Franz Kafka Beschreibung eines Kampfes
Franz Kafka
Beschreibung eines Kampfes
Fassung A
Und die Menschen gehn in Kleidern
schwankend auf dem Kies spazieren
unter diesem großen Himmel,
der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.
Gegen zwölf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten
einander die Hände, sagten, es wäre sehr schön gewesen und giengen dann durch
den großen Thürrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten
in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, während ihr Kleid gezierte
Falten warf.
Ich saß an einem kleinen Tischchen – es hatte drei gespannte dünne Beine –
nippte gerade an dem dritten Gläschen Benediktiner und übersah im Trinken
zugleich meinen kleinen Vorrath von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und
aufgeschichtet hatte, denn es hatte einen feinen Geschmack.
Da kam mein neuer Bekannter zu mir und ein wenig zerstreut über meine
Beschäftigung lächelnd sagte er mit zitternder Stimme: "Verzeihen Sie, daß ich
zu Ihnen komme. Aber ich saß bis jetzt mit meinem Mädchen allein in einem
Nebenzimmer. Von halb elf an, das ist noch gar nicht lange her. Verzeihen Sie,
daß ich es Ihnen sage. Wir kennen ja einander nicht. Nicht wahr, auf der Treppe
trafen wir einander und erzählten einander ein paar höfliche Worte und jetzt
rede ich zu Ihnen schon von meinem Mädchen, aber Sie müssen mir – ich bitte –
verzeihen, das Glück hält es nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und
da ich sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue – "
So redete er. Ich aber sah ihn traurig an, – denn das Stück Fruchtkuchen, das
ich im Munde hatte, schmeckte nicht gut – und sagte in sein hübsch geröthetes
Gesicht: "Ich bin froh darüber, daß ich Ihnen vertrauenswürdig scheine, aber
traurig darüber, daß Sie es mir erzählten. Und Sie selbst – wären Sie nicht so
verwirrt – würden es fühlen, wie unpassend es ist, einem der allein sitzt und
Schnaps trinkt, von einem liebenden Mädchen zu erzählen. "
Als ich das gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich
zurück und ließ seine Arme hängen. Dann drückte er sie mit gespitztem Ellbogen
zurück und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen: "Wir sind
dort ganz allein im Zimmer – gesessen – mit der Annerl und ich habe sie geküßt –
geküßt – habe ich – sie – auf – ihren Mund, ihr Ohr, ihre Schultern – "
Einige Herren, die in der Nähe standen und ein lebhaftes Gespräch vermutheten,
kamen gähnend zu uns. Daher stand ich auf und sagte laut: "Gut, wenn Sie wollen,
so gehe ich, aber es ist thöricht, jetzt auf den Laurenziberg zu gehn, denn das
Wetter ist noch kühl und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die Wege wie
Schlittschuhbahnen. Aber wenn Sie wollen, gehe ich mit. "
Zuerst sah er mich staunend an und öffnete seinen Mund mit den breiten und
rothen nassen Lippen. Dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der
Nähe waren, lachte er, stand auf und sagte: "0 doch, die Kühle wird gut thun,
unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch, ich bin vielleicht auch ein wenig
betrunken, ohne viel getrunken zu haben, ja, wir werden uns verabschieden und
dann werden wir gehn. "
Also giengen wir zur Hausfrau und als er ihr die Hand küßte, sagte sie:
"Wirklich, ich bin froh, daß Ihr Gesicht heute so glücklich ist, sonst ist es
immer so ernst und gelangweilt. " Die Güte dieser Worte rührte ihn und er küßte
noch einmal ihre Hand; da lächelte sie.
Im Vorzimmer stand ein Stubenmädchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie
half uns in die Überröcke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns über die
Treppe zu leuchten. Ja, das Mädchen war schön. Ihr Hals war nackt und nur unter
dem Kinn von einem schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter Körper
war schön gebeugt, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg die Lampe
niederhaltend. Ihre Wangen waren geröthet, denn sie hatte Wein getrunken und
ihre Lippen waren halbgeöffnet.
Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng ein wenig
taumelnd auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und küßte ihn und blieb in der
Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldstück in die Hand legte, löste sie schläfrig
ihre Arme von ihm, öffnete langsam das kleine Hausthor und ließ uns in die
Nacht.
Über der leeren, gleichmäßig erhellten Straße stand ein großer Mond in einem
leicht bewölkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem Boden lag ein
zarter Schnee. Die Füße glitten aus beim Gehn, daher mußte man kleine Schritte
thun.
Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in große Munterkeit gerieth.
Ich hob die Beine übermüthig und ließ die Gelenke lustig knacken, ich rief über
die Gasse einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich
warf den Hut im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.
Mein Bekannter aber gieng unbekümmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt.
Er redete auch nicht.
Das wunderte mich, denn ich hatte erwartet, seine Freude würde ihn toll machen,
wenn die Gesellschaft nicht mehr um ihn wäre; ich wurde stiller. Gerade hatte
ich ihm einen aufmunternden Schlag über den Rücken gegeben, als mich Scham
ergriff, so daß ich meine Hand ungeschickt zurückzog. Da sie mir unnöthig war,
steckte ich sie in die Tasche meines Rockes.
Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und
konnte nicht begreifen, daß es mir unmöglich war in gleichem Schritt mit meinem
Bekannten zu bleiben. Es erregte mich ein wenig. Der Mond war klar, man konnte
deutlich sehn. Hie und da lehnte jemand in einem Fenster und betrachtete uns.
Als wir in die Ferdinandsstraße kamen, bemerkte ich, daß mein Bekannter eine
Melodie zu summen begann; es war ganz leise, aber ich hörte es. Ich fand, daß es
für mich beleidigend sei. Warum sprach er nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht
nöthig hatte, warum hatte er mich nicht in meiner Ruhe gelassen. Ich erinnerte
mich ärgerlich an das gute süße Zeug, das ich seinetwegen auf meinem Tischchen
liegen gelassen hatte. Ich erinnerte mich auch an den Benediktiner und wurde ein
wenig lustiger, fast hochmüthig kann man sagen. Ich stemmte die Hände in die
Hüften und bildete mir ein, ich gienge selbstständig spazieren. Ich war in
Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren jungen Menschen vor Beschämung
gerettet und gieng jetzt im Mondlicht spazieren. Eine in ihrer Natürlichkeit
grenzenlose Lebensweise. Den Tag über im Amt, Abends in Gesellschaft, in der
Nacht auf den Gassen und nichts übers Maß.
Doch, mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte sogar seinen
Gang, als er merkte, daß er zurückgeblieben war und that, als wäre das etwas
Natürliches. Ich aber überlegte, ob es nicht vielleicht passend wäre, in eine
Seitengasse einzubiegen, da ich doch zu einem gemeinsamen Spaziergang nicht
verpflichtet war. Ich konnte allein nachhause gehn und keiner durfte mich
hindern. In meinem Zimmer würde ich die Stehlampe anzünden, welche in dem
eisernen Gestelle auf dem Tische ist, ich würde mich in meinen Armstuhl setzen,
der auf dem zerrissenen morgenländischen Teppich steht. – Als ich soweit war,
überfiel mich die Schwäche, die immer über mich kommt, sobald ich daran denken
muß, wieder in meine Wohnung zu gehn und wieder Stunden allein zwischen den
bemalten Wänden zu verbringen und auf dem Fußboden, welcher in dem an der
Rückwand aufgehängten Goldrahmenspiegel schräg abfallend erscheint. Meine Beine
wurden müde und schon war ich entschlossen auf jeden Fall nachhause zu gehn und
mich in mein Bett zu legen, als mir der Zweifel kam, ob ich jetzt beim Weggehn
meinen Bekannten grüßen solle oder nicht. Aber ich war zu furchtsam, um ohne
Gruß wegzugehn und zu schwach, um laut rufend zu grüßen, daher blieb ich wieder
stehn, stützte mich an eine mondbeschienene Häusermauer und wartete.
Mein Bekannter kam in fröhlichem Schritt und wohl auch ein wenig besorgt. Er
machte große Anstalten, zwinkerte jetzt mit seinen Augenlidern, streckte die
Arme wagrecht in die Luft, reckte heftig seinen Kopf, auf dem ein harter
schwarzer Hut war, zu mir empor und schien mit alledem zeigen zu wollen, er
verstehe den Scherz sehr gut zu würdigen, den ich zu seiner Belustigung hier
vorführte.
Ich war hilflos und sagte leise: "Heute ist ein lustiger Abend. " Dabei gab ich
ein mißlungenes Lachen von mir. Er antwortete: "Ja, und haben Sie gesehn, wie
auch das Stubenmädchen mich küßte. " Ich konnte nicht reden, denn mein Hals war
voll Thränen, daher versuchte ich, wie ein Posthorn zu blasen, um nicht stumm zu
bleiben. Er hielt sich zuerst die Ohren zu, dann schüttelte er freundlich
dankend meine rechte Hand. Die muß sich kalt angefühlt haben, denn er ließ sie
gleich los und sagte: "Ihre Hand ist sehr kalt, die Lippen des Stubenmädchens
waren wärmer, o ja. " Ich nickte verständig. Während ich aber den lieben Gott
bat, mir Standhaftigkeit zu geben, sagte ich: "Ja, Sie haben recht, wir werden
nachhause gehn, es ist spät und morgen früh habe ich Amt; bedenken Sie, man kann
ja dort schlafen, aber es ist nicht das Rechte. Sie haben recht, wir werden
nachhause gehn. " Dabei reichte ich ihm die Hand, als sei die Sache endgiltig
erledigt. Er aber gieng lächelnd auf meine Redeweise ein: "Ja, Sie haben Recht,
eine solche Nacht will nicht im Bette verschlafen sein. Bedenken Sie doch,
wieviele glückliche Gedanken man mit der Bettdecke erstickt, wenn man allein in
seinem Bette schläft und wieviel unglückliche Träume man mit ihr wärmt. " Und
aus Freude über diesen Einfall, faßte er vorn an der Brust – höher reichte er
nicht – kräftig meinen Rock, und schüttelte mich mit Laune; dann kniff er seine
Augen zusammen und sagte vertraulich: "Wissen Sie, wie Sie sind, komisch sind
Sie. " Dabei begann er weiter zu gehn und ich folgte ihm, ohne es zu merken,
denn mich beschäftigte sein Ausspruch.
Zuerst freute es mich, denn es schien zu zeigen, daß er etwas in mir vermuthete,
was zwar nicht in mir war, aber mich bei ihm in Beachtung brachte dadurch, daß
er es vermuthete. Ein solches Verhältnis macht mich glücklich. Ich war
zufrieden, nicht nachhause gegangen zu sein und mein Bekannter wurde für mich
sehr wertvoll als einer, der mir vor den Menschen Wert gibt, ohne daß ich ihn
erst erwerben muß! Ich sah meinen Bekannten mit liebevollen Augen an. In
Gedanken schützte ich ihn gegen Gefahren, besonders gegen Nebenbuhler und
eifersüchtige Männer. Sein Leben wurde mir theuerer als meines. Ich fand sein
Gesicht schön, ich war stolz auf sein Glück bei den Frauenzimmern und ich nahm
an den Küssen theil, die er an diesem Abend von den zwei Mädchen bekommen hatte.
Oh, dieser Abend war lustig! Morgen wird mein Bekannter mit Fräulein Anna reden;
gewöhnliche Dinge zuerst, wie es natürlich ist, aber dann wird er plötzlich
sagen: "Gestern in der Nacht war ich mit einem Menschen beisammen, wie Du ihn
liebes Annerl, sicher noch nie gesehen hast. Er sieht aus, – wie soll ich es
beschreiben – wie eine Stange in baumelnder Bewegung auf die ein gelbhäutiger
und schwarzbehaarter Schädel ein wenig ungeschickt aufgespießt ist. Sein Körper
ist mit vielen, ziemlich kleinen, grellen, gelblichen Stoffstücken behängt, die
ihn gestern vollständig bedeckten, denn in der Windstille dieser Nacht lagen sie
glatt an. Er gieng schüchtern neben mir. Du mein liebes Annerl, die Du so gut
küssen kannst, ich weiß, Du hättest ein wenig gelacht und ein wenig Dich
gefürchtet, ich aber, dessen Seele ganz zerflogen ist vor Liebe zu Dir, freute
mich seiner Gegenwart. Er ist vielleicht unglücklich und darum schweigt er still
und doch ist man neben ihm in einer glücklichen Unruhe, die nicht aufhört. Ich
war ja gestern gebeugt von eigenem Glück, aber fast vergaß ich an Dich. Es war
mir als höbe sich mit den Athemzügen seiner platten Brust die harte Wölbung des
gestirnten Himmels. Der Horizont brach auf und unter entzündeten Wolken wurden
Landschaften sichtbar endlos, so wie sie uns glücklich machen. – Mein Himmel,
wie liebe ich Dich Annerl und Dein Kuß ist mir lieber als eine Landschaft. Reden
wir nicht mehr von ihm und haben wir einander lieb. "
Als wir dann mit langsamen Schritten den Quai betraten, beneidete ich zwar
meinen Bekannten um die Küsse, aber ich empfand auch mit Fröhlichkeit die innere
Beschämung, die er mir gegenüber, so wie ich ihm erschien, wohl fühlen mußte.
So dachte ich. Aber meine Gedanken verwirrten sich damals, denn die Moldau und
die Stadtviertel am andern Ufer lagen in einem Dunkel. Nur einige Lichter
brannten und spielten mit den schauenden Augen.
Wir standen am Geländer. Ich zog meine Handschuhe an, denn vom Wasser wehte es
kalt; dann seufzte ich ohne Grund auf, wie man es vor einem Fluß in der Nacht
wohl thun mag, und wollte weiter gehn. Aber mein Bekannter schaute ins Wasser
und rührte sich gar nicht. Dann trat er noch näher an das Geländer, stützte die
Arme mit den Ellenbogen auf das Eisen nieder und legte die Stirne in seine
Hände. Das schien mir thöricht. Ich fror und stülpte meinen Rockkragen in die
Höhe. Mein Bekannter streckte sich und legte den Oberkörper, der jetzt auf
seinen gespannten Armen ruhte, über das Geländer. Beschämt beeilte ich mich zu
reden, um mein Gähnen zu unterdrücken: "Nicht wahr, es ist doch merkwürdig daß
gerade die Nacht nur imstande ist, uns ganz in Erinnerungen zu tauchen. Jetzt
zum Beispiel erinnere ich mich an dieses: Einmal saß ich auf einer Bank am Ufer
eines Flusses am Abend in verrenkter Haltung. Ich sah, den Kopf auf den Arm
gelegt, der auf der hölzernen Lehne der Bank auflag, die wolkenhaften Berge des
andern Ufers und hörte eine zarte Geige, die jemand im Strandhotel spielte. Auf
beiden Ufern fuhren hin und wieder schiebende Züge mit erglänzendem Rauch. " –
So redete ich und suchte krampfhaft hinter den Worten Liebesgeschichten mit
merkwürdigen Lagen zu erfinden; auch ein wenig Roheit und feste Nothzucht
brauchte nicht zu fehlen.
Aber ich brachte kaum die ersten Worte vor, als mein Bekannter gleichgültig und
bloß überrascht darüber, mich noch hier zu sehn – so schien es mir – sich zu mir
wandte und sagte: "Sehen Sie, so kommt es immer. Als ich heute die Treppe
hinunterstieg, um noch einen Abendspaziergang zu machen, ehe ich in die
Gesellschaft gehen mußte, wunderte ich mich, wie meine röthlichen Hände in den
weißen Manschetten hin und herschlenkerten und wie sie es mit ungewohnter
Munterkeit thaten. Da erwartete ich Abenteuer. So kommt es immer." Dieses sagte
er schon im Gehn, nur beiläufig, als eine kleine Beobachtung.
Mich aber rührte es sehr und es wurde mir schmerzlich, daß ihm vielleicht meine
lange Gestalt unangenehm sein könnte, neben der er vielleicht zu klein erschien.
Und dieser Umstand quälte mich, trotzdem es doch Nacht war und wir fast
niemandem begegneten, doch so sehr, daß ich meinen Rücken so gebückt machte, daß
meine Hände im Gehn meine Knie berührten. Damit aber mein Bekannter meine
Absicht nicht merke, veränderte ich meine Haltung nur ganz allmählich mit großer
Vorsicht und suchte seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken durch Bemerkungen
über die Bäume der Schützeninsel und über die Spiegelung der Brückenlampen im
Flusse. Aber mit plötzlicher Wendung drehte er sein Gesicht mir zu und sagte
nachsichtig: "Warum gehen Sie denn so? Sie sind ja jetzt ganz gebückt und fast
so klein, wie ich. "
Da er das gütig gesagt hatte, antwortete ich: "Das mag sein. Aber mir ist diese
Haltung angenehm. Ich bin ziemlich schwächlich, wissen Sie, und es kommt mir zu
schwer an, meinen Körper aufrecht zu erhalten. Das ist keine Kleinigkeit; ich
bin sehr lang – "
Er sagte ein wenig mißtrauisch: "Das ist doch bloß eine Laune. Sie giengen doch
früher ganz aufrecht, glaube ich und auch in der Gesellschaft hielten Sie sich
doch leidlich. Sie tanzten sogar oder nicht? Nein? Aber aufrecht giengen Sie
doch und das werden Sie jetzt auch noch können. "
Ich antwortete beharrlich und mit der Hand abwehrend: "Ja, ja ich gieng
aufrecht. Aber Sie unterschätzen mich. Ich weiß, was gutes Benehmen ist und
darum gehe ich gebückt. "
Aber ihm schien es nicht einfach, sondern verwirrt von seinem Glück verstand er
den Zusammenhang meiner Worte nicht und sagte nur: "Nun, wie Sie wollen" und
schaute zur Uhr des Mühlenthurmes auf, die schon fast ein Uhr zeigte.
Ich aber sagte zu mir: "Wie herzlos ist dieser Mensch! Wie bezeichnend und
deutlich ist seine Gleichgültigkeit gegen meine demüthigen Worte! Er ist eben
glücklich und das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um
sie geschieht. Ihr Glück stellt einen glanzvollen Zusammenhang her. Und wenn ich
jetzt ins Wasser gesprungen wäre oder wenn mich jetzt vor ihm Krämpfe zerreißen
hier auf dem Pflaster unter diesem Bogen immer würde ich mich friedlich seinem
Glück einfügen. Ja, wenn er in die Laune käme – ein Glücklicher ist so
gefährlich, das ist unzweifelhaft – würde er mich auch todtschlagen wie ein
Straßenmörder. Das ist sicher und da ich feig bin, würde ich vor Schrecken nicht
einmal zu schreien wagen. – Um Gotteswillen! " – Ich sah mich in Angst um. Vor
einem entfernten Kaffeehaus mit rechteckigen schwarzen Scheiben ließ sich ein
Schutzmann über das Pflaster gleiten. Sein Säbel behinderte ihn ein wenig, er
nahm ihn in die Hand und nun gieng es viel hübscher. Und als ich ihn bei der
mäßigen Entfernung auch noch schwach juchzen hörte, da war ich überzeugt, daß er
mich nicht retten würde, wenn mich mein Bekannter totschlagen wollte.
Aber jetzt wußte ich auch, was ich thun mußte, denn gerade vor schrecklichen
Ereignissen überkommt mich große Entschlossenheit. Ich mußte weglaufen. Es war
ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbrücke nach links konnte ich nach rechts
in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab dort dunkle Hausthore und
Weinstuben die noch offen waren; ich mußte nicht verzweifeln.
Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais hervortraten, rannte ich mit erhobenen
Armen in die Gasse; doch als ich gerade zu einer kleinen Thüre der Kirche kam,
fiel ich, denn dort war eine Stufe die ich nicht gesehen hatte. Es krachte. Die
nächste Laterne war entfernt, ich lag im Dunkel. Aus einer Weinstube gegenüber
kam ein dickes Weib mit einem rauchigen Lämpchen heraus, um nachzusehn was auf
der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel hörte auf und ein Mann öffnete die
jetzt halboffene Thür völlig. Er spie großartig auf eine Stufe und während er
das Frauenzimmer zwischen den Brüsten kitzelte, sagte er, das was geschehen sei,
sei jedenfalls ohne Bedeutung. Sie drehten sich darauf um und die Thüre wurde
wieder zugemacht.
Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. "Es ist Glatteis", sagte ich und
verspürte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, daß die Leute aus der
Weinstube mich nicht sehen konnten und es schien mir daher das Bequemste hier
bis zur Dämmerung liegen zu bleiben.
Mein Bekannter war wohl allein bis zur Brücke gegangen, ohne meinen Abschied
bemerkt zu haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich sah nicht, daß
er erstaunt war, als er sich mitleidig zu mir bückte und mich mit weicher Hand
streichelte. Er fuhr an meinen Wangenknochen auf und nieder und legte dann zwei
dicke Finger an meine niedrige Stirn: "Sie haben sich weh gethan, nicht? Es ist
Glatteis und man muß vorsichtig sein – der Kopf schmerzt Sie? Nein? ach das
Knie, so. " Er sprach in einem singenden Ton, als ob er eine Geschichte erzähle
und eine sehr angenehme Geschichte überdies von einem sehr entfernten Schmerz in
einem Knie. Er bewegte auch seine Arme, aber er dachte nicht daran mich
aufzuheben. Ich stützte den Kopf auf meine rechte Hand – der Ellbogen lag auf
einem Pflasterstein – und sagte schnell, damit ich es nicht vergäße: "Ich weiß
nicht eigentlich, warum ich nach rechts lief. Doch ich sah unter den Lauben
dieser Kirche – ich weiß nicht, wie sie heißt, oh, bitte, verzeihen Sie – eine
Katze laufen. Eine kleine Katze und sie hatte ein helles Fell. Daher bemerkte
ich sie. – Oh nein, das war es nicht, entschuldigen Sie, aber es ist genügende
Mühe sich den Tag über zu beherrschen. Man schläft eben um sich zu dieser Mühe
zu kräftigen, schläft man aber nicht, dann geschehn nicht selten zwecklose Dinge
mit uns, aber es wäre unhöflich von unsern Begleitern sich darüber laut zu
wundern. "
Mein Bekannter hatte die Hände in den Taschen und sah über die leere Brücke hin,
dann zur Kreuzherrenkirche und dann auf zum Himmel, der klar war. Da er mir
nicht zugehört hatte, sagte er dann ängstlich: "Ja, warum reden Sie denn nicht
mein Lieber; ist Ihnen schlecht – ja warum stehn Sie denn eigentlich nicht auf –
es ist doch kalt hier, Sie werden sich verkühlen und dann wollten wir doch auf
den Laurenziberg. "
"Natürlich", sagte ich, "verzeihen Sie" und ich stand allein auf, aber mit
starkem Schmerz. Ich schwankte und mußte das Standbild Karl des Vierten fest
ansehn um meines Standpunktes sicher zu sein. Aber das Mondlicht war ungeschickt
und brachte auch Karl den Vierten in Bewegung. Ich staunte darüber und meine
Füße wurden viel kräftiger aus Angst, Karl der Vierte möchte umstürzen, wenn ich
nicht in beruhigender Haltung wäre. Später schien mir meine Anstrengung nutzlos,
denn Karl der Vierte fiel doch herunter, gerade als es mir einfiel, daß ich
geliebt würde von einem Mädchen in einem schönen weißen Kleid.
Unnützes thue ich und versäume viel. Wie glücklich war dieser Einfall, das
Mädchen betreffend! – Und lieb war es da vom Mond, daß er auch mich beschien und
ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die Wölbung des Brückenthurmes stellen,
als ich einsah, daß es doch bloß natürlich sei, daß der Mond alles bescheine.
Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um den Mond ganz zu genießen. – Da
fiel mir der Vers ein:
Ich sprang durch die Gassen wie ein betrunkener Läufer stampfend durch Luft
und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen mit den lässigen Armen
machend ohne Schmerz und Mühe vorwärtskam. Mein Kopf lag gut in kühler Luft und
die Liebe des weißgekleideten Mädchens brachte mich in trauriges Entzücken, denn
es schien mir als schwimme ich von der Verliebten und auch von den wolkenhaften
Bergen ihrer Gegend weg. – Und ich erinnerte mich, daß ich einmal einen
glücklichen Bekannten, der jetzt noch vielleicht neben mir gieng, gehaßt hatte
und es freute mich, daß mein Gedächtnis so gut war, daß es selbst so
nebensächliche Dinge bewahrte. Denn das Gedächtnis hat viel zu tragen. So kannte
ich mit einem Male alle die vielen Sterne bei Namen, trotzdem ich es niemals
gelernt hatte. Ja, es waren merkwürdige Namen, schwer zu behalten, aber ich
wußte sie alle und sehr genau. Ich gab meinen Zeigefinger in die Höhe und nannte
die Namen der einzelnen laut. – Ich kam aber nicht weit mit dem Nennen der
Sterne, denn ich mußte weiterschwimmen, wollte ich nicht zusehr untertauchen.
Aber damit man mir später nicht sagen könnte, über dem Pflaster könnte jeder
schwimmen und es sei nicht des Erzählens wert, erhob ich mich durch ein Tempo
über das Geländer und umkreiste schwimmend jede Heiligenstatue, der ich
begegnete. – Bei der fünften, als ich mich gerade mit überlegenen Schlägen über
dem Pflaster hielt, faßte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem
Pflaster und fühlte einen Schmerz im Knie. Ich hatte die Namen der Sterne
vergessen und von dem lieben Mädchen wußte ich nur, daß sie ein weißes Kleid
getragen hatte, aber ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, welche Gründe ich
gehabt hatte, an die Liebe des Mädchens zu glauben. Es erhob sich in mir ein
großer und so begründeter Zorn gegen mein Gedächtnis und Angst, ich könnte das
Mädchen verlieren. Und so wiederholte ich angestrengt und unaufhörlich "weißes
Kleid, weißes Kleid" um wenigstens durch dieses eine Zeichen mir das Mädchen zu
erhalten. Aber das hat nichts geholfen. Mein Bekannter drängte sich mit seinen
Reden immer näher zu mir und in dem Augenblick, als ich anfieng seine Worte zu
verstehn, hüpfte ein weißer Schimmer zierlich am Brückengeländer entlang, strich
durch den Brückenthurm und sprang in die dunkle Gasse.
"Immer liebte ich", sagte mein Bekannter auf die Statue der heiligen Ludmila
zeigend, "die Hände dieses Engels, links. Ihre Zartheit ist ohne Grenzen und die
Finger, die sich aufspannen, zittern. Aber von heute abend an sind mir diese
Hände gleichgültig, das kann ich sagen, denn ich küßte Hände – " Da umarmte er
mich küßte meine Kleider und stieß mit seinem Kopf gegen meinen Leib.
Ich sagte: "Ja, ja. Ich glaube das. Ich zweifle nicht" und dabei zwickte ich ihn
mit meinen Fingern soweit er sie freiließ in seine Waden. Aber er spürte es
nicht. Da sagte ich zu mir: "Warum gehst Du mit diesem Menschen Du liebst ihn
nicht und Du hassest ihn auch nicht, denn sein Glück besteht nur in einem
Mädchen und es ist nicht einmal sicher, daß sie ein weißes Kleid trägt. Also ist
Dir dieser Mensch gleichgültig – wiederhole es – gleichgültig. Er ist aber auch
ungefährlich, wie es sich erwiesen hat. Also geh mit ihm zwar weiter auf den
Laurenziberg, denn Du bist schon auf dem Wege in schöner Nacht, aber laß ihn
reden und vergnüge Dich auf Deine Weise, dadurch – sage es leise – schützt Du
Dich auch am besten. "
II. Belustigungen oder Beweis dessen, daß es unmöglich ist zu leben.
1. Ritt
Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die
Schultern und brachte ihn dadurch, daß ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß
in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und
manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen
Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen mit guter
Schnelligkeit immer weiter in das Innere einer großen, aber noch unfertigen
Gegend, in der es Abend war.
Die Landstraße, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade
das gefiel mir und ich ließ sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein
Bekannter stolperte, riß ich ihn an seinen Haaren in die Höhe und sobald er
seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei fühlte ich, wie gesund mir dieser
Abendritt in dieser guten Laune war und, um ihn noch wilder zu machen, ließ ich
einen starken Gegenwind in langen Stößen in uns blasen. Jetzt übertrieb ich auch
noch auf den breiten Schultern meines Bekannten die springende Bewegung des
Reitens und, während ich mich mit beiden Händen fest an seinem Halse hielt,
beugte ich weit meinen Kopf zurück und betrachtete die mannigfaltigen Wolken,
die schwächer als ich schwerfällig mit dem Winde flogen. Ich lachte und zitterte
vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei preßte ich meine
Hände kräftig in einander und that, als wüßte ich nicht, daß ich dadurch meinen
Bekannten würgte.
Zum Himmel aber, der mir allmählich durch die gekrümmten Äste der Bäume, die ich
am Rande der Straße wachsen ließ, verdeckt wurde, rief ich in der erhitzten
Bewegung des Reitens: "Ich habe doch anderes zu thun, als immer verliebtes
Gerede zu hören. Warum ist er zu mir gekommen, dieser geschwätzige Verliebte?
Sie alle sind glücklich und werden es besonders, wenn es ein anderer weiß. Sie
glauben einen glücklichen Abend zu haben und schon deshalb freuen sie sich des
künftigen Lebens. "
Da fiel mein Bekannter, und als ich ihn untersuchte fand ich, daß er am Knie
schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr nützlich sein konnte, ließ ich ihn
auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der Höhe herab, die sich gehorsam
und mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.
2. Spaziergang
Unbekümmert gieng ich weiter. Weil ich aber als Fußgänger die Anstrengung der
bergigen Straße fürchtete, ließ ich den Weg immer flacher werden und sich in der
Entfernung endlich zu einem Thale senken.
Die Steine verschwanden nach meinem Willen und der Wind wurde still und verlor
sich im Abend. Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den
Kopf erhoben und den Körper gesteift und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
Da ich Fichtenwälder liebe, gieng ich durch Fichtenwälder und, da ich gerne
stumm in den ausgesternten Himmel schaue, so giengen mir auf dem
großausgebreiteten Himmel die Sterne langsam und ruhig auf, wie es auch sonst
ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in
ihrer Höhe wehte, durch die Luft zog.
Ziemlich weit meiner Straße gegenüber, wahrscheinlich durch einen Fluß von mir
getrennt, ließ ich einen hohen Berg aufstehn, dessen Höhe mit Buschwerk
bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen und Bewegungen
der höchsten Äste konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie gewöhnlich er
auch sein mag, freute mich so, daß ich als ein kleiner Vogel auf den Ruten
dieser entfernten struppigen Sträucher schaukelnd daran vergaß, den Mond aufgehn
zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich zürnend wegen der
Verzögerung.
Jetzt aber breitete sich der kühle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf
dem Berge aus und plötzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen
Sträucher. Ich jedoch hatte indessen in einer andern Richtung geschaut und als
ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit
seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit trüben Augen stehn, denn meine
abschüssige Straße schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu führen.
Aber nach einem Weilchen gewöhnte ich mich an ihn und betrachtete mit
Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem ich
und er einander ein großes Stück entgegengegangen waren, eine angenehme
Schläfrigkeit verspürte, die wie ich glaubte, wegen der Anstrengungen des Tages
über mich kam, an die ich mich freilich nicht mehr erinnern konnte. Ich gieng
eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich mich nur dadurch wachend
erhielt, daß ich laut und regelmäßig die Hände zusammenschlug.
Dann aber, als der Weg mir unter den Füßen zu entgleiten drohte und alles müde
wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten Seite
der Straße mit aufgeregter Bewegung zu erklettern, um noch rechtzeitig in den
hohen verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht verschlafen wollte.
Die Eile war nöthig. Die Sterne dunkelten schon und der Mond versank schwächlich
im Himmel, wie in einem bewegten Gewässer. Der Berg war schon ein Stück der
Nacht, die Landstraße endete beängstigend dort, wo ich zum Abhang mich gewendet
hatte und aus dem Innern des Waldes hörte ich das näherkommende Krachen
fallender Stämme. Nun hätte ich mich gleich auf das Moos zum Schlaf werfen
können, aber da ich die Ameisen fürchte, kroch ich mit um den Stamm gewundenen
Beinen auf einen Baum, der auch schon baumelte ohne Wind, legte mich auf einen
Ast, den Kopf an den Stamm gelegt und schlief hastig ein, indeß ein Eichhörnchen
meiner Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes saß und sich
wiegte.
Der Fluß war breit und seine kleinen lauten Wellen waren beschienen. Auch am
andern Ufer waren Wiesen, die dann in Gesträuch übergiengen, hinter dem man in
großer Fernsicht helle Obstalleen sah, die zu grünen Hügeln führten.
Erfreut über diesen Anblick legte ich mich nieder und dachte, während ich mir
die Ohren gegen gefürchtetes Weinen zuhielt, hier könnte ich zufrieden werden.
"Denn hier ist es einsam und schön. Es braucht nicht viel Muth, hier zu leben.
Man wird sich hier quälen müssen wie anderswo auch, aber man wird sich dabei
nicht schön bewegen müssen. Das wird nicht nöthig sein. Denn es sind nur Berge
da und ein großer Fluß und ich bin noch klug genug, sie für leblos zu halten.
Ja, wenn ich am Abend allein auf den steigenden Wiesenwegen stolpern werde, so
werde ich nicht verlassener sein, als der Berg, nur daß ich es fühlen werde.
Aber ich glaube, auch das wird noch vergehn. "
So spielte ich mit meinem künftigen Leben und versuchte hartnäckig zu vergessen.
Ich sah dabei blinzelnd in jenen Himmel, der in einer ungewöhnlich glücklichen
Färbung war. Ich hatte ihn schon lange nicht so gesehn, ich wurde gerührt und an
einzelne Tage erinnert, an denen ich auch geglaubt hatte, ihn so zu sehn. Ich
gab die Hände von meinen Ohren, breitete meine Arme aus und ließ sie in die
Gräser fallen.
Ich hörte jemand weit und schwach schluchzen. Es wurde windig und große Mengen
trockener Blätter, die ich früher nicht gesehen hatte, flogen rauschend auf. Von
den Obstbäumen schlugen unreife Früchte irrsinnig auf den Boden. Hinter einem
Berg kamen häßliche Wolken herauf. Die Flußwellen knarrten und wichen vor dem
Wind zurück.
Ich stand rasch auf. Mich schmerzte mein Herz, denn jetzt schien es unmöglich
aus meinen Leiden hinauszukommen. Schon wollte ich umkehren, um diese Gegend zu
verlassen und in meine frühere Lebensart zurückzukehren, als ich diesen Einfall
bekam: "Wie merkwürdig ist es, daß noch in unserer Zeit vornehme Personen in
dieser schwierigen Weise über einen Fluß befördert werden. Es giebt keine andere
Erklärung dafür, als daß es ein alter Brauch ist. " Ich schüttelte den Kopf,
denn ich war verwundert.
3. Der Dicke
a. Ansprache an die Landschaft
Aus den Gebüschen des andern Ufers traten gewaltig vier nackte Männer, die auf
ihren Schultern eine hölzerne Tragbahre hielten. Auf dieser Tragbahre saß in
orientalischer Haltung ein ungeheuerlich dicker Mann. Trotzdem er durch Gebüsche
auf ungebahntem Weg getragen wurde, schob er die dornigen Zweige doch nicht
auseinander, sondern durchstieß sie ruhig mit seinem unbeweglichen Körper. Seine
faltigen Fettmassen waren so sorgfältig ausgebreitet, daß sie zwar die ganze
Tragbahre bedeckten und noch an den Seiten gleich dem Saume eines gelblichen
Teppichs hinunterhiengen, und ihn dennoch nicht störten. Sein haarloser Schädel
war klein und glänzte gelb. Sein Gesicht trug den einfältigen Ausdruck eines
Menschen der nachdenkt und sich nicht bemüht es zu verbergen. Bisweilen schloß
er seine Augen; öffnete er sie wieder, verzerrte sich sein Kinn.
"Die Landschaft stört mich in meinem Denken", sagte er leise, "sie läßt meine
Überlegungen schwanken, wie Kettenbrücken bei zorniger Strömung. Sie ist schön
und will deshalb betrachtet sein. "
"Ich schließe meine Augen und sage: Du grüner Berg am Flusse, der Du gegen das
Wasser rollendes Gestein hast, Du bist schön. "
"Aber er ist nicht zufrieden, er will, daß ich die Augen zu ihm öffne. "
"Wenn ich aber mit geschlossenem Auge sage: Berg, ich liebe Dich nicht, denn Du
erinnerst mich an die Wolken, an die Abendröthe und an den steigenden Himmel und
das sind Dinge, die mich fast weinen machen, denn man kann sie niemals
erreichen, wenn man sich auf einer kleinen Sänfte tragen läßt. Während Du mir
aber dieses zeigst, hinterlistiger Berg, verdeckst Du mir die Fernsicht, die
mich erheitert, denn sie zeigt Erreichbares in schönem Überblick. Darum liebe
ich Dich nicht, Berg am Wasser, nein, ich liebe Dich nicht. "
"Aber diese Rede wäre ihm so gleichgültig, wie meine frühere, wenn ich nicht mit
geöffneten Augen redete. Sonst ist er nicht zufrieden. "
"Und müssen wir nicht ihn uns freundlich erhalten, damit wir überhaupt ihn nur
aufrecht erhalten, ihn, der eine so launische Vorliebe für den Brei unserer
Gehirne hat. Er würde seinen gezackten Schatten auf mich niederschlagen, er
würde stumm schrecklich kahle Wände mir vorschieben und meine Träger würden über
die kleinen Steinchen am Wege stolpern. "
"Aber nicht nur der Berg ist so eitel, so zudringlich und so rachsüchtig dann,
alles andere ist es auch. So muß ich mit kreisrunden Augen – oh sie schmerzen –
immer wiederholen: "
"Ja, Berg Du bist schön und die Wälder auf Deinem westlichen Abhang freuen mich.
– Auch mit Dir, Blume, bin ich zufrieden und Dein Rosa macht meine Seele
fröhlich. – Du Gras auf den Wiesen bist schon hoch und stark und kühlst. – Und
Du fremdartiges Buschwerk stichst so unerwartet, so daß unsere Gedanken in
Sprünge kommen. – An Dir aber Fluß habe ich so großes Gefallen, daß ich mich
durch Dein biegsames Wasser werde tragen lassen. "
Nachdem er diese Lobpreisung zehnmal laut ausgerufen hatte unter einigem
demüthigen Rücken seines Körpers, ließ er seinen Kopf sinken und sagte mit
geschlossenen Augen:
"Jetzt aber – ich bitte Euch – Berg Blume Gras, Buschwerk und Fluß, gebt mir ein
wenig Raum, damit ich athmen kann. "
Da entstand ein eilfertiges Verschieben in den umliegenden Bergen, die sich
hinter hängende Nebel stießen. Die Alleen standen zwar fest und hüteten ziemlich
die Straßenbreite, aber frühzeitig verschwammen sie: Am Himmel lag vor der Sonne
eine feuchte Wolke mit leise durchleuchtetem Rand, in deren Beschattung das Land
sich tiefer senkte, während alle Dinge ihre schöne Begrenzung verloren.
Die Tritte der Träger wurden bis zu meinem Ufer hörbar und doch konnte ich in
dem dunklen Viereck ihrer Gesichter nichts genaues unterscheiden. Ich sah nur,
wie sie ihre Köpfe zur Seite neigten und wie sie ihren Rücken krümmten, denn die
Last war ungewöhnlich. Ich hatte Sorge ihretwegen, denn ich bemerkte, daß sie
müde waren. Daher sah ich mit Spannung zu, als sie in das Ufergras traten, dann
in noch ebenmäßigem Tritt durch den nassen Sand giengen, bis sie endlich in das
schlammige Schilf sanken, wo die beiden rückwärtigen Träger sich noch tiefer
bückten, um die Sänfte in ihrer wagrechten Lage zu erhalten. Ich preßte die
Hände in einander. Jetzt mußten sie bei jedem Schritt ihre Füße hochheben, so
daß ihr Körper in der kühlen Luft dieses veränderlichen Nachmittags vor Schweiß
glänzte.
Der Dicke saß ruhig, die Hände auf seinen Schenkeln; die langen Spitzen des
Schilfrohres streiften ihn, wenn sie hinter den vordern Trägern aufschnellten.
Die Bewegungen der Träger wurden unregelmäßiger, je näher sie zum Wasser kamen.
Bisweilen schwankte die Sänfte, als sei sie schon auf den Wellen. Kleine Pfützen
im Schilf mußten übersprungen oder umgangen werden, denn vielleicht waren sie
tief.
Einmal erhoben sich Wildenten schreiend und stiegen steil in die Regenwolke. Da
sah ich in einer kurzen Bewegung das Gesicht des Dicken; es war ganz unruhig.
Ich stand auf und eilte in eckigen Sprüngen über den steinigen Abhang, der mich
vom Wasser trennte. Ich achtete nicht darauf, daß es gefährlich war, sondern ich
dachte nur daran, dem Dicken zu helfen, wenn seine Diener ihn nicht mehr tragen
könnten. Ich lief so unbesonnen, daß ich mich unten beim Wasser nicht einhalten
konnte, sondern ein Stück in das aufspritzende Wasser laufen mußte und erst
stehen blieb, bis das Wasser mir bis an die Knie reichte.
Drüben aber hatten die Diener unter Verrenkungen die Sänfte ins Wasser gebracht
und während sie mit der einen Hand sich über dem unruhigen Wasser hielten,
stemmten sie mit vier behaarten Armen die Sänfte in die Höhe, so daß man die
ungewöhnlich erhobenen Muskeln sah.
Das Wasser schlug zuerst ans Kinn, stieg dann zum Mund, der Kopf der Träger
beugte sich zurück und die Traghölzer fielen auf die Schultern. Das Wasser
umspielte schon den Nasenrücken und noch immer gaben sie die Mühe nicht auf,
trotzdem sie kaum in der Mitte des Flusses waren. Da schlug eine niedrige Welle
auf die Köpfe der Vordern nieder und die vier Männer ertranken schweigend, indem
sie mit ihren wilden Händen die Sänfte mit sich hinunter zogen. Wasser schoß im
Sturze nach.
Da brach aus den Rändern der großen Wolke der flache Schein der abendlichen
Sonne und verklärte die Hügel und Berge an der Grenze des Gesichtskreises,
während der Fluß und die Gegend unter der Wolke in undeutlichem Lichte war.
Der Dicke drehte sich langsam in der Richtung des strömenden Wassers und wurde
flußabwärts getragen, wie ein Götterbild aus hellem Holz, das überflüssig
geworden war und das man daher in den Fluß geworfen hatte. Er fuhr auf der
Spiegelung der Regenwolke hin. Längliche Wolken zogen ihn und kleine gebückte
schoben, so daß es bedeutenden Aufruhr gab, den man noch am Anschlagen des
Wassers an meinen Knien und an den Ufersteinen merken konnte.
Ich kroch rasch die Böschung wieder hinauf, um auf dem Weg den Dicken begleiten
zu können, denn wahrhaftig ich liebte ihn. Und vielleicht konnte ich etwas
erfahren über die Gefährlichkeit dieses scheinbar sichern Landes. So gieng ich
auf einem Sandstreifen, an dessen Schmalheit man sich erst gewöhnen mußte, die
Hände in den Taschen und das Gesicht im rechten Winkel zum Fluß gewendet, so daß
das Kinn fast auf der Schulter lag.
Auf den Ufersteinen saßen zarte Schwalben.
Der Dicke sagte: "Lieber Herr am Ufer, versuchen Sie es nicht, mich zu retten.
Das ist die Rache des Wassers und des Windes; nun bin ich verloren. Ja, Rache
ist es, denn wie oft haben wir diese Dinge angegriffen, ich und mein Freund der
Beter, beim Singen unserer Klinge, unter dem Aufglanz der Cymbeln, der weiten
Pracht der Posaunen und dem springenden Leuchten der Pauken. "
Eine kleine Möwe mit gestreckten Flügeln flog durch seinen Bauch, ohne daß ihre
Schnelligkeit vermindert wurde.
Der Dicke erzählte weiter:
b. Begonnenes Gespräch mit dem Beter
Es gab eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein Mädchen
in das ich mich verliebt hatte betete dort kniend eine halbe Stunde am Abend,
unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.
Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden
blickte fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen magern
Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen
Kraft seines Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in seine
Handflächen, die auf den Steinen auflagen.
In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die oft ihr eingewickeltes Köpfchen
mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese
Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen
Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären.
Ich fand das ungebührlich und beschloß, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche
gienge und ihn auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Ja, ich war
ärgerlich, weil mein Mädchen nicht gekommen war.
Aber erst nach einer Stunde stand er auf, schlug ein ganz sorgfältiges Kreuz und
gieng stoßweise zum Becken. Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und
Thüre auf und wußte, daß ich ihn nicht ohne Erklärung durchlassen würde. Ich
verzerrte meinen Mund, wie ich es immer als Vorbereitung thue, wenn ich mit
Bestimmtheit reden will. Ich trat mit dem rechten Beine vor und stützte mich
darauf, während ich das linke nachlässig auf der Fußspitze hielt; auch das giebt
mir Festigkeit.
Nun ist es möglich, daß dieser Mensch schon auf mich schielte, als er das
Weihwasser in sein Gesicht spritzte, vielleicht auch hatte er mich schon früher
mit Besorgnis bemerkt, denn jetzt unerwartet rannte er zur Thüre und hinaus. Die
Glasthür schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Thüre trat, sah ich ihn
nicht mehr, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war
mannigfaltig.
In den nächsten Tagen blieb er aus, aber mein Mädchen kam. Sie war in dem
schwarzen Kleide, welches auf den Schultern durchsichtige Spitzen hatte, – der
Halbmond des Hemdrandes lag unter ihnen – von deren unterem Rande die Seide in
einem wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das Mädchen kam vergaß ich an
den jungen Mann und selbst dann kümmerte ich mich nicht um ihn, als er später
wieder regelmäßig kam und nach seiner Gewohnheit betete. Aber immer gieng er mit
großer Eile an mir vorüber, mit abgewendetem Gesichte. Vielleicht lag es daran,
daß ich mir ihn immer nur in Bewegung denken konnte, so daß es mir, selbst wenn
er stand, schien, als schleiche er.
Einmal verspätete ich mich in meinem Zimmer. Trotzdem gieng ich noch in die
Kirche. Ich fand das Mädchen nicht mehr dort und wollte nachhause gehn. Da lag
dort wieder dieser junge Mensch. Die alte Begebenheit fiel mir jetzt ein und
machte mich neugierig.
Auf den Fußspitzen glitt ich zum Thürgang, gab dem blinden Bettler, der dort saß
eine Münze und drückte mich neben ihn hinter den geöffneten Thürflügel. Dort saß
ich eine Stunde lang und machte vielleicht ein listiges Gesicht. Ich fühlte mich
dort wohl und beschloß öfters herzukommen. In der zweiten Stunde aber fand ich
es unsinnig hier wegen des Beters zu sitzen. Und dennoch ließ ich noch eine
dritte Stunde schon zornig die Spinnen über meine Kleider kriechen, während die
letzten Menschen lautathmend aus dem Dunkel der Kirche traten.
Da kam er auch. Er gieng vorsichtig und seine Füße betasteten zuerst leichthin
den Boden ehe sie auftraten.
Ich stand auf, machte einen großen und geraden Schritt und ergriff den jungen
Menschen beim Kragen. "Guten Abend", sagte ich und stieß ihn, meine Hand an
seinem Kragen die Stufen hinunter auf den beleuchteten Platz.
Als wir unten waren sagte er mit einer völlig unbefestigten Stimme: "Guten
Abend, lieber lieber Herr, zürnen Sie mir nicht Ihrem höchst ergebenen Diener. "
"Ja", sagte ich, "ich will Sie einiges fragen mein Herr, voriges Mal entkamen
Sie mir, das wird Ihnen heute kaum gelingen. "
"Sie sind mitleidig, mein Herr, und Sie werden mich nachhause gehen lassen. Ich
bin bedauernswert, das ist die Wahrheit. "
"Nein", schrie ich in den Lärm der vorüberfahrenden Straßenbahn, "ich lasse Sie
nicht. Gerade solche Geschichten gefallen mir. Sie sind ein Glücksfang. Ich
beglückwünsche mich. "
Da sagte er: "Ach, Gott, Sie haben ein lebhaftes Herz und einen Kopf aus einem
Block. Sie nennen mich einen Glücksfang, wie glücklich müssen Sie sein! Denn
mein Unglück ist ein schwankendes Unglück, ein auf einer dünnen Spitze
schwankendes Unglück und berührt man es, so fällt es auf den Frager. Gute Nacht,
mein Herr. "
"Gut", sagte ich und hielt seine rechte Hand fest, "wenn Sie mir nicht antworten
werden, werde ich hier auf der Gasse zu rufen anfangen. Und alle Ladenmädchen,
die jetzt aus den Geschäften kommen und alle ihre Liebhaber, die sich auf sie
freuen werden zusammenlaufen, denn sie werden glauben, ein Droschkenpferd sei
gestürzt oder etwas dergleichen sei geschehn. Dann werde ich Sie den Leuten
zeigen. "
Da küßte er weinend abwechselnd meine beiden Hände. "Ich werde Ihnen sagen, was
Sie wissen wollen, aber bitte, gehn wir lieber in die Seitengasse drüben. " Ich
nickte und wir giengen hin.
Aber er begnügte sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der nur weit von
einander gelbe Laternen waren, sondern er führte mich in den niedrigen Flurgang
eines alten Hauses unter ein Lämpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.
Dort nahm er wichtig sein Taschentuch und sagte es auf einer Stufe breitend:
"Setzt Euch doch lieber Herr, da könnt Ihr besser fragen, ich bleibe stehn, da
kann ich besser antworten. Quält mich aber nicht. "
Da setzte ich mich und sagte, indem ich mit schmalen Augen zu ihm aufblickte:
"Ihr seid ein gelungener Tollhäusler, das seid Ihr! Wie benehmt Ihr Euch doch in
der Kirche! Wie lächerlich ist das und wie unangenehm den Zuschauern! Wie kann
man andächtig sein, wenn man Euch anschauen muß."
Er hatte seinen Körper an die Mauer gepreßt, nur den Kopf bewegte er frei in der
Luft. "Ärgert Euch nicht – warum sollt Ihr Euch ärgern über Sachen, die Euch
nicht angehören. Ich ärgere mich, wenn ich mich ungeschickt benehme; benimmt
sich aber nur ein anderer schlecht, dann freue ich mich. Also ärgert Euch nicht,
wenn ich sage, daß es der Zweck meines Betens ist von den Leuten angeschaut zu
werden. "
"Was sagtet Ihr da", rief ich viel zu laut für den niedrigen Gang, aber ich
fürchtete mich dann, die Stimme zu schwächen, "wirklich, was sagtet Ihr da. Ja,
ich ahne schon, ja ich ahnte es schon, seit ich Euch zum erstenmal sah, in
welchem Zustande Ihr seid. Ich habe Erfahrung und es ist nicht scherzend
gemeint, wenn ich sage, daß es eine Seekrankheit auf festem Lande ist. Deren
Wesen ist so, daß Ihr den wahrhaftigen Namen der Dinge vergessen habt und über
sie jetzt in einer Eile zufällige Namen schüttet. Nur schnell, nur schnell! Aber
kaum seid Ihr von ihnen weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die
Pappel in den Feldern, die Ihr den 'Thurm von Babel' genannt habt, denn Ihr
wußtet nicht oder wolltet nicht wissen, daß es eine Pappel war, schaukelt wieder
namenlos und Ihr müßt sie nennen 'Noah, wie er betrunken war'. "
Ich war ein wenig bestürzt, als er sagte: "Ich bin froh, daß ich das, was Ihr
sagtet, nicht verstanden habe. "
Aufgeregt sagte ich rasch: "Dadurch daß Ihr froh seid darüber, zeigt Ihr, daß
Ihr es verstanden habt. "
"Freilich habe ich es gezeigt, gnädiger Herr, aber auch Ihr habt merkwürdig
gesprochen. "
Ich legte meine Hände auf eine obere Stufe, lehnte mich zurück und sagte in
dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringkämpfer
ist: "Ihr habt eine lustige Art Euch zu retten, indem Ihr Eueren Zustand bei den
andern voraussetzt. "
Daraufhin wurde er muthig. Er legte die Hände in einander, um seinem Körper eine
Einheit zu geben und sagte unter leichtem Widerstreben: "Nein, ich thue das doch
nicht gegen alle, zum Beispiel auch gegen Euch nicht, weil ich es nicht kann.
Aber ich wäre froh, wenn ich es könnte, denn dann hätte ich die Aufmerksamkeit
der Leute in der Kirche nicht mehr nöthig. Wisset Ihr, warum ich sie nöthig
habe? "
Diese Frage machte mich unbeholfen. Sicherlich, ich wußte es nicht und ich
glaube ich wollte es auch nicht wissen. Ich hatte ja auch nicht hierherkommen
wollen, sagte ich mir damals, aber der Mensch hat mich gezwungen, ihm zuzuhören.
So brauchte ich ja jetzt bloß meinen Kopf zu schütteln, um ihm zu zeigen, daß
ich es nicht wußte, aber ich konnte in meinen Kopf keine Bewegung bringen.
Der Mensch, welcher mir gegenüber stand, lächelte. Dann duckte er sich auf seine
Knie nieder und erzählte mit schläfriger Grimasse: "Es hat niemals eine Zeit
gegeben, in der ich durch mich selbst von meinem Leben überzeugt war. Ich
erfasse nämlich die Dinge um mich nur in so hinfälligen Vorstellungen, daß ich
immer glaube, die Dinge hätten einmal gelebt, jetzt aber seien sie versinkend.
Immer, lieber Herr, habe ich eine so quälende Lust, die Dinge so zu sehn, wie
sie sich geben mögen, ehe sie sich mir zeigen. Sie sind da wohl schön und ruhig.
Es muß so sein, denn ich höre oft Leute in dieser Weise von ihnen reden. "
Da ich schwieg und nur durch unwillkürliche Zuckungen in meinem Gesichte zeigte,
wie unbehaglich mir war, fragte er: "Sie glauben nicht daran, daß die Leute so
reden?"
Ich glaubte nicken zu müssen, konnte es aber nicht.
"Wirklich, Sie glauben nicht daran Ach, hören Sie doch; als ich als Kind einmal
nach einem kurzen Nachmittagsschlaf die Augen öffnete hörte ich noch ganz im
Schlaf befangen meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: 'Was
machen Sie meine Liebe. Es ist so heiß.' Eine Frau antwortete aus dem Garten:
'Ich jause im Grünen.' Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht allzu deutlich,
als müßte es jeder erwartet haben. "
Ich glaubte ich sei gefragt. Daher griff ich in die hintere Hosentasche und
that, als suche ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur
meinen Anblick verändern, um meine Theilnahme am Gespräch zu zeigen. Dabei sagte
ich, daß dieser Vorfall so merkwürdig sei und daß ich ihn keineswegs begreife.
Ich fügte auch hinzu, daß ich an dessen Wahrheit nicht glaube und daß er zu
einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht einsehe, erfunden sein müsse. Dann
schloß ich die Augen, denn sie schmerzten mich.
"Oh, das ist doch gut daß Ihr meiner Meinung seid und es war uneigennützig, daß
Ihr mich angehalten habt, um mir das zu sagen.
Nicht wahr, warum sollte ich mich schämen – oder warum sollten wir uns schämen –
daß ich nicht aufrecht und schwer gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster
schlage und nicht die Kleider der Leute streife, welche laut vorübergehn. Sollte
ich nicht vielmehr mit Recht trotzig klagen dürfen, daß ich als Schatten mit
eckigen Schultern die Häuser entlang hüpfe, manchmal in den Scheiben der
Auslagsfenster verschwindend.
Was sind das für Tage die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut, daß
bisweilen hohe Häuser einstürzen, ohne daß man einen äußern Grund finden könnte.
Ich klettere dann über die Schutthaufen und frage jeden, dem ich begegne: 'Wie
konnte das nur geschehn! In unserer Stadt. – Ein neues Haus – Das ist heute
schon das fünfte. – Bedenken Sie doch. ' Da kann mir keiner antworten.
Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da öffnen alle
Geschäftsleute ihre mit Waren verhangenen Thüren, kommen gelenkig herbei,
schaffen den Toten in ein Haus, kommen dann Lächeln in Mund und Augen heraus und
reden: 'Guten Tag – Der Himmel ist blaß – Ich verkaufe viele Kopftücher – Ja,
der Krieg. ' Ich hüpfe ins Haus und nachdem ich mehreremale die Hand mit dem
gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an dem Fensterchen
des Hausmeisters. 'Lieber Mann', sage ich freundlich, 'es wurde ein toter Mensch
zu Ihnen gebracht. Zeigen Sie mir ihn, ich bitte Sie.' Und als er den Kopf
schüttelt als wäre er unentschlossen, sage ich bestimmt: 'Lieber Mann. Ich bin
Geheimpolizist. Zeigen Sie mir gleich den Toten. ' 'Einen Toten', fragt er jetzt
und ist fast beleidigt. 'Nein wir haben keinen Toten hier. Es ist ein
anständiges Haus. ' Ich grüße und gehe.
Dann aber wenn ich einen großen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an
alles. Die Schwierigkeit dieses Unternehmens verwirrt mich und ich denke oft bei
mir: 'Wenn man so große Plätze nur aus Übermuth baut, warum baut man nicht auch
ein Steingeländer, das durch den Platz führen könnte. Heute bläst ein
Südwestwind. Die Luft auf dem Platz ist aufgeregt. Die Spitze des
Rathhausthurmes beschreibt kleine Kreise. Warum macht man nicht Ruhe in dem
Gedränge? Was ist das doch für ein Lärm! Alle Fensterscheiben lärmen und die
Laternenpfähle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der
Säule rundet sich und die stürmische Luft reißt an ihm. Sieht es denn niemand?
Die Herren und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind
Athem holt, bleiben sie stehn, sagen einige Worte zu einander und verneigen sich
grüßend, stößt aber der Wind wieder, können sie ihm nicht widerstehn und alle
heben gleichzeitig ihre Füße. Zwar müssen sie fest ihre Hüte halten, aber ihre
Augen schauen lustig, als wäre milde Witterung. Nur ich fürchte mich.'"
Mißhandelt, wie ich war sagte ich: "Die Geschichte die Sie früher erzählt haben
von Ihrer Mutter und der Frau im Garten, finde ich gar nicht merkwürdig. Nicht
nur daß ich viele derartige Geschichten gehört und erlebt habe, so habe ich
sogar bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz natürlich. Meinen Sie
ich hätte, wenn ich am Balkon gewesen wäre, nicht dasselbe sagen können und aus
dem Garten dasselbe antworten können? Ein so einfacher Vorfall."
Als ich das gesagt hatte schien er sehr beglückt. Er sagte, daß ich hübsch
gekleidet sei, und daß ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was für eine feine
Haut ich hätte. Und Geständnisse würden am klarsten, wenn man sie widerriefe.
c. Geschichte des Beters
Dann setzte er sich neben mich, denn ich war schüchtern geworden, ich hatte ihm
Platz gemacht mit seitwärts geneigtem Kopfe. Trotzdem aber entgieng es mir
nicht, daß auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasaß, immer eine kleine
Entfernung von mir zu bewahren suchte und mit Mühe sprach:
Was sind das für Tage, die ich verbringe!
Am gestrigen Abend war ich in einer Gesellschaft. Gerade verbeugte ich mich im
Gaslicht vor einem Fräulein mit den Worten: "Ich freue mich thatsächlich, daß
wir uns schon demri Winter nähern" – gerade verbeugte ich mich mit diesen Worten
als ich mit Unwillen bemerkte, daß sich mir der rechtefen Oberschenkel aus dem
Gelenk gekugelt hatte. Auch die Kniescheibe hatte sich ein wenig gelockert.H
Daher setzte ich mich und sagte, da ich immer einen Überblick über meine Sätze
zu bewahren suche: "Denn der Winter
ist viel müheloser; man kann sich leichter benehmen, man braucht sich mit seinen
Worten nicht so anstrengen. Nicht wahr, liebes Fräulein? Ich habe hoffentlich
Recht in dieser Sache." Dabei machte mir mein rechtes Bein viel Ärger. Denn
anfangs schien es ganz auseinandergefallen zu sein und erst allmählich brachte
ich es durch Quetschen und sinngemäßes Verschieben halbwegs in Ordnung.
Da hörte ich das Mädchen, das sich aus Mitgefühl auchgesetzt hatte, leise sagen:
"Nein Sie imponieren mir gar nicht, denn – "
"Warten Sie", sagte ich zufrieden und erwartungsvoll, "Sie sollen, liebes
Fräulein, auch nicht fünf Minuten bloß dazu aufwenden, mit mir zu reden. Essen
Sie doch zwischen den Worten, ich bitte Sie. "
Da streckte ich meinen Arm aus, nahm eine dickhängende Weintraube von der durch
einen bronzenen Flügelknaben erhöhten Schüssel, hielt sie ein wenig in der Luft
und legte sie dann auf einen kleinen blaurandigen Teller, den ich dem Mädchen
vielleicht nicht ohne Zierlichkeit reichte.
"Sie imponieren mir gar nicht", sagte sie, "alles was Sie sagen ist langweilig
und unverständlich, aber deshalb noch nicht wahr. Ich glaube nämlich, mein Herr
– warum nennen Sie mich immer liebes Fräulein – ich glaube, Sie geben sich nur
deshalb nicht mit der Wahrheit ab, weil sie zu anstrengend ist."
Gott, da kam ich in gute Lust! "Ja, Fräulein, Fräulein", so rief ich fast, "wie
recht haben Sie! Liebes Fräulein, verstehn Sie das, es ist eine aufgerissene
Freude, wenn man so begriffen wird, ohne es darauf abgezielt zu haben. "
"Die Wahrheit ist nämlich zu anstrengend für Sie, mein Herr, denn wie sehn Sie
doch aus! Sie sind Ihrer ganzen Länge nach aus Seidenpapier herausgeschnitten,
aus gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig und wenn Sie gehn, so muß man Sie
knittern hören. Daher ist es auch unrecht sich über Ihre Haltung oder Meinung zu
ereifern, denn Sie müssen sich nach dem Luftzug biegen, der gerade im Zimmer
ist. "
"Ich verstehe das nicht. Es stehen ja einige Leute hier im Zimmer herum. Sie
legen ihre Arme um die Rückenlehnen der Stühle oder sie lehnen sich ans Klavier
oder sie heben ein Glas zögernd zum Munde oder sie gehn furchtsam ins
Nebenzimmer und nachdem sie ihre rechte Schulter im Dunkel an einem Kasten
verletzt haben, denken sie athmend bei dem geöffneten Fenster: Dort ist Venus,
der Abendstern. Ich aber bin in dieser Gesellschaft. Wenn das einen Zusammenhang
hat, so verstehe ich ihn nicht. Aber ich weiß nicht einmal, ob das einen
Zusammenhang hat. – Und sehn Sie, liebes Fräulein, von allen diesen Leuten, die
ihrer Unklarheit gemäß sich so unentschieden, ja lächerlich benehmen, scheine
ich allein würdig ganz Klares über mich zu hören. Und damit auch das noch mit
Angenehmem gefüllt sei, sagen sie es spöttisch, so daß merklich noch etwas übrig
bleibt, wie es auch durch die wichtigen Mauern eines im Innern ausgebrannten
Hauses geschieht. Der Blick wird jetzt kaum gehindert, man sieht bei Tag durch
die großen Fensterlöcher die Wolken des Himmels und bei Nacht die Sterne. Aber
noch sind die Wolken oft von grauen Steinen abgehauen und die Sterne bilden
unnatürliche Bilder. – Wie wäre es, wenn ich Ihnen zum Dank dafür anvertraute,
daß einmal alle Menschen, die leben wollen, so aussehn werden, wie ich; aus
gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig, herausgeschnitten, – wie Sie bemerkten
– und wenn sie gehn, so wird man sie knittern hören. Sie werden nicht anders
sein, als jetzt, aber sie werden so aussehn. Selbst Sie, liebes – "
Da bemerkte ich, daß das Mädchen nicht mehr neben mir saß. Sie mußte bald nach
ihren letzten Worten weggegangen sein, denn sie stand jetzt weit von mir an
einem Fenster umstellt von drei jungen Leuten, die aus hohen, weißen Krägen
lachend redeten.
Ich trank darauf froh ein Glas Wein und gieng zu dem Klavierspieler, der ganz
abgesondert gerade ein trauriges Stück nickend spielte. Ich beugte mich
vorsichtig zu seinem Ohr, damit er nur nicht erschrecke und sagte leise in der
Melodie des Stückes:
"Haben Sie die Güte, geehrter Herr, und lassen Sie jetzt mich spielen, denn ich
bin im Begriffe, glücklich zu sein. "
Da er auf mich nicht hörte, stand ich eine Zeitlang verlegen, gieng dann aber
meine Schüchternheit unterdrückend von einem der Gäste zum andern und sagte
beiläufig: "Heute werde ich Klavier spielen. Ja. "
Alle schienen zu wissen, daß ich es nicht konnte, lachten aber freundlich wegen
der angenehmen Unterbrechung ihrer Gespräche. Aber völlig aufmerksam wurden sie
erst, als ich ganz laut zum Klavierspieler sagte: "Haben Sie die Güte, geehrter
Herr und lassen Sie jetzt mich spielen. Ich bin nämlich im Begriffe glücklich zu
sein. Es handelt sich um einen Triumph. "
Der Klavierspieler hörte zwar auf, aber er verließ seine braune Bank nicht und
schien mich auch nicht zu verstehn. Er seufzte und verdeckte mit seinen langen
Fingern sein Gesicht.
Schon war ich ein wenig mitleidig und wollte ihn wieder zum Spiel aufmuntern,
als die Hausfrau mit einer Gruppe herbeikam.
"Das ist ein komischer Einfall", sagten sie und lachten laut, als ob ich etwas
Unnatürliches unternehmen wolle.
Das Mädchen kam auch hinzu, sah mich verächtlich an und sagte: "Bitte, gnädige
Frau, lassen Sie ihn doch spielen. Er will vielleicht irgendwie zur Unterhaltung
beitragen. Das ist zu loben. Bitte, gnädige Frau. "
Alle freuten sich laut, denn sie glaubten offenbar ebenso wie ich, das sei
ironisch gemeint. Nur der Klavierspieler war stumm. Er hielt den Kopf gesenkt
und strich mit dem Zeigefinger seiner linken Hand über das Holz der Bank, als
zeichne er im Sande. Ich zitterte und steckte, um es zu verbergen, meine Hände
in die Hosentaschen. Auch konnte ich nicht mehr deutlich reden, denn mein ganzes
Gesicht wollte weinen. Daher mußte ich die Worte so wählen, daß den Zuhörern der
Gedanke, ich wolle weinen, lächerlich vorkommen mußte.
"Gnädige Frau", sagte ich, "ich muß jetzt spielen, denn – " Da ich die
Begründung vergessen hatte, setzte ich mich unvermuthet zum Klavier. Da verstand
ich wieder meine Lage. Der Klavierspieler stand auf und stieg zartfühlend über
die Bank, denn ich versperrte ihm den Weg. "Löschen Sie das Licht, bitte, ich
kann nur im Dunkel spielen. " Ich richtete mich auf.
Da faßten zwei Herren die Bank und trugen mich sehr weit vom Piano weg zum
Speisetisch hin, ein Lied pfeifend und mich ein wenig schaukelnd.
Alle sahen beifällig aus und das Fräulein sagte: "Sehn Sie, gnädige Frau, er hat
ganz hübsch gespielt. Ich wußte es. Und Sie haben sich so gefürchtet. "
Ich begriff und bedankte mich durch eine Verbeugung, die ich gut ausführte.
Man goß mir Citronenlimonade ein und ein Fräulein mit rothen Lippen hielt mir
das Glas beim Trinken. Die Hausfrau reichte mir Schaumgebäck auf einem silbernen
Teller und ein Mädchen in ganz weißem Kleid steckte es mir in den Mund. Ein
üppiges Fräulein mit viel blondem Haar hielt eine Weintraube über mir und ich
brauchte nur abzupfen, während sie mir dabei in meine zurückweichenden Augen
sah.
Da mich alle so gut behandelten, wunderte ich mich freilich darüber, daß sie
mich einmüthig zurückhielten, als ich wieder zum Piano wollte.
"Nun ist es genug", sagte der Hausherr, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Er
gieng hinaus und kam gleich zurück mit einem ungeheuern Zylinderhut und einem
geblümten kupferbraunen Überzieher. "Da sind Ihre Sachen. "
Es waren zwar nicht meine Sachen, aber ich wollte ihm nicht die Mühe bereiten,
noch einmal nachzusehn. Der Hausherr selbst zog mir den Überzieher an, der genau
paßte, indem er sich knapp an meinen dünnen Körper anpreßte. Eine Dame mit
gütigem Gesicht knöpfte, sich allmählich bückend, den Rock der ganzen Länge nach
zu.
"Also leben Sie wohl", sagte die Hausfrau, "und kommen Sie bald wieder. Sie sind
immer gerne gesehn, das wissen Sie. " Da verbeugte sich die ganze Gesellschaft,
als ob das so nöthig wäre. Ich versuchte es auch, aber mein Rock war zu
anliegend. So nahm ich meinen Hut und gieng wohl zu linkisch aus der Thüre.
Aber als ich aus dem Hausthor mit kleinem Schritte trat, wurde ich von dem
Himmel mit Mond und Sternen und großer Wölbung und von dem Ringplatz mit
Rathhaus, Mariensäule und Kirche überfallen.
Ich gieng ruhig aus dem Schatten ins Mondlicht, knöpfte den Überzieher auf und
wärmte mich; dann ließ ich durch Erheben der Hände das Sausen der Nacht
schweigen und fieng zu überlegen an:
"Was ist es doch, daß Ihr thut, als wenn Ihr wirklich wäret. Wollt Ihr mich
glauben machen, daß ich unwirklich bin, komisch auf dem grünen Pflaster stehend.
Aber doch ist es schon lange her, daß Du wirklich warst, Du Himmel und Du
Ringplatz bist niemals wirklich gewesen. "
"Es ist ja wahr noch immer seid Ihr mir überlegen, aber doch nur dann, wenn ich
Euch in Ruhe lasse. "
"Gott sei Dank, Mond, Du bist nicht mehr Mond, aber vielleicht ist es nachlässig
von mir daß ich Dich Mondbenannten noch immer Mond nenne. Warum bist Du nicht
mehr so übermüthig, wenn ich Dich nenne 'vergessene Papierlaterne in
merkwürdiger Farbe'. Und warum ziehst Du Dich fast zurück, wenn ich Dich
'Mariensäule' nenne und ich erkenne Deine drohende Haltung nicht mehr
Mariensäule, wenn ich Dich nenne 'Mond, der gelbes Licht wirft'. "
"Es scheint nun wirklich, daß es Euch nicht gut thut, wenn man über Euch
nachdenkt; Ihr nehmet ab an Muth und Gesundheit. "
"Gott, wie zuträglich muß es erst sein, wenn Nachdenkender vom Betrunkenen
lernt! "
"Warum ist alles still geworden. Ich glaube es ist kein Wind mehr. Und die
Häuschen, die oft wie auf kleinen Rädern über den Platz rollen, sind ganz
festgestampft – Still – still – man sieht gar nicht den dünnen schwarzen Strich,
der sie sonst vom Boden trennt."
Und ich setzte mich in Lauf. Ich lief ohne Hindernis dreimal um den großen Platz
herum und da ich keinen Betrunkenen traf, lief ich ohne die Schnelligkeit zu
unterbrechen und ohne Anstrengung zu verspüren gegen die Karlsgasse. Mein
Schatten lief oft kleiner als ich neben mir an der Wand, wie in einem Hohlweg
zwischen Mauer und Straßengrund.
Als ich bei dem Haus der Feuerwehr vorüberkam, hörte ich vom kleinen Ring her
Lärm und als ich dort einbog, sah ich einen Betrunkenen am Gitterwerk des
Brunnens stehn, die Arme wagrecht haltend und mit den Füßen, die in
Holzpantoffeln staken auf die Erde stampfend.
Ich blieb zuerst stehn, um meine Athmung ruhig werden zu lassen, dann gieng ich
zu ihm, nahm meinen Cylinder vom Kopfe und stellte mich vor:
"Guten Abend, zarter Edelmann, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, aber ich habe
noch keinen Namen. Sie aber kommen sicher mit erstaunlichen, ja mit singbaren
Namen aus dieser großen Stadt Paris. Der ganz unnatürliche Geruch des
ausgleitenden Hofes von Frankreich umgibt Sie. "
"Sicher haben Sie mit Ihren gefärbten Augen jene großen Damen gesehn, die schon
auf der hohen und lichten Terasse stehn, sich in schmaler Taille ironisch
umwendend, während das Ende ihrer auch auf der Treppe ausgebreiteten bemalten
Schleppe noch über dem Sand des Gartens liegt. – Nicht wahr auf lange Stangen,
überall vertheilt, steigen Diener in grauen frech geschnittenen Fräcken und
weißen Hosen, die Beine um die Stange gelegt, den Oberkörper aber oft nach
hinten und zur Seite gebogen, denn sie müssen an dicken Stricken riesige graue
Leinwandtücher von der Erde heben und in der Höhe spannen, weil die große Dame
einen nebligen Morgen wünscht. "
Da er sich rülpste, sagte ich fast erschrocken: "Wirklich, ist es wahr, Sie
kommen Herr aus unserem Paris, aus dem stürmischen Paris, ach, aus diesem
schwärmerischen Hagelwetter? "
Als er sich wieder rülpste, sagte ich verlegen: "Ich weiß, es widerfährt mir
eine große Ehre. "
Und ich knöpfte mit raschen Fingern meinen Überzieher zu, dann redete ich
inbrünstig und schüchtern:
"Ich weiß, Sie halten mich einer Antwort nicht für würdig, aber ich müßte ein
verweintes Leben führen, wenn ich Sie heute nicht fragte. "
"Ich bitte Sie, so geschmückter Herr, ist das wahr, was man mir erzählt hat.
Giebt es in Paris Menschen, die nur aus verzierten Kleidern bestehn und giebt es
dort Häuser die bloß Portale haben und ist es wahr, daß an Sommertagen der
Himmel über der Stadt fliehend blau ist, nur verschönt durch angepreßte weiße
Wölkchen, die alle die Form von Herzen haben? Und giebt es dort ein Panoptikum
mit großem Zulauf, in dem bloß Bäume stehn mit den Namen der berühmtesten
Helden, Verbrecher und Verliebten auf kleinen angehängten Tafeln. "
"Und dann noch diese Nachricht! Diese offenbar lügnerische Nachricht! "
"Nicht wahr, diese Straßen von Paris sind plötzlich verzweigt; sie sind unruhig,
nicht wahr? Es ist nicht immer alles in Ordnung, wie könnte das auch sein! Es
geschieht einmal ein Unfall, Leute sammeln sich, aus den Nebenstraßen kommend
mit dem großstädtischen Schritt, der das Pflaster nur wenig berührt; alle sind
zwar in Neugierde, aber auch in Furcht vor Enttäuschung; sie athmen schnell und
strecken ihre kleinen Köpfe vor. Wenn sie aber einander berühren, so verbeugen
sie sich tief und bitten um Verzeihung: 'Es thut mir sehr leid – es geschah ohne
Absicht – das Gedränge ist groß, verzeihen Sie, ich bitte – es war sehr
ungeschickt von mir – ich gebe das zu. Mein Name ist – mein Name ist Jerome
Faroche, Gewürzkrämer bin ich in der rue de Cabotin–gestatten Sie,daß ich Sie
für morgen zum Mittagessen einlade – auch meine Frau würde so große Freude
haben.' So reden sie, während doch die Gasse betäubt ist und der Rauch der
Schornsteine zwischen die Häuser fällt. So ist es doch. Und wäre es möglich, daß
da einmal auf einem belebten Boulevard eines vornehmen Viertels zwei Wagen
halten. Diener öffnen ernst die Thüren. Acht edle sibirische Wolfshunde tänzeln
hinunter und jagen bellend über die Fahrbahn in Sprüngen. Und da sagt man, daß
es verkleidete, junge Pariser Stutzer sind. "
Er hatte die Augen fast geschlossen. Als ich schwieg, steckte er beide Hände in
den Mund und riß am Unterkiefer. Sein Kleid war ganz beschmutzt. Man hatte ihn
vielleicht aus einer Weinstube hinausgeworfen und er war darüber noch nicht im
Klaren.
Es war vielleicht diese kleine, ganz ruhige Pause zwischen Tag und Nacht, wo uns
der Kopf, ohne daß wir es erwarten im Genicke hängt und wo alles, ohne daß wir
es merken, still steht, da wir es nicht betrachten und dann verschwindet.
Während wir mit gebogenem Leib allein bleiben, uns dann umschaun, aber nichts
mehr sehn, auch keinen Widerstand der Luft mehr fühlen, aber innerlich uns an
der Erinnerung halten, daß in gewissem Abstand von uns Häuser stehn mit Dächern
und glücklicherweise eckigen Schornsteinen, durch die das Dunkel in die Häuser
fließt, durch die Dachkammern in die verschiedenartigen Zimmer. Und es ist ein
Glück, daß morgen ein Tag sein wird, an dem, so unglaublich es ist, man alles
wird sehen können.
Da riß der Betrunkene seine Augenbrauen hoch, so daß zwischen ihnen und den
Augen ein Glanz entstand und erklärte in Absätzen: "Das ist so nämlich – ich bin
nämlich schläfrig, daher werde ich schlafen gehn – Ich habe nämlich einen
Schwager am Wenzelsplatz – dorthin geh ich, denn dort wohne ich, denn dort habe
ich mein Bett – so geh ich jetzt – Ich weiß nämlich nur nicht wie er heißt und
wo er wohnt – mir scheint, das habe ich vergessen – aber das macht nichts, denn
ich weiß ja nicht einmal, ob ich überhaupt einen Schwager habe – Jetzt gehe ich
nämlich – Glauben Sie, daß ich ihn finden werde?"
Darauf sagte ich ohne Bedenken: "Das ist sicher. Aber Sie kommen aus der Fremde
und Ihre Dienerschaft ist zufällig nicht bei Ihnen. Gestatten Sie, daß ich Sie
führe. "
Er antwortete nicht. Da reichte ich ihm meinen Arm, damit er sich einhänge.
d. Fortgesetztes Gespräch zwischen dem Dicken und dem Beter
Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich rieb meinen Körper
und sagte zu mir:
"Es ist Zeit, daß Du sprichst. Du bist ja schon verlegen. Fühlst Du Dich
bedrängt? Warte doch! Du kennst ja diese Lagen. Überlege es ohne Eile! Auch die
Umgebung wird warten. "
"Es ist so wie in der Gesellschaft der vorigen Woche. Jemand liest aus einer
Abschrift etwas vor. Eine Seite habe ich auf seine Bitte selbst abgeschrieben.
Wie ich die Schrift unter den von ihm geschriebenen Seiten lese, erschrecke ich.
Es ist haltlos. Die Leute beugen sich darüber von den drei Seiten des Tisches
her. Ich schwöre weinend, es sei nicht meine Schrift. "
"Aber warum sollte das dem Heutigen ähnlich sein. Es liegt doch nur an Dir daß
ein eingezäuntes Gespräch entsteht. Alles ist friedlich. Strenge Dich doch an,
mein Lieber! – Du wirst doch einen Einwand finden. – Du kannst sagen: 'Ich bin
schläfrig. Ich habe Kopfschmerzen. Adieu. ' Rasch, also rasch. Mach Dich
bemerkbar! – Was ist das? Wieder Hindernisse und Hindernisse Woran erinnerst Du
Dich? – Ich erinnere mich an eine Hochebene die sich gegen den großen Himmel als
ein Schild der Erde hob. Ich sah sie von einem Berge und machte mich bereit sie
zu durchwandern. Ich fieng zu singen an. "
Meine Lippen waren trocken und ungehorsam, als ich sagte:
"Sollte man nicht anders leben können? "
"Nein", sagte er fragend, lächelnd.
"Aber warum beten Sie am Abend in der Kirche", fragte ich dann, indem alles
zwischen mir und ihm zusammenfiel, was ich bis dahin wie schlafend gestützt
hatte.
"Nein, warum sollten wir darüber reden. Am Abend trägt niemand, der allein lebt
Verantwortung. Man fürchtet manches. Daß vielleicht die Körperlichkeit
entschwindet, daß die Menschen wirklich so sind wie sie in der Dämmerung
scheinen, daß man ohne Stock nicht gehen dürfe, daß es vielleicht gut wäre in
die Kirche zu gehn und schreiend zu beten um angeschaut zu werden und Körper zu
bekommen. "
Da er so redete und dann schwieg, zog ich mein rothes Taschentuch aus der Tasche
und weinte gebückt.
Er stand auf, küßte mich und sagte:
"Warum weinst Du? Du bist groß, das liebe ich, Du hast lange Hände, die sich
fast nach Deinem Willen aufführen; warum freust Du Dich nicht darüber. Trage
immer dunkelfarbige Ärmelränder, das rathe ich Dir. – Nein – ich schmeichle Dir
und dennoch weinst Du? Diese Schwierigkeit des Lebens trägst Du doch ganz
vernünftig. "
"Wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen, Thürme, Mauern, Vorhänge aus
Seide und wir könnten uns viel darüber wundern, wenn wir Zeit dazu hätten. Und
erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir flattern, wenn wir auch häßlicher
sind als Fledermäuse. Und schon kann uns kaum jemand an einem schönen Tage
hindern zu sagen: 'Ach Gott heute ist ein schöner Tag.' Denn schon sind wir auf
unserer Erde eingerichtet und leben auf Grund unseres Einverständnisses. "
"Wir sind nämlich so wie Baumstämme im Schnee. Sie liegen doch scheinbar nur
glatt auf und man sollte sie mit kleinem Anstoß wegschieben können. Aber nein,
das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar
das ist bloß scheinbar. "
Nachdenken hinderte mich am Weinen: "Es ist Nacht und niemand wird mir morgen
vorhalten, was ich jetzt sagen könnte, denn es kann ja im Schlaf gesprochen
sein. "
Dann sagte ich: "Ja, das ist es, aber wovon redeten wir doch. Wir konnten doch
nicht von der Beleuchtung des Himmels reden da wir doch in der Tiefe einer
Hausflur stehn. Nein – doch wir hätten davon reden können, denn sind wir in
unserem Gespräch nicht ganz unabhängig, da wir nicht Zweck noch Wahrheit
erreichen wollen, sondern nur Scherz und Unterhaltung. Aber könnten Sie mir
nicht dennoch die Geschichte von der Frau im Garten noch einmal erzählen. Wie
bewunderungswürdig, wie klug ist diese Frau! Wir müssen uns nach ihrem Beispiel
benehmen. Wie gern habe ich sie! Und dann ist es auch gut, daß ich Sie getroffen
und so abgefangen habe. Es war für mich ein großes Vergnügen mit Ihnen
gesprochen zu haben. Ich habe einiges mir bisher vielleicht absichtlich
unbekannte gehört – ich freue mich. "
Er sah zufrieden aus. Trotzdem mir die Berührung mit einem menschlichen Körper
immer peinlich ist, mußte ich ihn umarmen.
Dann traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zerstoßene Wölkchen blies
mein Freund weg, so daß sich jetzt die ununterbrochene Fläche der Sterne uns
darbot. Mein Freund gieng mühsam.
4. Untergang des Dicken
Da wurde alles von Schnelligkeit ergriffen und fiel in die Ferne. Das Wasser des
Flusses wurde an einem Absturz hinabgezogen, wollte sich zurückhalten, schwankte
auch noch an der zerbröckelten Kante, aber dann fiel es in Klumpen und Rauch.
Der Dicke konnte nicht weiterreden, sondern er mußte sich drehn und in dem
lauten raschen Wasserfall verschwinden.
Ich, der soviele Belustigungen erfahren hatte, stand am Ufer und sah es. "Was
sollen unsere Lungen thun", schrie ich, schrie, "athmen sie rasch, ersticken sie
an sich, an innern Giften; athmen sie langsam ersticken sie an nicht athembarer
Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo suchen wollen, gehn sie
schon am Suchen zugrunde. "
Dabei dehnten sich die Ufer dieses Flusses ohne Maß und doch berührte ich das
Eisen eines in der Entfernung winzigen Wegzeigers mit der Fläche meiner Hand.
Das war mir nun nicht ganz begreiflich. Ich war doch klein, fast kleiner als
gewöhnlich und ein Strauch mit weißen Hagebutten, der sich ganz schnell
schüttelte überragte mich. Ich sah das, denn er war vor einem Augenblick nahe
bei mir.
Aber trotzdem hatte ich mich geirrt, denn meine Arme waren so groß, wie die
Wolken eines Landregens, nur waren sie hastiger. Ich weiß nicht, warum sie
meinen armen Kopf zerdrücken wollten.
Der war doch so klein, wie ein Ameisenei, nur war er ein wenig beschädigt, daher
nicht mehr vollkommen rund. Ich führte mit ihm bittende Drehungen aus, denn der
Ausdruck meiner Augen hätte nicht bemerkt werden können, so klein waren sie.
Aber meine Beine, doch meine unmöglichen Beine lagen über den bewaldeten Bergen
und beschatteten die dörflichen Thäler. Sie wuchsen, sie wuchsen! Schon ragten
sie in den Raum der keine Landschaft mehr besaß, längst schon reichte ihre Länge
aus der Sehschärfe meiner Augen.
Aber nein, das ist es nicht – ich bin doch klein, vorläufig klein – ich rolle –
ich rolle – ich bin eine Lawine im Gebirge! Bitte, vorübergehende Leute, seid so
gut, sagt mir wie groß ich bin, messet mir diese Arme, diese Beine.
III.
"Wie ist das doch", sagte mein Bekannter, der mit mir aus der Gesellschaft
gekommen war und ruhig neben mir auf einem Wege des Laurenziberges gieng.
"Bleiben Sie endlich ein wenig stehn, damit ich mir darüber klar werde. – Wissen
Sie, ich habe eine Sache zu erledigen. Das ist so anstrengend – diese wohl kalte
und auch bestrahlte Nacht, aber dieser unzufriedene Wind, der sogar bisweilen
die Stellung jener Akazien zu verändern scheint. "
Der Mondschatten des Gärtnerhauses war über den ein wenig gewölbten Weg gespannt
und mit dem geringen Schnee verziert. Als ich die Bank erblickte, die neben der
Thüre stand, zeigte ich mit erhobener Hand auf sie, denn ich war nicht muthig
und erwartete Vorwürfe, legte daher meine linke Hand auf meine Brust.
Er setzte sich überdrüssig, ohne Rücksicht gegen seine schönen Kleider und
brachte mich in Staunen, als er seine Ellbogen gegen seine Hüften drückte und
seine Stirn in die durchgebogenen Fingerspitzen legte.
"Ja, jetzt will ich dieses sagen. Wissen Sie, ich lebe regelmäßig, es ist nichts
auszusetzen, alles was nothwendig und anerkannt ist, geschieht. Das Unglück, an
das man in der Gesellschaft, in der ich verkehre, gewöhnt ist, hat mich nicht
verschont, wie meine Umgebung und ich befriedigt sahen, und auch dieses
allgemeine Glück hielt sich nicht zurück und ich selbst durfte in kleinem Kreise
von ihm reden. Gut, ich war noch niemals wirklich verliebt gewesen. Ich
bedauerte das bisweilen, aber benutzte jene Redensart, wenn ich sie nöthig
hatte. Jetzt nun muß ich sagen: Ja ich bin verliebt und wohl aufgeregt vor
Verliebtheit. Ich bin ein Liebhaber von Glut, wie ihn die Mädchen sich wünschen.
Aber hätte ich nicht bedenken sollen, daß gerade dieser frühere Mangel eine
ausnahmsweise und lustige, besonders lustige Drehung meinen Verhältnissen gab?"
"Nur Ruhe, Ruhe", sagte ich theilnahmslos und nur an mich denkend, "Ihre
Geliebte ist doch schön, wie ich hören mußte. "
"Ja, sie ist schön. Als ich neben ihr saß dachte ich immer nur: 'Dieses Wagnis –
und ich bin so kühn – da unternehme ich eine Seefahrt – trinke Wein in Galonen.
' Aber wenn sie lacht, zeigt sie ihre Zähne nicht, wie man doch erwarten sollte,
sondern man kann bloß die dunkle schmale gebogene Mundöffnung sehn. Das nun
schaut listig und greisenhaft aus, wenn sie auch beim Lachen den Kopf nach
rückwärts beugt. "
"Ich kann das nicht leugnen", sagte ich mit Seufzern, "wahrscheinlich habe ich
das auch gesehn, denn es muß auffallend sein. Aber es ist nicht nur das.
Mädchenschönheit überhaupt! Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen
und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, so denke ich, daß
sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade
zu glätten, Staub bekommen, der dick in der Verzierung nicht mehr zu entfernen
ist und daß niemand so traurig und so lächerlich sich wird machen wollen,
täglich dasselbe kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn. Doch sehe
ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln und Knöchelchen
und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen und doch täglich in diesem
einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer dasselbe Gesicht in ihre gleiche
Handfläche legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen. Nur manchmal am
Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel
abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehen und kaum mehr tragbar. "
"Doch habe ich Sie öfters während des Weges danach gefragt, ob Sie das Mädchen
schön finden, aber Sie haben immer nach der andern Seite sich gedreht, ohne mir
zu antworten. Sagen Sie, haben Sie etwas Böses vor? Warum trösten Sie mich
nicht?"
Ich bohrte meine Füße in den Schatten und sagte aufmerksam: "Sie müssen nicht
getröstet werden. Sie werden doch geliebt. " Dabei hielt ich mein mit blauen
Weintrauben gemustertes Taschentuch vor den Mund, um mich nicht zu erkälten.
Jetzt wendete er sich zu mir und lehnte sein dickes Gesicht an die niedrige
Lehne der Bank: "Wissen Sie, im allgemeinen habe ich noch Zeit, ich kann noch
immer diese beginnende Liebe gleich beenden durch eine Schandthat oder durch
Untreue oder durch Abreise in ein entferntes Land. Denn wirklich, ich bin sehr
im Zweifel, ob ich mich in diese Aufregung begeben soll. Da ist nichts sicheres,
niemand kann Richtung und Dauer bestimmt angeben. Gehe ich in eine Weinstube mit
der Absicht mich zu betrinken, so weiß ich, ich werde diesen einen Abend
betrunken sein, aber in meinem Fall! In einer Woche wollen wir einen Ausflug mit
einer befreundeten Familie machen, gibt das nicht im Herzen Gewitter für
vierzehn Tage. Die Küsse dieses Abends machen mich schläfrig, um Raum für
ungezähmte Träume zu bekommen. Ich trotze dem und mache einen Nachtspaziergang,
da geschieht es, daß ich unaufhörlich bewegt bin, mein Gesicht kalt und warm ist
wie nach Windstößen, daß ich immer ein rosa Band in meiner Tasche berühren muß,
höchste Befürchtungen für mich habe, ihnen aber nicht nachgehn kann und sogar
Sie, mein Herr vertrage, während ich sonst sicher nie solange mit Ihnen reden
würde. "
Mir war sehr kalt und schon neigte sich der Himmel ein wenig in weißlicher
Farbe. "Da wird keine Schandthat helfen, keine Untreue oder Abreise in ein
entferntes Land. Sie werden sich morden müssen", sagte ich und lächelte
außerdem.
Uns gegenüber am andern Rande der Allee standen zwei Büsche und hinter diesen
Büschen unten war die Stadt. Sie war noch ein wenig beleuchtet.
"Gut", rief er und schlug die Bank mit seiner kleinen festen Faust, die er aber
gleich liegen ließ, "Sie leben aber. Sie töten sich nicht. Niemand liebt Sie.
Sie erreichen nichts. Den nächsten Augenblick können Sie nicht beherrschen. Da
reden Sie so zu mir, Sie gemeiner Mensch. Lieben können Sie nicht, nichts erregt
Sie außer Angst. Schauen Sie doch, meine Brust. "
Da öffnete er rasch seinen Rock und seine Weste und sein Hemd. Seine Brust war
wirklich breit und schön.
Ich begann zu erzählen: "Ja, solche trotzige Zustände überkommen uns bisweilen.
So war ich diesen Sommer in einem Dorfe. Das lag an einem Flusse. Ich erinnere
mich ganz genau. Oft saß ich in verrenkter Haltung auf einer Bank am Ufer. Es
war ein Strandhotel auch dort. Da hörte man oft Geigenspiel. Junge kräftige
Leute redeten im Garten an Tischen vor Bier von Jagd und Abenteuern. Und dann
waren am andern Ufer so wolkenhafte Berge. "
Ich stand da auf mit matt verzogenem Munde, trat in den Rasen hinter der Bank,
zerbrach auch einige beschneite Ästchen und sagte dann meinem Bekannten ins Ohr:
"Ich bin verlobt, ich gestehe es. "
Mein Bekannter wunderte sich nicht darüber, daß ich aufgestanden war: "Sie sind
verlobt?" Er saß wirklich ganz schwach da, nur durch die Lehne gestützt. Dann
nahm er den Hut ab und ich sah sein Haar, das wohlriechend und schön gekämmt den
runden Kopf auf dem Fleisch des Halses in einer scharf gerundeten Linie
abschloß, wie man es in diesem Winter liebte.
Ich freute mich, daß ich ihm so klug geantwortet hatte. "Ja", sagte ich zu mir,
"wie er doch in der Gesellschaft umhergeht mit gelenkigem Hals und freien Armen.
Er kann eine Dame mit gutem Gespräch mitten durch einen Saal führen und es macht
ihn gar nicht unruhig, daß vor dem Hause Regen fällt oder daß dort ein
Schüchterner steht oder sonst etwas Jämmerliches geschieht. Nein, er neigt sich
gleichartig hübsch vor den Damen. Aber da sitzt er nun. "
Mein Bekannter strich mit einem Tuche aus Battist über die Stirn. "Bitte", sagte
er, "legen Sie mir Ihre Hand ein wenig auf die Stirn. Ich bitte Sie. " Als ich
es nicht gleich that, faltete er seine Hände.
Als ob unsere Sorge alles verdunkelt hätte, saßen wir oben auf dem Berg, wie in
einem kleinen Zimmer, trotzdem wir doch schon früher Licht und Wind des Morgens
bemerkt hatten. Wir waren nahe beisammen, trotzdem wir einander gar nicht gerne
hatten, aber wir konnten uns nicht weit von einander entfernen, denn die Wände
waren förmlich und fest gezogen. Aber wir durften uns lächerlich und ohne
menschliche Würde benehmen, denn wir mußten uns nicht schämen vor den Zweigen
über uns und vor den Bäumen, die uns gegenüber standen.
Da zog mein Bekannter ohne Umstände aus seiner Tasche ein Messer, öffnete es
nachdenklich und stieß es dann wie im Spiele in seinen linken Oberarm und
entfernte es nicht. Gleich rann Blut. Seine runden Wangen waren blaß. Ich zog
das Messer heraus, zerschnitt den Ärmel des Winterrocks und des Fracks, riß den
Hemdärmel auf. Lief dann eine kurze Strecke des Weges hinunter und aufwärts, um
zu sehn, ob niemand da sei, der mir helfen könnte. Alles Gezweige war fast grell
sichtbar und unbewegt. Dann saugte ich ein wenig an der tiefen Wunde. Da
erinnerte ich mich an das Gärtnerhäuschen. Ich lief die Stiegen aufwärts, die zu
dem erhöhten Rasen an der linken Seite des Hauses führten, ich untersuchte die
Fenster und Thüren in Eile, ich läutete wüthend und stampfend, trotzdem ich
gleich gesehen hatte, daß das Haus unbewohnt war. Dann sah ich nach der Wunde,
die in dünnem Strom blutete. Ich näßte sein Tuch im Schnee und umband
ungeschickt seinen Arm.
"Du Lieber, Du Lieber", sagte ich, "meinetwegen hast Du Dich verletzt. Du bist
so schön gestellt, von Freundlichen umgeben, am hellen Tag kannst Du spazieren
gehn, wenn viele Menschen sorgfältig gekleidet weit und nah zwischen Tischen
oder auf Hügelwegen zu sehen sind. Denke nur, im Frühjahr, da werden wir in den
Baumgarten fahren, nein nicht wir werden fahren, das ist schon leider wahr aber
Du mit dem Annerl wirst fahren in Freude und Trab. O ja, glaube mir, ich bitte
Dich, und die Sonne wird Euch schönstens allen Leuten zeigen. Oh, da ist Musik,
man hört die Pferde weit, es ist keine Sorge nöthig, da ist Geschrei und
Leierkästen spielen in den Alleen. "
"Ach Gott", sagte er, stand auf, lehnte sich an mich und wir giengen, "da ist ja
keine Hilfe. Das könnte mich nicht freuen. Verzeihen Sie. Ist es schon spät?
Vielleicht sollte ich morgen früh etwas thun. Ach Gott. "
Eine Laterne nahe an der Mauer oben brannte und legte den Schatten der Stämme
über Weg und weißen Schnee, während der Schatten des vielfältigen Astwerkes
umgebogen wie zerbrochen auf dem Abhang lag.
Fassung B
Gegen zwölf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten
einander die Hände, sagten es wäre sehr schön gewesen und giengen dann durch den
großen Türrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in
dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, während in ihrem Rock gezierte
Falten sich schaukelten.
Ich saß an einem kleinen Tischchen – es hatte drei gespannte dünne Beine –
nippte gerade an dem dritten Gläschen Benediktiner und übersah im Trinken
zugleich meinen kleinen Vorrat von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und
aufgeschichtet hatte.
Da sah ich meinen neuen Bekannten ein wenig zerrauft und aus der Ordnung geraten
an dem Türpfosten eines Nebenzimmers erscheinen, aber ich wollte wegsehn, denn
es gieng mich nichts an. Er dagegen kam auf mich zu und zerstreut über meine
Beschäftigung lächelnd sagte er:
"Verzeihen Sie, daß ich zu Ihnen komme. Aber ich bin bis jetzt mit meinem
Mädchen allein in einem Nebenzimmer gesessen. Von halb elf an. Sie Mensch, das
war einmal ein Abend. Ich weiß schon, es ist nicht recht, daß ich Ihnen das
erzähle, denn wir kennen ja einander kaum. Nicht wahr, auf der Treppe sind wir
heute abend einander begegnet und haben als Gäste des gleichen Hauses ein paar
Worte gesprochen. Und jetzt – Aber Sie müssen mir – ich bitte – verzeihen, das
Glück hält es einfach nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und da ich
sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue – "
Ich sah ihn traurig an – das Stück Fruchtkuchen, das ich im Munde hatte,
schmeckte nicht besonders – und sagte in sein hübsch gerötetes Gesicht hinauf:
"Ich bin natürlich froh darüber, daß ich Ihnen vertrauenswürdig scheine, aber
unzufrieden damit, daß Sie sich mir anvertraut haben. Und Sie selbst, wären Sie
nicht so verwirrt, müßten es fühlen, wie unpassend es ist, einem, der allein
sitzt und Schnaps trinkt, von einem liebenden Mädchen zu erzählen. "
Als ich dieses gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich
zurück und ließ seine Arme hängen. Dann drückte er sie mit gespitzten Ellbogen
zurück und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen:
"Noch vor einem Weilchen dort in dem Zimmer waren wir allein, das Annerl mit
mir. Und ich habe sie geküßt, geküßt – habe – ich – sie auf ihren Mund, ihre
Ohren, ihre Schultern. Mein Gott und Herr!"
Einige Gäste, die hier ein etwas lebhafteres Gespräch vermutheten, rückten
gähnend näher zu uns. Ich stand daher auf und sagte, daß es alle hören konnten:
"Also gut, wenn Sie wollen, dann gehe ich mit, aber ich bleibe dabei, daß es ein
Unsinn ist, jetzt im Winter und in der Nacht auf den Laurenziberg zu gehn.
Überdies ist es kalt geworden und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die
Wege draußen wie Schlittschuhbahnen. Nun wie Sie wollen – "
Er sah mich zuerst staunend an und öffnete seinen Mund mit den nassen Lippen;
dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der Nähe waren, lachte er,
stand auf und sagte:
"0 doch, die Kühle wird gut tun; unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch; dann
bin ich auch ein wenig betrunken, ohne gerade viel getrunken zu haben; ja, wir
werden uns verabschieden und dann werden wir gehn. "
Wir giengen also zur Hausfrau und als er ihr die Hand küßte, sagte sie:
"Nein, ich bin froh, daß Sie heute so glücklich aussehn. "
Die Güte dieser Worte rührte ihn und er küßte noch einmal ihre Hand; da lächelte
sie. Ich mußte ihn fortziehn.
Im Vorzimmer stand ein Stubenmädchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie
half uns in die Überröcke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns über die
Treppe zu leuchten. Ihr Hals war nackt und nur unter dem Kinn von einem
schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter Körper war gebeugt und
dehnte sich immer wieder, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg, die Lampe
niederhaltend. Ihre Wangen waren gerötet, denn sie hatte Wein getrunken und in
dem schwachen, das ganze Stiegenhaus erfüllenden Lampenschein zitterten ihr die
Lippen.
Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng einen
Schritt auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und küßte ihn und blieb in der
Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldstück in die Hand legte, löste sie schläfrig
ihre Arme von ihm, öffnete langsam das kleine Haustor und ließ uns in die Nacht.
Über der leeren, gleichmäßig erhellten Straße stand ein großer Mond im leicht
bewölkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem gefrorenen Schnee
durfte man nur kleine Schritte tun.
Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in bedeutende Munterkeit
geriet. Ich hob die Beine, ließ die Gelenke knacken, ich rief über die Gasse
einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich warf den Hut
im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.
Mein Bekannter aber gieng unbekümmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt.
Er redete auch nicht.
Das wunderte mich, denn ich hatte mir ausgerechnet, seine Freude würde ihn toll
machen, wenn ich ihn aus der Gesellschaft hinausbrächte. Nun konnte auch ich
stiller werden. Gerade hatte ich ihm einen aufmunternden Schlag über den Rücken
gegeben, als ich seinen Zustand plötzlich nicht mehr begriff und meine Hand
zurückzog. Da ich sie nicht brauchte, steckte ich sie in die Tasche meines
Rockes.
Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und
konnte nicht begreifen, daß es mir unmöglich war, mit meinem Bekannten im
gleichen Schritt zu bleiben. Dabei war klare Luft, ich konnte seine Beine
deutlich sehn. Hie und da lehnte auch jemand in einem Fenster und betrachtete
uns.
Als wir in die Ferdinandstraße kamen, bemerkte ich, daß mein Bekannter eine
Melodie aus der "Dollarprinzessin" zu summen begann; es war leise, aber ich
hörte es ganz gut. Was sollte das? Wollte er mich beleidigen? Nun ich war sofort
bereit, auf diese Musik zu verzichten und auf den ganzen Spaziergang überdies.
Ja warum sprach er denn nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht nötig hatte,
warum hatte er mich dann nicht in meiner Ruhe gelassen, dort in der Wärme bei
Benediktiner und süßem Zeug. Ich war es wahrhaftig nicht gewesen, der sich um
diesen Spaziergang gerissen hatte. Im übrigen konnte ich auch selbstständig
spazieren gehn. Ich war eben in Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren
jungen Menschen vor Beschämung gerettet und spazierte nun im Mondlicht herum.
Auch das gieng. Den Tag über im Amt, abends in Gesellschaft, in der Nacht auf
den Gassen und nichts übers Maß. Eine in ihrer Natürlichkeit schon grenzenlose
Lebensweise!
Doch mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte seinen Gang, als
er merkte, daß er zurückgeblieben war. Es wurde nichts gesprochen, man konnte
auch nicht sagen, daß wir liefen. Ich aber überlegte, ob es nicht gut es
vermutete. Gut also, daß ich nicht nachhause gegangen war. Wer weiß, dieser
Mensch, der jetzt neben mir mit in der Kälte rauchendem Mund an
Stubenmädchensachen dachte, war vielleicht imstande, mir vor den Leuten Wert zu
geben, ohne daß ich ihn erst erwerben mußte. Daß mir ihn nur die Mädchen nicht
verderben! Mögen sie ihn küssen und drücken, das ist ja ihre Pflicht und sein
Recht, aber entführen sollen sie mir ihn nicht. Wenn sie ihn küssen, küssen sie
mich ja auch ein wenig, wenn man will; mit dem Mundwinkel gewissermaßen; wenn
sie ihn aber entführen, dann stehlen sie mir ihn. Und er soll immer bei mir
bleiben, immer, wer soll ihn beschützen wenn nicht ich. Er ist ja so dumm. Im
Februar sagt man ihm: Du komm auf den Laurenziberg, und er lauft mit. Und wie
wenn er jetzt fällt, wie, wenn er sich verkühlt, wie, wenn ein Eifersüchtiger
aus der Postgasse heraus ihn überfällt? Was soll dann mit mir geschehn, soll ich
dann aus der Welt herausgeworfen werden? Das möchte ich doch sehn, nein, mich
wird er nicht mehr los werden.
Morgen wird er mit Fräulein Anna reden, gewöhnliche Dinge zuerst, wie es
natürlich ist, aber plötzlich wird er es nicht mehr verschweigen können:
Gestern, Annerl, in der Nacht, nach unserer Gesellschaft, weißt Du, war ich mit
einem Menschen beisammen, wie Du ihn ganz bestimmt noch nie gesehen hast. Er
sieht aus – wie soll ich ihn beschreiben – wie eine Stange in baumelnder
Bewegung sieht er aus, mit einem schwarzbehaarten Schädel oben. Sein Körper ist
mit vielen, kleinen mattgelben Stoffstückchen behängt, die ihn vollständig
bedeckten, denn bei der gestrigen Windstille lagen sie glatt an. Wie, Annerl,
Dir vergeht der Appetit? Ja dann ist es meine Schuld, dann habe ich das Ganze
schlecht erzählt. Wenn Du ihn nur gesehen hättest, wie schüchtern er neben mir
gieng, wie er mir meine Verliebtheit ansah, was ja kein Kunststück war, und um
mich in ihr nicht zu stören, eine große Strecke allein vorausgieng. Ich glaube,
Annerl, Du hättest ein wenig gelacht und ein wenig Dich gefürchtet, mich aber
freute seine Gegenwart. Denn wo warst Du, Annerl? In Deinem Bett warst Du und
Afrika war nicht entfernter als Dein Bett. Manchmal aber war mir wahrhaftig, als
höbe sich mit den Athemzügen seiner platten Brust der gestirnte Himmel. Du
glaubst, ich übertreibe? Nein, Annerl; bei meiner Seele, nein; bei meiner Seele,
die Dir gehört, nein.
Und ich erließ meinem Bekannten – wir machten gerade die ersten Schritte auf dem
Franzensquai – nicht den geringsten Teil der Beschämung, die er bei solcher Rede
fühlen mußte. Nur giengen damals meine Gedanken in einander über, denn die
Moldau und die Stadtviertel am andern Ufer lagen in gemeinsamem Dunkel. Einige
Lichter brannten dort und spielten mit den schauenden Augen.
Wir kreuzten die Fahrbahn, um zum Flußgeländer zu kommen, dort blieben wir
stehn. Ich fand einen Baum, um mich anzulehnen. Da es vom Wasser her kalt wehte,
zog ich meine Handschuhe an, seufzte grundlos, wie man es in der Nacht vor einem
Flusse wohl tun mag, dann aber wollte ich weiter. Doch mein Bekannter schaute
ins Wasser und rührte sich nicht. Dann trat er näher an das Geländer, hatte
schon die Beine an dem Eisen, stützte die Elienbogen auf und legte die Stirn in
die Hände. Was denn noch? Ich fror ja und mußte den Rockkragen in die Höhe
stülpen. Mein Bekannter streckte sich, den Rücken, die Schultern, den Hals und
hielt den Oberkörper, der auf seinen gespannten Armen ruhte, über das Geländer
vorgebeugt.
"Die Erinnerungen, nicht wahr?" sagte ich, "ja, schon das Erinnern ist traurig,
wie erst sein Gegenstand! Geben Sie sich solchen Sachen nicht hin, das ist
nichts für Sie und nichts für mich. Man schwächt ja dadurch – nichts ist klarer
– seine gegenwärtige Position, ohne die frühere zu stärken, abgesehen davon daß
die Frühere Stärkung nicht mehr nötig hat. Glauben Sie denn, ich hätte keine
Erinnerungen? Oh zehn für jede der Ihrigen. Jetzt zum Beispiel könnte ich mich
erinnern, wie ich in L. auf einer Bank gesessen bin. Es war am Abend, auch am
Flußufer. Natürlich im Sommer. Und es ist meine Gewohnheit, an so einem Abend
die Beine zu mir heraufzuziehn und zu umschlingen. Den Kopf hatte ich gegen die
hölzerne Lehne der Bank gelegt, von wo ich die wolkenhaften Berge des andern
Ufers ansah. Eine Geige spielte zart im Strandhotel. Auf beiden Ufern fuhren hin
und wieder schiebende Züge mit erglänzendem Rauch. "
Mein Bekannter unterbrach mich, er wandte sich plötzlich um, es sah fast aus,
als sei er erstaunt, mich noch hier zu sehn. "Ach, ich könnte noch viel mehr
erzählen", sagte ich, nichts weiter.
"Denken Sie nur und immer kommt es so", begann er. "Als ich heute meine Treppe
hinunterstieg, um vor der Abendgesellschaft noch einen kleinen Spaziergang zu
machen, mußte ich mich wundern, wie meine Hände in den Manschetten hin- und
herschlenkerten und so lustig haben sie das gemacht. Da dachte ich mir gleich:
Wart, heut kommt was. Und es ist auch gekommen. " Dieses sagte er schon im Gehn
und sah mich lächelnd mit großen Augen an.
Soweit hatte ich es also gebracht. Er durfte mir solche Sachen erzählen, dabei
lächeln und große Augen auf mich machen. Und ich, ich mußte mich zurückhalten,
daß ich meinen Arm nicht um seine Schultern legte und ihn in seine Augen küßte
zur Belohnung dafür, daß er mich so gar nicht brauchen konnte. Das Schlimmste
aber war, daß auch das nicht mehr schaden konnte, weil es nichts ändern konnte,
denn weg mußte ich nun, weg auf jeden Fall.
Als ich noch rasch nach einem Mittel suchte, um wenigstens ein Weilchen bei
meinem Bekannten bleiben zu dürfen, fiel mir ein, daß ihm vielleicht meine lange
Gestalt unangenehm sein könnte, neben der er seiner Meinung nach zu klein
erschien. Und dieser Umstand quälte mich – es war freilich späte Nacht und wir
begegneten fast niemandem – doch so sehr, daß ich meinen Rücken gebückt machte,
bis meine Hände im Gehn meine Knie berührten. Damit aber mein Bekannter die
Absicht nicht bemerke, veränderte ich meine Haltung nur ganz allmählich, suchte
seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken, drehte ihn sogar einmal zum Flusse hin
und zeigte ihm mit ausgestreckter Hand die Bäume der Schützeninsel und wie die
Brückenlampen im Flusse sich spiegelten.
Aber mit plötzlicher Wendung sah er mich an – ich war noch nicht ganz fertig –
und sagte: "Ja was ist denn das? Sie sind ja ganz krumm! Was treiben Sie da? "
"Ganz richtig", sagte ich, den Kopf an seiner Hosennaht, weshalb ich auch nicht
ordentlich aufschauen konnte, "Sie scharfes Auge! "
"Also hopla! Stehen Sie doch auf! Solche Dummheiten! "
"Nein", sagte ich und schaute auf die nahe Erde, "ich bleibe, wie ich bin. "
"Das muß ich aber sagen, ärgern können Sie einen. Dieser unnütze Aufenthalt!
Also machen Sie endlich Schluß! "
"Wie Sie schreien! In der ruhigen Nacht", sagte ich.
"Übrigens, ganz nach Ihrem Belieben", fügte er noch hinzu und nach einem
Weilchen: "Es ist dreiviertel auf eins. " Er las die Zeit offenbar von der Uhr
des Mühlenturmes ab.
Schon stand ich wie an den Haaren in die Höhe gerissen. Ein Weilchen lang hielt
ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich
verstand ihn, er schickte mich fort. Bei ihm sei kein Platz für mich, und wenn
vielleicht doch einer hier ist, so sei er wenigstens nicht zu finden. Warum ich
nebenbei gesagt so darauf versessen sei, bei ihm zu bleiben. Nein, ich möchte
nur weggehn – und dies sofort – zu meinen Verwandten und Freunden, die schon auf
mich warten. Hätte ich aber keine Verwandte und Freunde, dann müßte ich mir
allerdings allein forthelfen (was hilft die Klage!) nur dürfte ich nicht weniger
schnell von hier weggehn. Denn bei ihm könne mir nichts mehr helfen, nicht meine
Länge, nicht mein Appetit, nicht meine kalte Hand. Wenn es aber meine Meinung
sei, daß ich bei ihm bleiben müsse, dann sei das eine gefährliche Meinung.
"Ich habe Ihre Mitteilung nicht gebraucht", sagte ich, wie es auch der Wahrheit
entsprach.
"Gottseidank daß Sie endlich geradestehn. Ich habe doch nur gesagt, daß es
dreiviertel eins ist. "
"Es ist schon gut", sagte ich und steckte zwei Fingernägel in die Lücken meiner
schauernden Zähne. "Wenn ich schon Ihre Mitteilung nicht brauchte, um wie viel
weniger brauche ich eine Erklärung. Ich brauche nämlich nichts als Ihre Gnade.
Bitte, bitte nehmen Sie das zurück, was Sie gesagt haben! "
"Daß dreiviertel eins ist Aber mit Vergnügen, umsomehr als dreiviertel längst
vorüber ist. "
Er hob den rechten Arm, zuckte mit der Hand und horchte auf den
Kastagnettenklang des Manschettenkettchens.
Jetzt kam offenbar der Mord. Ich werde bei ihm bleiben und er wird das Messer,
dessen Griff er in der Tasche schon hält, an seinem Rock in die Höhe führen und
dann gegen mich. Es ist unwahrscheinlich, daß er sich wundern wird, wie einfach
die Sache ist, aber vielleicht doch, wer kann das wissen. Ich werde nicht
schrein, ich werde ihn nur anschauen, solange die Augen es aushalten.
"Nun?" sagte er.
Vor einem entfernten Kaffeehaus mit schwarzen Scheiben ließ sich ein Polizeimann
wie ein Eisläufer über das Pflaster gleiten. Sein Säbel behinderte ihn, er nahm
ihn in die Hand, fuhr jetzt eine lange Strecke hin und beim Abschluß drehte er
sich fast in einem Bogen. Endlich juchzte er noch schwach und, Melodien im
Kopfe, fieng er wieder zu schleifen an.
Erst dieser Polizeimann, der zweihundert Schritte von einem baldigen Mord nur
sich selbst sah und hörte, machte mir eine Art von Angst. Ich stellte fest, daß
es mit mir auf jeden Fall zuende war, ob ich mich erstechen ließ oder weglief.
War es aber dann nicht besser wegzulaufen und mich damit der umständlichen, also
schmerzlicheren Todesart auszusetzen. Die Gründe für die Vorzüge dieser Todesart
hatte ich nicht gleich bei der Hand, aber ich durfte den letzten Augenblick, der
mir blieb, nicht mit dem Suchen von Gründen verbringen. Dazu war später Zeit,
wenn ich nur den Entschluß hatte, und den Entschluß hatte ich.
Ich mußte weglaufen, es war ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbrücke nach
links konnte ich nach rechts in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab
dort dunkle Haustore und Weinstuben, die noch offen waren; ich mußte nicht
verzweifeln.
Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais auf den Kreuzherrenplatz hervortraten,
rannte ich mit erhobenen Armen in jene Gasse. Doch vor einer kleinen Türe der
Seminarkirche fiel ich, denn dort war eine Stufe, die ich nicht erwartet hatte.
Es machte ein wenig Lärm, die nächste Laterne war entfernt genug, ich lag im
Dunkel.
Aus einer Weinstube gegenüber kam ein dickes Weib mit einem Lämpchen, um
nachzusehn, was auf der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel drinnen wurde
schwächer fortgesetzt, nur mit einer Hand, denn der Klavierspieler hatte sich
zur Türe gewendet, die bis jetzt halb offen von einem Mann in hochzugeknöpftem
Rocke völlig geöffnet wurde. Er spie aus und drückte dann das Weib so fest an
sich, daß sie das Lämpchen heben mußte, um es zu schützen. "Es ist ja gar nichts
geschehn", rief er ins Zimmer hinein, darauf drehten sich beide um, giengen ins
Innere und die Türe wurde wieder zugemacht.
Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. "Es ist Glatteis", sagte ich und
verspürte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, daß mich die Leute
aus der Weinstube nicht gesehen hatten und daß ich hier ruhig bis zur Dämmerung
liegen bleiben konnte.
Mein Bekannter war wohl bis zur Brücke gegangen, ohne meinen Abschied bemerkt zu
haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich merkte nicht, daß er
überrascht war, als er sich zu mir bückte – er senkte fast nur den Hals ganz wie
eine Hyäne – und mich mit weicher Hand streichelte. Er fuhr an meinen
Wangenknochen auf und nieder und legte dann die Handfläche an meine Stirn: "Sie
haben sich wehgetan, nicht wahr? Nun es ist Glatteis und man muß vorsichtig sein
– haben Sie mir das nicht selbst gesagt? Der Kopf schmerzt Sie? Nein? Ach das
Knie. So. Das ist eine böse Sache. "
Aber er dachte nicht daran, mich aufzuheben. Ich stützte den Kopf auf meine
rechte Hand – der Elbogen lag auf einem Pflasterstein – und sagte: "Da sind wir
also wieder einmal beisammen. " Und da ich wieder jene Angst bekam, drückte ich
beide Hände gegen seine Schienbeine, um ihn so wegzuschieben. "Geh doch, geh
doch", sagte ich dabei.
Er hatte die Hände in den Taschen und sah über die leere Gasse hin, dann zur
Seminarkirche und dann auf zum Himmel. Endlich, als in einer der umliegenden
Gassen ein Wagen laut sich herumtrieb, erinnerte er sich an mich: "Ja, warum
reden Sie denn nicht, mein Lieber? Ist Ihnen schlecht? Ja warum stehn Sie denn
eigentlich nicht auf? Soll ich einen Wagen suchen? Wenn Sie wollen, bringe ich
Ihnen ein bißchen Wein da aus der Weinstube. Aber liegen bleiben dürfen Sie hier
in der Kälte nicht. Und dann wollten wir doch auf den Laurenziberg. "
"Natürlich", sagte ich und stand allein auf, aber mit starkem Schmerz. Ich
schwankte gleich und mußte das Standbild Karl des Vierten streng ansehn, um
meines Standpunktes sicher zu sein. Aber nicht einmal das hätte mir geholfen,
wäre mir nicht eingefallen, daß ich von einem Mädchen mit schwarzem Samtband um
den Hals geliebt würde, zwar nicht hitzig aber treu. Und lieb war es da vom
Mond, daß er auch mich beschien und ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die
Wölbung des Brückenturmes stellen, als ich einsah, daß es bloß natürlich sei,
daß der Mond alles bescheine. Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um
den Mond ganz zu genießen. Und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen
mit den lässigen Armen machend ohne Schmerz und Mühe vorwärtskam. Daß ich das
früher nie versucht hatte! Mein Kopf lag in der kühlen Luft und gerade mein
rechtes Knie flog am besten, ich lobte es durch Beklopfen. Und ich erinnerte
mich, daß ich einmal einen Bekannten, der wahrscheinlich noch immer unter mir
gieng, nicht recht hatte leiden können, und an der ganzen Sache freute mich nur,
daß mein Gedächtnis so gut war, daß es selbst solche Dinge bewahrte. Doch ich
durfte nicht viel denken, denn ich mußte weiterschwimmen, wollte ich nicht zu
sehr untertauchen. Aber damit man mir später nicht sagen dürfe, über dem
Pflaster könne jeder schwimmen und es sei nicht des Erzählens wert, erhob ich
mich durch ein Tempo über das Geländer und umkreiste schwimmend jede
Heiligenstatue, der ich begegnete.
Bei der fünften – gerade hielt ich mich mit unmerklichen Schlägen über dem
Trottoir – faßte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem Pflaster
und fühlte einen Schmerz im Knie.
"Immer", sagte mein Bekannter mit einer Hand mich festhaltend, mit der andern
auf die Statue der heiligen Ludmila zeigend, "immer habe ich die Hände dieses
Engels links bewundert. Schauen Sie nur, wie zart sie sind! Wirkliche
Engelshände! Haben Sie schon etwas ähnliches gesehn? Sie nicht, aber ich ja,
denn ich habe heute abend Hände geküßt – "
Für mich aber gab es jetzt eine dritte Möglichkeit zugrundezugehn. Ich mußte
mich nicht erstechen lassen, ich mußte nicht weglaufen, ich konnte mich einfach
in die Luft werfen. Er soll nur auf seinen Laurenziberg gehn, ich werde ihn
nicht stören, nicht einmal durch Weglaufen werde ich ihn stören.
Und nun schrie ich: "Los mit den Geschichten! Ich will nichts mehr in Brocken
hören. Erzählen Sie mir alles, von Anfang bis zu Ende. Weniger höre ich nicht
an, das sage ich Ihnen. Aber auf das Ganze brenne ich. "
Als er mich ansah, schrie ich nicht mehr so. "Und auf meine Verschwiegenheit
können Sie bauen! Erzählen Sie nur alles, was Sie auf dem Herzen haben. Einen so
verschwiegenen Zuhörer wie mich haben Sie noch nicht gehabt. "
Und ziemlich leise, nah an seinem Ohr, sagte ich: "Und fürchten müssen Sie sich
vor mir nicht, das ist wirklich überflüssig. "
Ich hörte ihn noch lachen.
I.
Schon sprang ich – im Schwung, als sei es nicht das erste Mal – meinem Bekannten
auf die Schultern und brachte ihn dadurch, daß ich meine Fäuste in seinen Rücken
stieß, in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte
und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in
seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen schnell genug
in das Innere einer großen, aber noch unfertigen Gegend.
Die Landstraße, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade
das gefiel mir und ich ließ sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein
Bekannter stolperte, riß ich ihn an seinem Kragen in die Höhe und sobald er
seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei fühlte ich, wie gesund mir der Ausritt
in dieser guten Luft war und um ihn noch wilder zu machen, ließ ich einen
starken Gegenwind in langen Stößen in uns blasen.
Jetzt übertrieb ich auch auf den breiten Schultern meines Bekannten die
springende Bewegung und während ich mich mit beiden Händen fest an seinem Halse
hielt, beugte ich weit meinen Kopf zurück und betrachtete die mannigfaltigen
Wolken, die schwächer als ich schwerfällig mit dem Winde flogen. Ich lachte und
zitterte vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei preßte
ich meine Hände kräftig in einander, wodurch ich allerdings meinen Bekannten
würgte.
Erst als mir der Himmel allmählich durch die Äste der Bäume, die ich an der
Straße wachsen ließ, verdeckt wurde, besann ich mich.
"Ich weiß nicht", rief ich ohne Klang, "ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt,
dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir
etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen, lauter niemand. Aber so ist es
doch nicht. Nur daß mir niemand hilft, sonst wäre lauter niemand hübsch, ich
würde ganz gerne, (was sagen Sie dazu?) einen Ausflug mit einer Gesellschaft von
lauter niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese
Niemand aneinander drängen, diese vielen quergestreckten oder eingehängten Arme,
diese vielen Füße durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, daß alle im
Frack sind. Wir gehen so lala, ein vorzüglicher Wind fährt durch die Lücken, die
wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei. Es ist
ein Wunder, daß wir nicht singen. "
Da fiel mein Bekannter und als ich ihn untersuchte, fand ich, daß er am Knie
schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr nützlich sein konnte, ließ ich ihn
nicht ungern auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der Höhe herab, die
sich gehorsam mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.
II.
Unbesorgt gieng ich weiter. Weil ich aber als Fußgänger die Anstrengung der
bergigen Straße fürchtete, ließ ich den Weg immer flacher werden und sich in der
Entfernung endlich zu einem Tale senken. Die Steine verschwanden nach meinem
Willen und der Wind verlor sich.
Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den Kopf erhoben,
den Körper gesteift und hinter dem Kopf die Arme verschränkt. Da ich
Fichtenwälder liebe, gieng ich durch solche Wälder und da ich gerne stumm zu den
Sternen schaue, so giengen mir auf dem Himmel die Sterne langsam auf, wie es
ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in
ihrer Höhe wehte, zur Überraschung des Spaziergängers durch die Luft zog.
Ziemlich weit meiner Straße gegenüber, wahrscheinlich auch noch durch einen Fluß
von mir getrennt, ließ ich einen mäßig hohen Berg aufstehn, dessen Plateau mit
Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen der
höchsten Äste und ihre Bewegungen konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie
gewöhnlich er auch sein mag, freute mich so, daß ich als ein kleiner Vogel auf
den Ruten dieser fernen struppigen Sträucher schaukelnd daran vergaß, den Mond
aufgehn zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich zürnend wegen
der Verzögerung.
Jetzt aber breitete sich der kühle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf
dem Berge aus und plötzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen
Sträucher. Ich jedoch hatte indessen in einer anderen Richtung geschaut und als
ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit
seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit trüben Augen stehn, denn meine
abschüssige Straße schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu führen.
Aber nach einem Weilchen gewöhnte ich mich an ihn und betrachtete mit
Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem wir
einander ein großes Stück entgegen gegangen waren, eine starke Schläfrigkeit
verspürte, die, wie ich glaubte, eine Folge der Ermüdung durch den ungewohnten
Spaziergang war. Ich gieng eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich
mich nur dadurch wachend erhielt, daß ich laut und regelmäßig die Hände an
einander schlug.
Dann aber, als der Weg mir unter den Füßen zu entgleiten drohte und alles müde
wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten
Straßenseite mit allen Kräften zu erklettern, um noch rechtzeitig in den hohen
verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht, die uns wahrscheinlich
bevorstand, verschlafen wollte.
Die Eile war nötig. Die Sterne dunkelten schon unbewölkt und ich sah den Mond
schwächlich im Himmel, wie in einem bewegten Gewässer, versinken. Der Berg
gehörte schon der Finsternis, die Landstraße endete zerbröckelnd dort, wo ich
zum Abhang mich gewendet hatte, und aus dem Innern des Waldes hörte ich das sich
nähernde Krachen stürzender Bäume. Nun hätte ich mich gleich auf das Moos zum
Schlafe werfen können, aber da ich mich fürchte auf Waldboden zu schlafen, kroch
ich – rasch glitt der Stamm zwischen den Ringen der Arme und Beine hinab – auf
einen Baum, der auch schon taumelte ohne Wind, legte mich auf einen Ast, den
Kopf an den Stamm gelehnt und schlief hastig ein, indeß ein Eichhörnchen meiner
Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes saß und sich wiegte.
III.
Ich schlief und fuhr mit meinem ganzen Wesen in den ersten Traum hinein. Ich
warf mich in ihm so in Angst und Schmerz herum, daß er es nicht ertrug, mich
aber auch nicht wecken durfte, denn ich schlief doch nur, weil die Welt um mich
zuende war. Und so lief ich durch den in seiner Tiefe gerissenen Traum und
kehrte wie gerettet – dem Schlaf und dem Traum entflohn – in die Dörfer meiner
Heimat zurück.
Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich sie auch
durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem heißen Sommer das
Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Feldern und
lachten, daß es eine Schande war.
Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den
Bäumen im Garten meiner Eltern.
Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick
vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben und rings herum
verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock
langsam spazieren gehn und paar Mädchen, die Arm in Arm ihm entgegen kamen,
traten grüßend ins seitliche Gras.
Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie
sie in einem Athemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß sie stiegen,
sondern daß ich falle und fest mich an den Seilen haltend aus Schwäche ein wenig
zu schaukeln anfieng. Bald schaukelte ich stärker, als die Luft schon kühler
wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde Sterne erschienen.
Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der
Holzplatte und schon müde biß ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen
Vorhänge bauschten sich im warmen Wind und manchmal hielt sie einer, der draußen
vorübergieng mit seinen Händen fest, wenn er mich besser sehen und mit mir reden
wollte. Meistens verlöschte die Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch
trieben sich noch eine Zeit lang die versammelten Mücken umher. Fragte mich
einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die
bloße Luft und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen.
Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die andern seien schon
vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.
"Nein, warum seufzt Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie gut
zu machendes Unglück? Werden wir uns nie davon erholen können? Ist wirklich
alles verloren? "
Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. "Gottseidank, da seid Ihr endlich!
– Du kommst halt immer zu spät! – Wieso denn ich? – Gerade Du, bleib zuhause,
wenn Du nicht mitwillst. – Keine Gnaden! – Was, keine Gnaden? Wie redest Du? "
Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine
Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne, bald
liefen wir in gleichbleibender Entfernung Feuer im Mund wie Tiere in den Tropen.
Wie Kurassiere in alten Kriegen stampfend und hoch in der Luft trieben wir
einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die
Landstraße weiter hinauf. Einzelne traten in den Straßengraben, kaum
verschwanden sie vor der dunklen Böschung, standen sie schon wie fremde Leute
oben auf dem Feldweg und schauten herab.
"Kommt doch herunter! – Kommt zuerst herauf! – Damit Ihr uns herunterwerfet,
fällt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch. – So feig seid Ihr, wollt Ihr
sagen. Kommt nur, kommt! – Wirklich Ihr? Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen?
Wie müßtet Ihr aussehn?"
Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoßen und legten uns in das
Gras des Straßengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichmäßig erwärmt,
wir spürten nicht Wärme, nicht Kälte im Gras, nur müde wurde man.
Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte
man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit erhobenem
Kinn, dafür aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man, den Arm quer
vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen und wieder
bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte man gar nicht
aufhören.
Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs äußerste strecken
würde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag zum Weinen
aufgelegt wie krank auf dem Rücken. Man zwinkerte wenn einmal ein Junge, die
Ellbogen bei den Hüften, mit dunklen Sohlen über uns von der Böschung auf die
Straße sprang.
Den Mond sah man schon in einiger Höhe, ein Postwagen fuhr in seinem Licht
vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben fühlte man ihn
und in der Nähe fieng der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr soviel
daran, allein zu sein.
"Wo seid Ihr? – Kommt her! – Alle zusammen! – Was versteckst Du Dich, laß den
Unsinn! – Wißt Ihr nicht, daß die Post schon vorüber ist – Aber nein! Schon
vorüber? – Natürlich, während Du geschlafen hast, ist sie vorübergefahren. – Ich
habe geschlafen? Nein so etwas! – Schweig nur, man sieht es Dir doch an. – Aber
ich bitte Dich. – Kommt! "
Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hände, den Kopf konnte
man nicht genug hoch haben, weil es abwärts gieng. Einer schrie einen
indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie
niemals, bei den Sprüngen hob uns in den Hüften der Wind. Nichts hätte uns
aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir selbst beim Überholen die Arme
verschränken und ruhig uns umsehn konnten.
Auf der Wildbachbrücke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten
zurück. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wäre es nicht schon
spät abend. Es gab keinen Grund dafür, warum nicht einer auf das Geländer der
Brücke sprang.
Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupees waren
beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen
Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher als
der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht genügte, wir kamen
mit unseren Stimmen in ein Gedränge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme
unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.
So sangen wir den Wald im Rücken den fernen Reisenden in die Ohren. Die
Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten für die
Nacht.
Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei nächsten
nur so die Hände, begann den Weg zurückzulaufen, keiner rief mich. Bei der
ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein, lief auf
Feldwegen wieder in den Wald und weiter. Ich eilte durch die großen Wälder,
einmal das Licht der Sonne, einmal das des Mondes, einmal auf dem Rücken, einmal
im Gesicht. Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe
hieß:
"Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht! "
"Und warum denn nicht?"
"Weil sie nicht müde werden. "
"Und warum denn nicht?"
"Weil sie Narren sind. "
"Werden denn Narren nicht müde?"
"Wie könnten Narren müde werden! "
IV.
Dort gab es eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein
Mädchen, in das ich mich verliebt hatte, betete hier knieend eine halbe Stunde
am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.
Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden
blickte, fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen mageren
Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen
Kraft des Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in die
Handflächen, die auf den Steinen auflagen.
In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die hie und da ihr eingewickeltes
Köpfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese
Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen
Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären.
Das nun fand ich ungebührlich und beschloß, ihn anzureden, wenn er aus der
Kirche gienge und einfach auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Denn seit
meiner Ankunft in dieser Stadt gieng mir Klarheit über alles, wenn ich auch
jetzt mich eigentlich nur darüber ärgerte, daß mein Mädchen nicht gekommen war.
Aber erst nach einer Stunde stand er auf, putzte seine Hosen so lange ab, daß
ich schon rufen wollte: "Genug, genug, wir alle sehen, daß Sie Hosen haben",
schlug ein ganz sorgfältiges Kreuz und gieng zum Weihwasserbecken schwer wie ein
Matrose.
Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und Thüre auf und wußte genau, daß
ich ihn nicht ohne Erklärung durchlassen würde. Ich verzerrte meinen Mund, weil
das die beste Vorbereitung für bestimmte Rede ist, und stützte mich auf das
vorgestreckte rechte Bein, während ich das linke auf der Fußspitze hielt, weil
mir das Festigkeit giebt, wie ich oft erfahren habe.
Nun ist es möglich, daß dieser Mensch schon auf mich schielte, als er sich das
Weihwasser ins Gesicht spritzte, vielleicht hatte ihn mein Blick schon früher
besorgt gemacht, denn jetzt unerwartet rannte er zur Türe und hinaus.
Unwillkürlich machte ich noch einen Sprung, um ihn zu halten. Die Glastüre
schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Türe trat, konnte ich ihn nicht
mehr finden, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war
mannigfaltig.
In den nächsten Tagen blieb er aus, aber das Mädchen kam und betete wieder in
dem Winkel einer Seitenkapelle. Sie trug ein schwarzes Kleid, welches auf
Schultern und Nacken aus durchsichtigen Spitzen bestand – der Halbmond des
Hemdrandes lag unter ihnen – von deren unterem Rande die Seide in einem
wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das Mädchen kam, vergaß ich gern an
jenen Menschen und kümmerte mich anfangs selbst dann nicht mehr um ihn, als er
später wieder regelmäßig kam und nach seiner Gewohnheit betete.
Aber immer gieng er mit plötzlicher Eile an mir vorüber, mit abgewendetem
Gesichte. Dagegen schaute er beim Beten viel auf mich. Es sah fast aus, als sei
er böse auf mich, weil ich ihn damals nicht angesprochen hatte und als meine er,
durch jenen Versuch, ihn anzureden, hätte ich die Pflicht auf mich genommen, es
endlich auch wirklich zu tun. Und als ich nach einer Predigt immer jenem Mädchen
folgend im Halbdunkel mit ihm zusammenstieß, glaubte ich, ihn lächeln zu sehn.
Eine solche Pflicht ihn anzureden, bestand natürlich nicht, aber ich hatte kaum
mehr ein Verlangen danach, ihn anzureden. Selbst als ich einmal auf dem
Kirchplatz laufend ankam, während die Uhr schon sieben schlug, das Mädchen also
längst nicht mehr in der Kirche war und nur jener Mensch vor dem Geländer des
Altars sich abarbeitete, zögerte ich noch.
Endlich glitt ich auf den Fußspitzen zum Türgang, gab dem blinden Bettler, der
dort saß, eine Münze und drückte mich neben ihn hinter den geöffneten Türflügel.
Dort freute ich mich vielleicht eine halbe Stunde lang auf die Überraschung, die
ich dem Beter bereiten wollte. Das hielt aber nicht an. Bald ließ ich nur noch
sehr verdrießlich die Spinnen über meine Kleider kriechen und es war lästig, daß
ich mich jedesmal vorbeugen mußte, wenn immer noch einer lautatmend aus dem
Dunkel der Kirche trat.
Da kam er auch. Das Läuten der großen Glocken, das vor einem Weilchen eingesetzt
hatte, tat ihm nicht gut, wie ich merkte. Er mußte mit den Fußspitzen zuerst
leichthin den Boden betasten, ehe er eigentlich auftrat.
Ich stand auf, machte einen großen Schritt und hielt ihn schon. "Guten Abend",
sagte ich und stieß ihn, meine Hand an seinem Kragen, die Stufen hinunter auf
den beleuchteten Platz.
Als wir unten waren, drehte er sich zu mir um, während ich ihn immer noch hinten
hielt, so daß wir jetzt Brust an Brust standen. "Wenn Sie mich nur hinten
loslassen würden! " sagte er. "Ich weiß ja nicht, in welchem Verdachte Sie mich
haben, aber unschuldig bin ich. " Dann wiederholte er noch einmal: "Ich weiß
natürlich nicht, in welchem Verdachte Sie mich haben. "
"Hier kann ja weder von Verdacht noch von Unschuld die Rede sein. Ich bitte Sie,
davon nicht mehr zu reden. Wir sind einander fremd, unsere Bekanntschaft ist
nicht älter als die Kirchtreppe hoch ist. Wohin kämen wir, wenn wir gleich von
unserer Unschuld zu reden anfiengen. "
"Ganz meine Meinung", sagte er. "Im übrigen sagten Sie 'unsere Unschuld',
meinten Sie damit, daß Sie, wenn ich meine Unschuld nachgewiesen hätte, ebenso
die Ihrige nachweisen müßten. Meinten Sie das?"
"Entweder das oder etwas anderes", sagte ich. "Angesprochen aber habe ich Sie
nur deshalb, weil ich Sie etwas fragen wollte, merken Sie sich das! "
"Ich möchte gern nachhause gehn", sagte er und machte eine schwache Wendung.
"Das glaube ich. Hätte ich Sie denn sonst angesprochen? Sie dürfen nicht
glauben, daß ich Sie um Ihrer schönen Augen willen angesprochen habe. "
"Ob Sie nicht zu aufrichtig sind? Wie?"
"Muß ich Ihnen noch einmal sagen, daß hier von solchen Dingen nicht die Rede
ist? Was soll hier Aufrichtigkeit oder Nichtaufrichtigkeit? Ich frage, Sie
antworten und dann adieu. Dann können Sie meinetwegen auch nachhause und so
schnell Sie wollen. "
"Wäre es nicht besser, wir kämen ein nächstes Mal zusammen? Zu gelegener Zeit?
In einem Kaffeehaus vielleicht? Überdies ist Ihr Fräulein Braut erst vor paar
Minuten weggegangen, Sie könnten sie noch gut einholen, sie hat solange
gewartet. "
"Nein", schrie ich in den Lärm der vorüberfahrenden Straßenbahn, "Sie entkommen
mir nicht. Sie gefallen mir immer besser. Sie sind ein Glücksfang. Ich
beglückwünsche mich. "
Da sagte er: "Ach Gott, Sie haben, wie man sagt, ein gesundes Herz und einen
Kopf aus einem Block. Sie nennen mich einen Glücksfang, wie glücklich müssen Sie
sein! Denn mein Unglück ist ein schwankendes Unglück, ein auf seiner Spitze
schwankendes Unglück und berührt man es, so fällt es auf den Frager. Und
deshalb: Gute Nacht. "
"Schön", sagte ich, überraschte ihn und faßte seine rechte Hand. "Antworten Sie
nicht freiwillig, werde ich Sie zwingen. Ich werde Ihnen folgen, rechts und
links, wohin Sie gehn, auch die Treppe zu Ihrem Zimmer hinauf und in Ihrem
Zimmer werde ich mich setzen, wo Platz sein wird. Ganz gewiß, schauen Sie mich
nur an, ich halte es schon aus. Wie aber werden Sie – " ich trat ganz zu ihm und
weil er um einen Kopf größer war, als ich, redete ich in seinen Hals hinein –
"wie aber werden Sie den Muth aufbringen, mich daran zu hindern?"
Da küßte er zurücktretend abwechselnd meine beiden Hände und machte sie mit
Tränen naß, "Ihnen kann man nichts verweigern. Ebenso wie Sie wußten, daß ich
gern nachhause gienge, wußte ich schon früher, daß ich Ihnen nichts verweigern
kann. Nur bitte ich, gehen wir lieber in die Seitengasse drüben. " Ich nickte
und wir giengen hin. Als uns ein Wagen trennte und ich zurückblieb, winkte er
mir mit beiden Händen, damit ich mich beeile.
Dort aber begnügte er sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der Laternen nur
weit voneinander und fast bis in der Höhe der ersten Stockwerke angebracht
waren, sondern er führte mich in den niedrigen Flurgang eines alten Hauses unter
ein Lämpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.
Über die Mulde einer eingetretenen Stufe breitete er sein Taschentuch und lud
mich zum Sitzen ein: "Sitzend können Sie besser fragen, ich bleibe stehn, da
kann ich besser antworten. Aber nicht quälen! "
Ich setzte mich, weil er die Sache so ernst nahm, mußte aber doch sagen: "Sie
führen mich in dieses Loch, als wären wir Verschwörer, während ich mit Ihnen nur
durch Neugier, Sie mit mir nur durch Angst verbunden sind. Im Grunde will ich
Sie ja nur fragen, warum Sie in der Kirche so beten. Wie benehmen Sie sich dort!
Wie ein vollkommener Narr! Wie lächerlich ist das, wie unangenehm den Zuschauern
und den Frommen unerträglich! "
Er hatte seinen Körper an die Mauer gepreßt, nur den Kopf bewegte er frei in der
Luft: "Nichts als Irrtum, denn die Frommen halten mein Benehmen für natürlich
und die übrigen halten es für fromm. "
"Mein Ärger ist eine Widerlegung dessen. "
"Ihr Ärger – angenommen daß es ein wirklicher Ärger ist – beweist nur, daß Sie
weder zu den Frommen noch zu den Übrigen gehören. "
"Sie haben recht, es war ein wenig übertrieben, wenn ich sagte, Ihr Benehmen
habe mich geärgert; nein, etwas neugierig hat es mich gemacht, wie ich anfangs
richtig gesagt habe. Aber Sie, zu wem gehören Sie?"
"Ach, mir macht es nur Spaß, von den Leuten angeschaut zu werden, sozusagen von
Zeit zu Zeit einen Schatten auf den Altar zu werfen. "
"Spaß?" fragte ich und mein Gesicht zog sich zusammen.
"Nein, wenn Sie es wissen wollen. Seien Sie mir nicht böse, daß ich es falsch
ausgedrückt habe. Nicht Spaß, Bedürfnis ist es für mich, Bedürfnis, von diesen
Blicken mich für eine kleine Stunde festhämmern zu lassen, während die ganze
Stadt um mich herum – "
"Was sagt Ihr da", rief ich viel zu laut für die kleine Bemerkung und den
niedrigen Gang, aber ich fürchtete mich dann zu verstummen oder die Stimme zu
schwächen, "wirklich was sagtet Ihr da. Jetzt merke ich bei Gott, daß ich von
allem Anfang an ahnte, in welchem Zustande Ihr seid. Ist es nicht dieses Fieber,
diese Seekrankheit auf festem Lande, eine Art Aussatz? Ist Euch nicht so, daß
Ihr vor lauter Hitze mit dem wahrhaftigen Namen der Dinge Euch nicht begnügen
könnt, davon nicht satt werdet und über sie jetzt in einer einzigen Eile
zufällige Namen schüttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid Ihr von ihnen
weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern,
die Ihr den 'Turm von Babel' genannt habt, denn Ihr wolltet nicht wissen, daß es
eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und Ihr müßt sie nennen 'Noah, wie er
betrunken war'. "
Er unterbrach mich: "Ich bin froh, daß ich das, was Ihr sagtet, nicht verstanden
habe. "
Aufgeregt sagte ich rasch: "Dadurch, daß Ihr darüber froh seid, zeigt Ihr, daß
Ihr es verstanden habt. "
"Sagte ich es nicht schon? Euch kann man nichts verweigern. "
Ich legte meine Hände auf eine obere Stufe, lehnte mich zurück und fragte in
dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringkämpfer
ist: "Verzeiht, aber das ist Unaufrichtigkeit, wenn Ihr eine Erklärung, die ich
Euch gebe, auf mich zurückwerfet. "
Daraufhin wurde er mutig. Er legte die Hände in einander, um seinem Körper eine
Einheit zu geben, und sagte unter leichtem Widerstreben: "Streitigkeiten über
Aufrichtigkeit habet Ihr gleich anfangs ausgeschlossen. Und wirklich, mich
kümmert nichts anderes mehr, als Euch meine Art zu beten ganz verständlich zu
machen. Wisset Ihr also, warum ich so bete? "
Er prüfte mich. Nein, ich wußte es nicht und ich wollte es auch nicht wissen.
Ich hatte ja auch nicht hierher kommen wollen, sagte ich mir damals, aber dieser
Mensch hatte mich geradezu gezwungen, ihm zuzuhören. Ich brauchte also bloß
meinen Kopf zu schütteln und alles war gut, aber gerade das konnte ich im
Augenblicke nicht.
Der Mensch mir gegenüber lächelte. Dann duckte er sich auf seine Knie nieder und
erzählte mit schläfriger Grimasse: "Jetzt endlich kann ich es Ihnen auch
verraten, warum ich mich von Ihnen habe ansprechen lassen. Aus Neugierde, aus
Hoffnung. Ihr Blick tröstet mich schon eine lange Zeit. Und ich hoffe von Ihnen
zu erfahren, wie es sich mit den Dingen eigentlich verhält, die um mich wie ein
Schneefall versinken, während vor andern schon ein kleines Schnapsglas auf dem
Tisch fest wie ein Denkmal steht. "
Da ich schwieg und nur eine unwillkürliche Zuckung mein Gesicht durchfuhr,
fragte er: "Sie glauben nicht daran, daß es andern Leuten so geht? Wirklich
nicht Ach hören Sie doch! Als ich, ein kleines Kind, nach einem kurzen
Mittagsschlaf die Augen öffnete, hörte ich, meines Lebens noch nicht ganz
sicher, meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: 'Was machen
Sie meine Liebe? Ist das aber eine Hitze! ' Eine Frau antwortete aus dem Garten:
'Ich jause so im Grünen. ' Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht besonders
deutlich, als hätte jene Frau die Frage, meine Mutter die Antwort erwartet. "
Ich glaubte, ich sei gefragt, daher griff ich in die hintere Hosentasche und
tat, als suchte ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur
meinen Anblick verändern, um meine Teilnahme am Gespräch zu zeigen. Dabei sagte
ich, daß dieser Vorfall überaus merkwürdig sei und daß ich ihn keineswegs
begreife. Ich fügte auch hinzu, daß ich an dessen Wahrheit nicht glaube und daß
er zu einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht durchschaue, erfunden sein
müsse. Dann schloß ich die Augen, um das schlechte Licht los zu werden.
"Seht doch nur, faßt Mut, da seid Ihr z. B. einmal meiner Meinung und aus
Uneigennützigkeit habt Ihr mich angehalten, mir das zu sagen. Ich verliere eine
Hoffnung und bekomme eine andere.
Nicht wahr, warum sollte ich mich schämen, daß ich nicht aufrecht und in
Schritten gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster schlage und nicht die
Kleider der Leute streife, welche laut vorübergehn. Sollte ich nicht vielmehr
mit Recht trotzig klagen dürfen, daß ich als Schatten ohne rechte Grenzen die
Häuser entlang hüpfe, manchmal in den Scheiben der Auslagsfenster verschwindend.
Was sind das für Tage, die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut,
daß bisweilen hohe Häuser einstürzen, ohne daß man einen äußern Grund finden
könnte. Ich klettere dann über die Schutthaufen und frage jeden, dem ich
begegne: 'Wie konnte das nur geschehn! In unserer Stadt – ein neues Haus – das
wievielte ist es heute schon! – bedenken Sie doch. ' Da kann mir keiner
antworten.
Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da öffnen alle
Geschäftsleute ihre mit Waren verhangenen Türen, kommen gelenkig herbei,
schaffen den Toten in ein Haus, kehren zurück, Lächeln um Mund und Augen, und
das Gerede fängt an: 'Guten Tag – der Himmel ist blaß – ich verkaufe viele
Kopftücher – ja, der Krieg.' Ich eile ins Haus und nachdem ich mehrere Male die
Hand mit dem gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an das
Fensterchen des Hausmeisters. 'Guter Mann', sage ich, 'mir ist, als wäre vor
kurzem ein toter Mensch zu Ihnen gebracht worden. Wären Sie nicht so freundlich,
mir ihn zu zeigen?' Und da er den Kopf schüttelt, als könne er sich nicht
entschließen, füge ich hinzu: 'Nehmen Sie sich in Acht! Ich bin Geheimpolicist
und will sofort den Toten sehn. ' Jetzt ist er nicht mehr unentschlossen:
'Hinaus! ' schreit er. 'Gewöhnt sich dieses Gesindel schon daran, hier jeden Tag
herumzukriechen! Hier ist kein Toter, vielleicht im Nebenhaus. ' Ich grüße und
gehe.
Dann aber, wenn ich einen großen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an
alles. Wenn man schon so große Plätze aus Übermuth baut, warum baut man nicht
auch ein Geländer quer über den Platz? Heute bläst einmal ein Südwestwind. Die
Spitze des Rathausturmes macht kleine Kreise. Alle Fensterscheiben lärmen und
die Laternenpfähle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der
Säule windet sich und die Luft reißt an ihm. Sieht es denn niemand? Die Herren
und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind einhält,
bleiben sie stehn, sagen einige Worte zueinander und verneigen sich grüßend,
stößt er aber wieder, können sie ihm nicht widerstehn und alle heben
gleichzeitig ihre Füße. Zwar müssen sie fest ihre Hüte halten, aber sie machen
lustige Augen und haben an der Witterung nicht das geringste auszusetzen. Nur
ich fürchte mich. "
Daraufhin konnte ich sagen: "Die Geschichte, die Sie früher erzählt haben von
Ihrer Frau Mutter und der Frau im Garten finde ich eigentlich gar nicht
merkwürdig. Nicht nur, daß ich viele derartige Geschichten gehört und erlebt
habe, ich habe sogar selbst bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz
natürlich. Meinen Sie denn wirklich, ich hätte, wenn ich im Sommer auf jenem
Balkon gewesen wäre, nicht dasselbe fragen und aus dem Garten dasselbe antworten
können? Ein so gewöhnlicher Vorfall!."
Als ich das gesagt hatte, schien er endlich beruhigt. Er sagte, daß ich hübsch
gekleidet sei und daß ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was für eine feine
Haut ich hätte. Und Geständnisse würden am klarsten, wenn man sie widerriefe.
Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich wollte rasch paar
Worte sagen, wenn auch nur, um sein Gesicht von meinem etwas zu entfernen. War
es doch schon so nahe über mir, daß ich mich zurückbeugen mußte, sonst wäre ich
mit seiner Stirn zusammengestoßen. Vorläufig aber lachte ich ihm stumm mit
offenem Munde ins Gesicht, schaute dann solange weg, bis das Lachen nachgelassen
hatte, brachte die Augen noch einmal zurück, konnte mir aber nicht helfen, mußte
gleich von neuem lachen und wandte mich wieder ab. Und bei dem allen wollte ich
nichts anderes, als schon zuhause in meinem Bett sein, vor mir die Wand und
alles andere hinter dem Rücken.
Auch war es jetzt in diesem Flurgang heiß, mein Gesicht fieng davon zu glühen
an. Um mir eine kleine Erleichterung zu verschaffen, beugte ich mich noch weiter
zurück, bis mir der Hut vom Kopfe fiel. Das Stiegengewölbe war oben mit
rötlichen Engeln und Blumen ausgemalt. Ich sah das an und wischte mit der bloßen
Hand den Schweiß von Stirn und Wangen ab.
Noch wollte ich aufstehn, den Menschen vor mir mit meinem ganzen Gewicht
wegschieben, das Tor aufmachen und in der Luft draußen atmen, wie ich es
brauchte. Ich stand auch auf, stieß hart mit den Absätzen auf den Boden, er
sprang hinter den vorgehaltenen Handflächen ein klein wenig zurück, ich umfaßte
das Holzgeländer und turnte dort ein Weilchen, um mich ans Stehen zu gewöhnen,
er aber lang, wie er war, legte sich auf die Treppe nieder, bog sich im Kreuz
durch, senkte sich wieder, gab die Beine von sich und streckte seine Arme auf
einer oberen Stufe völlig aus, so daß die Finger seiner linken Hand an der Wand
sich aufrichteten, die seiner rechten gegen den Unterbau der Treppe klopften.
Ich stellte mich außen an das Geländer und versperrte meinen Mund mit den
verschlungenen Händen. Er drehte langsam seinen Kopf auf der Kante einer Stufe,
bis er mir gerade ins Gesicht sehn konnte und sagte dann: "Wie ein Faulpelz auf
dem Quai stehst Du dort und ich liege da wie ertrunken. "
"Das wäre nicht so schlecht", dachte ich, erhob den Kopf und sagte: "Du hast es
Dir aber wirklich bequem gemacht." Meine Lippen waren so trocken, daß ich es
nicht glaubte und hingriff.
Er schüttelte meine Bemerkung ab und sagte: "Früher war es umgekehrt, nur bin
ich nicht so teilnahmslos dagestanden, wie Du jetzt. "
Ich blieb bei meinem: "Ich sagte, daß Du es Dir hier bequem machst" und
gezwungen durch die Worte lächelte ich.
" Tut es Dir vielleicht leid? " sagte er und schloß auf einmal die Augen, "wenn
es Dir leid tut, mach doch das Tor auf und atme draußen in der Luft wie Du es
brauchst. "
"Du! " rief ich – das war ein Vorwurf –, umlief blind wie im Gefecht mit kleinen
Schritten das Geländer und neben ihn fallend fieng ich erst auf seiner Brust zu
weinen an.
"Aber! aber!" sagte er und streichelte mein Haar, "Du Narr, ich kann ja nicht
aufstehn! Willst Du mich denn um jeden Preis erdrücken! Nein, wenn Du kein Narr
bist! "
Aber ich wußte in der Schnelligkeit des Weinens keinen bessern Platz für mein
Gesicht und so ließ ich es, wo es war.
"Daß Du das nicht bemerkt hast! " sagte er weiter. "Von allem Anfang an wollte
ich Dich ja zum Weinen bringen.
Kein Wort habe ich ohne diese Absicht gesagt, bis ich endlich fast die Hoffnung
aufgegeben hatte, daß es mir noch gelingen wird. Da mach ich noch einen Spaß zum
Schluß und wirklich Du machst mir das Vergnügen und fängst zu weinen an. Geh!
Schäm Dich! "
"Ich weine ja nicht mehr", sagte ich und schaute ihn an, wobei ich das Kinn auf
ihn stützte, " wenn ich so einen Freund habe, wie Dich, werde ich doch nicht
weinen. " Ich weinte aber noch weiter, denn ich konnte nicht gleich aufhören.
"Das wäre aber auch dumm", sagte er, verrenkte sich fast den Hals, um mich sehn
zu können, nahm mir das Taschentuch aus der Hand und trocknete meine Augen ab,
"Unzufriedenheit wäre ja noch lange kein Grund zum Weinen, wo aber wäre in der
Welt auch nur für die Unzufriedenheit ein Grund zu finden! Genau so wie es ist,
so soll es bleiben. Die Angst, daß es sich ändern könnte, wäre mein äußerstes
Zugeständnis. "
"Denn schau – Dir sag ich’s – wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen,
Türme, Mauern, Vorhänge aus Seide und wir könnten uns viel darüber wundern, wenn
wir Zeit dazu hätten. Und wir erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir
flattern, wenn wir auch schon fast häßlicher sind als Fledermäuse. Dafür kann
uns aber kaum jemand hindern, an einem schönen Tage zu sagen: 'Nein, dieser
schöne Tag! ' Denn schon sind wir auf unserer Erde eingerichtet und leben auf
Grund unseres Einverständnisses. "
Dabei gab er mir einen solchen Schlag auf den Rücken, daß ich erschrak, mich
erhob und lieber über ihn gebeugt blieb, die Hände an seinen Achseln. "Mußt
besser aufpassen", sagte er, lachte und schüttelte mich mit. "Weißt Du denn
schon, daß wir so sind, wie Baumstämme im Schnee? Die liegen doch scheinbar nur
glatt auf und man sollte sie mit kleinem Anstoß wegschieben können. Aber nein,
das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Schon gut, aber
selbst das ist bloß scheinbar. "
"No siehst Du", sagte ich. Da schob er mit einem Ruck meine Hände zur Seite, ich
fiel mit dem Mund auf seinen Mund und bekam sofort einen Kuß.
"So, und jetzt gehn wir", sagte er und wir standen beide auf.
"Aber Deine Mutter! " sagte ich noch. "Das muß eine Frau gewesen sein! Wenn ich
so eine Mutter gehabt hätte! "
"Was hat sie mir denn genützt? Vergiß an die Geschichte!" sagte er und staubte
mir den Rock mit meinem Taschentuch ab.
"Ja, verbiete mir auch das noch! " sagte ich und gieng einen Schritt weiter, so
daß er mir mit dem Taschentuch nachgehen mußte.
"Was willst Du?" sagte er. "Es ist doch eine erfundene Geschichte. Die Erfindung
sieht man ihr doch aus der Ferne an."
"Ich weiß schon", sagte ich.
"Nichts weißt Du! " sagte er. "Und die Gesellschaft, in die Du heute abend gehen
sollst?"
"Wirklich, diese Gesellschaft! Denk Dir, ich hätte an die Gesellschaft ganz
vergessen! Diese Vergeßlichkeit! Diese Vergeßlichkeit ist übrigens etwas ganz
neues an mir. "
"Mein Verdienst!"
"Wird schon sein! Wirst Du mich dafür wenigstens hinbegleiten? Es ist nicht
weit. Ja?"
" Selbstverständlich. "
"Und mit hinaufgehn? Bitte! "
"Das wieder nicht."
"Warum nicht Und wenn ich Dich schön bitte? Dann ja, nicht wahr?"
"Vorläufig komm nur! Es ist ja schon spät! "
"Ich weiß gar nicht, ob ich ohne Dich überhaupt in die Gesellschaft geh. "
"Also komm nur! Komm! Für Dich ist eben keine Hilfe, da es Dir hier am besten zu
gefallen scheint. "
"Fast", sagte ich, nagte an der Unterlippe und sah ihn an. Er umfaßte meinen
Rücken mit einem Arm, öffnete das Tor und schob mich vor sich hinaus.
So traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zerstoßene Wölkchen blies
mein Freund weg, so daß sich jetzt die ununterbrochene Fläche der Sterne uns
darbot. Er gieng doch ziemlich mühsam, machte aber keinen feinen Eindruck, sah
eher wie ein kranker Bauer aus. Er legte seine Hand auf meine Schulter, wie um
mir ganz nahe zu sein, aber eigentlich wollte er sich stützen; ich duldete es
und zog sogar seine Hand an den Fingerspitzen weiter die Achsel hinauf.
Vor dem Hause, in das ich geladen war, blieb ich mit ihm stehn.
"Also adieu", sagte ich.
"Hier ist es also"
"Ja, hier. "
"Es war nicht weit. "
"Ich sagte es ja. "
"Du", sagte ich und gab ihm einen kurzen Stoß mit dem Knie, "schlaf nicht ein."
Als er die Augen aufschlug, glitten meine Blicke von seinem Gesicht überall
hinab; wie ich mich auch anstrengte sie oben zu halten, ich sah immerfort nur
seinen Hals. "Du wärst fast eingeschlafen", sagte ich und weil ich mein
zerfahrendes Gesicht nicht anrühren und doch irgendwie fest machen wollte,
lächelte ich, so daß es schien, ich hielte, das was ich gesagt hatte, für einen
Scherz. Das merkte ich gleich und fror unter meinem Mantel, ohne daß ich das
Gefühl für die mäßige Kühle der Nacht und die Wärme des Mantels verlor. So
wollte mir die nächste Welt in dem Augenblick in dem ich sie erkannte
wegmarschieren oder über den Kopf wegfliegen und ich sollte glauben, mit dem
Stoß des Knies hätte ich sie eigentlich erweckt.
"Du bist wirklich roh", sagte er, ein wenig hielt er die untere Lippe hinter der
oberen vielleicht noch vom Schlaf her, "da weckt er mich mit dem Knie. Und
überhaupt bist Du gegen mich roh. "
"Du bist aber empfindlich! Warst denn so schlimme Jetzt hast Du Dich also vor
der Öffentlichkeit über mich beklagt. Da muß ich mich ihr aber auch zeigen. "
Ich drehte mich zur Gasse und nahm den Hut vor ihr ab.
"Du sollst mich aber nicht stoßen. "
"Natürlich soll ich das nicht. Aber Du wärst doch eingeschlafen, wenn ich Dich
nicht geweckt."
"Ich hab doch wirklich geschlafen, erkennst Du das nicht einmal mehr. "
Labels: Kampfes

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