervor.
Gerade als er es anknipsen wollte, vernahm
er Schritte und erspähte das Licht einer
Fackel. Sie war etwa zweihundert Meter von
ihm entfernt und erhellte den fellbekleideten
Arm, der sie hielt. Ein kalter Luftzug kam
aus der Richtung, in die sich bewegte.
Matt folgte dem Licht, ohne das Feuerzeug
zu entzünden; es hätte ihn nur verraten. Doch
er kam in der Dunkelheit langsam voran, und
plötzlich war das Licht der Fackel nicht mehr
zu sehen. Entweder hatte der Bursche, den er
verfolgte, sie gelöscht, oder was
wahrscheinlicher schien er war um eine Ecke
gebogen. Matt hielt den Atem an und
lauschte. Er konnte die Schritte des Burschen
in der Ferne hören.
Nachdem er eine halbe Minute reglos
verharrt hatte, entzündete er endlich das
Feuerzeug. In seinem flackernden Licht
wanderte durch einen geisterhaft stillen
Schacht. Rechts und links an den kahlen
Wänden stapelte sich Zivilisationsmüll:
rostige und zerdrückte Bierdosen,
Kunststoffflaschen, Plastiktüten. Offenbar
hatte dieser Kanal nach der Katastrophe als
Unterschlupf gedient. Matt schauderte
unwillkürlich, als er daran dachte, wie die
Menschen hier die Zeit nach dem
Kometeneinschlag verbracht hatten, in der
vagen Hoffnung, ihr altes Leben später
wieder aufnehmen zu können. Eine
Hoffnung, die sich nicht erfüllt hatte ...
Es knirschte unter Matthews Füßen. Als er
nach unten blickte, erhaschte er noch einen
Blick auf die
glänzenden Chitinpanzer einiger
Kakerlaken, die raschelnd Reißaus nahmen.
Matt schüttelte sich beim Anblick des
Ungeziefers. Er musste es ignorieren. Darum
bemühte, lautlos wie eine Katze zu
schleichen, versuchte er die Schritte des
Mannes zu orten, den er verfolgte. Doch der
RamboTyp war schon zu weit entfernt oder
in einen Querschacht eingebogen, in dem der
Hall nicht weit genug trug.
Wenige Minuten später spürte Matt, dass
ihn ein kalter Luftzug von links traf. Eine
Abzweigung. Hier entlang musste der
geheimnisvolle Bursche gegangen sein.
Als er um die Ecke bog, traf etwas seinen
Schädel.
Sterne blitzen vor Matts Augen auf. Ein
gepresster Schrei entrang sich seiner Kehle,
während er in die Knie ging. Das Feuerzeug
entfiel seiner Hand und erlosch. Doch für
einen Sekundenbruchteil hatte es noch den
Angreifer beleuchtet ein Bild, das sich in
Matthews Netzhäute gebrannt hatte: Das
Schwert erhoben und mit grimmiger Miene
stand er breitbeinig über ihm, bereit zum
tödlichen Schlag!
Matt verlor keine Sekunde. In seiner
knienden Haltung blieben ihm nicht viele
Möglichkeiten. So ließ er seine linke Hand
vorschnellen und packte zu.
Ein japsendes Keuchen bewies ihm, dass er
richtig gezielt hatte. Er verstärkte den Druck
um die Genitalien des Mannes noch und
führte mit der Rechten einen Uppercut in
Richtung Kinn.
Dass der Mann sich in diesem Augenblick
zusammenkrümmte, kam Matt nur entgegen
– im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Faust
erwischte ihn voll.
Der Mann sackte mit einem gequälten
Seufzen nach hinten weg. Matt ließ los und
konnte hören, wie Rambos Hinterkopf mit
dem Betonboden kollidierte. Er tastete nach
seinem Feuerzeug, fand es und ließ die
Flamme aufglühen. Gleichzeitig zückte er
die Beretta und richtete sie auf den Schädel
des Unbekannten. Er war noch bei
Bewusstsein, doch seine Miene verriet, dass
er genug hatte. Beide Männer atmeten
schwer.
23
»Wenn du bewegen, bevor ich sage«,
radebrechte Matt mit bösem Tonfall, um dem
anderen klarzumachen, dass mit ihm nicht zu
spaßen war, »bist du tot.«
»Gnade, Herr«, keuchte der Fremde.
»Gnade.« Dann hob er ruckartig den Kopf,
als sei ihm etwas aufgefallen. Er schaute
Matt verblüfft an. »Wer bist du? Du
sprichst... anders.«
»Wer bist du?«, fragte Matt.
»Man nennt mich Gholan«, sagte der junge
Mann. Er rieb sich den schmerzenden
Hinterkopf. Matt ließ ihn gewähren..
»Was du tust hier?«
»Ich ... ich suche ...« Gholan hustete und
betastete sein Kinn, das sich allmählich
rotblau färbte. »Ich suche ... meine Braut.«
»Deine Gefährtin?«, fragte Matt, der den
Begriff >Braut< nur aus dem Zusammenhang
erraten hatte. »Hier? Unter der Erde?«
Gholan nickte. »Daman hat sie geraubt.
Vor vierzehn Tagen.«
»Wer ist Daman?«, fragte Matt. Er steckte
die Automatik wieder in den Hosenbund. Er
glaubte nun nicht mehr, dass Gholan eine
Gefahr für ihn war, und wollte ihm dies auch
demonstrieren.
»Der Herr der Nosfera«, erwiderte Gholan.
»Wer bist du? Darf ich aufstehen?«
»Setz dich«, sagte Matt.
Gholan setzte sich auf und schlang die
Arme um seine Knie. Er sah ziemlich
ramponiert aus. Die Beule an seinem Kopf
schwoll zu beachtlicher Größe an. Matt
seufzte. Irgendwie tat ihm der junge Bursche
Leid. Er war höchstens achtzehn.
»Woher kommst du?«, fragte er.
»Aus Millan«, sagte Gholan. »Ich wollte
Ghita zum Weib nehmen. Wir sind einander
versprochen.«
»Verstehe«, sagte Matt. »Jetzt du willst sie
befreien.« Er kniete sich vor Gholan hin.
»Mir genau so passiert«, sagte er. »Daman
hat Aruula entführt, meine Gefährtin.«
Gholan nickte. »Ich habe den
unterirdischen Weg gestern gefunden«, sagte
er. »Es gibt eine Möglichkeit, von hier aus in
die Festung vorzustoßen!«
Als Aruula zu sich kam, war sie überzeugt,
von einem grässlichen Alptraum gequält
worden zu sein. Sie erinnerte sich nur noch
nebelhaft an das schreckliche Geschöpf, das
sie gepackt und vor sich über sein
zweirädriges Gefährt geworfen hatte.
Erst als Aruula erkannte, dass sie nicht
neben Maddrax eingeschlafen war, sondern
auf einem Strohhaufen in einem aus
Steinquadern gebauten Raum lag, drang die
Wirklichkeit langsam zu ihr durch.
Was war passiert? Hatte sie den Kampf mit
den Vermummten gar nicht geträumt? War
alles wirklich geschehen?
Furcht packte Aruula. Nackte Furcht, die
ihr den Atem abschnürte. Wo war sie hier?
Wer waren ihre Entführer? Was hatten sie
mit ihr vor?
Sie stand auf. Ihre Muskeln schmerzten.
Sie machte ein paar Schritte und ruderte mit
den Armen. Die kleine Zelle besaß nur eine
schmale Lüftungsritze hoch oben in der
Mauer, unmöglich zu erreichen.
Die Tür war verschlossen.
Maddrax war nicht bei ihr. Hatte man ihn
getötet? Und auch ihr Schwert war
verschwunden. Sie war wehrlos.
»O Wudan«, murmelte Aruula leise. »Hilf
mir und weise mir den Weg ...«
Doch Wudan antwortete nicht. Dem
gemeinen Krieger antwortete er ohnehin nie.
Baloor, der Göttersprecher hatte gesagt, dass
die Götter nicht mit jedem gewöhnlichen
Menschen sprechen konnten, weil sie dazu
24
keine Zeit hatten. Sie waren mit wichtigen
Dingen beschäftigt, denn sie gestalteten die
Welt.
Aruula hörte das Rasseln eines
Schlüsselbundes und zog sich in die äußerste
Zellenecke zurück. Unwillkürlich bedeckte
sie ihren festen Busen notdürftig mit den
Händen. Zwar hatte sie normalerweise keine
Hemmungen, halbnackt durch die Lande zu
laufen, doch jetzt fühlte sie sich verletzlich
und entblößt.
Sie kniff die Augen zusammen, als ein
Vermummter die Zelle betrat. Zwei in tiefen
Höhlen liegende Augen starrten sie gierig an.
Der Mann war so dürr wie ein Skelett und
vollständig in schwarzes Leder gekleidet. Der
modrige Geruch, den er ausströmte, ließ
ihren Magen rebellieren. Brennende Übelkeit
stieg in ihr auf.
O Wudan!
Der Vermummte rührte sich nicht. Er
stierte sie aus dunklen Augen an, und aus
seiner Kehle kamen heisere Laute. Seine
Spinnenhände fingerten aufgeregt an seiner
Kleidung herum, als wolle er sie ablegen.
Aruula musterte ihn entsetzt.
»Neet!«, schrie sie in ihrem heimischen
Dialekt. Sie stieß sich von der kalten
Steinwand ab und wollte an der unheimlichen
Gestalt vorbei stürmen.
Der Ledermann stellte ihr ein Bein. Sie
schlug der Länge nach hin und rutschte über
den Boden. Ihr Kopf prallte gegen eine
Wand, und fast wünschte sie sich, die
Besinnung zu verlieren. Doch ihr Wunsch
erfüllte sich nicht. Sekundenlang stach ein
entsetzlicher Schmerz durch ihren Kopf.
Der Ledermann baute sich breitbeinig vor
ihr auf, fletschte die Zähne und stieß ein
Fauchen aus.
Ehe Aruula einen klaren Gedanken fassen
konnte, waren seine Spießgesellen zur Stelle.
Harte Hände packten sie und rissen sie brutal
hoch. Modergeruch drang von allen Seiten
auf sie ein. Neuer Ekel übermannte sie. Ihre
Beine gaben nach.
Ein Schrei drang an ihre Ohren. Die Meute
teilte sich, als eine kleinere Gestalt
auftauchte. Auch sie war in Leder gekleidet,
doch auf dem Kopf trug sie eine schwarze
Kapuze, die ihr Gesicht im Dunkeln ließ. Die
Gestalt hielt eine kurze Peitsche in der
Rechten. Damit drosch sie auf Aruulas
Peiniger ein und stieß eine Flut von Worten
hervor, die die Barbarin nicht verstand.
Die Ledermänner schützten sich vor den
Peitschenhieben, indem sie die Arme vors
Gesicht hoben, aber es half ihnen wenig. Sie
bekamen ihre Strafe und eilten wimmernd
davon.
Nur zwei Männer blieben zurück der
Unheimliche mit der Kapuze und eine
untersetzte Gestalt mit schwarzen Augen, in
denen Aruula zu ihrem Erstaunen Furcht
gewahrte. Auf der Stirn seiner Kopfmaske
war ein kreisförmiges Symbol zu sehen. Der
Peitschenmann verbeugte sich vor Aruula,
und als ihr Blick auf seine Finger fiel,
erkannte sie, dass er in dieser Gegend fremd
sein musste. Seine Haut war hell, und seine
Hände sahen nicht so aus, als hätten sie
jemals im Leben harte Arbeit verrichtet.
Aruula war überzeugt, dass sie es mit dem
Häuptling der Maskierten zu tun hatte. Doch
wer war der andere, der mit dem Kreis auf
der Stirn? Der Schamane der Horde?
»Verzeih die perverse Gier meiner
Untertanen«, sagte der Häuptling zwar in der
Sprache der Millani, welche der der
Wandernden Völker sehr ähnlich war, doch
mit einer Stimme, die trotzdem irgendwie
fremd und so ölig und glatt war, dass in
Aruulas Kopf eine lautlose Stimme Gefahr!
brüllte. »Haben sie dir etwas angetan?«
Aruula schüttelte stumm den Kopf.
»Ich bin Jacobo«, fuhr der Häuptling fort.
Er deutete auf seinen Begleiter. »Und das ist
Daman, mein Lakai.« Er lachte schmutzig,
und Daman zuckte zusammen.
25
»Wer seid ihr?«, fragte Aruula, darum
bemüht, ihrer Stimme einen festen Klang zu
geben. »Weshalb verbergt ihr eure
Gesichter?«
»Ich bin der Herr der Festung und der
Stadt«, sagte Jacobo. »Daman ist ein
Niemand.« Er wickelte die Peitsche um seine
rechte Hand. »Bald werde ich der Herr dieses
Landes sein und später dieser ganzen Welt!«
Aruula kam zwar aus einfachen
Verhältnissen, und ihr Geist war durch
keinerlei Bildung verdorben, aber Kranke
erkannte sie auf den ersten Blick.
Auch in ihrer Horde hatte es einen Kranken
gegeben: Muulda. Er hatte an nebligen Tagen
fortwährend fliegende Suppenschüsseln am
Himmel gesehen und zu ihrem Ruhme
göttliche Gesänge angestimmt. Baloor hatte
ihr und den anderen geraten, Muulda nicht zu
verlachen, sondern ihm tunlichst in allen
Dingen Recht zu geben, damit er nicht
ausfallend wurde.
Und so nickte sie auch diesmal und sagte:
»Ich danke dir für deine Hilfe, Herr der
Welt.«
Dann fügte sie hinzu: »Wirst du mich zu
meinem Gefährten zurückkehren lassen?«
Jacobo kicherte unter seiner Kapuze.
»Dies«, erwiderte er, »ist leider
unmöglich.« Obwohl sie es nicht sehen
konnte, wusste Aruula, dass er sie aus
stechenden Augen musterte. Dazu brauchte
sie nicht einmal ihre telepathischen
Fähigkeiten zu bemühen.
»Mein genialer Geist«, fuhr der
Wahnsinnige fort »hat einen Plan erdacht, in
dem du eine tragende Rolle spielen wirst.«
Er holte tief Luft.
»Denn es ist der Zeitpunkt gekommen, an
dem ich meine Herrschaft ausdehne!«,
erklärte er im Brustton der Überzeugung.
Aruula verstand zwar nicht aber die
Aussicht, weiterhin in der Gewalt des Irren
zu bleiben, jagte ihr Schrecken ein.
»Und welche Rolle wird das sein?« Sie
presste sich noch fester an die Wand. Das
Gestein in ihrem Rücken war eiskalt.
»Ich brauche dich für einen Versuch, mein
hübsches Kind«, erwiderte Jacobo. »Ein
Experiment, das meine treuen Nosfera
befähigen wird ...« Seine weiteren Worte
gingen in einem undeutlichen Genuschel
unter. Er blickte zur Decke, zuckte
zusammen, heulte auf, als hätte ihn jemand
getreten, und schlug mit beiden Händen auf
einen unsichtbaren Gegner ein. Dann
beruhigte er sich schlagartig wieder und stieß
einen heiseren Befehl aus.
Zwei Vermummte erschienen, packten
Aruula rechts und links und schleiften sie mit
sich.
Es roch nach Fäulnis und Verfall.
Aufgewirbelter Staub legte sich auf Mund
und Nase der Barbarin und verursachte einen
Hustenanfall.
Aruula wurde viele abgetretene Stufen
hinauf gezerrt. Man führte sie durch einen
weiteren Gang und stieß sie in einen Raum,
der bis auf ein muffiges Strohlager leer war.
Hier gab es zwar ein Fenster, aber es lag so
hoch, dass jeder Fluchtversuch aussichtslos
war. Aruula sah mehrere Türen, die in
Nebenräume führten. In einem Kamin
brannte ein kleines Feuer.
»Du bist nicht allein hier«, sagte Jacobo. Er
deutete auf die Türen, dann scheuchte er
Daman und seine Helfer mit einer herrischen
Handbewegung auf den Gang hinaus. »Hier
sind viele Weiber, aber sie sind schlechtes
Zuchtmaterial.«
Er lachte, und Aruula fragte sich, was er
mit Zuchtmaterial meinte.
»Eine hat den Verstand verloren, als sie
von meinem Plan erfuhr. Eine andere hat sich
in den Hof gestürzt.« Jacobo schnaubte
höhnisch. »Bauerntrampel allesamt.« Sein
Blick richtete sich auf Aruula. »Bei dir sieht
man gleich, dass du Klasse hast. Du wirst
26
eine prächtige Zuchtmutter für meine
Nosfera abgeben.«
Du bist krank! schrie es in Aruula. Es hätte
nicht viel gefehlt, und sie hätte sich trotz der
Gefahr auf Jacobo gestürzt. Sie hatte nicht
die Absicht, sich mitden schrecklichen
Ledermännern zu paaren. Eher würde sie
sterben.
Jacobo zuckte plötzlich wie unter einem
Peitschenhieb zusammen. Seine Hand krallte
sich um den Griff der Peitsche.
»Schau sie dir an, diese scheußlichen
Ungeheuer«, fauchte er und deutete auf die
draußen wartenden Wachen. »Was sind sie?
Menschen? Dämonen? Ausgeburten
abgrundtiefer Perversion? Ein Fall für die
Schulmedizin? Stammen sie geradewegs aus
der Hölle? Oder sind sie das Produkt einer
strahlungsbedingten Mutation?«
Aruula kannte keine Schulmedizin. Sie
konnte auch mit dem Begriff
>strahlungsbedingte Mutation< nichts
anfangen. Aber sie wusste, dass der Mann
mit der Kapuze nicht bei Sinnen war. Sie
erkannte es an seinem hysterischen Lachen.
Bevor sie eine Frage stellen konnte,
kreischte Jacobo: »Aus der Hölle? Nein,
nein! Du wirst die Wahrheit bald erfahren,
Kleine! Aber dein Wissen wird dir nichts
nutzen!« Und wieder schlug er unter
brüllendem Gelächter auf einen imaginären
Gegner ein, bis Daman den Raum betrat und
ihn in seiner knarzenden Sprache etwas
fragte.
»Ah, die Pest!«, schrie Jacobo. Er fuhr
herum, und Aruula sah einen schwarzen Stab
in seiner Rechten, der sie an Maddrax‘
merkwürdige Laterne erinnerte. Er richtete
ihn auf Daman, der entsetzte Kehllaute
ausstieß und schützend die Arme hochriss.
Mit einem lauten Knistern sprangen dünne
weißlaue Blitze aus Jacobos Hand. Sie trafen
Daman vordie Brust, und er flog, wie von
einer Faust gestoßen, nach hinten und prallte
mit dem Rücken gegen die Wand.
Jacobo wandte sich zu Aruula um, die
schreckensbleich an den Rand des
Strohlagers zurückgewichen war. »Sie sind
nicht perfekt«, rasselte Jacobo, und weißer
Schaum flockte von seinen Lippen. »Aber
ich werde sie perfekt machen! Und du wirst
ihre Mutter sein!«
Matt starrte angestrengt in das dicke Rohr
hinein, das aus der rechten Seite des
Kanalschachtes ragte. Ein merkwürdiges
Schleifen hatte seine Neugier erregt. Zuerst
bemerkte er nur einen Gestank, der so
entsetzlich war, dass es ihm beinahe den
Magen umdrehte. Dann hörte er ein
Schmatzen, als arbeite sich eine
schwerfällige plumpe Masse über glatten
Untergrund auf ihn zu.
Als er das Feuerzeug anknipste und in das
Rohr hinein leuchtete, sträubten sich ihm die
Nacken haare. Er hatte sich nicht getäuscht.
Auch Gholans Augen weiteten sich in
Entsetzen. Vor ihnen tauchte im Lichtstrahl
etwas auf. Matt warf nur einen kurzen Blick
auf das Ungeheuer, dann packte er Gholan
am Kragen und rannte wie von Furien
gehetzt weiter den Schacht entlang.
»Grauenhaft!«, stöhnte Gholan, als sie
hundert Meter weiter schnaufend eine Pause
einlegten. »Was ist das für ein Ungeheuer,
Maddrax?«
Matt konnte darauf nichts antworten. Die
Kreatur hatte wie eine bizarre Mischung aus
einer Schnecke
und einem Hai ausgesehen. Der Teufel
mochte wissen, welche Mutationen noch hier
unten hausten.
»Ich nicht weiß, was es ist, Gholan«, sagte
er schließlich. »Aber es wird uns nicht
erwischen, weil es langsam.« Er schaute sich
27
um. »Ich vorschlage, wir setzen unsere Suche
fort nach Weg in die Festung.«
Gholan nickte. Er war leichenblass. Matt
sah im Schein des Feuerzeugs, dass sein
Gesicht von einer Gänsehaut überzogen war.
Er warf einen Blick zum Rohr zurück. Das
schleimige, pulsierende Ding schob sich
gerade ins Freie. Vier armdicke Fühler
tasteten neugierig in der Gegend umher. So
viel zum Thema Langsamkeit
Gholan würgte. Dann fühlte er sich von
Matt am Ärmel gezerrt und rannte hinter ihm
her.
Nach kurzer Zeit stießen sie auf drei
glitschige Treppenstufen, die nach oben
führten. Sie gelangten durch einen Einstieg in
einen kargen Raum undwarfen mit vereinten
Kräften die hölzerne Luke hinter sich zu.
Gholan tastete nach dem Riegel und sicherte
sie. »Hoffentlich haben wir keinen Fehler
gemacht!«, stieß er hervor. »Jetzt sitzen wir
fest!«
Matt sah sich in dem von schummriger
Helligkeit erfüllten quadratischen Raum um.
Die Wände bestanden aus groben, mit hellem
Lehm verputzten Mauern und wurden von
einer weiteren Holztür unterbrochen. Es gab
keine Fenster; nur an der gut fünf Meter
hohen Decke erspähte er eine Öffnung, aus
der auch das fahle Licht drang.
Auf dem Lehm waren Bilder aufgemalt,
fast wie die Höhlenzeichnungen von
Urmenschen, aber detaillierter. Matthew trat
neugierig näher, entzündete das Feuerzeug
und betrachtete die Darstellungen. Er sah
schreckliche Szenen vom Treiben der
Nosfera: eine schaurige Prozession, die halb
nackte, ängstliche Menschen durch Ruinen
führte. Sie trugen Eisenhalsbänder, an denen
Ketten hingen. Vermummte hielten sie fest
Auf dem nächsten Bild bewegte sich die
Prozession auf den Dom zu, wo ein
Hohepriester mit totenschädelähnlichen
Gesichtszügen sie mit ausgebreiteten Armen
erwartete. Das dritte Bild zeigte eine Art
Messe. Eine berauschte Menge umtanzte in
Käfigen hockende Menschen, Man stach auf
die Gefangenen ein, die in ihrem Blut lagen
und verzweifelt den Klingen auszuweichen
versuchten. Der Hohepriester schlug in
vampirischer Gier seine Zähne in den Hals
eines Opfers.
Ein schleifendes Geräusch ließ Matt und
Gholan zusammenfahren. Dann vernahmen
sie ein Quietschen, als werde irgendwo eine
Tür geöffnet. Sie schauten sich an. Schritte
wurden laut, die sich zuerst näherten und
dann wieder entfernten. Matt hörte ein leises
Weinen.
»Was ist das?«, flüsterte Gholan. Er hob
seine Armbrust. Das flackernde Licht des
Feuerzeugs wanderte umher und beleuchtete
an der gegenüberliegenden Wand eine
Holztür. Matt zweifelte nicht daran, dass die
Geräusche von dort gekommen waren.
Aruula?
Er baute sich vor der Tür auf und packte
die Klinke. Die Türe war völlig verrottet. Die
Scharniere brachen, als Matt an ihr zerrte.
Die Tür fiel in den Raum und wirbelte eine
Dreckwolke auf.
Ein Schrei, der ihnen das Blut in den Adern
gefrieren ließ, drang zu ihnen.
»Riva!«, rief Matt.
Toonos Tochter stand nicht weit entfernt in
einem schmutzigen Kellergang und rang mit
einer dunklen Gestalt. Als sie abermals um
Hilfe schrie, warf Matt sich nach vorn.
Riva versuchte sich aus den Klauen der
hageren Gestalt zu befreien, deren Gesicht
Matt nicht sah, Der Vermummte stieß
widerliche Laute aus, als er Matt und Gholan
gewahrte. Er ließ Riva augenblicklich los.
Ihre Kleider waren zerfetzt. Sie sank auf den
schmutzigen Boden. Ihr Häscher wandte sich
fauchend den Eindringlingen zu und griff
nach seinem Schwert.
»Gholan!«, schrie Matt. »Schieß!«
Gholan reagierte mit der Präzision eines
Scharfschützen. Seine Armbrust zuckte hoch.
28
Plong! Der Bolzen raste durch die Luft und
schlug in die Brust des Vermummten, drang
aber nicht tief genug ein. Der Ledermann
wurde in seinen Bewegungen kaum
gehemmt. Schon sirrte seine Klinge durch die
Luft.
Gholan stieß eine Verwünschung aus, legte
den nächsten Bolzenpfeil ein und feuerte ihn
ab. Er bohrte sich in den Oberschenkel der
Bestie.
Matt nutzte den Augenblick, um Rivas Arm
zu packen und sie aus der Gefahrenzone zu
reißen. Schon legte Gholan den dritten
Bolzen auf die Waffe.
Der Vermummte wandte sich zur Flucht,
und so traf der Bolzen seinen Rücken.
Diesmal verschwand er fast zur Gänze im
Körper des Nosfera. Die Gestalt stieß ein
Gurgeln aus, lief noch ein paar Schritte
weiter und stürzte dann zu Boden.
»Maddrax?« Riva sprang ihn an wie ein
Kind und schlang die Arme um seinen Hals.
»Bei Wudan, wie froh ich bin, dich zu
sehen!« Sie brach in Tränen aus. »Oh, es ist
schrecklich hier! Ich wollte fliehen, aber ...«
Sie deutete auf die am Boden liegende
Gestalt. »Sie können Menschen riechen!« Sie
wies auf ihren Hals. »Er wollte mich
beißen!« Matt löste behutsam ihre Arme von
sich. »Erzähl, was du gesehen«, sagte er.
»Wo sind andere Gefangene?«
Riva erzählte ihm alles von Anfang an. Sie
hatte im Haus ihrer Eltern geschlafen, als ein
Klirren sie weckte. Sie war aus dem Bett
gesprungen, um aus dem Fenster zu schauen.
Da hatte jemand sie gepackt und war mit ihr
die Treppe hinabgesprungen. Sie hatte ihre
Mutter leblos auf dem Boden liegen sehen,
und ihr Vater war aus dem Haus gerannt. Ein
Vermummter hatte ihn verfolgt.
Dann hatte Riva die Besinnung verloren.
Als sie aufgewacht war, hatte jemand sie
durch finstere Gänge getragen. Ihr war klar
geworden, dass sie sich in der Festung
befand. Sie war in einem Verlies gelandet.
»Dort war ich eine Nacht und einen Tag.
Dann wollte man mich nach oben bringen.
Da bin ich ausgerissen.« Ihre Nerven gaben
nach. Sie fing haltlos an zu schluchzen. »Ein
Mensch ist auch hier. Ich habe ihn gesehen.
Ich glaube, er beherrscht die Nosfera.« Sie
verbarg das Gesicht in den Händen.
»Ein Mensch?«, fragte Matt überrascht. Er
schaute Gholan an, »Was das bedeutet?«
»Die Nosfera sind keine Menschen«, sagte
Gholan.
»Keine Menschen?«, echote Matt. »Was
denn sonst?«
Gholan errötete. »Ich ... weiß nicht.« Er
schluckte nervös, dann deutete er zu Boden.
»Manche sagen, sie kommen aus der Tiefe.
Aus der Unterwelt.«
»Wir müssen weg von hier!«, drängte Riva.
»Sie werden nach mir suchen!«
Matt warf Gholan einen Blick zu. Sie
wussten beide, dass ihnen nur ein Ausweg
blieb: über den Leichnam des Vermummten
hinweg über eine nach oben führende
Treppe. Auf der anderen Seite wartete die
Riesenschnecke auf sie.
Matt legte den Arm um Rivas Schultern
und zog sie mit. Gholan folgte ihnen auf dem
Fuße.
Eine ganze Weile kamen sie unbehelligt
voran. Sie folgten einer Wendeltreppe zwei
oder drei Stockwerke hinauf, bis sie an ein
Fenster gelangten. Als Matt hindurch
schaute, gewahrte er auf einem unter ihm
liegenden Hof mehrere Nosfera, die um ein
knisterndes Feuer herum standen und sich
wärmten. Den Kerlen schien fortwährend kalt
zu sein. Von ihren Opfern war nichts zu
sehen,
»Sie können uns riechen«, hauchte Riva
aufgeregt. »Bei Wudan, wir müssen hier
raus!«
»An dem Ungeheuer kommen wir aber
nicht vorbei«, sagte Gholan und deutete zur
Treppe hinunter. »Es bewacht die Tür.«
Riva schauderte. »Welches Ungeheuer?«
29
Matt warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.
Es wäre nicht nötig gewesen, das Mädchen
zusätzlich zu ängstigen. »Eine Art
Schnecke«, sagte er. »Aber nicht sorgen; wir
haben sie ausgesperrt.«
Es machte nicht den Eindruck, als würden
seine Worte Riva beruhigen. Aber das musste
jetzt seine geringste Sorge sein. Vorrangig
war, erst die Gefangenen und damit auch
Aruula und dann einen Fluchtweg aus dieser
Festung zu finden.
»Weiter!«, kommandierte er.
Im Hof wurden jetzt Befehle laut. Sie traten
vom Fenster zurück und stiegen die Treppe
weiter hinauf, bis sie einen Dachboden
erreichten – einen riesigen Raum, in dem sich
allerlei Gerümpel stapelte. Matt suchte mit
geschmälten Augen nach Dachfenstern.
Schließlich fand er eines. Er musste sich auf
eine Kiste stellen, um es zu öffnen.
So weit das Auge reichte, erstreckten sich
ringsum flache Dächer. Matt zog sich hinauf
und hielt nach dem Wachtposten Ausschau,
aber der war nicht zu sehen.
»Keine Angst, Riva«, flüsterte er durch das
Fenster hinab und streckte einen Arm zu ihr
hinunter.
Riva folgte ihm. Sie zitterte vor Furcht,
aber sie schaffte es. Gholan kam als
Nächster. Er reichte Matt zuerst die Armbrust
und kletterte dann hinauf.
Ein kalter Wind wehte. Der Regen hatte
aufgehört; am Himmel zeigten sich
wolkenlose Stellen. Matt betrachtete das
glitzernde Sternenzelt und dachte an Aruula.
Er konnte die Festung doch nicht verlassen,
bevor er sie gefunden hatte! Außerdem war
auch Gholans Braut bei den Gefangenen.
Matt wunderte sich, dass sein Begleiter sie
noch nicht wieder erwähnt hatte. Sie war
doch der Grund dafür, dass er sich in die
Festung geschlichen hatte.
Sie marschierten in Richtung Osten, fort
von der Seite, unter der sich der
Kanalschacht befand, und mit jedem Schritt
wurde das Gefühl in Matt stärker, seine
Gefährtin im Stich zu lassen.
Sein Dilemma sollte nicht lange währen.
Nach etwa zwanzig Metern gab plötzlich
schlagartig der Boden unter ihm nach! Erst
eine Sekunde später hörte er das Knirschen
morscher Bretter. Es gelang ihm noch, einen
Aufschrei zu unterdrücken, dann sauste er
durch das entstandene Loch in die
nachtschwarze Tiefe, schlug irgendwo mit
dem Kopf auf und verlor die Besinnung.
Der Mond stand tief und warf die Schatten
der Bäume über das gelbbraune Wasser des
Olanya. Eine trächtige Flegge zog mit
Gebrumm über dem versumpften Fluss ihre
Kreise. Sie war eine Elle lang, und ihr
scharfer Blick suchte die Umgebung ab. Sie
war auf warmes Aas aus und wollte ihre Eier
ablegen, damit die Madenbrut sich später
davon ernähren konnte.
Daman stand am Fenster und rieb sich den
schmerzenden Schädel. Die Nachwirkungen
des Blitzes peinigten ihn, als er die Flegge
vom obersten Stock der Festung aus
beobachtete, und er schüttelte sich, als sie auf
das Ufer des sumpfigen Flusses zuflog. Sie
hatte eine verendete Jungtaratze erspäht, an
deren Kadaver eine drei Meter lange
Androne nagte. Doch Fleggen waren
Andronen unterlegen, da ihre Kiefer deren
Chitinpanzer nicht durchdringen konnten.
Außerdem waren sie dumm. Als sie sich
auf der Taratze niederlassen wollte, zuckte
die riesenhafte Flugameise hoch und biss ihr
in den Kopf.
Daman seufzte. Er fühlte sich irgendwie
mit dem Insekt verwandt.
30
Dank seines väterlichen Erbes, das sich
über Millan und das Umland erstreckte, hatte
er ein Leben lang genug zu saugen gehabt.
Doch seit die Gerul-Pest in diesem
Landstrich wütete, hatte sich alles verändert.
Über die Hälfte seiner Leute waren ständig
unterwegs, um in anderen Gebieten Beute zu
machen, und die vor über zwei Monden
erfolgte Machtübernahme durch Jacobo trug
auch nicht zu seinem Wohlbefinden bei.
Jacobo ließ keine Gelegenheit aus, ihn mit
seinem schrecklichen Blitz vor den Augen
seines Volks zu erniedrigen.
Er hatte ihn zu einem bloßen Lakai
gemacht. Und auch das nur, weil er auf seine
Kenntnisse angewiesen war. Doch
mittlerweile beherrschte Jacobo neben der
Sprache der Millani auch das höchst
komplizierte Idiom der Nosfera so gut, dass
er sich mit seinen Untertanen verständigen
konnte. Momentan gab Daman seine Befehle
zwar noch weiter, aber irgendwann würde
auch dies nicht mehr nötig oder Jacobo zu
lästig sein.
Der fremde Herrscher lernte schnell, sehr
schnell. Er war aus dem eisigen Norden
gekommen, aus dem Land hinter den Bergen,
in dem die schrecklichsten Götter hausten. Er
war vermutlich ihr Sendbote, und seine Pläne
waren Daman nicht geheuer.
Er hatte neue Sitten eingeführt: Die Nosfera
mussten so genannte >Ziffern< auf der
Kopfhaube tragen, damit Jacobo sie
unterscheiden konnte. Früher hat ten Damans
Krieger die Millani nur in Notzeiten gejagt,
wenn die Beute an Gerulen schlecht gewesen
war. Nun ließ Jacobo die Einwohner zu
Dutzenden in die Festung bringen, um sie als
Sklaven zu verkaufen.
Außerdem hatte er Kuriere in alle
Windrichtungen ausgesandt, um bei anderen
Stämmen seltene Essenzen zu kaufen, die er
angeblich brauchte, um sein Volk zu
verbessern. Er hatte angekündigt, niemand
müsse mehr wegen Blutmangels sterben,
wenn er mit Hilfe dieser Kräuter ein Serum
fabrizieren könne was immer das auch sein
mochte.
Wie es schien, hatte er Glück gehabt. Erst
vor vier Tagen war ein Kurier aus dem
eiskalten Suizza zurückgekehrt und hatte
berichtet, dass eines der Bergvölker sich auf
einen Handel eingelassen hatte: Sie wollten
die gesuchten Essenzen gegen fünfzig
Sklaven eintauschen, wovon die Hälfte
gesunde junge Maiden sein sollten.
Daman waren Jacobos Ziele nicht ganz
klar. Er verstand nicht, was er mit verbessern
meinte. Er verstand auch nicht, wieso Jacobo
glaubte, ein Zaubertrank könne eine
Urmutter hervorbringen, deren Kinder
niemals starben. Er wusste nur eins: Er stand
Jacobo im Weg. Er würde bald den Weg
allen Verdaulichen gehen. Und dazu hatte er
keine rechte Lust.
Er hatte Millan von seinem Vater
übernommen, wie es Sitte war. Sein Vater
hatte die Stadt und ihre Bewohner von
seinem Vater geerbt, wie dieser zuvor von
seinem und so fort: seit zwölf Generationen,
seit der Katastrophe, als der Zorn der Götter
flammenspeiend über die Welt gekommen
war.
Vor zweieinhalb Monden hatten Damans
Krieger Jacobo bei einem Beutezug in den
Bergen in einem Gerul-Nest gefunden. Dort
war er auf seiner Reise zu den Menschen
gestrandet. Die Krieger hatten sich an der
Gerul-Brut gütlich getan und sich dann auf
Jacobo gestürzt, ohne zu ahnen, dass er ein
Sendbote der finsteren Götter war.
Er hatte sie mit Blitzen bezwungen, die aus
seiner Hand kamen, und ihnen furchtbare
Schmerzen zugefügt. Sie hatten sich ihm
unterwerfen müssen und ihn in die Festung
geführt. Seither war er der starke Mann und
versprach allen das ewige Leben. Einzelne
Widerstände hatte er mit der Gewalt seiner
göttlichen Blitze niedergeschlagen. Nun
wagte niemand mehr, ihm zu widersprechen.
31
Auch Daman nicht, der sich nach der letzten
Bestrafung glücklich schätzen durfte,
überhaupt noch am Leben zu sein. Aber wie
lange noch im Gegensatz zu der Flegge, die
ihre Dummheit gerade mit dem Leben
bezahlte. Daman schaute fröstelnd zu, als sie,
halb im Maul der Androne steckend, ihren
trächtigen Leib auf dem Taratzenkadaver
entleerte. Ihre klebrigen Eier waren nicht nur
für das Chitinungeheuer eine Delikatesse.
Daman wandte den Blick von dem toten
Insekt ab und ließ ihn über die Türme der
alten Stadt schweifen. Er wusste aufgrund
der Überlieferungen, dass sie vor der
Katastrophe Milyano geheißen hatte. Sie lag
in einer Nordprovinz des untergegangenen
Reiches Ittalya.
Vom Glanz der Metropole war außer dem
marmornen Domo, den Götzenhäusern und
dem Teatro, in dem die Herrscher früher
schrillen Gesängen gelauscht hatten, nichts
übrig. Da und dort ragten hohle Türme mit
leeren Fensterhöhlen auf.
So hohl wie die Türme fühlte sich auch
Daman, der längst keine Macht mehr hatte.
Er musste etwas unternehmen. Er musste
Jacobo stürzen. Er musste ihn töten. In einem
Moment, da er unachtsam war. In letzter Zeit
war er immer öfter unachtsam. Zum Beispiel,
wenn er gegen unsichtbare Dämonen
kämpfte. Wenn er die Augen verdrehte und
mit der wirren Zunge sprach, die den
Sendboten der finsteren Götter zueigen war.
Doch er musste ihn allein stellen. Er konnte
seinen Untertanen nicht mehr trauen. Jacobos
Versprechen, ihnen das ewige Leben zu
schenken, hatte sie wankelmütig gemacht.
Sie beachteten argwöhnisch jeden Schritt,
den Daman machte. Jacobo war ihr Erlöser.
Daman fuhr herum. Sein Blick wanderte
durch seine karge Behausung und blieb an
den vielen
Messern hängen, die in ledernen Scheiden an
der Wand hingen. Auch sie waren ein Erbteil
seines Vaters.
Er vergaß die tote Flegge und die gefräßige
Androne und schlich lautlos wie eine Taratze
an die Waffen heran. Der blinkende Stahl
war uralt. Die Klingen waren schartig, aber
sie lagen gut in der Hand. Er nahm eine
mittelgroße an sich und prüfte ihre Schärfe.
Ja, gut. Er malte sich aus, wie sie sich in
Jacobos Hals bohrte, hörte schon das
Knirschen, das erklingen würde, wenn er sie
in seinem Fleisch herumdrehte.
Sein Geist war voller Hass. Er war fest
entschlossen, um sein Erbe zu kämpfen.
He‘s a real nowhere man, sitting in his
nowhere land, making all his nowhere
plansfor nobody ...
Commander Matthew Drax hatte die
Stimme John Lennons seit Monaten nicht
mehr gehört, deshalb überraschte es ihn, dass
sie ihn an diesem Morgen weckte. Er öffnete
ein Auge, um den Wecker mit Blicken zu
erdolchen. Aber da war kein Wecker. Er lag
auch nicht im Fliegerhorst Köpenick in
seinem Bett, sondern in einem übel
riechenden, schmutzstarrenden und eiskalten
Raum auf dem Boden.
Über ihn beugte sich eine haarige Gestalt,
die einwandfrei nicht John Lennon war. Falls
sie überhaupt je Musik gemacht hatte, dann
wahrscheinlich bei den Pretty Things. Der
Typ sah aus wie Viv Prince. Neben ihm
kniete Riva, Toonos Tochter. Beide wirkten
blass und ängstlich.
»Maddrax?«, hauchte Gholan.
Schlagartig fiel ihm alles wieder ein. Er
betastete seinen pulsierenden Schädel. Durch
ein Fenster fiel graues Licht. Es schien
bereits zu tagen.
32
»Wie lange war ich weg?«, fragte er auf
Englisch, und als Gholan verständnislos
dreinschaute, wiederholte er die Frage so gut
es ging in der Sprache der Wandernden
Völker.
Gholans Miene erhellte sich nicht
wesentlich. »Weg?«, echote er.
»Ohne Besinnung.«
Aber natürlich kannte der brave Junge vom
Land keine Uhrzeiten. Matt gab es auf. Er
schätzte, dass er um die vier Stunden
flachgelegen hatte, wenn nicht länger.
Im Dach war ein Loch. Zum Glück befand
es sich dicht am Rand der mit zahlreichen
Latten benagelten Wand, sodass Gholan und
Riva an ihnen hatten heruntersteigen können.
Es war eine Art Wohnraum.
Na ja, nicht gerade das Waldorf-Astoria,
aber immerhin.
Der Bewohner schien glücklicherweise
gerade Wache zu schieben. Vielleicht nahm
er auch an einer Blutsauger-Expedition teil.
Jedenfalls konnten sie hier nicht bleiben.
»Ich habe die Gegend erkundet«, sagte
Gholan und deutete mit seiner Armbrust
eifrig zu Boden. »Hier sind viele leere
Räume ... große Räume ... riesengroße
Räume.« Er legte die Armbrust hin und
breitete die Arme aus, um Matt zu zeigen,
wie groß die Räume waren.
Matthew war beeindruckt.
»Und da unten sind Keller«, fuhr Gholan
fort. »Große Keller ...«
»Riesengroße Keller?«, fragte Matt.
»Sie sind eher von mäßiger Größe«,
erwiderte Gholan. Dann leuchteten seine
Augen auf. »Aber ich habe einen Ausgang
gefunden, der in den großen Schacht mündet,
in dem wir ganz am Anfang waren.« Er
wurde geradezu enthusiastisch. »Nicht da,
wo die Schnecke ist. In der anderen
Richtung.«
»Fein«, sagte Matt. »Dann wir gehen jetzt
dorthin und schleichen ins Freie. Wir müssen
Riva zu ihrem Vater bringen.«
»Er lebt noch?«, sagte Riva erfreut »Wudan
sei Dank!«
Sie sammelten ihre Waffen ein und setzten
sich in Bewegung. Gholan ging voraus. Im
Korridor vor der Tür der Unterkunft war die
Wand ins Nebenhaus durchbrochen worden,
und wie Matt bald darauf mit eigenen Augen
sah und aus Gholans Mund hörte, bestand die
ganze Festung offenbar aus Wohn und
Geschäftshäusern.
Kurz darauf durchquerten sie die marmorne
Halle einer Bank. Eine rostige Tresortür trug
die eingravierte Aufschrift Banco Nazionale.
Sie stand sperrangelweit offen. Der Tresor
diente als Lagerraum; in ihm stapelten sich
Säcke, Kisten und Plastikflaschen.
Sie kamen auch, wie Matt aus der kulturell
wertvollen Wandbemalung schloss, durch
eine ehemalige Stadtbibliothek. Die in
früheren Zeiten hier gehorteten Bücher
mussten in dem Jahrhunderte währenden
Winter, der dem Kometeneinschlag gefolgt
war, zum Anzünden der Feuer benutzt
worden sein, denn die Metallregale waren
leer.
Je weiter sie gingen, desto deutlicher
wurde, dass die Häuser des Festungsblocks
auf sämtlichen Etagen miteinander
verbunden waren. Sie bildeten ein gewaltiges
Labyrinth, in dem man ausgezeichnet und
ungesehen umherschleichen konnte. Matt
nahm sich fest vor, nach der Ablieferung
Rivas mit Gholan sofort hierher
zurückzukehren und Aruula und die Braut
seines Begleiters zu suchen. Vielleicht
konnte er auch Gosseyn bewegen, sich ihnen
anzuschließen. Er würde sich nach dem Tod
seiner Gattin sicher an den Nosfera rächen
wollen.
Kurz vor der Kellertreppe, die laut Gholan
in den Kanalschacht mündete, wurden vor
ihnen Schritte laut. Matt öffnete schnell eine
Tür zu den Bibliotheksräumen und drängte
Riva hinein. Gholan folgte ihnen auf dem
Fuße.
33
Es überraschte Matt nicht schlecht als sein
Blick auf einen Marmoraltar fiel. Der Raum
wurde von zahllosen Pechfackeln an den
Wänden erhellt Sie befanden sich in einem
alten Veranstaltungsaal der Bibliothek. Links
neben der Tür hing ein mottenzerfressener
schwerer Wandteppich herunter. Matt warf
einen Blick dahinter und stellte fest dass er
dazu diente, einen stark ramponierten Teil
des Saals vom Rest abzuteilen.
Sie mussten sich beeilen; die Schritte
kamen näher. Matt schob Riva vor sich her
und nickte Gholan zu. Sekunden später
waren sie hinter dem Teppich verschwunden
und hielten den Atem an.
Je näher Daman dem Blutsaal kam, desto
mehr schwitzte er, denn er glaubte, Jacobo
und die anderen mussten ihm seine
Mordgedanken ansehen.
Mit hämmernden Schläfen folgte er den
anderen. Der Trupp ging mit festem Schritt in
der Saal hinein und baute sich vor dem Altar
auf. Nur ein kleiner Teil der Untertanen hatte
sich hier versammelt, denn die meisten waren
auf der Jagd, und ein anderer Teil bewachte
die Festung. Die Anwesenden tuschelten, als
sie Daman kommen sahen.
Meine Tage sind gezählt.
Außer ihm standen zehn Gestalten vor dem
Marmoraltar. Überall brannten Fackeln, die
den Saal mit geisterhaftem Licht erfüllten.
Ein Trommler erzeugte einen dumpfen
Wirbel. Eine schrille Flöte fiel ein.
Damans Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er
verspürte fast panische Angst. War heute der
Tag? Wenn Jacobo ihm die Gnade entzog,
war sein Leben keinen Tropfen Blut mehr
wert.
Die Trommel dröhnte lauter. Die Pforte der
Nebenkammer öffnete sich, und Jacobo
erschien vor der Schar seiner Jünger. Er trug
eine schwarze Kutte und hatte die Kapuze
tief in die Stirn gezogen. Um seinen Bauch
war eine Kordel gebunden, an der sein
gefürchteter Blitz befestigt war.
Die Nosfera neigten den Kopf.
Anschwellender Singsang wurde laut. Um
nicht entlarvt zu werden, tat Daman es den
anderen gleich. Er neigte den Kopf und
brabbelte betont inbrünstig die heiligen
Formeln, die Jacobo und seine finsteren
Götter lobpriesen.
Jacobo erreichte den Altar. Er hob die
Arme und wirkte in dieser Geste tatsächlich
wie ein dunkler Gott.
»Wir haben uns versammelt«, ertönte seine
etwas zu hohe, misstönende Stimme, »um
einen Verräter aus unserer Mitte zu
bestrafen!«
Die Menge ächzte entsetzt, und Daman
erlitt beinahe einen Herzinfarkt. War er
entdeckt? Hatte Jacobo etwa seine Gedanken
gelesen?
»Ihr sollt entscheiden, welches Schicksal
dieser Lump erleidet, der es verstanden hat,
uns beim letzten und vorletzten Raubzug
hinters Licht zu führen.«
Daman atmete auf. Er konnte nicht gemeint
sein,denn er hatte an beiden Raubzügen nicht
teilgenommen. Alle schauten einander an.
Daman hatte das Gefühl, dass sie ihn
besonders argwöhnisch in Augenschein
nahmen. Er wagte kaum zu atmen.
»Der Name des Verräters«, fuhr Jacobo
genüsslich fort, »ist... Nummer 28!«
Nummer 28, ein Weib, stand in
unmittelbarer Nähe Damans und stieß
sogleich einen erschrockenen Schrei aus. Sie
wich zurück, doch zwei andere waren sofort
bei ihr und packten ihre Arme.
»Ich bin kein Verräter!«, rief Nummer 28.
Die hohen Mauern des Blutsaals warfen ihre
Stimme dreifach zurück. Sie wehrte sich
34
gegen den Griff ihrer Häscher, aber man hielt
sie eisern fest.
Jacobo trat an den Rand des
Altarfundaments. Er sprang herab und trat
auf Nummer 28 zu. »Du streitest es ab?«
Die Blutsaugerin knickte ein, als hätte ihr
jemand in die Kniekehlen getreten. »Jemand
verbreitet Lügen über mich!«, rief sie schrill
und ängstlich.
»Schweig!« Jacobo machte eine herrische
Armbewegung.
Die anderen bildeten einen Kreis um
Nummer 28. Daman blieb nichts anderes
übrig, als sich der Meute anzuschließen.
»Die Zeugen treten vor!«, rief Jacobo.
Nummer 15 und Nummer 12 kamen nach
vorn.
»Sprecht!«, fauchte Jacobo und deutete auf
Nummer 28, deren Augen unter der
Kopfmaske nun wie irre flackerten.
»Berichtet, was ihr gesehen habt!«
»Als ich den Gasthof mit meiner Beute
verließ«, sagte Nummer 15 mit der Stimme
eines Denunzianten, der auf sein schäbiges
Werk auch noch stolz ist, »habe ich gesehen,
dass Nummer 28 sich über das Weib des
Gastwirts beugte und es aussaugte.«
»Und ich«, meldete sich nun Nummer 12,
»habe sie das Gleiche mit dem Weib eines
Jägers tun sehen in der Nacht davor!«
Daman schluckte. Welch ungeheurer
Frevel! Niemand durfte Menschen töten, um
sich allein an ihnen gütlich zu tun! Das Blut
der Menschen gehörte der Sippe!
Die Reaktion war dementsprechend. Alle
schrien empört auf. Nummer 28, die den
Berichten der Zeugen mit weit aufgerissenen
Augen gelauscht hatte, brach zusammen und
schrie: »Ich war im Blutrausch! Ich war im
Blutrausch! Ich konnte nicht anders!«
Das Urteil stand sofort fest. Nummer 28
hatte die Sippe hintergangen, Sie hatte sich
allein am Blut gemästet und zwei Menschen
zu Tode gebracht. Gier und Maßlosigkeit
waren eine Gefahr für den Fortbestand der
Sippe.
Sie musste gesaugt werden. So verlangte es
die Tradition.
Als die Nosfera ihre Masken ablegen und
sich über ihre Schwester hermachen,
durchrieselte Matt ein kalter Schauer. Zum
ersten Mal sah er die Blutsauger ohne ihre
Masken. Solch schrecklich bleiche, halb
verweste Fratzen hatte er nicht erwartet. So
ähnlich hatte dieser tiefgefrorene Jäger
ausgesehen, den man Anfang der neunziger
Jahre in den Ötztaler Alpen gefunden hatte.
Riva, die zitternd hinter Matt stand, konnte
daszuckende Bündel zum Glück nicht sehen,
das sich unter den Bissen der Blutsauger auf
dem Altar wand. Gholans Gesicht hatte
dagegen eine leicht grünliche Färbung
angenommen. Er war darum bemüht, sich
nicht an Ort und Stelle zu übergeben.
Matt beobachtete die eingefallenen Visagen
der Gestalten, die ihr Opfer nach allen
Regeln der Kunst aussaugten. Er hatte zwar
ihre Diskussion in der knarzenden Sprache
der Nosfera nicht verstanden, doch diese
Nummer 28 hatte sich wohl irgendetwas zu
Schulden kommen lassen, auf das die
Todesstrafe stand. Auch Matt war speiübel,
doch sein Geist war wach, und er sagte sich,
dass dies die Gelegenheit war, das Weite zu
suchen.
Gleichzeitig fragte er sich voller Angst, ob
Aruula das gleiche Schicksal drohte oder ob
es ihr etwa schon zuteil geworden war. Doch
es war wohl am besten, wenn er diesen
Gedanken erst einmal beiseite schob, um
nicht vollends zu verzweifeln.
35
Er gab dem grüngesichtigen Gholan, der
am ganzen Leibe zitterte, ein Zeichen.
Gholan nickte schwach. Matt warf Riva
einen fragenden Blick zu und deutete zur
Tür. Sie verstand. Gholan ging am Rand des
Wandteppichs in Position und schob ihn
sacht beiseite. Matt war mit einem Satz an
der Pforte, öffnete sie lautlos und schlüpfte
zusammen mit Riva hinaus. Gholan folgte
eine Sekunde später. Sie zogen die Tür hinter
sich zu und gaben Fersengeld.
Gänge. Gänge. Gänge. Sie hielten kein
einziges Mal an, bis sie einen Ausgang in den
Hof erreichten. Und wieder hatten sie Glück:
Die eben noch hier versammelten Nosfera
schienen sich alle in der Halle eingefunden
zu haben. Lediglich die Wachen waren noch
am Tor.
Doch sie rechneten nicht mit einem Angriff
von dieser Seite ihrer Festung. Matt und
Gholan schlichen sich von hinten an sie
heran, verständigten sich mit einem letzten
Blick und zogen den Nosfera dann
gleichzeitig zwei Steine über die
kapuzenbedeckten Schädel. Ohne einen Laut
von sich zu geben sackten die Blutsauger
zusammen. Sie luden sich die ungewöhnlich
leichten Körper auf die Rücken und
schleppten sie bis zur nächsten Ruine, wo sie
sie zwischen Schutt verbargen.
Der Weg zum Wald war noch weit. Die
Drei huschten durch verlassene Straßen,
immer bemüht, sich in den dunkelsten
Schatten der Ruinen zu halten und
niemanden auf sich aufmerksam zu machen.
Dann lag endlich freies Land von ihnen.
Die Nacht war kühl und klar. Die Sterne,
groß und flimmernd, schienen so nahe, dass
Matt glaubte, er könne sie mit den Händen
greifen. Der Mond hing tief am Himmel wie
eine dünne, auf dem Rücken liegende Sichel.
In lang auseinander gezogenen Formationen
zogen aus dem Süden kommende
Vogelschwärme vorbei.
Unter einer vom Sturm zerzausten
Krüppeltanne machte Matthew Halt und
ergriff den Arm Rivas, die neben ihm ging.
»Ich muss zurück«, sagte er. »Von hier
nicht weit bis zum Dorf. Geh allein. Ich muss
befreien meine Gefährtin.«
Riva wehrte sich zunächst dagegen, ihn
ziehen zu lassen, doch schließlich sah sie ein,
dass Maddrax nicht anders handeln konnte.
Sie ließ sich aber nicht davon abbringen, ihm
Hilfe schicken zu wollen. Also erklärte Matt
ihr den Weg durch die Kanalisation nicht
ohne ihr von der Gefahr durch das
Schneckenmonster zu berichten. »Wenn dein
Vater und Gosseyn mir kommen wollen zu
Hilfe, sie müssen gut bewaffnet sein«,
schärfte er ihr ein.
Gholan legte eine Hand auf seine Schulter.
»Ich gehe mit dir«, verkündete er und fügte
erst nach einer Pause hinzu: »Auch meine
Gefährtin ist dort irgendwo in der Festung
und wartet auf Hilfe. Beeilen wir uns, bevor
man die Wachen vermisst.«
Während Riva weiter in Richtung des
Dorfes eilte, kehrten Matt und Gholan zum
Häuserblock zurück. Seit ihrer Flucht war
etwas über eine Stunde vergangen. Sie
mussten damit rechnen, dass sich die Nosfera
in Aufruhr befanden und überall nach den
verschwundenen Wachen gesucht wurde.
Doch offenbar war ihr Fehlen noch
niemandem aufgefallen. Unbemerkt
schlüpften Matthew und sein Begleiter in den
Innenhof.
Diesmal nahmen sie einen anderen Zugang
ins Gebäude. Gholan entdeckte eine nach
unten führende Treppe, die sie rasch hinab
eilten. An ihrem Ende gelangten sie zu einer
Tür, die im Gegensatz zu den meisten
anderen einen gepflegten Eindruck machte.
Matt entdeckte ein verblichenes
StarkstromSymbol darauf.
Sie gelangten in einen etwa zwanzig
Quadratmeter großen Raum, von dem eine
weitere Tür abführte und an dessen Wänden
36
die grauen Kunststoffgehäuse implodierter
Monitore hingen. Die Überreste von
Steuerungseinheiten, überdimensionalen
Spulen, von Spannungskästen und
Computern sagten Matt, dass sie sich in
einem Generatorenraum befanden. Aber nicht
alles hier war verrottet!
Erst glaubte Matt sich geirrt zu haben, als
er Bewegung auf einigen der Anzeigen
ausmachte. Aber es war eindeutig: Teile der
Anlage waren in Betrieb! Jemand hatte aus
dem ganzen TechnoSchrott zumindest einen
funktionierenden Stromgenerator zusammen
gebastelt! Was die elektrische Beleuchtung
rund um den Häuserblock erklärte.
Aber wer zum Teufel konnte ...
Matt kam nicht mehr dazu, den Gedanken
zu Ende zu bringen.
Als Gholan die Tür ins Nebenzimmer
öffnete, stand wie aus dem Boden gewachsen
ein Nosfer vor ihm. Auf seiner Maske stand
die Zahl 31. Gholan riss die Armbrust hoch,
doch Nummer 31 war schneller: Er packte
den rechten Arm des jungen Mannes und
drehte ihn herum, bis Matt ein schreckliches
Knacken vernahm.
Gholan schrie gepresst auf. Die Armbrust
entfiel seinen Händen, er selbst sank auf die
Knie. Der Blutsauger zerrte sein Schwert
vom Gürtel und schwang es hoch, um
Gholans Schädel zu spalten.
Offenbar hatte er Matthew bis zu diesem
Moment noch nicht bemerkt. Dafür sollte
sein Anblick nun der letzte in seinem Leben
werden.
Matt sprang in sein Blickfeld, den Wurfarm
mit dem Messer bereits erhoben. Der Kopf
des Nosfera ruckte hoch. Erstaunen kerbte
sich um seinen Mund. Diesen Ausdruck
nahm er mit in den Tod, als Matthews
Armymesser bis zum Heft in seine Stirn
drang.
Mit einem Röcheln sank Nummer 31 über
Gholan zusammen und schlug zu Boden.
Gholan stöhnte schmerzlich, als er dabei
seinen Arm streifte.
Mit einem Satz war Matt bei ihm. Er kniete
sich neben seinen Kampfgefährten hin. »Was
ist?«
Gholan war totenbleich. »Er hat ... mir ...
die Schulter ... ausgerenkt...«
Matt fluchte leise. Das hatte ihnen noch
gefehlt. Er hatte keine blasse Ahnung,
welchen Griff er anwenden musste, um die
Schulter wieder einzurenken. In diesen
Dingen war er hilflos wie ein Kind. Und für
einen medizinischen Schnellkurs war es jetzt
etwas zu spät; den letzten Termin dafür hatte
er vor ein paar Jahrhunderten verpasst...
Trotzdem versuchte er es und ließ es
schnell wieder bleiben, als Gholan gequält
aufschrie. Verfluchter Mist!
»Hör zu, Gholan«, sagte Matt. »Ich kann
nicht helfen. Und du kannst mit Verletzung
nicht weiter gehen.« Er half ihm auf die
Beine. »Geh ins Dorf. Jemand dort wird dir
helfen können.«
»Ich gehe nur ungern«, sagte Gholan mit
blassem Teint. »Aber du hast Recht. So bin
ich nur eine Belastung für dich.« Er schaute
Matt an. »Aber ich komme zurück. Verlass
dich auf mich.« Matt klopfte ihm auf die
gesunde Schulter. »Ich weiß. Du bist mutiger
Kerl.« Gholan nickte ihm noch einmal zu,
dann trat er den Rückweg an. Als seine
Schritte auf der Treppe nach oben verhallt
waren, wandte Matt sich der toten Nummer
31 zu. Er kniete sich neben die Gestalt hin,
zog das Messer hervor, an dem kaum Blut
zurück blieb, und löste die Ledermaske. Als
er das wie halb verwest wirkende Gesicht des
Blutsaugers erblickte, musste er an sich
halten, um seine letzte Mahlzeit nicht
auszuspucken.
Er bemühte sich, nicht so genau
hinzusehen, als er den Toten entkleidete.
Der Brustpanzer bestand, wie er feststellte,
aus AndronenChitin. Quasi eine primitive
Schutzweste. Darum also waren die
37
Bolzenpfeile nur zentimetertief
eingedrungen.
Matt schlüpfte aus seinen Kleidern,
verstaute sie in einem kunststoffbeschichteten
Wandschränkchen und
zog sich die Sachen des Nosfera über.
Als er die Kopfmaske anlegte, glaubte er
im ersten Moment ersticken zu müssen, aber
nach einer Weile gewöhnte er sich daran. Am
meisten missfiel ihm, dass er seine
Ausrüstung nirgendwo am Körper verstecken
konnte die Kleidung war zu eng dafür. Er
konnte nur darauf bauen, sie in dieser
Tarnung ohnehin nicht zu brauchen. Also
verstaute er Pistole, Feldstecher und Messer
ebenfalls in dem Schränkchen, schnallte sich
das Schwert des Toten um und machte sich
auf den Weg.
Er stieg eine Treppe hinauf, streifte
problemlos durch die Festung und machte
sich mit den Örtlichkeiten vertraut. Dabei
war er bemüht, andere Nosfera möglichst zu
umgehen.
Irgendwann landete er in einem Raum, der
von Eisenregalen und leicht angerosteten
Werkzeugen beherrscht wurde. Die Wracks
von vier Motorrädern standen aufgereiht an
der Wand. Jedenfalls dachte Matt im ersten
Moment, dass es sich um Schrott handelte.
Dann jedoch erkannte er, dass die
Maschinen lediglich unfertig waren. Jemand
baute hier aus alten Teilen funktionstüchtige
Motorräder zusammen!
Derselbe, der schon den Generatorenraum
instand gesetzt hatte?
In den Regalen stapelten sich
Benzinkanister aus Kunststoff, und daneben
hingen hinter Glas die Blätter eines
PirelliKalenders aus dem Jahr 2012: Fotos
von langbeinigen Blondinen, auf die offenbar
alle Motorrad und Autonarren der Welt
standen. Gestanden hatten. Die Biker von
heute standen wohl eher auf deren
Halsschlagader ...
Wenigstens wusste Matthew jetzt, woher
die Maschinen stammten, mit denen die
Nosfera unterwegs waren.
Als er an eine offene Fensterhöhle kam,
warf Matt einen Blick in den Innenhof. Er
wirkte noch immer so ausgestorben wie
vorhin. Und auch auf den Gängen war Matt
nur wenigen der Blutsaugern begegnet. Er
fragte sich, ob die Festung nur von einer
Notbesatzung gehalten wurde und das Gros
der Blutsauger sich im Umland auf Raubzug
befand. Sollte seine Vermutung stimmen,
war die Lage günstig für ihn.
Nachdem er mehrere kahle Räume
durchquert hatte, stieß er hinter einem dicken
Türvorhang auf einem Abschnitt des
Gemäuers, der bewohnt zu sein schien, denn
er vernahm verhaltene Stimmen. Matt drang
noch weiter vor und lauschte.
Das Gespräch, das in der Sprache der
Millani geführt wurde, fand zwischen zwei
Männern statt, von denen einer Daman und
der andere Jacobo hieß. Damans Organ klang
ängstlich und zittrig, die Stimme des anderen
wies einen eigentümlichen Tonfall auf. Als
bediene er sich eines Idioms, das nicht das
seine war. Sie klang herrisch und
aufbrausend und kam Matt irgendwie
bekannt vor. Doch auch als er sich mit
Nachdruck auf sie konzentrierte, gelang es
ihm nicht, sie zu identifizieren.
Nach einer Minute wurde ihm freilich klar,
dass nicht Daman wie Gholan behauptete
der Herr der Festung war, sondern dieser
Jacobo. Das Gespräch drehte sich um
Sklavenhändler aus >Suizza< der Schweiz?,
die in Bälde hier eintreffen wollten.
Jacobo wollte die Gefangenen der Festung
gegen eine Lieferung seltener Essenzen
eintauschen, die er dringend brauchte.
Daman wandte ein, dass es für die Sippe
schlecht sei, die Opfer gehen zu lassen, weil
die Nosfera sie brauchten, um ihren Blutdurst
zu stillen. Jacobo brüllte ihn in einem
Tobsuchtsanfall nieder.
38
»Ich brauche diese Essenzen zu eurem
eigenen Wohl!«, schrie er und schlug mit
irgendeinem Gegenstand auf Holz ein, bis
Splitter flogen. »Nur mit ihnen kann ich euch
eurer wahren Bestimmung zuführen!«
Matt hatte fürs erste genug gehört. Die
Entführten also auch Aruula sollten in die
Sklaverei verkauft werden! Das konnte er
nicht zulassen. Er musste die
Menschen finden und befreien, noch bevor
diese Delegation hier eintraf.
Lautlos zog er sich zurück, stieg eine
weitere Treppe hinab und gelangte in einen
Kellertrakt. Doch die zahlreichen Räume hier
unten waren alle samt leer.
Schon wollte er umkehren, da vernahm er
aus der Tiefe des Kellers ein schleifendes
Geräusch. Sofort blieb er stehen und hielt den
Atem an, doch der Laut wiederholte sich
nicht. Hatte er sich getäuscht oder war dort
nur irgendwelches Ungeziefer was bei der
Größe der hiesigen Insekten auch kein Grund
zur Erleichterung gewesen wäre?
Gerade wollte Matt den Weg zur Treppe
einschlagen, da vernahm er ein zweites
Geräusch. Ein Sirren in der Luft! Matt fuhr
herum, versuchte es zu lokalisieren, doch es
war zu spät.
Etwas knallte gegen seinen Kopf.
Und zum zweiten Mal in dieser Nacht
verlor er die Besinnung.
Matt erwachte.
Er schüttelte benommen den Kopf und ließ
es gleich wieder bleiben, als ein scharfer
Schmerz seinen Schädel durchzuckte.
Blinzelnd schaute er sich um. Er befand sich
in einem kahlen Raum, auf dessen Boden alte
verrottete Lumpen ausgebreitet waren. Die
Feuchtigkeit hatte dafür gesorgt, dass Pilze
auf ihnen wuchsen.
Erst jetzt realisierte er, dass man ihm die
Ledermaske abgenommen hatte. Also wusste
Werauchimmer, dass er kein Nosfera war. Ob
sich das im Endeffekt als gut oder schlecht
erwies, konnte Matt nur abwarten. Er stand
auf, um den fensterlosen Raum zu
untersuchen. Die Eisentür der einzige
Zugang war von Rost überzogen, aber stabil;
die Wände waren mit Kritzeleien in
italienischer Sprache bedeckt. Matt gab sich
keinen Hoffnungen hin; wahrscheinlich
waren diese Zeugnisse der Zivilisation
Hunderte von Jahren alt.
Dann knarrte die Tür. Matt wich zurück
und ging in Angriffsstellung. Kampflos
würde er sich nicht ergeben!
Ein zottelhaariger Mann mit einer
brennenden Fackel in der Hand trat ein. Er
trug ein rotes Stirnband. Das rotgelbe Licht
ließ ihn irgendwie dämonisch wirken. Hinter
ihm reckte ein Dutzend Galgenvogelgesichter
den Hals.
Matt atmete auf. Immerhin waren es keine
Nosfera.
»Wer bist du?«, fragte der Fackelträger. Er
hatte ein breites Kreuz, trug Stiefel aus
weichem Leder und war in Gerulfelle
gekleidet. »Arbeitest du für Bobo? Bist du
allein gekommen?« Er sprach den gleichen
Dialekt wie Aruulas Horde, deswegen konnte
Matt ihn recht gut verstehen. Dies wiederum
bedeutete, dass er nicht aus Millan stammen
konnte.
Matt musterte die schiefzahnigen Visagen
der Umstehenden. »Man nennt mich
Maddrax«, erwiderte er. »Ich keinen Bobo
kenne. Arbeite für niemanden. Ich suche
meine Gefährtin.«
Der Fackelträger grinste breit. »Das hat uns
Gholan auch schon berichtet«, sagte er.
»Du kennst Gholan?« Matt schöpfte
Hoffnung.
Zu früh. Zottelhaar versetzte ihm einen
Hieb gegen die Brust. »Gholan weiß auch nur
das, was du ihm erzählt hast«, grollte er.
39
»Los, rede! Wer hat dich geschickt, um unser
Geschäft mit den Nosfera zu vereiteln?«
Geschäft? Welches Geschäft? Matt kam
das Gespräch in den Sinn, das er zwischen
Jacobe und Daman belauscht hatte. Waren
dies die erwarteten Männer aus Suizza? Aber
warum kannten sie dann Gholan?
Matt baute sich vor Zottelhaar auf. Es war
wichtig, jetzt Stärke zu zeigen. »Ich nicht
hier, um Geschäfte zu machen«, sagte er mit
Nachdruck. »Nosfera entführen meine
Gefährtin Aruula. Ich sie befreien!«
Der Mann mit dem Stirnband wandte sich
um. »Gholan?«
Im Türrahmen entstand Bewegung. Gholan
trat vor. Seine Schulter war offensichtlich
wieder eingerenkt. Matt ging nicht davon
aus, dass jemand aus dem Hügeldorf das
getan war. Es war zu wenig Zeit vergangen,
als dass Gholan den Weg hin und zurück
hätte schaffen können.
»Du bist kein Millani«, mutmaßte
Matthew. Was er zuvor nur unbewusst
bemerkt hatte, ergab nun Sinn. »Du bist nicht
hier, um zu befreien deine Gefährtin.«
Gholan nickte. Er wirkte irgendwie
schuldbewusst. Er deutete auf den
Fackelträger. »Reyto hat mich geschickt.«
»Wozu?«
»Er ist ein ausgezeichneter Spitzel«,
erwiderte Reyto an Gholans Stelle. »Wir sind
hier, um ein Geschäft mit dem Herrn der
Nosfera zu machen.« Er kicherte leise, und
seine Begleiter reagierten mit dröhnendem
Lachen.
Bingo! Es waren die Männer aus Suizza!
»Um was geht es bei dem Geschäft?«, hakte
Matt nach, obwohl er die Antwort schon
kannte. Doch dies zuzugeben hätte nur
wieder das Misstrauen der Truppe geschürt.
»Um seltene Extrakte aus Kräutern, die nur
in unserer Domäne wachsen«, entgegnete
Reyto,
»Und um Sklaven.«
»Ah. Ich verstehe.«
»Nichts verstehst du«, erwiderte Reyto
grollend. »Wir mögen diese Blutsäufer
nämlich nicht, die sich in den Bergen
herumtreiben und unsere Beute jagen. Wir
haben nicht die geringste Lust, diese Bestien
auch noch zu bezahlen. Also haben wir
Gholan losgeschickt. Er sollte erkunden, ob
es möglich ist, unbemerkt in die Festung
einzudringen und die Sklaven zu stehlen.«
»Ein listiger Plan«, sagte Matt, um Reyto
Honig um den Bart zu schmieren. Leider
ohne Erfolg.
»Das ist er in der Tat«, sagte Reyto. »Aber
dazu gehört auch, dass niemand, der nicht
unserer Horde angehört, davon wissen darf.«
Er seufzte. »Und desshalb müssen wir dich
jetzt töten.«
»Reyto ...«
Gholan trat noch einen Schritt weiter vor.
»Maddrax hat mir das Leben gerettet ...«
Er berichtete von ihrer Begegnung mit
Nummer 31, der ihm die Schulter ausgerenkt
hatte.
»Außerdem«, fügte Matt hastig hinzu, »bin
ich einziger, der die Festung hat
ausgekundschaftet! Ich kann helfen, die
Sklaven zu stehlen wenn ihr mir Aruula
überlasst.«
Auch wenn er wenig davon hielt, die
Dörfler in einer Sklavenkarawane in die
Bergwildnis entschwinden zu sehen: Jedes
Schicksal war für sie besser, als hier als
Vampirfutter zu enden.
»Nun gut.« Reyto drückte Matthew die
entwendete Ledermaske in die Hand. »Ich
will dir vertrauen. Finde den Ort, an dem sich
die Sklaven aufhalten. Dann kehre hierher
zurück Hintergehst du mich, wirst du dir
einen schnellen Tod wünschen!«
Weitere Worte waren überflüssig. Matt zog
sich die Maske über den Kopf. Auf einen
Wink Reytos hin trat einer der Galgenvögel
vor und reichte ihm das Schwert, das einst
Nummer 31 gehört hatte.
Matthew machte sich auf den Weg.
40
Als er hinter der nächsten Gangbiegung
verschwunden war, nickte Reyto Gholan zu,
und der junge Mann nahm katzengleich die
Verfolgung auf.
Als Matt im dritten Stock der Festung
durch einen langen Korridor schlich, wurde
vor ihm plötzlich ein Türvorhang
aufgerissen. Eine Frau trat auf den Gang
hinaus, eine Nosfera mit der Nummer 28.
Matt verharrte mitten in der Bewegung.
War Nummer 28 nicht in der vergangenen
Nacht auf dem Altar von ihren Brüdern und
Schwestern ausgesaugt worden? Wieso lebte
sie noch?
Sie töten ihre Opfer nicht, dachte er
schaudernd, So wie Bauern keine Milchkühe
schlachten.
Matt blieb mehrere Sekunden lang stehen
und fürchtete schon, sich damit verdächtig
gemacht zu haben, doch Nummer 28 nahm
ihn gar nicht wahr. Mit ungelenken Schritten
wandte sie sich nach links und verschwand
über eine Treppe nach unten.
Matt atmete auf, fragte sich aber, was die
Nosfera mit ihr angestellt hatten. Sie benahm
sich wie ein Zombie. War ihr bewusstes
Denken ausgeschaltet?
»F‘taghn?«
Matt fuhr zusammen. Neben ihm stand ein
Ledermann, der mit der rechten Hand in die
Richtung zeigte, in die Nummer 28
verschwunden war. Er schaute Matt fragend
an, dem der Schweiß aus allen Poren brach.
Wie sollte er reagieren? Der Nosfera hatte
ihm zweifellos eine Frage gestellt. Matt war,
als habe ihn ein Pferd getreten. Es gab nur
einen Ausweg aus dieser Misere.Doch als
seine Hand zum Schwert hinabzuckte, schlug
jemand auf der anderen Seite des Korridors
einen weiteren Türvorhang beiseite und noch
zwei Vermummte beides Frauen traten in
den Gang.
Die Situation war gespenstisch. Matt stand
schweigend da, während in seinem Kopf die
absonderlichsten Gedanken kreisten,
»Gna‘re d‘faagh?«, fuhr der männliche
Blutsauger fort. Seine Augen verengten sich
zu Schlitzen. Und wieder konnte Matt nichts
darauf erwidern.
Den Nosfera schien zu schwanen, dass sich
ein Fremder in ihr Reich eingeschlichen
hatte. Hatte man die Leiche des Burschen
gefunden, den Gholan erschossen hatte?
Die Mienen der drei Nosfera wurden
drohend. Kaum eine Sekunde später zückten
sie synchron ihre Schwerter. Matt sprang
einen Schritt zurück und riss das seine aus
der Scheide.
»Hört zu«, knurrte er in seiner
Muttersprache, während seine blaugrünen
Augen Funken sprühten. »Ich weiß, ich steh
mit dem Arsch an der Wand, und
wahrscheinlich werdet ihr mich gleich in
Stücke hacken. Aber einen oder zwei von
euch nehme ich mit!«
Die Vermummten knurrten dumpf und
warfen sich rasche Blicke zu. Dann stieß eine
der Frauen einen schrillen Schrei aus, von
dem Matt annahm, dass er ein Angriffssignal
war. Die drei Gestalten stürmten mit
blitzenden Klingen auf ihn zu, und Matt hob
sein Schwert zur Abwehr.
Funken stoben, als Stahl auf Stahl klirrte.
Matt kam schon nach wenigen Sekunden in
arge Bedrängnis. Er hatte keine Erfahrung
mit Waffen dieser Art. Trotzdem wollte er
seine Haut so teuer wie möglich verkaufen.
Und war verblüfft, als eine der Nosfera ihm
ein Angebot machte.
»Gib auf!«, krächzte sie in einer
schauderhaft verzerrten Version der
MillaniSprache. »Ergib dich, dann wird
Jacobo entscheiden, was aus dir wird!«
41
Matt wich einen weiteren Schritt zurück
und versetzte ihr als Antwort einen Hieb auf
den rechten Unterarm, sodass ihre Waffe
polternd zu Boden fiel. Er stellte blitzschnell
den Fuß auf die Klinge und schob sie hinter
sich. Gleichzeitig wehrte er einen Hieb der
zweiten Frau ab. Die Schneide ratschte ihr
Schwert entlang, traf ihren Kopf und schlitzte
die Ledermaske auf. Matt konnte ihr Gesicht
erkennen. Es war wie ein Totenschädel, von
trockener rissiger Haut überzogen.
Für einen Sekundenbruchteil war Matt von
dem Anblick wie paralysiert. Die Frau
kreischte auf und fuhr mit angewinkeltem
Bein herum. Ehe Matt reagieren konnte, traf
ihn ein Tritt in den Bauch. Er taumelte
zurück und prallte mit dem Hinterkopf gegen
die Wand. Sogleich waren zwei spitze
Klingen an seiner Kehle und verdammten ihn
zur Bewegungslosigkeit.
Matt glaubte, sein Herz müsse stehen
bleiben, als sich eine Hand auf seine Schulter
legte. Knochenfinger bohrten sich
schmerzhaft in sein Fleisch. Sie waren kalt
wie Eis. Die Augen der Vermummten
schienen glutrot zu glühen.
Zwei weitere Nosfera stürmten mit
gezogenen Schwertern in den Gang. Sie
packten Matt, warfen ihn zu Boden und
banden ihm die Hände auf den Rücken. Dann
schleiften sie ihn über das Treppenhaus nach
oben und warfen ihn in einem großen, von
einem Kaminfeuer erhellten Raum auf einen
verschlissenen Teppich.
Matt biss die Zähne zusammen. Er hatte es
vermasselt! Nun war alles aus. Aruula würde
in der Sklaverei enden. Die Nosfera würden
sich an seinem Blut gütlich tun. Und wenn
damit seine Pechsträhne nicht endete, würde
er um Mitternacht wieder von den Toten
erwachen, unstillbares Verlangen nach Blut
empfinden und sich vor Kreuzen, Knoblauch
und Holzpflöcken fürchten.
Fehlte da nicht noch etwas? Ach ja:
Silberkugeln.
»Wer bist du?«, schrie ihn ein
Vermummter an, der wie ein Derwisch vor
ihm umhertanzte.
Matt hob unter größter Anstrengung den
Kopf. Die Maske des Fragestellers trug die
Zahl Null. Und seine Stimme kam Matt
bekannt vor – irgendwo hatte er sie schon
gehört. Aber nicht das war es, was Matts
Aufmerksamkeit letztlich erregte.
An seinem Gürtel hing Aruulas Schwert!
Matthew hätte es unter Dutzenden
wiedererkannt. Wahrscheinlich wusste dieser
Kerl, was mit ihr geschehen war!
Die anderen Nosfera hatten sich an der
Wand aufgereiht und schauten dem Verhör
zu. Nummer 0 riss Matt hoch und riss ihm
die Maske vom Gesicht.
»Ein Nordmann?«, sagte er, als er Matts
Haar erblickte. Er wirkte wie vom Donner
gerührt.
Matt überlegte schnell. Er wusste nicht,
was Nordmänner waren, aber er nahm an,
dass Null damit Männer aus dem Norden
meinte.
Auch die Schweiz lag nördlich. Vielleicht
vermutete der Nosfera in ihm einen der
Männer, die hier erwartet wurden. Das
konnte seine Chance bedeuten, aus dieser
Situation noch das Beste zu machen.
»Ich habe geheime Mission«, sagte er
gepresst. »Wenn ich rede, dann nur vor dem
Herrn der Festung. Vor Jacobo!«
Die Nosfera an der Tür grunzten und
schnaubten und machten Gesten, deren Sinn
Matt verborgen blieb.
»Jacobo ruht«, sagte Null, und seine Miene
besagte, dass sein Herr auf keinen Fall
gestört werden durfte. »Ich bin sein Vertreter
Daman. Du wirst mit mir Vorlieb nehmen.«
Natürlich! Matt fiel es wie Schuppen von
den Augen. Das hier war der Typ, der mit
Jacobo diskutiert hatte und dabei von ihm
niedergebrüllt worden war. Das Verhältnis
zwischen Herrn und Diener schien nicht das
42
Beste zu sein. Vielleicht konnte Matt auch
diesen Umstand nutzen ...
Aruula starrte in das wabernde blaurote
Feuer. Die dicken Scheite knisterten und
knackten, und die Barbarin musste
achtgeben, sich nicht im Züngeln der
Flammen zu verlieren. Wenn sie je aus dieser
Feshing entkommen wollte, musste sie
wachsam bleiben, immer bereit, auch noch
die kleinste Möglichkeit zu nutzen.
Doch ihre Chancen standen schlecht. Die
ängstlichen und schrillen Stimmen der
anderen Frauen und Mädchen hatten ihr
längst deutlich gemacht, dass ihnen allen ein
Schicksal drohte, das sie niemandem
wünschte außer vielleicht den tückischen
Taratzen. Die Gefangenen waren entweder
vor Angst wie gelähmt oder halb verrückt
Nahezu alle rechneten damit, einen grausigen
Tod zu sterben.
Die meiste Zeit dachte Aruula an Maddrax,
den Mann mit dem hellen Haar, der ihr
Gefährte geworden war. Ein Mann, der nicht
wollte, dass sie einen Gott in ihm sah und der
dennoch viel mehr war als jeder Mensch,
dem sie bislang begegnet war. Sie mochte ihn
sehr. Würde sie ihn jemals wiedersehen?
Aruula setzte sich vor dem Kaminfeuer
aufrecht hin, zog die Knie an, umschlang sie
mit den Armen und neigte den Kopf. Dies
war die Stellung, die sie stets zum Lauschen
einnahm.
Sie konzentrierte sich. Eine Zeit lang
geschah nichts» irrte ihr suchender Geist
ziellos in der Festung umher. Sie berührte die
Geister einiger Nosfera, schreckte jedoch vor
deren Wildheit und Blutgier zurück. Dann
machte sie einen Geist aus, der anders war.
Schon hoffte sie auf Maddrax gestoßen zu
sein, da musste sie erkennen, dass die
Gedanken von einem offensichtlich kranken
Geist zu ihr herüberwehten.
Wie in wirbelnden Nebeln erblickte sie die
schwarz gewandete Gestalt Jacobos, der sich
in einem prachtvoll und mit fremden Dingen
ausgestatteten Raum auf einem Lager wälzte.
Dicke Schweißtropfen hatten sich auf seiner
Stirn gebildet Seine Träume verursachten
Aruula Kopfschmerzen. Er fühlte sich von
glühenden Augen verfolgt, die ihn aus der
Tiefe eines Gerul-Nestes anstarrten.
Gesichter mit dämonischen Zügen
erschreckten ihn bis ins Mark. Sein Geist
wollte sie nicht sehen, und dafür hatte Aruula
durchaus Verständnis.
Auch sie erblickte die Augen der fremden
Dämonen und fuhr vor Ekel und Schrecken
zusammen. Die geisterhaften Gestalten
kicherten und näherten sich ihr, denn sie sah
jetzt aus Jacobos Perspektive. Er bedeckte
sein Gesicht mit den Händen. Die Gestalten
zerrten ihn von seinem hohen Sitz in die
Tiefe, doch plötzlich war ein schwarzer Stab
in seiner Hand, den er aus seiner Kleidung
gezogen hatte. Aruula schnappte die
Bezeichnung dafür auf, ohne sie zu
verstehen: Elektro-Schocker.
Der Stab spuckte knisternde blauweiße
Blitze aus, die die finsteren Wesen trafen und
durch die Luft wirbelten, bis sie zuckend am
Boden liegen blieben.
Die Gestalten krochen stöhnend umher.
Jacobo ballte die Hände zu Fäusten und
richtete den Stab auf sie, sodass sie wie
ängstliche Tiere quiekten. Dies schien Jacobo
zu gefallen, denn plötzlich straffte sich seine
Gestalt. Er hatte erkannt, dass er Macht über
seine Peiniger hatte. Er richtete sich auf,
stellte sich wie ein Gott in Positur ...
Doch plötzlich verblasste das Bild. Das
GerulNest löste sich auf. Jacobo erwachte!
Schnell zog Aruula sich aus seinem Geist
zurück, von der irrealen Furcht beseelt, er
könne sie entdecken.
43
Kaum hatte sie sich gelöst, nahm sie eine
neue, altbekannte Schwingung wahr.
Maddrax war hier!
In fieberhafter Freude suchte sie nach
seinem Geist und entdeckte ihren Gefährten
schließlich in Gesellschaft mehrerer Nosfera
was ihre Freude rasch wieder dämpfte.
Offensichtlich war auch er ein Gefangener!
Vor ihm stand ein vermummter Mann mit
einer Null auf der Stirn und hörte ihm zu.
Daman, Jacobos rechte Hand!
»Ich bin Gholan«, sagte Maddrax in diesem
Augenblick »Ein Spion aus den Bergen von
Suizza.«
Zwar wusste Aruula nicht, warum er sich
für einen anderen ausgab, doch die Reaktion
des Maskierten sagte ihr, dass die Nachricht
ihn erschreckte. Maddrax berichtete Daman,
er sei hier, um die Nosfera auszuspionieren.
Ein Horde aus Suizza unter Führung eines
gewissen Reyto wollte die Sklaven entführen
und den Herrn der Festung töten.
Damans Reaktion auf die Eröffnung war
seltsam. Anstatt Maddrax zu strafen, schickte
er die anderen Nosfera aus dem Raum und
verschloss sorgsam die Türe hinter ihnen.
Dann wandte er sich an Maddrax und bot
ihm an, auf seine Seite zu wechseln und ihm
beim Kampf gegen Jacobo zu helfen. Dafür
solle Maddrax beziehungsweise Gholan ihm
garantieren, dass Jacobo getötet würde.
Maddrax erklärte sich einverstanden,
Jacobo falsche Informationen über die Pläne
Reytos zu geben, um ihn in die Irre zu
führen.
Daman wirkte hocherfreut. Er führte seinen
Gefangenen in eine Kammer mit einem
weichen Lager, in der er das Erwachen
Jacobos abwarten sollte.
Aruula zog sich abermals zurück und
schüttelte den Kopf, um den inneren Druck
zu verscheuchen, der sich in ihrem Hirn
aufgebaut hatte. Das lange Lauschen hatte sie
erschöpft. Sie würde einige Zeit warten
müssen, bevor sie es erneut versuchte.
Sie verstand nicht genau, was vor sich ging.
Eines aber war unzweifelhaft: Maddrax war
hier, um sie und vielleicht auch die anderen
Gefangenen zu befreien.
Sie musste ihm dabei helfen. Sie durfte hier
nicht länger untätig herum sitzen. Aber wie?
Irgendwann flog die Tür zu der Kammer
mit lauten Krachen auf und riss Matthew
Drax aus dem Halbschlaf, in den er gesunken
war. Drei Nosfera drängten herein. Im
Hintergrund sah er Daman, der ein
warnendes Gesicht zog. Lass alles mit dir
geschehen, glaubte Matt darin zu lesen. Ich
kann es nicht verhindern.
Er leistete keinen Widerstand, als sie ihn
packten und mit sich rissen. Es hätte ihm
auch wenig eingebracht außer einigen blauen
Flecken und Blessuren.
Ohne dass einer der Blutsauger mit ihm
sprach, wusste er, wohin sie ihn schleppten:
zu Jacobo, dem Herrn der Festung. Auf eine
bizarre Weise fieberte Matt sogar dem
Treffen entgegen. Es würde ihm wenigstens
ein paar Fragen beantworten. Andererseits es
konnte ihn auch das Leben kosten ...
Dann waren sie am Ziel. Eine prunkvoll
geschmückte Kammer öffnete sich vor
Matthew.
Gewobene Tücher bedeckten die Wände,
weiche Felle den Boden. Dazwischen stand
allerlei
technisches Gerät, doch es war nicht zu
erkennen, ob es einen Zweck erfüllte oder
nur zur
Dekoration diente. Im Zentrum des Raumes
erhob sich ein Thron. Und darauf saß stilecht
44
in einen nachtschwarzen Umhang mit
Kapuze gehüllt der Obermotz dieser Festung
des
Blutes. Jacobo.
Die Nosfera stießen Matt vor ihrem
Herrscher zu Boden. Mit den gefesselten
Händen konnte er sich nicht richtig abfangen
und prellte sich schmerzhaft die Schulter.
Als sich sein tränenverschleierter Blick
wieder klärte, wuchs drohend ein Schatten
über ihn auf. Matt hob den Kopf. Natürlich
war es die Gestalt in der schwarzen Kutte. Er
suchte nach dem Gesicht der Kreatur, doch es
war in den weiten Falten der Kapuze
verborgen.
Dann wich die Gestalt mit einem Laut der
Verblüffung zurück Brüllendes Gelächter
wurde laut
In Matts Kopf begann es zu schwirren.
Verdammt, wer war dieser Mann? Wieso
kam ihn seine höhnische Lache so bekannt
vor?
»Daman!« klang die herrische Stimme des
Kuttenträgers auf.
»Herr?«
»Das ist für deine Leichtgläubigkeit!«
Matt hörte zuerst das Klatschen von
Ohrfeigen, dann das Knistern eines
Elektroschockers. Schließlich folgte ein
schriller Schrei, der in einem Winseln endete.
Er benötigte einige Sekunden, um zu
begreifen, dass Jacobo weder in der Sprache
der Millani noch in der der Nosfera
gesprochen hatte sondern in lupenreinem
Englisch!
Im gleichen Moment machte es Klick! in
seinem Kopf, und er wusste, wer der
Kuttenträger war. Die Erkenntnis versetzte
ihm einen Schock, der ihm fast die Sinne
schwinden ließ.
In der alten Zeit war der Astrophysiker und
Arzt Jacob Smythe Leiter der Astronomie
Division der U.S. Air Force gewesen. Ein
unbeherrschter und jähzorniger, äußerlich
aber unauffälliger Mann um die vierzig
Jahre, dessen einzige Extravaganz es war,
sich sein blondes Haar, das im Zenit schon
schütter wurde, zu einem Pferdeschwanz
zusammenzubinden.
Nun, als Smythe die schwarze Kapuze
zurückschlug, konnte Matt auch seine Brille
sehen. Eisblaue Augen funkelten ihn darunter
an.
Er hatte mit Smythe im Clinch gelegen, seit
sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Der
Mann war sein Kopilot gewesen auf dem
schicksalhaften Flug in die Stratosphäre, bei
dem sie die Wirkung der Interkontinental-
Raketen beobachtet hatten, als diese den
Kometen >Christopher-Floyd< trafen. Und
keine Wirkung zeigten.
Smythe war ein geltungssüchtiger Schrat.
Immer schon gewesen. Er hatte die Arbeit
während des gefährlichen Fluges behindert
und sich schließlich mit dem Schleudersitz
abgesetzt
Und hier trafen sie sich nun wieder: In
einer schwarzen Kutte, als Herrscher über
vampirische Heerscharen, Smythe musste in
den vergangenen zweieinhalb Monaten viel
erlebt und noch mehr erreicht haben. Matt
zweifelte nicht daran, dass er letzteres seiner
Geltungssucht zu verdanken hatte.
Matthew Drax hatte bislang immer dem
Augenblick entgegen gefiebert, in dem er
einen seiner damaligen Begleiter aufspürte,
Nun wurde er zum
zweiten Mal enttäuscht.
»Fast hätte Ihr Plan funktioniert«, sagte
>Jacobo< Smythe und kicherte. »Aber so
leicht wie Daman legen Sie mich nicht rein,
Commander Drax.«
»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Doc«,
sagte Matt mit ätzender Stimme und dachte
sich insgeheim ein paar üble Foltermethoden
für Smythe aus.
Nun verstand er auch, wer die Generatoren
und Motorräder wieder zum Laufen gebracht
hatte. Smythe war ohne Zweifel ein
technisches Genie. Aber oft lagen Genie und
45
Wahnsinn dicht beisammen. Wie anders war
zu erklären, was Jacob Smythe hier
aufgebaut hatte: ein Regime des Schreckens,
das die Nosfera von ihrem ursprünglichen
Leben abgebracht und zu Killern und
Sklavenhändlern gemacht hatte.
Smythe vollführte eine Geste mit der
Rechten. Zwei Nosfera sprangen vor,
ergriffen Matt und wuchteten ihn auf einen
schweren Stuhl, an dessen Lehnen sie ihn
festschnallten.
»Was für ein Spiel spielen Sie, Smythe?«,
fragte Matt gepresst. »Was soll das werden,
wenn es fertig ist? Und: Was haben Sie mit
Aruula gemacht?«
»Aruula?«, echote Smythe. »Diese
Barbarin? Sie ... kennen sie?« Dann fuhr er
plötzlich herum. Sein Blick flackerte wie der
eines Irren. »Ihr wird bald eine große Ehre
zuteil.« Er baute sich vor Matt auf und stützte
die Hände triumphierend in die Hüften. Er
kicherte schon wieder, und Matt spürte, dass
sich die Härchen auf seinen Armen
aufrichteten. Smythe gebärdete sich nicht nur
wie ein Verrückter er war verrückt
geworden! Was war seit dem Ausstieg mit
ihm passiert? Es mussten grauenhafte Dinge
vorgefallen sein, die seinen Geist verwirrt
hatten.
Fast verspürte Matt etwas wie Mitleid mit
ihm. Aber nur fast. Smythe war vor allem
eines: gefährlich!
»Was haben Sie mit Aruula vor?« Er
konnte nicht verhindern, dass seine Stimme
zitterte.
»Ich mache sie zur Mutter«, sagte Smythe.
»Zur Urmutter einer neuen Rasse.«
Matt versuchte seinen irren Blick gelassen
zu erwidern. Er hatte erkannt, dass es nicht
half, Smythe Paroli zu bieten; damit brachte
er den Wissenschaftler nur noch mehr gegen
sich auf. Er musste versuchen, ruhig und
bestimmt auf ihn einzuwirken. So wie man
gemeinhin mit psychisch Kranken verfuhr.
Er hatte eigentlich immer gewusst, dass
Smythe nicht richtig tickte. Schon als er ihn
bei einem Briefing im NATOHauptquartier
in Brüssel zum ersten Mal persönlich erlebt
hatte. Professor Dr. Smythe hatte damals
allen Ernstes gefordert, nur Menschen mit
einem akademischen Grad und einem
Intelligenzquotienten von mindestens
hundertvierzig dürften in die amerikanischen
Atombunker einquartiert werden zusammen
mit Computern und Datenträgern, auf denen
das Wissen der Menschheit gespeichert war.
Und mit Proviant für mindestens acht Jahre
um die Zivilisation zu bewahren. Ein
Vorschlag, der natürlich kein positives Echo
bei den Konferenzteilnehmern geerntet hatte,
»Smythe!«, drang Matt auf ihn ein.
»Wissen Sie, was mit der Erde geschehen ist?
Der Jet war nach dem Einschlag des
Kometen außer Kontrolle erinnern Sie
sich?«
»Die Vergangenheit ist tot«, sagte Smythe
mit neurotisch zuckendem Gesicht, »Aber ein
neues Zeitalter wird kommen! Das Zeitalter
der Nosfera!« Er deutete auf die
Ledermänner an der Tür. »Die hiesige Rasse
zeigt interessante Parallelen zu den Vampiren
der Sagenwelt«, begann er zu dozieren,
»doch sie haben nicht deren Fähigkeiten. Sie
sind nur jämmerliche Mutationen, deren rote
Blutkörperchen sich so schnell zersetzen,
dass sie unter Lichtempfindlichkeit leiden
und Blut saufen müssen, um nicht
einzugehen. Doch sie sind nicht zur
Metamorphose fähig, und ihr Biss gibt
keinen Vampirkeim weiter!«
Vampirkeim? Um Himmels willen Smythe
war noch viel durchgedrehter, als Matt
gedacht hatte. Auf was zum Teufel wollte er
hinaus?
Professor Dr. Smythe fuchtelte mit den
Armen vor Matts Nase herum. »Ich bin vom
Schicksal ausersehen, ihnen endlich zu ihrer
wahren Stärke zu verhelfen!«, kreischte er.
»Ich schaffe ihnen die Urmutter, die eine
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perfekte Rasse gebiert! Eine Rasse, die über
dieses finstere Zeitalter herrschen kann, Mit
mir als König!« Er blieb vor Matt stehen und
schaute ihn triumphierend an. »Ich habe eine
Formel entwickelt, die den Bann, der die
wahre Bestimmung der Nosfera blockiert,
brechen kann! Ich werde aus Aruulas Körper
das Gefäß formen, das mittels Vereinigung
mit den Nosfera wahre Vampire erzeugt!
Sobald die benötigten Essenzen hier
eintreffen.«
Matthew Drax schauderte bis ins Mark. Ob
Smythe nun an akutem Hinriss litt oder nicht
wenn man diesem Mann gestattete, seinen
Plänen nachzugehen, würden sich Unheil und
Tod über das Land ausbreiten. Ganz egal ob
seine angebliche Formel nun funktionierte
oder nicht.
Einen Moment lang sah es so aus, als
wollte Smythe sich abwenden, um seine
Arbeit fortzuführen. Als hätte er seinen
Gefangenen von einem Moment auf den
anderen vergessen.
Doch dann besann er sich und wandte sich
abermals Matthew zu. Seine Lippen
verzerrten sich zu einer Grimasse.
»Ich wusste von Anbeginn, dass der Komet
einem höheren Zweck diente«, rasselte er.
»ChristopherFloyd hat mich aus der
Vergangenheit in die Zukunft geschickt, um
eine neue Epoche in der Geschichte der
Menschheit einzuläuten! Und niemand wird
mich daran hindern, Commander Drax!
Weder Sie noch die US Air Force!«
Matt verbiss sich die Anmerkung, dass es
die Luftwaffe der Vereinigten Staaten nicht
mehr gab. Er wusste nicht mal genau, ob
Smythe wirklich geistig erfasst hatte, was seit
dem Aufschlag des Kometen mit der Welt
passiert war. Sein nervöses Zucken, die
Blicke, die er ständig um sich warf, als
befürchtete er, von Meuchelmördern umringt
zu sein, sein krauses Gerede; all das sagte
ihm, dass der Mann logischen Argumenten
nicht mehr zugänglich war. Daman hatte
Recht Jacobo war ein Fluch für die Nosfera
und den Rest der Welt.
»Nun zu den Leuten, von denen Sie Daman
berichtet haben«, fuhr Smythe urplötzlich in
normalem Plauderton fort
»Diese Schweizer?«, fragte Matt
Smythe ruckte. »Wie genau sehen ihre
Pläne aus? Wie wollen sie uns betrügen?
Wollen sie uns in einen Hinterhalt locken?«
Matt räusperte sich. Reyto und seine
Galgengesichter waren sein letzter
Strohhalm. Er durfte sie nicht verraten.
Irgendwann mussten sie sich über sein
Verschwinden Gedanken machen und ihm
durch die Kellergänge nach oben folgen.
»Das habe ich nur erfunden«, log er
schnell, »nachdem ich ein Gespräch
zwischen Ihnen und Daman mitangehört
hatte.«
»Ha!«, schrie Smythe. Er stand auf, lief
hektisch eine Runde durch den Raum und
nahm seine alte Position wieder ein. »Ein
Trick, ja? Oder doch nicht?
Wenn der Lügner lügt, sagt er dann die
Wahrheit? Na, wir werden sehen ...«
Smythe bellte einen Befehl in der Sprache
der Nosfera. Zwei der Blutsauger traten vor
und nahmen hinter Matt Aufstellung. Sie
rissen ihn mitsamt dem Stuhl hoch und
schleppten ihn in einen Nebenraum, der ihn
an eine Alchimistenküche erinnerte. An den
Wänden standen Aluminiumschränke mit
wissenschaftlichen Geräten aus alter Zeit.
Matt sah Transformatoren und Gleichrichter,
Halbleiterelemente, Kupferspulen,
Widerstände und Transistoren, in Vielzahl
auf kleine Plättchen montiert Kabelständer,
Pumpen, eine fahrbare Apparatur und viele
Gegenstände, deren Verwendungszweck er
nicht einmal erahnen konnte. In der Mitte
befand sich eine Art Mikrofonständer, an
dem an einem gerippten Kabelschlauch eine
Trockenhaube befestigt war.
Smythe war ihnen gefolgt und schnarrte
eine weitere Anweisung. Eine Fackel wurde
47
entzündet. In ihrem Schein erblickte Matt ein
etwa ein Meter hohes und zwei Meter
durchmessendes Eisenrohr, das in den Boden
eingelassen war. Es war mit einem Rost
vergittert, der aber abnehmbar war. Die
Nosfera lehnten seinen Stuhl an das Rohr und
kippten ihn nach vorn, sodass er
hineinschauen konnte.
In Matt wallte Übelkeit empor, gepaart mit
eisigem Schrecken.
Unter ihm breitete sich ein Raum aus, in
dem etwas schmatzte und quiekte. Eine
riesige bleiche, stinkende Kreatur ...
Die Riesenschnecke!
Oder wenigstens ein weiterer Vertreter
dieser alptraumhaften Mischung aus
Schnecke und Hai.
Matt wurde hart zurückgerissen. Die
Nosfera schleppten ihn mitsamt dem Stuhl
vor den Ständer mit der Trockenhaube. Matts
Blick fiel hinter Smythes Rücken auf einen
riesigen Spiegel, der fast die ganze Wand
einnahm und bis zum Boden reichte. Er war
so groß wie ein Garagentor und an vielen
verschiedenen Stellen gesprungen,
»Und nun, Commander Drax«, sagte
Smythe mit einem hämischen Kichern,
während er sich so etwas wie einen aus
Fellen gebastelten Hörschutz über den Kopf
zog,
»wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht
die Wahrheit aus Ihnen heraus bekommen,
die reine Wahrheit und nichts als die
Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe...«
Er trat an ein altertümliches Grammophon
heran, drehte es auf und senkte die Nadel auf
eine alte SchellackPlatte. Eine Sekunde
später wand Matt sich in unkontrollierten
Zuckungen.
Das Grammophon spielte Mozarts Königin
der Nacht. Und die Schallwellen schienen
auf direktem Weg in sein Hirn einzudringen
und jede einzelne Ganglie in Schwingungen
zu versetzen.
»Ein wundervolles Stück!«, schwärmte
Smythe, obwohl Matthew Drax ihn längst
nicht mehr hören konnte.
»Und so überaus passend zur Situation,
meinen Sie nicht auch ...?«
Die drei Männer näherten sich vorsichtig
und lautlos der Festung, die sich finster und
kalt in den Himmel reckte, trotzdem die
Vormittagssonne immer wieder durch die
aufbrechenden Regenwolken blinzelte und
die Temperaturen in diesen Breiten jetzt im
April angenehme Grade erreichten,
Gosseyn musterte die hohen Mauern. Eine
unbestimmte Drohung schien von ihnen
auszugehen. Die Fenster darin erinnerten ihn
an gierig klaffende Mäuler.
Sie ließen das Tor links liegen und folgten
dem.
Weg zum Einstieg in die Unterwelt, den
Riva ihnen beschrieben hatte. Sie wollten
dem tapferen Fremdling zu Hilfe eilen: er,
Almar und Toono, dessen Tochter Maddrax
aus den Klauen der Blutsauger gerettet hatte.
Und sie wollten natürlich die Dorfbewohner
befreien.
»O Wudan!«, flüsterte Toono, als sie das
dornige Gebüsch zur Seite zogen und Almar
als Erster die Eisenleiter hinunterstieg. Toono
umklammerte seine Armbrust. Er hatte
sichtlich Angst. Aber da ging es Gosseyn
nicht anders. Er gab sich nur mehr Mühe, sie
nicht zu zeigen.
Er warf einen letzten Blick zurück. Auf
dem Hügel waren keine Rauchsäulen mehr
auszumachen. Riva und die anderen waren
nach Süden aufgebrochen, zu einem Ort, an
dem sie sich, wenn Wudan es wollte, bald
wieder sehen würden.
48
»Wo sind wir hier?«, flüsterte Toono
entsetzt als Almar und Gosseyn ihre Fackeln
entzündet hatten und den Schacht
erleuchteten, der sich rechts und links von
ihnen erstreckte.
»Das ist die Unterwelt«, sagte Gosseyn
schaudernd und mehr zu sich selbst. »Das
Reich der finsteren Kreaturen.«
Toono wich unwillkürlich einen Schritt
zurück, und selbst Almar, in dem das Feuer
der Jugend brannte, schüttelte sich.
»Verdammt, Gosseyn«, rügte Toono. »Mit
meinem Mut ist es ohnehin nicht zum Besten
bestellt. Stell ihn nicht auch noch mit solchen
Reden auf die Probe!«
Almar presste die Armbrust fest an sich.
»Vergesst nicht, was Maddrax über diese wie
nannte er es? Snäkke gesagt hat! Haltet die
Waffen immer bereit!«
Gosseyn spürte, dass er die Gruppe weiter
führen musste, bevor die Angst vollends nach
ihnen griff und sie umkehren ließ. Er
versuchte das Zittern seiner Stimme zu
unterdrücken, was ihm aber nicht gänzlich
gelang. »Kommt, lasst uns sehen, ob wir den
Weg in die Festung finden.«
Plötzlich spürte Gosseyn einen sanften
Luftzug auf der Wange, dann vernahm er
hinter sich ein leises schmatzendes Schleifen.
Almar fuhr herum, die Armbrust im
Anschlag.
»Vater!«, rief er. »Schau!«
Ein riesiger milchweißer Körper mit grauen
Streifen bewegte sich kriechend auf sie zu.
Toono würgte. Gosseyn sträubten sich die
Haare. Er sah einen gigantischen unförmigen
Kopf, auf dem vier armdicke Fühler zuckten.
Almar feuerte einen Bolzenpfeil ab. Er
jagte sirrend durch den Schacht und bohrte
sich mit einem dumpfen Klatschen in das
etwa dreißig Schritt entfernte Ungeheuer. Im
Hals der Bestie bildete sich rings um den
Pfeil ein violetter Fleck, dessen Umfang
zunahm, bis er den Durchmesser einer
Männerhand hatte. Ein schmatzendes
Geräusch erklang, aber die scheußliche
Kreatur wurde nicht langsamer, sondern
bewegte sich im Gegenteil mit wachsendem
Tempo auf die Männer zu.
Auch Toono feuerte einen Bolzen ab mit
derselben Wirkung.
Gosseyn deutete auf den Gang, der zu der
Tür führen musste, die Maddrax ihm
beschrieben hatte.
»Dort entlang!« Sie rannten weiter, und
Gosseyn stellte mit Genugtuung fest, dass sie
schneller waren als das Ungeheuer. Es folgte
ihnen aber, fest entschlossen, den
Eindringlingen den Garaus zu machen.
Gosseyn fand drei Treppenstufen, die zu
einer Tür führten. Sie war verschlossen, aber
auch das wussten sie aus Rivas Bericht.
Während Toono Ausschau nach dem
Schneckenmonster hielt, bearbeiteten die
beiden anderen mit Beilen das Holz der Tür.
Schnell hatten sie ein Schlupfloch
geschaffen, das gerade genügend Platz bot,
um sich hindurch zu zwängen. Sie schlüpften
in den Raum hinein; Toono folgte ihnen mit
hektischen Bewegungen.
»Ich konnte es schon hören!«, berichtete er
atemlos. »Es kommt!«
»Dann schnell!«
Bevor der riesenhafte Leib vor dem
Schlupfloch auftauchte, verließen sie den
Raum durch die zweite Tür.
Toono leuchtete mit der Fackel, und die
Männer tasteten sich durch verlassene
Räume. Ihre Blicke fielen auf seltsame Dinge
und merkwürdige Kästen mit stumpfgrauen
Fenstern. Keiner von ihnen fühlte sich wohl
in seiner Haut. Wenngleich sie jetzt nicht
mehr von den Kreaturen der Unterwelt
bedroht wurden, so konnten sie doch jeden
Moment von den Nosfera entdeckt und
angegriffen werden.
Doch der Gedanke an die Snäkke, die sich
hinter ihnen gewiss an der Tür zu schaffen
machte und sie zu sprengen versuchte, trieb
sie weiter voran. Sie stiegen über Unrat und
49
Schutt und stießen auf Berge von alten
Knochen und Schädeln.
Schließlich fanden sie eine nach oben
führende Treppe, die in einem Korridor
endete, von dem Gänge und Türen
abzweigten.
Gosseyn blieb plötzlich stehen.
»Still!«
»Was ist?«, hauchte Almar.
»Hörst du nichts?«
Vorsichtig, als könne der Boden unter
ihnen nachgeben, pirschten sie an der glatten
Mauer entlang. Als sie die nächste Tür
erreichten, hörte Gosseyn ein scharrendes
Geräusch, das ihn herumfahren ließ.
Aus den Nebengängen quollen Gestalten,
die sich im Nu um sie scharten und sie mit
ihren Waffen bedrohten. Innerhalb von
Sekunden waren die drei Männer eingekreist.
Sie blieben an der Wand stehen und starrten
mit klopfenden Herzen und zitternden Knien
auf die merkwürdige Versammlung.
»Wer seid ihr?«, fragte jemand.
Gosseyn atmete erleichtert aus. Die
Fremden sprachen im Dialekt der Suizzani.
Keine Verbündeten der Nosfera also. Toono,
der totenbleich zwischen ihm und Almar
eingekeilt war, ließ sein Schwert sinken.
Almar schaute von rechts nach links. Die
Gestalten sahen abgerissen und ungepflegt
aus. Sie wirkten zwar nicht sehr
vertrauenswürdig, aber auch nicht feindlich.
»Wir suchen unseren Freund und seinen
Begleiter«, sagte Gosseyn. »Sie heißen
Maddrax und Gholan.«
»Hier bin ich!«
Ein junger Mann trat vor, der sich als
Gholan vorstellte. Er drehte sich zu seinen
Gefährten um. »Wenn diese Männer Freunde
von Maddrax sind, können wir ihnen trauen!
Jetzt da wir wissen, dass Maddrax wirklich
ein Feind der Nosfera ist.«
Ein breitschultriger, zotteliger Mann mit
dem Gebaren eines Anführers trat vor
Gosseyn hin und stellte sich als Reyto vor.
Gosseyn erfuhr, dass diese wilde Bande mit
Maddrax zusammenarbeitete, dass er vor
Stunden aufgebrochen war, um die Festung
zu erkunden, und dass Gholan, der ihm
heimlich gefolgt war, seine Gefangennahme
beobachtet hatte. Deshalb hatten sie ihr
Versteck in der Tiefe aufgegeben und sich
unter Gholans Führung ins Parterre der
Festung begeben.
»Was ist mit den Gefangenen?«, fragte
Gosseyn. »Wisst ihr, wo sie sich befinden?«
Reyto zuckte die Achseln. »Maddrax
wollte sie suchen.« Er kniff die Augen
zusammen. »Welches Interesse habt ihr an
den ... Gefangenen?« Er vermied es im
letzten Moment, von Sklaven zu reden.
»Sie sind unsere Verwandten«, sagte
Gosseyn.»Wir sind gekommen, um sie zu
befreien.«
»Ach, wirklich?«, meinte Reyto. Die
Nachrichtschien ihn nicht sehr zu begeistern.
»Wir dürfen keine Zeit verlieren«,
unterbrach Gholan ihr Palaver. Reyto und
Gosseyn stimmten ihm zu. Außerdem hatten
sie nun keine andere Wahl mehr. Sie mussten
weiter in die Festung vorstoßen. Irgendwo
hinter ihnen hockte die Riesenschnecke, an
der sie wahrscheinlich nicht mehr
vorbeikommen würden.
Auf Reytos Befehl hin arbeiteten sie sich
die Treppe hinauf und kamen in einen
geräumigen Gang, der vor einem Vorhang
endete. Fahles Tageslicht fiel durch
verhangene Fenster in den Gang. Gosseyn
hatte zum ersten Mal Gelegenheit, sich die
Streitmacht der Suizzani genauer
anzuschauen. Es waren siebzehn Mann, mit
ihnen also zwanzig Köpfe. Ein kleines Heer,
sollte man annehmen, das einiges bewirken
konnte.
Doch zu seiner Überraschung wichen die
Suizzani plötzlich mit schreckgeweiteten
Augen zurück. Erst als ihm klar wurde, dass
sie etwas anstarrten, das sich hinter ihm
befand, fuhr er herum.
50
Er schaute genau in die durchdringenden
Augen und die knöcherne Visage eines
Blutsaugers, der den Vorhang zur Seite
gehoben hatte. Hinter ihm waren ein Dutzend
seiner Art versammelt, die Schwerter in den
Händen. Ihre Blicke verhießen nichts Gutes.
Gosseyn wich einen Schritt zurück. Es war
merkwürdig, aber plötzlich fiel alle Angst
von
ihm ab. Vielleicht hatte er aber auch schon
im Geheimen mit seinem Leben
abgeschlossen
und schöpfte daraus jetzt seine Kraft.
Das Schwert flog wie von selbst aus seiner
Scheide. Gosseyn stürmte wie ein Berserker
vor, schwang die Klinge hoch über dem Kopf
und drosch sie dem ersten Vermummten über
die Brust. Er trat dem zweiten so heftig in
den Bauch, dass dieser gegen den Türrahmen
knallte und einen weiteren mit sich riss.
Ehe die Blutsauger sich von der
Überraschung erholt hatten, war Reyto neben
Gosseyn und ließ seine Klinge kreisen. Die
Ledermänner stürzten knurrend vor. Ihre
Schwerter blitzen auf, doch nun hatte Reytos
Trupp die Schrecksekunde überwunden.
Der lange Gang hallte vom Geklirr der
Waffen wider. Reyto, der neben Gosseyn
kämpfte, mähte mit seiner schartigen Klinge
den ersten Gegner nieder. Das Knirschen
brechenden Chitins erklang, als sein
Brustpanzer gespalten wurde.
Aruula erholte sich noch von der
anstrengenden Prozedur des Lauschens, als
sie in der Ferne das Donnern von
Feuerstühlen vernahm.
Sie richtete sich auf und warf einen Blick
auf die Frauen, mit der sie die
Räumlichkeiten im obersten Stock der
Festung teilte. Die meisten schliefen, hier
und da wälzte sich jemand unter Alpträumen
unruhig hin und her und murmelte
unverständliche Worte.
Die meisten ihrer Leidensgenossinnen
waren bleich und apathisch. An ihren Hälsen
klaffen vernarbte Bisswunden. Viele wiesen
außerdem Schrammen und blaue Flecke auf;
Zeichen allzu ungestümer Gegenwehr.
Aruula wusste längst, dass sie aus einem
Dorf in der Nähe stammten. Ihre Männer
waren, so weit sie noch lebten, in der
Zimmerflucht nebenan untergebracht. Aber
es gab keine direkte Verbindung zu ihnen.
Sie erhob sich leise von ihrem Strohlager
und trat ans Fenster. Der Boden lag zehn
Mannshöhen unter ihr, und es lief ihr kalt
über den Rücken, als sie sich vorstellte, in
diese Tiefe zu stürzen.
Da fiel ihr Blick auf zahlreiche schwarze
Punkte, die sich von Süden her näherten.
Aruula schmälte die Augen. Ja, es waren
Nosfera; sie erkannte sie an ihren schwarzen
Gesichtsmasken. Außerdem fuhren einige auf
den Feuerstühlen, deren Lärm sie vorhin
schon vernommen hatte und der zunehmend
lauter wurde. Wahrscheinlich handelte es
sich um einen Trupp, der im Umland nach
Opfern gesucht hatte. Sie schienen sich zu
beeilen. Kein Wunder; es war bereits heller
Vormittag, und Aruula hatte mitbekommen,
dass die Nosfera das Tageslicht mieden.
Darum trugen sie ja auch diese ledernen
Anzüge.
Hinter Aruula knirschte ein Schlüssel im
Schloss. Sie zuckte zusammen.
War es so weit? War nun auch sie an der
Reihe, die spitzen Zähne der Nosfera in
ihrem Hals zu spüren?
Die Tür schwang auf. Drei Blutsauger
erschienen im Rahmen und schauten sich um.
Aruula wich zurück. Eine andere Gefangene
hob den Kopf und stieß einen Schrei aus, der
die anderen sofort alarmierte.
51
Die Frauen richteten sich auf und sprangen
auf die Beine,
Zwei der Vermummten nahmen tatsächlich
Kurs auf Aruula, während der dritte den
Ausgang bewachte. Als die beiden sie packen
wollten, trat
Aruula dem ersten kräftig gegen das Knie.
Als sein Schmerzensschrei aufklang, hatte sie
bereits den Arm des anderen gepackt und ihn
mit einer Drehung zu Boden gezwungen.
Das Opfer ihres Tritts erholte sich jedoch
schneller als erwartet. Erst jetzt bemerkte die
Barbarin, dass es sich um eine Frau handelte.
Sie warf sich auf Aruula.
Deren Fäuste flogen hoch und trafen die
flache Nase der wütend fauchenden
Angreiferin. Schreie und Rufe der
Gefangenen erfüllten den Raum, doch Aruula
konnte sich nicht darauf konzentrieren,
solange sie mit der Vermummten rang. Erst
als sie die Nosfera mit einem Schlag ins
Genick zu Boden geschickt hatte, machte sie
drei Namen in den aufgeregten Rufen aus:
Gosseyn, Almar und Toono.
Da fiel ihr Blick auf den offenen
Türrahmen, und sie sah, dass aus dem Mund
des dritten Nosfera Blut quoll. Seine Augen
waren weit aufgerissen, dann fiel er nach
vorn und klatschte neben ihr auf dem Boden.
Ein grauhaariger Mann mit langer Mähne zog
einen Säbel aus seinem Rücken.
Dann drängten sich zahlreiche bewaffnete
Männer in den Raum, die von den
Gefangenen freudig begrüßt wurden.
Der Grauhaarige sah sich kurz im Raum
um und wandte sich dann ihr zu. »Du musst
Aruula sein.«
»Das ist richtig«, entgegnete Aruula
verblüfft. »Aber wer «
»Ich bin Reyto«, unterbrach sie der
langmähnige Mann. »Maddrax hat mir von
dir berichtet.«
»Maddrax!« Adrenalin schoss in Aruula
Blutbahn, als sie der vertrauten Namen hörte.
»Wo ist er?«
Reyto verzog das Gesicht. »Das weiß ich
nicht. Er wurde gefangen genommen, als er
dich suchte.«
Also befand er sich immer noch in Damans
Gewalt! Aruula wusste, dass sie schnell
handeln musste, um ihren Gefährten noch zu
retten. Daman spielte ein gefährliches Spiel,
und Maddrax war sein Bauernopfer.
»Wir müssen ihn befreien, sofort!«, erklärte
sie Reyto.
Der schüttelte den Kopf. »Erst einmal
müssen wir uns gegen die Nosfera
behaupten!«, widersprach er. »Wir können
von Glück sagen, wenn es uns gelingt, die
Skla... die Gefangenen aus der Festung zu
schaffen.«
»Dann gehe ich allein!«, entschied Aruula
resolut
»Wie du willst«, entgegnete Reyto. Er
bückte sich, hob das Schwert des Blutsaugers
auf, den er vorhin durchbohrt hatte, und
reichte es der Barbarin. »Du hast großen
Mut, Aruula«, sagte er anerkennend. »Ich
werde versuchen, so bald als möglich zu dir
zu stoßen. Viel Glück!«
Aruula nickte knapp und drängte zum
Ausgang. Sie tröstete sich mit der Einsicht,
dass es so wahrscheinlich am besten war. Ein
einzelner Kämpfer mochte weiter unbemerkt
in die Festung des Blutes vorstoßen als eine
ganze Gruppe.
Lautlos tauchte sie in die Schatten des
Ganges ...
Wie ein gefangener Tiger schritt Daman in
seinem Quartier auf und ab. Wut und Ärger
erfüllten sein Denken. Nicht nur, dass der
Plan, Jacobo in einen Hinterhalt zu locken,
fehlgeschlagen war er hatte zudem eine
erneute Demütigung hinnehmen müssen und
konnte von Glück sagen, dass sein
52
Ränkespiel nicht durchschaut worden war.
Kein Zweifel: Jacobo kannte diesen
Maddrax. Und er hasste ihn. Nun, vielleicht
war noch nicht alles verloren.
Wenn Maddrax den Herrscher so gut
kannte, wusste er vielleicht auch um dessen
Schwachstellen.
Er, Daman, musste versuchen, noch einmal
mit ihm zu sprechen...
Damans intrigante Gedanken kamen ins
Stocken, als Motorengedröhn an seine Ohren
drang. Eilig verließ er sein Quartier, um die
Heimkehrer zu begrüßen. Doch er hatte den
Korridor kaum betreten, als er sich anderer
Geräusche bewusst wurde: fernes
Schwerterklirren, Schreie, das Poltern von
Stiefeln auf steinernem Boden.
Daman erfasste sofort, was geschehen war:
Die Suizzani, von denen Maddrax
gesprochen hatte, waren in die Festung
eingedrungen!
Unter normalen Umständen hätte sich
Daman mit aller Kraft gegen sie zur Wehr
gesetzt. Doch die Umstände waren nicht
normal.
Daman beschloss die Invasion für seine
Zwecke zu nutzen. Während einer Schlacht,
hatte sein Vater gesagt, gab es die besten
Möglichkeiten, sich auch seiner Feinde in
den eigenen Reihen zu entledigen.
Daman eilte in sein Quartier zurück,
bewaffnete sich mit dem prächtigen Schwert,
das er der schwarzhaarigen Barbarin
abgenommen hatte, und machte sich eilig
zum Blutsaal auf. Von dort zweigte die
Kammer ab, in der Jacobo vor den Riten
seine Kutte anlegte. Und von dieser Kammer
aus, das wusste Daman als früherer
Herrscher, führte ein Geheimgang in Jacobos
Gemächer und zu dem Laboor, in dem er
seine Experimente durchführte.
Daman hatte großes Glück, dass ihm auf
dem Weg zum Blutsaal niemand begegnete.
Er hätte Probleme gehabt zu erklären, warum
er in die falsche Richtung lief, weg von
Schlachtenlärm.
Als er die Tür des Saales öffnete und sich
umschaute, bemerkt er sofort, dass etwas
nicht stimmte.
Zwei seiner Untertanen lagen enthauptet
vor dem Altar!
Daman kam nicht mehr dazu, den
Schrecken zu überwinden. Ein Schatten flog
von der Seite auf ihn zu, und einen
Sekundenbruchteil später spürte er eine
scharfe Klinge an seiner Kehle.
»Schau an, wen haben wir denn da?«,
zischte eine Stimme, die er sehr wohl kannte.
Und die ihm augenblicklich den Schweiß aus
allen Poren getrieben hätte wenn die Nosfera
des Schwitzens fähig gewesen wären. Die
Barbarin! Wie kam sie hierher?
»Deine Leute waren leider nicht sehr
mitteilsam«, fuhr Aruula fort und deutete mit
dem Kinn auf die entseelten Leiber. »Du
weißt also, was dich erwartet, wenn du meine
Frage nicht beantwortest...«
Daman wusste es. Und darum setzte er
alles auf eine Karte. Er warf sich zur Seite
und griff gleichzeitig zu seinem Schwert.
Seine Hand hatte sich noch nicht ganz um
den Knauf geschlossen, als die Strafe folgte.
Aruulas Stiefelspitze zuckte vor und traf ihn
genau dort, wo es einem Mann ganz
besonders weh tat. Keuchend brach Daman
in die Knie.
»Elender Dieb«, fauchte die junge Frau mit
zornig blitzenden Augen, als sie sah, wessen
Waffe er gerade hatte ziehen wollen. Daman
war noch nicht fähig, sich zu rühren, als sie
ihm das Schwert entriss und die Spitze an
seinen Hals drückte. »Also höre meine Frage
... und je schneller du sie beantwortest, desto
länger lasse ich dich leben ...«
53
Professor Dr. Smythe hockte hinter einem
Schreibtisch. Er trug nun statt seiner Kutte
einen weißen Kittel und wirkte darin fast wie
ein Arzt. Dr. Frankenstein, zum Beispiel.
Oder Dr. Mabuse ... Die Gläser seiner Brille
spiegelten das Licht einiger nackter
Glühbirnen wider, die in primitiven
Halterungen an den Wänden steckten. Er
belauerte Matt wie eine Schlange ihr Opfer.
»Warum nur«, sinnierte Smythe, »wurde
Drax dieselbe Ehre zuteil wie mir? Warum
hat CristopherFloyd auch ihn in die Zukunft
geschickt?« Er trommelte mit den Fingern
auf die Tischplatte. »Weil ich einen
ebenbürtigen Gegner brauche, um meiner
Macht bewusst zu werden? Aber warum war
es dann so leicht, ihn zu fassen ...?«
Matt hing gefesselt in dem Foltersessel.
Sein Hirn dröhnte noch immer wie ein
Brummkreisel, der fortwährend die >Königin
der Nacht< abspielte. So schön Mozarts Oper
auch war, Matt fürchtete, sie nie wieder aus
seinem Kopf verbannen zu können.
Er versuchte an andere Dinge zu denken –
und kam vom Regen in die Traufe. Aruula!
Auch sie war in der Gewalt dieses Irren. Was
würde Smythe mit ihr anstellen? Es würgte
Matthew in der Kehle, wenn er nur daran
dachte.
Links und rechts neben ihm standen
regungslos die beiden Wächter. Sie glotzten
Smythe erwartungsvoll an, offensichtlich
fasziniert von seinem fremdartigen
Geschwafel, das sie zweifellos für das Idiom
der finsteren Götter hielten.
»Wenn die Finsternis die Erde erobert und
ein neues dunkles Zeitalter herbeiführt«, fuhr
Smythe im Tonfall eines Dozenten fort, »darf
man in der Wahl seiner Mittel nicht
zimperlich sein. Wer sich weigert, seine
Seele der Finsternis zu verschreiben, muss zu
seinem Glück gezwungen werden.«
Er stand von seinem Schreibtisch auf und
kam langsam auf Matthew zu. Ein Grinsen
verzerrte seine Mundwinkel. »Ich weiß jetzt,
warum Sie hier sind, Commander Drax: als
mein Verbündeter! Sie
wissen es nur noch nicht. Aber wenn Sie
nach der Behandlung wieder zu sich
kommen, werden Sie ein Verfechter des
Bösen sein, verlassen Sie sich darauf.«
»Ach wirklich?«, fragte Matt in einem
Anflug von Galgenhumor. »Und wie ist die
Bezahlung? Darüber sollten wir noch reden,
ich meine, wenn ich mich beruflich derart
verändern soll...«
»Schweigen Sie!«, donnerte Smythe.
»Werden Sie sich lieber der Erhabenheit des
Augenblicks bewusst! Schließlich ist dies
mein erster Eingriff dieser Art.« Er griff in
eine Tasche seines Kittels und zog einen
schmalen silbernen Gegenstand hervor.
Matt gefror das Blut in den Adern, als er
das Ding erkannte.
Es war ein leicht angerostetes chirurgisches
Skalpell!
»Und nun entspannen Sie sich«, sagte
Smythe in geradezu freundlichem Tonfall.
»Es wird anfangs ein kleines bisschen weh
tun aber nachdem ich Ihr Schmerzzentrum
isoliert habe, spüren Sie rein gar nichts mehr.
Sie können mir vertrauen ...«
Im Würgegriff Aruulas taumelte Daman
durch den geheimen Gang, der zu Jacobos
Gemächern führte. Sein Herz war voller Hass
auf die schwarzhaarige Barbarin, die ihm
körperlich überlegen war, aber gleichzeitig
erfüllt von der Hoffnung, dass sie vollenden
mochte, was ihm nicht gelungen war: Jacobo
zu töten. Die Frage war nur: Konnte er noch
54
einen Nutzen daraus ziehen? Oder würde sie
ihn gleichfalls umbringen?
Der Lärm der hinter ihnen tobenden
Schlacht wurde vom Getöse der Baiiks
unterbrochen, die nun, das hörte Daman ganz
deutlich, in den Innenhof
gerast kamen. Die Heimkehrer würden zu
spät kommen, um ihn vor der Barbarin zu
retten.
Damans lederartige Lippen bebten, als er
sich an der Wand entlang tastete und mit
zitternden Knien die Tür am Ende des
Ganges öffnete.
Sie gelangten in das Zimmer, in dem
Jacobos Schätze untergebracht waren; Dinge,
deren Sinn Daman nur in wenigen Fällen
überhaupt begriff. Die gegenüberliegende
Wand wurde von einer gewaltigen
Glasscheibe eingenommen. In dem Raum
dahinter saß in einem wuchtigen Stuhl der
blonde Mann, den Daman als Gholan
kennengelernt hatte. Aruula hatte ihm gesagt,
dass er in Wahrheit Maddrax hieß.
Jacobo stand vor ihm. Seine Kapuze war
zurückgeschlagen. Sein Gesicht war fahl und
bleich. Daman sah die eigenartigen
Glasaugen, mit denen er vermutlich die
dunklen Götter schaute. In seinen Händen
blitzte ein seltsam dünnes Messer auf.
Die schwarzhaarige Barbarin stieß einen
Fluch aus und suchte nach einer Deckung,
bevor Jacobo sie sehen musste.
Daman grinste wider Willen. Die Furie
mochte stark und wild sein, aber intelligent
war sie deshalb noch lange nicht Schon
fühlte er wieder einen Hauch von
Überlegenheit in sich aufsteigen.
»Sie können uns nicht sehen«, ächzte er
unter ihrem Griff, als sie ihn mit sich zerrte.
»Von der anderen Seite ist das Glas ein
Spiegel!«
Die Barbarin stieß einen erstaunten Laut
aus und verhielt in ihrem Schritt. Noch etwas
misstrauisch wagte sie sich näher an die
Scheibe heran, doch auch jetzt nahm Jacobo
von ihr keinerlei Notiz. Es schien also zu
stimmen, was Daman sagte.
Sie löste ihren Arm von seinem Hals aber
nur, um im nächsten Moment mit der linken
Hand in
seine Kehle zu greifen. Daman spürte, wie
sein Kehlkopf schmerzhaft zuckte. Er wagte
sich nicht zu bewegen.
Aruula überlegte fieberhaft. Natürlich
konnte sie mit einem der Gegenstände hier
die Scheibe zerschlagen, um in die
Folterkammer zu gelangen. Doch der Stuhl
mit Maddrax darauf stand gut zwölf,
dreizehn Schritte entfernt. Es wäre Jacobo
ein Leichtes, dem Leben ihres Gefährten mit
dem Messer ein Ende zu setzen, noch bevor
sie ihn erreichte. Was sie brauchte, war ein
Auftritt, der Jacobo so erschreckte, dass sie
genügend Zeit gewann,
Aruula sah sich um und wies dann auf das
an eine Wand gelehnte Baaik, das Jacobo für
sich selbst zusammengesetzt hatte. »Kannst
du den Feuerstuhl bedienen?«, fragte sie.
Daman nickte automatisch. Gleichzeitig
begriff er, dass sich seine Situation
grundlegend verbessert hatte. Nun brauchte
die Barbarin ihn und sein Wissen! Und daran
konnte er, wenn er es geschickt anstellte,
Forderungen knüpfen!
Er ächzte schwer, bis Aruula den Griff um
seine Kehle lockerte. Dann hauchte er: »Ich
werde dir helfen, Barbarin wenn wir zuvor
ein Bündnis schließen!«
Aruulas Augen verengten sich
misstrauisch. »Was für ein Bündnis?«,
zischte sie.
Daman räusperte sich. »Ich will Jacobos
Tod«, erklärte er, »und du willst deinen
Gefährten. Ich helfe dir, wenn du für mich
Jacobo beseitigst.«
Aruula blieb nicht viel Zeit zum Überlegen.
Gerade beugte sich Jacobo über Maddrax und
schien zu überlegen, wo er das Messer am
besten ansetzte.
55
»Gut«, willigte sie ein. »Erwecke den
Feuerstuhl und durchbrich die Scheibe damit.
Ich kümmere mich um Jacobo!«
Im gleichen Augenblick, in dem Jacob
Smythe das Skalpell auf Matthew Drax‘
Schläfe setzte, röhrte ganz in der Nähe ein
Motor auf. Smythe hielt verdutzt inne.
Im nächsten Moment schien die Welt in
Myriaden Einzelteile zu zersplittern. Ein
Scherbenregen ergoss sich wie in einer
Explosion in das Labor.
Matt zuckte unwillkürlich zusammen und
war geistesgegenwärtig genug, den Kopf zur
Seite zu reißen. Der Druck des
Chirurgenmessers verschwand von seiner
Schläfe. Die Ereignisse überschlugen sich.
Der Irre schrie auf. Die beiden Nosfera
fuhren herum. Inmitten des Scherbenregens
platzte ein schweres Motorrad mit lautem
Gebrüll durch den riesigen Spiegel hinter
Smythe. Wie in einer Vision sah Matt
Aruulas blauschwarze Mähne und die lange
wirbelnde Klinge in ihrer rechten Hand. Vor
ihr im Sattel saß Daman, wie ein Rocker aus
alter Zeit tief über den Lenker gebeugt
Smythe schrie abermals auf, war aber zu
perplex, um gezielt zu reagieren. Aruulas
Schwert sirrte durch die Luft und köpfte mit
einem Schlag den ersten der Wächter.
Jetzt duckte sich Smythe, ließ das Skalpell
fallen und griff an seinen Gürtet um den
Elektroschocker zu ziehen.
Das Bike rutschte über Tausende von
Glassplittern. Daman verlor die Gewalt über
die Maschine. Sie legte sich flach, krachte
mit dem Tank gegen einen Labortisch und
zerdepperte Dutzende mit irgendwelchen
Flüssigkeiten gefüllte Glasbehälter.
Gelbgrüner Nebel und Schwefelgestank
breiteten sich aus.
Aruula, die vor Damans Sturz abgesprungen
war, kreuzte inzwischen die Klinge
mit Smythes zweitem Helfer.
Matt riss an seinen Fesseln, während sich
Smythe den Kämpfenden näherte und den
Elektroschocker auf Aruula richtete.
Doch statt die erwarteten 300.000 Volt
auszuspucken, machte das Gerät nur Bsssss.
Die Batterie war leer!
Smythe schrie vor Entsetzen auf.
Im gleichen Moment zerrte etwas an
seinem Kittel. Er sah hinab und gewahrte
Daman, der sich, noch benommen von dem
Sturz, an ihn klammerte.
»Elender Kretin!« brüllte Smythe und trat
nach seinem Vasall.
Im gleichen Moment querte Aruulas Klinge
den Hals ihres Widersachers, der mit einem
Todesröcheln zu Boden ging. Eine Sekunde
später war sie bei Maddrax und zertrennte
mit gekonnten Hieben seine Fesseln,
Matt schnappte sich ein am Boden
liegendes Schwert.
Durch die offene Tür des Nebenraums
drangen jetzt Schreie, Flüche und
Waffengeklirr an seine Ohren. Irgendwo
ganz in der Nähe schien eine wilde Schlacht
zu toben. Aruula sagte nur »Reyto und
Gosseyn«, und er verstand.
Smythe wehrte sich währenddessen gegen
den wie tollwütig an seinem Kittel zerrenden
Daman. Doch seine Tritte und wirbelnden
Fäuste zeigten nur wenig Wirkung. Daman
hatte sich so sehr in seinen Hass auf den
Thronräuber verbohrt, dass er kaum noch
Schmerzen empfand.
In diesem Augenblick erkannte Smythe,
dass Commander Drax frei war. Ein
Irrlichtern trat in seine Augen. Die Panik
verlieh ihm übermenschliche Kräfte.
Mit einem brutalen Tritt gelang es ihm,
Daman
56
abzuschütteln. Mit ausholenden Sätzen lief
er durch das Labor, auf das aus dem Boden
ragenden Rohr zu .
Als Matt und Aruula die Verfolgung
aufnahmen, hantierte er mit fliegenden
Fingern am Riegel der Abdeckung und
klappte sie zurück. Daman hechtete hinter
ihm her, glitt auf dem Bauch über den Boden
und schlang seine Arme um die Füße seines
verhassten Herrn, der in höchster Not
aufschrie. Ein weiterer Tritt traf Damans
Kopf, und diesmal brach er ihm das Genick
Smythe schwang die Beine über den Rand
des Schachtes, warf einen Blick in die Tiefe
und stürzte sich mit einem schrillen Lachen
hinab.
»Nein!«
Matts Schrei änderte nichts mehr. Professor
Dr. Jacob Smythe hatte sich in den Tod
gestürzt. Matt zweifelte nicht daran, dass er
gegen die mutierte Schnecke, die dort unten
lauerte, keine Chance hatte.
Aruula packte seinen Arm.
»Lass uns fliehen, Maddrax!
Sofort!«
»Moment noch ...«
Matt schaute sich hastig um. In den
Wochen seines Hierseins hatte Smythe Dinge
zusammengetragen und technische Geräte
instand gesetzt, die ihm bei seiner Odyssee
durch diese fremdartige Welt sehr hilfreich
sein konnten.
Aber er kam nicht mehr dazu, all diese
Schätze zu sichten. Einige der verschütteten
Chemikalien hatten miteinander reagiert.
Erste Flämmchen flackerten und betäubender
Rauch breitete sich im Raum aus.
»Komm!«, drängte Aruula. »Gefahr!« Das
Feuer griff rasend schnell um sich. Trotzdem
war Matt noch für Sekunden hin und
hergerissen zwischen Flucht und Hierblieben.
Doch schließlich siegte die Vernunft. Er
wuchtete das Motorrad vom Boden hoch,
schwang sich in den Sattel, trat den Starter
durch und registrierte zufrieden, dass der
Motor sofort ansprang.
Er brauchte Aruula nicht zu bitten. Sie
setzte sich mit dem Schwert in der Hand
hinter ihn, und er steuerte das Motorrad
geschickt durch den Gang, der zurück in den
Blutsaal führte.
Dort lagen die ausgestreckten Leichen
einiger Nosfera, und auch zwei Suizzani
hatten hier ihr Leben gelassen. Reyto war
aber nicht darunter.
Der Kampf hatte sich offenbar in andere
Bereiche der Festung verlagert, denn als
Matthew durch einen Korridor in Richtung
Treppenhaus fuhr, begegnete ihnen keine
lebende Seele.
Matt hatte vorgehabt, mit dem Motorrad
die Stufen hinab zu hoppeln. Doch als er die
Treppe erreichte, sah er den Grund für die
Truppenverlegung: In der etwa vierzig
Quadratmeter großen Eingangshalle wälzte
sich der elefantengroße Leib einer weißen
Schnecke. Das Tier musste den Weg aus den
Kellerräumen nach oben gefunden haben und
machte nun reiche Beute. Die zappelnden
Beine eines Blutsaugers ragten aus ihrem
schleimigen Maul, während ein halbes
Dutzend Ledermänner von allen Seiten mit
Schwertern, Spießen und Äxten auf das
Ungetüm einschlugen.
Von den Suizzani war außer einem am
Boden liegenden Toten niemand mehr zu
sehen. Matt nahm an, dass sie mit den
befreiten Dorfbewohnern durch den Keller
ins Freie entkommen waren.
Die Vermummten waren so mit der
Riesenschnecke beschäftigt, dass sie das
Gedröhn der Maschine nicht wahrnahmen.
Aber damit war noch nichts gewonnen.
57
Wie sollte Matt an der Kreatur und den
Nosfera vorbei kommen? Der Weg die
Treppe hinab war jedenfalls versperrt.
Er drehte die Maschine und raste eine
Galerie entlang, die den Raum umkreiste. Als
er unter sich einen massiven Holztisch sah,
stoppte Matt. An dieser Stelle war das
steinerne Geländer der Galerie zerbrochen;
die maroden Reste würden der Wucht des
Motorrades nicht standhalten. Und der Tisch
ergab eine gute Landeplattform. Von dort
war der Weg zum Hauptportal frei.
Matt überlegte nicht lange und gab Gas,
bevor ihm die Stimme der Vernunft
zuflüstern konnte, dass er hier ein
selbstmörderisches Spiel trieb.
»Festhalten!«
Er duckte sich. Das Motorrad schoss voran,
durchbrach das Geländer und flog in einem
Regen aus Staub und Gesteinssplitter in die
Halle hinab. Die umstehenden Nosfera
wurden völlig überrascht. Einige brachten
sich mit einem weiten Satz in Sicherheit,
doch zwei der Blutsauger wurde die
aufbrüllende Maschine zum Schicksal.
Dann bekam das Hinterrad Bodenhaftung.
Der Ruck der Landung presste Matt und
Aruula tief in den Sattel aber die Maschine
hielt der Belastung stand.
Matt gab Gas. Schlingernd und mit
qualmenden Reifen visierte er die Pforte an.
Dann waren sie im Freien, und die Reifen
durchpflügten den Lehmboden. Im Innenhof
lagen mindestens zwanzig Motorräder im
Dreck. Matt musste abbremsen, um sich
einen Weg zwischen den Bikes zu bahnen.
Da ertönte über ihnen eine gewaltige
Explosion.Im obersten Stock der Festung
flogen die Fenster aus den Rahmen, und
lange Flammen fuhren zum Himmel empor.
Offenbar waren die Treibstoffvorräte
explodiert.
Matt sah sich um. Keiner der Blutsauger
folgte ihnen. Das war gut so, denn er hatte
noch etwas zu erledigen.
Auf der anderen Seite des Hofes stoppte er
vor dem Treppenabstieg, durch den Gholan
und er vor einigen Stunden in die Feste
eingedrungen waren, »Warte hier; ich bin
gleich zurück!« wies er Aruula an, stieg ab
und hastete die Stufen hinab.
Der Generatorenraum lag verlassen da.
Matt hielt sich nicht damit auf, nach
brauchbaren Dingen zu suchen. Sein Ziel war
das Schränkchen, in dem er seine Ausrüstung
verstaut hatte. Er raffte Uniform, Pistole,
Feldstecher und Messer zusammen, machte
kehrt und eilte wieder nach oben.
Keine Sekunde zu früh! Aus dem
Hauptportal quollen die ersten Nosfera und
deuteten zu ihm und Aruula hinüber. Aber sie
hatten keine Chance mehr, sie zu erreichen.
Matt hob die Beretta, zielte sorgsam und
jagte einen einzelnen Schuss aus dem Lauf.
Mehr war auch nicht nötig. Die Kugel
durchfetzte funkenschlagend den Tank eines
der zwanzig Motorräder und setzte das
hervorsprudelnde Benzin in Brand, Sekunden
später stieg ein Feuerpilz zum Himmel, und
die Hitzewelle der Explosion waberte über
den Hof.
Matthew drückte seiner Gefährtin das
Bündel in die Hände. Er schwang sich in den
Sattel, richtete die Maschine auf das offene
Tor aus und gab Gas.
Chaos und Feuer breiteten sich hinter ihnen
aus. Vor sich erkannten sie etliche
davonhastende Gestalten, die in Richtung des
Dorfes strebten. Gott, beziehungsweise
Wudan sei Dank: Gosseyn und seine Sippe
waren entkommen! Und es sah nicht danach
aus, als ob die Männer aus Suizza viel Erfolg
dabei haben würden, sie in die Sklaverei zu
verschleppen.
Als Matt in sicherer Entfernung zur
Festung anhielt, brach die Sonne durch die
Regenwolken und badete die düstere Festung
in ihrem goldenen Licht. Eben gellte eine
neue Explosion auf, eine von vielen, die noch
folgen würden.
58
Matthew Drax schaute nicht mehr zurück,
als er Kurs auf das Dorf nahm. Er freute sich
darauf, Gosseyn, Riva, Gholan und die
anderen wiederzusehen. Morgen oder
übermorgen würden sie dann wieder gen
Norden aufbrechen.
In dieser Festung des Blutes hatte Matt ein
weiteres Mitglied der DreierStaffel gefunden,
und wie- der war die Begegnung ganz anders
abgelaufen, als er gehofft hatte. In Rom
hatten teuflische Drogen Irvin Chester zu
einem hirnlosen Muskelberg gemacht, Jacob
Smythe war dem Wahnsinn verfallen ... wie
würde seine Suche nach Lieutenant Hank
Williams da wohl enden?
Matt fühlte einen kalten Schauer über
seinen Rücken laufen. Doch gleichzeitig
spürte er Aruulas Nähe. Sie gab ihm
Zuversicht. Solange er lebte, war noch nicht
alles verloren ...
ENDE
59
Die Leserstory
Airport 2012
von Kadir Özdemir
(mailto:Hexenzirkel@gmx.de)
Laetitia schaute aus dem runden Fenster der Boeing 747-200. Nicht das Geringste zu sehen
von "Christopher-Floyd". Sie unterdrückte ein Gähnen und schaute dann erneut in die Runde.
Da waren sie alle: Alain Lambert, der Konservenmillionär, und seine derzeitige Geliebte
Estha Marwell, die schlimmste Klatschbase aller Zeiten und eine gefürchtete Kolumnistin.
Neben ihr stand Leopold Storm, der Autor von Die Vitalienbrüder. Mit seinem
anspruchsvollen Historienroman hatte der Deutsche nicht nur die hochkritischen
Literatenkreise beeindruckt, sondern auch einen kommerziellen Hit gelandet. Stella Steel
schlürfte neben ihm ihren Champagner. Obwohl die kapriziöse Schauspielerin ihn nicht leiden
konnte, hatte sie sich heute, am 8. Februar 2012 bei ihm eingehakt. Alle Gäste hatten einen
Halbkreis um Andrew White, dem Prediger, und Elisabeth, Laetitias Mutter, gebildet.
Elisabeth war eine der Ersten, die sich dem Prediger angeschlossen hatten. Andrew glaubte
nicht an die übertriebenen Computersimulationen, die die Fernsehanstalten aller Welt
andauernd zeigten. Milliarden von Toten, Flutwellen und Eiszeit... Eiszeit! Herrgott, was für
ein Unsinn! Nach Andrews Meinung diente Christopher-Floyd nur dazu, eine geheime
internationale Verschwörung zu verschleiern.
Elisabeth lächelte. Wenn dieser Komet wirklich so gefährlich für die Erde war, warum
brachten sie ihn dann nicht einfach vom Kurs ab? Schließlich hatte man in etlichen Filmen
gesehen, wie das zu bewerkstelligen war.
Laetitia schaute auf die Uhr: 16:29. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum in aller Welt
sie sich von ihrer Mutter zu diesem mehr als unvernünftigen Ausflug hatte überreden lassen.
Ihre Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, ihren Guru nach Canberra zu begleiten, wo er zu
seiner Anhängerschaft sprechen wollte.
Plötzlich wurde die Boeing heftig durchgerüttelt. Laetitia verlor ihr Martiniglas und fiel auf
die Knie. Im gleichen Moment stürzte Estha Marwell und schlug mit dem Kopf hart auf den
Boden. Elisabeth krallte sich an Andrew fest, der wiederum seinen Sitz umklammerte.
Laetitia erholte sich als Erste von dem Schock, schaute aus dem Fenster – und erstarrte vor
Schreck. Sie konnte nun den Kometen mit bloßem Auge erkennen, eine infernalische
Feuersbrunst, die mit wahnsinniger Geschwindigkeit heranraste. Eine glühende Feuerkugel,
innen blendend hell und an der Spitze von getrübtem Orange.
Je näher der Komet kam, desto mehr verwandelte sich dieser Orangeton in ein glühendes
Blutrot. Und gleichzeitig erreichte sie ein ohrenbetäubendes Rauschen, das jede Sekunde lauter
wurde und ihren Kopf zu sprengen drohte.
Die Boeing wurde wie eine Nussschale in einem stürmenden Ozean geschüttelt. Laetitia
schlug mit dem Kopf gegen eine Fensterscheibe und sank zu Boden. Da, wo ihr Kopf gegen
die Scheibe geprallt war, hinterließ sie eine blutige Spur...
Stille.
60
Laetitia riss die Augen auf und sah nur Dunkelheit um sich. Sie schnappte verzweifelt nach
Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Eine schwere Last lag auf ihrem Gesicht und erstickte
sie langsam.
Laetitia versuchte sich aufzurappeln, die Last wegzustoßen, und stellte fest, dass jede
Bewegung ihr unvorstellbare Schmerzen bereitete. Mit ihren letzten Kraftreserven schaffte sie
es, das Ding von ihrem Gesicht wegzuzerren. Gierig sog sie die kalte Luft ein und wurde
prompt von einem Hustenanfall geschüttelt.
Als sie sich ein bisschen erholt hatte, drehte sie unter Schmerzen ihren Hals und schaute sich
nach dem Ding um. Es war der leblose Körper des Konservenmillionärs. Sein Kopf war zu ihr
hingewandt, so dass sie direkt in seine toten Augen blickte. Sie versuchte zu schreien, doch
kein Laut entrang sich ihren Lippen.
Alains Gesicht war von seinem eigenen Blut Rot gefärbt. Wo sich seine Nase befunden hatte,
klafften nun zwei fleischige Löcher. Sein weit aufgerissener Mund war zu einem Brunnen
seines eigenen Blutes geworden.
Was zum Teufel ist geschehen?, fragte sie sich. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte,
war das Feuer, das der Himmel ausgespuckt hatte. Das Flugzeug musste abgestürzt sein. Aber
warum war es so dunkel? Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Was war mit den anderen?
Waren auch sie... O Gott, Mutter!
Laetitia rappelte sich trotz der Schmerzen auf die Beine, um nach den Anderen zu sehen. Die
Boeing war nur noch ein toter Vogel, dem man den Bauch aufgeschlitzt hatte. Jetzt, als sie auf
den Beinen stand, konnte sie auf ihrer rechten Seite in einen sternenlosen Nachthimmel hinauf
schauen. Etwas bewegte sich zwei Schritte vor ihr. Laetitias Herz machte einen Sprung, als sie
sich der Bewegung näherte. Es war ein Bein, das unter einem Zweisitzer hervor schaute. Der
restliche Körper war unter dem Sessel vergraben.
Noch bevor Laetitia irgendetwas unternehmen konnte, hörte sie ein bedrohliches Knurren.
Und in der nächsten Sekunde tauchte in der klaffenden Wunde der Boeing ein zotteliges,
hundeähnliches Wesen auf. Es fletschte die Zähne und Speichel tropfte ihm aus dem Maul,
während seine gelben Augen sie fixierten.
Ein Dingo!, schoss es Laetitia durch den Kopf. Doch seit wann waren Dingos so groß und
hatten solche Reißzähne?
Sie kam nicht mehr dazu, sich weitere Gedanken zu machen, denn im nächsten Augenblick
zogen sich die Lefzen des vermeintlichen Dingos zurück und die Taratze sprang auf sie zu...
ENDE
61
In der weissen Hölle
Mit einer fliegenden Riesenameise wollen Matt und Aruula die Alpen
überwinden, doch das Tier verendet und sie sitzen unter dem Gipfel fest.
Dort erleben sie mit, wie ein affenartiges Monstrum Soldaten jagt. Es ist der
Narka-to, der die Bewohner eines
Dorfes beschützt, die hier oben eine
heiße, heilkräftige Quelle behüten.
General Alcam will dieses
Machtmittel an sich bringen - und der
Narka-to starb vor einigen Tagen!
Die Dörfler haben ihn durch eine
Attrappe ersetzt. Bevor man den
Schwindel durchschaut, entwickelt Matt
einen Plan, das Dorf zu retten.
Nicht zuletzt, weil Alcam ihn und
Aruula getäuscht und für seine Pläne
benutzt hat.
2
“gescanned by Waldschrat“
“bearbeitet von Tecko“
Band 5
Festung des Blutes
Margoa war eine hübsche Frau mit blonden Locken.
Ihr Alter kannte sie nicht genau. Einige Nordmänner
auf der Flucht vor dem Gesetz hatten sie
als Kind für einen Sack Mehl an den Vater ihres
jetzigen Gatten verkauft.
Sie schätzte sich auf neununddreißig Winter.
Vielleicht waren es auch zwei oder drei weniger.
Sie klapperte in der Küche ihres Hauses mit Tiegeln
und Pfannen, als sie nebenan leise Schritte hörte.
»Almar?«, rief sie, ohne sich umzudrehen.»Bist du schon
auf?« Ihr Sohn war erst gegen Mittag zu Bett gegangen,
denn er hatte sich die Nacht mit seinen Freunden um die
Ohren geschlagen, um wildernde Andronen zu jagen…
3
Doch Almar antwortete nicht. Stattdessen
verharrten die Schritte.
Margoa arbeitete weiter. Vielleicht war es
auch ihr Gemahl Gosseyn. Er war manchmal
etwas geistesabwesend. Bestimmt hatte er sie
nicht gehört.»Gosseyn?«, fragte sie. »Bist du
es?«
Erst als die Schritte unmittelbar hinter ihr
erklangen, drehte sie sich um. Die Pfanne,
die sie gerade abspülte, entfiel ihren Händen.
Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.
Das Wesen, auf das ihr Blick fiel, war eine
knochige Gestalt in eng anliegender
Kleidung. Pechschwarzes, grob
zusammengenähtes Leder umhüllte sie fast
vollständig, auch ihren Kopf bis auf die
Augen, die Margoa tückisch musterten.
Der Fremdling hatte weder ein Gesicht
noch eine ausgebildete Nase. Dort, wo die
Nasenlöcher und der Mund lagen, wies die
Ledermaske schmale Schlitze auf, die das
Atmen ermöglichten.
Sein Mund öffnete sich. Eine schwarze
Zunge fuhrgenüsslich über halbverwest
wirkende Lippen
Margoa schrie. Sie brüllte mit der ganzen
Kraft ihrer Lunge, doch schon Sekunden
später endete ihr Schrei abrupt. Als sie
spürte, wie kalte harte Finger ihren Hals
packten. Ein hysterisches Kichern drang aus
der Kehle des Eindringlings. Nun erst sah
Margoa, dass das Wesen weiblich war.
»F‘taghn r‘lyee«, knurrte es. Und drückte
noch fester zu.
Margoas Hände flogen wie die Fangarme
eines verendenden Kraak durch die Luft. Es
wunderte sie, dass sie tatsächlich etwas zu
fassen bekam: ein langes gezacktes
Brotmesser. Sie riss es mit letzter Krafthoch
und stieß es direkt in den Brustkorb der
Vermummten, die sie mit einem fast
wollüstig lauernden Blick beobachtete, als sie
ihr die Luft abschnürte.
Die Klinge stieß gegen etwas Hartes.
Knirsch. Dann brach sie ab. Margoa verlor
den Boden unter den Füßen und hauchte
lautlos ihr Leben aus.
Die vermummte Gestalt ließ die Leiche mit
einem verächtlichen Knurren zu Boden
sinken und schaute sich schnüffelnd um. Mit
eiligen Schritten näherte sie sich einer
Pfanne, in der ein rohes Stück Fleisch lag.
Sie roch Blut und stöhnte in unmenschlichem
Tonfall auf. Wie in einem Fieberanfall rissen
ihre dürren Klauen Fetzen aus dem Fleisch
und stopften es durch den Mundschlitz der
Maske. Blut rann an dem schwarzen Leder
hinab.
Dann drehte das Wesen sich um. Sein Blick
verharrte auf Margoas hellem Hals, und es
schüttelte sich in unverhohlener Gier.
Die schneebedeckten Berghänge der
südlichen Alpen türmten sich am fernen
Horizont. Schroffes Gestein aller
Schattierungen von Schwefelgelb bis
Rosenrot ragte hinter den Ruinen Mailands
auf. Ein dichter Wald umschloss das Land
wie ein finsterer Gürtel.
Matt Drax seufzte, als sein Blick auf das
fiel, was von der alten Stadt übrig geblieben
war. Er fragte sich, wie die Universitäten,
Hochschulen, Akademien und Museen wohl
heute aussehen mochten. Vor einigen Jahren
{Jahrhunderten?} hatte er im Deutschen
Fernsehen eine TV-Dokumentation über die
Stadt gesehen. Er erinnerte sich noch gut an
den alten gotischen Marmordom und die
vielen Kirchen. Von zweien hatte er sogar
den Namen behalten: San Lorenzo und Sant‘
Ambrogio.
In seiner Zeit war Mailand ein bedeutendes
Finanz, Handels, Industrie, Verlags und
Messezentrum gewesen.
Aber jetzt...
4
Die Reifen des Hummer Jeeps bahnten sich
knirschend einen Weg über Geröll und
abgebrochene Zweige. Letzte Nacht war ein
heftiger Sturm über Norditalien hinweggefegt
und hatte etliche Bäume umgeknickt. Matt
und Aruula hatten eine unruhige Nacht im
Schutz einer Erdkuhle verbracht.
Der Motor schnurrte. Matt warf einen
kurzen Blick nach hinten und musterte seine
Begleiterin.
Aruula schlief auf der Rückbank den Schlaf
der Gerechten. Seit ihrem Aufbruch vom
Kraterdorf der Ausgestoßenen waren sie gut
vorangekommen, Nichts hatte die Fahrt
gestört wenn man von der beschissenen
Straßenlage absah.
Irgendwo hier im Norden Italiens musste
sich sein Fliegerkamerad Hank Williams
aufhalten. Seinen Vornamen hatte er der
Vorliebe seines Vaters für den Sänger Hank
Williams zu verdanken. Aber sein berühmter
Namensvetter war ebenso tot wie die
Vergangenheit, in der sie einander zuletzt
gesehen hatten: hoch über der Erde, in
modernen Stratosphärenjets, Sie hatten einen
Kometen beobachtet, der sich rasend schnell
der Erde näherte. Für Matt war all dies zwar
erst zehn Wochen her, aber bei all dem
Unfassbaren, was er in dieser Zeit erlebt
hatte, wagte er sich kaum auszurechnen, um
wie viele Jahrhunderte die Druckwelle
>Christopher- Floyds< ihn in die Zukunft
geschleudert hatte.
In eine Scheiß-Zukunft, dachte Matt
grimmig, in der das Leben wahrlich kein
Zuckerlecken ist.
Er erinnerte sich an die letzten Tage vor
dem Start; an den Abend, den er mit Hank
und Jenny im >Zwiebelfisch< in Berlin
verbracht hatte, kurz bevor der Auftrag der
US-Regierung sie zum Stützpunkt zurück
beordert hatte. Das Thema >Komet< hatten
sie bei diesem letzten Zusammensein
geflissentlich vermieden immerhin
beherrschte es seit Monaten sämtliche
Medien, doch als Jennifer fragte, wann sie
sich wohl wieder sehen würden, hatte Hank
sarkastisch >Nach dem Weltuntergang, um
drei Uhr< gebrummt.
Matt grunzte. Aus dem Treffen wurde wohl
nichts. Erstens hatte seine Uhr bei dem
Absturz den Geist aufgegeben, und zweitens
würde der >Zwiebelfisch< auch nicht mehr
die Gaststätte sein, die sie einst gewesen war.
Viel hatte sich verändert ... um nicht zu
sagen, fast alles. Matthew sehnte sich nach
den Bequemlichkeiten der Zivilisation:
Dusche, Rasierzeug, Toilettenpapier. Aufs
Fernsehen konnte er verzichten; in dieser
Welt gab es genug interessante Dinge zu
sehen. Live. Andererseits hatte er es mit
Aruula nicht übel getroffen. Sie war eine
patente Frau. Auch wenn ihre Tischmanieren
zu wünschen übrig ließen. Und wenn man
über ihre Rattenfell Dessous hinweg sah, war
sie sogar ausgesprochen hübsch. Er schätzte
sie auf Anfang zwanzig.
Außerdem verfügte sie über die
merkwürdige Fähigkeit, immer genau zu
wissen, was er wollte. Manchmal konnte sie
sogar einschätzen, ob jemand log oder die
Wahrheit sagte. Und sie hatte seine Sprache
in wenigen Wochen erlernt. In dieser Welt
nannte man es >lauschen<. Früher hatte es
>Telepathie < geheißen.
Rrrrrch ... Mitten auf dem schmalen
Waldweg fing der Jeep plötzlich an zu
spucken. Und blieb stehen.
»Verdammt!« Matt sprang von Bord. »Die
Karre ist verreckt!«
Aruula regte sich, schlug die Augen auf
und schaute sich hellwach um. Sie hatte auch
ein tolles Reaktionsvermögen. Und tolle
Beine.
Matthew öffnete die Kühlerhaube und warf
einen Blick ins Innere des Fahrzeugs.
Das sah nicht gut aus. Ein dünner
Rauchfaden kräuselte sich über dem
Motorblock, und von irgendwo erklang ein
leises elektrisches Knistern. Als Matt die
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Hand ausstreckte, um die Zündkerzen zu
überprüfen, sagte Aruula leise: »Maddrax!«
Diesen Namen hatte sie ihm bei ihrer ersten
Begegnung gegeben.
Matt wandte den Kopf nach links.
Drei Meter von ihm entfernt, am
Wegesrand zwischen den dunklen Tannen,
tauchte ein zottiges Lebewesen auf. Es war
ein Hund, schneeweiß und so groß wie ein
Spitz, aber seine gefletschten Zähne
erinnerten an die Hauer eines Wildschweins.
Seine roten Albinoaugen zeigten den irren
Blick einer tollwütigen Kreatur. Vermutlich
eine Mutation.
Hinter dem Hund tauchte ein zweiter auf.
Dann ein dritter. Und ein vierter. Sie knurrten
und sabberten, und man sah ihnen an, dass
sie hungrig waren.
Aruula war wie ein Blitz auf den Beinen.
Der Leithund wandte den Kopf und stierte sie
an.
Matt ließ von der Kühlerhaube ab und
wandte sich der Meute zu. Seine Hand glitt
langsam zur Pistole, die im Bund seiner
Uniformhose steckte. In dieser feindlichen
Welt war es immer gut, seine Waffe
griffbereit zu tragen. Aus den Augenwinkeln
nahm er wahr, dass Aruula ihr Schwert vom
Rücksitz holte. Auf die Frau war Verlass. Sie
hatte Mumm.
»Vorsicht«, hörte er sie leise sagen, »sie
greifen gleich an!«
Es behagte Matthew Drax nicht, kostbare
Patronen an diese Tiere zu vergeuden, aber
wenn es nicht anders ging ... Vor allem
musste er schnell handeln. Wenn der erste
Köter ihn ansprang, war es zu spät.
Er richtete die Beretta 98 G Double Action
auf die roten Schweinsäuglein des
Leithundes und maß ihn mit festem Blick.
Dem Hund schien es nicht zu gefallen, dass
er ihm geradewegs in die Augen schaute.
Seine Lefzen zogen sich zurück, und Matt
sah zwei spitze Zahnreihen. Wie ein
Haifischmaul. Mit den Viechern war wirklich
nicht zu spaßen.
»Du hast es so gewollt«, knurrte er und
drückte ab.
Der Schuss traf den Leithund genau
zwischen die Augen. Die Wucht des
Aufpralls ließ ihn einen Salto rückwärts
schlagen. Die anderen Hunde heulten auf,
doch ihr Schrecken währte nicht lange; das
verspritzte Blut des Kadavers wirkte sofort
auf ihren Instinkt. Sie stürzten sich auf ihren
toten Anführer, schlugen die Zähne in seinen
blutbefleckten Leib und schleppten ihn
zurück in die Deckung des Waldes. Fraglos,
um sich an seinem Fleisch gütlich zu tun.
Matt gab sich keinen Illusionen hin. Die
Viecher würden sich nicht lange mit dem
Kadaver aufhalten. Und neues Fleisch suchen
Er winkte Aruula zu sich und machte ihr
klar, dass sie sich ein anderes Transportmittel
suchen
mussten. In der Kürze der Zeit konnte er
unmöglich den Fehler finden und reparieren.
»Dort ist Stadt, nicht weit von hier«, sagte
Aruula und deutete mit skeptischer Miene
nach Norden. Sie mochte keine Städte. Matt
konnte es ihr nicht verübeln. In Bologna
hatten sich die Reste der alten Zivilisation
ihm gegenüber nicht gerade freundlich
gezeigt.
»Ich weiß«, entgegnete Matt. »Sie heißt
Mailand. Oder Milano.«
»Ich von Stadt gehört, die Millan heißt«,
sagte Aruula und kniff die Augen zusammen.
»Das wird sie wohl sein.«
Viel war nicht von >Millan< zu sehen. Nur
einige Türme, die man in der alten Zeit
>Wolkenkratzer< genannt hatte, ragten über
den Baumwipfeln auf. Matt erblickte
Tausende von dunklen Fensterhöhlen. Auf
den Flachdächern, so weit sie noch
vorhanden waren, wuchs dichtes Gestrüpp.
Er zückte den Feldstecher aus seinem
Notpaket und richtete ihn auf das Gebäude,
das ihnen am nächsten war. Durch
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geborstene Scheiben gewehte Erde und
Pflanzensamen hatten das Innere des Hauses
schon vor Jahrhunderten erobert. Aus nahezu
allen Öffnungen wucherten die Zweige
irgendwelcher Büsche.
In einem Fensterrahmen in sechsten Stock
erkannte er eine menschengroße Riesenratte
mit drahtigem, grauschwarzem Fell: eine
Taratze. Matt schüttelte sich bei dem
Anblick, denn mit diesen Biestern hatte er
schon kurz nach dem Absturz seiner
Maschine im Gebirge Erfahrungen
gesammelt. Die tapfere Aruula hatte ihn, als
er halb besinnungslos und von Fieberträumen
geplagt – im Wrack seiner Maschine gelegen
hatte, heldenhaft vor den verfressenen
Kreaturen verteidigt.
Taratzen gingen in der Regel aufrecht. Sie
hatten ein feines Gehör und verständigen sich
in einer fauchenden Sprache. Wenn sie sich
auch in Mailand eingenistet hatten, mussten
Aruula und er vorsichtig sein: Die
halbintelligenten Viecher organisierten sich
in marodierenden Rudeln. Matt hatte zudem
erfahren müssen, dass die intelligenteren
Exemplare dieser Spezies menschliche
Sprachen verstehen und artikulieren konnten.
Gehörte das Biest am Fenster nicht zu einem
Rudel, war es möglicherweise noch
gefährlicher: Ausgestoßene Taratzen galten
als unberechenbar und waren oft wahnsinnig.
So wahnsinnig wie die Welt...
Aber Matthew blieb kaum eine Wahl. Er
hoffte darauf, dass Hank Williams in der
nächsten Stadt Zuflucht gesucht hatte. Die
Chance, ihn zu finden, war in Mailand auf
jeden Fall größer als in freier Wildbahn.
Nachdem sie ihr Gepäck geschultert hatten,
zogen Matthew und Aruula zu Fuß weiter.
Matt warf einen letzten wehmütigen Blick
auf den Jeep. Das Fahrzeug hatte ihm gute
Dienste geleistet; hoffentlich würde er später
hierher zurückkehren können, um es wieder
flott zu machen. Fast hatte er das Gefühl,
einen Freund zurückzulassen. Oder
zumindest einen Teil seiner alten Welt...
Der Wald war totenstill. Sie kamen über
den Trampelpfad gut voran und erreichten
zehn Minuten später die ersten Ruinen.
Mailand wirkte wie ausgestorben. Der
Asphalt war geplatzt Immergrüner Wald
hatte Straßen, Plätze und Häuser erobert
Ausgewachsene Bäume ragten aus Spalten
gesprengter Hauswände. Überall wucherte
ein merkwürdiges unbekanntes Moos.
Sie wanderten über Grasbewachsene
Schuttberge und erblickten die Reste
zahlloser rostiger Fahrzeugkarosserien. Auf
Plätzen und Nebenstraßen hoppelten
kaninchenartige, aber kurzohrige Wesen, so
genannte Gerule umher, die bei ihrem
Auftauchen schnell Reißaus nahmen und in
Erdlöchern und Kellerfenstern
verschwanden, sofern diese noch nicht
zugewachsen waren. Doch nicht alle waren
schnell genug. Eins der Tiere erlegte Aruula
mit einem Schwerthieb. Sie schwenkte es
triumphierend über dem Kopf. Matt lief das
Wasser im Mund zusammen, als er sich
vorstellte, es über einem offenen Feuer zu
braten.
Doch dann fiel Aruula auf, dass die Augen
des Gerul dick zu geschwollen waren und es
roten Schaum vor dem Mund hatte
wahrscheinlich war das auch der Grund
dafür, dass sie es überhaupt erwischt hatte.
Sie sagte »krank«, verzog angewidert das
Gesicht und schleuderte den Kadaver beis
eite. Ein Heer handtellergroßer Kellerasseln
strömte aus einer Mauerspalte und fiel über
das Aas her.
Matt schüttelte sich.
Es wurde rasch dunkel. Geisterbleich fiel
das Licht des Mondes auf das Land und hob
im Norden eine bizarr geformte Bergspitze
vom dunklen Hintergrund des Horizonts ab.
Das Licht fing sich in den Kronen silbrig
glänzender Espen und huschte über die
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dunklen Wipfel von Tannen, Fichten und
Roteschen.
Schließlich erreichten sie einen riesigen
freien Platz, auf dem sich ein phantastisches
Gebäude in den Himmel schraubte: der
Mailänder Dom, das größte gotische
Bauwerk Italiens. Der Bau hatte 1386
begonnen und 1813 unter Napoleon geendet.
Matt starrte fasziniert in die Höhe. Vier der
sechs Turmspitzen an der Vorderseite waren
eingestürzt.
Nur die beiden mittleren, rechts und links
vom Eingangsportal, standen noch. Die
bleiverglasten Fenster waren längst
geborsten. Das Portal war aus den
Scharnieren gerissen und lag vor dem
Eingang.
Von den Gebäuden, die den Domplatz
früher umsäumt hatten, war nichts mehr zu
sehen. An ihrer Stelle ragten bewaldete
Hügel auf. Wahrscheinlich waren sie schon
vor Jahrhunderten zerfallen.
Erdverschiebungen und Herangewehter
Boden hatten die Trümmer unter sich
begraben.
Aruula starrte den alten Dom mit großen
Augen an. Bauwerke dieser Art hatte sie
wohl noch nie gesehen.
Als sie vom Anblick der untergegangenen
Kultur bewegt auf dem Platz standen, hörte
Matthew ein irgendwie ... maschinell
klingendes Dröhnen. Es wurde lauter. Kam
näher.
Er drehte sich um. Aruula tat es ihm gleich.
Motoren war sein erster Gedanke. Doch dann
schüttelte er den Kopf. Unmöglich.
Sekunden später wurde er eines Besseren
belehrt, denn aus dem Unterholz brachen
fünf knatternde Motorräder hervor. Ihre
Scheinwerfer rissen den Domplatz aus der
Dunkelheit. Die seltsam zusammengeflickt
aussehenden Maschinen wurden von hageren
Gestalten gelenkt, die Stahlketten und
baseballschlägerähnliche Knüppel
schwangen. An ihren Gurten blitzten lange
Messer. Sie trugen Stulpenstiefel und waren
in schwarzes Leder gekleidet, wie Rocker des
20. Jahrhunderts.
Doch das Gespenstischste an ihnen waren
die eng anliegenden Ledermasken, die ihre
Köpfe bis auf Augen, Nasen und
Mundschlitze bedeckten. Die Gestalten
erinnerten an Lederfetischisten aus dem
Sado-Maso-Fach. Matt fragte sich, ob sie
wohl einen Pornoladen ausgeplündert hatten.
Mehr Zeit zum Nachdenken blieb ihm
nicht, denn schon waren sie bei ihnen,
umkreisten sie und holten mit ihren
gefährlichen Schlagwerkzeugen aus. Die
Lichtlanzen ihrer Scheinwerfer rasten umher
wie außer Kontrolle geratene Spotlights und
machten die Orientierung schwer.
Eine Stahlkette wickelte sich um Aruulas
Schwert und riss es ihr aus der Hand, und
bevor Matt die Automatik ziehen konnte,
krachte ihm ein Knüppel ins Kreuz, und er
fiel auf die Nase. Als er wieder hochkam und
prustend Dreck ausspuckte, hatten die
Angreifer die Maschinen im Leerlauf so zu
Boden sinken lassen, dass der Kampfplatz
gut ausgeleuchtet wurde.
Sie griffen an! Matt sah, dass zwei Kerle
mit ausgestreckten Armen und fiebrigem
Gekicher an Aruulas langem Haar rissen, um
sie zu Boden zuzwingen.
Ehe er reagieren konnte, wurde sein Hals
von zwei knochigen Hände gepackt Er
schnappte nach Luft und ließ sich fallen. Sein
Gegner verlor das Gleichgewicht und stürzte,
sodass der nächste über ihn stolperte und der
Länge nach hinschlug. Als sich sein Gesicht
in den Schutt bohrte, war Matt längst auf den
Beinen. Er registrierte mit leichter
Verblüffung, dass die Ledermasken der Kerle
mit weißen Zahlen versehen waren. Er trat
der am Boden liegenden Nummer 26 mit der
Stiefelspitze gegen den Kopf, sodass sie
benommen liegen blieb.
Aruula hatte einen Fremdling inzwischen
mit einem wohlgezielten Tritt ins Gemacht
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zu Boden geschickt, wo er sich winselnd
krümmte. Nun warf sie sich ihrem zweiten
Gegner an den Hals. Doch nicht, um ihn zu
umarmen; die Spitzen ihrer Zeigefinger
stießen in die Schlitze seiner Ledermaske.
Geschrei aus einer Frauenkehle wurde laut.
Als Matt seine Beretta endlich ziehen
konnte, schwang jemand eine Stahlkette. Sie
knallte gegen sein Gelenk und umwickelte
es. Ein fester Ruck Matt schrie auf, die Waffe
schlidderte über den Asphalt. Dann hing ein
zweiter Angreifer auf seinem Rücken und
schlang den Arm um seinen Hals. Ein
anderer holte mit einer Kette aus, um Matt
endgültig zu erledigen.
Matthew ließ sich noch einmal fallen, und
der mit aller Kraft ausgeführte Schlag traf
den Kerl auf seinem Rücken mitten ins
Gesicht. Als er ihn aufbrüllen hörte, stieß
Matt sich vom Boden ab. Er wollte sich auf
die Beretta hechten, doch im gleichen
Moment ertönte ein bösartiges Knurren.
Wenige Meter vor den Kämpfenden tauchte
ein weißer Mutantenköter aus der Dunkelheit
auf und setzte zum Sprung an. Er erwischte
einen der gestürzten Ledermänner.
Den anderen schien dies wenig zu gefallen,
denn sie schrien erschrocken, ließen von
Matt und Aruula ab und eilten ihrem
Gefährten zu Hilfe, in dessen Kehle die Töle
sich zu verbeißen drohte. Mit Ketten und
Knüppeln droschen sie auf den Wildhund ein
und brachen ihm das Kreuz, sodass er
sterbend zu Boden sank Der angefallene
Ledermann wankte zurück, hielt seinen Hals
und deutete mit gurgelnden Lauten in die
Richtung, der Matt den Rücken zuwandte. Er
verstand das gutturale Geknurr zwar nicht,
aber es war auch nicht nötig das Gebell sagte
ihm genug.
Der Rest lief in Sekundenschnelle ab: Matt
fuhr herum und sah die Hundemeute
heranjagen. Mindestens zehn zottelige weiße
Bestien fegten mit gefletschten Zähnen auf
sie zu und wirbelten Staub auf. Sie befanden
sich am äußersten Rand des Platzes, noch
etwa zweihundert Meter entfernt.
Doch bei dem Tempo, das sie vorlegten,
konnte es nicht lange dauern, bis sie hier sein
und sie zerfetzen würden.
Die Ledermänner rissen ihre Maschinen
hoch, schwangen sich in die Sättel und gaben
Gas. Mit eisigem Schrecken sah Matt, wie
einer Aruulas Hüfte umfasste und sie mit sich
zog. Die Barbarin landete schreiend quer vor
ihm auf dem Tank Ein Ellbogen traf mit
Wucht ihren Nacken; Aruula erschlaffte.
Die Motorräder jagten auf den Dom zu und
fuhren links an ihm vorbei. Matt sah sich
hektisch nach der Meute um. Die Hunde
hatten ihn fast erreicht! Die Zeit reichte nicht
einmal mehr, in der nun plötzlich wieder
herrschenden Dunkelheit seine Waffe zu
suchen.
Matt wirbelte auf dem Absatz herum und
ver suchte das nächste Gebäude zu erreichen.
Erreichten ihn die mutierten Köter vor ihm,
war er erledigt...
Matt ließ den Domplatz hinter sich. Nicht
weit entfernt ragte ein windschiefes,
verlassen wirkendes Gehöft aus roten Ziegeln
in den Himmel. Er rannte auf ein schief in
den Angeln hängendes Holztor zu Das
Geheul seiner Verfolger klang schrill in
seinen Ohren. Matt eilte durch den Torweg in
den Hof, erblickte aber keine lebende Seele.
Er wagte nicht sich umzudrehen, aus
Angst, dadurch wertvolle Sekundenbruchteile
zu verlieren. Als er im Lauf das lange
Kampfmesser aus dem Schaft seines rechten
Stiefels zerrte, stolperte er und fiel der Länge
nach hin. Ehe er sich wieder aufgerappelt
hatte, war der erste Hund über ihm. Matt
hörte ein kehliges Röcheln und drehte sich
auf den Rücken.
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Das Messer fuhr hoch und bohrte sich in
den Hals des Wildhundes. Matt stieß ihn zur
Seite. Schon jagte die rotäugige Meute durch
das offene Tor.
Matt hechtete durch die offene Tür des
Hauptgebäudes und tauchte in einen finsteren
Korridor. Er fluchte, als er registrierte, dass
die Tür keinen Riegel besaß. Also weiter...
Er stürmte die Treppe hinauf, in der
Hoffnung, dort oben ein Versteck zu finden.
Allein das Licht des Mondes fiel durch
Fenster und Mauereinbrüche und
ermöglichte es Matt mehr schlecht als recht,
sich zu orientieren.
Am Ende eines Korridors im dritten Stock
befand sich eine Tür, die früher auf einen
längst nicht mehr existierenden Balkon
geführt hatte. Ein geländerloser Steg verband
das Haus wie eine Brücke mit einer fünf
Meter entfernten Scheune. Er endete knapp
unterhalb eines Schrägdaches vor einem
Fensterladen, der mit einem hölzernen Riegel
verschlossen war.
Der Steg schwang bedrohlich im Takt von
Matts Schritten, als er ihn überquerte. Hinter
ihm wurden Gebell und das Scharren von
Tatzen laut.
Auf der anderen Seite des Steges
angekommen, entriegelte Matt den Laden,
öffnete das Fenster und schaute sich
keuchend um. Der erste Köter schob seine
Zahnbewehrte Schnauze aus dem
Nachbarhaus und musterte ihn mit tückischen
Augen.
»Na, komm schon«, knurrte Matt. »Komm
her, du elendes Mistvieh!«
Der Steg war gerade mal dreißig
Zentimeter breit. Falls der Hund sich
entschloss, ihm zu folgen, würde er ihn mit
einem Tritt in den Abgrund befördern. Die
Scheune besaß keine Fenster, und der einzige
Zugang war verschlossen. Ein Blick an die
teils eingestürzte Decke zeigte Matt, dass
einen Meter unter dem Dach ein langer
Querbalken entlang führte, unter einem Loch
her, das groß genug war, einen Menschen
hindurch zu lassen.
Die Bestie trat argwöhnisch auf den Steg.
Hinter ihr staute sich die wild blaffende
Meute.
Matt spürte jetzt erst die Auswirkungen des
Kampfes mit der Lederbande. Ihm wurde
übel, und er sank langsam am Rahmen des
Scheunenfensters hinab, als wollten seine
Beine die Last des Körpers nicht mehr
tragen.
In dieser Verfassung würde er die Hunde
nicht abwehren können! Das Risiko, dabei zu
stürzen, war zu groß.
Matt schwang sich ins Innere der Scheune
und sammelte seine letzten Kräfte. Dann
streckte er die Arme nach dem Balken aus,
bekam ihn zu fassen und zog sich genau in
dem Moment hinauf, in dem der erste
geifernde Köter bei dem Versuch, ihn zu
packen, durch das Fenster flog.
Natürlich hatte die Bestie nicht damit
gerechnet, dass der Grund der Scheune fünf
Meter unter ihr lag. Sie jaulte panisch auf,
doch der Boden war mit Strohballen bedeckt,
und so landete sie relativ sanft. Der Rest der
Meute folgte ihrem Leittier mit aufgeregtem
Gebell. Dann versammelten sie sich unter
Matt und sprangen in die Luft. Aber natürlich
erreichten sie ihn nicht.
Matt grinste zu der kläffenden Meute
hinab. Er zog sich auf dem Bauch liegend
den Balken entlang und stoppte unter dem
Loch in der Decke. Dort richtete er sich
vorsichtig auf und hielt sich am Rand des
Einschnitts fest. Der Wind wehte ihm ins
Gesicht, als er sich behutsam aufs Dach
emporzog. Er musste vorsichtig sein: eine
morsche Schindel, und er landete knapp
sieben Meter tiefer mitten in der
blutrünstigen Meute!
Die Hunde heulten in ohnmächtiger Wut,
als sie ihre Beute entschwinden sahen. Sie
hatten auch keine Chance mehr, ihr zu folgen
10
vorausgesetzt, das Scheunentor hielt ihrem
Ansturm stand.
Matt robbte mit weit ausgestreckten Armen
und Beinen übers Dach bis zu der Stelle,
unter der das Fenster lag. Er ließ sich über
die Dachkante auf den schmalen Steg hinab
und nahm denselben Weg zurück, den er
gekommen war. Das frustrierte Gebell der
Wildköter verblasste hinter ihm.
Nun musste er zunächst die Beretta suchen,
seine Ausrüstung einsammeln und dann die
Spur der Ledermänner aufnehmen, die
Aruula entführt hatten.
Er hatte Glück. Er fand nicht nur den
olivgrünen Container mit der Notausrüstung
und seine Waffe; die mysteriösen Fremdlinge
hatten im Dreck auch zahlreiche
Reifenspuren hinterlassen. Der Strahl der
Stabtaschenlampe aus dem Notpaket riss ein
Profil aus der Dunkelheit, das wie hand
geschnitzt aussah!
Matthew folgte den Spuren am Dom vorbei
über einen stark ausgefahrenen Weg, der ihm
sagte, dass die Kerle sich oft in dieser
Gegend aufhielten. Sie schienen also in der
Nähe zu leben.
Eine halbe Stunde später sichtete er einen
relativ gut erhaltenen sechsstöckigen
Häuserblock und
schaltete vorsorglich die Taschenlampe aus.
Zumal Lampen in die Wände der Gebäude
eingefügt
waren, die elektrisches Licht verbreiteten!
Matt fühlte sein Herz höher schlagen. Also
waren nicht
alle Menschen dieser Epoche in ein
barbarisches Stadium zurückgefallen! Es gab
offensichtlich auch höhere
Entwicklungsstufen. Hoffentlich gehörten ihr
nicht nur so brutale Sado-Maso-Typen wie
diese Motorradfahrer an...
Abgesehen von der obersten Etage waren
alle
Fenster des Wohnblocks zugemauert. Im
Gegensatz zu den anderen Ruinen, die Matt
bisher gesehen hatte, waren diese Gebäude
nicht mit Efeu überwuchert, und auf den
Dächern breitete sich auch kein Gestrüpp
aus. Irgendjemand hielt den Block in Schuss,
keine Frage. Und nicht nur das ... Sämtliche
Türen hatte man unpassierbar gemacht. Es
war eine Festung, in der eine größere Gruppe
von Menschen lebte. Matt wurde klar, dass er
es mit Leuten zu tun hatte, die bestens
organisiert waren.
Die Reifenspuren endeten vor einer
Einfahrt mit einem massiven Eisentor, in
dem sich eine schmale Tür befand. Sie stand
offen. Mehrere in schwarzes Leder gekleidete
Gestalten hielten Wache. Sie trugen
Schwerter und Armbrüste, und Matt
zweifelte nicht daran, dass sie sie einsetzen
würden, ohne sich lange mit Fragen
aufzuhalten.
Geduckt, ständig in der Deckung des
Bewuchses, umkreiste er zweimal den hoch
aufragenden Häuserblock. Sein Blick
wanderte über glatte Steinwände und war
ständig auf der Suche nach einer
Möglichkeit, in die Festung einzudringen.
Aber es war aussichtslos. Zehn Meter um
den gewaltigen Kasten, der gut zweihundert
Meter lang und hundert breit war, hatte man
den Wald gerodet. Zudem entdeckte Matt
mehrere Wächter, die in ihren
Ledermonturen über die Dächer
patrouillierten. Keine Chance, sich
unbemerkt zu nähern.
Irgendwann zog Matt sich in die Gegend
des Tors zurück und beobachtete die
Wachablösung. Er lag auf dem Bauch im
Gebüsch und tastete mit dem Feldstecher den
Innenhof ab.
Da war eine Eisentonne. In ihr brannte ein
Feuer, und mehrere Vermummte wärmten
sich an den Flammen die Hände obwohl die
Nacht gar nicht kalt war. Anhand ihrer
Bewegungen und Gestik
11
glaubte Matt zu erkennen, dass es sich
nicht nur um Männer handelte. Und alle
waren nummeriert.
Matthew Drax erblickte auch ein halbes
Dutzend Motorräder und mehrere Türen,
durch die die
Häuser des Blocks zugänglich waren. Sie
wirkten fest und solide und wiesen kleine
Guckfenster auf, sodass man jeden, der ins
Innere wollte, vorher prüfen konnte.
Mist, dachte er. So komm ich nicht weiter.
Sein Blick schweifte über den einige
Kilometer entfernten Hügel, der sich im
Osten über dem Wald erhob, und er fragte
sich, ob man als Fremder in dieser Gegend
Verbündete finden konnte oder jemanden,
der genug über die Festungsbewohner
wusste, um ihm weiter zu helfen.
Nach einer Weile wurden seine Gedanken
abgelenkt, denn auf der Hügelkuppe
flammten Lichter auf. Matt erkannte weiße
Rauchfahnen. Lagerfeuer? Auf jeden Fall
Menschen.
Nein, verbesserte er sich sofort. Vielleicht
Menschen. Vielleicht auch etwas ganz
anderes, das früher einmal der menschlichen
Rasse angehört haben mochte...
Er stieß einen stummen Seufzer aus, stand
auf, schulterte sein Gepäck und machte sich
auf den Weg nach Osten.
Als Gosseyn in sein Haus zurückkehrte,
bemerkte er die ungewöhnliche Stille, die in
den Räumenb herrschte.
Normalerweise war Margoa um diese Zeit
mit der Zubereitung des Essens beschäftigt,
und sein Sohn Almar saß mit dem
Schnitzmesser in der Küche und widmete
sich seiner Kunst. Doch heute hörte er kein
metallisches Geklapper. Er roch auch
nicht die herrlichen Düfte, mit denen
Margoa ihn zu dieser Stunde stets begrüßte.
Als er in die Küche kam und ihren am
Boden aus gestreckten Körper sah, wusste er
sofort, was geschehen war. Sein Weib war
tot. Er erkannte es an der vermummten
Gestalt des Blutsaugers, der neben ihr hockte
und sich nun aufrichtete, ein entsetzliches
Stöhnen auf den blutigen Lippen.
Gosseyn, im ersten Moment vor Entsetzen
wie gelähmt, hob seine Armbrust. Er hatte
eigentlich wenig Hoffnung, mit der Waffe
etwas auszurichten, aber er durfte nichts
unversucht lassen.
Der dünne Bolzenpfeil zischte durch die
Luft. Er schien die Gestalt auch zu treffen,
denn sie stierte ihn mit einem ungläubigen
Blick an und fuhr wie unter einem Aufschlag
zurück. Doch sie fiel nicht um. Der Bolzen
steckte in ihrer Brust aber nur einen
Fingerbreit. Kein Tropfen Blut löste sich aus
der Wunde.
Im gleichen Augenblick kam Almar mit
zerzausten Haaren aus seiner Kammer. Er
hatte geschlafen, wohl im Alkoholrausch,
wie seine verquollenen Augen erkennen
ließen. Er tauchte genau hinter dem
Fremdling auf und erfasste sofort die Lage.
Während Gosseyn einen Schritt nach hinten
machte und entschlossen den Säbel aus der
Scheide zog, zog sich Almar wie ein Schatten
in die Kammer zurück.
Sekunden später war er wieder da und
feuerte einen Bolzenpfeil auf den Hinterkopf
des noch immer reglos verharrenden
Fremden ab. Unglücklicherweise ging dieser
im gleichen Augenblick leicht in die Knie,
um eine Angriffshaltung einzunehmen. Der
Bolzen verfehlte ihn und bohrte sich mit
einem dumpfen Knall in den Rahmen des
Gemäldes, das Gosseyns Großvater zeigte.
Gosseyn duckte sich und ließ die Klinge
durch die
Luft sirren. Almar schoss einen weiteren
Bolzen ab, und Gosseyn registrierte
12
befriedigt, dass die Kreatur diesmal
körperlichen Schaden nahm. Der Pfeil drang
in ihr rechtes Bein ein und ließ sie wanken.
Von entsetzlichem Zorn erfüllt sprang
Gosseyn vor, hob den Säbel und schlug
gnadenlos zu.
Ein, zwei Schläge spalteten den in Leder
gehüllten Schädel, doch bevor Gosseyn Zeit
hatte, den Triumph auszukosten, drang von
draußen Geschrei an seine Ohren. Almar, der
sich mit seinem Säbel sofort an die Tür
postierte, rief: »Sie kommen, Vater! Sie
kommen!«
Gosseyn eilte an das kleine Fenster und
schaute hinaus.
In der Finsternis erblickte er zahlreiche
Millani, die in eiliger Flucht zum Götzenhaus
liefen. Sie wurden von sieben oder acht
Vermummten verfolgt, die Schwerter und
Fangnetze schwangen. Bestimmt waren sie
nicht allein gekommen. Gewiss gab es noch
weitere Gruppen, die sich nun, unter dem
Mantel der Dunkelheit, über die
Dorfbewohner hermachten.
Die Notfeuer flammten auf. Man hatte sie
aufgeschichtet, um zumindest die Nacht zu
erhellen. Helfen konnten sie gegen die
Feinde nicht, dazu verbreiteten sie nicht
genügend Helligkeit
Gosseyn schaute auf den bleichen
Leichnam seiner Gattin, dann warf er seinem
Sohn einen schnellen Blick zu. »Wir müssen
ins Götzenhaus«, sagte er. »Dort sind wir
sicher!«
Sie sprangen aus dem Haus, eilten in eine
Nebengasse und liefen ins Zentrum des
Dorfes. Gosseyns Nase hatte ihn nicht
getrogen; Die meisten Familien hatten sich
schon in den uralten Steinbau mit dem
Eisentor zurückgezogen.
Im Inneren des Götzenhauses brannten
Kerzen.
Etwa fünfzig Männer, Frauen und Kinder
hatten sich versammelt und zitterten um ihr
Leben.
»Seid ihr bewaffnet?«, fragte Gosseyn und
schaute sich um. Er sah, dass die meisten
Männer Schwerter, Säbel, Armbrüste oder
Pfeil und Bogen trugen.
Man verrammelte das Tor mit drei
Eisenriegeln und hielt den Atem an. Hin und
wieder ertönte der spitze Schrei eines
Menschen, dem es nicht gelungen war, das
Götzenhaus rechtzeitig zu erreichen. Der
Wind nahm zu und ebenso das schrille
Gelächter der Nosfera, die durch die Gassen
zogen und über ihre Opfer herfielen. Hin und
wieder hörte man auch Flüche aus
Menschenkehlen und vernahm das Klirren
der Schwerter jener, die sich gegen den
Blutsaufenden Mob zur Wehr setzten.
Die Nacht wollte und wollte nicht
vergehen; nach und nach erloschen auch die
Notfeuer. Erst um die siebte Stunde glomm
allmählich die Helligkeit des Tages auf. Der
Wind ebbte ab, und der Ansturm der Nosfera
legte sich. Gosseyn atmete auf, als die
furchtbaren Laute, die durch die dicken
Mauern zu ihnen hereindrangen, sich
entfernten.
Als er nichts mehr hörte, stieg er die
Treppe zum Turm hinauf, um sich von oben
ein Bild über die Lage zu machen. Der kleine
Ort lag still unter ihm. Noch immer herrschte
das eigenartige Dämmerlicht. Keine Sonne
und keine Sterne waren am diesiggrauen
Himmel zu erkennen.
Gosseyn schüttelte sich, als sein Blick in
die unter ihm liegende Gasse fiel: Er hatte die
ausgesaugten Leichname all jener Menschen
zu sehen erwartet, denen es nicht gelungen
war, die schützenden Mauern zu erreichen.
Doch er sah nur Blutflecke auf den Steinen.
Die Nosfera hatten sie verschleppt!
Draußen war alles still. Gosseyn spähte den
Hügel hinab und sah eine Horde der
Vermummten
mindestens dreißig an der Zahl zügig in
Richtung Festung marschieren. Ein Dutzend
Schritte hinter ihnen fuhr mit knarrenden
13
Rädern ein Plan wagen, in dem sie, daran
zweifelte Gosseyn nicht, ihre jammernde
Beute abtransportierten.
Er lief die Wendeltreppe hinunter. Als er
im Hauptraum des Götzenhauses
angekommen war, berichtete er den
übermüdeten Leuten, was er gesehen hatte.
»Bei Wudan!«, sagte Almar erbleichend.
»Glaubst du, dass sie noch leben, Vater? Was
werden sie mit ihnen tun? Wen haben sie
mitgenommen und wieviele?«
»Der Wagen war schwer«, erwiderte
Gosseyn. »Es waren bestimmt mehr als
zehn.«
»Wir müssen etwas tun!«, sagte Almar
leidenschaftlich. »Wir müssen sofort etwas
tun oder wir sehen sie nie im Leben
wieder!«
»Wir können nichts tun«, sagte der
Schmied mit dumpfer Stimme. »Wir haben
nicht die Kraft, dem Auswurf des Bösen zu
trotzen.«
»Wir sollten Wudan für unsere armen
Nachbarn ein Opfer bringen«, meinte Drago,
sein Bruder.
Gosseyn sagte nichts. Er war mit den
Gedanken bei seinem feige gemeuchelten
Weib. Almar hingegen war noch jung.
Gosseyn sah ihm an, dass er am liebsten
geschrien hätte aber aus seiner Kehle kam
nur ein Krächzen.
»Ihr seid Feiglinge!«, stieß Almar heiser
hervor. »Ihr denkt nur an eure eigene Haut!
Wenn niemand mitgeht, gehen mein Vater
und ich allein!«
Die Dorfbewohner schauten betreten zu
Boden, und einige ältere Männer, unter ihnen
auch der Gastwirt Toono, Gosseyns
Schwager, bemühten sich, ihn von der
Unsinnigkeit seines Plans zu überzeugen: Ein
jeder wusste, dass den Nosfera mit normalen
Waffen kaum beizukommen war. Sie waren
fast unverwundbar. Und die Millani waren zu
wenige, um es mit der Festung aufzunehmen.
Sie war uneinnehmbar.
Gosseyn hörte dem erhitzten Gespräch
wortlos zu und reinigte seinen Säbel mit
einem Lappen. Natürlich hatten sie Recht:
Sie waren zu schwach, sie mussten den
Exodus ins Auge fassen. Es war die
ungestüme Jugend, die Almar mit blanker
Wut erfüllte und ihn die Stärke der
Blutsauger vergessen ließ. Als er in Almars
Alter gewesen war, hatte er ebenso gedacht:
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch die
Nosfera hatten Almars Mutter getötet, und er
wollte blutige Rache nehmen.
Die Diskussion wogte hin und her und
endete erst, als Almar, erschöpft vom Reden,
sich zu seinen jungen Freunden in eine Ecke
zurückzog und im Sitzen an einer runden
Säule des Götzenhauses einschlief. Die
Frauen und meisten anderen waren längst in
einen tiefen Schlaf gesunken. Nun, da das
Gespräch verstummt war, legten sich auch
die anderen hin, um zu ruhen. Sie wollten das
Haus erst verlassen, wenn das volle Licht des
Tages zurückgekehrt war. Sie wussten, dass
sie dann vor den Blutsaugern einigermaßen
sicher waren.
Nach einer schweigsamen Weile erklang
draußen das Poltern von Stiefeln. Gosseyn
spitzte die Ohren.
Sein Schwager Toono, dessen Weib
Gosseyns Schwester und Tochter auf den
harten Holzbänken schliefen, richtete sich
ächzend auf und packte sei nen Säbel.
Gosseyn legte einen Finger auf seine Lippen,
trat ans Portal und presste ein Ohr auf das
Holz.
Die Schritte kamen näher. Er hörte sofort,
dass es die Schritte eines sehr großen Mannes
waren. Er vernahm auch das charakteristische
Scheppern von
Metall, das ihm sagte, dass der
Ankömmling bewaffnet war.
Toono machte den Mund auf, doch
Gosseyn gab ihm mit einer Geste zu
verstehen, dass er schweigen solle.
14
Eine feste Hand klopfte an die dreifach
verriegelte Tür des Götzenhauses.
»Wer da?«, fragte Gosseyn.
Mehrere Köpfe zuckten hoch.
»Ein Reisender«, kam die Antwort. »Auf
Suche nach Nachtlager.«
Toono und die anderen Erwachsenen
atmeten auf, Gosseyn erkannte, dass der
Fremdling die Wahrheit sprach. Zwar
beherrschte er ihre Sprache kaum und mochte
damit einer der gelegentlich aus der
verschneiten Bergwelt Suizzas nach Süden
wandernden Barbaren sein aber gewiss war
er kein Nosfera.
»Wie ist dein Name, Fremdling?«, fragte
Gosseyn durch die Tür. Toono eilte zu ihm
und baute sich mit dem Schwert in der Hand
neben ihm auf.
»Maddrax«, kam die Antwort
Als Matthew Drax erwachte, war es bereits
später Nachmittag.
Sein Blick fiel aus dem Fenster. Es regnete.
Matt schnaubte unwillig, zog die warme
Decke um sich und stellte leicht verblüfft
fest, dass seine Stirn schweißnass war.
Fieber? Er setzte sich auf und betastete
sein Gesicht Nein. Keine Temperatur. Hatte
ein Alptraum ihm den Schweiß auf die Stirn
getrieben?
Er sank zurück und machte den Versuch,
ins Land der Träume zurückzukehren. Er
konnte sich an keinen Alptraum erinnern. In
seinem Kopf spukte nur Hank Williams
herum. Er saß neben ihm auf einem
Barhocker im >Zwiebelfisch< und prostete
ihm mit einem Glas Pflaumenschnaps zu.
Dann fiel ihm etwas anderes ein, und nun
war an Schlaf nicht mehr zu denken. Aruula!
Die maskierten Lederkerle!
Matt schüttelte den Kopf, um ihn zu klären,
dann stand er mit einem gemurmelten Fluch
auf. Er hatte großen Hunger, und in ihm war
ein seltsames Gefühl, das sein Bewusstsein
ganz einhüllte.
Er trat an das winzige Fenster. Toonos
Gasthof befand sich am Rand des steilen
Hügels. Das Dorf lag mitten in einem
finsteren Wald, und auch in der Tiefe reihte
sich ein Baum an den anderen. Irgendwo in
dem verregneten Land dort unten stand die
Festung. Matt nahm seinen Feldstecher und
suchte die Gegend ab. Sein Blick schweifte
über die diesigen Wälder. Nach kurzer Suche
machte er sie aus: Rechts und links der Feste
reckten sich die geisterhaften Türme halb
verfallener Hochhäuser in den Himmel. Er
fand den Dom und irgendwo dahinter auch
die Mailänder Scala.
Plötzlich wusste er, was ihm im Schlaf den
Schweiß auf die Stirn getrieben hatte: Er
hatte die Festung im Traum gesehen.
Matt schüttelte sich. Sein Blick fiel auf das
PilotenNotpaket, einen flachen olivgrünen
Behälter, in dem sich eine Signalpistole,
Plastiksprengstoff, chemische Fackeln und
andere Dinge befanden, die man zum
Überleben in der Wildnis brauchte: Beil,
Kompass, Angelschnur, Stablampe, Seil,
Medikamente, Verbandszeug,
Trockennahrung, sogar ein aufblasbares
Schlauchboot aus einem dünnen, aber extrem
reißfesten Material. Er steckte die
automatische Pistole in den Hosenbund. Das
Fahrtenmesser stak wieder in seinem Stiefel.
Als er sich den Schlaf aus den Augen
gewaschen und angezogen hatte, ging er nach
unten zur
Gaststube. Er war froh, in diesem Haus
Unterschlupf gefunden zu haben, nachdem
Toono ihn im Morgengrauen von oben bis
unten gemustert hatte.
Dass er und die anderen Dörfler die Nacht
in der alten Kirche verbracht hatten, hatte
Matt nachdenklich gemacht. Erst später
waren ihm die Blutflecke aufgefallen. Hinter
ihnen lag offenbar ein Kampf: Sie waren
überfallen worden.
Leider hatte Toono keinen Grund gesehen,
ihn über die Identität der Räuber aufzuklären.
15
Aber was nicht war, konnte ja noch werden.
Falls Matthew ihn überhaupt ausreichend
verstand. Aruula hatte ihm zwar die
Grundbegriffe der hiesigen Sprache
beigebracht, aber bei komplizierteren
Wörtern musste Matt passen. Er lernte nicht
halb so schnell wie sie.
Als er die drei obersten Stufen der
knarrenden Treppe hinter sich gebracht hatte,
drang lautes Weinen an seine Ohren. Es
vertrieb den letzten Rest Müdigkeit aus
seinen Gliedern und ließ ihn nach unten
eilen.
In der Tür der Gaststube stand Toonos
Tochter, eine schwarzhaarige Schönheit von
etwa sechzehn Jahren. Ihre zittrigen Gesten
und verschreckten Blicke sagten ihm, dass
sie die Klagelaute ausgestoßen hatte.
Am Tresen wäre er fast mit Toono
zusammengestoßen, als dieser mit einer
pummeligen Frau im Schlepptau aus der
Küche kam.
»Riva!«, rief er besorgt. »Riva! Was ist, in
Wudans Namen?«
Riva zitterte vor Bestürzung, und ihre
Zähne klapperten trotz der mollig warmen
Gaststube. Als sie ihre Mutter erblickte, warf
sie sich zitternd in deren Arme.
»Die Nosfera«, hörte Matt sie schluchzend
sagen. »Sie haben auch Dorek
mitgenommen!«
Die Nosfera? Matt sah, dass Toono die
Zähne zusammenbiss.
Sein rotwangiges Weib wurde blass. »Bei
den Göttern«, murmelte sie, »womit hat sie
das verdient?«
»Wer ist Dorek?«, fragte Matt. »Was sind
Nosfera?« Ihm schwante Schreckliches.
>Nosfera< klang verdächtig nach Nosferatu
Vampir. Obwohl er den hiesigen Dialekt
nicht kannte, ging er davon aus, dass sich die
Bedeutung des Wortes auch im Laufe der
Jahrhunderte nicht verändert hatte. Und ihm
fiel das Mädchen Jandra ein, dem er in
Bologna begegnet war. Auch sie hatte es
nach seinem Blut gedürstet. Er schüttelte
sich, als er sich an sie erinnerte.
Toono berichtete. Matt hatte Mühe, ihm zu
folgen, und er musste mehrmals nachfragen,
bis er halbwegs verstanden hatte.
Die Nosfera hatten das Dorf gestern Abend
überfallen, Gosseyns Weib getötet und zehn
der Einwohner entführt. Rivas Freundin
Dorek schien unter den Verschleppten zu
sein.
Toono wirkte, als hätte er am liebsten auf
den Boden gespuckt. »Ausgeburten der
Unterwelt ...«, murmelte er. »Sie scheuen das
Licht und suchen uns heim, um das Blut der
Menschen zu trinken.«
Matt hatte die Begriffe >trinken< und
>Blut< verstanden. »Nosfera trinken Blut?«,
fragte er nach.
»Ja«, sagte Toono nur und schwieg dann.
Als hätte er Angst, mehr zu sagen.
Matt trat an die Tür, öffnete sie und spähte
ins Freie. Es regnete heftig. Kein Mensch
war zu sehen.
Ein plötzlicher starker Windstoß fegte
herein. Matt glaubte das Geräusch
klatschender Schwingen gehört zu haben,
aber als er den Kopf hob, erspähte er nichts.
Toono setzte ein gequältes Lächeln auf und
deutete auf einen Tisch, auf dem Essen stand.
Riva und ihre Mutter waren schon in der
Küche verschwunden. Matt bedankte sich
und nahm Platz. Das Essen war einfach:
Brot, Butter, Käse, dazu ein Glas gegorener
Traubensaft.
»Wo leben Nosfera?«, fragte Matt
»Dort unten«, sagte Toono nach einer
Weile zögerlich und deutete in die Richtung,
aus der Matt in der vergangenen Nacht
gekommen war. »In der Festung.«
»Festung?« Meinte er den zugemauerten
Häuserblock?
Toono spähte aus dem Fenster, als fürchte
er sich vor einer neuerlichen Attacke. Dann
kniete er sich vor den Kamin, in dem
Holzscheite knisterten. Er fachte das Feuer
16
mit einem Blasebalg an. »Ja«, fuhr er fort
ohne sich umzudrehen. »Sie sind so schwarz
wie die Nacht und fahren auf Feuerstühlen,
die schrecklichen Lärm machen.«
Erst als er das Geräusch nachahmte, begriff
Matthew, dass Toono Motorräder meinte.
Was er schon vermutet hatte, wurde zur
Gewissheit: Die Nosfera waren identisch mit
den Ledermännern, die Aruula verschleppt
hatten!
»Wie viele?«, fragte Matt In seinem Kopf
wirbelten die Gedanken. Er musste Aruula
befreien – aber wie?
»Viel mehr als wir.« Toono stand auf und
zeigte Matt seine Hände. »Wir sind jetzt noch
fünfzig, aber die sind bestimmt siebzig und
alle erwachsen. Sie haben keine Kinder.«
Matt runzelte die Stirn. Er beendete die
Mahlzeit, stand auf und trat ins Freie. Die
Luft war kühl. Mailand lag unter einer
Nebeldecke. Über ihm wölbte sich der
Himmel in diffusem Grau und wurde schnell
dunkler.
Toonos Haus lag am höchsten Punkt des
Ortes und war etwa dreihundert Meter von
der Kirche entfernt. Der Weg ins Dorf war
steil. Es bestand aus etwa fünfzig Häusern,
Ställen und Hütten, doch nicht alle schienen
bewohnt zu sein.
Matthew ging eine lange Dornenhecke
entlang. Nach der Bausubstanz der Häuser
und Mauern zu urteilen, war das Dorf
irgendwann im letzten Jahrhundert
entstanden.
Auf dem Kirchplatz, um den sich eine
Reihe von Häusern gruppierte, hatte sich eine
diskutierende Menschenmenge versammelt.
Matt verstand von dem, was gesprochen
wurde, nur ein Bruchteil, aber den Sinn
begriff er wohl: Man war besorgt, die
Nosfera könnten zurückkommen und noch
mehr Opfer holen.
Matt trat zu der Gruppe. Alle Gesichter
wandten sich ihm zu.
»Wer bist du? Was willst du?«, fragte ihn
unwirsch einer der Männer, offenbar der
Wortführer.
»Ein Reisender«, antwortete Matt. »Ich
heiße Maddrax. Ich komme...« Er räusperte
sich und deutete mit ausgestreckter Hand auf
die hohen Berge im Norden. » ... von dort.«
Ein wettergegerbter Mann meldete sich zu
Wort; Matt erkannte in ihm denjenigen, der
ihm gesterndas Kirchenportal geöffnet hatte.
Sein Name war Gosseyn, wenn er sich recht
erinnerte. »Ich kenne ihn. Er kam gestern
nach dem Überfall und suchte Zuflucht in der
Kirche.«
Der Wortführer trat auf Matt zu. »Ich bin
Drago«, stellte er sich vor und wiederholte:
»Was willst du?«
»Wissen, was hier passiert«, radebrechte
Matt.
»Wer Nosfera sind.« Er deutete mit
ausgestrecktem Arm den Hügel hinab. »Dort
unten meine Gefährtin und ich gestern
überfallen. Sie in Festung gebracht.«
Die Umstehenden murmelten
durcheinander, dann sagte eine Frau traurig:
»Deine Gefährtin ist tot. Niemand entkommt
den Nosfera.«
Matt schüttelte den Kopf. »Muss wissen,
sonst nicht glauben. Gehe in Festung.«
Die Mienen ringsum verzerrten sich in
plötzlichem Schrecken. Die Dörfler mussten
glauben, er wäre lebensmüde. Doch Matthew
stützte seine Hoffnung auf die Tatsache, dass
die Nosfera ihre Opfer verschleppt hatten.
Also waren sie nicht nur auf Mord aus.
Aruula konnte durchaus noch am Leben sein.
»Warum ihr nicht kämpfen?«, fragte Matt.
Die Menge murmelte dumpf vor sich hin.
Drago winkte ab. Sein Gesicht war blass.
»Weil sie zu mächtig und zu zahlreich sind.
Wir sind ihnen nicht gewachsen! Bisher
haben sie sich ihre Opfer nur selten in
unseren Reihen gesucht, aber jetzt ... Es hat
sich etwas verändert.« Er machte eine
hilflose Geste.
17
Matt hatte seinen Worten angestrengt
gelauscht und dabei die Entdeckung gemacht,
dass er das fremde Idiom von Satz zu Satz
besser verstand. Es waren vorwiegend
italienische Vokabeln darunter eine Sprache,
die er nicht beherrschte aber auch Brocken
von Französisch und Deutsch, die er beide
leidlich gut sprach, Je weniger er sich
bemühte, einzelne Wortfetzen zu verstehen,
sondern das Gesprochene in seiner
Gesamtheit aufnahm, desto verständlicher
wurde es. Was leider nicht bedeutete, dass
seine Aussprache dadurch besser wurde ...
»Nicht gut, wenn ihr verkriecht«,
entgegnete er, »Wenn ihr nicht wehren,
werdet ihr sie nie los.«
»Was weißt du schon?«, fragte ein hagerer
Mann mit langem Haar und schlug den Blick
zu Boden. Wir sind verflucht. Unser Dorf ist
mit dem Fluch des Herrn der Festung beladen
...«
»Herr der Festung?«, echote Matt. »Wie
heißen?«
»Du bist ein Fremdling«, sagte Drago, ohne
auf seine Frage einzugehen. »Du verstehst
nicht. Die Götter brachten die Nosfera über
uns, um uns zu prüfen.« Er verstummte und
wich Matts Blick aus. »Wir können nichts
tun es ist der Wille Wudans ...«
»Es ist der Wille Wudans«, intonierte die
Menge.
Drago gab den Leuten einen Wink, und sie
zerstreuten sich. Zurück blieben nur er,
Gosseyn und ein junger Bursche, der aussah
wie dessen Sohn.
»Sind wir Männer oder Memmen?«, fragte
der junge Mann hitzig und umklammerte den
Knauf seines Säbels. »Wenn wir
zusammenhalten, können wir uns wehren!«
»Es ist sinnlos, sich gegen die Götter
aufzulehnen.« Drago rieb nervös sein
viereckiges Kinn. »Ich gehe heim und hole
meine Familie. Ich rate euch, ins Götzenhaus
zu gehen!« Er wandte sich um, und kurz
darauf verklang das Knirschen seiner Schritte
zwischen den Häusern.
Gosseyn machte eine einladende
Handbewegung zu Matthew. »Komm mit.
Sei mein Gast. Ich werde dir über die
Nosfera berichten.«
Er wohnte gegenüber der Kirche. Die
Wohnstube lag in einem seltsamen Zwielicht.
Gosseyn bat Matt vor dem Kamin auf einem
Schemel Platz zu nehmen. Dann erzählte er,
was er von seinen Ahnen über das Volk der
Nosfera wusste. Dass sie einst viele Hundert
gewesen waren. Dass sie sich bis vor kurzer
Zeit wie normale Menschen von der Jagd
ernährt hatten Gosseyn hatte oft beobachtet,
dass
sie oft Expeditionen in die nördlichen
Berge schickten und nahm an, dass sie dort
Gerul-Nester plünderten. Und dass sie in
ihrer trutzigen Festung zurückgezogen lebten
und den Kontakt mit den Menschen scheuten.
Zumindest war es bis vor kurzem so
gewesen. Doch vor etwa zwei Monden war
eine Veränderung mit den Nosfera vor sich
gegangen. Sie waren aggressiver geworden.
Und sie verfügten plötzlich über mächtige
Zauberdinge wie kalte Fackeln und diese
röhrenden Feuerstühle, auf denen sie ritten.
Elektrischer Strom und Motorräder!
Matthew Drax verzichtete darauf, Gosseyn
diese Dinge erklären zu wollen. Aber er
fragte sich, woher die Blutsauger dieses
Wissen bezogen...
Als der langgestreckte schwarze Körper
wie eine Granate durch das Fenster in
Gosseyns Stube flog, war Matt für Sekunden
wie paralysiert.
Dem ersten maskierten Eindringling
folgten zwei weitere. Sie rollten wie Katzen
über die Dielenbretter, überschlugen sich und
waren im Nu wieder auf den Beinen, In ihren
knochigen Händen glitzerten lange
Schwertklingen, und ihre hinter den
Sehschlitzen aufleuchtenden Augen kündeten
von Blutgier und Tod. Der durch die
18
geborstenen Scheiben hereinfauchende Wind
ließ das Feuer im Kamin aufflackern, sodass
der Raum für einen Sekundenbruchteil in
gleißende Helligkeit getaucht war.
Almar, Gosseyns Sohn, reagierte als erster.
Er riss seinen Säbel hoch und sprang, von der
Wildheit der Jugend angetrieben, den
Angreifern entgegen.
Gosseyn, dessen Säbel auf dem Tisch vor
ihm lag, war für sein Alter überraschend
flink. In Gedanken
schnelle hatte er die Waffe in der Hand und
drosch zähneknirschend und mit schnellen
Hieben auf den Maskierten ein, der ihm am
nächsten war.
Auch Matt war aufgesprungen, kam aber
nicht mehr dazu, seine Pistole in Anschlag zu
bringen.
Die flache Seite einer Klinge prallte auf sein
Gelenk, und der plötzliche Schmerz führte
dazu, dass er die Automatik fallen ließ. Sein
Gegner war unglaublich schnell!
Während Matt zurückwich und einen
Schemel packte, um sich den bösartig
knurrenden Angreifer
vom Hals zu halten, fiel sein Blick durch das
zerbrochene Fenster ins Freie. Die Torflügel
der Kirche standen offen, und eine
NosferaHorde drang mit klirrendem Stahl auf
die versammelten Dörfler ein. Bei ihrem
Anblick stießen die Frauen panische Schreie
aus, liefen durcheinander und gerieten den
kämpfenden Männern ins Gehege. Die
Nosfera fielen netzeschwingend über sie her
und fingen sie ein. Sie heulten und kreischten
im Blutrausch.
Krack! Die Schwertspitze des Maskierten
drang tief in die Sitzfläche des Schemels ein.
Matt erstarrte, als die scharfe Schneide nur
wenige Zentimeter vor seiner Stirn zum
Stillstand kam. Dann erkannte er an der
verdutzten Miene seines Gegenübers, dass
dieser die Klinge nicht wieder herausziehen
konnte!
Ein heftiger Ruck und das Schwert entglitt
den Händen des Maskierten, folgte dem
Schemel quer durch den Raum und polterte
zu Boden.
Der Maskierte streckte abwehrend die
Hände aus, als Matt sich nach vorn warf und
der unheimlichen Gestalt einen Hieb in die
Magengrube verpasste.
Der Kerl taumelte zurück, während Matt
für einen Moment Übelkeit in sich aufsteigen
spürte. Es hatte sich angefühlt, als habe er in
das vertrocknete Fleisch einer Mumie
geschlagen!
Etwas stieß gegen seinen Rücken. Er
stürzte und landete schmerzhaft vor der
offenen Tür auf dem Boden. Sich
herumrollend, griffen seine Hände in Leder,
und ein totes Augenpaar starrte ihn aus
schmalen Sehschlitzen an.
Gosseyn hatte sich seines Angreifers mit
einem Hieb in den Hals entledigt und war
nun im Begriff,Almar gegen dessen Gegner
beizustehen, der ihn in eine Ecke des Raumes
getrieben hatte.
Matt stieß die Leiche von sich, rappelte
sich auf und blickte fassungslos auf das
Geschehen in der Umgebung des
Kirchplatzes. Vor den dunklen Steinwänden
wimmelte es von Nosfera, die besinnungslose
oder tote Menschen in Netzen hinter sich
herschleiften. Er glaubte plötzlich einen
starken Gestank wahrzunehmen. Sein Blick
fiel auf den erschlagenen Körper Dragos.
Die Kreaturen zogen sich zurück. Sie
schlugen die Richtung ein, die bergab führte.
Hinter Matt wurde ein unmenschlicher
Schrei laut. Als er herumfuhr, stürmte der
letzte Maskierte auf ihn zu, das schartige
Schwert zum Schlag erhoben. Offensichtlich
hatte er sich von dem Magentreffer erholt.
19
Almar und Gosseyn folgten ihm mit
wutverzerrten Gesichtern dichtauf.
Matt trat zur Seite, als wollte er den
Ledermann vorbeilassen. Doch als er heran
war, wandte er den ältesten Trick der Welt
an: Er stellte ihm ein Bein.
Der Maskierte verlor die Balance und
landete bäuchlings im Dreck. Sein Schwert
wirbelte durch die Luft und bohrte sich tief in
den weichen Boden neben der Straße.
Dann war Gosseyn heran. Er hob sein
Schwert lot recht in die Luft, dann ließ er es
mit einem triumphierenden Heulen in den
Rücken der Kreatur niedersausen ...
Als Toono mit zwei Weinflaschen aus dem
Keller seines Hauses gekommen war, hatte
ihn der Schock getroffen. Das Erste, was er
sah, war sein Weib, das bleich und leblos auf
dem Boden lag. Dann gewahrte er den
vermummten Fremden, der sich schmatzend
über ihren Hals beugte. Durch die Hintertür
huschte gerade ein zweiter Eindringling. Er
schleppte seine sich heftig wehrende Tochter
Riva mit sich.
Toono taumelte, als die Erkenntnis ihn traf,
dass Tsita nicht mehr lebte. Da drehte sich
der Vermummte um und starrte ihn aus
tückischen Augen an. Toono sah, dass das
Blut seines Weibes über seine Ledermaske
herablief.
Ekel erfasste ihn. Und heilloser Zorn. Er
hob instinktiv eine der Flaschen und warf sie
mit einem brüllenden Schrei in Richtung des
schrecklichen Wesens. Sie zerschellte
klirrend hinter ihm an der Wand. Das
Ungeheuer sprang auf und kam mit
wankenden Schritten, wie ein vom Wein
Berauschter, auf Toono zu.
Toono warf die zweite Flasche. Sie
verfehlte ihr Ziel nicht, krachte mitten ins
Gesicht des Maskierten und ließ ihn
zurücktaumeln.
Toono war nicht dumm. Er wusste, dass er
waffenlos keine Chance gegen den
Blutsauger besaß.
Also trat er den Rückzug an, machte auf
dem Absatz kehrt und rannte zur Hintertür.
Es war sinnlos, den Helden zu spielen.
Er stürzte ins Freie, das Ungeheuer dicht
auf den Fersen. Er musste ins Dorf und Hilfe
holen, sonst war Riva verloren!
Toono jagte den steilen Weg hinab und
schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, Als er
sich ein Herz nahm und einen Blick zurück
warf, stellte er zu seiner Erleichterung fest,
dass der Verfolger aufgegeben hatte: Er
verschwand gerade zwischen dem Gestrüpp
und den Tannen. Irgendwo wurde das
Knattern der unheimlichen Feuerstühle laut.
Toono nahm an, dass die Schreckensgestalt
ein Versprengter war, der Angst hatte, dass
man ihn hier allein zurückließ.
Als er ins Dorf kam, packte ihn das
Grauen.
Die Häuser der Nachbarn waren finster.
Überall war der Boden voller Blut, und da
und dort lagen herrenlose Waffen. Toono
schrie angsterfüllt auf, als er drei Gestalten
erblickte, die sich ihm vom Dorf her
näherten.
Doch es waren keine Nosfera. Einer der
Männer hatte kurzes helles Haar. Das musste
dieser Maddrax sein. Toono sammelte seine
letzten Kräfte und schrie laut um Hilfe.
»Riva!«, schrie er. »Sie haben Riva! Tsita
ist tot! Oh, Wudan!«
Als Matt, Gosseyn und Almar ihn
erreichten, war er ein an Leib und Seele
gebrochener Mann. »Die Nosfera«, murmelte
er mit bleichem Gesicht. »Sie haben Tsita
umgebracht und Riva verschleppt ...« Er
begann zu weinen.
Gosseyn und Almar nahmen ihn zwischen
sich und führten ihn zum Gasthof zurück.
Almar trat hinter den Tresen und öffnete eine
Flasche Schnaps.
Gosseyn flößte dem zitternden Toono ein
Glas ein. Der Wirt schaute mit tränenverschleiertem
Blick auf.
20
»Ich war im Weinkeller«, sagte er. »Als ich
zurück kam, war Tsita tot.« Er erzählte, was
er erlebt hatte.
Matt trat derweil in die Küche, sah die
zerfleischte Kehle der pummeligen kleinen
Frau, und Übelkeit stieg in ihm auf. Ihn
schauderte, als er an Aruula dachte. Er
musste handeln, bevor sie das gleiche
Schicksal traf. Oder lebte sie schon längst
nicht mehr?
Als er in die Gaststube zurückkehrte, war
Toono am Tresen in sich zusammen
gesunken. Er schluchzte nur noch. Gosseyn
strich sich übers Kinn. Er war so bleich wie
der Tod, und sein Sohn zitterte am ganzen
Körper.
»Es sind keine Menschen«, murmelte
Almar hasserfüllt. »Man muss sie ausrotten!
Sie verdienen das Leben nicht.«
»Wir sind zu wenige«, warf Gosseyn ein.
»Vater, wir müssen ...«
Matt warf Gosseyn einen fragenden Blick
zu. Der grauhaarige Jäger zuckte die
Achseln. Er war zweifellos der gleichen
Meinung wie sein Sohn. Aber jetzt war es zu
spät. Das Dorf war fast entvölkert. Die
Nosfera hatten die Menschen in ihre schwer
bewachte Festung mitgenommen. Matt wagte
nicht daran zu denken, was sie mit den
Gefangenen anstellen würden. Ihm fiel der
Taratzenkönig Rraar ein, dessen Bau er als
vermeintlicher Gott besucht und dessen
vorwiegend aus lebenden Menschen
bestehende >Speisekammer< er inspiziert
hatte,
Irgendwo hörte er ein Kind weinen.
Gosseyn und Almar hoben den Kopf.
»Kümmert euch um das Kind«, sagte Matt.
»Und seht, ob es gibt Überlebende. Ich bin
zurück spätestens morgen Abend.«
Dann ging er mit festem Schritt in die
Nacht hinaus und marschierte den Hügel
hinab.
»Was hast du vor, Maddrax?!«, rief
Gosseyn ihm nach.
Matt gab keine Antwort.
Es war wie in einem Kampfeinsatz.
Matthew Drax, Excommander und Expilot
der Ex-US Air Force, robbte etwa zwanzig
Meter vomTor entfernt durchs Gebüsch. Sein
inzwischen nicht mehr ganz so kurzes, dafür
aber ziemlich verräterisches blondes Haar
war unter einer am Wegesrand gefundenen
Taratzenfellmütze, seine blaugrünen Augen
hinter einem Feldstecher verborgen, der auf
die am Tor herumlungernden Wächter
gerichtet war.
Eine feiste, schwarzpelzige Flegge kreiste
brummend über den Baumwipfeln und hielt
nach einem Kadaver Ausschau, in den sie
ihre Eier ablegen konnte. Dass das
überdimensionale Insekt gebärbereit war,
hatte Matt auf den ersten Blick gesehen, denn
ihr Leib war mächtig geschwollen. Er hatte
zwar keine Angst vor dem Vieh, doch er
hoffte, dass es nicht kurzsichtig war und ihn
für eine Leiche hielt; dies hätte die
Torwächter vermutlich auf ihn aufmerksam
gemacht.
Bisher hatte Matt sich recht viel auf seine
Sprachenkenntnisse eingebildet: Er sprach
recht gut Deutsch und leidlich Französisch
und verstand sogar die Berliner
Schnodderschnauze. Doch das Idiom der
Ledermänner am Tor war für ihn nur ein
kehliges Geknarze und Geknurre.
Er verharrte in seiner olivgrünen Uniform
etwa zwölf Meter vom Tor entfernt und
murmelte stumme Verwünschungen. Wie
zum Teufel sollte er es schafften, in den
Komplex einzudringen?
Im heimatlichen Riverside war es ihm als
junger Spund immer irgendwie gelungen,
sich in Kneipen einzuschleusen, die man ihm
als minderjährigen Knaben verwehrt hatte.
21
Aber in dieser Zeit und Welt war mit Dollars
leider nichts mehr zu machen. Die hiesigen
Türsteher waren unbestechlich. Vermutlich
sprachen sie nicht mal auf eine Fünfkilo-
Blutwurst an.
Irgendwo in der Nähe raschelte es
plötzlich. Matt
zog unwillkürlich den Kopf ein und hielt
die Luft an. Die Torwächter rührten sich
nicht von der Stelle. Sie hatten also nichts
gehört. Matts Blick huschte nach links und
rechts dann glaubte er, sein Herz müsse
stehen bleiben.
Sein erster Gedanke war: Almar!
Doch er hatte sich geirrt. Die etwa zehn
Schritt rechts von ihm geduckt durchs
Buschwerk schleichende Gestalt war nicht
Gosseyns impulsiver Sohn, sondern ein
junger Bursche mit wallendem, brünetten
Haar. Es wurde von einem dunkelbraunen
Stirnband zusammengehalten. Ein dünner
Schnauzbart zierte seine Oberlippe. Er war in
graubraune Felle gekleidet und trug einen
schlaffen Rucksack. An seinem Gurt hingen
in Lederscheiden in knappes Dutzend
Wurfmesser und ein Schwert. Außerdem trug
er eine Armbrust vor dem Bauch. Die Enden
kurzschaftiger Eisenpfeile ragten aus
schmalen Täschchen an seinen Oberarmen.
Wer zum Henker ist das? Der Rambo der
Zukunft? dachte Matt als der Fremde
urplötzlich verschwand.
Matthew hob den Kopf und spähte
konzentriert nach rechts. Er hatte sich nicht
geirrt Der Fremde hatte sich weder auf den
Boden gekniet noch hingeworfen. Er war im
Boden versunken.
Das Erdreich hatte ihn verschluckt!
Andererseits die Erde verschluckt keine
Menschen, dachte Matt. Es muss eine
Erklärung dafür geben ...
Von Neugier getrieben robbte er lautlos
dorthin, wo der Bursche verschwunden war.
Kurz darauf lag er vor einem Loch im
Boden. Es hatte einen Eisenrand und war
kreisrund. Und daneben, halb von Gestrüpp
verdeckt, lag ein rostiger Kanaldeckel.
Matt runzelte die Stirn und schaute in die
Kanalisation hinab. Es war dunkel dort
unten. Genau vor ihm ragten rostige
Steigeisen aus der Wand. Aus den lichtlosen
Tiefen drang der Mief der Unterwelt in seine
Nase und das hohle Hallen von Schritten an
seine Ohren. Dann ein Klangg! und ein
unterdrückter Fluch. Der in die Kanalisation
entschwundene Fremde hatte sich den Kopf
angestoßen.
Matt musste trotz des Ernstes der Situation
grinsen. Wer war der Kerl, und was wollte er
in dem Abwasserkanal? Da er nicht die
Kleidung der Nosfera trug, konnte er kaum
zu ihnen gehören. Außerdem hatte er sich vor
den Torwächtern versteckt gehalten.
Der Typ kennt sich hier aus, sagte sein
optimistisches Ich. Häng dich an seine
Fersen. Vielleicht kann er dir helfen ...
Der Typ kennt sich hier aus, erwiderte sein
pessimistisches Ich. Und wenn du da unten
bist, wird sichzeigen, dass er ein Lump oder
Mörder oder gar ein Lockvogel der Nosfera
ist, die auf diese subtile Weise lästige
Zaungäste ausschalten ...
»Dann muss ich eben doppelt vorsichtig
sein«, brummte Matt leise und tastete nach
den rostigen Steigeisen. Er vollführte auf
dem Bauch eine Drehung, schob die Beine in
den Schacht und ließ sich hinab.
Die Steigeisen waren glitschig, da von Rost
und Feuchtigkeit überzogen, aber es gelang
Matt, in dem Loch zu verschwinden, ohne
die Torwächter auf sich aufmerksam zu
machen.
Zwölf Sprossen tiefer er schätzte die Höhe
des Schachtes auf etwa fünf Meter kam er
unten an. Der Boden schien aus Beton zu
bestehen, der die Jahrhunderte fast
unbeschadet überstanden hatte. Matt schaute
sich um und bemühte sich, die Finsternis mit
Blicken zu durchdringen. In Gedanken
verfluchte er den Umstand, die
22
Taschenlampe im Notpaket gelassen zu
haben und selbiges im Dorf. Er trug
lediglich die Pistole, den Feldstecher und
sein Messer bei sich. Ach ja und das
Feuerzeug! Er holte es hervor.
Gerade als er es anknipsen wollte, vernahm
er Schritte und erspähte das Licht einer
Fackel. Sie war etwa zweihundert Meter von
ihm entfernt und erhellte den fellbekleideten
Arm, der sie hielt. Ein kalter Luftzug kam
aus der Richtung, in die sich bewegte.
Matt folgte dem Licht, ohne das Feuerzeug
zu entzünden; es hätte ihn nur verraten. Doch
er kam in der Dunkelheit langsam voran, und
plötzlich war das Licht der Fackel nicht mehr
zu sehen. Entweder hatte der Bursche, den er
verfolgte, sie gelöscht, oder was
wahrscheinlicher schien er war um eine Ecke
gebogen. Matt hielt den Atem an und
lauschte. Er konnte die Schritte des Burschen
in der Ferne hören.
Nachdem er eine halbe Minute reglos
verharrt hatte, entzündete er endlich das
Feuerzeug. In seinem flackernden Licht
wanderte durch einen geisterhaft stillen
Schacht. Rechts und links an den kahlen
Wänden stapelte sich Zivilisationsmüll:
rostige und zerdrückte Bierdosen,
Kunststoffflaschen, Plastiktüten. Offenbar
hatte dieser Kanal nach der Katastrophe als
Unterschlupf gedient. Matt schauderte
unwillkürlich, als er daran dachte, wie die
Menschen hier die Zeit nach dem
Kometeneinschlag verbracht hatten, in der
vagen Hoffnung, ihr altes Leben später
wieder aufnehmen zu können. Eine
Hoffnung, die sich nicht erfüllt hatte ...
Es knirschte unter Matthews Füßen. Als er
nach unten blickte, erhaschte er noch einen
Blick auf die
glänzenden Chitinpanzer einiger
Kakerlaken, die raschelnd Reißaus nahmen.
Matt schüttelte sich beim Anblick des
Ungeziefers. Er musste es ignorieren. Darum
bemühte, lautlos wie eine Katze zu
schleichen, versuchte er die Schritte des
Mannes zu orten, den er verfolgte. Doch der
RamboTyp war schon zu weit entfernt oder
in einen Querschacht eingebogen, in dem der
Hall nicht weit genug trug.
Wenige Minuten später spürte Matt, dass
ihn ein kalter Luftzug von links traf. Eine
Abzweigung. Hier entlang musste der
geheimnisvolle Bursche gegangen sein.
Als er um die Ecke bog, traf etwas seinen
Schädel.
Sterne blitzen vor Matts Augen auf. Ein
gepresster Schrei entrang sich seiner Kehle,
während er in die Knie ging. Das Feuerzeug
entfiel seiner Hand und erlosch. Doch für
einen Sekundenbruchteil hatte es noch den
Angreifer beleuchtet ein Bild, das sich in
Matthews Netzhäute gebrannt hatte: Das
Schwert erhoben und mit grimmiger Miene
stand er breitbeinig über ihm, bereit zum
tödlichen Schlag!
Matt verlor keine Sekunde. In seiner
knienden Haltung blieben ihm nicht viele
Möglichkeiten. So ließ er seine linke Hand
vorschnellen und packte zu.
Ein japsendes Keuchen bewies ihm, dass er
richtig gezielt hatte. Er verstärkte den Druck
um die Genitalien des Mannes noch und
führte mit der Rechten einen Uppercut in
Richtung Kinn.
Dass der Mann sich in diesem Augenblick
zusammenkrümmte, kam Matt nur entgegen
– im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Faust
erwischte ihn voll.
Der Mann sackte mit einem gequälten
Seufzen nach hinten weg. Matt ließ los und
konnte hören, wie Rambos Hinterkopf mit
dem Betonboden kollidierte. Er tastete nach
seinem Feuerzeug, fand es und ließ die
Flamme aufglühen. Gleichzeitig zückte er
die Beretta und richtete sie auf den Schädel
des Unbekannten. Er war noch bei
Bewusstsein, doch seine Miene verriet, dass
er genug hatte. Beide Männer atmeten
schwer.
23
»Wenn du bewegen, bevor ich sage«,
radebrechte Matt mit bösem Tonfall, um dem
anderen klarzumachen, dass mit ihm nicht zu
spaßen war, »bist du tot.«
»Gnade, Herr«, keuchte der Fremde.
»Gnade.« Dann hob er ruckartig den Kopf,
als sei ihm etwas aufgefallen. Er schaute
Matt verblüfft an. »Wer bist du? Du
sprichst... anders.«
»Wer bist du?«, fragte Matt.
»Man nennt mich Gholan«, sagte der junge
Mann. Er rieb sich den schmerzenden
Hinterkopf. Matt ließ ihn gewähren..
»Was du tust hier?«
»Ich ... ich suche ...« Gholan hustete und
betastete sein Kinn, das sich allmählich
rotblau färbte. »Ich suche ... meine Braut.«
»Deine Gefährtin?«, fragte Matt, der den
Begriff >Braut< nur aus dem Zusammenhang
erraten hatte. »Hier? Unter der Erde?«
Gholan nickte. »Daman hat sie geraubt.
Vor vierzehn Tagen.«
»Wer ist Daman?«, fragte Matt. Er steckte
die Automatik wieder in den Hosenbund. Er
glaubte nun nicht mehr, dass Gholan eine
Gefahr für ihn war, und wollte ihm dies auch
demonstrieren.
»Der Herr der Nosfera«, erwiderte Gholan.
»Wer bist du? Darf ich aufstehen?«
»Setz dich«, sagte Matt.
Gholan setzte sich auf und schlang die
Arme um seine Knie. Er sah ziemlich
ramponiert aus. Die Beule an seinem Kopf
schwoll zu beachtlicher Größe an. Matt
seufzte. Irgendwie tat ihm der junge Bursche
Leid. Er war höchstens achtzehn.
»Woher kommst du?«, fragte er.
»Aus Millan«, sagte Gholan. »Ich wollte
Ghita zum Weib nehmen. Wir sind einander
versprochen.«
»Verstehe«, sagte Matt. »Jetzt du willst sie
befreien.« Er kniete sich vor Gholan hin.
»Mir genau so passiert«, sagte er. »Daman
hat Aruula entführt, meine Gefährtin.«
Gholan nickte. »Ich habe den
unterirdischen Weg gestern gefunden«, sagte
er. »Es gibt eine Möglichkeit, von hier aus in
die Festung vorzustoßen!«
Als Aruula zu sich kam, war sie überzeugt,
von einem grässlichen Alptraum gequält
worden zu sein. Sie erinnerte sich nur noch
nebelhaft an das schreckliche Geschöpf, das
sie gepackt und vor sich über sein
zweirädriges Gefährt geworfen hatte.
Erst als Aruula erkannte, dass sie nicht
neben Maddrax eingeschlafen war, sondern
auf einem Strohhaufen in einem aus
Steinquadern gebauten Raum lag, drang die
Wirklichkeit langsam zu ihr durch.
Was war passiert? Hatte sie den Kampf mit
den Vermummten gar nicht geträumt? War
alles wirklich geschehen?
Furcht packte Aruula. Nackte Furcht, die
ihr den Atem abschnürte. Wo war sie hier?
Wer waren ihre Entführer? Was hatten sie
mit ihr vor?
Sie stand auf. Ihre Muskeln schmerzten.
Sie machte ein paar Schritte und ruderte mit
den Armen. Die kleine Zelle besaß nur eine
schmale Lüftungsritze hoch oben in der
Mauer, unmöglich zu erreichen.
Die Tür war verschlossen.
Maddrax war nicht bei ihr. Hatte man ihn
getötet? Und auch ihr Schwert war
verschwunden. Sie war wehrlos.
»O Wudan«, murmelte Aruula leise. »Hilf
mir und weise mir den Weg ...«
Doch Wudan antwortete nicht. Dem
gemeinen Krieger antwortete er ohnehin nie.
Baloor, der Göttersprecher hatte gesagt, dass
die Götter nicht mit jedem gewöhnlichen
Menschen sprechen konnten, weil sie dazu
24
keine Zeit hatten. Sie waren mit wichtigen
Dingen beschäftigt, denn sie gestalteten die
Welt.
Aruula hörte das Rasseln eines
Schlüsselbundes und zog sich in die äußerste
Zellenecke zurück. Unwillkürlich bedeckte
sie ihren festen Busen notdürftig mit den
Händen. Zwar hatte sie normalerweise keine
Hemmungen, halbnackt durch die Lande zu
laufen, doch jetzt fühlte sie sich verletzlich
und entblößt.
Sie kniff die Augen zusammen, als ein
Vermummter die Zelle betrat. Zwei in tiefen
Höhlen liegende Augen starrten sie gierig an.
Der Mann war so dürr wie ein Skelett und
vollständig in schwarzes Leder gekleidet. Der
modrige Geruch, den er ausströmte, ließ
ihren Magen rebellieren. Brennende Übelkeit
stieg in ihr auf.
O Wudan!
Der Vermummte rührte sich nicht. Er
stierte sie aus dunklen Augen an, und aus
seiner Kehle kamen heisere Laute. Seine
Spinnenhände fingerten aufgeregt an seiner
Kleidung herum, als wolle er sie ablegen.
Aruula musterte ihn entsetzt.
»Neet!«, schrie sie in ihrem heimischen
Dialekt. Sie stieß sich von der kalten
Steinwand ab und wollte an der unheimlichen
Gestalt vorbei stürmen.
Der Ledermann stellte ihr ein Bein. Sie
schlug der Länge nach hin und rutschte über
den Boden. Ihr Kopf prallte gegen eine
Wand, und fast wünschte sie sich, die
Besinnung zu verlieren. Doch ihr Wunsch
erfüllte sich nicht. Sekundenlang stach ein
entsetzlicher Schmerz durch ihren Kopf.
Der Ledermann baute sich breitbeinig vor
ihr auf, fletschte die Zähne und stieß ein
Fauchen aus.
Ehe Aruula einen klaren Gedanken fassen
konnte, waren seine Spießgesellen zur Stelle.
Harte Hände packten sie und rissen sie brutal
hoch. Modergeruch drang von allen Seiten
auf sie ein. Neuer Ekel übermannte sie. Ihre
Beine gaben nach.
Ein Schrei drang an ihre Ohren. Die Meute
teilte sich, als eine kleinere Gestalt
auftauchte. Auch sie war in Leder gekleidet,
doch auf dem Kopf trug sie eine schwarze
Kapuze, die ihr Gesicht im Dunkeln ließ. Die
Gestalt hielt eine kurze Peitsche in der
Rechten. Damit drosch sie auf Aruulas
Peiniger ein und stieß eine Flut von Worten
hervor, die die Barbarin nicht verstand.
Die Ledermänner schützten sich vor den
Peitschenhieben, indem sie die Arme vors
Gesicht hoben, aber es half ihnen wenig. Sie
bekamen ihre Strafe und eilten wimmernd
davon.
Nur zwei Männer blieben zurück der
Unheimliche mit der Kapuze und eine
untersetzte Gestalt mit schwarzen Augen, in
denen Aruula zu ihrem Erstaunen Furcht
gewahrte. Auf der Stirn seiner Kopfmaske
war ein kreisförmiges Symbol zu sehen. Der
Peitschenmann verbeugte sich vor Aruula,
und als ihr Blick auf seine Finger fiel,
erkannte sie, dass er in dieser Gegend fremd
sein musste. Seine Haut war hell, und seine
Hände sahen nicht so aus, als hätten sie
jemals im Leben harte Arbeit verrichtet.
Aruula war überzeugt, dass sie es mit dem
Häuptling der Maskierten zu tun hatte. Doch
wer war der andere, der mit dem Kreis auf
der Stirn? Der Schamane der Horde?
»Verzeih die perverse Gier meiner
Untertanen«, sagte der Häuptling zwar in der
Sprache der Millani, welche der der
Wandernden Völker sehr ähnlich war, doch
mit einer Stimme, die trotzdem irgendwie
fremd und so ölig und glatt war, dass in
Aruulas Kopf eine lautlose Stimme Gefahr!
brüllte. »Haben sie dir etwas angetan?«
Aruula schüttelte stumm den Kopf.
»Ich bin Jacobo«, fuhr der Häuptling fort.
Er deutete auf seinen Begleiter. »Und das ist
Daman, mein Lakai.« Er lachte schmutzig,
und Daman zuckte zusammen.
25
»Wer seid ihr?«, fragte Aruula, darum
bemüht, ihrer Stimme einen festen Klang zu
geben. »Weshalb verbergt ihr eure
Gesichter?«
»Ich bin der Herr der Festung und der
Stadt«, sagte Jacobo. »Daman ist ein
Niemand.« Er wickelte die Peitsche um seine
rechte Hand. »Bald werde ich der Herr dieses
Landes sein und später dieser ganzen Welt!«
Aruula kam zwar aus einfachen
Verhältnissen, und ihr Geist war durch
keinerlei Bildung verdorben, aber Kranke
erkannte sie auf den ersten Blick.
Auch in ihrer Horde hatte es einen Kranken
gegeben: Muulda. Er hatte an nebligen Tagen
fortwährend fliegende Suppenschüsseln am
Himmel gesehen und zu ihrem Ruhme
göttliche Gesänge angestimmt. Baloor hatte
ihr und den anderen geraten, Muulda nicht zu
verlachen, sondern ihm tunlichst in allen
Dingen Recht zu geben, damit er nicht
ausfallend wurde.
Und so nickte sie auch diesmal und sagte:
»Ich danke dir für deine Hilfe, Herr der
Welt.«
Dann fügte sie hinzu: »Wirst du mich zu
meinem Gefährten zurückkehren lassen?«
Jacobo kicherte unter seiner Kapuze.
»Dies«, erwiderte er, »ist leider
unmöglich.« Obwohl sie es nicht sehen
konnte, wusste Aruula, dass er sie aus
stechenden Augen musterte. Dazu brauchte
sie nicht einmal ihre telepathischen
Fähigkeiten zu bemühen.
»Mein genialer Geist«, fuhr der
Wahnsinnige fort »hat einen Plan erdacht, in
dem du eine tragende Rolle spielen wirst.«
Er holte tief Luft.
»Denn es ist der Zeitpunkt gekommen, an
dem ich meine Herrschaft ausdehne!«,
erklärte er im Brustton der Überzeugung.
Aruula verstand zwar nicht aber die
Aussicht, weiterhin in der Gewalt des Irren
zu bleiben, jagte ihr Schrecken ein.
»Und welche Rolle wird das sein?« Sie
presste sich noch fester an die Wand. Das
Gestein in ihrem Rücken war eiskalt.
»Ich brauche dich für einen Versuch, mein
hübsches Kind«, erwiderte Jacobo. »Ein
Experiment, das meine treuen Nosfera
befähigen wird ...« Seine weiteren Worte
gingen in einem undeutlichen Genuschel
unter. Er blickte zur Decke, zuckte
zusammen, heulte auf, als hätte ihn jemand
getreten, und schlug mit beiden Händen auf
einen unsichtbaren Gegner ein. Dann
beruhigte er sich schlagartig wieder und stieß
einen heiseren Befehl aus.
Zwei Vermummte erschienen, packten
Aruula rechts und links und schleiften sie mit
sich.
Es roch nach Fäulnis und Verfall.
Aufgewirbelter Staub legte sich auf Mund
und Nase der Barbarin und verursachte einen
Hustenanfall.
Aruula wurde viele abgetretene Stufen
hinauf gezerrt. Man führte sie durch einen
weiteren Gang und stieß sie in einen Raum,
der bis auf ein muffiges Strohlager leer war.
Hier gab es zwar ein Fenster, aber es lag so
hoch, dass jeder Fluchtversuch aussichtslos
war. Aruula sah mehrere Türen, die in
Nebenräume führten. In einem Kamin
brannte ein kleines Feuer.
»Du bist nicht allein hier«, sagte Jacobo. Er
deutete auf die Türen, dann scheuchte er
Daman und seine Helfer mit einer herrischen
Handbewegung auf den Gang hinaus. »Hier
sind viele Weiber, aber sie sind schlechtes
Zuchtmaterial.«
Er lachte, und Aruula fragte sich, was er
mit Zuchtmaterial meinte.
»Eine hat den Verstand verloren, als sie
von meinem Plan erfuhr. Eine andere hat sich
in den Hof gestürzt.« Jacobo schnaubte
höhnisch. »Bauerntrampel allesamt.« Sein
Blick richtete sich auf Aruula. »Bei dir sieht
man gleich, dass du Klasse hast. Du wirst
26
eine prächtige Zuchtmutter für meine
Nosfera abgeben.«
Du bist krank! schrie es in Aruula. Es hätte
nicht viel gefehlt, und sie hätte sich trotz der
Gefahr auf Jacobo gestürzt. Sie hatte nicht
die Absicht, sich mitden schrecklichen
Ledermännern zu paaren. Eher würde sie
sterben.
Jacobo zuckte plötzlich wie unter einem
Peitschenhieb zusammen. Seine Hand krallte
sich um den Griff der Peitsche.
»Schau sie dir an, diese scheußlichen
Ungeheuer«, fauchte er und deutete auf die
draußen wartenden Wachen. »Was sind sie?
Menschen? Dämonen? Ausgeburten
abgrundtiefer Perversion? Ein Fall für die
Schulmedizin? Stammen sie geradewegs aus
der Hölle? Oder sind sie das Produkt einer
strahlungsbedingten Mutation?«
Aruula kannte keine Schulmedizin. Sie
konnte auch mit dem Begriff
>strahlungsbedingte Mutation< nichts
anfangen. Aber sie wusste, dass der Mann
mit der Kapuze nicht bei Sinnen war. Sie
erkannte es an seinem hysterischen Lachen.
Bevor sie eine Frage stellen konnte,
kreischte Jacobo: »Aus der Hölle? Nein,
nein! Du wirst die Wahrheit bald erfahren,
Kleine! Aber dein Wissen wird dir nichts
nutzen!« Und wieder schlug er unter
brüllendem Gelächter auf einen imaginären
Gegner ein, bis Daman den Raum betrat und
ihn in seiner knarzenden Sprache etwas
fragte.
»Ah, die Pest!«, schrie Jacobo. Er fuhr
herum, und Aruula sah einen schwarzen Stab
in seiner Rechten, der sie an Maddrax‘
merkwürdige Laterne erinnerte. Er richtete
ihn auf Daman, der entsetzte Kehllaute
ausstieß und schützend die Arme hochriss.
Mit einem lauten Knistern sprangen dünne
weißlaue Blitze aus Jacobos Hand. Sie trafen
Daman vordie Brust, und er flog, wie von
einer Faust gestoßen, nach hinten und prallte
mit dem Rücken gegen die Wand.
Jacobo wandte sich zu Aruula um, die
schreckensbleich an den Rand des
Strohlagers zurückgewichen war. »Sie sind
nicht perfekt«, rasselte Jacobo, und weißer
Schaum flockte von seinen Lippen. »Aber
ich werde sie perfekt machen! Und du wirst
ihre Mutter sein!«
Matt starrte angestrengt in das dicke Rohr
hinein, das aus der rechten Seite des
Kanalschachtes ragte. Ein merkwürdiges
Schleifen hatte seine Neugier erregt. Zuerst
bemerkte er nur einen Gestank, der so
entsetzlich war, dass es ihm beinahe den
Magen umdrehte. Dann hörte er ein
Schmatzen, als arbeite sich eine
schwerfällige plumpe Masse über glatten
Untergrund auf ihn zu.
Als er das Feuerzeug anknipste und in das
Rohr hinein leuchtete, sträubten sich ihm die
Nacken haare. Er hatte sich nicht getäuscht.
Auch Gholans Augen weiteten sich in
Entsetzen. Vor ihnen tauchte im Lichtstrahl
etwas auf. Matt warf nur einen kurzen Blick
auf das Ungeheuer, dann packte er Gholan
am Kragen und rannte wie von Furien
gehetzt weiter den Schacht entlang.
»Grauenhaft!«, stöhnte Gholan, als sie
hundert Meter weiter schnaufend eine Pause
einlegten. »Was ist das für ein Ungeheuer,
Maddrax?«
Matt konnte darauf nichts antworten. Die
Kreatur hatte wie eine bizarre Mischung aus
einer Schnecke
und einem Hai ausgesehen. Der Teufel
mochte wissen, welche Mutationen noch hier
unten hausten.
»Ich nicht weiß, was es ist, Gholan«, sagte
er schließlich. »Aber es wird uns nicht
erwischen, weil es langsam.« Er schaute sich
27
um. »Ich vorschlage, wir setzen unsere Suche
fort nach Weg in die Festung.«
Gholan nickte. Er war leichenblass. Matt
sah im Schein des Feuerzeugs, dass sein
Gesicht von einer Gänsehaut überzogen war.
Er warf einen Blick zum Rohr zurück. Das
schleimige, pulsierende Ding schob sich
gerade ins Freie. Vier armdicke Fühler
tasteten neugierig in der Gegend umher. So
viel zum Thema Langsamkeit
Gholan würgte. Dann fühlte er sich von
Matt am Ärmel gezerrt und rannte hinter ihm
her.
Nach kurzer Zeit stießen sie auf drei
glitschige Treppenstufen, die nach oben
führten. Sie gelangten durch einen Einstieg in
einen kargen Raum undwarfen mit vereinten
Kräften die hölzerne Luke hinter sich zu.
Gholan tastete nach dem Riegel und sicherte
sie. »Hoffentlich haben wir keinen Fehler
gemacht!«, stieß er hervor. »Jetzt sitzen wir
fest!«
Matt sah sich in dem von schummriger
Helligkeit erfüllten quadratischen Raum um.
Die Wände bestanden aus groben, mit hellem
Lehm verputzten Mauern und wurden von
einer weiteren Holztür unterbrochen. Es gab
keine Fenster; nur an der gut fünf Meter
hohen Decke erspähte er eine Öffnung, aus
der auch das fahle Licht drang.
Auf dem Lehm waren Bilder aufgemalt,
fast wie die Höhlenzeichnungen von
Urmenschen, aber detaillierter. Matthew trat
neugierig näher, entzündete das Feuerzeug
und betrachtete die Darstellungen. Er sah
schreckliche Szenen vom Treiben der
Nosfera: eine schaurige Prozession, die halb
nackte, ängstliche Menschen durch Ruinen
führte. Sie trugen Eisenhalsbänder, an denen
Ketten hingen. Vermummte hielten sie fest
Auf dem nächsten Bild bewegte sich die
Prozession auf den Dom zu, wo ein
Hohepriester mit totenschädelähnlichen
Gesichtszügen sie mit ausgebreiteten Armen
erwartete. Das dritte Bild zeigte eine Art
Messe. Eine berauschte Menge umtanzte in
Käfigen hockende Menschen, Man stach auf
die Gefangenen ein, die in ihrem Blut lagen
und verzweifelt den Klingen auszuweichen
versuchten. Der Hohepriester schlug in
vampirischer Gier seine Zähne in den Hals
eines Opfers.
Ein schleifendes Geräusch ließ Matt und
Gholan zusammenfahren. Dann vernahmen
sie ein Quietschen, als werde irgendwo eine
Tür geöffnet. Sie schauten sich an. Schritte
wurden laut, die sich zuerst näherten und
dann wieder entfernten. Matt hörte ein leises
Weinen.
»Was ist das?«, flüsterte Gholan. Er hob
seine Armbrust. Das flackernde Licht des
Feuerzeugs wanderte umher und beleuchtete
an der gegenüberliegenden Wand eine
Holztür. Matt zweifelte nicht daran, dass die
Geräusche von dort gekommen waren.
Aruula?
Er baute sich vor der Tür auf und packte
die Klinke. Die Türe war völlig verrottet. Die
Scharniere brachen, als Matt an ihr zerrte.
Die Tür fiel in den Raum und wirbelte eine
Dreckwolke auf.
Ein Schrei, der ihnen das Blut in den Adern
gefrieren ließ, drang zu ihnen.
»Riva!«, rief Matt.
Toonos Tochter stand nicht weit entfernt in
einem schmutzigen Kellergang und rang mit
einer dunklen Gestalt. Als sie abermals um
Hilfe schrie, warf Matt sich nach vorn.
Riva versuchte sich aus den Klauen der
hageren Gestalt zu befreien, deren Gesicht
Matt nicht sah, Der Vermummte stieß
widerliche Laute aus, als er Matt und Gholan
gewahrte. Er ließ Riva augenblicklich los.
Ihre Kleider waren zerfetzt. Sie sank auf den
schmutzigen Boden. Ihr Häscher wandte sich
fauchend den Eindringlingen zu und griff
nach seinem Schwert.
»Gholan!«, schrie Matt. »Schieß!«
Gholan reagierte mit der Präzision eines
Scharfschützen. Seine Armbrust zuckte hoch.
28
Plong! Der Bolzen raste durch die Luft und
schlug in die Brust des Vermummten, drang
aber nicht tief genug ein. Der Ledermann
wurde in seinen Bewegungen kaum
gehemmt. Schon sirrte seine Klinge durch die
Luft.
Gholan stieß eine Verwünschung aus, legte
den nächsten Bolzenpfeil ein und feuerte ihn
ab. Er bohrte sich in den Oberschenkel der
Bestie.
Matt nutzte den Augenblick, um Rivas Arm
zu packen und sie aus der Gefahrenzone zu
reißen. Schon legte Gholan den dritten
Bolzen auf die Waffe.
Der Vermummte wandte sich zur Flucht,
und so traf der Bolzen seinen Rücken.
Diesmal verschwand er fast zur Gänze im
Körper des Nosfera. Die Gestalt stieß ein
Gurgeln aus, lief noch ein paar Schritte
weiter und stürzte dann zu Boden.
»Maddrax?« Riva sprang ihn an wie ein
Kind und schlang die Arme um seinen Hals.
»Bei Wudan, wie froh ich bin, dich zu
sehen!« Sie brach in Tränen aus. »Oh, es ist
schrecklich hier! Ich wollte fliehen, aber ...«
Sie deutete auf die am Boden liegende
Gestalt. »Sie können Menschen riechen!« Sie
wies auf ihren Hals. »Er wollte mich
beißen!« Matt löste behutsam ihre Arme von
sich. »Erzähl, was du gesehen«, sagte er.
»Wo sind andere Gefangene?«
Riva erzählte ihm alles von Anfang an. Sie
hatte im Haus ihrer Eltern geschlafen, als ein
Klirren sie weckte. Sie war aus dem Bett
gesprungen, um aus dem Fenster zu schauen.
Da hatte jemand sie gepackt und war mit ihr
die Treppe hinabgesprungen. Sie hatte ihre
Mutter leblos auf dem Boden liegen sehen,
und ihr Vater war aus dem Haus gerannt. Ein
Vermummter hatte ihn verfolgt.
Dann hatte Riva die Besinnung verloren.
Als sie aufgewacht war, hatte jemand sie
durch finstere Gänge getragen. Ihr war klar
geworden, dass sie sich in der Festung
befand. Sie war in einem Verlies gelandet.
»Dort war ich eine Nacht und einen Tag.
Dann wollte man mich nach oben bringen.
Da bin ich ausgerissen.« Ihre Nerven gaben
nach. Sie fing haltlos an zu schluchzen. »Ein
Mensch ist auch hier. Ich habe ihn gesehen.
Ich glaube, er beherrscht die Nosfera.« Sie
verbarg das Gesicht in den Händen.
»Ein Mensch?«, fragte Matt überrascht. Er
schaute Gholan an, »Was das bedeutet?«
»Die Nosfera sind keine Menschen«, sagte
Gholan.
»Keine Menschen?«, echote Matt. »Was
denn sonst?«
Gholan errötete. »Ich ... weiß nicht.« Er
schluckte nervös, dann deutete er zu Boden.
»Manche sagen, sie kommen aus der Tiefe.
Aus der Unterwelt.«
»Wir müssen weg von hier!«, drängte Riva.
»Sie werden nach mir suchen!«
Matt warf Gholan einen Blick zu. Sie
wussten beide, dass ihnen nur ein Ausweg
blieb: über den Leichnam des Vermummten
hinweg über eine nach oben führende
Treppe. Auf der anderen Seite wartete die
Riesenschnecke auf sie.
Matt legte den Arm um Rivas Schultern
und zog sie mit. Gholan folgte ihnen auf dem
Fuße.
Eine ganze Weile kamen sie unbehelligt
voran. Sie folgten einer Wendeltreppe zwei
oder drei Stockwerke hinauf, bis sie an ein
Fenster gelangten. Als Matt hindurch
schaute, gewahrte er auf einem unter ihm
liegenden Hof mehrere Nosfera, die um ein
knisterndes Feuer herum standen und sich
wärmten. Den Kerlen schien fortwährend kalt
zu sein. Von ihren Opfern war nichts zu
sehen,
»Sie können uns riechen«, hauchte Riva
aufgeregt. »Bei Wudan, wir müssen hier
raus!«
»An dem Ungeheuer kommen wir aber
nicht vorbei«, sagte Gholan und deutete zur
Treppe hinunter. »Es bewacht die Tür.«
Riva schauderte. »Welches Ungeheuer?«
29
Matt warf ihm einen ärgerlichen Blick zu.
Es wäre nicht nötig gewesen, das Mädchen
zusätzlich zu ängstigen. »Eine Art
Schnecke«, sagte er. »Aber nicht sorgen; wir
haben sie ausgesperrt.«
Es machte nicht den Eindruck, als würden
seine Worte Riva beruhigen. Aber das musste
jetzt seine geringste Sorge sein. Vorrangig
war, erst die Gefangenen und damit auch
Aruula und dann einen Fluchtweg aus dieser
Festung zu finden.
»Weiter!«, kommandierte er.
Im Hof wurden jetzt Befehle laut. Sie traten
vom Fenster zurück und stiegen die Treppe
weiter hinauf, bis sie einen Dachboden
erreichten – einen riesigen Raum, in dem sich
allerlei Gerümpel stapelte. Matt suchte mit
geschmälten Augen nach Dachfenstern.
Schließlich fand er eines. Er musste sich auf
eine Kiste stellen, um es zu öffnen.
So weit das Auge reichte, erstreckten sich
ringsum flache Dächer. Matt zog sich hinauf
und hielt nach dem Wachtposten Ausschau,
aber der war nicht zu sehen.
»Keine Angst, Riva«, flüsterte er durch das
Fenster hinab und streckte einen Arm zu ihr
hinunter.
Riva folgte ihm. Sie zitterte vor Furcht,
aber sie schaffte es. Gholan kam als
Nächster. Er reichte Matt zuerst die Armbrust
und kletterte dann hinauf.
Ein kalter Wind wehte. Der Regen hatte
aufgehört; am Himmel zeigten sich
wolkenlose Stellen. Matt betrachtete das
glitzernde Sternenzelt und dachte an Aruula.
Er konnte die Festung doch nicht verlassen,
bevor er sie gefunden hatte! Außerdem war
auch Gholans Braut bei den Gefangenen.
Matt wunderte sich, dass sein Begleiter sie
noch nicht wieder erwähnt hatte. Sie war
doch der Grund dafür, dass er sich in die
Festung geschlichen hatte.
Sie marschierten in Richtung Osten, fort
von der Seite, unter der sich der
Kanalschacht befand, und mit jedem Schritt
wurde das Gefühl in Matt stärker, seine
Gefährtin im Stich zu lassen.
Sein Dilemma sollte nicht lange währen.
Nach etwa zwanzig Metern gab plötzlich
schlagartig der Boden unter ihm nach! Erst
eine Sekunde später hörte er das Knirschen
morscher Bretter. Es gelang ihm noch, einen
Aufschrei zu unterdrücken, dann sauste er
durch das entstandene Loch in die
nachtschwarze Tiefe, schlug irgendwo mit
dem Kopf auf und verlor die Besinnung.
Der Mond stand tief und warf die Schatten
der Bäume über das gelbbraune Wasser des
Olanya. Eine trächtige Flegge zog mit
Gebrumm über dem versumpften Fluss ihre
Kreise. Sie war eine Elle lang, und ihr
scharfer Blick suchte die Umgebung ab. Sie
war auf warmes Aas aus und wollte ihre Eier
ablegen, damit die Madenbrut sich später
davon ernähren konnte.
Daman stand am Fenster und rieb sich den
schmerzenden Schädel. Die Nachwirkungen
des Blitzes peinigten ihn, als er die Flegge
vom obersten Stock der Festung aus
beobachtete, und er schüttelte sich, als sie auf
das Ufer des sumpfigen Flusses zuflog. Sie
hatte eine verendete Jungtaratze erspäht, an
deren Kadaver eine drei Meter lange
Androne nagte. Doch Fleggen waren
Andronen unterlegen, da ihre Kiefer deren
Chitinpanzer nicht durchdringen konnten.
Außerdem waren sie dumm. Als sie sich
auf der Taratze niederlassen wollte, zuckte
die riesenhafte Flugameise hoch und biss ihr
in den Kopf.
Daman seufzte. Er fühlte sich irgendwie
mit dem Insekt verwandt.
30
Dank seines väterlichen Erbes, das sich
über Millan und das Umland erstreckte, hatte
er ein Leben lang genug zu saugen gehabt.
Doch seit die Gerul-Pest in diesem
Landstrich wütete, hatte sich alles verändert.
Über die Hälfte seiner Leute waren ständig
unterwegs, um in anderen Gebieten Beute zu
machen, und die vor über zwei Monden
erfolgte Machtübernahme durch Jacobo trug
auch nicht zu seinem Wohlbefinden bei.
Jacobo ließ keine Gelegenheit aus, ihn mit
seinem schrecklichen Blitz vor den Augen
seines Volks zu erniedrigen.
Er hatte ihn zu einem bloßen Lakai
gemacht. Und auch das nur, weil er auf seine
Kenntnisse angewiesen war. Doch
mittlerweile beherrschte Jacobo neben der
Sprache der Millani auch das höchst
komplizierte Idiom der Nosfera so gut, dass
er sich mit seinen Untertanen verständigen
konnte. Momentan gab Daman seine Befehle
zwar noch weiter, aber irgendwann würde
auch dies nicht mehr nötig oder Jacobo zu
lästig sein.
Der fremde Herrscher lernte schnell, sehr
schnell. Er war aus dem eisigen Norden
gekommen, aus dem Land hinter den Bergen,
in dem die schrecklichsten Götter hausten. Er
war vermutlich ihr Sendbote, und seine Pläne
waren Daman nicht geheuer.
Er hatte neue Sitten eingeführt: Die Nosfera
mussten so genannte >Ziffern< auf der
Kopfhaube tragen, damit Jacobo sie
unterscheiden konnte. Früher hat ten Damans
Krieger die Millani nur in Notzeiten gejagt,
wenn die Beute an Gerulen schlecht gewesen
war. Nun ließ Jacobo die Einwohner zu
Dutzenden in die Festung bringen, um sie als
Sklaven zu verkaufen.
Außerdem hatte er Kuriere in alle
Windrichtungen ausgesandt, um bei anderen
Stämmen seltene Essenzen zu kaufen, die er
angeblich brauchte, um sein Volk zu
verbessern. Er hatte angekündigt, niemand
müsse mehr wegen Blutmangels sterben,
wenn er mit Hilfe dieser Kräuter ein Serum
fabrizieren könne was immer das auch sein
mochte.
Wie es schien, hatte er Glück gehabt. Erst
vor vier Tagen war ein Kurier aus dem
eiskalten Suizza zurückgekehrt und hatte
berichtet, dass eines der Bergvölker sich auf
einen Handel eingelassen hatte: Sie wollten
die gesuchten Essenzen gegen fünfzig
Sklaven eintauschen, wovon die Hälfte
gesunde junge Maiden sein sollten.
Daman waren Jacobos Ziele nicht ganz
klar. Er verstand nicht, was er mit verbessern
meinte. Er verstand auch nicht, wieso Jacobo
glaubte, ein Zaubertrank könne eine
Urmutter hervorbringen, deren Kinder
niemals starben. Er wusste nur eins: Er stand
Jacobo im Weg. Er würde bald den Weg
allen Verdaulichen gehen. Und dazu hatte er
keine rechte Lust.
Er hatte Millan von seinem Vater
übernommen, wie es Sitte war. Sein Vater
hatte die Stadt und ihre Bewohner von
seinem Vater geerbt, wie dieser zuvor von
seinem und so fort: seit zwölf Generationen,
seit der Katastrophe, als der Zorn der Götter
flammenspeiend über die Welt gekommen
war.
Vor zweieinhalb Monden hatten Damans
Krieger Jacobo bei einem Beutezug in den
Bergen in einem Gerul-Nest gefunden. Dort
war er auf seiner Reise zu den Menschen
gestrandet. Die Krieger hatten sich an der
Gerul-Brut gütlich getan und sich dann auf
Jacobo gestürzt, ohne zu ahnen, dass er ein
Sendbote der finsteren Götter war.
Er hatte sie mit Blitzen bezwungen, die aus
seiner Hand kamen, und ihnen furchtbare
Schmerzen zugefügt. Sie hatten sich ihm
unterwerfen müssen und ihn in die Festung
geführt. Seither war er der starke Mann und
versprach allen das ewige Leben. Einzelne
Widerstände hatte er mit der Gewalt seiner
göttlichen Blitze niedergeschlagen. Nun
wagte niemand mehr, ihm zu widersprechen.
31
Auch Daman nicht, der sich nach der letzten
Bestrafung glücklich schätzen durfte,
überhaupt noch am Leben zu sein. Aber wie
lange noch im Gegensatz zu der Flegge, die
ihre Dummheit gerade mit dem Leben
bezahlte. Daman schaute fröstelnd zu, als sie,
halb im Maul der Androne steckend, ihren
trächtigen Leib auf dem Taratzenkadaver
entleerte. Ihre klebrigen Eier waren nicht nur
für das Chitinungeheuer eine Delikatesse.
Daman wandte den Blick von dem toten
Insekt ab und ließ ihn über die Türme der
alten Stadt schweifen. Er wusste aufgrund
der Überlieferungen, dass sie vor der
Katastrophe Milyano geheißen hatte. Sie lag
in einer Nordprovinz des untergegangenen
Reiches Ittalya.
Vom Glanz der Metropole war außer dem
marmornen Domo, den Götzenhäusern und
dem Teatro, in dem die Herrscher früher
schrillen Gesängen gelauscht hatten, nichts
übrig. Da und dort ragten hohle Türme mit
leeren Fensterhöhlen auf.
So hohl wie die Türme fühlte sich auch
Daman, der längst keine Macht mehr hatte.
Er musste etwas unternehmen. Er musste
Jacobo stürzen. Er musste ihn töten. In einem
Moment, da er unachtsam war. In letzter Zeit
war er immer öfter unachtsam. Zum Beispiel,
wenn er gegen unsichtbare Dämonen
kämpfte. Wenn er die Augen verdrehte und
mit der wirren Zunge sprach, die den
Sendboten der finsteren Götter zueigen war.
Doch er musste ihn allein stellen. Er konnte
seinen Untertanen nicht mehr trauen. Jacobos
Versprechen, ihnen das ewige Leben zu
schenken, hatte sie wankelmütig gemacht.
Sie beachteten argwöhnisch jeden Schritt,
den Daman machte. Jacobo war ihr Erlöser.
Daman fuhr herum. Sein Blick wanderte
durch seine karge Behausung und blieb an
den vielen
Messern hängen, die in ledernen Scheiden an
der Wand hingen. Auch sie waren ein Erbteil
seines Vaters.
Er vergaß die tote Flegge und die gefräßige
Androne und schlich lautlos wie eine Taratze
an die Waffen heran. Der blinkende Stahl
war uralt. Die Klingen waren schartig, aber
sie lagen gut in der Hand. Er nahm eine
mittelgroße an sich und prüfte ihre Schärfe.
Ja, gut. Er malte sich aus, wie sie sich in
Jacobos Hals bohrte, hörte schon das
Knirschen, das erklingen würde, wenn er sie
in seinem Fleisch herumdrehte.
Sein Geist war voller Hass. Er war fest
entschlossen, um sein Erbe zu kämpfen.
He‘s a real nowhere man, sitting in his
nowhere land, making all his nowhere
plansfor nobody ...
Commander Matthew Drax hatte die
Stimme John Lennons seit Monaten nicht
mehr gehört, deshalb überraschte es ihn, dass
sie ihn an diesem Morgen weckte. Er öffnete
ein Auge, um den Wecker mit Blicken zu
erdolchen. Aber da war kein Wecker. Er lag
auch nicht im Fliegerhorst Köpenick in
seinem Bett, sondern in einem übel
riechenden, schmutzstarrenden und eiskalten
Raum auf dem Boden.
Über ihn beugte sich eine haarige Gestalt,
die einwandfrei nicht John Lennon war. Falls
sie überhaupt je Musik gemacht hatte, dann
wahrscheinlich bei den Pretty Things. Der
Typ sah aus wie Viv Prince. Neben ihm
kniete Riva, Toonos Tochter. Beide wirkten
blass und ängstlich.
»Maddrax?«, hauchte Gholan.
Schlagartig fiel ihm alles wieder ein. Er
betastete seinen pulsierenden Schädel. Durch
ein Fenster fiel graues Licht. Es schien
bereits zu tagen.
32
»Wie lange war ich weg?«, fragte er auf
Englisch, und als Gholan verständnislos
dreinschaute, wiederholte er die Frage so gut
es ging in der Sprache der Wandernden
Völker.
Gholans Miene erhellte sich nicht
wesentlich. »Weg?«, echote er.
»Ohne Besinnung.«
Aber natürlich kannte der brave Junge vom
Land keine Uhrzeiten. Matt gab es auf. Er
schätzte, dass er um die vier Stunden
flachgelegen hatte, wenn nicht länger.
Im Dach war ein Loch. Zum Glück befand
es sich dicht am Rand der mit zahlreichen
Latten benagelten Wand, sodass Gholan und
Riva an ihnen hatten heruntersteigen können.
Es war eine Art Wohnraum.
Na ja, nicht gerade das Waldorf-Astoria,
aber immerhin.
Der Bewohner schien glücklicherweise
gerade Wache zu schieben. Vielleicht nahm
er auch an einer Blutsauger-Expedition teil.
Jedenfalls konnten sie hier nicht bleiben.
»Ich habe die Gegend erkundet«, sagte
Gholan und deutete mit seiner Armbrust
eifrig zu Boden. »Hier sind viele leere
Räume ... große Räume ... riesengroße
Räume.« Er legte die Armbrust hin und
breitete die Arme aus, um Matt zu zeigen,
wie groß die Räume waren.
Matthew war beeindruckt.
»Und da unten sind Keller«, fuhr Gholan
fort. »Große Keller ...«
»Riesengroße Keller?«, fragte Matt.
»Sie sind eher von mäßiger Größe«,
erwiderte Gholan. Dann leuchteten seine
Augen auf. »Aber ich habe einen Ausgang
gefunden, der in den großen Schacht mündet,
in dem wir ganz am Anfang waren.« Er
wurde geradezu enthusiastisch. »Nicht da,
wo die Schnecke ist. In der anderen
Richtung.«
»Fein«, sagte Matt. »Dann wir gehen jetzt
dorthin und schleichen ins Freie. Wir müssen
Riva zu ihrem Vater bringen.«
»Er lebt noch?«, sagte Riva erfreut »Wudan
sei Dank!«
Sie sammelten ihre Waffen ein und setzten
sich in Bewegung. Gholan ging voraus. Im
Korridor vor der Tür der Unterkunft war die
Wand ins Nebenhaus durchbrochen worden,
und wie Matt bald darauf mit eigenen Augen
sah und aus Gholans Mund hörte, bestand die
ganze Festung offenbar aus Wohn und
Geschäftshäusern.
Kurz darauf durchquerten sie die marmorne
Halle einer Bank. Eine rostige Tresortür trug
die eingravierte Aufschrift Banco Nazionale.
Sie stand sperrangelweit offen. Der Tresor
diente als Lagerraum; in ihm stapelten sich
Säcke, Kisten und Plastikflaschen.
Sie kamen auch, wie Matt aus der kulturell
wertvollen Wandbemalung schloss, durch
eine ehemalige Stadtbibliothek. Die in
früheren Zeiten hier gehorteten Bücher
mussten in dem Jahrhunderte währenden
Winter, der dem Kometeneinschlag gefolgt
war, zum Anzünden der Feuer benutzt
worden sein, denn die Metallregale waren
leer.
Je weiter sie gingen, desto deutlicher
wurde, dass die Häuser des Festungsblocks
auf sämtlichen Etagen miteinander
verbunden waren. Sie bildeten ein gewaltiges
Labyrinth, in dem man ausgezeichnet und
ungesehen umherschleichen konnte. Matt
nahm sich fest vor, nach der Ablieferung
Rivas mit Gholan sofort hierher
zurückzukehren und Aruula und die Braut
seines Begleiters zu suchen. Vielleicht
konnte er auch Gosseyn bewegen, sich ihnen
anzuschließen. Er würde sich nach dem Tod
seiner Gattin sicher an den Nosfera rächen
wollen.
Kurz vor der Kellertreppe, die laut Gholan
in den Kanalschacht mündete, wurden vor
ihnen Schritte laut. Matt öffnete schnell eine
Tür zu den Bibliotheksräumen und drängte
Riva hinein. Gholan folgte ihnen auf dem
Fuße.
33
Es überraschte Matt nicht schlecht als sein
Blick auf einen Marmoraltar fiel. Der Raum
wurde von zahllosen Pechfackeln an den
Wänden erhellt Sie befanden sich in einem
alten Veranstaltungsaal der Bibliothek. Links
neben der Tür hing ein mottenzerfressener
schwerer Wandteppich herunter. Matt warf
einen Blick dahinter und stellte fest dass er
dazu diente, einen stark ramponierten Teil
des Saals vom Rest abzuteilen.
Sie mussten sich beeilen; die Schritte
kamen näher. Matt schob Riva vor sich her
und nickte Gholan zu. Sekunden später
waren sie hinter dem Teppich verschwunden
und hielten den Atem an.
Je näher Daman dem Blutsaal kam, desto
mehr schwitzte er, denn er glaubte, Jacobo
und die anderen mussten ihm seine
Mordgedanken ansehen.
Mit hämmernden Schläfen folgte er den
anderen. Der Trupp ging mit festem Schritt in
der Saal hinein und baute sich vor dem Altar
auf. Nur ein kleiner Teil der Untertanen hatte
sich hier versammelt, denn die meisten waren
auf der Jagd, und ein anderer Teil bewachte
die Festung. Die Anwesenden tuschelten, als
sie Daman kommen sahen.
Meine Tage sind gezählt.
Außer ihm standen zehn Gestalten vor dem
Marmoraltar. Überall brannten Fackeln, die
den Saal mit geisterhaftem Licht erfüllten.
Ein Trommler erzeugte einen dumpfen
Wirbel. Eine schrille Flöte fiel ein.
Damans Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er
verspürte fast panische Angst. War heute der
Tag? Wenn Jacobo ihm die Gnade entzog,
war sein Leben keinen Tropfen Blut mehr
wert.
Die Trommel dröhnte lauter. Die Pforte der
Nebenkammer öffnete sich, und Jacobo
erschien vor der Schar seiner Jünger. Er trug
eine schwarze Kutte und hatte die Kapuze
tief in die Stirn gezogen. Um seinen Bauch
war eine Kordel gebunden, an der sein
gefürchteter Blitz befestigt war.
Die Nosfera neigten den Kopf.
Anschwellender Singsang wurde laut. Um
nicht entlarvt zu werden, tat Daman es den
anderen gleich. Er neigte den Kopf und
brabbelte betont inbrünstig die heiligen
Formeln, die Jacobo und seine finsteren
Götter lobpriesen.
Jacobo erreichte den Altar. Er hob die
Arme und wirkte in dieser Geste tatsächlich
wie ein dunkler Gott.
»Wir haben uns versammelt«, ertönte seine
etwas zu hohe, misstönende Stimme, »um
einen Verräter aus unserer Mitte zu
bestrafen!«
Die Menge ächzte entsetzt, und Daman
erlitt beinahe einen Herzinfarkt. War er
entdeckt? Hatte Jacobo etwa seine Gedanken
gelesen?
»Ihr sollt entscheiden, welches Schicksal
dieser Lump erleidet, der es verstanden hat,
uns beim letzten und vorletzten Raubzug
hinters Licht zu führen.«
Daman atmete auf. Er konnte nicht gemeint
sein,denn er hatte an beiden Raubzügen nicht
teilgenommen. Alle schauten einander an.
Daman hatte das Gefühl, dass sie ihn
besonders argwöhnisch in Augenschein
nahmen. Er wagte kaum zu atmen.
»Der Name des Verräters«, fuhr Jacobo
genüsslich fort, »ist... Nummer 28!«
Nummer 28, ein Weib, stand in
unmittelbarer Nähe Damans und stieß
sogleich einen erschrockenen Schrei aus. Sie
wich zurück, doch zwei andere waren sofort
bei ihr und packten ihre Arme.
»Ich bin kein Verräter!«, rief Nummer 28.
Die hohen Mauern des Blutsaals warfen ihre
Stimme dreifach zurück. Sie wehrte sich
34
gegen den Griff ihrer Häscher, aber man hielt
sie eisern fest.
Jacobo trat an den Rand des
Altarfundaments. Er sprang herab und trat
auf Nummer 28 zu. »Du streitest es ab?«
Die Blutsaugerin knickte ein, als hätte ihr
jemand in die Kniekehlen getreten. »Jemand
verbreitet Lügen über mich!«, rief sie schrill
und ängstlich.
»Schweig!« Jacobo machte eine herrische
Armbewegung.
Die anderen bildeten einen Kreis um
Nummer 28. Daman blieb nichts anderes
übrig, als sich der Meute anzuschließen.
»Die Zeugen treten vor!«, rief Jacobo.
Nummer 15 und Nummer 12 kamen nach
vorn.
»Sprecht!«, fauchte Jacobo und deutete auf
Nummer 28, deren Augen unter der
Kopfmaske nun wie irre flackerten.
»Berichtet, was ihr gesehen habt!«
»Als ich den Gasthof mit meiner Beute
verließ«, sagte Nummer 15 mit der Stimme
eines Denunzianten, der auf sein schäbiges
Werk auch noch stolz ist, »habe ich gesehen,
dass Nummer 28 sich über das Weib des
Gastwirts beugte und es aussaugte.«
»Und ich«, meldete sich nun Nummer 12,
»habe sie das Gleiche mit dem Weib eines
Jägers tun sehen in der Nacht davor!«
Daman schluckte. Welch ungeheurer
Frevel! Niemand durfte Menschen töten, um
sich allein an ihnen gütlich zu tun! Das Blut
der Menschen gehörte der Sippe!
Die Reaktion war dementsprechend. Alle
schrien empört auf. Nummer 28, die den
Berichten der Zeugen mit weit aufgerissenen
Augen gelauscht hatte, brach zusammen und
schrie: »Ich war im Blutrausch! Ich war im
Blutrausch! Ich konnte nicht anders!«
Das Urteil stand sofort fest. Nummer 28
hatte die Sippe hintergangen, Sie hatte sich
allein am Blut gemästet und zwei Menschen
zu Tode gebracht. Gier und Maßlosigkeit
waren eine Gefahr für den Fortbestand der
Sippe.
Sie musste gesaugt werden. So verlangte es
die Tradition.
Als die Nosfera ihre Masken ablegen und
sich über ihre Schwester hermachen,
durchrieselte Matt ein kalter Schauer. Zum
ersten Mal sah er die Blutsauger ohne ihre
Masken. Solch schrecklich bleiche, halb
verweste Fratzen hatte er nicht erwartet. So
ähnlich hatte dieser tiefgefrorene Jäger
ausgesehen, den man Anfang der neunziger
Jahre in den Ötztaler Alpen gefunden hatte.
Riva, die zitternd hinter Matt stand, konnte
daszuckende Bündel zum Glück nicht sehen,
das sich unter den Bissen der Blutsauger auf
dem Altar wand. Gholans Gesicht hatte
dagegen eine leicht grünliche Färbung
angenommen. Er war darum bemüht, sich
nicht an Ort und Stelle zu übergeben.
Matt beobachtete die eingefallenen Visagen
der Gestalten, die ihr Opfer nach allen
Regeln der Kunst aussaugten. Er hatte zwar
ihre Diskussion in der knarzenden Sprache
der Nosfera nicht verstanden, doch diese
Nummer 28 hatte sich wohl irgendetwas zu
Schulden kommen lassen, auf das die
Todesstrafe stand. Auch Matt war speiübel,
doch sein Geist war wach, und er sagte sich,
dass dies die Gelegenheit war, das Weite zu
suchen.
Gleichzeitig fragte er sich voller Angst, ob
Aruula das gleiche Schicksal drohte oder ob
es ihr etwa schon zuteil geworden war. Doch
es war wohl am besten, wenn er diesen
Gedanken erst einmal beiseite schob, um
nicht vollends zu verzweifeln.
35
Er gab dem grüngesichtigen Gholan, der
am ganzen Leibe zitterte, ein Zeichen.
Gholan nickte schwach. Matt warf Riva
einen fragenden Blick zu und deutete zur
Tür. Sie verstand. Gholan ging am Rand des
Wandteppichs in Position und schob ihn
sacht beiseite. Matt war mit einem Satz an
der Pforte, öffnete sie lautlos und schlüpfte
zusammen mit Riva hinaus. Gholan folgte
eine Sekunde später. Sie zogen die Tür hinter
sich zu und gaben Fersengeld.
Gänge. Gänge. Gänge. Sie hielten kein
einziges Mal an, bis sie einen Ausgang in den
Hof erreichten. Und wieder hatten sie Glück:
Die eben noch hier versammelten Nosfera
schienen sich alle in der Halle eingefunden
zu haben. Lediglich die Wachen waren noch
am Tor.
Doch sie rechneten nicht mit einem Angriff
von dieser Seite ihrer Festung. Matt und
Gholan schlichen sich von hinten an sie
heran, verständigten sich mit einem letzten
Blick und zogen den Nosfera dann
gleichzeitig zwei Steine über die
kapuzenbedeckten Schädel. Ohne einen Laut
von sich zu geben sackten die Blutsauger
zusammen. Sie luden sich die ungewöhnlich
leichten Körper auf die Rücken und
schleppten sie bis zur nächsten Ruine, wo sie
sie zwischen Schutt verbargen.
Der Weg zum Wald war noch weit. Die
Drei huschten durch verlassene Straßen,
immer bemüht, sich in den dunkelsten
Schatten der Ruinen zu halten und
niemanden auf sich aufmerksam zu machen.
Dann lag endlich freies Land von ihnen.
Die Nacht war kühl und klar. Die Sterne,
groß und flimmernd, schienen so nahe, dass
Matt glaubte, er könne sie mit den Händen
greifen. Der Mond hing tief am Himmel wie
eine dünne, auf dem Rücken liegende Sichel.
In lang auseinander gezogenen Formationen
zogen aus dem Süden kommende
Vogelschwärme vorbei.
Unter einer vom Sturm zerzausten
Krüppeltanne machte Matthew Halt und
ergriff den Arm Rivas, die neben ihm ging.
»Ich muss zurück«, sagte er. »Von hier
nicht weit bis zum Dorf. Geh allein. Ich muss
befreien meine Gefährtin.«
Riva wehrte sich zunächst dagegen, ihn
ziehen zu lassen, doch schließlich sah sie ein,
dass Maddrax nicht anders handeln konnte.
Sie ließ sich aber nicht davon abbringen, ihm
Hilfe schicken zu wollen. Also erklärte Matt
ihr den Weg durch die Kanalisation nicht
ohne ihr von der Gefahr durch das
Schneckenmonster zu berichten. »Wenn dein
Vater und Gosseyn mir kommen wollen zu
Hilfe, sie müssen gut bewaffnet sein«,
schärfte er ihr ein.
Gholan legte eine Hand auf seine Schulter.
»Ich gehe mit dir«, verkündete er und fügte
erst nach einer Pause hinzu: »Auch meine
Gefährtin ist dort irgendwo in der Festung
und wartet auf Hilfe. Beeilen wir uns, bevor
man die Wachen vermisst.«
Während Riva weiter in Richtung des
Dorfes eilte, kehrten Matt und Gholan zum
Häuserblock zurück. Seit ihrer Flucht war
etwas über eine Stunde vergangen. Sie
mussten damit rechnen, dass sich die Nosfera
in Aufruhr befanden und überall nach den
verschwundenen Wachen gesucht wurde.
Doch offenbar war ihr Fehlen noch
niemandem aufgefallen. Unbemerkt
schlüpften Matthew und sein Begleiter in den
Innenhof.
Diesmal nahmen sie einen anderen Zugang
ins Gebäude. Gholan entdeckte eine nach
unten führende Treppe, die sie rasch hinab
eilten. An ihrem Ende gelangten sie zu einer
Tür, die im Gegensatz zu den meisten
anderen einen gepflegten Eindruck machte.
Matt entdeckte ein verblichenes
StarkstromSymbol darauf.
Sie gelangten in einen etwa zwanzig
Quadratmeter großen Raum, von dem eine
weitere Tür abführte und an dessen Wänden
36
die grauen Kunststoffgehäuse implodierter
Monitore hingen. Die Überreste von
Steuerungseinheiten, überdimensionalen
Spulen, von Spannungskästen und
Computern sagten Matt, dass sie sich in
einem Generatorenraum befanden. Aber nicht
alles hier war verrottet!
Erst glaubte Matt sich geirrt zu haben, als
er Bewegung auf einigen der Anzeigen
ausmachte. Aber es war eindeutig: Teile der
Anlage waren in Betrieb! Jemand hatte aus
dem ganzen TechnoSchrott zumindest einen
funktionierenden Stromgenerator zusammen
gebastelt! Was die elektrische Beleuchtung
rund um den Häuserblock erklärte.
Aber wer zum Teufel konnte ...
Matt kam nicht mehr dazu, den Gedanken
zu Ende zu bringen.
Als Gholan die Tür ins Nebenzimmer
öffnete, stand wie aus dem Boden gewachsen
ein Nosfer vor ihm. Auf seiner Maske stand
die Zahl 31. Gholan riss die Armbrust hoch,
doch Nummer 31 war schneller: Er packte
den rechten Arm des jungen Mannes und
drehte ihn herum, bis Matt ein schreckliches
Knacken vernahm.
Gholan schrie gepresst auf. Die Armbrust
entfiel seinen Händen, er selbst sank auf die
Knie. Der Blutsauger zerrte sein Schwert
vom Gürtel und schwang es hoch, um
Gholans Schädel zu spalten.
Offenbar hatte er Matthew bis zu diesem
Moment noch nicht bemerkt. Dafür sollte
sein Anblick nun der letzte in seinem Leben
werden.
Matt sprang in sein Blickfeld, den Wurfarm
mit dem Messer bereits erhoben. Der Kopf
des Nosfera ruckte hoch. Erstaunen kerbte
sich um seinen Mund. Diesen Ausdruck
nahm er mit in den Tod, als Matthews
Armymesser bis zum Heft in seine Stirn
drang.
Mit einem Röcheln sank Nummer 31 über
Gholan zusammen und schlug zu Boden.
Gholan stöhnte schmerzlich, als er dabei
seinen Arm streifte.
Mit einem Satz war Matt bei ihm. Er kniete
sich neben seinen Kampfgefährten hin. »Was
ist?«
Gholan war totenbleich. »Er hat ... mir ...
die Schulter ... ausgerenkt...«
Matt fluchte leise. Das hatte ihnen noch
gefehlt. Er hatte keine blasse Ahnung,
welchen Griff er anwenden musste, um die
Schulter wieder einzurenken. In diesen
Dingen war er hilflos wie ein Kind. Und für
einen medizinischen Schnellkurs war es jetzt
etwas zu spät; den letzten Termin dafür hatte
er vor ein paar Jahrhunderten verpasst...
Trotzdem versuchte er es und ließ es
schnell wieder bleiben, als Gholan gequält
aufschrie. Verfluchter Mist!
»Hör zu, Gholan«, sagte Matt. »Ich kann
nicht helfen. Und du kannst mit Verletzung
nicht weiter gehen.« Er half ihm auf die
Beine. »Geh ins Dorf. Jemand dort wird dir
helfen können.«
»Ich gehe nur ungern«, sagte Gholan mit
blassem Teint. »Aber du hast Recht. So bin
ich nur eine Belastung für dich.« Er schaute
Matt an. »Aber ich komme zurück. Verlass
dich auf mich.« Matt klopfte ihm auf die
gesunde Schulter. »Ich weiß. Du bist mutiger
Kerl.« Gholan nickte ihm noch einmal zu,
dann trat er den Rückweg an. Als seine
Schritte auf der Treppe nach oben verhallt
waren, wandte Matt sich der toten Nummer
31 zu. Er kniete sich neben die Gestalt hin,
zog das Messer hervor, an dem kaum Blut
zurück blieb, und löste die Ledermaske. Als
er das wie halb verwest wirkende Gesicht des
Blutsaugers erblickte, musste er an sich
halten, um seine letzte Mahlzeit nicht
auszuspucken.
Er bemühte sich, nicht so genau
hinzusehen, als er den Toten entkleidete.
Der Brustpanzer bestand, wie er feststellte,
aus AndronenChitin. Quasi eine primitive
Schutzweste. Darum also waren die
37
Bolzenpfeile nur zentimetertief
eingedrungen.
Matt schlüpfte aus seinen Kleidern,
verstaute sie in einem kunststoffbeschichteten
Wandschränkchen und
zog sich die Sachen des Nosfera über.
Als er die Kopfmaske anlegte, glaubte er
im ersten Moment ersticken zu müssen, aber
nach einer Weile gewöhnte er sich daran. Am
meisten missfiel ihm, dass er seine
Ausrüstung nirgendwo am Körper verstecken
konnte die Kleidung war zu eng dafür. Er
konnte nur darauf bauen, sie in dieser
Tarnung ohnehin nicht zu brauchen. Also
verstaute er Pistole, Feldstecher und Messer
ebenfalls in dem Schränkchen, schnallte sich
das Schwert des Toten um und machte sich
auf den Weg.
Er stieg eine Treppe hinauf, streifte
problemlos durch die Festung und machte
sich mit den Örtlichkeiten vertraut. Dabei
war er bemüht, andere Nosfera möglichst zu
umgehen.
Irgendwann landete er in einem Raum, der
von Eisenregalen und leicht angerosteten
Werkzeugen beherrscht wurde. Die Wracks
von vier Motorrädern standen aufgereiht an
der Wand. Jedenfalls dachte Matt im ersten
Moment, dass es sich um Schrott handelte.
Dann jedoch erkannte er, dass die
Maschinen lediglich unfertig waren. Jemand
baute hier aus alten Teilen funktionstüchtige
Motorräder zusammen!
Derselbe, der schon den Generatorenraum
instand gesetzt hatte?
In den Regalen stapelten sich
Benzinkanister aus Kunststoff, und daneben
hingen hinter Glas die Blätter eines
PirelliKalenders aus dem Jahr 2012: Fotos
von langbeinigen Blondinen, auf die offenbar
alle Motorrad und Autonarren der Welt
standen. Gestanden hatten. Die Biker von
heute standen wohl eher auf deren
Halsschlagader ...
Wenigstens wusste Matthew jetzt, woher
die Maschinen stammten, mit denen die
Nosfera unterwegs waren.
Als er an eine offene Fensterhöhle kam,
warf Matt einen Blick in den Innenhof. Er
wirkte noch immer so ausgestorben wie
vorhin. Und auch auf den Gängen war Matt
nur wenigen der Blutsaugern begegnet. Er
fragte sich, ob die Festung nur von einer
Notbesatzung gehalten wurde und das Gros
der Blutsauger sich im Umland auf Raubzug
befand. Sollte seine Vermutung stimmen,
war die Lage günstig für ihn.
Nachdem er mehrere kahle Räume
durchquert hatte, stieß er hinter einem dicken
Türvorhang auf einem Abschnitt des
Gemäuers, der bewohnt zu sein schien, denn
er vernahm verhaltene Stimmen. Matt drang
noch weiter vor und lauschte.
Das Gespräch, das in der Sprache der
Millani geführt wurde, fand zwischen zwei
Männern statt, von denen einer Daman und
der andere Jacobo hieß. Damans Organ klang
ängstlich und zittrig, die Stimme des anderen
wies einen eigentümlichen Tonfall auf. Als
bediene er sich eines Idioms, das nicht das
seine war. Sie klang herrisch und
aufbrausend und kam Matt irgendwie
bekannt vor. Doch auch als er sich mit
Nachdruck auf sie konzentrierte, gelang es
ihm nicht, sie zu identifizieren.
Nach einer Minute wurde ihm freilich klar,
dass nicht Daman wie Gholan behauptete
der Herr der Festung war, sondern dieser
Jacobo. Das Gespräch drehte sich um
Sklavenhändler aus >Suizza< der Schweiz?,
die in Bälde hier eintreffen wollten.
Jacobo wollte die Gefangenen der Festung
gegen eine Lieferung seltener Essenzen
eintauschen, die er dringend brauchte.
Daman wandte ein, dass es für die Sippe
schlecht sei, die Opfer gehen zu lassen, weil
die Nosfera sie brauchten, um ihren Blutdurst
zu stillen. Jacobo brüllte ihn in einem
Tobsuchtsanfall nieder.
38
»Ich brauche diese Essenzen zu eurem
eigenen Wohl!«, schrie er und schlug mit
irgendeinem Gegenstand auf Holz ein, bis
Splitter flogen. »Nur mit ihnen kann ich euch
eurer wahren Bestimmung zuführen!«
Matt hatte fürs erste genug gehört. Die
Entführten also auch Aruula sollten in die
Sklaverei verkauft werden! Das konnte er
nicht zulassen. Er musste die
Menschen finden und befreien, noch bevor
diese Delegation hier eintraf.
Lautlos zog er sich zurück, stieg eine
weitere Treppe hinab und gelangte in einen
Kellertrakt. Doch die zahlreichen Räume hier
unten waren alle samt leer.
Schon wollte er umkehren, da vernahm er
aus der Tiefe des Kellers ein schleifendes
Geräusch. Sofort blieb er stehen und hielt den
Atem an, doch der Laut wiederholte sich
nicht. Hatte er sich getäuscht oder war dort
nur irgendwelches Ungeziefer was bei der
Größe der hiesigen Insekten auch kein Grund
zur Erleichterung gewesen wäre?
Gerade wollte Matt den Weg zur Treppe
einschlagen, da vernahm er ein zweites
Geräusch. Ein Sirren in der Luft! Matt fuhr
herum, versuchte es zu lokalisieren, doch es
war zu spät.
Etwas knallte gegen seinen Kopf.
Und zum zweiten Mal in dieser Nacht
verlor er die Besinnung.
Matt erwachte.
Er schüttelte benommen den Kopf und ließ
es gleich wieder bleiben, als ein scharfer
Schmerz seinen Schädel durchzuckte.
Blinzelnd schaute er sich um. Er befand sich
in einem kahlen Raum, auf dessen Boden alte
verrottete Lumpen ausgebreitet waren. Die
Feuchtigkeit hatte dafür gesorgt, dass Pilze
auf ihnen wuchsen.
Erst jetzt realisierte er, dass man ihm die
Ledermaske abgenommen hatte. Also wusste
Werauchimmer, dass er kein Nosfera war. Ob
sich das im Endeffekt als gut oder schlecht
erwies, konnte Matt nur abwarten. Er stand
auf, um den fensterlosen Raum zu
untersuchen. Die Eisentür der einzige
Zugang war von Rost überzogen, aber stabil;
die Wände waren mit Kritzeleien in
italienischer Sprache bedeckt. Matt gab sich
keinen Hoffnungen hin; wahrscheinlich
waren diese Zeugnisse der Zivilisation
Hunderte von Jahren alt.
Dann knarrte die Tür. Matt wich zurück
und ging in Angriffsstellung. Kampflos
würde er sich nicht ergeben!
Ein zottelhaariger Mann mit einer
brennenden Fackel in der Hand trat ein. Er
trug ein rotes Stirnband. Das rotgelbe Licht
ließ ihn irgendwie dämonisch wirken. Hinter
ihm reckte ein Dutzend Galgenvogelgesichter
den Hals.
Matt atmete auf. Immerhin waren es keine
Nosfera.
»Wer bist du?«, fragte der Fackelträger. Er
hatte ein breites Kreuz, trug Stiefel aus
weichem Leder und war in Gerulfelle
gekleidet. »Arbeitest du für Bobo? Bist du
allein gekommen?« Er sprach den gleichen
Dialekt wie Aruulas Horde, deswegen konnte
Matt ihn recht gut verstehen. Dies wiederum
bedeutete, dass er nicht aus Millan stammen
konnte.
Matt musterte die schiefzahnigen Visagen
der Umstehenden. »Man nennt mich
Maddrax«, erwiderte er. »Ich keinen Bobo
kenne. Arbeite für niemanden. Ich suche
meine Gefährtin.«
Der Fackelträger grinste breit. »Das hat uns
Gholan auch schon berichtet«, sagte er.
»Du kennst Gholan?« Matt schöpfte
Hoffnung.
Zu früh. Zottelhaar versetzte ihm einen
Hieb gegen die Brust. »Gholan weiß auch nur
das, was du ihm erzählt hast«, grollte er.
39
»Los, rede! Wer hat dich geschickt, um unser
Geschäft mit den Nosfera zu vereiteln?«
Geschäft? Welches Geschäft? Matt kam
das Gespräch in den Sinn, das er zwischen
Jacobe und Daman belauscht hatte. Waren
dies die erwarteten Männer aus Suizza? Aber
warum kannten sie dann Gholan?
Matt baute sich vor Zottelhaar auf. Es war
wichtig, jetzt Stärke zu zeigen. »Ich nicht
hier, um Geschäfte zu machen«, sagte er mit
Nachdruck. »Nosfera entführen meine
Gefährtin Aruula. Ich sie befreien!«
Der Mann mit dem Stirnband wandte sich
um. »Gholan?«
Im Türrahmen entstand Bewegung. Gholan
trat vor. Seine Schulter war offensichtlich
wieder eingerenkt. Matt ging nicht davon
aus, dass jemand aus dem Hügeldorf das
getan war. Es war zu wenig Zeit vergangen,
als dass Gholan den Weg hin und zurück
hätte schaffen können.
»Du bist kein Millani«, mutmaßte
Matthew. Was er zuvor nur unbewusst
bemerkt hatte, ergab nun Sinn. »Du bist nicht
hier, um zu befreien deine Gefährtin.«
Gholan nickte. Er wirkte irgendwie
schuldbewusst. Er deutete auf den
Fackelträger. »Reyto hat mich geschickt.«
»Wozu?«
»Er ist ein ausgezeichneter Spitzel«,
erwiderte Reyto an Gholans Stelle. »Wir sind
hier, um ein Geschäft mit dem Herrn der
Nosfera zu machen.« Er kicherte leise, und
seine Begleiter reagierten mit dröhnendem
Lachen.
Bingo! Es waren die Männer aus Suizza!
»Um was geht es bei dem Geschäft?«, hakte
Matt nach, obwohl er die Antwort schon
kannte. Doch dies zuzugeben hätte nur
wieder das Misstrauen der Truppe geschürt.
»Um seltene Extrakte aus Kräutern, die nur
in unserer Domäne wachsen«, entgegnete
Reyto,
»Und um Sklaven.«
»Ah. Ich verstehe.«
»Nichts verstehst du«, erwiderte Reyto
grollend. »Wir mögen diese Blutsäufer
nämlich nicht, die sich in den Bergen
herumtreiben und unsere Beute jagen. Wir
haben nicht die geringste Lust, diese Bestien
auch noch zu bezahlen. Also haben wir
Gholan losgeschickt. Er sollte erkunden, ob
es möglich ist, unbemerkt in die Festung
einzudringen und die Sklaven zu stehlen.«
»Ein listiger Plan«, sagte Matt, um Reyto
Honig um den Bart zu schmieren. Leider
ohne Erfolg.
»Das ist er in der Tat«, sagte Reyto. »Aber
dazu gehört auch, dass niemand, der nicht
unserer Horde angehört, davon wissen darf.«
Er seufzte. »Und desshalb müssen wir dich
jetzt töten.«
»Reyto ...«
Gholan trat noch einen Schritt weiter vor.
»Maddrax hat mir das Leben gerettet ...«
Er berichtete von ihrer Begegnung mit
Nummer 31, der ihm die Schulter ausgerenkt
hatte.
»Außerdem«, fügte Matt hastig hinzu, »bin
ich einziger, der die Festung hat
ausgekundschaftet! Ich kann helfen, die
Sklaven zu stehlen wenn ihr mir Aruula
überlasst.«
Auch wenn er wenig davon hielt, die
Dörfler in einer Sklavenkarawane in die
Bergwildnis entschwinden zu sehen: Jedes
Schicksal war für sie besser, als hier als
Vampirfutter zu enden.
»Nun gut.« Reyto drückte Matthew die
entwendete Ledermaske in die Hand. »Ich
will dir vertrauen. Finde den Ort, an dem sich
die Sklaven aufhalten. Dann kehre hierher
zurück Hintergehst du mich, wirst du dir
einen schnellen Tod wünschen!«
Weitere Worte waren überflüssig. Matt zog
sich die Maske über den Kopf. Auf einen
Wink Reytos hin trat einer der Galgenvögel
vor und reichte ihm das Schwert, das einst
Nummer 31 gehört hatte.
Matthew machte sich auf den Weg.
40
Als er hinter der nächsten Gangbiegung
verschwunden war, nickte Reyto Gholan zu,
und der junge Mann nahm katzengleich die
Verfolgung auf.
Als Matt im dritten Stock der Festung
durch einen langen Korridor schlich, wurde
vor ihm plötzlich ein Türvorhang
aufgerissen. Eine Frau trat auf den Gang
hinaus, eine Nosfera mit der Nummer 28.
Matt verharrte mitten in der Bewegung.
War Nummer 28 nicht in der vergangenen
Nacht auf dem Altar von ihren Brüdern und
Schwestern ausgesaugt worden? Wieso lebte
sie noch?
Sie töten ihre Opfer nicht, dachte er
schaudernd, So wie Bauern keine Milchkühe
schlachten.
Matt blieb mehrere Sekunden lang stehen
und fürchtete schon, sich damit verdächtig
gemacht zu haben, doch Nummer 28 nahm
ihn gar nicht wahr. Mit ungelenken Schritten
wandte sie sich nach links und verschwand
über eine Treppe nach unten.
Matt atmete auf, fragte sich aber, was die
Nosfera mit ihr angestellt hatten. Sie benahm
sich wie ein Zombie. War ihr bewusstes
Denken ausgeschaltet?
»F‘taghn?«
Matt fuhr zusammen. Neben ihm stand ein
Ledermann, der mit der rechten Hand in die
Richtung zeigte, in die Nummer 28
verschwunden war. Er schaute Matt fragend
an, dem der Schweiß aus allen Poren brach.
Wie sollte er reagieren? Der Nosfera hatte
ihm zweifellos eine Frage gestellt. Matt war,
als habe ihn ein Pferd getreten. Es gab nur
einen Ausweg aus dieser Misere.Doch als
seine Hand zum Schwert hinabzuckte, schlug
jemand auf der anderen Seite des Korridors
einen weiteren Türvorhang beiseite und noch
zwei Vermummte beides Frauen traten in
den Gang.
Die Situation war gespenstisch. Matt stand
schweigend da, während in seinem Kopf die
absonderlichsten Gedanken kreisten,
»Gna‘re d‘faagh?«, fuhr der männliche
Blutsauger fort. Seine Augen verengten sich
zu Schlitzen. Und wieder konnte Matt nichts
darauf erwidern.
Den Nosfera schien zu schwanen, dass sich
ein Fremder in ihr Reich eingeschlichen
hatte. Hatte man die Leiche des Burschen
gefunden, den Gholan erschossen hatte?
Die Mienen der drei Nosfera wurden
drohend. Kaum eine Sekunde später zückten
sie synchron ihre Schwerter. Matt sprang
einen Schritt zurück und riss das seine aus
der Scheide.
»Hört zu«, knurrte er in seiner
Muttersprache, während seine blaugrünen
Augen Funken sprühten. »Ich weiß, ich steh
mit dem Arsch an der Wand, und
wahrscheinlich werdet ihr mich gleich in
Stücke hacken. Aber einen oder zwei von
euch nehme ich mit!«
Die Vermummten knurrten dumpf und
warfen sich rasche Blicke zu. Dann stieß eine
der Frauen einen schrillen Schrei aus, von
dem Matt annahm, dass er ein Angriffssignal
war. Die drei Gestalten stürmten mit
blitzenden Klingen auf ihn zu, und Matt hob
sein Schwert zur Abwehr.
Funken stoben, als Stahl auf Stahl klirrte.
Matt kam schon nach wenigen Sekunden in
arge Bedrängnis. Er hatte keine Erfahrung
mit Waffen dieser Art. Trotzdem wollte er
seine Haut so teuer wie möglich verkaufen.
Und war verblüfft, als eine der Nosfera ihm
ein Angebot machte.
»Gib auf!«, krächzte sie in einer
schauderhaft verzerrten Version der
MillaniSprache. »Ergib dich, dann wird
Jacobo entscheiden, was aus dir wird!«
41
Matt wich einen weiteren Schritt zurück
und versetzte ihr als Antwort einen Hieb auf
den rechten Unterarm, sodass ihre Waffe
polternd zu Boden fiel. Er stellte blitzschnell
den Fuß auf die Klinge und schob sie hinter
sich. Gleichzeitig wehrte er einen Hieb der
zweiten Frau ab. Die Schneide ratschte ihr
Schwert entlang, traf ihren Kopf und schlitzte
die Ledermaske auf. Matt konnte ihr Gesicht
erkennen. Es war wie ein Totenschädel, von
trockener rissiger Haut überzogen.
Für einen Sekundenbruchteil war Matt von
dem Anblick wie paralysiert. Die Frau
kreischte auf und fuhr mit angewinkeltem
Bein herum. Ehe Matt reagieren konnte, traf
ihn ein Tritt in den Bauch. Er taumelte
zurück und prallte mit dem Hinterkopf gegen
die Wand. Sogleich waren zwei spitze
Klingen an seiner Kehle und verdammten ihn
zur Bewegungslosigkeit.
Matt glaubte, sein Herz müsse stehen
bleiben, als sich eine Hand auf seine Schulter
legte. Knochenfinger bohrten sich
schmerzhaft in sein Fleisch. Sie waren kalt
wie Eis. Die Augen der Vermummten
schienen glutrot zu glühen.
Zwei weitere Nosfera stürmten mit
gezogenen Schwertern in den Gang. Sie
packten Matt, warfen ihn zu Boden und
banden ihm die Hände auf den Rücken. Dann
schleiften sie ihn über das Treppenhaus nach
oben und warfen ihn in einem großen, von
einem Kaminfeuer erhellten Raum auf einen
verschlissenen Teppich.
Matt biss die Zähne zusammen. Er hatte es
vermasselt! Nun war alles aus. Aruula würde
in der Sklaverei enden. Die Nosfera würden
sich an seinem Blut gütlich tun. Und wenn
damit seine Pechsträhne nicht endete, würde
er um Mitternacht wieder von den Toten
erwachen, unstillbares Verlangen nach Blut
empfinden und sich vor Kreuzen, Knoblauch
und Holzpflöcken fürchten.
Fehlte da nicht noch etwas? Ach ja:
Silberkugeln.
»Wer bist du?«, schrie ihn ein
Vermummter an, der wie ein Derwisch vor
ihm umhertanzte.
Matt hob unter größter Anstrengung den
Kopf. Die Maske des Fragestellers trug die
Zahl Null. Und seine Stimme kam Matt
bekannt vor – irgendwo hatte er sie schon
gehört. Aber nicht das war es, was Matts
Aufmerksamkeit letztlich erregte.
An seinem Gürtel hing Aruulas Schwert!
Matthew hätte es unter Dutzenden
wiedererkannt. Wahrscheinlich wusste dieser
Kerl, was mit ihr geschehen war!
Die anderen Nosfera hatten sich an der
Wand aufgereiht und schauten dem Verhör
zu. Nummer 0 riss Matt hoch und riss ihm
die Maske vom Gesicht.
»Ein Nordmann?«, sagte er, als er Matts
Haar erblickte. Er wirkte wie vom Donner
gerührt.
Matt überlegte schnell. Er wusste nicht,
was Nordmänner waren, aber er nahm an,
dass Null damit Männer aus dem Norden
meinte.
Auch die Schweiz lag nördlich. Vielleicht
vermutete der Nosfera in ihm einen der
Männer, die hier erwartet wurden. Das
konnte seine Chance bedeuten, aus dieser
Situation noch das Beste zu machen.
»Ich habe geheime Mission«, sagte er
gepresst. »Wenn ich rede, dann nur vor dem
Herrn der Festung. Vor Jacobo!«
Die Nosfera an der Tür grunzten und
schnaubten und machten Gesten, deren Sinn
Matt verborgen blieb.
»Jacobo ruht«, sagte Null, und seine Miene
besagte, dass sein Herr auf keinen Fall
gestört werden durfte. »Ich bin sein Vertreter
Daman. Du wirst mit mir Vorlieb nehmen.«
Natürlich! Matt fiel es wie Schuppen von
den Augen. Das hier war der Typ, der mit
Jacobo diskutiert hatte und dabei von ihm
niedergebrüllt worden war. Das Verhältnis
zwischen Herrn und Diener schien nicht das
42
Beste zu sein. Vielleicht konnte Matt auch
diesen Umstand nutzen ...
Aruula starrte in das wabernde blaurote
Feuer. Die dicken Scheite knisterten und
knackten, und die Barbarin musste
achtgeben, sich nicht im Züngeln der
Flammen zu verlieren. Wenn sie je aus dieser
Feshing entkommen wollte, musste sie
wachsam bleiben, immer bereit, auch noch
die kleinste Möglichkeit zu nutzen.
Doch ihre Chancen standen schlecht. Die
ängstlichen und schrillen Stimmen der
anderen Frauen und Mädchen hatten ihr
längst deutlich gemacht, dass ihnen allen ein
Schicksal drohte, das sie niemandem
wünschte außer vielleicht den tückischen
Taratzen. Die Gefangenen waren entweder
vor Angst wie gelähmt oder halb verrückt
Nahezu alle rechneten damit, einen grausigen
Tod zu sterben.
Die meiste Zeit dachte Aruula an Maddrax,
den Mann mit dem hellen Haar, der ihr
Gefährte geworden war. Ein Mann, der nicht
wollte, dass sie einen Gott in ihm sah und der
dennoch viel mehr war als jeder Mensch,
dem sie bislang begegnet war. Sie mochte ihn
sehr. Würde sie ihn jemals wiedersehen?
Aruula setzte sich vor dem Kaminfeuer
aufrecht hin, zog die Knie an, umschlang sie
mit den Armen und neigte den Kopf. Dies
war die Stellung, die sie stets zum Lauschen
einnahm.
Sie konzentrierte sich. Eine Zeit lang
geschah nichts» irrte ihr suchender Geist
ziellos in der Festung umher. Sie berührte die
Geister einiger Nosfera, schreckte jedoch vor
deren Wildheit und Blutgier zurück. Dann
machte sie einen Geist aus, der anders war.
Schon hoffte sie auf Maddrax gestoßen zu
sein, da musste sie erkennen, dass die
Gedanken von einem offensichtlich kranken
Geist zu ihr herüberwehten.
Wie in wirbelnden Nebeln erblickte sie die
schwarz gewandete Gestalt Jacobos, der sich
in einem prachtvoll und mit fremden Dingen
ausgestatteten Raum auf einem Lager wälzte.
Dicke Schweißtropfen hatten sich auf seiner
Stirn gebildet Seine Träume verursachten
Aruula Kopfschmerzen. Er fühlte sich von
glühenden Augen verfolgt, die ihn aus der
Tiefe eines Gerul-Nestes anstarrten.
Gesichter mit dämonischen Zügen
erschreckten ihn bis ins Mark. Sein Geist
wollte sie nicht sehen, und dafür hatte Aruula
durchaus Verständnis.
Auch sie erblickte die Augen der fremden
Dämonen und fuhr vor Ekel und Schrecken
zusammen. Die geisterhaften Gestalten
kicherten und näherten sich ihr, denn sie sah
jetzt aus Jacobos Perspektive. Er bedeckte
sein Gesicht mit den Händen. Die Gestalten
zerrten ihn von seinem hohen Sitz in die
Tiefe, doch plötzlich war ein schwarzer Stab
in seiner Hand, den er aus seiner Kleidung
gezogen hatte. Aruula schnappte die
Bezeichnung dafür auf, ohne sie zu
verstehen: Elektro-Schocker.
Der Stab spuckte knisternde blauweiße
Blitze aus, die die finsteren Wesen trafen und
durch die Luft wirbelten, bis sie zuckend am
Boden liegen blieben.
Die Gestalten krochen stöhnend umher.
Jacobo ballte die Hände zu Fäusten und
richtete den Stab auf sie, sodass sie wie
ängstliche Tiere quiekten. Dies schien Jacobo
zu gefallen, denn plötzlich straffte sich seine
Gestalt. Er hatte erkannt, dass er Macht über
seine Peiniger hatte. Er richtete sich auf,
stellte sich wie ein Gott in Positur ...
Doch plötzlich verblasste das Bild. Das
GerulNest löste sich auf. Jacobo erwachte!
Schnell zog Aruula sich aus seinem Geist
zurück, von der irrealen Furcht beseelt, er
könne sie entdecken.
43
Kaum hatte sie sich gelöst, nahm sie eine
neue, altbekannte Schwingung wahr.
Maddrax war hier!
In fieberhafter Freude suchte sie nach
seinem Geist und entdeckte ihren Gefährten
schließlich in Gesellschaft mehrerer Nosfera
was ihre Freude rasch wieder dämpfte.
Offensichtlich war auch er ein Gefangener!
Vor ihm stand ein vermummter Mann mit
einer Null auf der Stirn und hörte ihm zu.
Daman, Jacobos rechte Hand!
»Ich bin Gholan«, sagte Maddrax in diesem
Augenblick »Ein Spion aus den Bergen von
Suizza.«
Zwar wusste Aruula nicht, warum er sich
für einen anderen ausgab, doch die Reaktion
des Maskierten sagte ihr, dass die Nachricht
ihn erschreckte. Maddrax berichtete Daman,
er sei hier, um die Nosfera auszuspionieren.
Ein Horde aus Suizza unter Führung eines
gewissen Reyto wollte die Sklaven entführen
und den Herrn der Festung töten.
Damans Reaktion auf die Eröffnung war
seltsam. Anstatt Maddrax zu strafen, schickte
er die anderen Nosfera aus dem Raum und
verschloss sorgsam die Türe hinter ihnen.
Dann wandte er sich an Maddrax und bot
ihm an, auf seine Seite zu wechseln und ihm
beim Kampf gegen Jacobo zu helfen. Dafür
solle Maddrax beziehungsweise Gholan ihm
garantieren, dass Jacobo getötet würde.
Maddrax erklärte sich einverstanden,
Jacobo falsche Informationen über die Pläne
Reytos zu geben, um ihn in die Irre zu
führen.
Daman wirkte hocherfreut. Er führte seinen
Gefangenen in eine Kammer mit einem
weichen Lager, in der er das Erwachen
Jacobos abwarten sollte.
Aruula zog sich abermals zurück und
schüttelte den Kopf, um den inneren Druck
zu verscheuchen, der sich in ihrem Hirn
aufgebaut hatte. Das lange Lauschen hatte sie
erschöpft. Sie würde einige Zeit warten
müssen, bevor sie es erneut versuchte.
Sie verstand nicht genau, was vor sich ging.
Eines aber war unzweifelhaft: Maddrax war
hier, um sie und vielleicht auch die anderen
Gefangenen zu befreien.
Sie musste ihm dabei helfen. Sie durfte hier
nicht länger untätig herum sitzen. Aber wie?
Irgendwann flog die Tür zu der Kammer
mit lauten Krachen auf und riss Matthew
Drax aus dem Halbschlaf, in den er gesunken
war. Drei Nosfera drängten herein. Im
Hintergrund sah er Daman, der ein
warnendes Gesicht zog. Lass alles mit dir
geschehen, glaubte Matt darin zu lesen. Ich
kann es nicht verhindern.
Er leistete keinen Widerstand, als sie ihn
packten und mit sich rissen. Es hätte ihm
auch wenig eingebracht außer einigen blauen
Flecken und Blessuren.
Ohne dass einer der Blutsauger mit ihm
sprach, wusste er, wohin sie ihn schleppten:
zu Jacobo, dem Herrn der Festung. Auf eine
bizarre Weise fieberte Matt sogar dem
Treffen entgegen. Es würde ihm wenigstens
ein paar Fragen beantworten. Andererseits es
konnte ihn auch das Leben kosten ...
Dann waren sie am Ziel. Eine prunkvoll
geschmückte Kammer öffnete sich vor
Matthew.
Gewobene Tücher bedeckten die Wände,
weiche Felle den Boden. Dazwischen stand
allerlei
technisches Gerät, doch es war nicht zu
erkennen, ob es einen Zweck erfüllte oder
nur zur
Dekoration diente. Im Zentrum des Raumes
erhob sich ein Thron. Und darauf saß stilecht
44
in einen nachtschwarzen Umhang mit
Kapuze gehüllt der Obermotz dieser Festung
des
Blutes. Jacobo.
Die Nosfera stießen Matt vor ihrem
Herrscher zu Boden. Mit den gefesselten
Händen konnte er sich nicht richtig abfangen
und prellte sich schmerzhaft die Schulter.
Als sich sein tränenverschleierter Blick
wieder klärte, wuchs drohend ein Schatten
über ihn auf. Matt hob den Kopf. Natürlich
war es die Gestalt in der schwarzen Kutte. Er
suchte nach dem Gesicht der Kreatur, doch es
war in den weiten Falten der Kapuze
verborgen.
Dann wich die Gestalt mit einem Laut der
Verblüffung zurück Brüllendes Gelächter
wurde laut
In Matts Kopf begann es zu schwirren.
Verdammt, wer war dieser Mann? Wieso
kam ihn seine höhnische Lache so bekannt
vor?
»Daman!« klang die herrische Stimme des
Kuttenträgers auf.
»Herr?«
»Das ist für deine Leichtgläubigkeit!«
Matt hörte zuerst das Klatschen von
Ohrfeigen, dann das Knistern eines
Elektroschockers. Schließlich folgte ein
schriller Schrei, der in einem Winseln endete.
Er benötigte einige Sekunden, um zu
begreifen, dass Jacobo weder in der Sprache
der Millani noch in der der Nosfera
gesprochen hatte sondern in lupenreinem
Englisch!
Im gleichen Moment machte es Klick! in
seinem Kopf, und er wusste, wer der
Kuttenträger war. Die Erkenntnis versetzte
ihm einen Schock, der ihm fast die Sinne
schwinden ließ.
In der alten Zeit war der Astrophysiker und
Arzt Jacob Smythe Leiter der Astronomie
Division der U.S. Air Force gewesen. Ein
unbeherrschter und jähzorniger, äußerlich
aber unauffälliger Mann um die vierzig
Jahre, dessen einzige Extravaganz es war,
sich sein blondes Haar, das im Zenit schon
schütter wurde, zu einem Pferdeschwanz
zusammenzubinden.
Nun, als Smythe die schwarze Kapuze
zurückschlug, konnte Matt auch seine Brille
sehen. Eisblaue Augen funkelten ihn darunter
an.
Er hatte mit Smythe im Clinch gelegen, seit
sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Der
Mann war sein Kopilot gewesen auf dem
schicksalhaften Flug in die Stratosphäre, bei
dem sie die Wirkung der Interkontinental-
Raketen beobachtet hatten, als diese den
Kometen >Christopher-Floyd< trafen. Und
keine Wirkung zeigten.
Smythe war ein geltungssüchtiger Schrat.
Immer schon gewesen. Er hatte die Arbeit
während des gefährlichen Fluges behindert
und sich schließlich mit dem Schleudersitz
abgesetzt
Und hier trafen sie sich nun wieder: In
einer schwarzen Kutte, als Herrscher über
vampirische Heerscharen, Smythe musste in
den vergangenen zweieinhalb Monaten viel
erlebt und noch mehr erreicht haben. Matt
zweifelte nicht daran, dass er letzteres seiner
Geltungssucht zu verdanken hatte.
Matthew Drax hatte bislang immer dem
Augenblick entgegen gefiebert, in dem er
einen seiner damaligen Begleiter aufspürte,
Nun wurde er zum
zweiten Mal enttäuscht.
»Fast hätte Ihr Plan funktioniert«, sagte
>Jacobo< Smythe und kicherte. »Aber so
leicht wie Daman legen Sie mich nicht rein,
Commander Drax.«
»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Doc«,
sagte Matt mit ätzender Stimme und dachte
sich insgeheim ein paar üble Foltermethoden
für Smythe aus.
Nun verstand er auch, wer die Generatoren
und Motorräder wieder zum Laufen gebracht
hatte. Smythe war ohne Zweifel ein
technisches Genie. Aber oft lagen Genie und
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Wahnsinn dicht beisammen. Wie anders war
zu erklären, was Jacob Smythe hier
aufgebaut hatte: ein Regime des Schreckens,
das die Nosfera von ihrem ursprünglichen
Leben abgebracht und zu Killern und
Sklavenhändlern gemacht hatte.
Smythe vollführte eine Geste mit der
Rechten. Zwei Nosfera sprangen vor,
ergriffen Matt und wuchteten ihn auf einen
schweren Stuhl, an dessen Lehnen sie ihn
festschnallten.
»Was für ein Spiel spielen Sie, Smythe?«,
fragte Matt gepresst. »Was soll das werden,
wenn es fertig ist? Und: Was haben Sie mit
Aruula gemacht?«
»Aruula?«, echote Smythe. »Diese
Barbarin? Sie ... kennen sie?« Dann fuhr er
plötzlich herum. Sein Blick flackerte wie der
eines Irren. »Ihr wird bald eine große Ehre
zuteil.« Er baute sich vor Matt auf und stützte
die Hände triumphierend in die Hüften. Er
kicherte schon wieder, und Matt spürte, dass
sich die Härchen auf seinen Armen
aufrichteten. Smythe gebärdete sich nicht nur
wie ein Verrückter er war verrückt
geworden! Was war seit dem Ausstieg mit
ihm passiert? Es mussten grauenhafte Dinge
vorgefallen sein, die seinen Geist verwirrt
hatten.
Fast verspürte Matt etwas wie Mitleid mit
ihm. Aber nur fast. Smythe war vor allem
eines: gefährlich!
»Was haben Sie mit Aruula vor?« Er
konnte nicht verhindern, dass seine Stimme
zitterte.
»Ich mache sie zur Mutter«, sagte Smythe.
»Zur Urmutter einer neuen Rasse.«
Matt versuchte seinen irren Blick gelassen
zu erwidern. Er hatte erkannt, dass es nicht
half, Smythe Paroli zu bieten; damit brachte
er den Wissenschaftler nur noch mehr gegen
sich auf. Er musste versuchen, ruhig und
bestimmt auf ihn einzuwirken. So wie man
gemeinhin mit psychisch Kranken verfuhr.
Er hatte eigentlich immer gewusst, dass
Smythe nicht richtig tickte. Schon als er ihn
bei einem Briefing im NATOHauptquartier
in Brüssel zum ersten Mal persönlich erlebt
hatte. Professor Dr. Smythe hatte damals
allen Ernstes gefordert, nur Menschen mit
einem akademischen Grad und einem
Intelligenzquotienten von mindestens
hundertvierzig dürften in die amerikanischen
Atombunker einquartiert werden zusammen
mit Computern und Datenträgern, auf denen
das Wissen der Menschheit gespeichert war.
Und mit Proviant für mindestens acht Jahre
um die Zivilisation zu bewahren. Ein
Vorschlag, der natürlich kein positives Echo
bei den Konferenzteilnehmern geerntet hatte,
»Smythe!«, drang Matt auf ihn ein.
»Wissen Sie, was mit der Erde geschehen ist?
Der Jet war nach dem Einschlag des
Kometen außer Kontrolle erinnern Sie
sich?«
»Die Vergangenheit ist tot«, sagte Smythe
mit neurotisch zuckendem Gesicht, »Aber ein
neues Zeitalter wird kommen! Das Zeitalter
der Nosfera!« Er deutete auf die
Ledermänner an der Tür. »Die hiesige Rasse
zeigt interessante Parallelen zu den Vampiren
der Sagenwelt«, begann er zu dozieren,
»doch sie haben nicht deren Fähigkeiten. Sie
sind nur jämmerliche Mutationen, deren rote
Blutkörperchen sich so schnell zersetzen,
dass sie unter Lichtempfindlichkeit leiden
und Blut saufen müssen, um nicht
einzugehen. Doch sie sind nicht zur
Metamorphose fähig, und ihr Biss gibt
keinen Vampirkeim weiter!«
Vampirkeim? Um Himmels willen Smythe
war noch viel durchgedrehter, als Matt
gedacht hatte. Auf was zum Teufel wollte er
hinaus?
Professor Dr. Smythe fuchtelte mit den
Armen vor Matts Nase herum. »Ich bin vom
Schicksal ausersehen, ihnen endlich zu ihrer
wahren Stärke zu verhelfen!«, kreischte er.
»Ich schaffe ihnen die Urmutter, die eine
46
perfekte Rasse gebiert! Eine Rasse, die über
dieses finstere Zeitalter herrschen kann, Mit
mir als König!« Er blieb vor Matt stehen und
schaute ihn triumphierend an. »Ich habe eine
Formel entwickelt, die den Bann, der die
wahre Bestimmung der Nosfera blockiert,
brechen kann! Ich werde aus Aruulas Körper
das Gefäß formen, das mittels Vereinigung
mit den Nosfera wahre Vampire erzeugt!
Sobald die benötigten Essenzen hier
eintreffen.«
Matthew Drax schauderte bis ins Mark. Ob
Smythe nun an akutem Hinriss litt oder nicht
wenn man diesem Mann gestattete, seinen
Plänen nachzugehen, würden sich Unheil und
Tod über das Land ausbreiten. Ganz egal ob
seine angebliche Formel nun funktionierte
oder nicht.
Einen Moment lang sah es so aus, als
wollte Smythe sich abwenden, um seine
Arbeit fortzuführen. Als hätte er seinen
Gefangenen von einem Moment auf den
anderen vergessen.
Doch dann besann er sich und wandte sich
abermals Matthew zu. Seine Lippen
verzerrten sich zu einer Grimasse.
»Ich wusste von Anbeginn, dass der Komet
einem höheren Zweck diente«, rasselte er.
»ChristopherFloyd hat mich aus der
Vergangenheit in die Zukunft geschickt, um
eine neue Epoche in der Geschichte der
Menschheit einzuläuten! Und niemand wird
mich daran hindern, Commander Drax!
Weder Sie noch die US Air Force!«
Matt verbiss sich die Anmerkung, dass es
die Luftwaffe der Vereinigten Staaten nicht
mehr gab. Er wusste nicht mal genau, ob
Smythe wirklich geistig erfasst hatte, was seit
dem Aufschlag des Kometen mit der Welt
passiert war. Sein nervöses Zucken, die
Blicke, die er ständig um sich warf, als
befürchtete er, von Meuchelmördern umringt
zu sein, sein krauses Gerede; all das sagte
ihm, dass der Mann logischen Argumenten
nicht mehr zugänglich war. Daman hatte
Recht Jacobo war ein Fluch für die Nosfera
und den Rest der Welt.
»Nun zu den Leuten, von denen Sie Daman
berichtet haben«, fuhr Smythe urplötzlich in
normalem Plauderton fort
»Diese Schweizer?«, fragte Matt
Smythe ruckte. »Wie genau sehen ihre
Pläne aus? Wie wollen sie uns betrügen?
Wollen sie uns in einen Hinterhalt locken?«
Matt räusperte sich. Reyto und seine
Galgengesichter waren sein letzter
Strohhalm. Er durfte sie nicht verraten.
Irgendwann mussten sie sich über sein
Verschwinden Gedanken machen und ihm
durch die Kellergänge nach oben folgen.
»Das habe ich nur erfunden«, log er
schnell, »nachdem ich ein Gespräch
zwischen Ihnen und Daman mitangehört
hatte.«
»Ha!«, schrie Smythe. Er stand auf, lief
hektisch eine Runde durch den Raum und
nahm seine alte Position wieder ein. »Ein
Trick, ja? Oder doch nicht?
Wenn der Lügner lügt, sagt er dann die
Wahrheit? Na, wir werden sehen ...«
Smythe bellte einen Befehl in der Sprache
der Nosfera. Zwei der Blutsauger traten vor
und nahmen hinter Matt Aufstellung. Sie
rissen ihn mitsamt dem Stuhl hoch und
schleppten ihn in einen Nebenraum, der ihn
an eine Alchimistenküche erinnerte. An den
Wänden standen Aluminiumschränke mit
wissenschaftlichen Geräten aus alter Zeit.
Matt sah Transformatoren und Gleichrichter,
Halbleiterelemente, Kupferspulen,
Widerstände und Transistoren, in Vielzahl
auf kleine Plättchen montiert Kabelständer,
Pumpen, eine fahrbare Apparatur und viele
Gegenstände, deren Verwendungszweck er
nicht einmal erahnen konnte. In der Mitte
befand sich eine Art Mikrofonständer, an
dem an einem gerippten Kabelschlauch eine
Trockenhaube befestigt war.
Smythe war ihnen gefolgt und schnarrte
eine weitere Anweisung. Eine Fackel wurde
47
entzündet. In ihrem Schein erblickte Matt ein
etwa ein Meter hohes und zwei Meter
durchmessendes Eisenrohr, das in den Boden
eingelassen war. Es war mit einem Rost
vergittert, der aber abnehmbar war. Die
Nosfera lehnten seinen Stuhl an das Rohr und
kippten ihn nach vorn, sodass er
hineinschauen konnte.
In Matt wallte Übelkeit empor, gepaart mit
eisigem Schrecken.
Unter ihm breitete sich ein Raum aus, in
dem etwas schmatzte und quiekte. Eine
riesige bleiche, stinkende Kreatur ...
Die Riesenschnecke!
Oder wenigstens ein weiterer Vertreter
dieser alptraumhaften Mischung aus
Schnecke und Hai.
Matt wurde hart zurückgerissen. Die
Nosfera schleppten ihn mitsamt dem Stuhl
vor den Ständer mit der Trockenhaube. Matts
Blick fiel hinter Smythes Rücken auf einen
riesigen Spiegel, der fast die ganze Wand
einnahm und bis zum Boden reichte. Er war
so groß wie ein Garagentor und an vielen
verschiedenen Stellen gesprungen,
»Und nun, Commander Drax«, sagte
Smythe mit einem hämischen Kichern,
während er sich so etwas wie einen aus
Fellen gebastelten Hörschutz über den Kopf
zog,
»wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht
die Wahrheit aus Ihnen heraus bekommen,
die reine Wahrheit und nichts als die
Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe...«
Er trat an ein altertümliches Grammophon
heran, drehte es auf und senkte die Nadel auf
eine alte SchellackPlatte. Eine Sekunde
später wand Matt sich in unkontrollierten
Zuckungen.
Das Grammophon spielte Mozarts Königin
der Nacht. Und die Schallwellen schienen
auf direktem Weg in sein Hirn einzudringen
und jede einzelne Ganglie in Schwingungen
zu versetzen.
»Ein wundervolles Stück!«, schwärmte
Smythe, obwohl Matthew Drax ihn längst
nicht mehr hören konnte.
»Und so überaus passend zur Situation,
meinen Sie nicht auch ...?«
Die drei Männer näherten sich vorsichtig
und lautlos der Festung, die sich finster und
kalt in den Himmel reckte, trotzdem die
Vormittagssonne immer wieder durch die
aufbrechenden Regenwolken blinzelte und
die Temperaturen in diesen Breiten jetzt im
April angenehme Grade erreichten,
Gosseyn musterte die hohen Mauern. Eine
unbestimmte Drohung schien von ihnen
auszugehen. Die Fenster darin erinnerten ihn
an gierig klaffende Mäuler.
Sie ließen das Tor links liegen und folgten
dem.
Weg zum Einstieg in die Unterwelt, den
Riva ihnen beschrieben hatte. Sie wollten
dem tapferen Fremdling zu Hilfe eilen: er,
Almar und Toono, dessen Tochter Maddrax
aus den Klauen der Blutsauger gerettet hatte.
Und sie wollten natürlich die Dorfbewohner
befreien.
»O Wudan!«, flüsterte Toono, als sie das
dornige Gebüsch zur Seite zogen und Almar
als Erster die Eisenleiter hinunterstieg. Toono
umklammerte seine Armbrust. Er hatte
sichtlich Angst. Aber da ging es Gosseyn
nicht anders. Er gab sich nur mehr Mühe, sie
nicht zu zeigen.
Er warf einen letzten Blick zurück. Auf
dem Hügel waren keine Rauchsäulen mehr
auszumachen. Riva und die anderen waren
nach Süden aufgebrochen, zu einem Ort, an
dem sie sich, wenn Wudan es wollte, bald
wieder sehen würden.
48
»Wo sind wir hier?«, flüsterte Toono
entsetzt als Almar und Gosseyn ihre Fackeln
entzündet hatten und den Schacht
erleuchteten, der sich rechts und links von
ihnen erstreckte.
»Das ist die Unterwelt«, sagte Gosseyn
schaudernd und mehr zu sich selbst. »Das
Reich der finsteren Kreaturen.«
Toono wich unwillkürlich einen Schritt
zurück, und selbst Almar, in dem das Feuer
der Jugend brannte, schüttelte sich.
»Verdammt, Gosseyn«, rügte Toono. »Mit
meinem Mut ist es ohnehin nicht zum Besten
bestellt. Stell ihn nicht auch noch mit solchen
Reden auf die Probe!«
Almar presste die Armbrust fest an sich.
»Vergesst nicht, was Maddrax über diese wie
nannte er es? Snäkke gesagt hat! Haltet die
Waffen immer bereit!«
Gosseyn spürte, dass er die Gruppe weiter
führen musste, bevor die Angst vollends nach
ihnen griff und sie umkehren ließ. Er
versuchte das Zittern seiner Stimme zu
unterdrücken, was ihm aber nicht gänzlich
gelang. »Kommt, lasst uns sehen, ob wir den
Weg in die Festung finden.«
Plötzlich spürte Gosseyn einen sanften
Luftzug auf der Wange, dann vernahm er
hinter sich ein leises schmatzendes Schleifen.
Almar fuhr herum, die Armbrust im
Anschlag.
»Vater!«, rief er. »Schau!«
Ein riesiger milchweißer Körper mit grauen
Streifen bewegte sich kriechend auf sie zu.
Toono würgte. Gosseyn sträubten sich die
Haare. Er sah einen gigantischen unförmigen
Kopf, auf dem vier armdicke Fühler zuckten.
Almar feuerte einen Bolzenpfeil ab. Er
jagte sirrend durch den Schacht und bohrte
sich mit einem dumpfen Klatschen in das
etwa dreißig Schritt entfernte Ungeheuer. Im
Hals der Bestie bildete sich rings um den
Pfeil ein violetter Fleck, dessen Umfang
zunahm, bis er den Durchmesser einer
Männerhand hatte. Ein schmatzendes
Geräusch erklang, aber die scheußliche
Kreatur wurde nicht langsamer, sondern
bewegte sich im Gegenteil mit wachsendem
Tempo auf die Männer zu.
Auch Toono feuerte einen Bolzen ab mit
derselben Wirkung.
Gosseyn deutete auf den Gang, der zu der
Tür führen musste, die Maddrax ihm
beschrieben hatte.
»Dort entlang!« Sie rannten weiter, und
Gosseyn stellte mit Genugtuung fest, dass sie
schneller waren als das Ungeheuer. Es folgte
ihnen aber, fest entschlossen, den
Eindringlingen den Garaus zu machen.
Gosseyn fand drei Treppenstufen, die zu
einer Tür führten. Sie war verschlossen, aber
auch das wussten sie aus Rivas Bericht.
Während Toono Ausschau nach dem
Schneckenmonster hielt, bearbeiteten die
beiden anderen mit Beilen das Holz der Tür.
Schnell hatten sie ein Schlupfloch
geschaffen, das gerade genügend Platz bot,
um sich hindurch zu zwängen. Sie schlüpften
in den Raum hinein; Toono folgte ihnen mit
hektischen Bewegungen.
»Ich konnte es schon hören!«, berichtete er
atemlos. »Es kommt!«
»Dann schnell!«
Bevor der riesenhafte Leib vor dem
Schlupfloch auftauchte, verließen sie den
Raum durch die zweite Tür.
Toono leuchtete mit der Fackel, und die
Männer tasteten sich durch verlassene
Räume. Ihre Blicke fielen auf seltsame Dinge
und merkwürdige Kästen mit stumpfgrauen
Fenstern. Keiner von ihnen fühlte sich wohl
in seiner Haut. Wenngleich sie jetzt nicht
mehr von den Kreaturen der Unterwelt
bedroht wurden, so konnten sie doch jeden
Moment von den Nosfera entdeckt und
angegriffen werden.
Doch der Gedanke an die Snäkke, die sich
hinter ihnen gewiss an der Tür zu schaffen
machte und sie zu sprengen versuchte, trieb
sie weiter voran. Sie stiegen über Unrat und
49
Schutt und stießen auf Berge von alten
Knochen und Schädeln.
Schließlich fanden sie eine nach oben
führende Treppe, die in einem Korridor
endete, von dem Gänge und Türen
abzweigten.
Gosseyn blieb plötzlich stehen.
»Still!«
»Was ist?«, hauchte Almar.
»Hörst du nichts?«
Vorsichtig, als könne der Boden unter
ihnen nachgeben, pirschten sie an der glatten
Mauer entlang. Als sie die nächste Tür
erreichten, hörte Gosseyn ein scharrendes
Geräusch, das ihn herumfahren ließ.
Aus den Nebengängen quollen Gestalten,
die sich im Nu um sie scharten und sie mit
ihren Waffen bedrohten. Innerhalb von
Sekunden waren die drei Männer eingekreist.
Sie blieben an der Wand stehen und starrten
mit klopfenden Herzen und zitternden Knien
auf die merkwürdige Versammlung.
»Wer seid ihr?«, fragte jemand.
Gosseyn atmete erleichtert aus. Die
Fremden sprachen im Dialekt der Suizzani.
Keine Verbündeten der Nosfera also. Toono,
der totenbleich zwischen ihm und Almar
eingekeilt war, ließ sein Schwert sinken.
Almar schaute von rechts nach links. Die
Gestalten sahen abgerissen und ungepflegt
aus. Sie wirkten zwar nicht sehr
vertrauenswürdig, aber auch nicht feindlich.
»Wir suchen unseren Freund und seinen
Begleiter«, sagte Gosseyn. »Sie heißen
Maddrax und Gholan.«
»Hier bin ich!«
Ein junger Mann trat vor, der sich als
Gholan vorstellte. Er drehte sich zu seinen
Gefährten um. »Wenn diese Männer Freunde
von Maddrax sind, können wir ihnen trauen!
Jetzt da wir wissen, dass Maddrax wirklich
ein Feind der Nosfera ist.«
Ein breitschultriger, zotteliger Mann mit
dem Gebaren eines Anführers trat vor
Gosseyn hin und stellte sich als Reyto vor.
Gosseyn erfuhr, dass diese wilde Bande mit
Maddrax zusammenarbeitete, dass er vor
Stunden aufgebrochen war, um die Festung
zu erkunden, und dass Gholan, der ihm
heimlich gefolgt war, seine Gefangennahme
beobachtet hatte. Deshalb hatten sie ihr
Versteck in der Tiefe aufgegeben und sich
unter Gholans Führung ins Parterre der
Festung begeben.
»Was ist mit den Gefangenen?«, fragte
Gosseyn. »Wisst ihr, wo sie sich befinden?«
Reyto zuckte die Achseln. »Maddrax
wollte sie suchen.« Er kniff die Augen
zusammen. »Welches Interesse habt ihr an
den ... Gefangenen?« Er vermied es im
letzten Moment, von Sklaven zu reden.
»Sie sind unsere Verwandten«, sagte
Gosseyn.»Wir sind gekommen, um sie zu
befreien.«
»Ach, wirklich?«, meinte Reyto. Die
Nachrichtschien ihn nicht sehr zu begeistern.
»Wir dürfen keine Zeit verlieren«,
unterbrach Gholan ihr Palaver. Reyto und
Gosseyn stimmten ihm zu. Außerdem hatten
sie nun keine andere Wahl mehr. Sie mussten
weiter in die Festung vorstoßen. Irgendwo
hinter ihnen hockte die Riesenschnecke, an
der sie wahrscheinlich nicht mehr
vorbeikommen würden.
Auf Reytos Befehl hin arbeiteten sie sich
die Treppe hinauf und kamen in einen
geräumigen Gang, der vor einem Vorhang
endete. Fahles Tageslicht fiel durch
verhangene Fenster in den Gang. Gosseyn
hatte zum ersten Mal Gelegenheit, sich die
Streitmacht der Suizzani genauer
anzuschauen. Es waren siebzehn Mann, mit
ihnen also zwanzig Köpfe. Ein kleines Heer,
sollte man annehmen, das einiges bewirken
konnte.
Doch zu seiner Überraschung wichen die
Suizzani plötzlich mit schreckgeweiteten
Augen zurück. Erst als ihm klar wurde, dass
sie etwas anstarrten, das sich hinter ihm
befand, fuhr er herum.
50
Er schaute genau in die durchdringenden
Augen und die knöcherne Visage eines
Blutsaugers, der den Vorhang zur Seite
gehoben hatte. Hinter ihm waren ein Dutzend
seiner Art versammelt, die Schwerter in den
Händen. Ihre Blicke verhießen nichts Gutes.
Gosseyn wich einen Schritt zurück. Es war
merkwürdig, aber plötzlich fiel alle Angst
von
ihm ab. Vielleicht hatte er aber auch schon
im Geheimen mit seinem Leben
abgeschlossen
und schöpfte daraus jetzt seine Kraft.
Das Schwert flog wie von selbst aus seiner
Scheide. Gosseyn stürmte wie ein Berserker
vor, schwang die Klinge hoch über dem Kopf
und drosch sie dem ersten Vermummten über
die Brust. Er trat dem zweiten so heftig in
den Bauch, dass dieser gegen den Türrahmen
knallte und einen weiteren mit sich riss.
Ehe die Blutsauger sich von der
Überraschung erholt hatten, war Reyto neben
Gosseyn und ließ seine Klinge kreisen. Die
Ledermänner stürzten knurrend vor. Ihre
Schwerter blitzen auf, doch nun hatte Reytos
Trupp die Schrecksekunde überwunden.
Der lange Gang hallte vom Geklirr der
Waffen wider. Reyto, der neben Gosseyn
kämpfte, mähte mit seiner schartigen Klinge
den ersten Gegner nieder. Das Knirschen
brechenden Chitins erklang, als sein
Brustpanzer gespalten wurde.
Aruula erholte sich noch von der
anstrengenden Prozedur des Lauschens, als
sie in der Ferne das Donnern von
Feuerstühlen vernahm.
Sie richtete sich auf und warf einen Blick
auf die Frauen, mit der sie die
Räumlichkeiten im obersten Stock der
Festung teilte. Die meisten schliefen, hier
und da wälzte sich jemand unter Alpträumen
unruhig hin und her und murmelte
unverständliche Worte.
Die meisten ihrer Leidensgenossinnen
waren bleich und apathisch. An ihren Hälsen
klaffen vernarbte Bisswunden. Viele wiesen
außerdem Schrammen und blaue Flecke auf;
Zeichen allzu ungestümer Gegenwehr.
Aruula wusste längst, dass sie aus einem
Dorf in der Nähe stammten. Ihre Männer
waren, so weit sie noch lebten, in der
Zimmerflucht nebenan untergebracht. Aber
es gab keine direkte Verbindung zu ihnen.
Sie erhob sich leise von ihrem Strohlager
und trat ans Fenster. Der Boden lag zehn
Mannshöhen unter ihr, und es lief ihr kalt
über den Rücken, als sie sich vorstellte, in
diese Tiefe zu stürzen.
Da fiel ihr Blick auf zahlreiche schwarze
Punkte, die sich von Süden her näherten.
Aruula schmälte die Augen. Ja, es waren
Nosfera; sie erkannte sie an ihren schwarzen
Gesichtsmasken. Außerdem fuhren einige auf
den Feuerstühlen, deren Lärm sie vorhin
schon vernommen hatte und der zunehmend
lauter wurde. Wahrscheinlich handelte es
sich um einen Trupp, der im Umland nach
Opfern gesucht hatte. Sie schienen sich zu
beeilen. Kein Wunder; es war bereits heller
Vormittag, und Aruula hatte mitbekommen,
dass die Nosfera das Tageslicht mieden.
Darum trugen sie ja auch diese ledernen
Anzüge.
Hinter Aruula knirschte ein Schlüssel im
Schloss. Sie zuckte zusammen.
War es so weit? War nun auch sie an der
Reihe, die spitzen Zähne der Nosfera in
ihrem Hals zu spüren?
Die Tür schwang auf. Drei Blutsauger
erschienen im Rahmen und schauten sich um.
Aruula wich zurück. Eine andere Gefangene
hob den Kopf und stieß einen Schrei aus, der
die anderen sofort alarmierte.
51
Die Frauen richteten sich auf und sprangen
auf die Beine,
Zwei der Vermummten nahmen tatsächlich
Kurs auf Aruula, während der dritte den
Ausgang bewachte. Als die beiden sie packen
wollten, trat
Aruula dem ersten kräftig gegen das Knie.
Als sein Schmerzensschrei aufklang, hatte sie
bereits den Arm des anderen gepackt und ihn
mit einer Drehung zu Boden gezwungen.
Das Opfer ihres Tritts erholte sich jedoch
schneller als erwartet. Erst jetzt bemerkte die
Barbarin, dass es sich um eine Frau handelte.
Sie warf sich auf Aruula.
Deren Fäuste flogen hoch und trafen die
flache Nase der wütend fauchenden
Angreiferin. Schreie und Rufe der
Gefangenen erfüllten den Raum, doch Aruula
konnte sich nicht darauf konzentrieren,
solange sie mit der Vermummten rang. Erst
als sie die Nosfera mit einem Schlag ins
Genick zu Boden geschickt hatte, machte sie
drei Namen in den aufgeregten Rufen aus:
Gosseyn, Almar und Toono.
Da fiel ihr Blick auf den offenen
Türrahmen, und sie sah, dass aus dem Mund
des dritten Nosfera Blut quoll. Seine Augen
waren weit aufgerissen, dann fiel er nach
vorn und klatschte neben ihr auf dem Boden.
Ein grauhaariger Mann mit langer Mähne zog
einen Säbel aus seinem Rücken.
Dann drängten sich zahlreiche bewaffnete
Männer in den Raum, die von den
Gefangenen freudig begrüßt wurden.
Der Grauhaarige sah sich kurz im Raum
um und wandte sich dann ihr zu. »Du musst
Aruula sein.«
»Das ist richtig«, entgegnete Aruula
verblüfft. »Aber wer «
»Ich bin Reyto«, unterbrach sie der
langmähnige Mann. »Maddrax hat mir von
dir berichtet.«
»Maddrax!« Adrenalin schoss in Aruula
Blutbahn, als sie der vertrauten Namen hörte.
»Wo ist er?«
Reyto verzog das Gesicht. »Das weiß ich
nicht. Er wurde gefangen genommen, als er
dich suchte.«
Also befand er sich immer noch in Damans
Gewalt! Aruula wusste, dass sie schnell
handeln musste, um ihren Gefährten noch zu
retten. Daman spielte ein gefährliches Spiel,
und Maddrax war sein Bauernopfer.
»Wir müssen ihn befreien, sofort!«, erklärte
sie Reyto.
Der schüttelte den Kopf. »Erst einmal
müssen wir uns gegen die Nosfera
behaupten!«, widersprach er. »Wir können
von Glück sagen, wenn es uns gelingt, die
Skla... die Gefangenen aus der Festung zu
schaffen.«
»Dann gehe ich allein!«, entschied Aruula
resolut
»Wie du willst«, entgegnete Reyto. Er
bückte sich, hob das Schwert des Blutsaugers
auf, den er vorhin durchbohrt hatte, und
reichte es der Barbarin. »Du hast großen
Mut, Aruula«, sagte er anerkennend. »Ich
werde versuchen, so bald als möglich zu dir
zu stoßen. Viel Glück!«
Aruula nickte knapp und drängte zum
Ausgang. Sie tröstete sich mit der Einsicht,
dass es so wahrscheinlich am besten war. Ein
einzelner Kämpfer mochte weiter unbemerkt
in die Festung des Blutes vorstoßen als eine
ganze Gruppe.
Lautlos tauchte sie in die Schatten des
Ganges ...
Wie ein gefangener Tiger schritt Daman in
seinem Quartier auf und ab. Wut und Ärger
erfüllten sein Denken. Nicht nur, dass der
Plan, Jacobo in einen Hinterhalt zu locken,
fehlgeschlagen war er hatte zudem eine
erneute Demütigung hinnehmen müssen und
konnte von Glück sagen, dass sein
52
Ränkespiel nicht durchschaut worden war.
Kein Zweifel: Jacobo kannte diesen
Maddrax. Und er hasste ihn. Nun, vielleicht
war noch nicht alles verloren.
Wenn Maddrax den Herrscher so gut
kannte, wusste er vielleicht auch um dessen
Schwachstellen.
Er, Daman, musste versuchen, noch einmal
mit ihm zu sprechen...
Damans intrigante Gedanken kamen ins
Stocken, als Motorengedröhn an seine Ohren
drang. Eilig verließ er sein Quartier, um die
Heimkehrer zu begrüßen. Doch er hatte den
Korridor kaum betreten, als er sich anderer
Geräusche bewusst wurde: fernes
Schwerterklirren, Schreie, das Poltern von
Stiefeln auf steinernem Boden.
Daman erfasste sofort, was geschehen war:
Die Suizzani, von denen Maddrax
gesprochen hatte, waren in die Festung
eingedrungen!
Unter normalen Umständen hätte sich
Daman mit aller Kraft gegen sie zur Wehr
gesetzt. Doch die Umstände waren nicht
normal.
Daman beschloss die Invasion für seine
Zwecke zu nutzen. Während einer Schlacht,
hatte sein Vater gesagt, gab es die besten
Möglichkeiten, sich auch seiner Feinde in
den eigenen Reihen zu entledigen.
Daman eilte in sein Quartier zurück,
bewaffnete sich mit dem prächtigen Schwert,
das er der schwarzhaarigen Barbarin
abgenommen hatte, und machte sich eilig
zum Blutsaal auf. Von dort zweigte die
Kammer ab, in der Jacobo vor den Riten
seine Kutte anlegte. Und von dieser Kammer
aus, das wusste Daman als früherer
Herrscher, führte ein Geheimgang in Jacobos
Gemächer und zu dem Laboor, in dem er
seine Experimente durchführte.
Daman hatte großes Glück, dass ihm auf
dem Weg zum Blutsaal niemand begegnete.
Er hätte Probleme gehabt zu erklären, warum
er in die falsche Richtung lief, weg von
Schlachtenlärm.
Als er die Tür des Saales öffnete und sich
umschaute, bemerkt er sofort, dass etwas
nicht stimmte.
Zwei seiner Untertanen lagen enthauptet
vor dem Altar!
Daman kam nicht mehr dazu, den
Schrecken zu überwinden. Ein Schatten flog
von der Seite auf ihn zu, und einen
Sekundenbruchteil später spürte er eine
scharfe Klinge an seiner Kehle.
»Schau an, wen haben wir denn da?«,
zischte eine Stimme, die er sehr wohl kannte.
Und die ihm augenblicklich den Schweiß aus
allen Poren getrieben hätte wenn die Nosfera
des Schwitzens fähig gewesen wären. Die
Barbarin! Wie kam sie hierher?
»Deine Leute waren leider nicht sehr
mitteilsam«, fuhr Aruula fort und deutete mit
dem Kinn auf die entseelten Leiber. »Du
weißt also, was dich erwartet, wenn du meine
Frage nicht beantwortest...«
Daman wusste es. Und darum setzte er
alles auf eine Karte. Er warf sich zur Seite
und griff gleichzeitig zu seinem Schwert.
Seine Hand hatte sich noch nicht ganz um
den Knauf geschlossen, als die Strafe folgte.
Aruulas Stiefelspitze zuckte vor und traf ihn
genau dort, wo es einem Mann ganz
besonders weh tat. Keuchend brach Daman
in die Knie.
»Elender Dieb«, fauchte die junge Frau mit
zornig blitzenden Augen, als sie sah, wessen
Waffe er gerade hatte ziehen wollen. Daman
war noch nicht fähig, sich zu rühren, als sie
ihm das Schwert entriss und die Spitze an
seinen Hals drückte. »Also höre meine Frage
... und je schneller du sie beantwortest, desto
länger lasse ich dich leben ...«
53
Professor Dr. Smythe hockte hinter einem
Schreibtisch. Er trug nun statt seiner Kutte
einen weißen Kittel und wirkte darin fast wie
ein Arzt. Dr. Frankenstein, zum Beispiel.
Oder Dr. Mabuse ... Die Gläser seiner Brille
spiegelten das Licht einiger nackter
Glühbirnen wider, die in primitiven
Halterungen an den Wänden steckten. Er
belauerte Matt wie eine Schlange ihr Opfer.
»Warum nur«, sinnierte Smythe, »wurde
Drax dieselbe Ehre zuteil wie mir? Warum
hat CristopherFloyd auch ihn in die Zukunft
geschickt?« Er trommelte mit den Fingern
auf die Tischplatte. »Weil ich einen
ebenbürtigen Gegner brauche, um meiner
Macht bewusst zu werden? Aber warum war
es dann so leicht, ihn zu fassen ...?«
Matt hing gefesselt in dem Foltersessel.
Sein Hirn dröhnte noch immer wie ein
Brummkreisel, der fortwährend die >Königin
der Nacht< abspielte. So schön Mozarts Oper
auch war, Matt fürchtete, sie nie wieder aus
seinem Kopf verbannen zu können.
Er versuchte an andere Dinge zu denken –
und kam vom Regen in die Traufe. Aruula!
Auch sie war in der Gewalt dieses Irren. Was
würde Smythe mit ihr anstellen? Es würgte
Matthew in der Kehle, wenn er nur daran
dachte.
Links und rechts neben ihm standen
regungslos die beiden Wächter. Sie glotzten
Smythe erwartungsvoll an, offensichtlich
fasziniert von seinem fremdartigen
Geschwafel, das sie zweifellos für das Idiom
der finsteren Götter hielten.
»Wenn die Finsternis die Erde erobert und
ein neues dunkles Zeitalter herbeiführt«, fuhr
Smythe im Tonfall eines Dozenten fort, »darf
man in der Wahl seiner Mittel nicht
zimperlich sein. Wer sich weigert, seine
Seele der Finsternis zu verschreiben, muss zu
seinem Glück gezwungen werden.«
Er stand von seinem Schreibtisch auf und
kam langsam auf Matthew zu. Ein Grinsen
verzerrte seine Mundwinkel. »Ich weiß jetzt,
warum Sie hier sind, Commander Drax: als
mein Verbündeter! Sie
wissen es nur noch nicht. Aber wenn Sie
nach der Behandlung wieder zu sich
kommen, werden Sie ein Verfechter des
Bösen sein, verlassen Sie sich darauf.«
»Ach wirklich?«, fragte Matt in einem
Anflug von Galgenhumor. »Und wie ist die
Bezahlung? Darüber sollten wir noch reden,
ich meine, wenn ich mich beruflich derart
verändern soll...«
»Schweigen Sie!«, donnerte Smythe.
»Werden Sie sich lieber der Erhabenheit des
Augenblicks bewusst! Schließlich ist dies
mein erster Eingriff dieser Art.« Er griff in
eine Tasche seines Kittels und zog einen
schmalen silbernen Gegenstand hervor.
Matt gefror das Blut in den Adern, als er
das Ding erkannte.
Es war ein leicht angerostetes chirurgisches
Skalpell!
»Und nun entspannen Sie sich«, sagte
Smythe in geradezu freundlichem Tonfall.
»Es wird anfangs ein kleines bisschen weh
tun aber nachdem ich Ihr Schmerzzentrum
isoliert habe, spüren Sie rein gar nichts mehr.
Sie können mir vertrauen ...«
Im Würgegriff Aruulas taumelte Daman
durch den geheimen Gang, der zu Jacobos
Gemächern führte. Sein Herz war voller Hass
auf die schwarzhaarige Barbarin, die ihm
körperlich überlegen war, aber gleichzeitig
erfüllt von der Hoffnung, dass sie vollenden
mochte, was ihm nicht gelungen war: Jacobo
zu töten. Die Frage war nur: Konnte er noch
54
einen Nutzen daraus ziehen? Oder würde sie
ihn gleichfalls umbringen?
Der Lärm der hinter ihnen tobenden
Schlacht wurde vom Getöse der Baiiks
unterbrochen, die nun, das hörte Daman ganz
deutlich, in den Innenhof
gerast kamen. Die Heimkehrer würden zu
spät kommen, um ihn vor der Barbarin zu
retten.
Damans lederartige Lippen bebten, als er
sich an der Wand entlang tastete und mit
zitternden Knien die Tür am Ende des
Ganges öffnete.
Sie gelangten in das Zimmer, in dem
Jacobos Schätze untergebracht waren; Dinge,
deren Sinn Daman nur in wenigen Fällen
überhaupt begriff. Die gegenüberliegende
Wand wurde von einer gewaltigen
Glasscheibe eingenommen. In dem Raum
dahinter saß in einem wuchtigen Stuhl der
blonde Mann, den Daman als Gholan
kennengelernt hatte. Aruula hatte ihm gesagt,
dass er in Wahrheit Maddrax hieß.
Jacobo stand vor ihm. Seine Kapuze war
zurückgeschlagen. Sein Gesicht war fahl und
bleich. Daman sah die eigenartigen
Glasaugen, mit denen er vermutlich die
dunklen Götter schaute. In seinen Händen
blitzte ein seltsam dünnes Messer auf.
Die schwarzhaarige Barbarin stieß einen
Fluch aus und suchte nach einer Deckung,
bevor Jacobo sie sehen musste.
Daman grinste wider Willen. Die Furie
mochte stark und wild sein, aber intelligent
war sie deshalb noch lange nicht Schon
fühlte er wieder einen Hauch von
Überlegenheit in sich aufsteigen.
»Sie können uns nicht sehen«, ächzte er
unter ihrem Griff, als sie ihn mit sich zerrte.
»Von der anderen Seite ist das Glas ein
Spiegel!«
Die Barbarin stieß einen erstaunten Laut
aus und verhielt in ihrem Schritt. Noch etwas
misstrauisch wagte sie sich näher an die
Scheibe heran, doch auch jetzt nahm Jacobo
von ihr keinerlei Notiz. Es schien also zu
stimmen, was Daman sagte.
Sie löste ihren Arm von seinem Hals aber
nur, um im nächsten Moment mit der linken
Hand in
seine Kehle zu greifen. Daman spürte, wie
sein Kehlkopf schmerzhaft zuckte. Er wagte
sich nicht zu bewegen.
Aruula überlegte fieberhaft. Natürlich
konnte sie mit einem der Gegenstände hier
die Scheibe zerschlagen, um in die
Folterkammer zu gelangen. Doch der Stuhl
mit Maddrax darauf stand gut zwölf,
dreizehn Schritte entfernt. Es wäre Jacobo
ein Leichtes, dem Leben ihres Gefährten mit
dem Messer ein Ende zu setzen, noch bevor
sie ihn erreichte. Was sie brauchte, war ein
Auftritt, der Jacobo so erschreckte, dass sie
genügend Zeit gewann,
Aruula sah sich um und wies dann auf das
an eine Wand gelehnte Baaik, das Jacobo für
sich selbst zusammengesetzt hatte. »Kannst
du den Feuerstuhl bedienen?«, fragte sie.
Daman nickte automatisch. Gleichzeitig
begriff er, dass sich seine Situation
grundlegend verbessert hatte. Nun brauchte
die Barbarin ihn und sein Wissen! Und daran
konnte er, wenn er es geschickt anstellte,
Forderungen knüpfen!
Er ächzte schwer, bis Aruula den Griff um
seine Kehle lockerte. Dann hauchte er: »Ich
werde dir helfen, Barbarin wenn wir zuvor
ein Bündnis schließen!«
Aruulas Augen verengten sich
misstrauisch. »Was für ein Bündnis?«,
zischte sie.
Daman räusperte sich. »Ich will Jacobos
Tod«, erklärte er, »und du willst deinen
Gefährten. Ich helfe dir, wenn du für mich
Jacobo beseitigst.«
Aruula blieb nicht viel Zeit zum Überlegen.
Gerade beugte sich Jacobo über Maddrax und
schien zu überlegen, wo er das Messer am
besten ansetzte.
55
»Gut«, willigte sie ein. »Erwecke den
Feuerstuhl und durchbrich die Scheibe damit.
Ich kümmere mich um Jacobo!«
Im gleichen Augenblick, in dem Jacob
Smythe das Skalpell auf Matthew Drax‘
Schläfe setzte, röhrte ganz in der Nähe ein
Motor auf. Smythe hielt verdutzt inne.
Im nächsten Moment schien die Welt in
Myriaden Einzelteile zu zersplittern. Ein
Scherbenregen ergoss sich wie in einer
Explosion in das Labor.
Matt zuckte unwillkürlich zusammen und
war geistesgegenwärtig genug, den Kopf zur
Seite zu reißen. Der Druck des
Chirurgenmessers verschwand von seiner
Schläfe. Die Ereignisse überschlugen sich.
Der Irre schrie auf. Die beiden Nosfera
fuhren herum. Inmitten des Scherbenregens
platzte ein schweres Motorrad mit lautem
Gebrüll durch den riesigen Spiegel hinter
Smythe. Wie in einer Vision sah Matt
Aruulas blauschwarze Mähne und die lange
wirbelnde Klinge in ihrer rechten Hand. Vor
ihr im Sattel saß Daman, wie ein Rocker aus
alter Zeit tief über den Lenker gebeugt
Smythe schrie abermals auf, war aber zu
perplex, um gezielt zu reagieren. Aruulas
Schwert sirrte durch die Luft und köpfte mit
einem Schlag den ersten der Wächter.
Jetzt duckte sich Smythe, ließ das Skalpell
fallen und griff an seinen Gürtet um den
Elektroschocker zu ziehen.
Das Bike rutschte über Tausende von
Glassplittern. Daman verlor die Gewalt über
die Maschine. Sie legte sich flach, krachte
mit dem Tank gegen einen Labortisch und
zerdepperte Dutzende mit irgendwelchen
Flüssigkeiten gefüllte Glasbehälter.
Gelbgrüner Nebel und Schwefelgestank
breiteten sich aus.
Aruula, die vor Damans Sturz abgesprungen
war, kreuzte inzwischen die Klinge
mit Smythes zweitem Helfer.
Matt riss an seinen Fesseln, während sich
Smythe den Kämpfenden näherte und den
Elektroschocker auf Aruula richtete.
Doch statt die erwarteten 300.000 Volt
auszuspucken, machte das Gerät nur Bsssss.
Die Batterie war leer!
Smythe schrie vor Entsetzen auf.
Im gleichen Moment zerrte etwas an
seinem Kittel. Er sah hinab und gewahrte
Daman, der sich, noch benommen von dem
Sturz, an ihn klammerte.
»Elender Kretin!« brüllte Smythe und trat
nach seinem Vasall.
Im gleichen Moment querte Aruulas Klinge
den Hals ihres Widersachers, der mit einem
Todesröcheln zu Boden ging. Eine Sekunde
später war sie bei Maddrax und zertrennte
mit gekonnten Hieben seine Fesseln,
Matt schnappte sich ein am Boden
liegendes Schwert.
Durch die offene Tür des Nebenraums
drangen jetzt Schreie, Flüche und
Waffengeklirr an seine Ohren. Irgendwo
ganz in der Nähe schien eine wilde Schlacht
zu toben. Aruula sagte nur »Reyto und
Gosseyn«, und er verstand.
Smythe wehrte sich währenddessen gegen
den wie tollwütig an seinem Kittel zerrenden
Daman. Doch seine Tritte und wirbelnden
Fäuste zeigten nur wenig Wirkung. Daman
hatte sich so sehr in seinen Hass auf den
Thronräuber verbohrt, dass er kaum noch
Schmerzen empfand.
In diesem Augenblick erkannte Smythe,
dass Commander Drax frei war. Ein
Irrlichtern trat in seine Augen. Die Panik
verlieh ihm übermenschliche Kräfte.
Mit einem brutalen Tritt gelang es ihm,
Daman
56
abzuschütteln. Mit ausholenden Sätzen lief
er durch das Labor, auf das aus dem Boden
ragenden Rohr zu .
Als Matt und Aruula die Verfolgung
aufnahmen, hantierte er mit fliegenden
Fingern am Riegel der Abdeckung und
klappte sie zurück. Daman hechtete hinter
ihm her, glitt auf dem Bauch über den Boden
und schlang seine Arme um die Füße seines
verhassten Herrn, der in höchster Not
aufschrie. Ein weiterer Tritt traf Damans
Kopf, und diesmal brach er ihm das Genick
Smythe schwang die Beine über den Rand
des Schachtes, warf einen Blick in die Tiefe
und stürzte sich mit einem schrillen Lachen
hinab.
»Nein!«
Matts Schrei änderte nichts mehr. Professor
Dr. Jacob Smythe hatte sich in den Tod
gestürzt. Matt zweifelte nicht daran, dass er
gegen die mutierte Schnecke, die dort unten
lauerte, keine Chance hatte.
Aruula packte seinen Arm.
»Lass uns fliehen, Maddrax!
Sofort!«
»Moment noch ...«
Matt schaute sich hastig um. In den
Wochen seines Hierseins hatte Smythe Dinge
zusammengetragen und technische Geräte
instand gesetzt, die ihm bei seiner Odyssee
durch diese fremdartige Welt sehr hilfreich
sein konnten.
Aber er kam nicht mehr dazu, all diese
Schätze zu sichten. Einige der verschütteten
Chemikalien hatten miteinander reagiert.
Erste Flämmchen flackerten und betäubender
Rauch breitete sich im Raum aus.
»Komm!«, drängte Aruula. »Gefahr!« Das
Feuer griff rasend schnell um sich. Trotzdem
war Matt noch für Sekunden hin und
hergerissen zwischen Flucht und Hierblieben.
Doch schließlich siegte die Vernunft. Er
wuchtete das Motorrad vom Boden hoch,
schwang sich in den Sattel, trat den Starter
durch und registrierte zufrieden, dass der
Motor sofort ansprang.
Er brauchte Aruula nicht zu bitten. Sie
setzte sich mit dem Schwert in der Hand
hinter ihn, und er steuerte das Motorrad
geschickt durch den Gang, der zurück in den
Blutsaal führte.
Dort lagen die ausgestreckten Leichen
einiger Nosfera, und auch zwei Suizzani
hatten hier ihr Leben gelassen. Reyto war
aber nicht darunter.
Der Kampf hatte sich offenbar in andere
Bereiche der Festung verlagert, denn als
Matthew durch einen Korridor in Richtung
Treppenhaus fuhr, begegnete ihnen keine
lebende Seele.
Matt hatte vorgehabt, mit dem Motorrad
die Stufen hinab zu hoppeln. Doch als er die
Treppe erreichte, sah er den Grund für die
Truppenverlegung: In der etwa vierzig
Quadratmeter großen Eingangshalle wälzte
sich der elefantengroße Leib einer weißen
Schnecke. Das Tier musste den Weg aus den
Kellerräumen nach oben gefunden haben und
machte nun reiche Beute. Die zappelnden
Beine eines Blutsaugers ragten aus ihrem
schleimigen Maul, während ein halbes
Dutzend Ledermänner von allen Seiten mit
Schwertern, Spießen und Äxten auf das
Ungetüm einschlugen.
Von den Suizzani war außer einem am
Boden liegenden Toten niemand mehr zu
sehen. Matt nahm an, dass sie mit den
befreiten Dorfbewohnern durch den Keller
ins Freie entkommen waren.
Die Vermummten waren so mit der
Riesenschnecke beschäftigt, dass sie das
Gedröhn der Maschine nicht wahrnahmen.
Aber damit war noch nichts gewonnen.
57
Wie sollte Matt an der Kreatur und den
Nosfera vorbei kommen? Der Weg die
Treppe hinab war jedenfalls versperrt.
Er drehte die Maschine und raste eine
Galerie entlang, die den Raum umkreiste. Als
er unter sich einen massiven Holztisch sah,
stoppte Matt. An dieser Stelle war das
steinerne Geländer der Galerie zerbrochen;
die maroden Reste würden der Wucht des
Motorrades nicht standhalten. Und der Tisch
ergab eine gute Landeplattform. Von dort
war der Weg zum Hauptportal frei.
Matt überlegte nicht lange und gab Gas,
bevor ihm die Stimme der Vernunft
zuflüstern konnte, dass er hier ein
selbstmörderisches Spiel trieb.
»Festhalten!«
Er duckte sich. Das Motorrad schoss voran,
durchbrach das Geländer und flog in einem
Regen aus Staub und Gesteinssplitter in die
Halle hinab. Die umstehenden Nosfera
wurden völlig überrascht. Einige brachten
sich mit einem weiten Satz in Sicherheit,
doch zwei der Blutsauger wurde die
aufbrüllende Maschine zum Schicksal.
Dann bekam das Hinterrad Bodenhaftung.
Der Ruck der Landung presste Matt und
Aruula tief in den Sattel aber die Maschine
hielt der Belastung stand.
Matt gab Gas. Schlingernd und mit
qualmenden Reifen visierte er die Pforte an.
Dann waren sie im Freien, und die Reifen
durchpflügten den Lehmboden. Im Innenhof
lagen mindestens zwanzig Motorräder im
Dreck. Matt musste abbremsen, um sich
einen Weg zwischen den Bikes zu bahnen.
Da ertönte über ihnen eine gewaltige
Explosion.Im obersten Stock der Festung
flogen die Fenster aus den Rahmen, und
lange Flammen fuhren zum Himmel empor.
Offenbar waren die Treibstoffvorräte
explodiert.
Matt sah sich um. Keiner der Blutsauger
folgte ihnen. Das war gut so, denn er hatte
noch etwas zu erledigen.
Auf der anderen Seite des Hofes stoppte er
vor dem Treppenabstieg, durch den Gholan
und er vor einigen Stunden in die Feste
eingedrungen waren, »Warte hier; ich bin
gleich zurück!« wies er Aruula an, stieg ab
und hastete die Stufen hinab.
Der Generatorenraum lag verlassen da.
Matt hielt sich nicht damit auf, nach
brauchbaren Dingen zu suchen. Sein Ziel war
das Schränkchen, in dem er seine Ausrüstung
verstaut hatte. Er raffte Uniform, Pistole,
Feldstecher und Messer zusammen, machte
kehrt und eilte wieder nach oben.
Keine Sekunde zu früh! Aus dem
Hauptportal quollen die ersten Nosfera und
deuteten zu ihm und Aruula hinüber. Aber sie
hatten keine Chance mehr, sie zu erreichen.
Matt hob die Beretta, zielte sorgsam und
jagte einen einzelnen Schuss aus dem Lauf.
Mehr war auch nicht nötig. Die Kugel
durchfetzte funkenschlagend den Tank eines
der zwanzig Motorräder und setzte das
hervorsprudelnde Benzin in Brand, Sekunden
später stieg ein Feuerpilz zum Himmel, und
die Hitzewelle der Explosion waberte über
den Hof.
Matthew drückte seiner Gefährtin das
Bündel in die Hände. Er schwang sich in den
Sattel, richtete die Maschine auf das offene
Tor aus und gab Gas.
Chaos und Feuer breiteten sich hinter ihnen
aus. Vor sich erkannten sie etliche
davonhastende Gestalten, die in Richtung des
Dorfes strebten. Gott, beziehungsweise
Wudan sei Dank: Gosseyn und seine Sippe
waren entkommen! Und es sah nicht danach
aus, als ob die Männer aus Suizza viel Erfolg
dabei haben würden, sie in die Sklaverei zu
verschleppen.
Als Matt in sicherer Entfernung zur
Festung anhielt, brach die Sonne durch die
Regenwolken und badete die düstere Festung
in ihrem goldenen Licht. Eben gellte eine
neue Explosion auf, eine von vielen, die noch
folgen würden.
58
Matthew Drax schaute nicht mehr zurück,
als er Kurs auf das Dorf nahm. Er freute sich
darauf, Gosseyn, Riva, Gholan und die
anderen wiederzusehen. Morgen oder
übermorgen würden sie dann wieder gen
Norden aufbrechen.
In dieser Festung des Blutes hatte Matt ein
weiteres Mitglied der DreierStaffel gefunden,
und wie- der war die Begegnung ganz anders
abgelaufen, als er gehofft hatte. In Rom
hatten teuflische Drogen Irvin Chester zu
einem hirnlosen Muskelberg gemacht, Jacob
Smythe war dem Wahnsinn verfallen ... wie
würde seine Suche nach Lieutenant Hank
Williams da wohl enden?
Matt fühlte einen kalten Schauer über
seinen Rücken laufen. Doch gleichzeitig
spürte er Aruulas Nähe. Sie gab ihm
Zuversicht. Solange er lebte, war noch nicht
alles verloren ...
ENDE
59
Die Leserstory
Airport 2012
von Kadir Özdemir
(mailto:Hexenzirkel@gmx.de)
Laetitia schaute aus dem runden Fenster der Boeing 747-200. Nicht das Geringste zu sehen
von "Christopher-Floyd". Sie unterdrückte ein Gähnen und schaute dann erneut in die Runde.
Da waren sie alle: Alain Lambert, der Konservenmillionär, und seine derzeitige Geliebte
Estha Marwell, die schlimmste Klatschbase aller Zeiten und eine gefürchtete Kolumnistin.
Neben ihr stand Leopold Storm, der Autor von Die Vitalienbrüder. Mit seinem
anspruchsvollen Historienroman hatte der Deutsche nicht nur die hochkritischen
Literatenkreise beeindruckt, sondern auch einen kommerziellen Hit gelandet. Stella Steel
schlürfte neben ihm ihren Champagner. Obwohl die kapriziöse Schauspielerin ihn nicht leiden
konnte, hatte sie sich heute, am 8. Februar 2012 bei ihm eingehakt. Alle Gäste hatten einen
Halbkreis um Andrew White, dem Prediger, und Elisabeth, Laetitias Mutter, gebildet.
Elisabeth war eine der Ersten, die sich dem Prediger angeschlossen hatten. Andrew glaubte
nicht an die übertriebenen Computersimulationen, die die Fernsehanstalten aller Welt
andauernd zeigten. Milliarden von Toten, Flutwellen und Eiszeit... Eiszeit! Herrgott, was für
ein Unsinn! Nach Andrews Meinung diente Christopher-Floyd nur dazu, eine geheime
internationale Verschwörung zu verschleiern.
Elisabeth lächelte. Wenn dieser Komet wirklich so gefährlich für die Erde war, warum
brachten sie ihn dann nicht einfach vom Kurs ab? Schließlich hatte man in etlichen Filmen
gesehen, wie das zu bewerkstelligen war.
Laetitia schaute auf die Uhr: 16:29. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, warum in aller Welt
sie sich von ihrer Mutter zu diesem mehr als unvernünftigen Ausflug hatte überreden lassen.
Ihre Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, ihren Guru nach Canberra zu begleiten, wo er zu
seiner Anhängerschaft sprechen wollte.
Plötzlich wurde die Boeing heftig durchgerüttelt. Laetitia verlor ihr Martiniglas und fiel auf
die Knie. Im gleichen Moment stürzte Estha Marwell und schlug mit dem Kopf hart auf den
Boden. Elisabeth krallte sich an Andrew fest, der wiederum seinen Sitz umklammerte.
Laetitia erholte sich als Erste von dem Schock, schaute aus dem Fenster – und erstarrte vor
Schreck. Sie konnte nun den Kometen mit bloßem Auge erkennen, eine infernalische
Feuersbrunst, die mit wahnsinniger Geschwindigkeit heranraste. Eine glühende Feuerkugel,
innen blendend hell und an der Spitze von getrübtem Orange.
Je näher der Komet kam, desto mehr verwandelte sich dieser Orangeton in ein glühendes
Blutrot. Und gleichzeitig erreichte sie ein ohrenbetäubendes Rauschen, das jede Sekunde lauter
wurde und ihren Kopf zu sprengen drohte.
Die Boeing wurde wie eine Nussschale in einem stürmenden Ozean geschüttelt. Laetitia
schlug mit dem Kopf gegen eine Fensterscheibe und sank zu Boden. Da, wo ihr Kopf gegen
die Scheibe geprallt war, hinterließ sie eine blutige Spur...
Stille.
60
Laetitia riss die Augen auf und sah nur Dunkelheit um sich. Sie schnappte verzweifelt nach
Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Eine schwere Last lag auf ihrem Gesicht und erstickte
sie langsam.
Laetitia versuchte sich aufzurappeln, die Last wegzustoßen, und stellte fest, dass jede
Bewegung ihr unvorstellbare Schmerzen bereitete. Mit ihren letzten Kraftreserven schaffte sie
es, das Ding von ihrem Gesicht wegzuzerren. Gierig sog sie die kalte Luft ein und wurde
prompt von einem Hustenanfall geschüttelt.
Als sie sich ein bisschen erholt hatte, drehte sie unter Schmerzen ihren Hals und schaute sich
nach dem Ding um. Es war der leblose Körper des Konservenmillionärs. Sein Kopf war zu ihr
hingewandt, so dass sie direkt in seine toten Augen blickte. Sie versuchte zu schreien, doch
kein Laut entrang sich ihren Lippen.
Alains Gesicht war von seinem eigenen Blut Rot gefärbt. Wo sich seine Nase befunden hatte,
klafften nun zwei fleischige Löcher. Sein weit aufgerissener Mund war zu einem Brunnen
seines eigenen Blutes geworden.
Was zum Teufel ist geschehen?, fragte sie sich. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte,
war das Feuer, das der Himmel ausgespuckt hatte. Das Flugzeug musste abgestürzt sein. Aber
warum war es so dunkel? Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Was war mit den anderen?
Waren auch sie... O Gott, Mutter!
Laetitia rappelte sich trotz der Schmerzen auf die Beine, um nach den Anderen zu sehen. Die
Boeing war nur noch ein toter Vogel, dem man den Bauch aufgeschlitzt hatte. Jetzt, als sie auf
den Beinen stand, konnte sie auf ihrer rechten Seite in einen sternenlosen Nachthimmel hinauf
schauen. Etwas bewegte sich zwei Schritte vor ihr. Laetitias Herz machte einen Sprung, als sie
sich der Bewegung näherte. Es war ein Bein, das unter einem Zweisitzer hervor schaute. Der
restliche Körper war unter dem Sessel vergraben.
Noch bevor Laetitia irgendetwas unternehmen konnte, hörte sie ein bedrohliches Knurren.
Und in der nächsten Sekunde tauchte in der klaffenden Wunde der Boeing ein zotteliges,
hundeähnliches Wesen auf. Es fletschte die Zähne und Speichel tropfte ihm aus dem Maul,
während seine gelben Augen sie fixierten.
Ein Dingo!, schoss es Laetitia durch den Kopf. Doch seit wann waren Dingos so groß und
hatten solche Reißzähne?
Sie kam nicht mehr dazu, sich weitere Gedanken zu machen, denn im nächsten Augenblick
zogen sich die Lefzen des vermeintlichen Dingos zurück und die Taratze sprang auf sie zu...
ENDE
61
In der weissen Hölle
Mit einer fliegenden Riesenameise wollen Matt und Aruula die Alpen
überwinden, doch das Tier verendet und sie sitzen unter dem Gipfel fest.
Dort erleben sie mit, wie ein affenartiges Monstrum Soldaten jagt. Es ist der
Narka-to, der die Bewohner eines
Dorfes beschützt, die hier oben eine
heiße, heilkräftige Quelle behüten.
General Alcam will dieses
Machtmittel an sich bringen - und der
Narka-to starb vor einigen Tagen!
Die Dörfler haben ihn durch eine
Attrappe ersetzt. Bevor man den
Schwindel durchschaut, entwickelt Matt
einen Plan, das Dorf zu retten.
Nicht zuletzt, weil Alcam ihn und
Aruula getäuscht und für seine Pläne
benutzt hat.
Labels: Die Ausgestoßenen, Waldschrat

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