Der Wanderer und sein Schatten
Der Wanderer und sein Schatten
Der Wanderer und sein Schatten
Friedrich Wilhelm Nietzsche
Der Schatten: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine
Gelegenheit geben. Der Wanderer: Es redet: - wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte
ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist. Der
Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?
Der Wanderer: Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet;
ich höre es, aber glaube es nicht. Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir
nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist alles vorbei. Der Wanderer: Ganz so
dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kamele sah. Der
Schatten: Es ist gut, daß wir beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn
einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche nicht
ärgerlich werden und nicht gleich dem andern Daumenschrauben anlegen, falls sein
Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiß man gerade nicht zu antworten, so genügt
es schon, etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit
jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal
zum Narren Und dreimal zum Tropf. Der Wanderer: Deine Genügsamkeit ist nicht
schmeichelhaft für den, welchem du sie eingestehst. Der Schatten: Soll ich denn
schmeicheln? Der Wanderer: Ich dachte, der menschliche Schatten sei seine Eitelkeit;
diese aber würde nie fragen: "soll ich denn schmeicheln?" Der Schatten: Die
menschliche Eitelkeit, soweit ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal
tat, ob sie reden dürfe: sie redet immer. Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich
gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie
sehr ich mich freue, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich
liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts,
Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so
nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den
Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach. Der
Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen,
weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie
erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten,
welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, - jener
Schatten bin ich auch. Der Wanderer: Ich glaube dich zu verstehen, ob du dich gleich
etwas schattenhaft ausgedrückt hast. Aber du hattest recht: gute Freunde geben
einander hier und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständnisses, welches für
jeden dritten ein Rätsel sein soll. Und wir sind gute Freunde. Deshalb genug des
Vorredens! Ein paar hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die Zeit, da du auf
sie antworten kannst, ist vielleicht nur kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und
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Friedfertigkeit miteinander zusammenkommen. Der Schatten: Aber die Schatten sind
schüchterner als die Menschen: du wirst niemandem mitteilen, wie wir zusammen
gesprochen haben! Der Wanderer: Wie wir zusammen gesprochen haben? Der
Himmel behüte mich vor langgesponnenen, schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato
weniger Lust am Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust an Plato haben.
Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit ergötzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein
Gemälde mit lauter falschen Perspektiven: Alles ist zu lang oder zu kurz. - Doch werde
ich vielleicht mitteilen dürfen, worüber wir übereingekommen sind? Der Schatten:
Damit bin ich zufrieden; denn alle werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen:
des Schattens wird niemand gedenken. Der Wanderer: Vielleicht irrst du, Freund! Bis
jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten wahrgenommen als mich. Der
Schatten: Mehr den Schatten als das Licht? Ist es möglich? Der Wanderer: Sei
ernsthaft, lieber Narr! Gleich meine erste Frage verlangt Ernst. -
1
Vom Baum der Erkenntnis. - Wahrscheinlichkeit, aber keine Wahrheit:
Freischeinlichkeit, aber keine Freiheit, - diese beiden Früchte sind es, derentwegen der
Baum der Erkenntnis nicht mit dem Baum des Lebens verwechselt werden kann.
2
Die Vernunft der Welt. - Daß die Welt nicht der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist,
läßt sich endgültig dadurch beweisen, daß jenes Stück Welt, welches wir kennen - ich
meine unsre menschliche Vernunft -, nicht allzu vernünftig ist. Und wenn sie nicht
allezeit und vollständig weise und rationell ist, so wird es die übrige Welt auch nicht
sein; hier gilt der Schluß a minori ad majus, a parte ad totum, und zwar mit
entscheidender Kraft.
3
"Am Anfang war." - Die Entstehung verherrlichen - das ist der metaphysische
Nachtrieb, welcher bei der Betrachtung der Historie wieder ausschlägt und durchaus
meinen macht, am Anfang aller Dinge stehe das Wertvollste und Wesentlichste.
4
Maß für den Wert der Wahrheit. - Für die Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer
Besteigung durchaus kein Maßstab. Und in der Wissenschaft soll es anders sein! -
sagen uns einige, die für eingeweiht gelten wollen -, die Mühsal um die Wahrheit soll
gerade über den Wert der Wahrheit entscheiden! Diese tolle Moral geht von dem
Gedanken aus, daß die "Wahrheiten" eigentlich nichts weiter seien, als
Turngerätschaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten, - eine Moral für
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Athleten und Festturner des Geistes.
5
Sprachgebrauch und Wirklichkeit. - Es gibt eine erheuchelte Mißachtung aller der
Dinge, welche tatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, aller nächsten Dinge.
Man sagt zum Beispiel "man ißt nur, um zu leben," - eine verfluchte Lüge, wie jene,
welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet.
Umgekehrt ist die Hochschätzung der "wichtigsten Dinge" fast niemals ganz echt: die
Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf diesen Gebieten durchaus an einen
heuchlerisch übertreibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht
umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt wie jene
verachteten nächsten Dinge. - Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist
immerhin, daß man die nächsten Dinge, zum Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden,
Verkehren, nicht zum Objekt des stetigen unbefangenen und allgemeinen
Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil dies für herabwürdigend gilt, seinen
intellektuellen und künstlerischen Ernst davon abwendet; so daß hier die Gewohnheit
und die Frivolität über die Unbedachtsamen, namentlich über die unerfahrene Jugend,
leichten Sieg haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstöße gegen die
einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns alle, Jüngere und Ältere, in eine
beschämende Abhängigkeit und Unfreiheit bringen, - ich meine in jene im Grunde
überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt
immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt.
6
Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Hauptursache. - Man trifft, wenn man sich
umsieht, immer auf Menschen, welche ihr Lebenlang Eier gegessen haben, ohne zu
bemerken, daß die länglichten die wohlschmeckendsten sind, welche nicht wissen, daß
ein Gewitter dem Unterleib förderlich ist, daß Wohlgerüche in kalter, klarer Luft am
stärksten riechen, daß unser Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes
ungleich ist, daß jede Mahlzeit, bei der man gut spricht oder gut hört, dem Magen
Nachteil bringt. Man mag mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungssinn
nicht zufrieden sein, um so mehr möge man zugestehen, daß die allernächsten Dinge
von den meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden. Und ist dies
gleichgültig? - Man erwäge doch, daß aus diesem Mangel sich fast alle leiblichen und
seelischen Gebrechen der einzelnen ableiten: nicht zu wissen, was uns förderlich, was
uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise, Verteilung des Tages, Zeit und
Auswahl des Verkehres, in Beruf und Muße, Befehlen und Gehorchen, Natur- und
Kunstempfinden, Essen, Schlafen und Nachdenken; im Kleinsten und Alltäglichsten
unwissend zu sein und keine scharfen Augen zu haben - das ist es, was die Erde für
so viele zu einer "Wiese des Unheils" macht. Man sage nicht, es liege hier wie überall
an der menschlichen Unvernunft: vielmehr - Vernunft genug und übergenug ist da,
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aber sie wird falsch gerichtet und künstlich von jenen kleinen und allernächsten Dingen
abgelenkt. Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht der Idealisten jeder Art,
der gröberen und feineren, reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz
anderes an: auf das Heil der Seele den Staatsdienst, die Förderung der Wissenschaft
oder auf Ansehen und Besitz, als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu
erweisen, während das Bedürfnis des einzelnen, seine große und kleine Not innerhalb
der vierundzwanzig Tagesstunden etwas Verächtliches oder Gleichgültiges sei. -
Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmütige
Vernachlässigung des Menschlichen zugunsten des Menschen und liebte es, mit
einem Worte Homers, an den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und
Nachdenkens zu mahnen: das ist es und nur das, sagte er, "was mir zu Hause an
Gutem und Schlimmem begegnet".
7
Zwei Trostmittel. - Epikur, der Seelen-Beschwichtiger des späteren Altertums, hatte
jene wundervolle Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu finden ist, daß zur
Beruhigung des Gemüts die Lösung der letzten und äußersten theoretischen Fragen
gar nicht nötig sei. So genügte es ihm, solchen, welche "die Götterangst" quälte, zu
sagen: "wenn es Götter gibt, so bekümmern sie sich nicht um uns", - anstatt über die
letzte Frage, ob es Götter überhaupt gebe, unfruchtbar und aus der Ferne zu
disputieren. Jene Position ist viel günstiger und mächtiger: man gibt dem andern einige
Schritte vor und macht ihn so zum Hören und Beherzigen gutwilliger. Sobald er sich
aber anschickt das Gegenteil zu beweisen - daß die Götter sich um uns bekümmern -,
in welche Irrsale und Dorngebüsche muß der Arme geraten, ganz von selber, ohne die
List des Unterredners, der nur genug Humanität und Feinheit haben muß, um sein
Mitleiden an diesem Schauspiele zu verbergen. Zuletzt kommt jener andere zum Ekel,
dem stärksten Argument gegen jeden Satz, zum Ekel an seiner eigenen Behauptung;
er wird kalt und geht fort mit derselben Stimmung, wie sie auch der reine Atheist hat:
"was gehen mich eigentlich die Götter an! hole sie der Teufel!" - In anderen Fällen,
namentlich wenn eine halb physische, halb moralische Hypothese das Gemüt
verdüstert hatte, widerlegte er nicht diese Hypothese, sondern gestand ein, daß es
wohl so sein könne: aber es gebe noch eine zweite Hypothese, um dieselbe
Erscheinung zu erklären; vielleicht könne es sich auch noch anders verhalten. Die
Mehrheit der Hypothesen genügt auch in unserer Zeit noch, zum Beispiel über die
Herkunft der Gewissensbisse, um jenen Schatten von der Seele zu nehmen, der aus
dem Nachgrübeln über eine einzige, allein sichtbare und dadurch hundertfach
überschätzte Hypothese so leicht entsteht. - Wer also Trost zu spenden wünscht, an
Unglückliche, Übeltäter, Hypochonder, Sterbende, möge sich der beiden beruhigenden
Wendungen Epikurs erinnern, welche auf sehr viele Fragen sich anwenden lassen. In
der einfachsten Form würden sie etwa lauten: erstens, gesetzt es verhält sich so, so
geht es uns nichts an; zweitens: es kann so sein, es kann aber auch anders sein.
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8
In der Nacht. - Sobald die Nacht hereinbricht, verändert sich unsere Empfindung über
die nächsten Dinge. Da ist der Wind, der wie auf verbotenen Wegen umgeht, flüsternd,
wie etwas suchend, verdrossen, weil er's nicht findet. Da ist das Lampenlicht, mit
trübem rötlichem Scheine, ermüdet blickend, der Nacht ungern widerstrebend, ein
ungeduldiger Sklave des wachen Menschen. Da sind die Atemzüge des Schlafenden,
ihr schauerlicher Takt, zu der eine immer wiederkehrende Sorge die Melodie zu blasen
scheint, - wir hören sie nicht, aber wenn die Brust des Schlafenden sich hebt, so fühlen
wir uns geschnürten Herzens, und wenn der Atem sinkt und fast ins Totenstille erstirbt,
sagen wir uns "ruhe ein wenig, du armer gequälter Geist!" - wir wünschen allem
Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe; die Nacht überredet zum Tode. -
Wenn die Menschen der Sonne entbehrten und mit Mondlicht und Öl den Kampf gegen
die Nacht führten, welche Philosophie würde um sie ihren Schleier hüllen! Man merkt
es ja dem geistigen und seelischen Wesen des Menschen schon zu sehr an, wie es
durch die Hälfte Dunkelheit und Sonnen-Entbehrung, von der das Leben umflort wird,
im ganzen verdüstert ist.
9
Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist. - Über dem einen steht die
Notwendigkeit in der Gestalt seiner Leidenschaften, über dem andern als Gewohnheit
zu hören und zu gehorchen, über dem dritten als logisches Gewissen, über dem
vierten als Laune und mutwilliges Behagen an Seitensprüngen. Von diesen vieren wird
aber gerade da die Freiheit ihres Willens gesucht, wo jeder von ihnen am festesten
gebunden ist: es ist, als ob der Seidenwurm die Freiheit seines willens gerade im
Spinnen suchte. Woher kommt dies? Ersichtlich daher, daß jeder sich dort am meisten
für frei hält, wo sein Lebensgefühl am größten ist, also, wie gesagt, bald in der
Leidenschaft, bald in der Pflicht, bald in der Erkenntnis, bald im Mutwillen. Das,
wodurch der einzelne Mensch stark ist, worin er sich belebt fühlt, meint er unwillkürlich,
müsse auch immer das Element seiner Freiheit sein: er rechnet Abhängigkeit und
Stumpfsinn, Unabhängigkeit und Lebensgefühl als notwendige Paare zusammen. -
Hier wird eine Erfahrung, die der Mensch im gesellschaftlich-politischen Gebiete
gemacht hat, fälschlich auf das allerletzte metaphysische Gebiet übertragen: dort ist
der starke Mann auch der freie Mann, dort ist lebendiges Gefühl von Freude und Leid,
Höhe des Hoffens, Kühnheit des Begehrens, Mächtigkeit des Hassens das Zubehör
der Herrschenden und Unabhängigen, während der Unterworfene, der Sklave,
gedrückt und stumpf lebt. - Die Lehre von der Freiheit des Willens ist eine Erfindung
herrschender Stände.
10
Keine neuen Ketten fühlen. - So lange wir nicht fühlen, daß wir irgend wovon
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abhängen, halten wir uns für unabhängig: ein Fehlschluß, welcher zeigt, wie stolz und
herrschsüchtig der Mensch ist. Denn er nimmt hier an, daß er unter allen Umständen
die Abhängigkeit, sobald er sie erleide, merken und erkennen müsse, unter der
Voraussetzung, daß er in der Unabhängigkeit für gewöhnlich lebe und sofort, wenn er
sie ausnahmsweise verliere, einen Gegensatz der Empfindung spüren werde. - Wie
aber, wenn das Umgekehrte wahr wäre: daß er immer in vielfacher Abhängigkeit lebt,
sich aber für frei hält, wo er den Druck der Kette aus langer Gewohnheit nicht mehr
spürt? Nur an den neuen Ketten leidet er noch: - "Freiheit des Willens" heißt eigentlich
nichts weiter, als keine neuen Ketten fühlen.
11
Die Freiheit des Willens und die Isolation der Fakta. - Unsere gewohnte ungenaue
Beobachtung nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als eins und nennt sie ein
Faktum: zwischen ihm und einem andern Faktum denkt sie sich einen leeren Raum
hinzu, sie isoliert jedes Faktum. In Wahrheit aber ist all unser Handeln und Erkennen
keine Folge von Fakten und leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluß.
Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit der Vorstellung eines
beständigen, einartigen, ungeteilten, unteilbaren Fließens unverträglich: er setzt
voraus, daß jede einzelne Handlung isoliert und unteilbar ist; er ist eine Atomistik im
Bereiche des Wollens und Erkennens. - Gerade so wie wir Charaktere ungenau
verstehen, so machen wir es mit den Fakten: wir sprechen von gleichen Charakteren,
gleichen Fakten: beide gibt es nicht. Nun loben und tadeln wir aber nur unter dieser
falschen Voraussetzung, daß es gleiche Fakta gebe, daß eine abgestufte Ordnung von
Gattungen der Fakten vorhanden sei, welcher eine abgestufte Wertordnung
entspreche: also wir isolieren nicht nur das einzelne Faktum, sondern auch wiederum
die Gruppen von angeblich kleinen Fakten (gute, böse, mitleidige, (neidische
Handlungen usw.) - beide Male irrtümlich. - Das Wort und der Begriff sind der
sichtbarste Grund, weshalb wir an diese Isolation von Handlungen-Gruppen glauben:
mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das
Wahre derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch
fortwährend verführt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt
voneinander, unteilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische
Mythologie in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so
vorsichtig man sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens, das heißt
der gleichen Fakten und der isolierten Fakten, - hat in der Sprache seinen beständigen
Evangelisten und Anwalt.
12
Die Grundirrtümer. - Damit der Mensch irgend eine seelische Lust oder Unlust
empfinde, muß er von einer dieser beiden Illusionen beherrscht sein: entweder glaubt
er an die Gleichheit gewisser Fakta, gewisser Empfindungen: dann hat er durch die
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Vergleichung jetziger Zustände mit früheren und durch Gleich- oder Ungleichsetzung
derselben (wie sie bei aller Erinnerung stattfindet) eine seelische Lust oder Unlust;
oder er glaubt an die Willens-Freiheit, etwa wenn er denkt "dies hätte ich nicht tun
müssen", "dies hätte anders auslaufen können", und gewinnt daraus ebenfalls Lust
oder Unlust. Ohne die Irrtümer, welche bei jeder seelischen Lust und Unlust tätig sind,
würde niemals ein Menschentum entstanden sein - dessen Grundempfindung ist und
bleibt, daß der Mensch der Freie in der Welt der Unfreiheit sei, der ewige Wundertäter,
sei es, daß er gut oder böse handelt, die erstaunliche Ausnahme, das Übertier, der
Fast-Gott, der Sinn der Schöpfung, der Nichthinwegzudenkende, das Lösungswort des
kosmischen Rätsels, der große Herrscher über die Natur und Verächter derselben, das
Wesen, das seine Geschichte Weltgeschichte nennt! - Vanitas vanitatum homo.
13
Zweimal sagen. - Es ist gut, eine Sache sofort doppelt auszudrücken und ihr einen
rechten und einen linken Fuß zu geben. Auf einem Bein kann die Wahrheit zwar
stehen; mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen.
14
Der Mensch der Komödiant der Welt. - Es müßte geistigere Geschöpfe geben, als die
Menschen sind, bloß um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, daß der
Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht und die Menschheit
sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission zufrieden gibt. Hat ein Gott die
Welt geschaffen, so schuf er den Menschen zum Affen Gottes, als fortwährenden
Anlaß zur Erheiterung in seinen allzulangen Ewigkeiten. Die Sphärenmusik um die
Erde herum wäre dann wohl das Spottgelächter aller übrigen Geschöpfe um den
Menschen herum. Mit dem Schmerz kitzelt jener gelangweilte Unsterbliche sein
Lieblingstier, um an den tragisch-stolzen Gebärden und Auslegungen seiner Leiden,
überhaupt an der geistigen Erfindsamkeit des eitelsten Geschöpfes seine Freude zu
haben - als Erfinder dieses Erfinders. Denn wer den Menschen zum Spaße ersann,
hatte mehr Geist als dieser, und auch mehr Freude am Geist. - Selbst hier noch, wo
sich unser Menschentum einmal freiwillig demütigen will, spielt uns die Eitelkeit einen
Streich, indem wir Menschen wenigstens in dieser Eitelkeit etwas ganz
Unvergleichliches und Wunderhaftes sein möchten. Unsere Einzigkeit in der Welt! ach,
es ist eine gar zu unwahrscheinliche Sache! Die Astronomen, denen mitunter wirklich
ein erdentrückter Gesichtskreis zuteil wird, geben zu verstehen, daß der Tropfen Leben
in der Welt für den gesamten Charakter des ungeheuren Ozeans von Werden und
Vergehen ohne Bedeutung ist: daß ungezählte Gestirne ähnliche Bedingungen zur
Erzeugung des Lebens haben wie die Erde, sehr viele also, - freilich kaum eine
Handvoll im Vergleich zu den unendlich vielen, welche den lebenden Ausschlag nie
gehabt haben oder von ihm längst genesen sind: daß das Leben auf jedem dieser
Gestirne, gemessen an der Zeitdauer seiner Existenz, ein Augenblick, - ein Aufflackern
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gewesen ist, mit langen, langen Zeiträumen hinterdrein, - also keineswegs das Ziel und
die letzte Absicht ihrer Existenz. Vielleicht bildet sich die Ameise im Walde ebenso
stark ein, daß sie Ziel und Absicht der Existenz des Waldes ist, wie wir dies tun, wenn
wir an den Untergang der Menschheit in unserer Phantasie fast unwillkürlich den
Erduntergang anknüpfen: ja wir sind noch bescheiden, wenn wir dabei stehnbleiben
und zur Leichenfeier des letzten Menschen nicht eine allgemeine Welt- und
Götterdämmerung veranstalten. Der unbefangenste Astronom selber kann die Erde
ohne Leben kaum anders empfinden als wie den leuchtenden und schwebenden
Grabhügel der Menschheit.
15
Bescheidenheit des Menschen. - Wie wenig Lust genügt den meisten, um das Leben
gut zu finden, wie bescheiden ist der Mensch!
16
Worin Gleichgültigkeit not tut. - Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die
Wissenschaft über die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird, und
bis dahin auf die herkömmliche Weise denken (und namentlich glauben!) - wie dies so
oft angeraten wird. Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus nur Sicherheiten haben zu
wollen, ist ein religiöser Nachtrieb, nichts Besseres, - eine versteckte und nur
scheinbar skeptische Art des "metaphysischen Bedürfnisses", mit dem Hintergedanken
verkuppelt, daß noch lange Zeit keine Aussicht auf diese letzten Sicherheiten
vorhanden und bis dahin der "Gläubige" im Recht ist, sich um das ganze Gebiet nicht
zu kümmern. Wir haben diese Sicherheiten um die alleräußersten Horizonte gar nicht
nötig, um ein volles und tüchtiges Menschentum zu leben: ebensowenig als die Ameise
sie nötig hat, um eine gute Ameise zu sein. Vielmehr müssen wir uns darüber ins Klare
bringen, woher eigentlich jene fatale Wichtigkeit kommt, die wir jenen Dingen so lange
beigelegt haben: und dazu brauchen wir die Historie der ethischen und religiösen
Empfindungen. Denn nur unter dem Einfluß dieser Empfindungen sind uns jene
allerspitzesten Fragen der Erkenntnis so erheblich und furchtbar geworden: man hat in
die äußersten Bereiche, wohin noch das geistige Auge dringt, ohne in sie
einzudringen, solche Begriffe wie Schuld und Strafe (und zwar ewige Strafe!)
hineinverschleppt: und dies um so unvorsichtiger, je dunkler diese Bereiche waren.
Man hat seit alters mit Verwegenheit dort phantasiert, wo man nichts feststellen
konnte, und seine Nachkommen überredet, diese Phantasien für Ernst und Wahrheit
zu nehmen, zuletzt mit dem abscheulichen Trumpfe: daß Glauben mehr wert sei, als
Wissen. Jetzt nun tut in Hinsicht auf jene letzten Dinge nicht Wissen gegen Glauben
not, sondern Gleichgültigkeit gegen Glauben und angebliches Wissen auf jenen
Gebieten! - Alles andere muß uns näherstehen als das, was man uns bisher als das
Wichtigste vorgepredigt hat - ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Los
hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Kuriosa lauten
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Der Wanderer und sein Schatten
mögen. Ebensowenig wie diese Fragen der Religiösen gehen uns die Fragen der
philosophischen Dogmatiker an, mögen sie nun Idealisten oder Materialisten oder
Realisten sein. Sie allesamt sind darauf aus, uns zu einer Entscheidung auf Gebieten
zu drängen, wo weder Glauben noch Wissen not tut; selbst für die größten Liebhaber
der Erkenntnis ist es nützlicher, wenn um alles Erforschbare und der Vernunft
Zugängliche ein umnebelter trügerischer Sumpfgürtel sich legt, ein Streifen des
Undurchdringlichen, Ewig - Flüssigen und Unbestimmbaren. Gerade durch die
Vergleichung mit dem Reich des Dunkels am Rande der Wissens-Erde steigt die helle
und nahe, nächste Welt des Wissens stets im Werte. - Wir müssen wieder gute
Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie
hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken. In Wäldern und Höhlen, in
sumpfigen Strichen und unter bedeckten Himmeln - da hat der Mensch, als auf den
Kulturstufen ganzer Jahrtausende, allzulange gelebt, und dürftig gelebt. Dort hat er die
Gegenwart und die Nachbarschaft und das Leben und sich selbst verachten gelernt -
und wir, wir Bewohner der lichteren Gefilde der Natur und des Geistes, bekommen jetzt
noch, durch Erbschaft, etwas von diesem Gift der Verachtung gegen das Nächste in
unser Blut mit.
17
Tiefe Erklärungen. - Wer die Stelle eines Autors "tiefer erklärt", als sie gemeint war, hat
den Autor nicht erklärt, sondern verdunkelt. So stehen unsre Metaphysiker zum Texte
der Natur; ja noch schlimmer. Denn um ihre tiefen Erklärungen anzubringen, richten sie
sich häufig den Text erst daraufhin zu: das heißt, sie verderben ihn. Um ein kurioses
Beispiel für Textverderbnis und Verdunkelung des Autors zu geben, so mögen hier
Schopenhauers Gedanken über die Schwangerschaft der Weiber stehen. Das
Anzeichen des steten Daseins des Willens zum Leben in der Zeit, sagt er, ist der
Koitus; das Anzeichen des diesem Willen aufs Neue zugesellten, die Möglichkeit der
Erlösung offenhaltenden Lichtes der Erkenntnis, und zwar im höchsten Grade der
Klarheit, ist die erneuerte Menschwerdung des Willens zum Leben. Das Zeichen dieser
ist die Schwangerschaft, welche daher frank und frei, ja stolz einhergeht, während der
Koitus sich verkriecht wie ein Verbrecher. Er behauptet, daß jedes Weib, wenn beim
Generationsakt überrascht, vor Scham vergehn möchte, aber "ihre Schwangerschaft,
ohne eine Spur von Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt." Vor allem läßt sich
dieser Zustand nicht so leicht mehr zur Schau tragen, als er sich selber zur Schau
trägt; indem Schopenhauer aber gerade nur die Absichtlichkeit des Zur-Schau-Tragens
hervorhebt, bereitet er sich den Text vor, damit dieser zu der bereitgehaltenen
"Erklärung" passe. Sodann ist das, was er über die Allgemeinheit des zu erklärenden
Phänomens sagt, nicht wahr: er spricht von "jedem Weibe"; viele, namentlich die
jüngeren Frauen, zeigen aber in diesem Zustande, selbst vor den nächsten
Anverwandten, oft eine peinliche Verschämtheit; und wenn Weiber reiferen und reifsten
Alters, zumal solche aus dem niederen Volke, in der Tat sich auf jenen Zustand etwas
zugute tun sollten, so geben sie wohl damit zu verstehen, daß sie noch von ihren
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Männern begehrt werden. Daß bei ihrem Anblick der Nachbar und die Nachbarin oder
ein vorübergehender Fremder sagt oder denkt: "sollte es möglich sein -", dieses
Almosen wird von der weiblichen Eitelkeit bei geistigem Tiefstande immer noch gern
angenommen. Umgekehrt würden, wie aus Schopenhauers Sätzen zu folgern wäre,
gerade die klügsten und geistigsten Weiber am meisten über ihren Zustand öffentlich
frohlocken: sie haben ja die meiste Aussicht, ein Wunderkind des Intellekts zu gebären,
in welchem "der Wille" sich zum allgemeinen Besten wieder einmal "verneinen" kann;
die dummen Weiber hätten dagegen allen Grund, ihre Schwangerschaft noch
schamhafter zu verbergen als alles, was sie verbergen. - Man kann nicht sagen, daß
diese Dinge aus der Wirklichkeit genommen sind. Gesetzt aber, Schopenhauer hätte
ganz im allgemeinen darin recht, daß die Weiber im Zustande der Schwangerschaft
eine Selbstgefälligkeit mehr zeigen, als sie sonst zeigen, so läge doch eine Erklärung
näher zur Hand als die seinige. Man könnte sich ein Gakkern der Henne auch vor dem
Legen des Eies denken, des Inhaltes: Seht! Seht! Ich werde ein Ei legen! Ich werde ein
Ei legen!
18
Der moderne Diogenes. - Bevor man den Menschen sucht, muß man die Laterne
gefunden haben. - Wird es die Laterne des Zynikers sein müssen?
19
Immoralisten. - Die Moralisten müssen es sich jetzt gefallen lassen, Immoralisten
gescholten zu werden, weil sie die Moral sezieren. Wer aber sezieren will, muß töten:
jedoch nur, damit besser gewußt, besser geurteilt, besser gelebt werde; nicht, damit
alle Welt seziere. Leider aber meinen die Menschen immer noch, daß jeder Moralist
auch durch sein gesamtes Handeln ein Musterbild sein müsse, welches die anderen
nachzuahmen hätten: sie verwechseln ihn mit dem Prediger der Moral. Die älteren
Moralisten sezierten nicht genug und predigten allzuhäufig: daher rührt jene
Verwechslung und jene unangenehme Folge für die jetzigen Moralisten.
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Nicht zu verwechseln. - Die Moralisten, welche die großartige, mächtige, aufopfernde
Denkweise, etwa bei den Helden Plutarchs, oder den reinen, erleuchteten,
wärmeleitenden Seelenzustand der eigentlich guten Männer und Frauen als schwere
Probleme der Erkenntnis behandeln und der Herkunft derselben nachspüren, indem
sie das Komplizierte in der anscheinenden Einfachheit aufzeigen und das Auge auf die
Verflechtung der Motive, auf die eingewobenen zarten Begriffs-Täuschungen und die
von alters her vererbten, langsam gesteigerten Einzel- und Gruppen-Empfindungen
richten, - diese Moralisten sind am meisten gerade von denen verschieden, mit denen
sie doch am meisten verwechselt werden: von den kleinlichen Geistern, die an jene
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Der Wanderer und sein Schatten
Denkweisen und Seelenzustände überhaupt nicht glauben und ihre eigne Armseligkeit
hinter dem Glanze von Größe und Reinheit versteckt wähnen. Die Moralisten sagen:
"hier sind Probleme", und die Erbärmlichen sagen: "hier sind Betrüger und
Betrügereien"; sie leugnen also die Existenz gerade dessen, was jene zu erklären
beflissen sind.
21
Der Mensch als der Messende. - Vielleicht hatte alle Moralität der Menschheit in der
ungeheuren inneren Aufregung ihren Ursprung, welche die Urmenschen ergriff, als sie
das Maß und das Messen, die Waage und das Wägen entdeckten (das Wort "Mensch"
bedeutet ja den Messenden, er hat sich nach seiner größten Entdeckung benennen
wollen!). Mit diesen Vorstellungen stiegen sie in Bereiche hinauf, die ganz unmeßbar
und unwägbar sind, aber es ursprünglich nicht zu sein schienen.
22
Prinzip des Gleichgewichts. - Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde
verspricht, sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz
ähnliche Wesen, nur daß der zweite seinen Vorteil anders als der erste erreicht:
nämlich durch regelmäßige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht
mehr durch Brandschatzungen. (Es ist das nämliche Verhältnis wie zwischen
Handelsmann und Seeräuber, welche lange Zeit ein und dieselbe Person sind: wo ihr
die eine Funktion nicht rätlich scheint, da übt sie die andere aus. Eigentlich ist ja selbst
jetzt noch alle Kaufmanns-Moral nur die Verklügerung der Seeräuber-Moral: so wohlfeil
wie möglich kaufen - womöglich für Nichts als die Unternehmungskosten -, so teuer
wie möglich verkaufen). Das Wesentliche ist: jener Mächtige verspricht, gegen den
Räuber Gleichgewicht zu halten; darin sehen die Schwachen eine Möglichkeit zu
leben. Denn entweder müssen sie sich selber zu einer gleichwiegenden Macht
zusammentun oder sich einem Gleichwiegenden unterwerfen (ihm für seine Leistungen
Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren wird gern der Vorzug gegeben, weil es im
Grunde zwei gefährliche Wesen in Schach hält: das erste durch das zweite und das
zweite durch den Gesichtspunkt des Vorteils; letzteres hat nämlich seinen Gewinn
davon, die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit sie nicht nur sich,
sondern auch ihren Beherrscher ernähren können. Tatsächlich kann es dabei immer
noch hart und grausam genug zugehen, aber verglichen mit der früher immer
möglichen völligen Vernichtung atmen die Menschen schon in diesem Zustande auf. -
Die Gemeinde ist im Anfang die Organisation der Schwachen zum Gleichgewicht mit
gefahrdrohenden Mächten. Eine Organisation zum Übergewicht wäre rätlicher, wenn
man dabei so stark würde, um die Gegenmacht auf einmal zu vernichten: und handelt
es sich um einen einzelnen mächtigen Schadentuer, so wird dies gewiß versucht. Ist
aber der eine ein Stammhaupt oder hat er großen Anhang, so ist die schnelle
entscheidende Vernichtung unwahrscheinlich und die dauernde lange Fehde zu
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Der Wanderer und sein Schatten
gewärtigen: diese aber bringt der Gemeinde den am wenigsten wünschbaren Zustand
mit sich, weil sie durch ihn die Zeit verliert, für ihren Lebensunterhalt mit der nötigen
Regelmäßigkeit zu sorgen, und den Ertrag aller Arbeit jeden Augenblick bedroht sieht.
Deshalb zieht die Gemeinde vor, ihre Macht zu Verteidigung und Angriff genau auf die
Höhe zu bringen, auf der die Macht des gefährlichen Nachbars ist, und ihm zu
verstehen zu geben, daß in ihrer Wagschale jetzt gleich viel Erz liege: warum wolle
man nicht gut Freund miteinander sein? - Gleichgewicht ist also ein sehr wichtiger
Begriff für die älteste Rechts- und Morallehre; Gleichgewicht ist die Basis der
Gerechtigkeit. Wenn diese in roheren Zeiten sagt: "Auge um Auge, Zahn um Zahn", so
setzt sie das erreichte Gleichgewicht voraus und will es vermöge dieser Vergeltung
erhalten: so daß, wenn jetzt der eine sich gegen den andern vergeht, der andere keine
Rache der blinden Erbitterung mehr nimmt. Sondern vermöge des jus talionis wird das
Gleichgewicht der gestörten Machtverhältnisse wiederhergestellt: denn ein Auge, ein
Arm mehr ist in solchen Urzuständen ein Stück Macht, ein Gewicht mehr. - Innerhalb
einer Gemeinde, in der alle sich als gleichgewichtig betrachten, ist gegen
Vergehungen, das heißt gegen Durchbrechungen des Prinzips des Gleichgewichts,
Schande und Strafe da: Schande, ein Gewicht, eingesetzt gegen den übergreifenden
einzelnen, der durch den Übergriff sich Vorteile verschafft hat, durch die Schande nun
wieder Nachteile erfährt, die den früheren Vorteil aufheben und überwiegen. Ebenso
steht es mit der Strafe: sie stellt gegen das Übergewicht, das sich jeder Verbrecher
zuspricht, ein viel größeres Gegengewicht auf, gegen Gewalttat den Kerkerzwang,
gegen Diebstahl den Wiederersatz und die Strafsumme. So wird der Frevler erinnert,
daß er mit seiner Handlung aus der Gemeinde und deren Moral - Vorteilen ausschied:
sie behandelt ihn wie einen Ungleichen, Schwachen, außer ihr Stehenden; deshalb ist
Str afe nicht nur Wiedervergeltung, sondern hat ein Mehr, ein Etwas von der Härte des
Naturzustandes; an diesen will sie eben erinnern.
23
Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? - Die Menschen, welche
von Berufswegen richten und strafen, suchen in jedem Falle festzustellen, ob ein
Übeltäter überhaupt für seine Tat verantwortlich ist, ob er seine Vernunft anwenden
konnte, ob er aus Gründen handelte und nicht unbewußt oder im Zwange. Straft man
ihn, so straft man, daß er die schlechteren Gründe den besseren vorzog: welche er
also gekannt haben muß. Wo diese Kenntnis fehlt, ist der Mensch nach der
herrschenden Ansicht unfrei und nicht verantwortlich: es sei denn, daß seine
Unkenntnis, zum Beispiel seine ignorantia legis, die Folge einer absichtlichen
Vernachlässigung des Erlernens ist; dann hat er also schon damals, als er nicht lernen
wollte was er sollte, die schlechteren Gründe den besseren vorgezogen und muß jetzt
die Folge seiner schlechten Wahl büßen. Wenn er dagegen die besseren Gründe nicht
gesehen hat, etwa aus Stumpf- und Blödsinn, so pflegt man nicht zu strafen: es hat
ihm, wie man sagt, die Wahl gefehlt, er handelte als Tier. Die absichtliche Verleugnung
der besseren Vernunft ist jetzt die Voraussetzung, die man beim strafwürdigen
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Der Wanderer und sein Schatten
Verbrecher macht. Wie kann aber jemand absichtlich unvernünftiger sein, als er sein
muß? Woher die Entscheidung, wenn die Wagschalen mit guten und schlechten
Motiven belastet sind? Also nicht vom Irrtum, von der Blindheit her, nicht von einem
äußeren, auch von keinem inneren Zwange her? (Man erwäge übrigens, daß jeder
sogenannte "äußere Zwang" nichts weiter ist, als der innere Zwang der Furcht und des
Schmerzes.) Woher? fragt man immer wieder. Die Vernunft soll also nicht die Ursache
sein, weil sie sich nicht gegen die besseren Gründe entscheiden könnte? Hier nun ruft
man den "freien Willen" zur Hilfe: es soll das vollendete Belieben entscheiden, ein
Moment eintreten, wo kein Motiv wirkt, wo die Tat als Wunder geschieht, aus dem
Nichts heraus. Man straft diese angebliche Beliebigkeit, in einem Falle, wo kein
Belieben herrschen sollte: die Vernunft, welche das Gesetz, das Verbot und Gebot
kennt, hätte gar keine Wahl lassen dürfen, meint man, und als Zwang und höhere
Macht wirken sollen. Der Verbrecher wird also bestraft, weil er vom "freien Willen"
Gebrauch macht: das heißt, weil er ohne Grund gehandelt hat, wo er nach Gründen
hätte handeln sollen. Aber warum tat er dies? Dies eben darf nicht einmal mehr gefragt
werden: es war eine Tat ohne "darum?" ohne Motiv, ohne Herkunft, etwas Zweckloses
und Vernunftloses. - Eine solche Tat dürfte man aber, nach der ersten oben
vorangeschickten Bedingung aller Strafbarkeit, auch nicht strafen! Auch jene Art der
Strafbarkeit darf nicht geltend gemacht werden, als wenn hier etwas nicht getan, etwas
unterlassen, von der Vernunft nicht Gebrauch gemacht sei: denn unter allen
Umständen geschah die Unterlassung ohne Absicht! und nur die absichtliche
Unterlassung des Gebotenen gilt als strafbar. Der Verbrecher hat zwar die
schlechteren Gründe den besseren vorgezogen, aber ohne Grund und Absicht: er hat
zwar seine Vernunft nicht angewendet, aber nicht, um sie nicht anzuwenden. Jene
Voraussetzung, die man beim strafwürdigen Verbrechen macht, daß er seine Vernunft
absichtlich verleugnet habe, - gerade sie ist bei der Annahme des "freien Willens"
aufgehoben. Ihr dürft nicht strafen, ihr Anhänger der Lehre vom "freien Willen", nach
euern eigenen Grundsätzen nicht! - Diese sind aber im Grunde nichts, als eine sehr
wunderliche Begriffs-Mythologie; und das Huhn, welches sie ausgebrütet hat, hat
abseits von aller Wirklichkeit auf seinen Eiern gesessen.
24
Zur Beurteilung des Verbrechers und seines Richters. - Der Verbrecher, der den
ganzen Fluß der Umstände kennt, findet seine Tat nicht so außer der Ordnung und
Begreiflichkeit, wie seine Richter und Tadler: seine Strafe aber wird ihm gerade nach
dem Grad von Erstaunen zugemessen, welches jene beim Anblick der Tat als einer
Unbegreiflichkeit befällt. - Wenn die Kenntnis, welche der Verteidiger eines
Verbrechers von dem Fall und seiner Vorgeschichte hat, weit genug reicht, so müssen
die sogenannten Milderungsgründe, welche er der Reihe nach vorbringt, endlich die
ganze Schuld hinwegmildern. Oder, noch deutlicher: der Verteidiger wird schrittweise
jenes verurteilende und strafzumessende Erstaunen mildern und zuletzt ganz
aufheben, indem er jeden ehrlichen Zuhörer zu dem inneren Geständnis nötigt: "er
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Der Wanderer und sein Schatten
mußte so handeln, wie er gehandelt hat; wir würden, wenn wir straften, die ewige
Notwendigkeit bestrafen." - Den Grad der Strafe abmessen nach dem Grad der
Kenntnis, welchen man von der Historie eines Verbrechens hat oder überhaupt
gewinnen kann, - streitet dies nicht wider alle Billigkeit?
25
Der Tausch und die Billigkeit. - Bei einem Tausche würde es nur dann ehrlich und
rechtlich zugehen, wenn jeder der beiden so viel verlangte, als ihm seine Sache wert
scheint, die Mühe des Erlangens, die Seltenheit, die aufgewendete Zeit usw. in
Anschlag gebracht, nebst dem Affektionswerte. Sobald er den Preis in Hinsicht auf das
Bedürfnis des andern macht, ist er ein feinerer Räuber und Erpresser. - Ist Geld das
eine Tauschobjekt, so ist zu erwägen, daß ein Frankentaler in der Hand eines reichen
Erben, eines Tagelöhners, eines Kaufmannes, eines Studenten ganz verschiedene
Dinge sind: jeder wird, je nachdem er fast nichts oder viel tat, ihn zu erwerben, wenig
oder viel dafür empfangen dürfen - so wäre es billig: in Wahrheit steht es bekanntlich
umgekehrt. In der großen Geldwelt ist der Taler des faulsten Reichen
gewinnbringender als der des Armen und Arbeitsamen.
26
Rechtszustände als Mittel. - Recht, auf Verträgen zwischen Gleichen beruhend,
besteht, solange die Macht derer, die sich vertragen haben, eben gleich oder ähnlich
ist; die Klugheit hat das Recht geschaffen, um der Fehde und der nutzlosen
Vergeudung zwischen ähnlichen Gewalten ein Ende zu machen. Dieser aber ist
ebenso endgültig ein Ende gemacht, wenn der eine Teil entschieden schwächer als
der andere geworden ist: dann tritt Unterwerfung ein, und das Recht hört auf, aber der
Erfolg ist derselbe wie der, welcher bisher durch das Recht erreicht wurde. Denn jetzt
ist es die Klugheit des Überwiegenden, welche die Kraft des Unterworfenen zu
schonen und nicht nutzlos zu vergeuden anrät: und oft ist die Lage des Unterworfenen
günstiger, als die des Gleichgestellten war. - Rechtszustände sind also zeitweilige
Mittel welche die Klugheit anrät, keine Ziele.
27
Erklärung der Schadenfreude. - Die Schadenfreude entsteht daher, daß ein jeder in
mancher ihm wohl bewußten Hinsicht sich schlecht befindet, Sorge oder Neid oder
Schmerz hat: der Schaden, der den andern betrifft, stellt diesen ihm gleich, er versöhnt
seinen Neid. - Befindet er gerade sich selber gut, so sammelt er doch das Unglück des
nächsten als ein Kapital in seinem Bewußtsein auf, um es bei einbrechendem eigenen
Unglück gegen dasselbe einzusetzen: auch so hat er "Schadenfreude". Die auf
Gleichheit gerichtete Gesinnung wirft also ihren Maßstab aus auf das Gebiet des
Glücks und des Zufalls: Schadenfreude ist der gemeinste Ausdruck über den Sieg und
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Der Wanderer und sein Schatten
die Wiederherstellung der Gleichheit, auch innerhalb der höheren Weltordnung. Erst
seitdem der Mensch gelernt hat, in anderen Menschen seinesgleichen zu sehen, also
erst seit Begründung der Gesellschaft gibt es Schadenfreude.
28
Das Willkürliche im Zumessen der Strafen. - Die meisten Verbrecher kommen zu ihren
Strafen wie die Weiber zu ihren Kindern. Sie haben zehn- und hundertmal dasselbe
getan, ohne üble Folgen zu spüren: plötzlich kommt eine Entdeckung und hinter ihr die
Strafe. Die Gewohnheit sollte doch die Schuld der Tat, derentwegen der Verbrecher
gestraft wird, entschuldbarer erscheinen lassen: es ist ja ein Hang entstanden, dem
schwerer zu widerstehen ist. Anstatt dessen wird er, wenn der Verdacht des
gewohnheitsmäßigen Verbrechens vorliegt, härter gestraft, die Gewohnheit wird als
Grund gegen alle Milderung geltend gemacht. Umgekehrt: eine musterhafte
Lebensweise, gegen welche das Verbrechen um so fürcherlicher absticht, sollte die
Schuldbarkeit verschärft erscheinen lassen! Aber sie pflegt die Strafe zu mildern. So
wird alles nicht nach dem Verbrecher bemessen, sondern nach der Gesellschaft und
deren Schaden und Gefahr: frühere Nützlichkeit eines Menschen wird gegen seine
einmalige Schädlichkeit eingerechnet, frühere Schädlichkeit zur gegenwärtig
entdeckten addiert, und demnach die Strafe am höchsten zugemessen. Wenn man
aber dergestalt die Vergangenheit eines Menschen mit straft oder mit belohnt (dies im
ersten Fall, wo das Weniger-Strafen ein Belohnen ist) so sollte man noch weiter
zurückgehn und die Ursache einer solchen oder solchen Vergangenheit strafen und
belohnen, ich meine Eltern, Erzieher, die Gesellschaft usw.: in vielen Fällen wird man
dann die Richter irgendwie bei der Schuld beteiligt finden. Es ist willkürlich, beim
Verbrecher stehen zu bleiben, wenn man die Vergangenheit straft: man sollte, falls
man die absolute Entschuldbarkeit jeder Schuld nicht zugeben will, bei jedem
einzelnen Fall stehnbleiben und nicht weiter zurückblicken: also die Schuld isolieren
und sie gar nicht mit der Vergangenheit in Verknüpfung bringen, - sonst wird man zum
Sünder gegen die Logik. Zieht vielmehr, ihr Willens-Freien, den notwendigen Schluß
aus eurer Lehre von der "Freiheit des Willens" und dekretiert kühnlich: "keine Tat hat
eine Vergangenheit."
29
Der Neid und sein edlerer Bruder. - Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und
dauernd begründet ist, entsteht jener, im ganzen als unmoralisch geltende Hang, der
im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid. Der Neidische fühlt jedes
Hervorragen des anderen über das gemeinsame Maß und will ihn bis dahin
herabdrücken - oder sich bis dorthin erheben: woraus sich zwei verschiedene
Handlungsweisen ergeben, welche Hesiod als die böse und die gute Eris bezeichnet
hat. Ebenso entsteht im Zustande der Gleichheit die Indignation darüber, daß es einem
anderen unter seiner Würde und Gleichheit schlecht ergeht, einem zweiten über seiner
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Der Wanderer und sein Schatten
Gleichheit gut: es sind dies Affekte edlerer Naturen. Sie vermissen in den Dingen,
welche von der Willkür des Menschen unabhängig sind, Gerechtigkeit und Billigkeit,
das heißt: sie verlangen, daß jene Gleichheit, die der Mensch anerkennt, nun auch von
der Natur und dem Zufall anerkannt werde; sie zürnen darüber, daß es den Gleichen
nicht gleich ergeht.
30
Neid der Götter. - Der "Neid der Götter" entsteht, wenn der niedriger Geachtete sich
irgend worin dem Höheren gleichsetzt (wie Ajax) oder durch Gunst des Schicksals ihm
gleichgesetzt wird (wie Niobe als überreich gesegnete Mutter). Innerhalb der
gesellschaftlichen Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung auf, daß ein jeder kein
Verdienst über seinem Stande habe, auch daß sein Glück diesem gemäß sei und
namentlich daß sein Selbstbewußtsein jenen Schranken nicht entwachse. Oft erfährt
der siegreiche General den "Neid der Götter", ebenso der Schüler, der ein
meisterliches Werk schuf.
31
Eitelkeit als Nachtrieb des ungesellschaftlichen Zustandes. - Da die Menschen ihrer
Sicherheit wegen sich selber als gleich gesetzt haben, zur Gründung der Gemeinde,
diese Auffassung, aber im Grunde wider die Natur des einzelnen geht und etwas
Erzwungenes ist, so machen sich, je mehr die allgemeine Sicherheit gewährleistet ist,
neue Schößlinge des alten Triebes nach Übergewicht geltend: in der Abgrenzung der
Stände, in dem Anspruch auf Berufs-Würden und -Vorrechte, überhaupt in der Eitelkeit
(Manieren, Tracht, Sprache usw.). Sobald einmal die Gefahr des Gemeinwesens
wieder fühlbar wird, drücken die Zahlreicheren, welche ihr Übergewicht nicht im
Zustande der allgemeinen Ruhe durchsetzen konnten, wieder den Zustand der
Gleichheit hervor: die absurden Sonderrechte und Eitelkeiten verschwinden auf einige
Zeit. Stürzt aber das Gemeinwesen ganz zusammen, gerät alles in Anarchie, so bricht
sofort der Naturzustand, die unbekümmerte, rücksichtslose Ungleichheit hervor, wie
dies auf Korkyra geschah, nach dem Berichte des Thukydides. Es gibt weder ein
Naturrecht, noch ein Naturunrecht.
32
Billigkeit. - Eine Fortbildung der Gerechtigkeit ist die Billigkeit, entstehend unter
solchen, welche nicht gegen die Gemeinde-Gleichheit verstoßen: es wird auf Fälle, wo
das Gesetz nichts vorschreibt, jene feinere Rücksicht des Gleichgewichts übertragen,
welche vor- und rückwärts blickt und deren Maxime ist "wie du mir, so ich dir". Aequum
heißt eben "es ist gemäß unserer Gleichheit; diese mildert auch unsere kleinen
Verschiedenheiten zu einem Anschein von Gleichheit herab und will, daß wir manches
uns nachsehen, was wir nicht müßten".
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Der Wanderer und sein Schatten
33
Elemente der Rache. - Das Wort "Rache" ist so schnell gesprochen: fast scheint es, als
ob es gar nicht mehr enthalten könne, als eine Begriffs- und Empfindungs-Wurzel. Und
so bemüht man sich immer noch dieselbe zu finden: wie unsere Nationalökonomen
noch nicht müde geworden sind, im Worte "Wert" eine solche Einheit zu wittern und
nach dem ursprünglichen Wurzelbegriff des Wertes zu suchen. Als ob nicht alle Worte
Taschen wären, in welche bald dies, bald jenes, bald mehreres auf einmal gesteckt
worden ist! So ist auch "Rache" bald dies, bald jenes, bald etwas mehr
Zusammengesetztes. Man unterscheide einmal jenen abwehrenden Zurückschlag, den
man fast unwillkürlich auch gegen leblose Gegenstände, die uns beschädigt haben
(wie gegen bewegte Maschinen), ausführt: der Sinn unserer Gegenbewegung ist, dem
Beschädigten Einhalt zu tun dadurch, daß wir die Maschine zum Stillstand bringen. Die
Stärke des Gegenschlags muß mitunter, um dies zu erreichen, so stark sein, daß er
die Maschine zertrümmert; wenn dieselbe aber zu stark ist, um vom einzelnen sofort
zerstört werden zu können, wird dieser doch immer noch den heftigsten Schlag
ausführen, dessen er fähig ist, - gleichsam als einen letzten Versuch. So benimmt man
sich auch gegen schädigende Personen bei der unmittelbaren Empfindung des
Schadens selber; will man diesen Akt einen Rache-Akt nennen, so mag es sein; nur
erwäge man, daß hier allein die Selbst-Erhaltung ihr Vernunft-Räderwerk in Bewegung
gesetzt hat, und daß man im Grunde nicht an den Schädiger, sondern nur an sich
dabei denkt: wir handeln so, ohne wieder schaden zu wollen, sondern nur um noch mit
Leib und Leben davonzukommen. - Man braucht Zeit, wenn man von sich mit seinen
Gedanken zum Gegner übergeht und sich fragt, auf welche Weise er am
empfindlichsten zu treffen ist. Dies geschieht bei der zweiten Art von Rache: ein
Nachdenken über die Verwundbarkeit und Leidensfähigkeit des andern ist ihre
Voraussetzung: man will wehetun. Dagegen sich selber gegen weiteren Schaden
sichern, liegt hier so wenig im Gesichtskreis des Rache-Nehmenden, daß er fast
regelmäßig den weiteren eigenen Schaden zuwege bringt und ihm sehr oft kaltblütig
vorher entgegensieht. War es bei der ersten Art von Rache die Angst vor dem zweiten
Schlage, welche den Gegenschlag so stark wie möglich machte: so ist hier fast völlige
Gleichgültigkeit gegen das, was der Gegner tun wird; die Stärke des Gegenschlags
wird nur durch das, was er uns getan hat, bestimmt. Was hat er denn getan? Und was
nützt es uns, wenn er nun leidet, nachdem wir durch ihn gelitten haben? Es handelt
sich um eine Wiederherstellung: während der Rache-Akt erster Art nur der Selbst-
Erhaltung dient. Vielleicht verloren wir durch den Gegner Besitz, Rang, Freunde,
Kinder - diese Verluste werden durch die Rache nicht zurückgekauft, die
Wiederherstellung bezieht sich allein auf einen Nebenverlust bei allen den erwähnten
Verlusten. Die Rache der Wiederherstellung bewahrt nicht vor weiterem Schaden, sie
macht den erlittenen Schaden nicht wieder gut, - außer in einem Falle. Wenn unsere
Ehre durch den Gegner gelitten hat, so vermag die Rache sie wiederherzustellen. Sie
hat aber in jedem Falle einen Schaden erlitten, wenn man uns absichtlich ein Leid
zufügte: denn der Gegner bewies damit, daß er uns nicht fürchtete. Durch die Rache
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Der Wanderer und sein Schatten
beweisen wir, daß wir auch ihn nicht fürchten: darin liegt die Ausgleichung, die
Wiederherstellung. (Die Absicht, den völligen Mangel an Furcht zu zeigen, geht bei
einigen Personen so weit, daß ihnen die Gefährlichkeit der Rache für sie selbst -
Einbuße der Gesundheit oder des Lebens oder sonstige Verluste - als eine
unerläßliche Bedingung jeder Rache gilt. Deshalb gehen sie den Weg des Duells,
obschon die Gerichte ihnen den Arm bieten, um auch so Genugtuung für die
Beleidigung zu erhalten: sie nehmen aber die gefahrlose Wiederherstellung ihrer Ehre
nicht als genügend an, weil sie ihren Mangel an Furcht nicht beweisen kann.) - Bei der
ersterwähnten Art der Rache ist es gerade die Furcht, die den Gegenschlag ausführt:
hier dagegen ist es die Abwesenheit der Furcht, wel che, wie gesagt, durch den
Gegenschlag sich beweisen will. - Nichts scheint also verschiedener als die innere
Motivierung der beiden Handlungsweisen, die mit einem Wort "Rache" benannt
werden: und trotzdem kommt es sehr häufig vor, daß der Rache-Übende in Unklarheit
ist, was ihn eigentlich zur Tat bestimmt hat; vielleicht, daß er aus Furcht und um sich
zu erhalten den Gegenschlag führte, hinterher aber, als er Zeit hatte, über den
Gesichtspunkt der verletzten Ehre nachzudenken, selber sich einredet, seiner Ehre
halber sich gerächt zu haben: - dieses Motiv ist ja jedenfalls vornehmer als das andere!
Dabei ist noch wesentlich, ob er seine Ehre in den Augen der anderen (der Welt)
beschädigt sieht oder nur in den Augen des Beleidigers: im letzteren Falle wird er die
geheime Rache vorziehen, im ersteren aber die öffentliche. Je nachdem er sich stark
oder schwach in die Seele des Täters und der Zuschauer hineindenkt, wird seine
Rache erbitterter oder zahmer sein; fehlt ihm diese Art Phantasie ganz, so wird er gar
nicht an Rache denken, denn das Gefühl der "Ehre" ist dann bei ihm nicht vorhanden,
also auch nicht zu verletzen. Ebenso wird er nicht an Rache denken, wenn er den
Täter und die Zuschauer der Tat verachtet: weil sie ihm keine Ehre geben können, als
Verachtete, und demnach auch keine Ehre nehmen können. Endlich wird er auf Rache
in dem nicht ungewöhnlichen Falle verzichten, daß er den Täter liebt: freilich büßt er so
in dessen Augen an Ehre ein und wird vielleicht der Gegenliebe dadurch weniger
würdig. Aber auch auf alle Gegenliebe Verzicht leisten ist ein Opfer, welches die Liebe
zu bringen bereit ist, wenn sie dem geliebten Wesen nur nicht wehetun muß: dies
hieße sich selber mehr wehetun, als jenes Opfer wehetut. - Also: jedermann wird sich
rächen, er sei denn ehrlos oder voll Verachtung oder voll Liebe gegen den Schädiger
und Beleidiger. Auch wenn er sich an die Gerichte wendet, so will er die Rache als
private Person: nebenbei aber noch, als weiterdenkender, vorsorglicher Mensch der
Gesellschaft, die Rache der Gesellschaft an einem, der sie nicht ehrt. So wird durch
die gerichtliche Strafe sowohl die Privatehre als auch die Gesellschaftsehre
wiederhergestellt: das heißt - Strafe ist Rache. - Es gibt in ihr unzweifelhaft auch noch
jenes andere zuerst beschriebene Element der Rache, insofern durch sie die
Gesellschaft ihrer Selbst-Erhaltung dient und der Notwehr halber einen Gegenschlag
führt. Die Strafe will das weitere Schädigen verhüten, sie will abschrecken. Auf diese
Weise sind wirklich in der Strafe beide so verschiedene Elemente der Rache verknüpft,
und dies mag vielleicht am meisten dahin wirken, jene erwähnte Begriffsverwirrung zu
unterhalten, vermöge deren der einzelne, der sich rächt, gewöhnlich nicht weiß, was er
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Der Wanderer und sein Schatten
eigentlich will.
34
Die Tugenden der Einbuße. - Als Mitglieder von Gesellschaften glauben wir gewisse
Tugenden nicht ausüben zu dürfen, die uns als Privaten die größte Ehre und einiges
Vergnügen machen, zum Beispiel Gnade und Nachsicht gegen Verfehlende aller Art -
überhaupt jede Handlungsweise, bei welcher der Vorteil der Gesellschaft durch unsere
Tugend leiden würde. Kein Richter-Kollegium darf sich vor seinem Gewissen erlauben,
gnädig zu sein dem König als einem einzelnen hat man dies Vorrecht aufbehalten;
man freut sich, wenn er Gebrauch davon macht, zum Beweise, daß man gern gnädig
sein möchte, aber durchaus nicht als Gesellschaft. Diese erkennt somit nur die ihr
vorteilhaften oder mindestens unschädlichen Tugenden an (die ohne Einbuße oder gar
mit Zinsen geübt werden, zum Beispiel Gerechtigkeit). Jene Tugenden der Einbuße
können demnach in der Gesellschaft nicht entstanden sein, da noch jetzt, innerhalb
jeder kleinsten sich bildenden Gesellschaft der Widerspruch gegen sie sich erhebt. Es
sind also Tugenden unter Nicht-Gleichgestellten, erfunden von dem Überlegenen,
einzelnen, es sind Herrscher-Tugenden, mit dem Hintergedanken: "ich bin mächtig
genug, um mir eine ersichtliche Einbuße gefallen zu lassen, dies ist ein Beweis meiner
Macht" - also mit Stolz verwandte Tugenden. 35
Kasuistik des Vorteils. - Es gäbe keine Kasuistik der Moral, wenn es keine Kasuistik
des Vorteils gäbe. Der freieste und feinste Verstand reicht oft nicht aus, zwischen zwei
Dingen so zu wählen, daß der größere Vorteil notwendig bei seiner Wahl ist. In solchen
Fällen wählt man, weil man wählen muß, und hat hinterdrein eine Art Seekrankheit der
Empfindung.
36
Zum Heuchler werden. - Jeder Bettler wird zum Heuchler; wie jeder, der aus einem
Mangel, aus einem Notstand (sei dies ein persönlicher oder ein öffentlicher) seinen
Beruf macht. - Der Bettler empfindet den Mangel lange nicht so, als er ihn empfinden
machen muß, wenn er vom Betteln leben will.
37
Eine Art Kultus der Leidenschaften. - Ihr Düsterlinge und philosophischen
Blindschleichen redet, um den Charakter des ganzen Weltwesens anzuklagen, von
dem furchtbaren Charakter der menschlichen Leidenschaften. Als ob überall, wo es
Leidenschaft gegeben hat, es auch Furchtbarkeit gegeben hätte! Als ob es immerfort in
der Welt diese Art von Furchtbarkeit geben müßte! - Durch eine Vernachlässigung im
kleinen, durch Mangel an Selbst-Beobachtung und Beobachtung derer, welche
erzogen werden sollen, habt ihr selber erst die Leidenschaften zu solchen Untieren
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Der Wanderer und sein Schatten
anwachsen lassen, daß euch jetzt schon beim Worte "Leidenschaft" Furcht befällt! Es
stand bei euch und steht bei uns, den Leidenschaften ihren furchtbaren Charakter zu
nehmen und dermaßen vorzubeugen, daß sie nicht zu verheerenden Wildwassern
werden. - Man soll seine Versehen nicht zu ewigen Fatalitäten aufblasen; vielmehr
wollen wir redlich mit an der Aufgabe arbeiten, die Leidenschaften der Menschheit
allesamt in Freudenschaften umzuwandeln.
38
Gewissensbiß. - Der Gewissensbiß ist, wie der Biß des Hundes gegen einen Stein,
eine Dummheit.
39
Ursprung der Rechte. - Die Rechte gehen zunächst auf Herkommen zurück, das
Herkommen auf ein einmaliges Abkommen. Man war irgendwann einmal beiderseitig
mit den Folgen des getroffenen Abkommens zufrieden und wiederum zu träge, um es
förmlich zu erneuern; so lebte man fort, wie wenn es immer erneuert worden wäre, und
allmählich, als die Vergessenheit ihre Nebel über den Ursprung breitete, glaubte man
einen heiligen, unverrückbaren Zustand zu haben, auf dem jedes Geschlecht
weiterbauen müsse. Das Herkommen war jetzt Zwang, auch wenn es den Nutzen nicht
mehr brachte, dessentwegen man ursprünglich das Abkommen gemacht hatte. - Die
Schwachen haben hier ihre feste Burg zu allen Zeiten gefunden: sie neigen dahin, das
einmalige Abkommen, die Gnadenerweisung zu verewigen.
40
Die Bedeutung des Vergessens in der moralischen Empfindung. - Dieselben
Handlungen, welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf
gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf andere
Motive hin getan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor denen, die sie forderten und
anempfahlen, oder aus Gewohnheit, weil man sie von Kindheit an um sich hatte tun
sehen, oder aus Wohlwollen, weil ihre Ausübung überall Freude und zustimmende
Gesichter schuf, oder aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an
denen das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, vergessen worden ist, heißen dann
moralische: nicht etwa weil sie aus jenen anderen Motiven, sondern weil sie nicht aus
bewußter Nützlichkeit getan werden. - Woher dieser Haß gegen den Nutzen, der hier
sichtbar wird, wo sich alles lobenswerte Handeln gegen das Handeln um des Nutzens
willen förmlich abschließt? - Offenbar hat die Gesellschaft, der Herd aller Moral und
aller Lobsprüche des moralischen Handelns, allzu lange und allzu hart mit dem Eigen-
Nutzen und Eigen-Sinne des einzelnen zu kämpfen gehabt, um nicht zuletzt jedes
andere Motiv sittlich höher zu taxieren als den Nutzen. So entsteht der Anschein, als
ob die Moral nicht aus dem Nutzen herausgewachsen sei; während sie ursprünglich
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Der Wanderer und sein Schatten
der Gesellschafts-Nutzen ist, der große Mühe hatte, sich gegen alle die Privat-
Nützlichkeiten durchzusetzen und in höheres Ansehen zu bringen.
41
Die Erbreichen der Moralität. - Es gibt auch im Moralischen einen Erb-Reichtum: ihn
besitzen die Sanften, Gutmütigen, Mitleidigen, Mildtätigen, welche alle die gute
Handlungsweise, aber nicht die Vernunft (die Quelle derselben) von ihren Vorfahren
her mitbekommen haben. Das Angenehme an diesem Reichtum ist, daß man von ihm
fortwährend darreichen und mitteilen muß, wenn er überhaupt empfunden werden soll,
und daß er so unwillkürlich daran arbeitet, die Abstände zwischen moralisch-reich und -
arm geringer zu machen: und zwar, was das merkwürdigste und beste ist, nicht
zugunsten eines dereinstigen Mittelmaßes zwischen arm und reich, sondern zugunsten
eines allgemeinen Reich- und Überreich-werdens. - So wie hier geschehen ist, läßt
sich etwa die herrschende Ansicht über den moralischen Erbreichtum
zusammenfassen: aber es scheint mir, daß dieselbe mehr in majorem gloriam der
Moralität, als zu Ehren der Wahrheit aufrechterhalten wird. Die Erfahrung mindestens
stellt einen Satz auf, welcher, wenn nicht als Widerlegung, jedenfalls als bedeutende
Einschränkung jener Allgemeinheit zu gelten hat. Ohne den erlesensten Verstand, so
sagt die Erfahrung, ohne die Fähigkeit der feinsten Wahl und einen starken Hang zum
Maßhalten werden die Moralisch-Erbreichen zu Verschwendern der Moralität: indem
sie haltlos sich ihren mitleidigen, mildtätigen, versöhnenden, beschwichtigenden
Trieben überlassen, machen sie alle Welt um sich nachlässiger, begehrlicher und
sentimentaler. Die Kinder solcher höchst moralischen Verschwender sind daher leicht
und, wie leider zu sagen ist, bestenfalls - angenehme schwächliche Taugenichtse.
42
Der Richter und die Milderungsgründe. - "Man soll auch gegen den Teufel honett sein
und seine Schulden bezahlen", sagte ein alter Soldat, als man ihm die Geschichte
Faustens etwas genauer erzählt hatte, "Faust gehört in die Hölle!" - "O ihr
schrecklichen Männer!" rief seine Gattin aus, "wie ist das nur möglich! Er hat ja nichts
getan, als keine Tinte im Tintenfaß gehabt! Mit Blut schreiben ist freilich eine Sünde,
aber deshalb soll ein so schöner Mann doch nicht brennen?"
43
Problem der Pflicht zur Wahrheit. - Pflicht ist ein zwingendes, zur Tat drängendes
Gefühl, das wir gut nennen und für undiskutierbar halten (- über Ursprung, Grenze und
Berechtigung desselben wollen wir nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker
hält aber alles für geworden und alles Gewordene für diskutierbar, ist also der Mann
ohne Pflicht, - solange er eben nur Denker ist. Als solcher würde er also auch die
Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen und dies Gefühl nicht
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Der Wanderer und sein Schatten
fühlen, er fragt: woher kommt sie? wohin will sie? aber dies Fragen selber wird von ihm
als fragwürdig angesehen. Hätte dies aber nicht zur Folge, daß die Maschine des
Denkers nicht mehr recht arbeitet, wenn er sich beim Akte des Erkennens wirklich
unverpflichtet fühlen könnte? Insofern scheint hier zur Heizung dasselbe Element nötig
zu sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll. - Die Formel würde
vielleicht sein: angenommen es gäbe eine Pflicht, die Wahrheit zu erkennen, wie lautet
die Wahrheit dann in bezug auf jede andere Art von Pflicht? - Aber ist ein
hypothetisches Pflichtgefühl nicht ein Widersinn?
44
Stufen der Moral. - Moral ist zunächst ein Mittel, die Gemeinde überhaupt zu erhalten
und den Untergang von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die Gemeinde auf
einer gewissen Höhe und in einer gewissen Güte zu erhalten. Ihre Motive sind Furcht
und Hoffnung: und zwar um so derbere, mächtigere, gröbere, als der Hang zum
Verkehrten, Einseitigen, Persönlichen noch sehr stark ist. Die entsetzlichsten
Angstmittel müssen hier Dienste tun, solange noch keine milderen wirken wollen und
jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders erreichen läßt (zu ihren allerstärksten
gehört die Erfindung eines Jenseits mit einer ewigen Hölle). Weitere Stufen der Moral
und also Mittel zum bezeichneten Zwecke sind die Befehle eines Gottes (wie das
mosaische Gesetz); noch weitere und höhere die Befehle eines absoluten
Pflichtbegriffs mit dem "du sollst", - alles noch ziemlich grob zugehauene, aber breite
Stufen, weil die Menschen auf die feineren, schmäleren ihren Fuß noch nicht zu setzen
wissen. Dann kommt eine Moral der Neigung, des Geschmacks, endlich die der
Einsicht - welche über alle illusionären Motive der Moral hinaus ist, aber sich klar
gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten hindurch keine anderen haben durfte.
45
Moral des Mitleidens im Munde der Unmäßigen. - Alle die, welche sich selber nicht
genug in der Gewalt haben und die Moralität nicht als fortwährende im großen und
kleinsten geübte Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung kennen, werden
unwillkürlich zu Verherrlichern der guten, mitleidigen, wohlwollenden Regungen, jener
instinktiven Moralität, welche keinen Kopf hat, sondern nur aus Herz und hilfreichen
Händen zu bestehen scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralität der Vernunft
zu verdächtigen und jene andere zur alleinigen zu machen.
46
Kloaken der Seele. - Auch die Seele muß ihre bestimmten Kloaken haben, wohin sie
ihren Unrat abfließen läßt: dazu dienen Personen, Verhältnisse, Stände oder das
Vaterland oder die Welt oder endlich - für die ganz Hoffärtigen (ich meine unsere lieben
modernen "Pessimisten") - der liebe Gott.
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Der Wanderer und sein Schatten
47
Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit. - Hüte dich, daß deine Ruhe und
Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht
nicht vorwärts und die Begierde nicht rückwärts gehen läßt: und der die Augen
aufsperrt, als ob sie Münder wären.
48
Das Verbot ohne Gründe. - Ein Verbot, dessen Gründe wir nicht verstehen oder
zugeben, ist nicht nur für den Trotzkopf, sondern auch für den Erkenntnisdurstigen fast
ein Geheiß: man läßt es auf den Versuch ankommen, um so zu erfahren, weshalb das
Verbot gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs, passen nur für Zeitalter
der unterworfenen Vernunft: jetzt würde ein Verbot "du sollst nicht töten", "du sollst
nicht ehebrechen", ohne Gründe hingestellt, eher eine schädliche als eine nützliche
Wirkung haben.
49
Charakterbild. - Was ist das für ein Mensch, der von sich sagen kann: "ich verachte
sehr leicht, aber hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort etwas heraus, das zu
ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre; die sogenannten liebenswürdigen
Eigenschaften ziehen mich wenig an".
50
Mitleiden und Verachtung. - Mitleiden äußern wird als ein Zeichen der Verachtung
empfunden, weil man ersichtlich aufgehört hat, ein Gegenstand der Furcht zu sein,
sobald einem Mitleiden erwiesen wird. Man ist unter das Niveau des Gleichgewichts
hinabgesunken, während schon jenes der menschlichen Eitelkeit nicht genugtut,
sondern erst das Hervorragen und Furchteinflößen der Seele das erwünschteste aller
Gefühle gibt. Deshalb ist es ein Problem, wie die Schätzung des Mitleids
aufgekommen ist, ebenso wie erklärt werden muß, warum jetzt der Uneigennützige
gelobt wird: ursprünglich wird er verachtet oder als tückisch gefürchtet.
51
Klein sein können. - Man muß den Blumen, Gräsern und Schmetterlingen auch noch
so nah sein wie ein Kind, das nicht viel über sie hinweg reicht. Wir Älteren dagegen
sind über sie hinausgewachsen und müssen uns zu ihnen herablassen; ich meine, die
Gräser hassen uns, wenn wir unsere Liebe für sie bekennen. - Wer an allem Guten
teilhaben will, muß auch zu Stunden klein zu sein verstehen.
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Der Wanderer und sein Schatten
52
Inhalt des Gewissens. - Der Inhalt unseres Gewissens ist alles, was in den Jahren der
Kindheit von uns ohne Grund regelmäßig gefordert wurde durch Personen, die wir
verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens
erregt ("dieses muß ich tun, dieses lassen"), welches nicht fragt: warum muß ich? - In
allen Fällen, wo eine Sache mit "weil" und "warum" getan wird, handelt der Mensch
ohne Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. - Der Glaube an Autoritäten
ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des
Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.
53
Überwindung der Leidenschaften. - Der Mensch, der seine Leidenschaften
überwunden hat, ist in den Besitz des fruchtbarsten Erdreiches getreten: wie der
Kolonist, der über die Wälder und Sümpfe Herr geworden ist. Auf dem Boden der
bezwungenen Leidenschaften den Samen der guten geistigen Werke säen, ist dann
die dringende nächste Aufgabe. Die Überwindung selber ist nur ein Mittel, kein Ziel;
wenn sie nicht so angesehen wird, so wächst schnell allerlei Unkraut und Teufelszeug
auf dem leer gewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf ihm voller und toller
zu als je vorher.
54
Geschick zum Dienen. - Alle sogenannten praktischen Menschen haben ein Geschick
zum Dienen: das eben macht sie praktisch, sei es für andere oder für sich selber.
Robinson besaß noch einen besseren Diener, als Freitag war: das war Crusoe.
55
Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit. - Jedes Wort ist ein Vorurteil.
56
Geist und Langeweile. - Das Sprichwort: "Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu
langweilen" gibt zu denken. Die feinsten und tätigsten Tiere erst sind der Langeweile
fähig. - Ein Vorwurf für einen großen Dichter wäre die Langeweile Gottes am siebenten
Tage der Schöpfung.
57
Im Verkehr mit den Tieren. - Man kann das Entstehen der Moral in unserem Verhalten
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Der Wanderer und sein Schatten
gegen die Tiere noch beobachten. Wo nutzen und Schaden nicht in Betracht kommen,
haben wir ein Gefühl der völligen Unverantwortlichkeit; wir töten und verwunden zum
Beispiel Insekten oder lassen sie leben und denken für gewöhnlich gar nichts dabei.
Wir sind so plump, daß schon unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Tiere fast
immer mörderisch sind: was unser Vergüngen an ihnen gar nicht beeinträchtigt. - Es ist
heute das Fest der kleinen Tiere, der schwülste Tage des Jahres: es wimmelt und
krabbelt um uns, und wir zerdrücken, ohne es zu wollen, aber auch ohne acht zu
geben, bald hier, bald dort ein Würmchen und gefiedertes Käferchen. - Bringen die
Tiere uns Schaden, so erstreben wir auf jede Weise ihre Vernichtung, die Mittel sind oft
grausam genug, ohne daß wir dies eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit der
Gedankenlosigkeit. Nützen sie, so beuten wir sie aus: bis eine feinere Klugheit uns
lehrt, daß gewisse Tiere für eine andere Behandlung, nämlich für die der Pflege und
Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht Verantwortlichkeit. Gegen das Haustier wird
die Quälerei gemieden; der eine Mensch empört sich, wenn ein anderer unbarmherzig
gegen seine Kuh ist, ganz in Gemäßheit der primitiven Gemeinde-Moral, welche den
gemeinsamen Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein einzelner sich vergeht. Wer in der
Gemeinde ein Vergehen wahrnimmt, fürchtet den indirekten Schaden für sich: und wir
fürchten für die Güte des Fleisches, des Landbaues und der Verkehrsmittel, wenn wir
die Haustiere nicht gut behandelt sehen. Zudem erweckt der, welcher roh gegen Tiere
ist, den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der Rache unfähige
Menschen zu sein; er gilt als unedel, des feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein
Ansatz von moralischem Urteilen und Empfinden: das beste tut nun der Aberglaube
hinzu. Manche Tiere reizen durch Blicke, Töne und Gebärden den Menschen an, sich
in sie hineinzudichten, und manche Religionen lehren im Tiere unter Umständen den
Wohnsitz von Menschen- und Götterseelen sehen: weshalb sie überhaupt edlere
Vorsicht, ja ehrfürchtige Scheu im Umgange mit den Tieren anempfehlen. Auch nach
dem Verschwinden dieses Aberglaubens wirken die von ihm erweckten Empfindungen
fort und reifen und blühen aus. - Das Christentum hat sich bekanntlich in diesem
Punkte als arme und zurückbildende Religion bewährt.
58
Neue Schauspieler. - Es gibt unter den Menschen keine größere Banalität als den Tod;
zu zweit im Range steht die Geburt, weil nicht alle geboren werden, welche doch
sterben; dann folgt die Heirat. Aber diese kleinen abgespielten Tragikomödien werden
bei jeder ihrer ungezählten und unzählbaren Aufführungen immer wieder von neuen
Schauspielern dargestellt und hören deshalb nicht auf, interessierte Zuschauer zu
haben: während man glauben sollte, daß die gesamte Zuschauerschaft des
Erdentheaters sich längst aus Überdruß daran an allen Bäumen aufgehängt hätte.
Soviel liegt an neuen Schauspielern, sowenig am Stück.
59
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Der Wanderer und sein Schatten
Was ist "obstinat"? - Der kürzeste Weg ist nicht der möglichst gerade, sondern der, bei
welchem die günstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die Lehre der
Schiffahrer. Ihr nicht zu folgen, das heißt obstinat sein: die Festigkeit des Charakters ist
da durch Dummheit verunreinigt.
60
Das Wort "Eitelkeit". - Es ist lästig, daß einzelne Worte, deren wir Moralisten
schlechterdings nicht entraten können, schon eine Art Sittenzensur in sich tragen aus
jenen Zeiten her, in denen die nächsten und natürlichsten Regungen des Menschen
verketzert wurden. So wird jene Grundüberzeugung, daß wir auf den Wellen der
Gesellschaft viel mehr durch das, was wir gelten, als durch das, was wir sind, gutes
Fahrwasser haben oder Schiffbruch leiden - eine Überzeugung, die für alles Handeln in
bezug auf die Gesellschaft das Steuerruder sein muß - mit dem allgemeinsten Worte
"Eitelkeit", "vanitas" gebrandmarkt: eines der vollsten und inhaltreichsten Dinge mit
einem Ausdruck, welcher dasselbe als das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet,
etwas Großes mit einem Diminutivum, ja mit den Federstrichen der Karikatur. Es hilft
nichts, wir müssen solche Worte gebrauchen, aber dabei unser Ohr den
Einflüsterungen alter Gewohnheit verschließen.
61
Türkenfatalismus. - Der Türkenfatalismus hat den Grundfehler, daß er den Menschen
und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der Mensch,
sagt er, könne dem Fatum widerstreben, es zu vereiteln suchen, aber schließlich
behalte es immer den Sieg, weshalb das vernünftigste sei, zu resignieren oder nach
Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stück Fatum; wenn er in der
angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin
auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das
Fatum; alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. - Die Angst, welche die
meisten vor der Lehre der Unfreiheit des Willens haben, ist die Angst vor dem
Türkenfatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwächlich resigniert und mit
gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr nichts zu ändern vermöge:
oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zügel schießen lassen, weil
auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer werden könne. Die Torheiten
des Menschen sind ebenso ein Stück Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst vor
dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, armer Ängstlicher, bist die
unbezwingliche Moira, welche noch über den Göttern thront, für alles, was da kommt;
du bist Segen oder Fluch und jedenfalls die Fessel, in welcher der Stärkste gebunden
liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen-Welt vorherbestimmt, es hilft dir nichts, wenn
dir vor dir selber graut.
62
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (26 von 87) [08.08.01 21:56:03]
Der Wanderer und sein Schatten
Advokat des Teufels. - "Nur durch eigenen Schaden wird man klug, nur durch fremden
Schaden wird man gut" so lautet jene seltsame Philosophie, welche alle Moralität aus
dem Mitleiden und alle Intellektualität aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist
sie unbewußt die Sachwalterin aller irdischen Schadhaftigkeit. Denn das Mitleiden hat
das Leiden nötig und die Isolation die Verachtung der anderen.
63
Die moralischen Charaktermasken. - In den Zeiten, da die Charaktermasken der
Stände für endgültig fest, gleich den Ständen selber gelten, werden die Moralisten
verführt sein, auch die moralischen Charaktermasken für absolut zu halten und sie so
zu zeichnen. So ist Molière als Zeitgenosse der Gesellschaft Ludwigs XIV.
verständlich; in unserer Gesellschaft der Übergänge und Mittelstufen würde er als ein
genialer Pedant erscheinen.
64
Die vornehmste Tugend. - In der ersten Ära des höheren Menschentums gilt die
Tapferkeit als die vornehmste der Tugenden, in der zweiten die Gerechtigkeit, in der
dritten die Mäßigung, in der vierten die Weisheit. In welcher Ära leben wir? In welcher
lebst du?
65
Was vorher nötig ist. - Ein Mensch, der über seinen Jähzorn, seine Gall- und
Rachsucht, seine Wollust nicht Meister werden will und es versucht, irgendworin sonst
Meister zu werden, ist so dumm wie der Ackermann, der neben einem Wildbach seine
Äcker anlegt, ohne sich gegen ihn zu schützen.
66
Was ist Wahrheit? - Schwarzert (Melanchthon): "Man predigt oft seinen Glauben, wenn
man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, - und man predigt ihn dann
nicht am schlechtesten!" - Luther: Du redest heut' wahr wie ein Engel, Bruder!
Schwarzert: "Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die
Nutzanwendung." - Luther: So wär's eine Lüge aus des Teufels Hinterm.
67
Gewohnheit der Gegensätze. - Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der
Natur überall Gegensätze (wie z. B. "warm und kalt"), wo keine Gegensätze, sondern
nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun
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Der Wanderer und sein Schatten
auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen
verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäglich viel Schmerzhaftigkeit, Anmaßung, Härte,
Entfremdung, Erkältung ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen
dadurch, daß man Gegensätze an Stelle der Übergänge zu sehen meinte.
68
Ob man vergeben könne?--Wie kann man ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht
wissen, was sie tun! Man hat gar nichts zu vergeben. --Aber weiß ein Mensch jemals
völlig, was er tut? Und wenn dies immer mindestens fraglich bleibt, so haben also die
Menschen einander nie etwas zu vergeben, und Gnadeüben ist für den Vernünftigsten
ein unmögliches Ding. Zu allerletzt: wenn die Übeltäter wirklich gewußt hätten, was sie
taten - so würden wir doch nur dann ein Recht zur Vergebung haben, wenn wir ein
Recht zur Beschuldigung und zur Strafe hätten. Dies aber haben wir nicht.
69
Habituelle Scham. - Warum empfinden wir Scham, wenn uns etwas Gutes und
Auszeichnendes erwiesen wird, das wir, wie man sagt, "nicht verdient haben"? Es
scheint uns dabei, daß wir uns in ein Gebiet eingedrängt haben, wo wir nicht
hingehören, wo wir ausgeschlossen sein sollten, gleichsam in ein Heiliges oder
Allerheiligstes, welches für unsern Fuß unbetretbar ist. Durch den Irrtum anderer sind
wir doch hineingelangt: und nun überwältigt uns teils Furcht, teils Ehrfurcht, teils
Überraschung, wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des gesegneten Augenblickes
und seiner Gnaden-Vorteile genießen sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium,
welches durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung zu sein scheint; alle
Gnade erzeugt Scham. - Erwägt man aber, daß wir überhaupt niemals etwas "verdient
haben", so wird, im Fall man dieser Ansicht innerhalb einer christlichen Gesamt-
Betrachtung der Dinge sich hingibt, das Gefühl der Scham habituell: weil einem
Solchen Gott fortwährend zu segnen und Gnade zu üben scheint. Abgesehen von
dieser christlichen Auslegung wäre aber auch für den völlig gottlosen Weisen, der an
der gründlichen Unverantwortlichkeit und Unverdienstlichkeit alles Wirkens und
Wesens festhält, jener Zustand der habituellen Scham möglich: wenn man ihn
behandelt, als ob er dies und jenes verdient habe, so scheint er sich in eine höhere
Ordnung von Wesen eingedrängt zu haben, welche überhaupt etwas verdienen,
welche frei sind und ihres eigenen Wollens und Könnens Verantwortung wirklich zu
tragen vermögen. Wer zu ihm sagt "du hast es verdient", scheint ihm zuzurufen "du
bist kein Mensch, sondern ein Gott".
70
Der ungeschickteste Erzieher. - Bei diesem sind auf dem Boden seines
Widerspruchsgeistes alle seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei jenem auf seiner
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Der Wanderer und sein Schatten
Unfähigkeit, nein zu sagen, also auf seinem Zustimmungsgeiste; ein dritter hat alle
seine Moralität aus seinem einsamen Stolze, ein vierter die seine aus seinem starken
Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun, durch ungeschickte Erzieher und
Zufälle wären bei diesen vieren die Samenkörner der Tugenden nicht auf den Boden
ihrer Natur ausgesäet worden, welcher bei ihnen die meiste und fetteste Erdkrume hat:
so wären sie ohne Moralität und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer würde
gerade der ungeschickteste aller Erzieher und das böse Verhängnis dieser vier
Menschen gewesen sein? Der moralische Fanatiker, welcher meint, daß das Gute nur
aus dem Guten, auf dem Guten wachsen könne.
71
Schreibart der Vorsicht. - A: Aber, wenn alle dies wüßten, so würde es den meisten
schädlich sein! Du selber nennst diese Meinungen gefährlich für die Gefährdeten, und
doch teilst du sie öffentlich mit? B: Ich schreibe so, daß weder der Pöbel, noch die
populi, noch die Parteien aller Art mich lesen mögen. Folglich werden diese Meinungen
nie öffentliche sein. A.: Aber wie schreibst du denn? B.: Weder nützlich noch
angenehm - für die genannten drei.
72
Göttliche Missionäre. - Auch Sokrates fühlt sich als göttlicher Missionär: aber ich weiß
nicht, was für ein Anflug von attischer Ironie und Lust am Spaßen auch selbst hierbei
noch zu spüren ist, wodurch jener fatale und anmaßende Begriff gemildert wird. Er
redet ohne Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem Pferd, sind schlicht
und unpriesterlich, und die eigentlich religiöse Aufgabe, wie er sie sich gestellt fühlt,
den Gott auf hunderterlei Weise auf die Probe zu stellen, ob er die Wahrheit geredet
habe, läßt auf eine kühne und freimütige Gebärde schließen, mit der hier der Missionär
seinem Gotte an die Seite tritt. Jenes Auf-die-Probe-Stellen des Gottes ist einer der
feinsten Kompromisse zwischen Frömmigkeit und Freiheit des Geistes, welche je
erdacht worden sind. - Jetzt haben wir auch diesen Kompromiß nicht mehr nötig.
73
Ehrliches Malertum. - Raffael, dem viel an der Kirche (sofern sie zahlungsfähig war),
aber wenig, gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenständen des kirchlichen
Glaubens gelegen war, ist der anspruchsvollen ekstatischen Frömmigkeit mancher
seiner Besteller nicht einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehrlichkeit
bewahrt, selbst in jenem Ausnahme-Bild, das ursprünglich für eine Prozessions-Fahne
bestimmt war, in der Sixtinischen Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision malen:
aber eine solche, wie sie edle junge Männer ohne "Glauben" auch haben dürfen und
haben werden, die Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch-vornehmen,
schweigsamen und sehr schönen Weibes, das ihren Erstgeborenen im Arme trägt.
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (29 von 87) [08.08.01 21:56:03]
Der Wanderer und sein Schatten
Mögen die Alten, die an das Beten und Anbeten gewöhnt sind, hier, gleich dem
ehrwürdigen Greise zur Linken, etwas Übermenschliches verehren: wir Jüngeren
wollen es, so scheint Raffael uns zuzurufen, mit dem schönen Mädchen zur Rechten
halten, welche mit ihrem auffordernden, durchaus nicht devoten Blicke den Betrachtern
des Bildes sagt: "Nicht wahr? Diese Mutter und ihr Kind - das ist ein angenehmer
einladender Anblick?" Dies Gesicht und dieser Blick strahlt von der Freude in den
Gesichtern der Betrachter wieder; der Künstler, der dies alles erfand, genießt sich auf
diese Weise selber und gibt seine eigene Freude zur Freude der Kunst-Empfangenden
hinzu. - In betreff des "heilandhaften" Ausdrucks im Kopfe eines Kindes hat Raffael,
der Ehrliche, der keinen Seelenzustand malen wollte, an dessen Existenz er nicht
glaubte, seine gläubigen Betrachter auf eine artige Weise überlistet; er malte jenes
Naturspiel, das nicht selten vorkommt, das Männerauge im Kindskopfe, und zwar das
Auge des wackeren, hilfereichen Mannes, der einen Notstand sieht. Zu diesem Auge
gehört ein Bart; daß dieser fehlt und daß zwei verschiedene Lebensalter hier aus
einem Gesichte sprechen, dies ist die angenehme Paradoxie, welche die Gläubigen
sich im Sinne ihres Wunderglaubens gedeutet haben: so wie es der Künstler von ihrer
Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten durfte.
74
Das Gebet. - Nur unter zwei Voraussetzungen hatte alles Beten - jene noch nicht völlig
erloschene Sitte älterer Zeiten - einen Sinn: es müßte möglich sein, die Gottheit zu
bestimmen oder umzustimmen, und der Betende müßte selber am besten wissen, was
ihm not tue, was für ihn wahrhaft wünschenswert sei. Beide Voraussetzungen, in allen
anderen Religionen angenommen und hergebracht, wurden aber gerade vom
Christentum geleugnet; wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem Glauben
an eine allweise und allvorsorgliche Vernunft in Gott, durch welche eben dies Gebet im
Grunde sinnlos, ja gotteslästerlich wird, - so zeigte es auch darin wieder seine
bewunderungswürdige Schlangen-Klugheit; denn ein klares Gebot "du sollst nicht
beten" hätte die Christen durch die Langeweile zum Unchristentum geführt. Im
christlichen ora et labora vertritt nämlich das ora die Stelle des Vergnügens: und was
hätten ohne das ora jene Unglücklichen beginnen sollen, die sich das labora
versagten, die Heiligen! - aber mit Gott sich unterhalten, ihm allerlei angenehme Dinge
abverlangen, sich selber ein wenig darüber lustig machen, wie man so töricht sein
könne, noch Wünsche zu haben, trotz einem so vortrefflichen Vater, - das war für
Heilige eine sehr gute Erfindung.
75
Eine heilige Lüge. - Die Lüge, mit der auf den Lippen Arria starb (Paete, non dolet),
verdunkelt alle Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden. Es ist die
einzige heilige Lüge, die berühmt geworden ist; während der Geruch der Heiligkeit
sonst nur an Irrtümern haften blieb.
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (30 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
76
Der nötigste Apostel. - Unter zwölf Aposteln muß immer einer hart wie Stein sein, damit
auf ihm die neue Kirche gebaut werden könne.
77
Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper? - In den rechtlichen,
moralischen und religiösen Dingen hat das Äußerlichste, das Anschauliche, also der
Brauch, die Gebärde, die Zeremonie, am meisten Dauer: sie ist der Leib, zu dem
immer eine neue Seele hinzukommt. Der Kultus wird wie ein fester Wort-Text immer
neu ausgedeutet; die Begriffe und Empfindungen sind das Flüssige, die Sitten das
Harte.
78
Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit. - Erst das Christentum hat den Teufel an
die Wand der Welt gemalt; erst das Christentum hat die Sünde in die Welt gebracht.
Der Glaube an die Heilmittel, welche es dagegen anbot, ist nun allmählich bis in die
tiefsten Wurzeln hinein erschüttert: aber immer noch besteht der Glaube an die
Krankheit, welchen es gelehrt und verbreitet hat.
79
Rede und Schrift der Religiösen. - Wenn der Stil und Gesamtausdruck des Priesters,
des redenden und schreibenden, nicht schon den religiösen Menschen ankündigt, so
braucht man seine Meinungen über Religion und zugunsten derselben nicht mehr ernst
zu nehmen. Sie sind für ihren Besitzer selber kraftlos gewesen, wenn er, wie sein Stil
verrät, Ironie, Anmaßung, Bosheit, Haß und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen
besitzt, ganz wie der unreligiöseste Mensch; - um wieviel kraftloser werden sie erst für
seine Hörer und Leser sein! Kurz, er wird dienen, dieselben unreligiöser zu machen.
80
Gefahr in der Person. - Je mehr Gott als Person für sich galt, um so weniger ist man
ihm treu gewesen. Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel anhänglicher als
ihren geliebtesten Geliebten: deshalb opfern sie sich für den Staat, die Kirche und
auch für Gott - sofern er eben ihr Erzeugnis, ihr Gedanke bleibt und nicht gar zu
persönlich genommen wird. Im letzteren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst
dem Frömmsten entfuhr ja die bittere Rede "mein Gott, warum hast du mich
verlassen!"
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Der Wanderer und sein Schatten
81
Die weltliche Gerechtigkeit. - Es ist möglich, die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln
zu heben - mit der Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit und Unschuld
jedermanns: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden,
gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verantwortlichkeit und
Verschuldung jedermanns. Der Stifter des Christentums war es, der die weltliche
Gerechtigkeit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte.
Denn er verstand alle Schuld als "Sünde", das heißt als Frevel an Gott und nicht als
Frevel an der Welt; andererseits hielt er jedermann im größten Maßstabe und fast in
jeder Hinsicht für einen Sünder. Die Schuldigen sollen aber nicht die Richter
ihresgleichen sein: so urteilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen Gerechtigkeit
waren also in seinen Augen so schuldig wie die von ihnen Verurteilten, und ihre Miene
der Schuldlosigkeit schien ihm heuchlerisch und pharisäerhaft. Überdies sah er auf die
Motive der Handlungen und nicht auf den Erfolg, und hielt für die Beurteilung der
Motive nur einen einzigen für scharfsichtig genug: sich selber (oder wie er sich
ausdrückte: Gott).
82
Eine Affektation beim Abschiede. - Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will,
meint, es sei nun für ihn nötig, sie zu widerlegen. Aber dies ist sehr hochmütig gedacht.
Nötig ist nur, daß er klar einsieht, welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder
Religion anhielten und daß sie es nicht mehr tun, was für Absichten ihn dahin getrieben
haben und daß sie jetzt anderswohin treiben. Wir sind nicht aus strengen
Erkenntnisgründen auf die Seite jener Partei oder Religion getreten: wir sollen dies,
wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affektieren.
83
Heiland und Arzt. - Der Stifter des Christentums war, wie es sich von selber versteht,
als Kenner der menschlichen Seele nicht ohne die größten Mängel und
Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anrüchigen und laienhaften
Glauben an eine Universalmedizin ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter
jenem Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausreißen des Zahnes heilen will; so zum
Beispiel, indem er gegen die Sinnlichkeit mit dem Ratschlage ankämpft: "Wenn dich
dein Auge ärgert, so reiße es aus." - Aber es bleibt doch noch der Unterschied, daß
jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten;
freilich auf so plumpe Art, daß er lächerlich wird: während der Christ, der jenem
Ratschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertötet zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt
auf eine unheimliche, vampyrische Art fort und quält ihn in widerlichen
Vermummungen.
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Der Wanderer und sein Schatten
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Die Gefangenen. - Eines Morgens traten die Gefangenen in den Arbeitshof: der Wärter
fehlte. Die einen von ihnen gingen, wie es ihre Art war, sofort an die Arbeit, andere
standen müßig und blickten trotzig umher. Da trat einer vor und sagte laut: "Arbeitet so
viel ihr wollt oder tut nichts: es ist alles gleich. Eure geheimen Anschläge sind ans Licht
gekommen, der Gefängniswärter hat euch neulich belauscht und will in den nächsten
Tagen ein fürchterliches Gericht über euch ergehen lassen. Ihr kennt ihn, er ist hart
und nachträgerischen Sinnes. Nun aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt: ich
bin nicht, was ich scheine, sondern viel mehr: ich bin der Sohn des Gefängniswärters
und gelte alles bei ihm. Ich kann euch retten, ich will euch retten; aber, wohlgemerkt,
nur diejenigen von euch, welche mir glauben, daß ich der Sohn des Gefängniswärters
bin; die übrigen mögen die Früchte ihres Unglaubens ernten." "Nun", sagte nach
einigem Schweigen ein älterer Gefangener, "was kann dir daran gelegen sein, ob wir
es dir glauben oder nicht glauben? Bist du wirklich der Sohn und vermagst du das, was
du sagst, so lege ein gutes Wort für uns alle ein: es wäre wirklich recht gutmütig von
dir. Das Gerede von Glauben und Unglauben aber laß beiseite!" "Und", rief ein
jüngerer Mann dazwischen, "ich glaub' es ihm auch nicht: er hat sich nur etwas in den
Kopf gesetzt. Ich wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so hier wie heute,
und der Gefängniswärter weiß nichts." "Und wenn er etwas gewußt hat, so weiß er's
nicht mehr", sagte der letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof hinabkam, "der
Gefängniswärter ist eben plötzlich gestorben." - "Holla", schrien mehrere
durcheinander, "holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir
vielleicht jetzt deine Gefangenen?" - "Ich habe es euch gesagt", entgegnete der
Angeredete mild, "ich werde jeden freilassen, der an mich glaubt, so gewiß als mein
Vater noch lebt." - Die Gefangenen lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und
ließen ihn stehen.
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Der Verfolger Gottes. - Paulus hat den Gedanken ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht,
daß Unzähligen seit Ewigkeiten die Verdammnis zuerkannt ist und daß dieser schöne
Weltenplan so eingerichtet wurde, damit die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare:
Himmel und Hölle und Menschheit sollen also da sein, - um die Eitelkeit Gottes zu
befriedigen! Welche grausame und unersättliche Eitelkeit muß in der Seele dessen
geflackert haben, der so etwas sich zuerst oder zu zweit ausdachte! - Paulus ist also
doch Saulus geblieben - der Verfolger Gottes.
86
Sokrates. - Wenn alles gut geht, wird die Zeit kommen, da man, um sich sittlichvernünftig
zu fördern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt als die
Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständnis des
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Der Wanderer und sein Schatten
einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, benutzt werden. Zu
ihm führen die Straßen der verschiedensten philosophischen Lebensweisen zurück,
welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente sind,
festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und allesamt mit ihrer Spitze hin nach der
Freude am Leben und am eignen Selbst gerichtet; woraus man schließen möchte, daß
das Eigentümlichste an Sokrates ein Anteilhaben an allen Temperamenten gewesen
ist. - Vor dem Stifter des Christentums hat Sokrates die fröhliche Art des Ernstes und
jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelenzustand des
Menschen ausmacht. Überdies hatte er den größeren Verstand.
87
Gut schreiben lernen. - Die Zeit des Gutredens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt-
Kulturen vorbei ist. Die letzte Grenze, welche Aristoteles der großen Stadt erlaubte - es
müsse der Herold noch imstande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde
vernehmbar zu machen -, diese Grenze kümmert uns so wenig, als uns überhaupt
noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir selbst über die Völker hinweg verstanden
werden wollen. Deshalb muß jetzt ein jeder, der gut europäisch gesinnt ist, gut und
immer besser schreiben lernen: es hilft nichts, und wenn er selbst in Deutschland
geboren ist, wo man das Schlecht-schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser
schreiben aber heißt zugleich auch besser denken; immer Mitteilenswerteres erfinden
und es wirklich mitteilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn;
zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache
lernen; dahin wirken, daß alles Gute Gemeingut werde und den Freien alles frei stehe;
endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten, wo den guten
Europäern ihre große Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung und Überwachung der
gesamten Erdkultur. - Wer das Gegenteil predigt, sich nicht um das Gutschreiben und
Gutlesen zu kümmern - beide Tugenden wachsen miteinander und nehmen
miteinander ab -, der zeigt in der Tat den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr
national werden können: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein
Feind der guten Europäer, ein Feind der freien Geister.
88
Die Lehre vom besten Stile. - Die Lehre vom Stil kann einmal die Lehre sein, den
Ausdruck zu finden, vermöge dessen man jede Stimmung auf den Leser und Hörer
überträgt; sodann die Lehre, den Ausdruck für die wünschenswerteste Stimmung eines
Menschen zu finden, deren Mitteilung und Übertragung also auch am meisten zu
wünschen ist: für die Stimmung des von Herzensgrund bewegten, geistig freudigen,
hellen und aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften überwunden hat. Dies wird
die Lehre vom besten Stile sein: er entspricht dem guten Menschen.
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Der Wanderer und sein Schatten
Auf den Gang acht geben. - Der Gang der Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der
einzelne Ausdruck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut sein, weil er für
sich und früher gefunden wurde: damals als der Gedanke dem Autor zuerst
aufleuchtete. So ist es häufig bei Goethe, der zu oft diktierte, wenn er müde war.
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Schon und noch. - A: Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, daß
Wieland ihr Vater sei. B: So jung und schon so häßlich! C: Aber - soviel mir bekannt,
schrieb schon der Bischof Ulfilas deutsche Prosa; sie ist also gegen 1500 Jahre alt. B:
So alt und noch so häßlich!
91
Original-deutsch. - Die deutsche Prosa, welche in der Tat nicht nach einem Muster
gebildet ist und wohl als originales Erzeugnis des deutschen Geschmacks zu gelten
hat, dürfte den eifrigen Anwälten einer zukünftigen, originalen, deutschen Kultur einen
Fingerzeig geben, wie etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich deutsche
Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche Zimmereinrichtung, ein deutsches
Mittagsessen aussehen werde. - Jemand, der längere Zeit über diese Aussichten
nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus: "Aber, um des Himmels
willen, vielleicht haben wir schon diese originale Kultur - man spricht nur nicht gerne
davon!"
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Verbotene Bücher. - Nie etwas lesen, was jene arroganten Vielwisser und Wirrköpfe
schreiben, welche die abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie haben: sie
wenden die logischen Formen gerade dort an, wo alles im Grunde frech improvisiert
und in die Luft gebaut ist. ("Also" soll bei ihnen heißen "du Esel von Leser, für dich gib
es dies `also' nicht - wohl aber für mich" - worauf die Antwort lautet: "du Esel von
Schreiber, wozu schreibst du denn?")
93
Geist zeigen. - Jeder, der seinen Geist zeigen will, läßt merken, daß er auch reichlich
vom Gegenteil hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfällen einen
Zug von dédain beizugeben, hat ihren Ursprung in der Absicht, für reicher zu gelten,
als sie sind: sie wollen lässig schenken, gleichsam ermüdet vom beständigen Spenden
aus übervollen Schatzhäusern.
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Der Wanderer und sein Schatten
Deutsche und französische Literatur. - Das Unglück der deutschen und französischen
Literatur der letzten hundert Jahre liegt darin, daß die Deutschen zu zeitig aus der
Schule der Franzosen gelaufen sind - und die Franzosen, späterhin, zu zeitig in die
Schule der Deutschen.
95
Unsere Prosa. - Keines der jetzigen Kulturvölker hat eine so schlechte Prosa wie das
deutsche; und wenn geistreiche und verwöhnte Franzosen sagen: es gibt keine
deutsche Prosa - so dürfte man eigentlich nicht böse werden, da es artiger gemeint ist,
als wir's verdienen. Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu dem
seltsamen Ergebnis, daß der Deutsche nur die improvisierte Prosa kennt und von einer
anderen gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiener
sagt, daß Prosa gerade um so viel schwerer sei als Poesie, um wie viel die Darstellung
der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer sei als die der bekleideten
Schönheit. Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen - das
begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreif-Dichtung einen
besonders hohen Wert zuzumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule
arbeiten? - es ist ihm, also ob man ihm etwas aus dem Fabelland vorerzählte.
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Der große Stil. - Der große Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das
Ungeheure davonträgt.
97
Ausweichen. - Man weiß nicht eher, worin bei ausgezeichneten Geistern das Feine
ihres Ausdrucks, ihrer Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches Wort
jeder mittelmäßige Schriftsteller beim Ausdrücken derselben Sache unvermeidlich
geraten sein würde. Alle großen Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks
zum Ausweichen, zum Entgleisen geneigt - doch nicht zum Umfallen.
98
Etwas wie Brot. - Brot neutralisiert den Geschmack anderer Speisen, wischt ihn weg;
deshalb gehört es zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken muß es etwas wie
Brot geben, damit es verschiedene Wirkungen in ihnen geben könne: welche,
unmittelbar und ohne ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausieren
aufeinanderfolgend, schnell erschöpfen und Widerwillen machen würden, so daß eine
längere Mahlzeit der Kunst unmöglich wäre.
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (36 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
99
Jean Paul. - Jean Paul wußte sehr viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich
auf allerlei Kunstgriffe in den Künsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe nichts
ungenießbar, aber hatte keinen Geschmack, besaß Gefühl und Ernst, goß aber, wenn
er davon zu kosten gab, eine widerliche Tränenbrühe darüber, ja er hatte Witz, - aber
leider für seinen Heißhunger danach viel zu wenig: weshalb er den Leser gerade durch
seine Witzlosigkeit zur Verzweiflung treibt. Im ganzen war er das bunte, starkriechende
Unkraut, welches über Nacht auf den zarten Fruchtfeldern Schillers und Goethes
aufschoß; er war ein bequemer, guter Mensch, und doch ein Verhängnis, - ein
Verhängnis im Schlafrock.
100
Auch den Gegensatz zu schmecken wissen. - Um ein Werk der Vergangenheit so zu
genießen, wie es seine Zeitgenossen empfanden, muß man den damals herrschenden
Geschmack, gegen den es sich abhob, auf der Zunge haben.
101
Weingeist-Autoren. - Manche Schriftsteller sind weder Geist noch Wein, aber
Weingeist: sie können in Flammen geraten und geben dann Wärme.
102
Der Mittler-Sinn. - Der Sinn des Geschmacks, als der wahre Mittler-Sinn, hat die
anderen Sinne oft zu seinen Ansichten der Dinge überredet und ihnen seine Gesetze
und Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei Tische über die feinsten Geheimnisse
der Künste Aufschlüsse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es schmeckt,
wonach und wie lange es schmeckt.
103
Lessing. - Lessing hat eine echt französische Tugend und ist überhaupt als
Schriftsteller bei den Franzosen am fleißigsten in die Schule gegangen: er versteht
seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzustellen. Ohne diese wirkliche
Kunst würden seine Gedanken sowie deren Gegenstände ziemlich im Dunkel
geblieben sein, und ohne daß die allgemeine Einbuße groß wäre. An seiner Kunst
haben aber viele gelernt (namentlich die letzten Generationen deutscher Gelehrten)
und Unzählige sich erfreut. Freilich hätten jene Lernenden nicht nötig gehabt, wie so
oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme Ton-Manier, in ihrer Mischung von
Zankteufelei und Biederkeit, abzulernen. - Über den "Lyriker" Lessing ist man jetzt
einmütig: über den Dramatiker wird man es werden.
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Der Wanderer und sein Schatten
104
Unerwünschte Leser. - Wie quälen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten,
ungeschickten Seelen, welche immer, wenn sie woran anstoßen, auch umfallen und
sich jedesmal dabei wehe tun!
105
Dichter-Gedanken. - Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle
verschleiert einher wie die Ägypterinnen: nur das tiefe Auge des Gedankens blickt frei
über den Schleier hinweg. - Dichter-Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel wert,
als sie gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene Neugierde mit.
106
Schreibt einfach und nützlich. - Übergänge, Ausführungen, Farbenspiele des Affekts, -
alles das schenken wir dem Autor, weil wir dies mitbringen und seinem Buche zugute
kommen lassen, falls er selber uns etwas zugute tut.
107
Wieland. - Wieland hat besser als irgend jemand deutsch geschrieben und dabei sein
rechtes meisterliches Genügen und Ungenügen gehabt (seine Übersetzungen der
Briefe Ciceros und des Lucian sind die besten deutschen Übersetzungen); aber seine
Gedanken geben uns nichts mehr zu denken. Wir vertragen seine heiteren Moralitäten
ebensowenig wie seine heiteren Immoralitäten: beide gehören so gut zu einander. Die
Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere
Menschen als wir, - aber auch um ein gut Teil schwerfälligere, denen ein solcher
Schriftsteller eben not tat. - Goethe tat den Deutschen nicht not, daher sie auch von
ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich die Besten unserer
Staatsmänner und Künstler daraufhin an: sie alle haben Goethe nicht zum Erzieher
gehabt - nicht haben können.
108
Seltene Feste. - Körnige Gedrängtheit, Ruhe und Reife - wo du diese Eigenschaften
bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wüste:
es wird dir lange nicht wieder so wohl werden.
109
Der Schatz der deutschen Prosa. - Wenn man von Goethes Schriften absieht und
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Der Wanderer und sein Schatten
namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen
Buche, das es gibt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosa-Literatur übrig, das
es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen, das
erste Buch von Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und
Gottfried Kellers Leute von Seldwyla, - und damit wird es einstweilen am Ende sein.
110
Schreibstil und Sprechstil. - Die Kunst zu schreiben verlangt vor allem Ersatzmittel für
die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden, Akzente, Töne,
Blicke. Deshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer als der Sprechstil, und etwas viel
Schwierigeres: - er will mit wenigerem sich ebenso verständlich machen wie jener.
Demosthenes hielt seine Reden anders als wir sie lesen: er hat sie zum
Gelesenwerden erst überarbeitet. - Ciceros Reden sollten zum gleichen Zwecke erst
demosthenisiert werden: jetzt ist viel mehr römisches Forum in ihnen, als der Leser
vertragen kann.
111
Vorsicht im Zitieren. - Die jungen Autoren wissen nicht, daß der gute Ausdruck, der
gute Gedanke sich nur unter seinesgleichen gut ausnimmt, daß ein vorzügliches Zitat
ganze Seiten, ja das ganze Buch vernichten kann, indem es den Leser warnt und ihm
zuzurufen scheint: "Gib acht, ich bin der Edelstein und rings um mich ist Blei, bleiches,
schmähliches Blei!" Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesellschaft leben:
das ist die Moral des gewählten Stils.
112
Wie soll man Irrtümer sagen? - Man kann streiten, ob es schädlicher sei, wenn Irrtümer
schlecht gesagt werden oder gut wie die besten Wahrheiten. Gewiß ist, daß sie im
ersteren Fall auf doppelte Weise dem Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu
entfernen sind; aber freilich wirken sie nicht so sicher wie im zweiten Falle: sie sind
weniger ansteckend.
113
Beschränken und vergrößern. - Homer hat den Umfang des Stoffes beschränkt,
verkleinert, aber die einzelnen Szenen aus sich wachsen lassen und vergrößert - und
so machen es später die Tragiker immer von neuem: jeder nimmt den Stoff in noch
kleineren Stücken als sein Vorgänger, jeder aber erzielt eine reichere Blütenfülle
innerhalb dieser abgegrenzten, umfriedeten Gartenhecken.
114
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Der Wanderer und sein Schatten
Literatur und Moralität sich erklärend. - Man kann an der griechischen Literatur zeigen,
durch welche Kräfte der griechische Geist sich entfaltete, wie er in verschiedene
Bahnen geriet und woran er schwach wurde. Alles das gibt ein Bild davon ab, wie es
im Grunde auch mit der griechischen Moralität zugegangen ist und wie es mit jeder
Moralität zugehen wird: wie sie erst Zwang war, erst Härte zeigte, dann allmählich
milder wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen Konventionen
und Formen entstand, und daraus wieder ein Hang zur alleinigen Ausübung, zum
Alleinbesitz derselben: wie die Bahn sich mit Wettbewerbenden füllt und überfüllt, wie
Übersättigung eintritt, neue Gegenstände des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht,
veraltete ins Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich wiederholt und die
Zuschauer des Zuschauens überhaupt müde werden, weil nun der ganze Kreis
durchlaufen scheint - - und dann kommt ein Stillstehen, ein Ausatmen: die Bäche
verlieren sich im Sande. Es ist das Ende da, wenigstens ein Ende.
115
Welche Gegenden dauernd erfreuen. - Diese Gegend hat bedeutende Züge zu einem
Gemälde, aber ich kann die Formel für sie nicht finden, als Ganzes bleibt sie mir
unfaßbar. Ich bemerke, daß alle Landschaften, die mir dauernd zusagen, unter aller
Mannigfaltigkeit ein einfaches geometrisches Linien-Schema haben. Ohne ein solches
mathematisches Substrat wird keine Gegend etwas künstlerisch Erfreuendes. Und
vielleicht gestattet diese Regel eine gleichnishafte Anwendung auf den Menschen.
116
Vorlesen. - Vorlesen können setzt voraus, daß man vortragen könne: man hat überall
blasse Farben anzuwenden, aber die Grade der Blässe in genauen Proportionen zu
dem immer vorschwebenden und dirigierenden, voll und tief gefärbten Grundgemälde,
das heißt nach dem Vortrage derselben Partie zu bestimmen. Also muß man dieses
letzteren mächtig sein.
117
Der dramatische Sinn. - Wer die feineren vier Sinne der Kunst nicht hat, sucht alles mit
dem gröbsten, dem fünften zu verstehen: dies ist der dramatische Sinn.
118
Herder. - Herder ist alles das nicht, was er von sich wähnen machte (und selber zu
wähnen wünschte): kein großer Denker und Erfinder, kein neuer treibender
Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft. Aber er besaß im
höchsten Maße den Sinn der Witterung, er sah und pflückte die Erstlinge der
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Der Wanderer und sein Schatten
Jahreszeit früher als alle anderen, welche dann glauben konnten, er habe sie wachsen
lassen: sein Geist war zwischen Hellem und Dunklem, Altem und Jungem und überall
dort wie ein Jäger auf der Lauer, wo es Übergänge, Senkungen, Erschütterungen, die
Anzeichen inneren Quellens und Werdens gab: die Unruhe des Frühlings trieb ihn
umher, aber er selber war der Frühling nicht! - Das ahnte er wohl zuzeiten, und wollte
es doch sich selber nicht glauben, er, der ehrgeizige Priester, der so gern der Geister-
Papst seiner Zeit gewesen wäre! Dies ist sein Leiden: er scheint lange als Prätendent
mehrerer Königtümer, ja eines Universalreiches gelebt zu haben und hatte seinen
Anhang, welcher an ihn glaubte: der junge Goethe war unter ihm. Aber überall, wo
zuletzt Kronen wirklich vergeben wurden, ging er leer aus: Kant, Goethe, sodann die
wirklichen ersten deutschen Historiker und Philologen nahmen ihm weg, was er sich
vorbehalten wähnte, - oft aber auch im stillsten und geheimsten nicht wähnte. Gerade
wenn er an sich zweifelte, warf er sich gern die Würde und die Begeisterung um: dies
waren bei ihm allzuoft Gewänder, die viel verbergen, ihn selber täuschen und trösten
mußten. Er hatte wirklich Begeisterung und Feuer, aber sein Ehrgeiz war viel größer!
Dieser blies ungeduldig in das Feuer, daß es flackerte, knisterte und rauchte - sein Stil
flackert, knistert und raucht - aber er wünschte die große Flamme, und diese brach nie
hervor! Er saß nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz ließ
nicht zu, daß er sich bescheiden unter die eigentlich Genießenden setzte. So war er
ein unruhiger Gast, der Vorkoster aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in
einem halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeitreichen zusammenholten. Nie
wirklich satt und froh, war Herder überdies allzu häufig krank: da setzte sich bisweilen
der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch. Etwas Wundes und
Unfreies blieb an ihm haften: und mehr als irgend einem unserer sogenannten
"Klassiker" geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab.
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Geruch der Worte. - Jedes Wort hat seinen Geruch: es gibt eine Harmonie und
Disharmonie der Gerüche und also der Worte.
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Der gesuchte Stil. - Der gefundene Stil ist eine Beleidigung für den Freund des
gesuchten Stils.
121
Gelöbnis. - Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch
machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.
122
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Der Wanderer und sein Schatten
Die künstlerische Konvention. - Dreiviertel Homer ist Konvention; und ähnlich steht es
bei allen griechischen Künstlern, die zu der modernen Originalitätswut keinen Grund
hatten. Es fehlte ihnen alle Angst vor der Konvention; durch diese hingen sie ja mit
ihrem Publikum zusammen. Konventionen sind nämlich die für das Verständnis der
Zuhörer eroberten Kunstmittel, die mühevoll erlernte gemeinsame Sprache, mit
welcher der Künstler sich wirklich mitteilen kann. Zumal wenn er, wie der griechische
Dichter und Musiker, mit jedem seiner Kunstwerke sofort siegen will - da er öffentlich
mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen gewöhnt ist -, so ist die erste
Bedingung, daß er sofort auch verstanden werde: was aber nur durch die Konvention
möglich ist. Das, was der Künstler über die Konvention hinaus erfindet, das gibt er aus
freien Stücken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten Fall mit dem
Erfolge, daß er eine neue Konvention schafft. Für gewöhnlich wird das Originale
angestaunt, mitunter sogar angebetet, aber selten verstanden; der Konvention
hartnäckig ausweichen heißt: nicht verstanden werden wollen. Worauf weist also die
moderne Originalitätswut hin?
123
Affektation der Wissenschaftlichkeit bei Künstlern. - Schiller glaubte, gleich anderen
deutschen Künstlern, wenn man Geist habe, dürfe man über allerlei schwierige
Gegenstände auch wohl mit der Feder improvisieren. Und nun stehen seine Prosa-
Aufsätze da - in jeder Beziehung ein Muster, wie man wissenschaftliche Fragen der
Ästhetik und Moral nicht angreifen dürfe - und eine Gefahr für junge Leser, welche, in
ihrer Bewunderung des Dichters Schiller, nicht den Mut haben, vom Denker und
Schriftsteller Schiller gering zu denken. - Die Versuchung, welche den Künstler so
leicht und so begreiflicherweise befällt, auch einmal über die gerade ihm verbotene
Wiese zu gehen und in der Wissenschaft ein Wort mitzusprechen - der Tüchtigste
nämlich findet zeitweilig sein Handwerk und seine Werkstätte unausstehlich -, diese
Versuchung bringt den Künstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar nicht zu
sehen braucht, nämlich daß es in seinem Denkzimmerchen eng und unordentlich
aussieht - warum auch nicht? er wohnt ja nicht darin! -, daß die Vorratsspeicher seines
Wissens teils leer, teils mit Krimskrams gefüllt sind - warum auch nicht? es steht dies
sogar im Grunde dem Künstler-Kinde nicht übel an -, namentlich aber, daß selbst für
die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen Methode, die selbst Anfängern
geläufig sind, seine Gelenke zu ungeübt und schwerfällig sind - und auch dessen
braucht er sich wahrlich nicht zu schämen! - Da gegen entfaltet er oftmals keine
geringe Kunst darin, alle die Fehler, Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten, wie
sie in der wissenschaftlichen Zunft vorkommen, nachzuahmen, im Glauben, dies eben
gehöre, wenn nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache; und dies gerade ist das
Lustige an solchen Künstler-Schriften, daß hier der Künstler, ohne es zu wollen, doch
tut, was seines Amtes ist: die wissenschaftlichen und unkünstlerischen Naturen zu
parodieren. Eine andere Stellung zur Wissenschaft als die parodische sollte er nämlich
nicht haben, soweit er eben der Künstler und nur der Künstler ist.
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (42 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
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Die Faust-Idee. - Eine kleine Nähterin wird verführt und unglücklich gemacht; ein
großer Gelehrter aller vier Fakultäten ist der Übeltäter. Das kann doch nicht mit rechten
Dingen zugegangen sein? Nein, gewiß nicht! Ohne die Beihilfe des leibhaftigen Teufels
hätte es der große Gelehrte nicht zustande gebracht. - Sollte dies wirklich der größte
deutsche "tragische Gedanke" sein, wie man unter Deutschen sagen hört? - Für
Goethe war aber auch dieser Gedanke noch zu fürchterlich; sein mildes Herz konnte
nicht umhin, die kleine Nähterin, "die gute Seele, die nur einmal sich vergessen", nach
ihrem unfreiwilligen Tode in die Nähe der Heiligen zu versetzen; ja selbst den großen
Gelehrten brachte er, durch einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden
Augenblick gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel, ihn, "den guten
Menschen" mit dem "dunklen Drange": - dort im Himmel finden sich die Liebenden
wieder. - Goethe sagt einmal, für das eigentlich Tragische sei seine Natur zu konziliant
gewesen.
125
Gibt es "deutsche Klassiker"? - Sainte-Beuve bemerkt einmal, daß zu der Art einiger
Literaturen das Wort "Klassiker" durchaus nicht klingen wolle: wer werde zum Beispiel
so leicht von "deutschen Klassikern" reden! - Was sagen unsre deutschen Buchhändler
dazu welche auf dem Wege sind, die fünfzig deutschen Klassiker, an die wir schon
glauben sollen, noch um weitere fünfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob
man eben nur 30 Jahre lang tot zu sein und als erlaubte Beute öffentlich dazuliegen
brauche, um unversehens plötzlich als Klassiker die Trompete der Auferstehung zu
hören! Und dies in einer Zeit und unter einem Volke, wo selbst von den sechs großen
Stammvätern der Literatur fünf unzweideutig veralten oder veraltet sind, - ohne daß
diese Zeit und dieses Volk sich gerade dessen zu schämen hätten! Denn jene sind vor
den Stärken dieser Zeit zurückgewichen - man überlege es sich nur mit aller Billigkeit! -
Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab, er gehört in eine höhere Gattung von
Literaturen, als "National-Literaturen" sind: deshalb steht er auch zu seiner Nation
weder im Verhältnis des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. Nur für
wenige hat er gelebt und lebt er noch: für die meisten ist er nichts als eine Fanfare der
Eitelkeit, welche man von Zeit zu Zeit über die deutsche Grenze hinüberbläst. Goethe,
nicht nur ein guter und großer Mensch, sondern eine Kultur, Goethe ist in der
Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen: wer wäre imstande, in der
deutschen Politik der letzten 70 Jahre zum Beispiel ein Stück Goethe aufzuzeigen!
(während jedenfalls darin ein Stück Schiller, und vielleicht sogar ein Stückchen Lessing
tätig gewesen ist). Aber jene andern fünf! Klopstock veraltete schon bei Lebzeiten auf
eine sehr ehrwürdige Weise; und so gründlich, daß das nachdenkliche Buch seiner
späteren Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen Tag von niemandem ernst
genommen worden ist. Herder hatte das Unglück, daß seine Schriften immer entweder
neu oder veraltet waren; für die feineren und stärkeren Köpfe (wie für Lichtenberg) war
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Der Wanderer und sein Schatten
zum Beispiel selbst Herders Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der Menschheit,
sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland, der reichlich gelebt und zu leben
gegeben hat, kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines Einflusses durch den
Tod zuvor. Lessing lebt vielleicht heute noch, - aber unter jungen und immer jüngeren
Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Händen der Jünglinge in die der Knaben, aller
deutschen Knaben geraten! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, daß ein Buch zu
immer unreiferen Lebensaltern hinabsteigt. - Und was hat diese fünf zurückgedrängt,
so daß gut unterrichtete und arbeitsame Männer sie nicht mehr lesen? Der bessere
Geschmack, das bessere Wissen, die bessere Achtung vor dem Wahren und
Wirklichen: also lauter Tugenden, welche gerade durch jene fünf (und durch zehn und
zwanzig andere weniger lauten Namens) erst wieder in Deutschland angepflanzt
worden sind, und welche jetzt als hoher Wald über ihren Gräbern neben dem Schatten
der Ehrfurcht auch etwas vom Schatten der Vergessenheit breiten. - Aber Klassiker
sind nicht Anpflanzer von intellektuellen und literarischen Tugenden, sondern Vollender
und höchste Lichtspitzen derselben, welche über den Völkern stehen bleiben, wenn
diese selber zugrundegehen: denn sie sind leichter, freier, reiner als sie. Es ist ein
hoher Zustand der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine dunkle
Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreißig sehr alten, nie veralteten Büchern
lebt: in den Klassikern.
126
Interessant, aber nicht schön. - Diese Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen,
den man erraten möchte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke zu Worten aber ich
weiß nicht, wo der Satz beginnt, der das Rätsel aller dieser Winke löst, und werde zum
Wendehals darüber, zu untersuchen, ob von hier oder von dort aus zu lesen ist.
127
Gegen die Sprach-Neuerer. - In der Sprache neuern oder altertümeln, das Seltene und
Fremdartige vorziehen, auf Reichtum des Wortschatzes statt auf Beschränkung
trachten, ist immer ein Zeichen des ungereiften oder verderbten Geschmacks. Eine
edle Armut, aber innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meisterliche Freiheit
zeichnet die griechischen Künstler der Rede aus: sie wollen weniger haben, als das
Volk hat - denn dieses ist am reichsten in Altem und Neuem - aber sie wollen dies
Weniger besser haben. Man ist schnell mit dem Aufzählen ihrer Archaismen und
Fremdartigkeiten fertig, aber kommt nicht zu Ende im Bewundern, wenn man für die
leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem Alltäglichen und scheinbar längst
Verbrauchten in Worten und Wendungen ein gutes Auge hat. v
128
Die traurigen und die ernsten Autoren. - Wer zu Papier bringt, was er leidet, wird ein
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Der Wanderer und sein Schatten
trauriger Autor: aber ein ernster, wenn er uns sagt, was er litt und weshalb er jetzt in
der Freude ausruht.
129
Gesundheit des Geschmacks. - Wie kommt es, daß die Gesundheiten nicht so
ansteckend sind wie die Krankheiten - überhaupt, und namentlich im Geschmack?
Oder gibt es Epidemien der Gesundheit? -
130
Vorsatz. - Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher Zeit geboren und (mit Tinte) getauft
wurde.
131
Den Gedanken verbessern. - Den Stil verbessern - das heißt den Gedanken
verbessern, und gar Nichts weiter! - Wer dies nicht sofort zugibt, ist auch nie davon zu
überzeugen.
132
Klassische Bücher. - Die schwächste Seite jedes klassischen Buches ist die, daß es zu
sehr in der Muttersprache seines Autors geschrieben ist.
133
Schlechte Bücher. - Das Buch soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch verlangen: aber
gewöhnlich verlangen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Deshalb ist es
jetzt so wenig mit Büchern.
134
Sinnesgegenwart. - Das Publikum wird, wenn es über Gemälde nachdenkt, dabei zum
Dichter, und wenn es über Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick, da der
Künstler es anruft, fehlt es ihm immer am rechten Sinn, nicht also an der Geistes-,
sondern an der Sinnesgegenwart.
135
Gewählte Gedanken. - Der gewählte Stil einer bedeutenden Zeit wählt nicht nur die
Worte, sondern auch die Gedanken aus, - und zwar beide aus dem Üblichen und
Herrschenden: die gewagten und allzufrisch riechenden Gedanken sind dem reiferen
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Der Wanderer und sein Schatten
Geschmack nicht minder zuwider als die neuen tollkühnen Bilder und Ausdrücke.
Später riecht beides - der gewählte Gedanke und das gewählte Wort - leicht nach
Mittelmäßigkeit, weil der Geruch des Gewählten sich schnell verflüchtigt und dann nur
noch das Übliche und Alltägliche daran geschmeckt wird.
136
Hauptgrund der Verderbnis des Stils. - Mehr Empfindung für eine Sache zeigen wollen,
als man wirklich hat, verdirbt den Stil, in der Sprache und in allen Künsten. Vielmehr
hat alle große Kunst die umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich
bedeutenden Menschen, das Gefühl auf seinem Wege anzuhalten und nicht ganz ans
Ende laufen zu lassen. Diese Scham der halben Gefühls-Sichtbarkeit ist zum Beispiel
bei Sophokles auf das Schönste zu beobachten; und es scheint die Züge der
Empfindung zu verklären, wenn diese sich selber nüchterner gibt, als sie ist.
137
Zur Entschuldigung der schwerfälligen Stilisten. - Das Leicht-Gesagte fällt selten so
schwer ins Gehör, als die Sache wirklich wiegt - das liegt aber an den schlecht
geschulten Ohren, welche aus der Erziehung durch das, was man bisher Musik
nannte, in die Schule der höheren Tonkunst, das heißt der Rede, übergehen müssen.
138
Vogelperspektive. - Hier stürzen Wildwasser von mehreren Seiten einem Schlunde zu:
ihre Bewegung ist so stürmisch und reißt das Auge so mit sich fort, daß die kahlen und
bewaldeten Gebirgshänge ringsum nicht abzusinken, sondern wie hinabzufliehen
scheinen. Man wird beim Anblick angstvoll gespannt, als ob etwas Feindseliges hinter
alledem verborgen liege, vor dem alles flüchten müsse, und gegen das uns der
Abgrund Schutz verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn, daß man
wie ein Vogel in der freien Luft über ihr schwebe. Hier ist einmal die sogenannte
Vogelperspektive nicht eine künstlerische Willkür, sondern die einzige Möglichkeit.
139
Gewagte Vergleichungen. - Wenn die gewagten Vergleichungen nicht Beweise vom
Mutwillen des Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner ermüdeten Phantasie. In
jedem Falle aber sind sie Beweise seines schlechten Geschmackes.
140
In Ketten tanzen. - Bei jedem griechischen Künstler, Dichter und Schriftsteller ist zu
fragen: welches ist der neue Zwang, den er sich auferlegt und den er seinen
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Der Wanderer und sein Schatten
Zeitgenossen reizvoll macht (so daß er Nachahmer findet)? Denn was man "Erfindung"
(im Metrischen zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte Fessel. "In
Ketten tanzen", es sich schwer machen und dann die Täuschung der Leichtigkeit
darüber breiten, - das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen wollen. Schon bei
Homer ist eine Fülle von vererbten Formeln und epischen Erzählungsgesetzen
wahrzunehmen innerhalb deren er tanzen mußte: und er selber schuf neue
Konventionen für die Kommenden hinzu. Dies war die Erziehungs-Schule der
griechischen Dichter: zuerst also einen vielfältigen Zwang sich auferlegen lassen durch
die früheren Dichter; sodann einen neuen Zwang hinzuerfinden, ihn sich auferlegen
und ihn anmutig besiegen: so daß Zwang und Sieg bemerkt und bewundert werden.
141
Fülle der Autoren. - Das Letzte, was ein guter Autor bekommt, ist Fülle; wer sie
mitbringt, wird nie ein guter Autor werden. Die edelsten Rennpferde sind mager, bis sie
von ihren Siegen ausruhen dürfen.
142
Keuchende Helden. - Dichter und Künstler, die an Engbrüstigkeit des Gefühls leiden,
lassen ihre Helden am meisten keuchen: sie verstehen sich auf das leichte Atmen
nicht.
143
Der Halb-Blinde. - Der Halb-Blinde ist der Todfeind aller Autoren, welche sich gehen
lassen. Diese sollten seinen Ingrimm kennen, mit dem er ein Buch zuschlägt, aus
welchem er merkt, daß sein Verfasser fünfzig Seiten braucht, um fünf Gedanken
mitzuteilen; jenen Ingrimm darüber, den Rest seiner Augen fast ohne Entgelt in Gefahr
gebracht zu haben. - Ein Halb-Blinder sagte: alle Autoren haben sich gehen lassen. -
"Auch der heilige Geist?" - Auch der heilige Geist. Aber der durfte es; er schrieb für, die
Ganz-Blinden.
144
Der Stil der Unsterblichkeit. - Thukydides sowohl wie Tacitus - beide haben beim
Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer derselben gedacht: dies würde,
wenn man es sonst nicht wüßte, schon aus ihrem Stile zu erraten sein. Der eine
glaubte seinen Gedanken durch Einsalzen, der andere durch Einkochen
Dauerhaftigkeit zu geben; und beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet.
145
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Der Wanderer und sein Schatten
Gegen Bilder und Gleichnisse. - Mit Bildern, und Gleichnissen überzeugt man, aber
beweist nicht. Deshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor
Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Überzeugende, das Glaublich-
Machende nicht und fordert vielmehr das kälteste Mißtrauen auch schon durch die
Ausdrucksweise und die kahlen Wände heraus: weil das Mißtrauen der Prüfstein für
das Gold der Gewißheit ist.
146
Vorsicht. - Wem es an gründlichem Wissen gebricht, der mag sich in Deutschland ja
hüten, zu schreiben. Denn der gute Deutsche sagt da nicht: "er ist unwissend",
sondern: "er ist von zweifelhaftem Charakter". - Dieser übereilte Schluß macht
übrigens den Deutschen alle Ehre.
147
Bemalte Gerippe. - Bemalte Gerippe: das sind jene Autoren, welche das, was ihnen an
Fleisch abgeht, durch künstliche Farben ersetzen möchten.
148
Der großartige Stil und das Höhere. - an lernt es schneller, großartig schreiben, als
leicht und schlicht schreiben. Die Gründe davon verlieren sich ins Moralische.
149
Sebastian Bach. - Sofern man Bachs Musik nicht als vollkommener und gewitzigter
Kenner des Kontrapunktes und aller Arten des fugierten Stiles hört und demgemäß des
eigentlichen artistischen Genusses entraten muß, wird es uns als Hörern seiner Musik
zumute sein (um uns grandios mit Goethe auszudrücken), als ob wir dabei wären, wie
Gott die Welt schuf. Das heißt: wir fühlen, daß hier etwas Großes im Werden ist, aber
noch nicht ist: unsere große moderne Musik. Sie hat schon die Welt überwunden,
dadurch daß sie die Kirche, die Nationalitäten und den Kontrapunkt überwand. In Bach
ist noch zuviel krude Christlichkeit, krudes Deutschtum, krude Scholastik; er steht an
der Schwelle der europäischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem
Mittelalter um.
150
Händel. - Händel, im Erfinden seiner Musik kühn, neuerungssüchtig, wahrhaft,
gewaltig, dem Heroischen zugewandt und verwandt, dessen ein Volk fähig ist, - wurde
bei der Ausarbeitung oft befangen und kalt, ja an sich selber müde; da wendete er
einige erprobte Methoden der Durchführung an, schrieb schnell und viel und war froh,
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Der Wanderer und sein Schatten
wenn er fertig war, - aber nicht in der Art froh, wie es Gott und andere Schöpfer am
Abende ihres Werktages gewesen sind.
151
Haydn. - Soweit sich Genialität mit einem schlechthin guten Menschen verbinden kann,
hat Haydn sie gehabt. Er geht gerade bis an die Grenze, welche die Moralität dem
Intellekt zieht; er macht lauter Musik, die "keine Vergangenheit" hat.
152
Beethoven und Mozart. - Beethovens Musik erscheint häufig wie eine tiefbewegte
Betrachtung beim unerwarteten Wiederhören eines längst verloren geglaubten Stückes
"Unschuld in Tönen": es ist Musik über Musik. Im Liede der Bettler und Kinder auf der
Gasse, bei den eintönigen Weisen wandernder Italiener, beim Tanze in der
Dorfschenke oder in den Nächten des Karnevals, - da entdeckt er seine "Melodien": er
trägt sie wie eine Biene zusammen, indem er bald hier bald dort einen Laut, eine kurze
Folge erhascht. Es sind ihm verklärte Erinnerungen aus der "besseren Welt": ähnlich
wie Plato es sich von den Ideen dachte. - Mozart steht ganz anders zu seinen
Melodien: er findet seine Inspirationen nicht beim Hören von Musik, sondern im
Schauen des Lebens, des bewegtesten südländischen Lebens: er träumte immer von
Italien, wenn er nicht dort war.
153
Rezitativ. - Ehemals war das Rezitativ trocken; jetzt leben wir in der Zeit des nassen
Rezitativs: es ist ins Wasser gefallen, und die Wellen reißen es, wohin sie wollen.
154
"Heitere" Musik. - Hat man lange die Musik entbehrt, so geht sie nachher wie ein
schwerer Südwein allzuschnell ins Blut und hinterläßt eine narkotisch betäubte,
halbwache, schlaf-sehnsüchtige Seele; namentlich tut dies gerade die heitere Musik,
welche zusammen Bitterkeit und Verwundung, Überdruß und Heimweh gibt und alles
wie in einem verzuckerten Giftgetränk wieder und wieder zu schlürfen nötigt. Dabei
scheint der Saal der heiter rauschenden Freude sich zu verengern, das Licht an Helle
zu verlieren und bräuner zu werden: zuletzt ist es einem zu Mute, als ob die Musik wie
in ein Gefängnis hineinklinge, wo ein armer Mensch vor Heimweh nicht schlafen kann.
155
Franz Schubert. - Franz Schubert, ein geringerer Artist als die anderen großen
Musiker, hatte doch von allen den größten Erbreichtum an Musik. Er verschwendete
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Der Wanderer und sein Schatten
ihn mit voller Hand und aus gütigem Herzen: so daß die Musiker noch ein paar
Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen
Werken haben wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen; andere werden ihre
Größe im Verbrauchen haben. - Dürfte man Beethoven den idealen Zuhörer eines
Spielmannes nennen, so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale
Spielmann zu heißen.
156
Modernster Vortrag der Musik. - Der große tragisch dramatische Vortrag in der Musik
bekommt seinen Charakter durch Nachahmung der Gebärden des großen Sünders,
wie ihn das Christentum sich denkt und wünscht: des langsam Schreitenden,
leidenschaftlich Grübelnden, des von Gewissensqual Hin- und Hergeworfenen, des
entsetzt Fliehenden, des entzückt Haschenden, des verzweifelt Stillestehenden - und
was sonst alles die Merkmale des großen Sündertums sind. Nur unter der
Voraussetzung des Christen, daß alle Menschen große Sünder sind und gar nichts tun,
als sündigen, ließe es sich rechtfertigen, jenen Stil des Vortrags auf alle Musik
anzuwenden: insofern die Musik das Abbild alles menschlichen Tun und Treibens
wäre, und als solches die Gebärdensprache des großen Sünders fortwährend zu
sprechen hätte. Ein Zuhörer, der nicht genug Christ wäre, um diese Logik zu
verstehen, dürfte freilich bei einem solchen Vortrage erschreckt ausrufen: "Um des
Himmels willen, wie ist denn die Sünde in die Musik gekommen!"
157
Felix Mendelssohn. - Felix Mendelssohns Musik ist die Musik des guten Geschmacks
an allem Guten, was dagewesen ist: sie weist immer hinter sich. Wie könnte sie viel
"Vor-sich", viel Zukunft haben! - Aber hat er sie denn haben wollen? Er besaß eine
Tugend, die unter Künstlern selten ist, die der Dankbarkeit ohne Nebengedanken:
auch diese Tugend weist immer hinter sich.
158
Eine Mutter der Künste. - In unserem skeptischen Zeitalter gehört zur eigentlichen
Devotion fast ein brutaler Heroismus des Ehrgeizes; das fanatische Augenschließen
und Kniebeugen genügt nicht mehr. Wäre es nicht möglich, daß der Ehrgeiz, in der
Devotion der Letzte für alle Zeiten zu sein, der Vater einer letzten katholischen
Kirchenmusik würde, wie er schon der Vater des letzten kirchlichen Baustils gewesen
ist? (Man nennt ihn Jesuitenstil.)
159
Freiheit in Fesseln - eine fürstliche Freiheit. - Der letzte der neueren Musiker, der die
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Der Wanderer und sein Schatten
Schönheit geschaut und angebetet hat gleich Leopardi, der Pole Chopin, der
Unnachahmliche - alle vor und nach ihm Gekommenen haben auf dies Beiwort kein
Anrecht - Chopin hatte dieselbe fürstliche Vornehmheit der Konvention, welche Raffael
im Gebrauche der herkömmlichsten einfachsten Farben zeigt, - aber nicht in bezug auf
Farben, sondern auf die melodischen und rhythmischen Herkömmlichkeiten. Diese ließ
er gelten, als geboren in der Etiquette, aber wie der freieste und anmutigste Geist in
diesen Fesseln spielend und tanzend - und zwar ohne sie zu verhöhnen.
160
Chopins Barcarole. - Fast alle Zustände und Lebensweisen haben einen seligen
Moment. Den wissen die guten Künstler herauszufischen. So hat einen solchen selbst
das Leben am Strande, das so langweilige, schmutzige, ungesunde, in der Nähe des
lärmendsten und habgierigsten Gesindels sich abspinnende; - diesen seligen Moment
hat Chopin in der Barcarole so zum Ertönen gebracht, daß selbst Götter dabei gelüsten
könnte, lange Sommerabende in einem Kahne zu liegen.
161
Robert Schumann. - Der "Jüngling", wie ihn die romantischen Liederdichter
Deutschlands und Frankreichs um das erste Drittel dieses Jahrhunderts träumten, -
dieser Jüngling ist vollständig in Sang und Ton übersetzt worden - durch Robert
Schumann, den ewigen Jüngling, so lange er sich in voller eigner Kraft fühlte: es gibt
freilich Momente, in denen seine Musik an die ewige "alte Jungfer" erinnert.
162
Die dramatischen Sänger. - "Warum singt dieser Bettler?" - Er versteht wahrscheinlich
nicht zu jammern. - "Dann tut er Recht: aber unsere dramatischen Sänger, welche
jammern, weil sie nicht zu singen verstehen - tun sie auch das Rechte?"
163
Dramatische Musik. - Für den, welcher nicht sieht, was auf der Bühne vorgeht, ist die
dramatische Musik ein Unding; so gut der fortlaufende Kommentar zu einem verloren
gegangenen Texte ein Unding ist. Sie verlangt ganz eigentlich, daß man auch die
Ohren dort habe, wo die Augen stehen; damit ist aber an Euterpe Gewalt geübt: diese
arme Muse will, daß man ihre Augen und Ohren dort stehen lasse, wo alle anderen
Musen sie auch haben.
164
Sieg und Vernünftigkeit. - Leider entscheidet auch bei den ästhetischen Kriegen,
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Der Wanderer und sein Schatten
welche Künstler mit ihren Werken und deren Schutzreden erregen, zuletzt die Kraft
und nicht die Vernunft. Jetzt nimmt alle Welt als historische Tatsache an, daß Gluck im
Kampfe mit Piccini Recht gehabt habe: jedenfalls hat er gesiegt; die Kraft stand auf
seiner Seite.
165
Vom Prinzipe des Vortrags in der Musik. - Glauben denn wirklich die jetzigen Künstler
des musikalischen Vortrags, das höchste Gebot ihrer Kunst sei, jedem Stück so viel
Hochrelief zu geben, als nur möglich ist, und es um jeden Preis eine dramatische
Sprache reden zu lassen? Ist dies, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht ganz
eigentlich eine Sünde wider den Geist, den heiteren, sonnigen, zärtlichen,
leichtsinnigen Geist Mozarts, dessen Ernst ein gütiger und nicht ein furchtbarer Ernst
ist, dessen Bilder nicht aus der Wand herausspringen wollen, um die Anschauenden in
Entsetzen und Flucht zu jagen. Oder meint ihr, Mozartische Musik sei gleichbedeutend
mit "Musik des steinernen Gastes"? Und nicht nur Mozartische, sondern alle Musik? -
Aber ihr entgegnet, die größere Wirkung spreche zugunsten eures Prinzips - und ihr
hättet recht, wofern nicht die Gegenfrage übrig bliebe, auf wen da gewirkt worden sei,
und auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe! Niemals auf
das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Empfindsamen! Niemals auf die
Krankhaften! Vor allem aber: niemals auf die Abgestumpften!
166
Musik von heute. - Diese modernste Musik, mit ihren starken Lungen und schwachen
Nerven, erschrickt immer zuerst vor sich selber.
167
Wo die Musik heimisch ist. - Die Musik erlangt ihre große Macht nur unter Menschen,
welche nicht diskutieren können oder dürfen. Ihre Förderer ersten Ranges sind deshalb
Fürsten, welche wollen, daß in ihrer Nähe nicht viel kritisiert, ja nicht einmal viel
gedacht werde; sodann Gesellschaften, welche unter irgend einem Drucke (einem
fürstlichen oder religiösen) sich an das Schweigen gewöhnen müssen, aber um so
stärkere Zaubermittel gegen die Langeweile des Gefühls suchen (gewöhnlich die
ewige Verliebtheit und die ewige Musik); drittens ganze Völker, in denen es keine
"Gesellschaft" gibt, aber um so mehr einzelne mit einem Hang zur Einsamkeit, zu
halbdunklen Gedanken und zur Verehrung alles Unaussprechlichen: es sind die
eigentlichen Musikseelen. - Die Griechen, als ein red- und streitlustiges Volk, haben
deshalb die Musik nur als Zukost zu Künsten vertragen, über welche sich wirklich
streiten und reden läßt: während über die Musik sich kaum reinlich denken läßt. Die
Pythagoreer, jene Ausnahme-Griechen in vielen Stücken, waren, wie verlautet, auch
große Musiker: dieselben, welche das fünfjährige Schweigen, aber nicht die Dialektik
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Der Wanderer und sein Schatten
erfunden haben.
168
Sentimentalität in der Musik. - Man sei der ernsten und reichen Musik noch so
gewogen, um so mehr vielleicht wird man in einzelnen Stunden von dem Gegenstück
derselben überwunden, bezaubert und fast hinweggeschmolzen; ich meine: von jenen
allereinfachsten italienischen Opern-Melismen, welche, trotz aller rhythmischen
Einförmigkeit und harmonischen Kinderei, uns mitunter wie die Seele der Musik selber
anzusingen scheinen. Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisäer des guten Geschmacks: es
ist so, und mir liegt jetzt daran, dieses Rätsel, daß es so ist, zum Raten aufzugeben
und selber ein wenig daran herumzuraten. - Als wir noch Kinder waren, haben wir den
Honigseim vieler Dinge zum erstenmal gekostet, niemals wieder war der Honig so gut
wie damals, er verführte zum Leben, zum längsten Leben, in der Gestalt des ersten
Frühlings, der ersten Blumen, der ersten Schmetterlinge, der ersten Freundschaft.
Damals - es war vielleicht um das neunte Jahr unseres Lebens - hörten wir die erste
Musik, und das war die, welche wir zuerst verstanden, die einfachste und kindlichste
also, welche nicht viel mehr als ein Weiterspinnen des Ammenliedes und der
Spielmannsweise war. (Man muß nämlich auch für die geringsten "Offenbarungen" der
Kunst erst vorbereitet und eingelernt werden: es gibt durchaus keine "unmittelbare"
Wirkung der Kunst, so schön auch die Philosophen davon gefabelt haben.) An jene
ersten musikalischen Entzückungen - die stärksten unseres Lebens - knüpft unsere
Empfindung an, wenn wir jene italienischen Melismen hören: die Kindes-Seligkeit und
der Verlust der Kindheit, das Gefühl des Unwiederbringlichsten als des köstlichsten
Besitzes - das rührt dabei die Saiten unsrer Seele an, so stark wie es die reichste und
ernsteste Gegenwart der Kunst allein nicht vermag. - Diese Mischung ästhetischer
Freude mit einem moralischen Kummer, welche man gemeinhin jetzt "Sentimentalität"
zu nennen pflegt, etwas gar zu hoffärtig, wie mir scheint - es ist die Stimmung
Faustens am Schlusse der ersten Szene - diese "Sentimentalität" der Hörenden kommt
der italienischen Musik zugute, welche sonst die erfahrenen Feinschmecker der Kunst,
die reinen "Ästhetiker", zu ignorieren lieben. - Übrigens wirkt fast jede Musik erst von
da an zauberhaft, wo wir aus ihr die Sprache der eigenen Vergangenheit reden hören:
und insofern scheint dem Laien alle alte Musik immer besser zu werden, und alle eben
geborene nur wenig wert zu sein: denn sie erregt noch keine "Sentimentalität", welche,
wie gesagt, das wesentlichste Glücks-Element der Musik für jeden ist, der nicht rein als
Artist sich an dieser Kunst zu freuen vermag.
169
Als Freunde der Musik. - Zuletzt sind und bleiben wir der Musik gut, wie wir dem
Mondlicht gut bleiben. Beide wollen ja nicht die Sonne verdrängen, - sie wollen nur, so
gut sie es können, unsere Nächte erhellen. Aber nicht wahr? scherzen und lachen
dürfen wir trotzdem über sie? Ein wenig wenigstens? Und von Zeit zu Zeit! Über den
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Der Wanderer und sein Schatten
Mann im Monde! Über das Weib in der Musik!
170
Die Kunst in der Zeit der Arbeit. - Wir haben das Gewissen eines arbeitsamen
Zeitalters: dies erlaubt uns nicht, die besten Stunden und Vormittage der Kunst zu
geben, und wenn diese Kunst selber die größte und würdigste wäre. Sie gilt uns als
Sache der Muße, der Erholung: wir weihen ihr die Reste unserer Zeit, unserer Kräfte. -
Dies ist die allgemeinste Tatsache, durch welche die Stellung der Kunst zum Leben
verändert ist: sie hat, wenn sie ihre großen Zeit- und Kraft-Ansprüche an die Kunst-
Empfangenden macht, das Gewissen der Arbeitsamen und Tüchtigen gegen sich, sie
ist auf die Gewissenlosen und Lässigen angewiesen, welche aber, ihrer Natur nach,
gerade der großen Kunst nicht zugetan sind und ihre Ansprüche als Anmaßungen
empfinden. Es dürfte deshalb mit ihr zu Ende sein, weil ihr die Luft und der freie Atem
fehlt: oder - die große Kunst versucht, in einer Art Vergröberung und Verkleidung, in
jener anderen Luft heimisch zu werden (mindestens es in ihr auszuhalten), die
eigentlich nur für die kleine Kunst, für die Kunst der Erholung, der ergötzlichen
Zerstreuung das natürliche Element ist. Dies geschieht jetzt allerwärts; auch die
Künstler der großen Kunst versprechen Erholung und Zerstreuung, auch sie wenden
sich an den Ermüdeten, auch sie bitten ihn um die Abendstunden seines Arbeitstages, -
ganz wie die unterhaltenden Künstler, welche zufrieden sind, gegen den schweren
Ernst der Stirnen, das Versunkene der Augen einen Sieg errungen zu haben. Welches
ist nun der Kunstgriff ihrer größeren Genossen? Diese haben in ihren Büchsen die
gewaltsamsten Erregungsmittel, bei denen selbst der Halbtote noch
zusammenschrecken muß; sie haben Betäubungen, Berauschungen, Erschütterungen,
Tränenkrämpfe: mit diesen überwältigen sie den Ermüdeten und bringen ihn in eine
übernächtige Überlebendigkeit, in ein Außer-sich-sein des Entzückens und des
Schreckens. Dürfte man, wegen der Gefährlichkeit ihrer Mittel, der großen Kunst, wie
sie jetzt, als Oper, Tragödie und Musik, lebt, - dürfte man ihr als einer arglistigen
Sünderin zürnen? Gewiß nicht, sie lebte ja selber hundertmal lieber in dem reinen
Element der morgendlichen Stille und wendete sich an die erwartenden,
unverbrauchten, kraftgefüllten Morgen-Seelen der Zuschauer und Zuhörer. Danken wir
ihr, daß sie es vorzieht, so zu leben, als davonzufliehen: aber gestehen wir uns auch
ein, daß für ein Zeitalter, welches einmal wieder freie, volle Fest- und Freudentage in
das Leben einführt, unsere große Kunst unbrauchbar sein wird.
171
Die Angestellten der Wissenschaft und die anderen. - Die eigentlich tüchtigen und
erfolgreichen Gelehrten könnte man insgesamt als "Angestellte" bezeichnen. Wenn, in
jungen Jahren, ihr Scharfsinn hinreichend geübt, ihr Gedächtnis gefüllt ist, wenn Hand
und Auge Sicherheit gewonnen haben, so werden sie von einem älteren Gelehrten auf
eine Stelle der Wissenschaft angewiesen, wo ihre Eigenschaften Nutzen bringen
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Der Wanderer und sein Schatten
können: späterhin, nachdem sie selber den Blick für die lückenhaften und schadhaften
Stellen ihrer Wissenschaft erlangt haben, stellen sie sich von selber dorthin, wo sie not
tun. Diese Naturen allesamt sind um der Wissenschaft willen da: aber es gibt seltnere,
selten gelingende und völlig ausreifende Naturen, "um derentwillen die Wissenschaft
da ist" - wenigstens scheint es ihnen selber so -: oft unangenehme, oft eingebildete, oft
querköpfige, fast immer aber bis zu einem Grade zauberhafte Menschen. Sie sind nicht
Angestellte und auch nicht Ansteller, sie bedienen sich dessen, was von jenen
erarbeitet und sichergestellt worden ist, in einer gewissen fürstenhaften Gelassenheit
und mit geringem und seltenem Lobe: gleichsam als ob jene einer niedrigeren Gattung
von Wesen angehörten. Und doch haben sie eben nur die gleichen Eigenschaften,
wodurch diese anderen sich auszeichnen, und diese mitunter sogar ungenügender
entwickelt: obendrein ist ihnen eine Beschränktheit eigentümlich, die jenen fehlt, um
derentwegen es unmöglich ist, sie an einen Posten zu stellen und in ihnen nützliche
Werkzeuge zu sehen, - sie können nur in ihrer eigenen Luft, auf eigenem Boden leben.
Diese Beschränktheit gibt ihnen ein, was alles von einer Wissenschaft "zu ihnen
gehöre", das heißt, was sie in ihre Luft und Wohnung heimtragen können; sie wähnen
immer ihr zerstreutes "Eigentum" zu sammeln. Verhindert man sie, an ihrem eigenen
Neste zu bauen, so gehen sie wie obdachlose Vögel zugrunde; Unfreiheit ist für sie
Schwindsucht. Pflegen sie einzelne Gegenden der Wissenschaft in der Art jener
anderen, so sind es doch immer nur solche, wo gerade die ihnen nötigen Früchte und
Samen gedeihen; was geht es sie an, ob die Wissenschaft, im ganzen gesehen,
unangebaute oder schlecht gepflegte Gegenden hat? Es fehlt ihnen jede
unpersönliche Teilnahme an einem Problem der Erkenntnis; wie sie selber durch und
durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Einsichten und Kenntnisse wieder zu
einer Person zusammen, zu einem lebendigen Vielfachen, dessen einzelne Teile
voneinander abhängen, ineinander greifen, gemeinsam ernährt werden, das als
Ganzes eine eigne Luft und einen eignen Geruch hat. - Solche Naturen bringen, mit
diesen ihren personenhaften Erkenntnis-Gebilden, jene Täuschung hervor, daß eine
Wissenschaft (oder gar die ganze Philosophie) fertig sei und am Ziele stehe; das
Leben in ihrem Gebilde übt diesen Zauber aus: als welcher zuzeiten sehr
verhängnisvoll für die Wissenschaft und irreführend für jene vorhin beschriebenen,
eigentlich tüchtigen Arbeiter des Geistes gewesen ist, zu andern Zeiten wiederum, als
die Dürre und die Ermattung herrschten, wie ein Labsal und gleich dem Anhauche
einer kühlen, erquicklichen Raststätte gewirkt hat. - Gewöhnlich nennt man solche
Menschen Philosophen.
172
Anerkennung des Talents. - Als ich durch das Dorf S. ging, fing ein Knabe aus
Leibeskräften an, mit der Peitsche zu knallen, - er hatte es schon weit in dieser Kunst
gebracht und wußte es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu, - im Grunde tat
mir's bitter wehe. - So machen wir es bei der Anerkennung vieler Talente. Wir tun
ihnen wohl, wenn sie uns wehe tun.
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Der Wanderer und sein Schatten
173
Lachen und Lächeln. - Je freudiger und sicherer der Geist wird, um so mehr verlernt
der Mensch das laute Gelächter; dagegen quillt ihm ein geistiges Lächeln fortwährend
auf, ein Zeichen seines Verwunderns über die zahllosen versteckten Annehmlichkeiten
des guten Daseins.
174
Unterhaltung der Kranken. - Wie man bei seelischem Kummer sich die Haare rauft,
sich vor die Stirn schlägt, die Wange zerfleischt oder gar wie Ödipus die Augen
ausbohrt: so ruft man gegen heftige körperliche Schmerzen mitunter eine heftige
bittere Empfindung zu Hilfe, durch Erinnerung an Verleumder und Verdächtiger, durch
Verdüsterung unserer Zukunft, durch Bosheiten und Dolchstiche, welche man im
Geiste gegen Abwesende schleudert. Und es ist bisweilen dabei wahr: daß ein Teufel
den andern austreibt, - aber man hat dann den andern. - Darum sei den Kranken jene
andere Unterhaltung anempfohlen, bei der sich die Schmerzen zu mildern scheinen:
über Wohltaten und Artigkeiten nachzudenken, welche man Freund und Feind
erweisen kann.
175
Mediokrität als Maske. - Die Mediokrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene
Geist tragen kann, weil sie die große Menge, das heißt die Mediokren, nicht an
Maskierung denken läßt -: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor, - um sie nicht
zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Güte.
176
Die Geduldigen. - Die Pinie scheint zu horchen, die Tanne zu warten: und beide ohne
Ungeduld: - sie denken nicht an den kleinen Menschen unter sich, den seine Ungeduld
und seine Neugierde auffressen.
177
Die besten Scherze. - Der Scherz ist mir am willkommensten, der an Stelle eines
schweren, nicht unbedenklichen Gedankens steht, zugleich als Wink mit dem Finger
und Blinzeln des Auges.
178
Zubehör aller Verehrung. - Überall, wo die Vergangenheit verehrt wird, soll man die
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Der Wanderer und sein Schatten
Säuberlichen und Säubernden nicht einlassen. Der Pietät wird ohne ein wenig Staub,
Unrat und Unflat nicht wohl.
179
Die große Gefahr der Gelehrten. - Gerade die tüchtigsten und gründlichsten Gelehrten
sind in der Gefahr, ihr Lebensziel immer niedriger gesteckt zu sehen und, im Gefühl
davon, in der zweiten Hälfte ihres Lebens immer mißmutiger und unverträglicher zu
werden. Zuerst schwimmen sie mit breiten Hoffnungen in ihre Wissenschaft hinein und
messen sich kühnere Aufgaben zu, deren Ziele mitunter durch ihre Phantasie schon
vorweggenommen werden: dann gibt es Augenblicke wie im Leben der großen
entdeckenden Schiffahrer, - Wissen, Ahnung und Kraft heben einander immer höher,
bis eine ferne neue Küste zum ersten Male dem Auge aufdämmert. Nun erkennt aber
der strenge Mensch von Jahr zu Jahr mehr, wie viel daran gelegen ist, daß die
Einzelaufgabe des Forschers so beschränkt wie möglich genommen werde, damit sie
ohne Rest gelöst werden könne und jene unerträgliche Vergeudung von Kraft
vermieden werde, an welcher frühere Perioden der Wissenschaft litten: alle Arbeiten
wurden zehnmal gemacht, und dann hatte immer noch der elfte das letzte und beste
Wort zu sagen. Je mehr aber der Gelehrte dieses Rätsel-Lösen ohne Rest kennen
lernt und übt, um so größer wird auch seine Lust daran: aber ebenso wächst auch die
Strenge seiner Ansprüche in bezug auf das, was hier "ohne Rest" genannt ist. Er legt
alles beiseite, was in diesem Sinne unvollständig bleiben muß, er gewinnt einen
Widerwillen und eine Witterung gegen das Halb-Lösbare, - gegen alles, was nur im
Ganzen und Unbestimmteren eine Art Sicherheit ergeben kann. Seine Jugendpläne
zerfallen vor seinem Blicke: kaum bleiben einige Knoten und Knötchen daraus übrig,
an deren Entknüpfung jetzt der Meister seine Lust hat, seine Kraft zeigt. Und nun,
mitten in dieser so nützlichen, so rastlosen Tätigkeit überfällt ihn, den
Ältergewordenen, plötzlich und dann öfter wieder ein tiefer Mißmut, eine Art Gewissens-
Qual: er sieht auf sich hin, wie auf einen Verwandelten, als ob er verkleinert, erniedrigt,
zum kunstfertigen Zwergen umgeschaffen wäre, er beunruhigt sich darüber, ob nicht
das meisterliche Walten im kleinen eine Bequemlichkeit sei, eine Ausflucht vor der
Mahnung zur Größe des Lebens und Gestaltens. Aber er kann nicht mehr hinüber, -
die Zeit ist um.
180
Die Lehrer im Zeitalter der Bücher. - Dadurch, daß die Selbst-Erziehung und
Verbrüderungs- Erziehung allgemeiner wird, muß der Lehrer in seiner jetzt
gewöhnlichen Form fast entbehrlich werden. Lernbegierige Freunde, die sich
zusammen ein Wissen aneignen wollen, finden in unserer Zeit der Bücher einen
kürzeren und natürlicheren Weg, als "Schule" und "Lehrer" sind.
181
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Der Wanderer und sein Schatten
Die Eitelkeit als die große Nützlichkeit. - Ursprünglich behandelt der starke Einzelne
nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft und die schwächeren Einzelnen als
Gegenstand des Raub- Baues: er nützt sie aus, so viel er kann, und geht dann weiter.
Weil er sehr unsicher lebt, wechselnd zwischen Hunger und Überfluß, so tötet er mehr
Tiere, als er verzehren kann, und plündert und mißhandelt die Menschen mehr, als
nötig wäre. Seine Machtäußerung ist eine Racheäußerung zugleich gegen seinen peinund
angstvollen Zustand: sodann will er für mächtiger gelten, als er ist, und mißbraucht
deshalb die Gelegenheiten: der Furchtzuwachs, den er erzeugt, ist sein
Machtzuwachs. Er merkt zeitig, daß nicht das, was er ist, sondern das, was er gilt, ihn
trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der Eitelkeit. Der Mächtige sucht mit allen
Mitteln Vermehrung des Glaubens an seine Macht. - Die Unterworfenen, die vor ihm
zittern und ihm dienen, wissen wiederum, daß sie genau so viel wert sind, als sie ihm
gelten: weshalb sie auf diese Geltung hinarbeiten und nicht auf ihre eigene
Befriedigung an sich. Wir kennen die Eitelkeit nur in den abgeschwächtesten Formen,
in ihren Sublimierungen und kleinen Dosen, weil wir in einem späten und sehr
gemilderten Zustande der Gesellschaft leben: ursprünglich ist sie die große
Nützlichkeit, das stärkste Mittel der Erhaltung. Und zwar wird die Eitelkeit um so größer
sein, je klüger der einzelne ist: weil die Vermehrung des Glaubens an Macht leichter
ist, als die Vermehrung der Macht selber, aber nur für den, der Geist hat - oder, wie es
für Urzustände heißen muß, der listig und hinterhaltig ist.
182
Wetterzeichen der Kultur. - Es gibt so wenig entscheidende Wetterzeichen der Kultur,
daß man froh sein muß, für seinen Haus- und Gartengebrauch wenigstens ein
untrügliches in den Händen zu haben. Um zu prüfen, ob jemand zu uns gehört oder
nicht - ich meine zu den freien Geistern -, so prüfe man seine Empfindung für das
Christentum. Steht er irgendwie anders zu ihm als kritisch, so kehren wir ihm den
Rücken: er bringt uns unreine Luft und schlechtes Wetter. - Unsere Aufgabe ist es nicht
mehr, solche Menschen zu lehren, was ein Skirokko-Wind ist; sie haben Mosen und
die Propheten des Wetters und der Aufklärung: wollen sie diese nicht hören, so -
183
Zürnen und strafen hat seine Zeit. - Zürnen und strafen ist unser Angebinde von der
Tierheit her. Der Mensch wird erst mündig, wenn er dies Wiegengeschenk den Tieren
zurückgibt. - Hier liegt einer der größten Gedanken vergraben, welche Menschen
haben können, der Gedanke an einen Fortschritt aller Fortschritte. - Gehen wir einige
Jahrtausende miteinander vorwärts, meine Freunde! Es ist sehr viel Freude noch den
Menschen vorbehalten, wovon den Gegenwärtigen noch kein Geruch zugeweht ist!
Und zwar dürfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Notwendiges
verheißen und beschwören, im Fall nur die Entwicklung der menschlichen Vernunft
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Der Wanderer und sein Schatten
nicht stille steht! Einstmals wird man die logische Sünde, welche im Zürnen und
Strafen, einzeln oder gesellschaftsweise geübt, verborgen liegt, nicht mehr übers Herz
bringen: einstmals, wenn Herz und Kopf so nah beieinander zu wohnen gelernt haben,
wie sie jetzt noch einander ferne stehen. Daß sie sich nicht mehr so ferne stehen wie
ursprünglich, ist beim Blick auf den ganzen Gang der Menschheit ziemlich ersichtlich;
und der einzelne, der ein Leben innerer Arbeit zu überschauen hat, wird mit stolzer
Freude sich der überwundenen Entfernung, der erreichten Annäherung bewußt
werden, um daraufhin noch größere Hoffnungen wagen zu dürfen.
184
Abkunft der "Pessimisten". - Ein Bissen guter Nahrung entscheidet oft, ob wir mit
hohlem Auge oder hoffnungsreich in die Zukunft schauen: dies reicht ins Höchste und
Geistigste hinauf. Die Unzufriedenheit und Welt-Schwärzerei ist dem gegenwärtigen
Geschlechte von den ehemaligen Hungerleidern her vererbt. Auch unsern Künstlern
und Dichtern merkt man häufig an, wenn sie selber auch noch so üppig leben, daß sie
von keiner guten Herkunft sind, daß sie von unterdrückt lebenden und schlecht
genährten Vorfahren mancherlei ins Blut und Gehirn mitbekommen haben, was als
Gegenstand und gewählte Farbe in ihrem Werke wieder sichtbar wird. Die Kultur der
Griechen ist die der Vermögenden, und zwar der Altvermögenden: sie lebten ein paar
Jahrhunderte hindurch besser als wir (in jedem Sinne besser, namentlich viel einfacher
in Speise und Trank): da wurden endlich die Gehirne so voll und fein zugleich, da floß
das Blut so rasch hindurch, einem freudigen, hellen Weine gleich, daß das Gute und
Beste bei ihnen nicht mehr düster, verzückt und gewaltsam, sondern schön und
sonnenhaft heraustrat.
185
Vom vernünftigen Tode. - Was ist vernünftiger, die Maschine stillzustellen, wenn das
Werk, das man von ihr verlangte, ausgeführt ist, - oder sie laufen zu lassen, bis sie von
selber stille steht, das heißt bis sie verdorben ist? Ist letzteres nicht eine Vergeudung
der Unterhaltungskosten, ein Mißbrauch mit der Kraft und Aufmerksamkeit der
Bedienenden? Wird hier nicht weggeworfen, was anderswo sehr not täte? Wird nicht
selbst eine Art Mißachtung gegen die Maschinen überhaupt verbreitet dadurch, daß
viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? -Ich spreche vom
unfreiwilligen (natürlichen) und vom freiwilligen (vernünftigen) Tode. Der natürliche Tod
ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, bei dem die
erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll
oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige
Gefängniswärter der Herr ist, der den Punkt bezeichnet, wo sein vornehmer
Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heißt die
Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das
erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt
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Der Wanderer und sein Schatten
erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl gibt, dem
die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Außerhalb der religiösen Denkungsart ist der
natürliche Tod keiner Verherrlichung wert. - Die weisheitsvolle Anordnung und
Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfaßbar und unmoralisch klingende
Moral der Zukunft, in deren Morgenröte zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein
muß.
186
Zurückbildend. - Alle Verbrecher zwingen die Gesellschaft auf frühere Stufen der Kultur
zurück, als die ist, auf welcher sie gerade steht; sie wirken zurückbildend. Man denke
an die Werkzeuge, welche die Gesellschaft der Notwehr halber sich schaffen und
unterhalten muß: an den verschmitzten Polizisten, den Gefängniswärter, den Henker;
man vergesse den öffentlichen Ankläger und den Advokaten nicht; endlich frage man
sich, ob nicht der Richter selber und die Strafe und das ganze Gerichtsverfahren in
ihrer Wirkung auf die Nicht-Verbrecher viel eher niederdrückende, als erhebende
Erscheinungen sind; es wird eben nie gelingen, der Notwehr und der Rache das
Gewand der Unschuld umzulegen; und so oft man den Menschen als ein Mittel zum
Zwecke der Gesellschaft benutzt und opfert, trauert alle höhere Menschlichkeit
darüber.
187
Krieg als Heilmittel. - Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als
Heilmittel anzuraten sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es
gibt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts-Kur. Das ewige Leben-wollen
und Nichtsterben-können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der
Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben
für eine einzige gute Empfindung dahinzugeben. Ein Volk, das so lebt und empfindet,
hat die Kriege nicht nötig.
188
Geistige und leibliche Verpflanzung als Heilmittel. - Die verschiedenen Kulturen sind
verschiedene geistige Klimata, von denen ein jedes diesem oder jenem Organismus
vornehmlich schädlich oder heilsam ist. Die Historie im Ganzen, als das Wissen um die
verschiedenen Kulturen, ist die Heilmittellehre, nicht aber die Wissenschaft der
Heilkunst selber. Der Arzt ist erst recht noch nötig, der sich dieser Heilmittellehre
bedient, um jeden in sein ihm gerade ersprießliches Klima zu senden - zeitweilig oder
auf immer. In der Gegenwart leben, innerhalb einer einzigen Kultur, genügt nicht als
allgemeines Rezept, dabei würden zu viele höchst nützliche Arten von Menschen
aussterben, die in ihr nicht gesund atmen können. Mit der Historie muß man ihnen Luft
machen und sie zu erhalten suchen; auch die Menschen zurückgebliebener Kulturen
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Der Wanderer und sein Schatten
haben ihren Wert. - Dieser Kur der Geister steht zur Seite, daß die Menschheit in
leiblicher Beziehung danach streben muß, durch eine medizinische Geographie
dahinterzukommen, zu welchen Entartungen und Krankheiten jede Gegend der Erde
Anlaß gibt, und umgekehrt, welche Heilfaktoren sie bietet: und dann müssen allmählich
Völker, Familien und Einzelne so lange und so anhaltend verpflanzt werden, bis man
über die angeerbten physischen Gebrechen Herr geworden ist. Die ganze Erde wird
endlich eine Summe von Gesundheits-Stationen sein.
189
Der Baum der Menschheit und die Vernunft. - Das, was ihr als Übervölkerung der Erde
in greisenhafter Kurzsichtigkeit fürchtet, gibt dem Hoffnungsvolleren eben die große
Aufgabe in die Hand: die Menschheit soll einmal ein Baum werden, der die ganze Erde
überschattet, mit vielen Milliarden von Blüten, die alle nebeneinander Früchte werden
sollen, und die Erde selbst soll zur Ernährung dieses Baumes vorbereitet werden. Daß
der jetzige noch kleine Ansatz dazu an Saft und Kraft zunehme, daß in unzähligen
Kanälen der Saft zur Ernährung des Ganzen und des Einzelnen umströme - aus
diesen und ähnlichen Aufgaben ist der Maßstab zu entnehmen, ob ein jetziger Mensch
nützlich oder unnütz ist. Die Aufgabe ist unsäglich groß und kühn: wir alle wollen
dazutun, daß der Baum nicht vor der Zeit verfaule! Dem historischen Kopfe gelingt es
wohl, das menschliche Wesen und Treiben sich im Ganzen der Zeit so vor die Augen
zu stellen, wie uns allen das Ameisen- Wesen mit seinen kunstvoll getürmten Haufen
vor Augen steht. Oberflächlich beurteilt, würde auch das gesamte Menschentum gleich
dem Ameisentum von "Instinkt" reden lassen. Bei strengerer Prüfung nehmen wir wahr,
wie ganze Völker, ganze Jahrhunderte sich abmühen, neue Mittel ausfindig zu machen
und auszuprobieren, womit man einem großen menschlichen Ganzen und zuletzt dem
großen Gesamt-Fruchtbaume der Menschheit wohltun könne; und was auch immer bei
diesem Ausprobieren die Einzelnen, die Völker und die Zeiten für Schaden leiden,
durch diesen Schaden sind jedesmal einzelne klug geworden, und von ihnen aus
strömt die Klugheit langsam auf die Maßregeln ganzer Völker, ganzer Zeiten über.
Auch die Ameisen irren und vergreifen sich; die Menschheit kann recht wohl durch
Torheit der Mittel verderben und verdorren, vor der Zeit, es gibt weder für jene, noch
für diese einen sicher führenden Instinkt. Wir müssen vielmehr der großen Aufgabe ins
Gesicht sehen, die Erde für ein Gewächs der größten und freudigsten Fruchtbarkeit
vorzubereiten, - einer Aufgabe der Vernunft für die Vernunft!
190
Das Lob des Uneigennützigen und sein Ursprung. - Zwischen zwei nachbarlichen
Häuptlingen war seit Jahren Hader: man verwüstete einander die Saaten, führte
Herden weg, brannte Häuser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen,
weil ihre Macht ziemlich gleich war. Ein Dritter, der durch die abgeschlossene Lage
seines Besitztums von diesen Fehden sich fernhalten konnte, aber doch Grund hatte,
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Der Wanderer und sein Schatten
den Tag zu fürchten, an dem einer dieser händelsüchtigen Nachbarn entscheidend
zum Übergewicht kommen würde, trat endlich zwischen die Streitenden, mit
Wohlwollen und Feierlichkeit: und im Geheimen legte er auf seinen Friedensvorschlag
ein schweres Gewicht, indem er jedem einzeln zu verstehen gab, fürderhin gegen den,
welcher sich wider den Frieden sträube, mit dem andern gemeinsame Sache zu
machen. Man kam vor ihm zusammen, man legte zögernd in seine Hand die Hände,
welche bisher die Werkzeuge und allzuoft die Ursache des Hasses gewesen waren, -
und wirklich, man versuchte es ernstlich mit dem Frieden. Jeder sah mit Erstaunen, wie
plötzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufsund
verkaufsbereiten Händler, anstatt eines tückischen oder offen höhnenden
Übeltäters, hatte, wie selbst, in unvorhergesehenen Notfällen, man sich gegenseitig
aus der Not ziehen konnte, anstatt, wie es bisher geschehen, diese Not des Nachbars
auszunutzen und aufs höchste zu steigern; ja es schien, als ob der Menschenschlag in
beiden Gegenden sich seitdem verschönert hätte: denn die Augen hatten sich erhellt,
die Stirnen sich entrunzelt, allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden,-
und nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen förderlicher, als dies Vertrauen.
Man sah einander alle Jahre am Tage des Bündnisses wieder, die Häuptlinge sowohl
wie deren Anhang: und zwar vor dem Angesicht des Mittlers, dessen Handlungsweise
man, je größer der Nutzen war, den man ihr verdankte, immer mehr anstaunte und
verehrte. Man nannte sie uneigennützig - man hatte den Blick viel zu fest auf den
eigenen, seither eingeernteten Nutzen gerichtet, um von der Handlungsweise des
Nachbars mehr zu sehen, als daß sein Zustand infolge derselben sich nicht so
verändert habe wie der eigene: er war vielmehr, derselbe geblieben, und so schien es,
daß jener den Nutzen nicht im Auge gehabt habe. Zum ersten Male sagte man sich,
daß die Uneigennützigkeit eine Tugend sei: gewiß mochten im Kleinen und Privaten
sich oftmals bei ihnen ähnliche Dinge ereignet haben, aber man hatte das Augenmerk
für diese Tugend erst, als sie zum ersten Male in ganz großer Schrift, lesbar für die
ganze Gemeinde, an die Wand gemalt wurde. Erkannt als Tugenden, zu Namen
gekommen, in Schätzung gebracht, zur Aneignung anempfohlen sind die moralischen
Eigenschaften erst von dem Augenblicke an, da sie sichtbar über Glück und
Verhängnis ganzer Gesellschaften entschieden haben: dann ist nämlich die Höhe der
Empfindung und die Erregung der inneren schöpferischen Kräfte bei vielen so groß,
daß man dieser Eigenschaft Geschenke bringt, vom Besten, was jeder hat: der Ernste
legt ihr seinen Ernst zu Füßen, der Würdige seine Würde, die Frauen ihre Milde, die
Jünglinge alles Hoffnungs- und Zukunftsreiche ihres Wesens; der Dichter leiht ihr
Worte und Namen, reiht sie in den Reigentanz ähnlicher Wesen ein, gibt ihr einen
Stammbaum und betet zuletzt, wie es Künstler tun, das Gebilde seiner Phantasie als
neue Gottheit an - er lehrt sie anbeten. So wird eine Tugend, weil die Liebe und die
Dankbarkeit aller an ihr arbeitet, wie an einer Bildsäule, zuletzt eine Ansammlung des
Guten und Verehrungswürdigen, eine Art Tempel und göttlicher Person zugleich. Sie
steht fürderhin als einzelne Tugend da, als ein Wesen für sich, was sie bis dahin nicht
war, und übt die Rechte und die Macht einer geheiligten Übermenschlichkeit aus. - Im
späteren Griechenland standen die Städte voll von solchen vergottmenschlichten
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Der Wanderer und sein Schatten
Abstrakten (man verzeihe das absonderliche Wort um des absonderlichen Begriffs
willen); das Volk hatte sich auf seine Art einen platonischen "Ideenhimmel" inmitten
seiner Erde herge richtet, und ich glaube nicht, daß dessen Inwohner weniger lebendig
empfunden wurden, als irgend eine althomerische Gottheit.
191
Dunkel - Zeiten. - "Dunkel-Zeiten" nennt man solche in Norwegen, da die Sonne den
ganzen Tag unter dem Horizonte bleibt: die Temperatur fällt dabei fortwährend
langsam. - Ein schönes Gleichnis für alle Denker, welchen die Sonne der Menschheits-
Zukunft zeitweilig verschwunden ist.
192
Der Philosoph der Üppigkeit. - Ein Gärtchen, Feigen, kleine Käse und dazu drei oder
vier gute Freunde, - das war die Üppigkeit Epikurs.
193
Die Epochen des Lebens. - Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurze Zeiten
des Stillstandes, mitten inne zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines
regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere
ist Durst und Hunger - oder Überdruß.
194
Der Traum. - Unsere Träume sind, wenn sie einmal ausnahmsweise gelingen und
vollkommen werden - für gewöhnlich ist, der Traum eine Pfuscher-Arbeit -,
symbolische Szenen- und Bilder-Ketten an Stelle einer erzählenden Dichter-Sprache;
sie umschreiben unsere Erlebnisse oder Erwartungen oder Verhältnisse mit
dichterischer Kühnheit und Bestimmtheit, daß wir dann morgens immer über uns
erstaunt sind, wenn wir uns unserer Träume erinnern. Wir verbrauchen im Traume zu
viel Künstlerisches - und sind deshalb am Tage oft zu arm daran.
195
Natur und Wissenschaft. - Ganz wie in der Natur werden auch in der Wissenschaft die
schlechteren unfruchtbareren Gegenden zuerst gut angebaut - weil hierfür eben die
Mittel der angehenden Wissenschaft ungefähr ausreichen. Die Bearbeitung der
fruchtbarsten Gegenden setzt eine sorgsam entwickelte, ungeheure Kraft von
Methoden, gewonnene Einzel-Resultate und eine organisierte Schar von Arbeitern, gut
geschulten Arbeitern, voraus;- dies alles findet sich erst spät zusammen. - Die
Ungeduld und der Ehrgeiz greifen oft zu früh nach diesen fruchtbarsten Gegenden;
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Der Wanderer und sein Schatten
aber die Ergebnisse sind dann gleich Null. In der Natur würden sich solche Versuche
dadurch rächen, daß die Ansiedler verhungerten.
196
Einfachleben. - Eine einfache Lebensweise ist jetzt schwer: dazu tut viel mehr
Nachdenken und Erfindungsgabe not, als selbst sehr gescheite Leute haben. Der
Ehrlichste von ihnen wird vielleicht noch sagen: "Ich habe nicht die Zeit, darüber so
lange nachzudenken. Die einfache Lebensweise ist für mich ein zu vornehmes Ziel; ich
will warten, bis Weisere, als ich bin, sie gefunden haben."
197
Spitzen und Spitzchen. - Die geringe Fruchtbarkeit, die häufige Ehelosigkeit und
überhaupt die geschlechtliche Kühle der höchsten und kultiviertesten Geister, sowie
der zu ihnen gehörenden Klassen, ist wesentlich in der Ökonomie der Menschheit: die
Vernunft erkennt und macht Gebrauch davon, daß bei einem äußersten Punkte der
geistigen Entwicklung die Gefahr einer nervösen Nachkommenschaft sehr groß ist:
solche Menschen sind Spitzen der Menschheit - sie dürfen nicht weiter in Spitzchen
auslaufen.
198
Keine Natur macht Sprünge. - Wenn der Mensch sich noch so stark fortentwickelt und
aus einem Gegensatz in den andern überzuspringen scheint: bei genaueren
Beobachtungen wird man doch die Verzahnungen auffinden, wo das neue Gebäude
aus dem älteren herauswächst. Dies ist die Aufgabe des Biographen: er muß nach
dem Grundsatze über das Leben denken, daß keine Natur Sprünge macht.
199
Zwar reinlich. - Wer sich mit reingewaschenen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar
reinlich, aber doch lumpenhaft.
200
Der Einsame spricht. - Man erntet als Lohn für vielen Überdruß, Mißmut, Langeweile -
wie dies alles eine Einsamkeit ohne Freunde, Bücher, Pflichten, Leidenschaften mit
sich bringen muß - jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich
völlig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber: den
kräftigsten Labetrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken
bekommen.
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Der Wanderer und sein Schatten
201
Falsche Berühmtheit. - Ich hasse jene angeblichen Naturschönheiten, welche im
Grunde nur durch das Wissen, namentlich das geographische, etwas bedeuten, an
sich aber dem schönheitsdurstigen Sinne dürftig bleiben: zum Beispiel die Ansicht des
Mont blanc von Genf aus - etwas Unbedeutendes ohne die zu Hilfe eilende
Gehirnfreude des Wissens; die näheren Berge dort sind alle schöner und
ausdrucksvoller - aber "lange nicht so hoch", wie jenes absurde Wissen, zur
Abschwächung, hinzufügt. Das Auge widerspricht dabei dem Wissen: wie soll es sich
im Widersprechen wahrhaft freuen können!
202
Vergnügungs-Reisende. - Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und
schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne
Aussichten gebe.
203
Zu viel und zu wenig. - Die Menschen durchleben jetzt alle zu viel und durchdenken zu
wenig: sie haben Heißhunger und Kolik zugleich und werden deshalb immer magerer,
so viel sie auch essen. - Wer jetzt sagt: "ich habe nichts erlebt" - ist ein Dummkopf.
204
Ende und Ziel. - Nicht jedes Ende ist das Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren
Ziel; aber trotzdem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht
erreicht. Ein Gleichnis.
205
Neutralität der großen Natur. - Die Neutralität der großen Natur (in Berg, Meer, Wald
und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig. "Wollen
denn diese Dinge gar nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?" Es entsteht das
Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae.
206
Die Absichten vergessen. - Man vergißt über der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast
jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zwecke gewählt und begonnen, aber als letzter
Zweck fortgeführt. Das Vergessen der Absichten ist die häufigste Dummheit, die
gemacht wird.
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Der Wanderer und sein Schatten
207
Sonnenbahn der Idee. - Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewöhnlich die
Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme,
und am heißesten ist diese (das heißt sie tut ihre größten Wirkungen), wenn der
Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.
208
Wodurch man alle wider sich hätte. - Wenn jetzt jemand zu sagen wagte: "wer nicht für
mich ist, der ist wider mich", so hätte er sofort alle wider sich. - Diese Empfindung
macht unserm Zeitalter Ehre.
209
Sich des Reichtums schämen. - Unsere Zeit verträgt nur eine einzige Gattung von
Reichen, solche, welche sich ihres Reichtums schämen. Hört man von jemandem "er
ist sehr reich", so hat man dabei sofort eine ähnliche Empfindung wie beim Anblick
einer widerlich anschwellenden Krankheit, einer Fett- oder Wassersucht: man muß sich
gewaltsam seiner Humanität erinnern, um mit einem solchen Reichen so verkehren zu
können, daß er von unserm Ekelgefühle nichts merkt. Sobald er aber gar sich etwas
auf seinen Reichtum zugute tut, so mischt sich zu unserm Gefühle die fast mitleidige
Verwunderung über einen so hohen Grad der menschlichen Unvernunft: so daß man
die Hände gen Himmel erheben und rufen möchte "armer Entstellter, Überbürdeter,
hundertfach Gefesselter, dem jede Stunde etwas Unangenehmes bringt oder bringen
kann, in dessen Gliedern jedes Ereignis von zwanzig Völkern nachzuckt, wie magst du
uns glauben machen, daß du dich in deinem Zustande wohlfühlst! Wenn du irgendwo
öffentlich erscheinst, so wissen wir, daß es eine Art Spießrutenlaufens ist, unter lauter
Blicken, welche für dich nur kalten Haß oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott
haben. Dein Erwerben mag leichter sein als das der anderen: aber es ist ein
überflüssiges Erwerben, welches wenig Freude macht, und dein Bewahren alles
Erworbenen ist jedenfalls jetzt ein mühseligeres Ding als irgend ein mühseliges
Erwerben. Du leidest fort - während, denn du verlierst fortwährend. Was nützt es dir,
daß man dir immer neues künstliches Blut zuführt: deshalb tun doch die Schröpfköpfe
nicht weniger weh, die auf deinem Nacken sitzen, beständig sitzen!- Aber, um nicht
unbillig zu werden, es ist schwer, vielleicht unmöglich für dich, nicht reich zu sein: du
mußt bewahren, mußt neu erwerben, der vererbte Hang deiner Natur ist das Joch über
dir - aber deshalb täusche uns nicht und schäme dich ehrlich und sichtlich des Joches,
das du trägst: da du ja im Grunde deiner Seele müde und unwillig bist, es zu tragen.
Diese Scham schändet nicht."
210
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Der Wanderer und sein Schatten
Ausschweifung in der Anmaßung. - Es gibt so anmaßende Menschen, daß sie eine
Größe, welche sie öffentlich bewundern, nicht anders zu loben wissen, als indem sie
dieselbe als Vorstufe und Brücke, die zu ihnen führt, darstellen.
211
Auf dem Boden der Schmach. - Wer den Menschen eine Vorstellung nehmen will, tut
sich gewöhnlich nicht genug damit, sie zu widerlegen und den unlogischen Wurm, der
in ihr sitzt, herauszuziehen: vielmehr wirft er, nachdem der Wurm getötet ist, die ganze
Frucht auch noch in den Kot, um sie den Menschen unansehnlich zu machen und Ekel
vor ihr einzuflößen. So glaubt er das Mittel gefunden zu haben, die bei widerlegten
Vorstellungen so gewöhnliche "Wiederauferstehung am dritten Tage" unmöglich zu
machen. - Er irrt sich, denn gerade auf dem Boden der Schmach, inmitten des
Unflates, treibt der Fruchtkern der Vorstellung schnell neue Keime. - Also: ja nicht
verhöhnen, beschmutzen, was man endgültig beseitigen will, sondern es achtungsvoll
auf Eis legen, immer und immer wieder, in Anbetracht, daß Vorstellungen ein sehr
zähes Leben haben. Hier muß man nach der Maxime handeln: "Eine Widerlegung ist
keine Widerlegung."
212
Los der Moralität. - Da die Gebundenheit der Geister abnimmt, ist sicherlich die
Moralität (die vererbte, überlieferte, instinkthafte Handlungsweise nach moralischen
Gefühlen) ebenfalls in Abnahme: nicht aber die einzelnen Tugenden, Mäßigkeit,
Gerechtigkeit, Seelenruhe, - denn die größte Freiheit des bewußten Geistes führt
einmal schon unwillkürlich zu ihnen hin und rät sie sodann auch als nützlich an.
213
Der Fanatiker des Mißtrauens und seine Bürgschaft. - Der Alte: Du willst das
Ungeheure wagen und die Menschen im Großen belehren? Wo ist deine Bürgschaft? -
Pyrrhon: Hier ist sie: ich will die Menschen vor mir selber warnen, ich will alle Fehler
meiner Natur öffentlich bekennen und meine Übereilungen, Widersprüche und
Dummheiten vor aller Augen bloßstellen. Hört nicht auf mich, will ich ihnen sagen, bis
ich nicht eurem Geringsten gleich geworden bin, und noch geringer bin, als er; sträubt
euch gegen die Wahrheit, so lange ihr nur könnt, aus Ekel vor dem, der ihr Fürsprecher
ist. Ich werde euer Verführer und Betrüger sein, wenn ihr noch den mindesten Glanz
von Achtbarkeit und Würde an mir wahrnehmt. - Der Alte: Du versprichst zuviel, du
kannst diese Last nicht tragen - Pyrrhon - So will ich auch dies den Menschen sagen,
daß ich zu schwach bin und nicht halten kann, was ich verspreche. Je größer meine
Unwürdigkeit, um so mehr werden sie der Wahrheit mißtrauen, wenn sie durch meinen
Mund geht. - Der Alte: Willst du denn der Lehrer des Mißtrauens gegen die Wahrheit
sein? - Pyrrhon: Des Mißtrauens, wie es noch nie in der Welt war, des Mißtrauens
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Der Wanderer und sein Schatten
gegen Alles und Jedes. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit. Das rechte Auge darf
dem linken nicht trauen, und Licht wird eine Zeitlang Finsternis heißen müssen: dies ist
der Weg, den ihr gehen müßt. Glaubt nicht, daß er euch zu Fruchtbäumen und
schönen Weiden führe. Kleine harte Körner werdet ihr auf ihm finden, - das sind die
Wahrheiten: Jahrzehntelang werdet ihr die Lügen händevoll verschlingen müssen, um
nicht Hungers zu sterben, ob ihr schon wisset, daß es Lügen sind. Jene Körner aber
werden gesäet und eingegraben, und vielleicht, vielleicht gibt es einmal einen Tag der
Ernte: niemand darf ihn versprechen, er sei denn ein Fanatiker. - Der Alte: Freund,
Freund! Auch deine Worte sind die des Fanatikers! - Pyrrhon: Du hast recht! ich will
gegen alle Worte mißtrauisch sein. - Der Alte: Dann wirst du schweigen müssen. -
Pyrrhon: Ich werde den Menschen sagen, daß ich schweigen muß und daß sie
meinem Schweigen mißtrauen sollen. - Der Alte: Du trittst also von deinem
Unternehmen zurück? - Pyrrhon: Vielmehr- du hast mir eben das Tor gezeigt, durch
welches ich gehen muß. - Der Alte: Ich weiß nicht - : verstehen wir uns jetzt noch
völlig? - Pyrrhon: Wahrscheinlich nicht. - Der Alte: Wenn du dich nur selber völlig
verstehst! - Pyrrhon dreht sich um und lacht. - Der Alte: Ach Freund! Schweigen und
Lachen - ist das jetzt deine ganze Philosophie? - Pyrrhon: Es wäre nicht die
schlechteste.-
214
Europäische Bücher. - Man ist beim Lesen von Montaigne, La Rochefoucauld, La
Bruyere, Fontenelle (namentlich der dialogues des morts), Vauvenargues, Chamfort
dem Altertum näher als bei irgend welcher Gruppe von sechs Autoren anderer Völker.
Durch jene Sechs ist der Geist der letzten Jahrhunderte der alten Zeitrechnung wieder
erstanden - sie zusammen bilden ein wichtiges Glied in der großen noch fortlaufenden
Kette der Renaissance. Ihre Bücher erheben sich über den Wechsel des nationalen
Geschmacks und der philosophischen Färbungen, in denen für gewöhnlich jetzt jedes
Buch schillert und schillern muß, um berühmt zu werden: sie enthalten mehr wirkliche
Gedanken als alle Bücher deutscher Philosophen zusammengenommen: Gedanken
von der Art, welche Gedanken macht, und die - ich bin in Verlegenheit zu Ende zu
definieren; genug, daß es mir Autoren zu sein scheinen, welche weder für Kinder noch
für Schwärmer geschrieben haben, weder für Jungfrauen noch für Christen, weder für
Deutsche noch für - ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schließen. - Um aber
ein deutliches Lob zu sagen: sie wären, griechisch geschrieben, auch von Griechen
verstanden worden. Wieviel hätte dagegen selbst ein Plato von den Schriften unserer
besten deutschen Denker, zum Beispiel Goethes und Schopenhauers, überhaupt
verstehen können, von dem Widerwillen zu schweigen, welchen ihre Schreibart ihm
erregt haben würde, nämlich das Dunkle, Übertriebene und gelegentlich wieder
Klapperdürre, - Fehler, an denen die Genannten noch am wenigsten von den
deutschen Denkern und doch noch allzuviel leiden (Goethe, als Denker, hat die Wolke
lieber umarmt, als billig ist, und Schopenhauer wandelt nicht ungestraft fast
fortwährend unter Gleichnissen der Dinge statt unter den Dingen selber). - Dagegen,
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Der Wanderer und sein Schatten
welche Helligkeit und zierliche Bestimmtheit bei jenen Franzosen! Diese Kunst hätten
auch die feinohrigsten Griechen gutheißen müssen, und eines würden sie sogar
bewundert und angebetet haben, den französischen Witz des Ausdrucks: so etwas
liebten sie sehr, ohne gerade darin besonders stark zu sein.
215
Mode und modern. - Überall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit, der
Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die Landwirtschaft armselig, die
Priesterschaft mächtig ist, da finden sich auch noch die NationaItrachten. Dagegen
herrscht die Mode, wo die Anzeichen des Entgegengesetzten sich finden. Die Mode ist
also neben den Tugenden des jetzigen Europa zu finden: sollte sie wirklich deren
Schattenseite sein? - Zunächst sagt die männliche Bekleidung, welche modisch und
nicht mehr national ist, von dem, der sie trägt, aus, daß der Europäer nicht als
Einzelner noch als Standes- und Volksgenosse auffallen will, daß er sich eine
absichtliche Dämpfung dieser Arten von Eitelkeit zum Gesetz gemacht hat: dann, daß
er arbeitsam ist und nicht viel Zeit zum Ankleiden und Sich-putzen hat, auch alles
Kostbare und Üppige in Stoff und Faltenwurf im Widerspruch mit seiner Arbeit findet;
endlich, daß er durch seine Tracht auf die gelehrteren und geistigeren Berufe als die
hinweist, welchen er als europäischer Mensch am nächsten steht oder stehen möchte:
während durch die noch vorhandenen Nationaltrachten der Räuber, der Hirt oder der
Soldat als die wünschbarsten und tonangebenden Lebensstellungen
hindurchschimmern. Innerhalb dieses Gesamt-Charakters der männlichen Mode gibt
es dann jene kleinen Schwankungen, welche die Eitelkeit der jungen Männer, der
Stutzer und Nichtstuer der großen Städte hervorbringt, also derer, welche als
europäische Menschen noch nicht reif geworden sind. - Die europäischen Frauen sind
dies noch viel weniger, weshalb die Schwankungen bei ihnen viel größer sind: sie
wollen auch das Nationale nicht und hassen es, als Deutsche, Franzosen, Russen an
der Kleidung erkannt zu werden, aber als einzelne wollen sie sehr gern auffallen;
ebenso soll niemand schon durch ihre Bekleidung im Zweifel gelassen werden, daß sie
zu einer angeseheneren Klasse der Gesellschaft (zur "guten" oder "hohen" oder
"großen" Welt) gehören, und zwar wünschen sie nach dieser Seite hin gerade um so
mehr voreinzunehmen, als sie nicht oder kaum zu jener Klasse gehören. Vor allem
aber will die junge Frau nichts tragen, was die etwas ältere trägt, weil sie durch den
Verdacht eines höheren Lebensalters im Preise zu fallen glaubt: die ältere wiederum
möchte durch jugendlichere Tracht so lange täuschen, als es irgend angeht, - aus
welchem Wettbewerb sich zeitweilig immer Moden ergeben müssen, bei denen das
eigentlich Jugendliche ganz unzweideutig und unnachahmlich sichtbar wird. Hat der
Erfindungsgeist der jungen Künstlerinnen in solchen Bloßstellungen der Jugend eine
Zeitlang geschwelgt, oder um die ganze Wahrheit zu sagen - hat man wieder einmal
den Erfindungsgeist älterer höfischer Kulturen, sowie den der noch bestehenden
Nationen, und überhaupt den ganzen kostümierten Erdkreis zu Rate gezogen und
etwa die Spanier, die Türken und Altgriechen zur Inszenierung des schönen Fleisches
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Der Wanderer und sein Schatten
zusammengekoppelt: so entdeckt man endlich immer wieder, daß man sich doch nicht
zum Besten auf seinen Vorteil verstanden habe; daß, um auf die Männer Wirkung zu
machen, das Versteckspielen mit dem schönen Leibe glücklicher sei, als die nackte
und halbnackte Ehrlichkeit; und nun dreht sich das Rad des Geschmackes und der
Eitelkeit einmal wieder in entgegengesetzter Richtung: die etwas älteren jungen Frauen
finden, daß ihr Reich gekommen sei, und der Wettkampf der lieblichsten und
absurdesten Geschöpfe tobt wieder von neuem. Je mehr aber die Frauen innerlich
zunehmen und nicht mehr unter sich, wie bisher, den unreifen Altersklassen den
Vorrang zugestehen, um so geringer werden diese Schwankungen ihrer Tracht, um so
einfacher ihr Putz: über welchen man billigerweise nicht nach antiken Mustern das
Urteil sprechen darf, also nicht nach dem Maßstabe der Gewandung südländischer
See-Anwohnerinnen, sondern in Berücksichtigung der klimatischen Bedingungen der
mittleren und nördlichen Gegenden Europas, derer nämlich, in welchen jetzt der geistund
formerfindende Genius Europas seine liebste Heimat hat. - Im ganzen wird also
gerade nicht das Wechselnde das charakteristi sche Zeichen der Mode und des
Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Rückständiges und bezeichnet die
noch ungereiften männlichen und weiblichen Europäer: sondern die Ablehnung der
nationalen, ständischen und individuellen Eitelkeit. Dementsprechend ist es zu loben,
weil es kraft- und zeitersparend ist, wenn einzelne Städte und Gegenden Europas für
alle übrigen in Sachen der Kleidung denken und erfinden, in Anbetracht dessen, daß
der Formensinn nicht jedermann geschenkt zu sein pflegt; auch ist es wirklich kein
allzu hochfliegender Ehrgeiz, wenn zum Beispiel Paris, so lange jene Schwankungen
noch bestehen, es in Anspruch nimmt, der alleinige Erfinder und Neuerer in diesem
Reiche zu sein. Will ein Deutscher, aus Haß gegen diese Ansprüche einer
französischen Stadt, sich anders kleiden, zum Beispiel so wie Albrecht Dürer sich trug,
so möge er erwägen, daß er dann ein Kostüm hat, welches ehemalige Deutsche
trugen, welches aber die Deutschen ebensowenig erfunden haben, - es hat nie eine
Tracht gegeben, welche den Deutschen als Deutschen bezeichnete; übrigens mag er
zusehen, wie er aus dieser Tracht herausschaut und ob etwa der ganz moderne Kopf
nicht mit all seiner Linien- und Fältchenschrift, welche das neunzehnte Jahrhundert
hineingrub, gegen eine Dürerische Bekleidung Einsprache tut. - Hier, wo die Begriffe
"modern" und "europäisch" fast gleich gesetzt sind, wird unter Europa viel mehr an
Länderstrecken verstanden, als das geographische Europa, die kleine Halbinsel
Asiens, umfaßt: namentlich gehört Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland
unserer Kultur ist. Andererseits fällt nicht einmal ganz Europa unter den Kultur-Begriff,
"Europa"; sondern nur alle jene Völker und Völkerteile, welche im Griechen-, Römer-,
Juden- und Christentum ihre gemeinsame Vergangenheit haben.
216
Die "deutsche Tugend". - Es ist nicht zu leugnen, daß vom Ausgange des vorigen
Jahrhunderts an ein Strom moralischer Erweckung durch Europa floß. Damals erst
wurde die Tugend wieder beredt; sie lernte es, die ungezwungenen Gebärden der
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Der Wanderer und sein Schatten
Erhebung, der Rührung finden, sie schämte sich ihrer selber nicht mehr und ersann
Philosophien und Gedichte zur eigenen Verherrlichung. Sucht man nach den Quellen
dieses Stromes: so findet man einmal Rousseau, aber den mythischen Rousseau, den
man sich nach dem Eindrucke seiner Schriften - fast könnte man wieder sagen: seiner
mythisch ausgelegten Schriften - und nach den Fingerzeigen, die er selber gab,
erdichtet hatte ( - er und sein Publikum arbeiteten beständig an dieser Idealfigur). Der
andere Ursprung liegt in jener Wiederauferstehung des stoisch-großen Römertums,
durch welche die Franzosen die Aufgabe der Renaissance auf das würdigste
weitergeführt haben. Sie gingen von der Nachschöpfung antiker Formen mit
herrlichstem Gelingen zur Nachschöpfung antiker Charaktere über: so daß sie ein
Anrecht auf die allerhöchsten Ehren immerdar behalten werden, als das Volk, welches
der neueren Menschheit bisher die besten Bücher und die besten Menschen gegeben
hat. Wie diese doppelte Vorbildlichkeit, die des mythischen Rousseau und die jenes
wiedererweckten Römergeistes, auf die schwächeren Nachbarn wirkte, sieht man
namentlich an Deutschland: welches infolge seines neuen und ganz ungewohnten
Aufschwunges zu Ernst und Größe des Wollens und Sich - Beherrschens zuletzt vor
seiner eigenen neuen Tugend in Staunen geriet und den Begriff "deutsche Tugend" in
die Welt warf, wie als ob es nichts Ursprünglicheres, Erbeigneres geben könnte als
diese. Die ersten großen Männer, welche jene französische Anregung zur Größe und
Bewußtheit des sittlichen Wollens auf sich überleiteten, waren ehrlicher und vergaßen
die Dankbarkeit nicht. Der Moralismus Kants - woher kommt er? Er gibt es wieder und
wieder zu verstehen: von Rousseau und dem wiedererweckten stoischen Rom. Der
Moralismus Schillers: gleiche Quelle, gleiche Verherrlichung der Quelle. Der
Moralismus Beethovens in Tönen: er ist das ewige Loblied Rousseaus, der antiken
Franzosen und Schillers. Erst "der deutsche Jüngling" vergaß die Dankbarkeit,
inzwischen hatte man ja das Ohr nach den Predigern des Franzosenhasses
hingewendet: jener deutsche Jüngling, der eine Zeitlang mit mehr Bewußtheit als man
bei andern Jünglingen für erlaubt hält, in den Vordergrund trat. Wenn er nach seiner
Vaterschaft spürte, so mochte er mit Recht an die Nähe Schillers, Fichtes und
Schleiermachers denken: aber seine Großväter hätte er in Paris, in Genf suchen
müssen, und es war sehr kurzsichtig zu glauben, was er glaubte: daß die Tugend nicht
älter als dreißig Jahre sei. Damals gewöhnte man sich daran, zu verlangen, daß beim
Worte "deutsch" auch noch so nebenbei die Tugend mitverstanden werde: und bis auf
den heutigen Tag hat man es noch nicht völlig verlernt. - Nebenbei bemerkt, jene
genannte moralische Erweckung hat für die Erkenntnis der moralischen
Erscheinungen, wie sich fast erraten läßt, nur Nachteile und rückschreitende
Bewegungen zur Folge gehabt. Was ist die ganze deutsche Moralphilosophie, von
Kant an gerechnet, mit allen ihren französischen, englischen und italienischen
Ausläufern und Nebenzüglern? Ein halbtheologisches Attentat gegen Helvetius, ein
Abweisen der lange und mühsam erkämpften Freiblicke oder Fingerzeige des rechten
Weges, welche er zuletzt gut ausgesprochen und zusammengebracht hat. Bis auf den
heutigen Tag ist Helvetius in Deutschland der bestbeschimpfte aller guten Moralisten
und guten Menschen.
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Der Wanderer und sein Schatten
217
Klassisch und romantisch. - Sowohl die klassisch als die romantisch gesinnten Geisterwie
es diese beiden Gattungen immer gibt - tragen sich mit einer Vision der Zukunft:
aber die ersteren aus einer Stärke ihrer Zeit heraus, die letzteren aus deren Schwäche.
218
Die Maschine als Lehrerin. - Die Maschine lehrt durch sich selber das
Ineinandergreifen von Menschenhaufen, bei Aktionen, wo jeder nur eins zu tun hat: sie
gibt das Muster der Partei - Organisation und der Kriegsführung. Sie lehrt dagegen
nicht die individuelle Selbstherrlichkeit: sie macht aus Vielen Eine Maschine, und aus
jedem einzelnen ein Werkzeug zu Einem Zwecke. Ihre allgemeinste Wirkung ist: den
Nutzen der Zentralisation zu lehren.
219
Nicht seßhaft. - Man wohnt gerne in der kleinen Stadt; aber von Zeit zu Zeit treibt
gerade sie uns in die einsamste unenthüllteste Natur: dann nämlich, wenn jene uns
einmal wieder zu durchsichtig geworden ist. Endlich gehen wir, um uns wieder von
dieser Natur zu erholen, in die große Stadt. Einige Züge aus derselben - und wir
erraten den Bodensatz ihres Bechers, - der Kreislauf, mit der kleinen Stadt am
Anfange, beginnt von neuem. - So leben die Modernen: welche in allem etwas zu
gründlich sind, um seßhaft zu sein gleich den Menschen anderer Zeiten.
220
Reaktion gegen die Maschinen-Kultur - Die Maschine, selber ein Erzeugnis der
höchsten Denkkräfte, setzt bei den Personen, welche sie bedienen, fast nur die
niederen, gedankenlosen Kräfte in Bewegung. Sie entfesselt dabei eine Unmasse Kraft
überhaupt, die sonst schlafen läge, das ist wahr, aber sie gibt nicht den Antrieb zum
Höhersteigen, zum Bessermachen, zum Künstlerwerden. Sie macht tätig und einförmigdas
erzeugt aber auf die Dauer eine Gegenwirkung, eine verzweifelte Langeweile der
Seele, welche durch sie nach wechselvollem Müßiggange dürsten lernt.
221
Die Gefährlichkeit der Aufklärung. - Alles das Halbverrückte, Schauspielerische,
Tierisch-Grausame, Wollüstige, namentlich Sentimentale und Sich-selbst-
Berauschende, was zusammen die eigentlich revolutionäre Substanz ausmacht und in
Rousseau, vor der Revolution, Fleisch und Geist geworden war, - dieses ganze Wesen
setzte sich mit perfider Begeisterung noch die Aufklärung auf das fanatische Haupt,
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Der Wanderer und sein Schatten
welches durch diese selber wie in einer verklärenden Glorie zu leuchten begann: die
Aufklärung, die im Grunde jenem Wesen so fremd ist und, für sich waltend, still wie ein
Lichtglanz durch Wolken gegangen sein würde, lange Zeit zufrieden damit, nur die
Einzelnen umzubilden: so daß sie nur sehr langsam auch die Sitten und Einrichtungen
der Völker umgebildet hätte. Jetzt aber, an ein gewaltsames und plötzliches Wesen
gebunden, wurde die Aufklärung selber gewaltsam und plötzlich. Ihre Gefährlichkeit ist
dadurch fast größer geworden als die befreiende und erhellende Nützlichkeit, welche
durch sie in die große Revolutions-Bewegung kam. Wer dies begreift, wird auch
wissen, aus welcher Vermischung man sie herauszuziehen, von welcher
Verunreinigung man sie zu läutern hat: um dann, an sich selber, das Werk der
Aufklärung fortzusetzen und die Revolution nachträglich in der Geburt zu ersticken,
ungeschehen zu machen.
222
Die Leidenschaft im Mittelalter. - Das Mittelalter ist die Zeit der größten Leidenschaften.
Weder das Altertum noch unsere Zeit hat diese Ausweitung der Seele: ihre
Räumlichkeit war nie größer, und nie ist mit längeren Maßstäben gemessen worden.
Die physische Urwald-Leiblichkeit von Barbarenvölkern und die überseelenhaften,
überwachen, allzuglänzenden Augen von christlichen Mysterien-Jüngern, das
Kindlichste, Jüngste und ebenso das Überreifste, Altersmüdeste, die Roheit des
Raubtiers und die Verzärtelung und Ausspitzung des spätantiken Geistes - alles dies
kam damals an Einer Person nicht selten zusammen: da mußte, wenn einer in
Leidenschaft geriet, die Stromschnelle des Gemütes gewaltiger, der Strudel verwirrter,
der Sturz tiefer sein als je. - Wir neueren Menschen dürfen mit der Einbuße zufrieden
sein, welche hier gemacht worden ist.
223
Rauben und Sparen. - Alle geistigen Bewegungen gehen vorwärts, infolge deren die
Großen zu rauben, die Kleinen zu sparen hoffen können. Deshalb ging zum Beispiel
die deutsche Reformation vorwärts.
224
Fröhliche Seelen. - Wenn auf Trunk, Trunkenheit und eine übelriechende Art von
Unfläterei auch nur von ferne hingewinkt wurde, dann wurden die Seelen der älteren
Deutschen fröhlich, - sonst waren sie verdrossen; aber dort hatten sie ihre Art von
Verständnis-Innigkeit.
225
Das ausschweifende Athen. - Selbst als der Fischmarkt Athens seine Denker und
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Der Wanderer und sein Schatten
Dichter bekommen hatte, besaß die griechische Ausschweifung immer noch ein
idyllischeres und feineres Aussehen, als es je die römische oder die deutsche
Ausschweifung hatte. Die Stimme Juvenals hätte dort wie eine hohle Trompete
geklungen: ein artiges und fast kindliches Gelächter hätte ihm geantwortet.
226
Klugheit der Griechen. - Da das Siegen- und Hervorragen-wollen ein unüberwindlicher
Zug der Natur ist, älter und ursprünglicher als alle Achtung und Freude der
Gleichstellung, so hat der griechische Staat den gymnastischen und musischen
Wettkampf innerhalb der Gleichen sanktioniert, also einen Tummelplatz abgegrenzt,
wo jener Trieb sich entladen konnte, ohne die politische Ordnung in Gefahr zu bringen.
Mit dem endlichen Verfalle des gymnastischen und musischen Wettkampfes geriet der
griechische Staat in innere Unruhe und Auflösung.
227
"Der ewige Epikur." - Epikur hat zu allen Zeiten gelebt und lebt noch, unbekannt denen,
welche sich Epikureer nannten und nennen, und ohne Ruf bei den Philosophen. Auch
hat er selber den eigenen Namen vergessen: es war das schwerste Gepäck, welches
er je abgeworfen hat.
228
Stil der Überlegenheit. - Studentendeutsch, die Sprechweise des deutschen
Studenten, hat ihren Ursprung unter den nicht-studierenden Studenten, welche eine
Art von Übergewicht über ihre ernsteren Genossen dadurch zu erlangen wissen, daß
sie an Bildung, Sittsamkeit, Gelehrtheit, Ordnung, Mäßigung alles Maskeradenhafte
aufdecken und die Worte aus jenen Bereichen zwar fortwährend ebenso im Munde
führen, wie die Besseren, Gelehrteren, aber mit einer Bosheit im Blicke und einer
begleitenden Grimasse. In dieser Sprache der Überlegenheit- der einzigen, die in
Deutschland original ist - reden nun unwillkürlich auch die Staatsmänner und die
Zeitungs-Kritiker: es ist ein beständiges ironisches Zitieren, ein unruhiges,
unfriedfertiges Schielen des Auges nach Rechts und Links ein Gänsefüßchen- und
Grimassen- Deutsch.
229
Die Vergrabenen. - Wir ziehen uns ins Verborgene zurück: aber nicht aus irgend einem
persönlichen Mißmute, als ob uns die politischen und sozialen Verhältnisse der
Gegenwart nicht genugtäten, sondern weil wir durch unsere Zurückziehung Kräfte
sparen und sammeln wollen, welche später einmal der Kultur ganz not tun werden, je
mehr diese Gegenwart diese Gegenwart ist und als solche ihre Aufgabe erfüllt. Wir
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Der Wanderer und sein Schatten
bilden ein Kapital und suchen es sicherzustellen: aber, wie in ganz gefährlichen Zeiten,
dadurch, daß wir es vergraben.
230
Tyrannen des Geistes. - In unserer Zeit würde man jeden, der so streng der Ausdruck
eines moralischen Zuges wäre, wie die Personen Theophrasts und Molieres es sind,
für krank halten, und von "fixer Idee" bei ihm reden. Das Athen des dritten
Jahrhunderts würde uns, wenn wir dort einen Besuch machen dürften, wie von Narren
bevölkert erscheinen. Jetzt herrscht die Demokratie der Begriffe in jedem Kopfe, - viele
zusammen sind der Herr: ein einzelner Begriff, der Herr sein wollte, heißt jetzt, wie
gesagt, "fixe Idee". Dies ist unsere Art, die Tyrannen zu morden, - wir winken mach
dem lrrenhause hin.
231
Gefährlichste Auswanderung - In Rußland gibt es eine Auswanderung der Intelligenz:
man geht über die Grenze, um gute Bücher zu lesen und zu schreiben. So wirkt man
aber dahin, das vom Geiste verlassene Vaterland immer mehr zum vorgestreckten
Rachen Asiens zu machen, der das kleine Europa verschlingen möchte.
232
Die Staats-Narren. - Die fast religiöse Liebe zum Könige ging bei den Griechen auf die
Polis über, als es mit dem Königtum zu Ende war. Und weil ein Begriff mehr Liebe
erträgt als eine Person, und namentlich dem Liebenden nicht so oft vor den Kopf stößt,
wie geliebte Menschen es tun (- denn je mehr sie sich geliebt wissen, desto
rücksichtsloser werden sie meistens, bis sie endlich der Liebe nicht mehr würdig sind,
und wirklich ein Riß entsteht), so war die Polis- und Staats-Verehrung größer, als
irgend je vorher die Fürsten-Verehrung. Die Griechen sind die Staats-Narren der alten
Geschichte - in der neueren sind es andere Völker.
233
Gegen die Vernachlässigung der Augen. - Ob man nicht bei den gebildeten Klassen
Englands, welche die Times lesen, alle zehn Jahre eine Abnahme der Sehkraft
nachweisen könnte?
234
Große Werke und großer Glaube. - Jener hatte die großen Werke, sein Genosse aber
hatte den großen Glauben an diese Werke. Sie waren unzertrennlich: aber ersichtlich
hing der erstere völlig vom zweiten ab.
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Der Wanderer und sein Schatten
235
Der Gesellige. - "Ich bekomme mir nicht gut" sagte jemand, um seinen Hang zur
Gesellschaft zu erklären. "Der Magen der Gesellschaft ist stärker als der meinige, er
verträgt mich."
236
Augen-Schließen des Geistes. - Ist man geübt und gewohnt, über das Handeln
nachzudenken, so muß man doch beim Handeln selber (sei dieses selbst nur
Briefschreiben oder Essen und Trinken) das innere Auge schließen. Ja, im Gespräch
mit Durchschnittsmenschen muß man es verstehen, mit geschlossenen Denker-Augen
zu denken, - um nämlich das Durchschnitts-Denken zu erreichen und zu begreifen.
Dieses Augen-Schließen ist ein fühlbarer, mit Willen vollziehbarer Akt.
237
Die furchtbarste Rache. - Wenn man sich an einem Gegner durchaus rächen will, so
soll man so lange warten, bis man die ganze Hand voll Wahrheiten und
Gerechtigkeiten hat und sie gegen ihn ausspielen kann, mit Gelassenheit: so daß
Rache üben mit Gerechtigkeit üben zusammenfällt. Es ist die furchtbarste Art der
Rache: denn sie hat keine Instanz über sich, an die noch apelliert werden könnte. So
rächte sich Voltaire an Piron, mit fünf Zeilen, die über dessen ganzes Leben, Schaffen
und Wollen richten: soviel Worte, soviel Wahrheiten; so rächte sich derselbe an
Friedrich dem Großen (in einem Briefe an ihn, von Ferney aus).
238
Luxus-Steuer. - Man kauft in den Läden das Nötige und Nächste und muß es teuer
bezahlen, weil man mitbezahlt, was dort auch feil steht, aber nur selten seine
Abnehmer hat: das Luxushafte und Gelüstartige. So legt der Luxus dem Einfachen, der
seiner enträt, doch eine fortwährende Steuer auf.
239
Warum die Bettler noch leben. - Wenn alle Almosen nur aus Mitleiden gegeben
würden, so wären die Bettler allesamt verhungert.
240
Warum die Bettler noch leben. - Die größte Almosenspenderin ist die Feigheit.
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Der Wanderer und sein Schatten
241
Wie der Denker ein Gespräch benutzt. - Ohne Horcher zu sein, kann man viel hören,
wenn man versteht, gut zu sehen, doch sich selber für Zeiten aus den Augen zu
verlieren. Aber die Menschen wissen ein Gespräch nicht zu benutzen; sie verwenden
bei weitem zuviel Aufmerksamkeit auf das, was sie sagen und entgegnen wollen,
während der wirkliche Hörer sich oft begnügt, vorläufig zu antworten und etwas als
Abschlagszahlung der Höflichkeit überhaupt zu sagen, dagegen mit seinem
hinterhaltigen Gedächtnisse alles davonträgt, was der andere geäußert hat, nebst der
Art in Ton und Gebärde, wie er es äußerte. - Im gewöhnlichen Gespräche meint jeder
der Führende zu sein, wie wenn zwei Schiffe, die nebeneinander fahren und sich hier
und da einen kleinen Stoß geben, beiderseits im guten Glauben sind, ihr Nachbarschiff
folge oder werde sogar geschleppt.
242
Die Kunst, sich zu entschuldigen. - Wenn sich jemand vor uns entschuldigt, so muß er
es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor und
haben eine unangenehme Empfindung.
243
Unmöglicher Umgang. - Das Schiff deiner Gedanken geht zu tief, als daß du mit ihm
auf den Gewässern dieser freundlichen, anständigen, entgegenkommenden Personen
fahren konntest. Es sind da der Untiefen und Sandbänke zu viele: du würdest dich
drehen und wenden müssen und in fortwährender Verlegenheit sein, und jene würden
alsbald auch in Verlegenheit geraten - über deine Verlegenheit, deren Ursache sie
nicht erraten können.
244
Fuchs der Füchse. - Ein rechter Fuchs nennt nicht nur die Trauben sauer, welche er
nicht erreichen kann, sondern auch die, welche er erreicht und anderen
vorweggenommen hat.
245
Im nächsten Verkehre. - Wenn Menschen auch noch so eng zusammengehören: es
gibt innerhalb ihres gemeinsamen Horizontes doch noch alle vier Himmelsrichtungen,
und in manchen Stunden merken sie es.
246
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Der Wanderer und sein Schatten
Das Schweigen des Ekels. - Da macht jemand als Denker und Mensch eine tiefe,
schmerzhafte Umwandlung durch und legt dann öffentlich Zeugnis davon ab. Und die
Hörer merken nichts! glauben ihn noch ganz als den alten! - Diese gewöhnliche
Erfahrung hat manchen Schriftstellern schon Ekel gemacht: sie hatten die
Intellektualität der Menschen zu hoch geachtet und gelobten sich, als sie ihren Irrtum
wahrnahmen, das Schweigen an.
247
Geschäfts-Ernst. - Die Geschäfte manches Reichen und Vornehmen sind seine Art
Ausruhens von allzulangem gewohnheitsmäßigem Müßiggang: er nimmt sie deshalb
so ernst und passioniert, wie andere Leute ihre seltenen Muße-Erholungen und -
Liebhabereien.
248
Doppelsinn des Auges. - Wie das Gewässer zu deinen Füßen eine plötzliche
schuppenhafte Erzitterung überläuft, so gibt es auch im menschlichen Auge solche
plötzliche Unsicherheiten und Zweideutigkeiten, bei denen man sich fragt: ist's ein
Schaudern? ist's ein Lächeln? ist's beides?
249
Positiv und negativ. - Dieser Denker braucht niemanden, der ihn widerlegt: er genügt
sich dazu selber.
250
Die Rache der leeren Netze. - Man nehme sich vor allen Personen in acht, welche das
bittre Gefühl des Fischers haben, der nach mühevollem Tagewerk am Abend mit
leeren Netzen heimfährt.
251
Sein Recht nicht geltend machen. - Macht ausüben kostet Mühe und erfordert Mut.
Deshalb machen so viele ihr gutes, allerbestes Recht nicht geltend, weil dies Recht
eine Art Macht ist, sie aber zu faul oder zu feige sind, es auszuüben. Nachsicht und
Geduld heißen die Deckmantel-Tugenden dieser Fehler.
252
Lichtträger. - In der Gesellschaft wäre kein Sonnenschein, wenn ihn nicht die
geborenen Schmeichelkatzen mit hineinbrächten, ich meine die sogenannten
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Der Wanderer und sein Schatten
Liebenswürdigen.
253
Am mildtätigsten. - Wenn der Mensch eben sehr geehrt worden ist und ein wenig
gegessen hat, so ist er am mildtätigsten.
254
Zum Lichte. - Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen,
sondern um besser zu glänzen. - Vor wem man glänzt, den läßt man gerne als Licht
gelten.
255
Die Hypochonder. - Der Hypochonder ist ein Mensch, der gerade genug Geist und Lust
am Geiste besitzt, um seine Leiden, seinen Verlust, seine Fehler gründlich zu nehmen:
aber sein Gebiet, auf dem er sich nährt, ist zu klein; er weidet es so ab, daß er endlich
die einzelnen Hälmchen suchen muß. Dabei wird er endlich zum Neider und Geizhals -
und dann erst ist er unausstehlich.
256
Zurückerstatten. - Hesiod rät an, dem Nachbar, der uns ausgeholfen hat, mit gutem
Maße und womöglich reichlicher zurückzugeben, sobald wir es vermögen. Dabei hat
nämlich der Nachbar seine Freude, denn seine einstmalige Gutmütigkeit trägt ihm
Zinsen ein; aber auch der, welcher zurückgibt, hat sein Freude, insofern er die kleine
einstmalige Demütigung, sich aushelfen lassen zu müssen, durch ein kleines
Übergewicht, als Schenkender, zurückkauft.
257
Feiner als nötig. - Unser Beobachtungssinn dafür, ob andere unsere Schwächen
wahrnehmen, ist viel feiner, als unser Beobachtungssinn für die Schwächen anderer:
woraus sich also ergibt, daß er feiner ist, als nötig wäre.
258
Eine lichte Art von Schatten. - Dicht neben den ganz mächtigen Menschen befindet
sich fast regelmäßig, wie an sie angebunden eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der
negative Schatten, den jene werfen.
259
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Der Wanderer und sein Schatten
Sich nicht rächen? - Es gibt so viele feine Arten der Rache, daß einer der Anlaß hätte
sich zu rächen, im Grunde tun oder lassen kann, was er will: alle Welt wird doch nach
einiger Zeit übereingekommen sein, daß er sich gerächt habe. Sich nicht zu rächen
steht also kaum im Belieben eines Menschen: daß er es nicht wolle, darf er nicht
einmal aussprechen, weil die Verachtung der Rache als eine sublime, sehr
ernpfindliche Rache gedeutet und empfunden wird - Woraus sich ergibt, daß man
nichts Überflüssiges tun soll - -
260
Irrtum der Ehrenden. - Jeder glaubt einem Denker etwas Ehrendes und Angenehmes
Zu sagen wenn er ihm zeigt, wie er von selber genau auf denselben Gedanken und
selbst auf den gleichen Ausdruck geraten sei; und doch wird bei solchen Mitteilungen
der Denker nur selten ergötzt, aber häufig gegen seinen Gedanken und dessen
Ausdruck mißtrauisch: er beschließt im Stillen, beide einmal zu revidieren. - Man muß,
wenn man jemanden ehren will, sich vor dem Ausdruck: der Übereinstimmung hüten:
sie stellt auf ein gleiches Niveau. - In vielen Fällen ist es die Sache der
gesellschaftlichen Schicklichkeit, eine Meinung so anzuhören, als sei sie nicht die
unsrige, ja als ginge sie über unsern Horizont hinaus: zum Beispiel wenn der Alte,
Alterfahrene einmal ausnahmsweise den Schrein seiner Erkenntnisse aufschließt.
261
Brief. - Der Brief ist ein unangemeldeter Besuch, der Briefbote der Vermittler
unhöflicher Überfälle. Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen
haben und darnach ein Bad nehmen.
262
Der Voreingenommene. - Jemand sagte: ich bin gegen mich voreingenommen, von
Kindesbeinen an: deshalb finde ich in jedem Tadel etwas Wahrheit und in jedem Lobe
etwas Dummheit. Das Lob wird von mir gewöhnlich zu gering und der Tadel zu hoch
geschätzt.
263
Weg zur Gleichheit. - Einige Stunden Bergsteigens machen aus einem Schuft und
einem Heiligen zwei ziemlich gleiche Geschöpfe. Die Ermüdung ist der kürzeste Weg
zur Gleichheit und Brüderlichkeit - und die Freiheit wird endlich durch den Schlaf
hinzugegeben.
264
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Der Wanderer und sein Schatten
Verleumdung. - Kommt man einer eigentlich infamen Verdächtigung auf die Spur, so
suche man ihren Ursprung nie bei seinen ehrlichen und einfachen Fein- den; denn
diese würden, wenn sie so etwas über uns erfänden, als Feinde keinen Glauben
finden. Aber jene, denen wir eine Zeitlang am meisten genützt haben, welche aber,
aus irgend einem Grunde, im Geheimen sicher darüber sein dürfen, nichts mehr von
uns zu erlangen, - solche sind imstande, die Infamie ins Rollen zu bringen: sie finden
Glauben, einmal weil man annimmt, daß sie nichts erfinden würden, was ihnen selber
Schaden bringen könnte; sodann weil sie uns näher kennengelernt haben. - Zum
Troste mag sich der so schlimm verleumdete sagen: Verleumdungen sind Krankheiten
anderer, die an deinem Leibe ausbrechen; sie beweisen, daß die Gesellschaft ein
(moralischer) Körper ist, so daß du an dir die Kur vornehmen kannst, die den Anderen
nützen soll.
265
Das Kinder-Himmelreich. - Das Glück des Kindes ist ebenso sehr ein Mythus wie das
Glück der Hyperboreer, von dem die Griechen erzählten. Wenn das Glück überhaupt
auf Erden wohnt, meinten diese, dann gewiß möglichst weit von uns, etwa dort am
Rande der Erde. Ebenso denken die älteren Menschen: wenn der Mensch überhaupt
glücklich sein kann, dann gewiß möglichst fern von unserem Alter, an den Grenzen
und Anfängen des Lebens. Für manchen Menschen ist der Anblick der Kinder, durch
den Schleier dieses Mythus hindurch, das größte Glück, dessen er teilhaftig werden
kann; er geht selber bis in den Vorhof des Himmelreichs, wenn er sagt "lasset die
Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich". - Der Mythus vom Kinder-
Himmelreich ist überall irgendwie tätig, wo es in der modernen Welt etwas von
Sentimentalität gibt.
266
Die Ungeduldigen. - Gerade der Werdende will das Werdende nicht: er ist zu
ungeduldig dafür. Der Jüngling will nicht warten, bis, nach langen Studien, Leiden und
Entbehrungen, sein Gemälde von Menschen und Dingen voll werde: so nimmt er ein
anderes, das fertig dasteht und ihm angeboten wird, auf Treu und Glauben an, als
müsse es ihm die Linien und Farben seines Gemäldes vorweg geben, er wirft sich
einem Philosophen, einem Dichter ans Herz und muß nun eine lange Zeit Frondienste
tun und sich selber verleugnen. Vieles lernt er dabei: aber häufig vergißt ein Jüngling
das Lernens- und Erkenntniswerteste darüber - sich selber; er bleibt zeitlebens ein
Parteigänger. Ach, es ist viel Langeweile zu überwinden, viel Schweiß nötig, bis man
seine Farben, seinen Pinsel, seine Leinwand gefunden hat! - Und dann ist man noch
lange nicht Meister seiner Lebenskunst - aber wenigstens Herr in der eigenen
Werkstatt.
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Der Wanderer und sein Schatten
267
Es gibt keine Erzieher. - Nur von Selbst-Erziehung solle man als Denker reden. Die
Jugend-Erziehung durch andere ist entweder ein Experiment, an einem noch
Unerkannten, Unerkennbaren vollzogen, oder eine grundsätzliche Nivellierung, um das
neue Wesen, welches es auch sei, den Gewohnheiten und Sitten, welche herrschen,
gemäß zu machen: in beiden Fällen also etwas, das des Denkers unwürdig ist, das
Werk der Eltern und Lehrer, welche einer der verwegenen Ehrlichen nos ennemis
naturels genannt hat. - Eines Tages, wenn man längst, nach der Meinung der Welt,
erzogen ist, ent- deckt man sich selber: da beginnt die Aufgabe des Denkers; jetzt ist
es Zeit, ihn zu Hilfe zu rufen - nicht als einen Erzieher, sondern als einen Selbst-
Erzogenen, der Erfahrung hat.
268
Mitleiden mit der Jugend. - Es jammert uns, wenn wir hören, daß einem Jünglinge
schon die Zähne ausbrechen, einem andern die Augen erblinden. Wüßten wir alles
Unwiderrufliche und Hoffnungslose, das in seinem ganzen Wesen steckt, wie groß
würde erst der Jammer sein! - Weshalb leiden wir hierbei eigentlich? Weil die Jugend
fortführen soll, was wir unternommen haben, und jeder Ab- und Anbruch ihrer Kraft
unserem Werke, das in ihre Hände fällt, zum Schaden gereichen will. Es ist der
Jammer über die schlechte Garantie unserer Unsterblichkeit: oder wenn wir uns nur als
Vollstrecker der Menschheits-Mission fühlen, der Jammer darüber, daß diese Mission
in schwächere Hände, als die unsrigen sind, übergehen muß.
269
Die Lebensalter. - Die Vergleichung der vier Jahreszeiten mit den vier Lebensaltern ist
eine ehrwürdige Albernheit. Weder die ersten 20, noch die letzten 20 Jahre des
Lebens entsprechen einer Jahreszeit: vorausgesetzt, daß man sich bei der
Vergleichung nicht mit dem Weiß des Haares und Schnees und mit ähnlichen
Farbenspielen begnügt. Jene ersten zwanzig Jahre sind eine Vorbereitung auf das
Leben überhaupt, auf das ganze Lebensjahr, als eine Art langen Neujahrstages; und
die letzten zwanzig überschauen, verinnerlichen, bringen in Fug und Zusammenklang,
was nur alles vorher erlebt wurde: so wie man es, in kleinem Maße, an jedem
Silvestertage mit dem ganzen verflossenen Jahre tut. Zwischen inne liegt aber in der
Tat ein Zeitraum, welcher die Vergleichung mit den Jahreszeiten nahelegt der Zeitraum
vom zwanzigsten bis zum fünfzigsten Jahre (um hier einmal in Bausch und Bogen
nach Jahrzehnten zu rechnen, während es sich von selber versteht, daß jeder nach
seiner Erfahrung diese groben Ansätze für sich verfeinern muß). Jene dreimal zehn
Jahre entsprechen dreien Jahreszeiten: dem Sommer, dem Frühling und dem Herbste,
- einen Winter hat das menschliche Leben nicht, es sei denn, daß man die leider nicht
selten eingeflochtenen harten, kalten, einsamen, hoffnungsarmen, unfruchtbaren
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Der Wanderer und sein Schatten
Krankheitszeiten die Winterzeiten der Menschen nennen will. Die zwanziger Jahre:
heiß, lästig, gewitterhaft, üppig treibend, müde machend, Jahre, in denen man den Tag
am Abend, wenn er zu Ende ist, preist und sich dabei die Stirn abwischt: Jahre, in
denen die Arbeit uns hart, aber notwendig dünkt, - diese zwanziger Jahre sind der
Sommer des Lebens. Die dreißiger dagegen sind sein Frühling: die Luft bald zu warm,
bald zu kalt, immer unruhig und anreizend: quellender Saft, Blätterfülle, Blütenduft
überall: viele bezaubernde Morgen und Nächte: die Arbeit, zu der der Vogelgesang
uns weckt, eine rechte Herzens-Arbeit, eine Art Genuß der eigenen Rüstigkeit,
verstärkt durch vorgenießende Hoffnungen. Endlich die vierziger Jahre: geheimnisvoll,
wie alles Stillestehende; einer hohen weiten Berg-Ebene gleichend, an der ein frischer
Wind hinläuft; mit einem klaren, wolkenlosen Himmel darüber, welcher den Tag über
und in die Nächte hinein immer mit der gleichen Sanftmut blickt: die Zeit der Ernte und
der herzlichsten Heiterkeit - es ist der Herbst des Lebens.
270
Der Geist der Frauen in der jetzigen Gesellschaft. - Wie die Frauen jetzt über den Geist
der Männer denken, errät man daraus, daß sie bei ihrer Kunst des Schmückens an
alles eher denken, als den Geist ihrer Züge oder die geistreichen Einzelheiten ihres
Gesichts noch besonders zu unterstreichen: sie verbergen Derartiges vielmehr und
wissen sich dagegen, zum Beispiel durch eine Anordnung des Haars über der Stirn,
den Ausdruck einer lebendig begehrenden Sinnlichkeit und Ungeistigkeit zu geben,
gerade wenn sie diese Eigenschaften nur wenig besitzen. Ihre Überzeugung, daß der
Geist bei Weibern die Männer erschrecke, geht so weit, daß sie selbst die Schärfe des
geistigsten Sinnes gern verleugnen und den Ruf der Kurzsichtigkeit absichtlich auf sich
laden; dadurch glauben sie wohl die Männer zutraulicher zu machen: es ist, als ob sich
eine einladende sanfte Dämmerung um sie verbreite.
271
Groß und vergänglich. - Was den Betrachtenden zu Tränen rührt, das ist der
schwärmerische Glückes- Blick, mit dem eine schöne junge Frau ihren Gatten ansieht.
Man empfindet alle Herbst-Wehmut dabei, über die Größe sowohl, als über die
Vergänglichkeit des menschlichen Glückes.
272
Opfer-Sinn. - Manche Frau hat den intelletto del sacrifizio und wird ihres Lebens nicht
mehr froh, wenn der Gatte sie nicht opfern will: sie weiß dann mit ihrem Verstande
nicht mehr wohin? und wird unversehens aus dem Opfertier der Opferpriester selber.
273
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (83 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
Das Unweibliche. - "Dumm wie ein Mann" sagen die Frauen: "feige wie ein Weib"
sagen die Männer. Die Dummheit ist am Weibe das Unweibliche.
274
Männliches und weibliches Temperament und die Sterblichkeit. - Daß das männliche
Geschlecht ein schlechteres Temperament hat, als das weibliche, ergibt sich auch
daraus, daß die männlichen Kinder der Sterblichkeit mehr ausgesetzt sind, als die
weiblichen, offenbar weil sie leichter "aus der Haut fahren": ihre Wildheit und
Unverträglichkeit verschlimmert alle Übel leicht bis ins Tödliche.
275
Die Zeit der Zyklopen-Bauten. - Die Demokratisierung Europas ist unaufhaltsam: wer
sich dagegen stemmt, gebraucht doch eben die Mittel dazu, welche erst der
demokratische Gedanke jedermann in die Hand gab, und macht diese Mittel selber
handlicher und wirksamer: und die grundsätzlichsten Gegner der Demokratie (ich
meine die Umsturzgeister) scheinen nur deshalb da zu sein, um durch die Angst,
welche sie erregen, die verschiedenen Parteien immer schneller auf der
demokratischen Bahn vorwärts zu treiben. Nun kann es einem angesichts derer,
welche jetzt bewußt und ehrlich für diese Zukunft arbeiten, in der Tat bange werden: es
liegt etwas Ödes und Einförmiges in ihren Gesichtern, und der graue Staub scheint
auch bis in ihre Gehirne hinein geweht zu sein. Trotzdem: es ist möglich, daß die
Nachwelt über dieses unser Bangen einmal lacht und an die demokratische Arbeit
einer Reihe von Geschlechtern etwa so denkt, wie wir an den Bau von Steindämmen
und Schutzmauern - als an eine Tätigkeit, die notwendig viel Staub auf Kleider und
Gesichter breitet und unvermeidlich wohl auch die Arbeiter ein wenig blödsinnig macht;
aber wer würde deswegen solches Tun ungetan wünschen! Es scheint, daß die
Demokratisierung Europas ein Glied in der Kette jener ungeheuren prophylak- tischen
Maßregeln ist, welche der Gedanke der neuen Zeit sind und mit denen wir uns gegen
das Mittelalter abheben. Jetzt erst ist das Zeitalter der Zyklopenbauten! Endliche
Sicherheit der Fundamente, damit alle Zukunft auf ihnen ohne Gefahr bauen kann!
Unmöglichkeit fürderhin, daß die Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden
und sinnlosen Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen
Barbaren, gegen Seuchen, gegen leibliche und geistige Verknechtung! Und dies alles
zunächst wörtlich und gröblich, aber allmählich immer höher und geistiger verstanden,
so daß alle hier angedeuteten Maßregeln die geistreiche Gesamtvorbereitung des
höchsten Künstlers der Gartenkunst zu sein scheinen, der sich dann erst zu seiner
eigentlichen Aufgabe wenden kann, wenn jene vollkommen ausgeführt ist! - Freilich:
bei den weiten Zeitstrecken, welche hier zwischen Mittel und Zweck liegen, bei der
großen, übergroßen, Kraft und Geist von Jahrhunderten anspannenden Mühsal, die
schon not tut, um nur jedes einzelne Mittel zu schaffen oder herbeizuschaffen, darf
man es den Arbeitern an der Gegenwart nicht zu hart anrechnen, wenn sie laut
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (84 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
dekretieren, die Mauer und das Spalier sei schon der Zweck und das letzte Ziel; da ja
noch niemand den Gärtner und die Fruchtpflanzen sieht, um derentwillen das Spalier
da ist.
276
Das Recht des allgemeinen Stimmrechts. - Das Volk hat sich das allgemeine
Stimmrecht nicht gegeben, es hat dasselbe, überall, wo es jetzt in Geltung ist,
empfangen und vorläufig angenommen: jedenfalls hat es aber das Recht, es wieder
zurückzugeben, wenn es seinen Hoffnungen nicht genug tut. Dies scheint jetzt
allerorten der Fall zu sein: denn wenn bei irgend einer Gelegenheit, wo es gebraucht
wird, kaum Zweidrittel, ja vielleicht nicht einmal die Majorität aller Stimmberechtigten an
die Stimm-Urne kommt, so ist dies ein Votum gegen das ganze Stimmsystem
überhaupt. - Man muß hier sogar noch viel strenger urteilen. Ein Gesetz, welches
bestimmt, daß die Majorität über das Wohl aller die letzte Entscheidung habe, kann
nicht auf derselben Grundlage, welche durch dasselbe erst gegeben wird, aufgebaut
werden; es bedarf notwendig einer noch breiteren: und dies ist die Einstimmigkeit aller.
Das allgemeine Stimmrecht darf nicht nur der Ausdruck eines Majoritäten-Willens sein:
das ganze Land muß es wollen. Deshalb genügt schon der Widerspruch einer sehr
kleinen Minorität, dasselbe als untunlich wieder beiseite zu stellen: und die
Nichtbeteiligung an einer Abstimmung ist eben ein solcher Widerspruch, der das ganze
Stimmsystem zum Falle bringt. Das "absolute Veto" des einzelnen oder, um nicht ins
Kleinliche zu verfallen, das Veto weniger Tausende hängt über diesem System, als die
Konsequenz der Gerechtigkeit: bei jedem Gebrauche, den man von ihm macht, muß
es, laut der Art von Beteiligung, erst beweisen, daß es noch zu Recht besteht.
277
Das schlechte Schließen. - Wie schlecht schließt man, auf Gebieten, wo man nicht zu
Hause ist, selbst wenn man als Mann der Wissenschaft noch so sehr an das gute
Schließen gewöhnt ist! Es ist beschämend! Und nun ist klar, daß im großen
Welttreiben, in Sachen der Politik, bei allem Plötzlichen und Drängenden, wie es fast
jeder Tag heraufführt, eben dieses schlechte Schließen entscheidet: denn niemand ist
völlig in dem zu Hause, was über Nacht neu gewachsen ist; alles Politisieren, auch bei
den größten Staatsmännern, ist Improvisieren auf gut Glück.
278
Prämissen des Maschinen-Zeitalters. - Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der
Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Konklusion noch niemand zu ziehen
gewagt hat.
279
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (85 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
Ein Hemmschuh der Kultur. - Wenn wir hören: dort haben die Männer nicht Zeit zu den
produktiven Geschäften; Waffenübungen und Umzüge nehmen ihnen den Tag weg,
und die übrige Bevölkerung muß sie ernähren und kleiden, ihre Tracht aber ist
auffallend, oftmals bunt und voll Narrheiten; dort sind nur wenige unterscheidende
Eigenschaften anerkannt, die einzelnen gleichen einander mehr als anderwärts oder
werden doch als Gleiche behandelt; dort verlangt und gibt man Gehorsam ohne
Verständnis: man befiehlt, aber man hütet sich zu überzeugen; dort sind die Strafen
wenige, diese wenigen aber sind hart und gehen schnell zum Letzten, Fürchterlichsten;
dort gilt der Verrat als das größte Verbrechen, schon die Kritik der Übelstände wird nur
von den Mutigsten gewagt; dort ist ein Menschenleben wohlfeil, und der Ehrgeiz nimmt
häufig die Form an, daß er das Leben in Gefahr bringt, - wer dies alles hört, wird sofort
sagen: "es ist das Bild einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft."
Vielleicht, daß der eine hinzufügt: "es ist die Schilderung Spartas"; ein anderer wird
aber nachdenklich werden und vermeinen, es sei unser modernes Militärwesen
beschrieben, wie es inmitten unsrer andersartigen Kultur und Sozietät dasteht - als ein
lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr
schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für
die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann. - Mitunter tut
aber auch ein Hemmschuh der Kultur auf das Höchste not: wenn es nämlich zu schnell
bergab oder, wie in diesem Falle vielleicht, bergauf geht.
280
Mehr Achtung vor den Wissenden! - Bei der Konkurrenz der Arbeit und der Verkäufer
ist das Publikum zum Richter über das Handwerk gemacht: das hat aber keine strenge
Sachkenntnis und urteilt nach dem Scheine der Güte. Folglich wird die Kunst des
Scheines (und vielleicht der Geschmack) unter der Herrschaft der Konkurrenz steigen,
dagegen die Qualität aller Erzeugnisse sich verschlechtern müssen. Folglich wird,
wofern nur die Vernunft nicht im Werte fällt, irgendwann jener Konkurrenz ein Ende
gemacht werden und ein neues Prinzip den Sieg über sie davontragen. Nur der
Handwerksmeister sollte über das Handwerk urteilen, und das Publikum abhängig sein
vom Glauben an die Person des Urteilenden und an seine Ehrlichkeit. Demnach keine
anonyme Arbeit! Mindestens müßte ein Sachkenner als Bürge derselben dasein und
seinen Namen als Pfand einsetzen, wenn der Name des Urhebers fehlt oder klanglos
ist. Die Wohlfeilheit eines Werkes ist für den Laien eine andere Art Schein und Trug, da
erst die Dauerhaftigkeit entscheidet, daß und inwiefern eine Sache wohlfeil ist; jene
aber ist schwer und von dem Laien gar nicht zu beurteilen. - Also: was Effekt auf das
Auge macht und wenig kostet, das bekommt jetzt das Übergewicht, - und das wird
natürlich die Maschinenarbeit sein. Hinwiederum begünstigt die Maschine, das heißt
die Ursache der größten Schnelligkeit und Leichtigkeit der Herstellung, auch ihrerseits
die verkäuflichste Sorte: sonst ist kein erheblicher Gewinn mit ihr zu machen; sie würde
zu wenig gebraucht und zu oft stille stehen. Was aber am verkäuflichsten ist, darüber
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (86 von 87) [08.08.01 21:56:04]
Der Wanderer und sein Schatten
entscheidet das Publikum, wie gesagt: es muß das Täuschendste sein, das heißt das,
was einmal gut scheint und sodann auch wohlfeil scheint. Also auch auf dem Gebiete
der Arbeit muß unser Losungswort sein: "Mehr Achtung vor den Wissenden!"
281
Die Gefahr der Könige. - Die Demokratie hat es in der Hand, ohne alle Gewaltmittel,
nur durch einen stetig geübten gesetzmäßigen Druck, das König- und Kaisertum hohl
zu machen: bis eine Null übrig bleibt, vielleicht, wenn man will, mit der Bedeutung jeder
Null, daß sie, an sich nichts, doch an die rechte Seite gestellt, die Wirkung einer Zahl
verzehnfacht. Das Kaiser- und Königtum bliebe ein prachtvoller Zierrat an der
schlichten und zweckmäßigen Gewandung der Demokratie, das schöne Überflüssige,
welches sie sich gönnt, der Rest alles historisch ehrwürdigen Urväterzierrates, ja das
Symbol der Historie selber - und in dieser Einzigkeit etwas höchst Wirksames, wenn
es, wie gesagt, nicht für sich allein steht, sondern richtig gestellt wird. - Um der Gefahr
jener Aushöhlung vorzubeugen, halten die Könige jetzt mit den Zähnen an ihrer Würde
als Kriegsfürsten fest: dazu brauchen sie Kriege, das heißt Ausnahmezustände, in
denen jener langsame, gesetzmäßige Druck der demokratischen Gewalten pausiert.
file:///E|/Eigene%20Dateien/Dokumente%20For.../Der%20Wanderer%20und%20sein%20Schatten.htm (87 von 87) [08.08.01 21:56:04]

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